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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1864
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1864) 257.jpg
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[257]

No. 17.   1864.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. 0Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.





Der Schatten.
Erzählung von Carl August Heigel.
(Fortsetzung.)


Stephanie lag Nachmittags im weiten weißen Hauskleid auf einer Causeuse des gelben Zimmers. Aus dem lose gescheitelten Haar blickte ein blasses, leidendes Gesicht voll Angst auf die Baronin Aßperg. Diese saß Stephanien gegenüber.

„Und Sie glauben in Wahrheit an Gespenster? in allem Ernst, Josephine?“

Certainement. Wir haben auch das vor den Bürgerlichen voraus, daß es auf unsern Schlössern spukt.“

„Ich danke für dies Vorrecht.“

„Strambergs z. B. haben eine schwarzgekleidete Dame. Auf Schloß Stauff zeigt sich zuweilen ein großer Hund mit feurigen Augen. Bei meinem Vetter in Warchin gehen unsichtbare Tritte und ein leises Aechzen um Mitternacht durch einen gewissen Corridor. Hier erscheint der Hausgeist als Schatten.“

„Aber mein seliger Mann,“ sagte Stephanie, „mein Mann, der mich mit alten Familiengeschichten und wunderlichen Anekdoten leidlich quälte, erwähnte niemals eines Schloßgespenstes.“

„Vielleicht ist es ein junger Schatten und in Sie verliebt. Wie rührend: ein schmachtender Schatten allnächtlich vor der Schwelle Ihres Boudoirs! Man wird künftig von „kühlen“ Schatten gar nicht mehr reden können.“

„Ah, Josephine, erst ängstigen Sie mich, und dann behandeln Sie die Sache lächerlich.“

„Pardon, ich finde das im Gegentheil sehr tragisch … doch, Scherz bei Seite, liebe Gräfin, verlassen Sie dies alte, unheimliche Schloß so bald als möglich. Und wenn der Schatten nichts weiter bedeuten sollte, als daß er Ihre Wangen blaß wie heute färbt, fliehen Sie! In der Residenz giebt es keine Gespenster. O, und dort sehnt man sich so sehr nach Ihnen. Prinz Ferdinand fragte mich neulich so angelegentlich nach meiner schönen Freundin, so angelegentlich –“

Stephanie erröthete. „Seine Hoheit waren immer sehr gütig gegen mich.“

„O, das war mehr als die Sprache der Güte, das war –“ die Baronin unterbrach sich mit einem bedeutungsvollen Lächeln, sah Stephanie mit ihren schwarzen Augen forschend an und fuhr dann, in den Schooß blickend, fort: „Wunderbar, wie sich das trifft! Während der Prinz für meine schöne Freundin schwärmt, scheint seine Gemahlin Herrn von Montigny –“

„Montigny?“ rief Stephanie und fuhr aus ihrer bequemen Stellung auf.

„O,“ sprach die Baronin ruhig, „hören Sie das heute zum ersten Mal? Es ist allgemein bekannt, daß Ihr Cousin von jener Seite mit besonderer Auszeichnung behandelt wird.“

„Und ahnt, weiß mein Cousin –?“ fragte die Andere voll Ungeduld.

Die Baronin, ohne in die brennenden Augen ihrer Freundin aufzusehen, spielte mit einer Seidenquaste. „Ich denke, Herr von Montigny ist in der Deutung von Blicken nicht blöde. Man spricht von seiner Ernennung zum Kammerherrn …“

Stephanie stand rasch auf und durchschritt das Gemach. Der starre Blick, die zuckenden Lippen, die tiefathmende Brust verriethen den Kampf in ihrem Innern. Zuletzt siegte die Leidenschaftlichkeit des Weibes über den Stolz und die Zurückhaltung der Aristokratin. Weinend warf sie sich Josephinen in den Schooß und rief: „Ach, ich bin grenzenlos unglücklich, verrathen und verlassen!“

Jene umarmte und küßte die Schluchzende, streichelte ihr Haar und gab ihr zärtliche Namen. „Fassung, Fassung, meine Liebe!“ sagte sie. „Ich ahnte nicht den Pfeil in Ihrem Herzen. Warum auch zogen Sie mich nicht in Ihr Vertrauen? O, längst dann hätt’ ich Ihnen entdecken können, daß Edgar Sie liebt, Sie anbetet. Die Wahrheit zu gestehen, fand ich Sie bisher sehr kalt, sehr grausam gegen Edgar.“

„Ich kalt, ich grausam gegen ihn? O, wo waren Ihre Augen?“

„Im Vergleich mit ihm schienen Sie fühllos. Er konnte sein Herz nicht verleugnen. All sein Denken und Reden waren Sie, immer Sie. Aber, theure Stephanie – man muß den köstlichen Paradiesvogel halten und binden, sonst flattert er wider Willen in ein anderes Netz.“

Die schöne Frau erhob sich. „Sie haben Recht, Josephine,“ sagte sie sinnend. Dann, in ihren eignen Gedanken erglühend, fuhr sie fort: „Wer kann, wer darf mich hindern, den Mann, den ich liebe, vor der Welt mein zu nennen? Ich bin ja so jung, ich liebe das Leben, den Frohsinn. Freudlos legte ich an Heinrich’s Arm den ersten Frühling zurück. Soll ich auch die Rosenzeit vertrauern? Meinen voreiligen Schwur hat der Tod gelöst; frei bin ich vor Gott und Menschen. Und diese Freiheit geb’ ich hin, um Freude dafür einzutauschen!“

„Endlich!“ rief Josephine und zog die Freundin an ihr Herz. „Endlich denken und sprechen Sie, wie ich an Ihrer Stelle längst gesprochen und gehandelt hätte. Wie beneid’ ich Sie um Ihre Empfindung! wie lacht Ihnen die Zukunft! Und wer ist, der Ihre Wahl schmähte? Man braucht Sie und Edgar nur zu [258] sehen, um zu wissen: Sie mußten sich wählen! Er schön und liebenswürdig, ein Edelmann, und Sie – womit beginn’ ich, wann würd’ ich aufhören, Sie zu loben? Und bei allen diesen Göttergaben sind Sie so reich, daß seine Armuth nicht in Rede kommt.“

„O, was ich besitze, soll sein Eigenthum werden. Man soll ferner nicht sagen: der arme Montigny! Ich lege mein Schloß, mein Gold und mich selbst ihm zu Füßen.“ - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

So schwärmte die junge Frau, entwarf Pläne künftigen Glückes und schwelgte im Jubel ausgesprochener Liebe. Während dessen kniete Waldenburg, ein elender, hoffnungsloser Mann, vor dem Crucifix im Thurmzimmer.

„Herr! Gott!“ rief er. „Aus den Tiefen der Verzweiflung schrei’ ich nach dir. Wo ist der Zug deines Antlitzes in ihrem Antlitz? wo dein Finger in diesen Schicksalen? Was ist dein Werk, wenn jene Creaturen Gottes Werk sind! ... Vergieb, daß ich mit meinem endlichen Leid dir nahe; du bist ja der Unfaßbare, der Unendliche. Aber der Schmerz, der mich durchwühlt, ist mein höchster Schmerz; was ich besaß, war mein Himmel auf Erden; was ich verlor, mein All! Und wenn ich auch der ganzen Welt und deiner Milliarden Sterne gedenke, mein Leid und mich kann ich über dem Ungeheueren nicht vergessen. Du liebst Nichts, wenn du Einen verzweifeln lässest! … Du dort, mit dem menschlichen Angesicht, du Dornengekrönter, riefst du nicht: Mich dürstet!? Neige dich zu mir! Nur einen Tropfen deiner Menschenliebe flöße mir wieder in die lechzende Seele! Denn mein ganzes Wesen ward in Bitterkeit und Haß verwandelt ...“

Der Angstschweiß trat auf seine Stirn, er zitterte. „Mein Gebet ist vergebens,“ sagte er sich, „denn ich bin ein Frevler vor dem Ewigen. Ich habe das Geheimniß des Todes entweiht. Das Buch mit den sieben Siegeln versucht’ ich zu lesen und konnte doch nur dies entziffern: Alles eitel... Nun führe ich, am Tod und Leben rechtlos, eines Schattens Leben, der vom Baume fällt, indeß die Sonne schon unter ist ....“

„Und wenn ich jetzt vor mein Weib, unter die Menschen träte und in alle Welt ausriefe, daß ich Heinrich bin – ich gewänne mein Weib und die Welt nicht mehr. Alle würden scheu vor mir zurückweichen, Alle mich fliehen und fliehend verdammen. Ich trüge den Fluch auf der Stirn, Jedem leserlich: Meine Sünde war Selbstmord!“

Eine Nachtigall schlug im Garten. Ihre schwermuthsvollen Töne zogen wie Trösterworte in das Ohr. Schmeichelnd trug der Abendwind den Duft von Rosen in’s Zimmer, und vom blauen Himmel nieder grüßte der Liebesstern.

Langsam legte sich der Sturm in Heinrich’n Brust, und er begann zu überlegen, was ihm zunächst zu thun. Mit dem Vorsatz, Stephanie zu warnen, begab er sich dann hinab und ließ die Gräfin um eine Unterredung bitten.

Diese saß, Edgar’s Heimkehr von der Jagd erwartend, im gelben Zimmer und ließ sich von Fräulein Fanny aus einem französischen Roman vorlesen. Als Titi den Kaplan meldete, flog das Buch unter die Sophakissen, und Fanny ergriff ein reichgebundenes Gebetbuch, das als Schaustück zwischen Albums und Illustrationswerken auf dem Tisch lag. Stephanie streckte sich auf den Divan und empfing Heinrich mit leidender Miene.

„Sie entschuldigen mich, Herr Stein,“ sagte sie, „ich fühle mich sehr schwach, sehr elend. Uebrigens,“ setzte sie mit einem Blick auf Waldenburg’s blasses, gramentstelltes Gesicht hinzu, „finde ich auch Sie krank aussehend. Sind Sie nicht wohl? Ich habe keinen Arzt mehr im Schloß, denn meines Mannes Leibarzt nahm räthselhafter Weise unmittelbar nach Heinrich’s Tod seinen Abschied und lebt, wie ich höre, gegenwärtig in Amerika. Ich fürchte, er hat den theuern Todten auf dem Gewissen. Aber in Wendelstein wohnt ein trefflicher Arzt; ich werde ihn holen lassen, er mag uns Beide behandeln.“

Waldenburg lehnte die Hülfe ab; diese Blässe sei seine natürliche Farbe. „Sie denken, Sie studiren zuviel, Herr Kaplan,“

ergriff Fanny das Wort. „Es ist bereits verrathen, daß man heute am frühen Morgen Ihre Lampe brennend und Sie noch wach und in Kleidern bei den Büchern fand.“

„O, das müssen Sie nicht thun,“ versetzte Stephanie lebhaft.

„Mein Mann dachte und las auch soviel des Nachts, und das untergrub seine Gesundheit, zerstörte seine Nerven. Folgen Sie hierin nicht dem Rath Pater Angelo’s, den ich für keinen Menschen, für einen Dämon halte. Ich will heitre Wesen um mich sehen ... Doch, ach! ich predige Fröhlichkeit und bin selbst zum Sterben betrübt. Der Schatten, der furchtbare Schatten erschien auch in der vergangenen Nacht.“

„Vereinigen Sie Ihre Bitten mit den meinigen, Herr Kaplan!“ sagte Fanny. „Die gnädigste Gräfin muß in einem andern Zimmer schlafen.“

„Umsonst!“ entgegnete Stephanie, welche die Erinnerung an das Phantom jetzt wirklich traurig machte. „Er wird mir auch dahin folgen.“

„So löschen wir wenigstens die Lampe vor dem Schlafengehen und schließen die Thür Ihres Boudoirs.“

„Nein, nein,“ rief die Gräfin, „er würde in mein Gemach selbst, würde auf mein Lager fallen. Ich würde ihn fühlen die ganze Nacht, wie Eis, wie den kalten Tod auf meinem Herzen.“

„Dann bin ich rathlos, um so mehr, da er für mich durchaus nicht sichtbar sein will. Er war auch heute wieder verschwunden, als ich der Gräfin zu Hülfe eilte.“

„O,“ sagte Stephanie nachdenklich, „Niemand wird ihn sehen, Niemand an ihn glauben, außer mir. Ich aber werde ihn Nacht für Nacht schweigend kommen und gehen sehen, wie einen Arzt an’s Lager einer Hoffnungslosen. Er wird kommen und gehen, bis ich selbst in’s Reich der Schatten sinke ... Ich habe über Ihre Worte von gestern nachgedacht, Herr Stein, doch find’ ich keinen Aufschluß durch sie. All mein Denken war bisher einem sorglosen Blick in’s Blaue gleich, und die Menschen, die ich liebe, die mir werth und wichtig sind, leben noch, sind frisch und froh und nächtlichem Spukwerk fremd.“

„Leben Alle, die Sie lieben?“ fragte Heinrich leise.

„Alle. – Außer meinem Gemahl,“ setzte sie leicht erröthend hinzu. „Aber Heinrich war so sanft, so gut. Er wird mich auch im Tod nicht kränken und schrecken.“

Waldenburg senkte sein Haupt.

„Der Schatten wird wohl nicht wieder kommen,“ sprach er nach einer Pause... „Doch, gnädigste Gräfin, bevor Ihre Gäste Sie beanspruchen, bitte ich in einer Angelegenheit, die – die Angelo mir an’s Herz legte, um kurzes Gehör!“

Fanny entfernte sich auf einen Wink ihrer Herrin. Sobald sie allein waren, schwand der ruhige Ausdruck, den Heinrich in Haltung und Gesicht mühsam bewahrt hatte. Stephaniens Wort, daß er sie auch im Tode nicht kränken könne, hatte ihn tief erschüttert. In leidenschaftlicher Art sprang er auf und that einen Schritt gegen seine Gattin hin. Stephanie, von Staunen, von Furcht ergriffen, legte unwillkürlich die Hand an die Klingelschnur. Diese Bewegung gab dem Manne die Selbstbeherrschung wieder. „Ich will Sie weder kränken noch schrecken,“ sagte er bitter.

Stephanie zog langsam den ausgestreckten Arm zurück, aber ihre Augen betrachteten Heinrich mit Angst und Sorge.

„Ich werde mich kurz fassen,“ begann er. „Gott hat es gefügt, daß sich die Wege Ihres Schicksals mir klar enthüllten. Ich stehe hier als Warner, als Ihr einziger Freund. Vorher jedoch empfangen Sie mein Bekenntniß, das mich in diesem Fall nicht erröthen macht: Ich belauschte ein Gespräch zwischen Ihrem Cousin und Baron Aßperg.“

„Ich hoffe, unfreiwillig?“ erwiderte die Gräfin, deren Schrecken sich in Ungeduld und üble Laune verwandelte.

„Nein, denn es handelte sich um Ihr Wohl und Wehe, um das Glück Ihrer Zukunft... Gräfin, denken Sie wirklich Ihre Hand diesem Montigny zu reichen?“

„Mein Herr,“ fuhr Stephanie empor, „wenn Sie diese Vermuthung hegen – die ich nur gleich bestätigen will – bitte ich, mit geziemenderem Wort und Ausdruck von meinem künftigen Gatten zu sprechen.“

„Sie reichen ihm Ihre Hand?!“ rief Heinrich außer sich.

„Und warum nicht? Ist es denn unerhört, daß Wittwen sich zum zweiten Male verheirathen? O, ich weiß, Sie sind ein heiliger Mann; Sie werden mir zum Kloster rathen. Aber ich sehne mich nicht nach der Märtyrerkrone, nach dem Heiligenschein; ich will kein Engel, will ein Weib sein, das liebt und geliebt wird!“

„Verzeihung, aber ich glaubte an Treue, die über Gräber währt... durch Angelo kenne ich Sie von Ihrer Kindheit an. Unfreundlich und stürmisch war Ihr Lebensmorgen, trüb der Blick [259] in Ihre Zukunft. Da nahm sich Graf Waldenburg des armen, bedrängten Mädchens an. Er rettete Ihre Eltern vom Untergange, er erhob Sie aus Schmach und Dunkelheit zu seinem Glanz empor, er war Ihnen mehr als Bruder und Vater. Auf den Händen trug er Sie, und was sein Gattenrecht war, jeden freundlichen Blick, jedes Liebeswort von Ihnen nahm er als eine Gnade hin. O, Sie fühlten seine Zärtlichkeit nicht einmal nur gelobten Sie ihm Treue über’s Grab, Treue, ewige Treue. Und nun?! Nach einem Jahr sein Bild und Ihr Gelübde ausgelöscht in Ihrem Herzen! nach einem Jahr tanzen Sie auf seinem Grab!“

Heinrich’s Stimme besaß keine Gewalt mehr über Stephanie.

Die bittere Wahrheit in seinen Worten verwirrte ihre Sinne und erfüllte sie mit Grimm und Haß.

„Mein Herr,“ erwiderte sie, und ihre Lippen zuckten, ihre Stimme klang hart, „ich hörte Sie an, weil ich graue Haare zu achten pflege, weil - weil Indiscretion zu Ihrem Beruf gehört. Nun hören Sie mein letztes Wort! Ich fühle mich nicht an Gelübde gebunden, die man als thörichtes Kind gethan. Ich verletzte niemals die Pflichten der Gattin, solang der Graf lebte; nie werd’ ich aufhören, ihm eine dankbare Erinnerung zu bewahren; genug der Thränen weinte ich an seinem Sarge. Doch da er in das Grab sank, verlor ich einen Freund, nicht meine Welt in ihm!“

„Weh ihm!“ bebte Heinrich vernichtet.

Der Hornruf, den er am ersten Abend gehört halte, erklang wieder aus der Ferne. Bei diesem Ton fuhr Stephanie mit der Hand nach dem Herzen. Dann, zu Heinrich gewandt, fragte sie herrisch: „Und nun, was haben Sie gegen Montigny?“

„Er ist frivol, leichtsinnig, ein Spieler.“

Stephanie biß sich vor Wuth in die Lippe. „Haben Sie auch das von Pater Angelo?“

„Nein. Ich beurtheile Herrn von Montigny nach seiner eignen Rede.“

„Die Sie belauschten,“ fiel die Gräfin verächtlich ein. „Mein Cousin ist fröhlich, das nennen Sie frivol; graziös schelten Sie leichtsinnig, und was das Spiel betrifft, nun ja, ein Cavalier kann sich nicht mit gelehrtem Wust die Zeit vertreiben!“

„Don Juan war ja auch ein Cavalier, ein echter, rechter! Beneiden Sie Donna Elvira’s Geschick? Und wäre Jener nur das! Aber ein Werber, der den Reichthum seiner Geliebten berechnet, ist selbst für eine Theaterfigur zu schlecht. Wissen Sie, was der erste Schritt Herrn von Montigny’s in der unseligen Ehe sein würde? Dies ehrwürdige Schloß, die Wiege und den uralten Besitz der Waldenburgs, will er verschachern, um einige Jahre lang in Gold und Tollheit wüthen zu können! Nach dieser Spanne Zeit werden Sie dachlos, hülflos, bankerott sein an Gold und Liebe. Denn was sind Sie Montigny, was kann er Ihnen bieten, wenn Sie arm sind!“

Bei diesen Worten, die Heinrich fassungslos, hastig, grimmig bervorstieß, sprang Stephanie auf. „Genug!“ rief sie empört. „Fluch diesem Haus, das mich an die Schwäche meines Mannes selbst nach seinem Tode erinnert! Die Tortur, die ich litt, Angelo in meiner Nähe dulden zu müssen, wollen Sie fortsetzen! Eine einsame, verlassene Frau in einem melancholischen, abgeschiednen Schloß, o, die ist bald überredet, der Welt zu entsagen und das Büßerkleid zu wählen. Aber ich durchschaue Eure Pläne. Ich weiß jetzt, warum Angelo gerade Sie zu meinem Umgang erkor; Ihre Ähnlichkeit mit meinem Gatten, Ihre Stimme – ha, welche Wirkung versprach er sich davon! Aber kehren Sie zurück zu Ihrem Freund, Herr Stein, und sagen Sie ihm, daß ich am Arm Montigny’s seiner Schrecknisse lache!“ –

Im Gemach über dem gelben Zimmer wurden Schritte laut, und Montigny’s Stimme, eine Chansonnette trällernd, tönte von oben:

Il faut, sans croire
Aux sots discours,
Très-souvent boire,
Aimer toujours!

Stephaniens Aufregung glich einem Fieber, das die Gedanken wirbelnd emporjagt und überstürzt. „Aimer toujours!“ rief sie und klatschte in die Hände. „Immer, ewig lieben! – O, was sprach ich doch, Herr Stein? Ich hieß Sie gehen? Nein, Sie müssen bleiben; ich befehle Ihnen, zu bleiben. Sie sollen Zeuge dieser Gräuel sein; sollen zusehen, wenn ich über Gräber tanze. Ich befehl’ es Ihnen und entlasse Sie erst an dem Tag, an dem ich dies Schloß, von heut’ an Montigny’s Schloß, für immer verlasse!“

Die Thür öffnete sich. Montigny trat in’s Zimmer, schön, lächelnd und glühend, wie ein Gott der Freude, der Jugend.

Stephanie schritt ihm hastig entgegen. „Edgar,“ sprach sie, mit fliegender Brust. „Sie richteten gestern eine Frage an mich, die ich heute erst beantworte: Ja, ich will, ich will Ihr Weib sein.“

„Stephanie! Meine Stephanie!“ jubelte Montigny und riß sie stürmisch an sein Herz…

Heinrich that einen Schritt gegen das Paar hin und streckte den Arm aus, wie Einer, der ein letztes, entscheidendes Wort sprechen will. Der Aufruhr seiner Seele wetterleuchtete aus den Augen. Aber er sprach die Losung nicht; schlaff sank seine Rechte an der Seite nieder, sein Haupt neigte sich wie vor einem unsichtbaren Höheren, und schweigend verließ er das Gemach. Die Liebenden, Seligen achteten seiner nicht. Traulich sich umschlungen haltend, saßen sie, stammelten süße Namen und tauschten Küsse, bis der letzte Tagesschimmer schwand und sie im tiefsten Schatten ließ.


Als Heinrich sein Thurmzimmer erreicht hatte, brach er in die Kniee, streckte die Arme aus und rief: „Was noch?! Wenn mein Beginnen ein Frevel gegen Erd’ und Himmel war, so ist dies Ende eine Buße, die Erd’ und Himmel besiegt und mir ihre zehnfache Vergebung sichert! …. Mit dieser Stunde hab’ ich mir das Recht des Fluchs, das Recht zu richten erkauft. Ich will - -“

Der Gedanke erstarb auf seinen Lippen; Heinrich stürzte besinnungslos mit dem Gesicht zur Erde.

So lag er lange – starr, unbeweglich, wie todt. Der Mond ging auf, und ein Schatten ruhte dann neben dem ausgestreckten Körper. Als Waldenburg aus der Ohnmacht erwachte, war sein Kopf dumpf und schwer. Er suchte die Gedanken zu sammeln, allein sie verwirrten sich. Es erschien ihm Alles wie ein Traum.

„Ein Traum des Todesschlafs,“ sagte er. „Aller Welt bin ich todt. Aber muß Sterben Vergessen sein? Die Kräfte des Gehirns, die Sinnesverrichtungen, können sie nicht nach dem Tode fortdauern, trügerisch, traumhaft, wie sie im Leben waren?“

Er stieß ein irres Lachen aus.

„Erinnerung, das ist das rechte Wort! All’ die schmerzlichen Vorgänge waren und sind nur Metamorphosen der fortdauernden Erinnerung. Mein Sehen und Hören, mein Sprechen und Handeln sind nur die nichtigen Schöpfungen der Phantasie im Tode, indessen mein Leib stumm, blind, reglos im Sarg seine Verwandlungen feiert.“

In dieser fieberhaften Verwirrung, in der Ironie dämmernden Wahnsinns nahm Waldenburg die Gruftschlüssel und Brechwerkzeuge aus Angelo’s Lade, wo sie vom vergangenen Jahr noch unberührt lagen. Er wankte die Treppen hinab, trat in die kühle Kapelle und stieg in die Gruft.

Durch die vergitterte Mauerluke fiel ein schwacher Schein auf den Sarkophag, dessen Sammetbehang Heinrich’s Wappen und Namenszug trug.

Waldenburg blickte mit Grauen auf diesen düstern Schrein.

„Todt!“ flüsterte er. Hastig dann begann er – vom Fieber zu riesiger Kraftanstrengung, durch diese zur Klarheit des Bewußtseins getrieben – an den Schrauben, an den Nägeln, am Schloß zu arbeiten. Der Schweiß brach ihm aus, seine Hände bluteten; zuletzt stieß er den Metalldeckel ungestüm hinweg, daß dieser dröhnend auf die Steinfließen fiel, und starrte in den leeren, schmalen Raum.

„Wahr!“ schrie er auf. „Alles wahr! Nur Glück, Liebe, Treue sind Lüge! Der Fluch des Lebens bannt mich noch.“

Er schlug die Hände über das Gesicht. Dann sah er mit wildem Blick auf die Särge, die, als schwärzere Massen denn die Dunkelheit, rings um ihn sich thürmten.

„Euch Todten hier,“ rief er, „Euch, meinen Ahnen, meinen Eltern, geb’ ich, als des Maskenreigens Letzter, die Grabschrift für uns Alle: Wir täuschten und wurden getäuscht!“


„Gute Nacht, mein Lieb!“ sagte Montigny zum dritten Mal und küßte sie auf Stirn und Mund.

„Gute Nacht, du lieber, herziger Mann!“ erwiderte Stephanie.

Sie standen an der Thür des gelben Zimmers. Der Baron und Josephine waren längst in ihren Gemächern, aber das glückliche [260] Paar riß sich ungern los. Fanny lehnte schlaftrunken an einem Spiegeltisch, die Kammerjungfer ging vom Zimmer in’s Boudoir ab und zu, während Jene sich die Hände drückten, zusammen flüsterten und sich Gute Nacht sagten, nur um sich zu küssen.

„Wenn nun der Schatten wieder kommt?“ begann Montigny auf’s Neue.

„O, er kommt nicht,“ sagte Stephanie. „Er kommt heute ganz gewiß nicht. War’s ein Omen, so ist das Ereigniß eingetroffen, und war’s ein Gebilde meiner Phantasie, ein Traum, so hab’ ich heute süßere Träume.“

„Wenn aber der Schatten –“ Montigny unterbrach sich, legte den Arm um Stephanie und bat: „Verschließe Dein Boudoir und laß mich hier im gelben Zimmer wachen.“

Sie schlug ihm mit einem Kuß, aber bestimmt die Bitte ab. „Wenn Du so bedenklich davon sprichst,“ schloß sie, „erwacht meine Angst wieder.“

„Vergieb, mein Herz!“ erwiderte Edgar, „ich will ja nur auch den leisesten Schatten Dir aus dem Weg schaffen… Doch lassen wir die Todten –“ er biß sich ärgerlich auf die Zunge, „die Schatten, will ich sagen, den Schatten ruhen. Ich glaube wirklich, das frühe Zubettgehen verwirrt mich.“

„Wir wollen in der Residenz uns bessern. O, mein Leben beginnt mit dem Heute erst.“

Ein tieftöniger, nachhallender Schall durchdröhnte das Schloß, ähnlich dem Schlag auf eine Metallplatte oder Glocke.

„Was war das?“ sagte die Gräfin erschreckt.

„Eine Eisenthür krachte in’s Schloß,“ antwortete nach einigen stummen Secunden Montigny.

„Im ganzen Gebäude ist keine Eisenthür. – Der Schall kam von der Capelle her.“

„So fiel dort ein Leuchter oder Crucifix auf den Steinboden.“

„O, wie sehn’ ich mich, dies alte, unheimliche Gemäuer zu verlassen!“

„An Dir nur liegt’s, es bald zu verlassen.“

Stephanie drohte schelmisch mit dem Finger und sagte: „Davon sprechen wir morgen. Ich habe Herrn von Montigny eine sehr ernste Lehre zu geben – daß in solchem verwunschenen Schloß die Wände Ohren haben.“

„Was meinst Du damit?“

„Himmel! es geht auf Zwölf. Nun kein Wort mehr! Gute Nacht, Du schönster, geliebtester Mann! Gute Nacht!“

Sie trennten sich. Edgar begab sich nach seinem Zimmer, wo er Lafleur im Lehnstuhl eingeschlafen fand.

„Vergebung, Euer Gnaden,“ stammelte der unsanft geweckte Diener; „die Landluft macht Einen zum Murmelthier. Erst zwölf Uhr, und das ganze Haus schläft schon.“

Montigny entließ ihn und warf sich angekleidet auf den Divan.

Es erschreckte ihn ein unfaßbares Etwas in der Luft, eine unerklärliche Schwüle in seinem Innern, ein noch ungeborener Gedanke. Ja, dies Unbehagen war stärker als die Freude über Erfüllung seines höchsten Wunsches. Mit halbgeschlossenen Wimpern lag er schlaflos da. Gedanken kamen ihm und gingen, tasteten hierhin, dorthin, jeder in scheuer Furcht vor dem nächsten…

Die Schloßuhr schlug Eins, und immer noch fand Montigny nicht Schlaf. Er stand auf. Die Lampe war so gestellt, daß in Folge dieser Bewegung sein Schatten auf die Wand fiel. „Das ist’s,“ sagte er plötzlich, ergriff eine Schußwaffe und schlich leise, vorsichtig aus dem Gemach; leise, vorsichtig hinab bis vor die Thür des gelben Zimmers. Er legte das Ohr an – Alles still.

Die Nacht triefte von Mondlicht, und der Corridor war grell erleuchtet. Edgar lehnte sich mit dem Rücken an ein Fenster, das der Thür gegenüber lag. Im Zimmer, im ganzen Schloß kein Laut… Doch horch! Es raschelte in der Mauer. Neben der Thür befand sich eine flache Nische mit einer Marmorbüste. Von dort kam das Geräusch, und plötzlich sah Montigny zu seinem Entsetzen die Nische sich langsam, langsam drehen, und dann stand Heinrich ihm gegenüber. … Im ersten Augenblick stürzte Edgar wüthend auf Jenen los, wollte ihn zu Boden schmettern, aber der Blick, die Ruhe des Mannes lähmten ihn. „Mensch,“ bebte er, „gestehen Sie oder ich vergesse mich – Was wollen Sie von uns? Wer sind Sie?“

Heinrich trat aus der Nische und sah Edgar mit einem drohenden, vernichtenden Blick fest in’s Antlitz. „Ich bin nur noch der Schatten dessen, der ich war,“ antwortete er, „aber Du, Edgar von Montigny, bist mit Fleisch und Blut, mit Leib und Seele ein ganzer Schurke.“

Edgar drückte die Waffe in seiner Hand nicht ab, riß den langsam Hinwegschreitenden nicht zurück. Leichenblaß, mit starren Augen sah er ihm nach und stammelte: „Er war’s – Heinrich lebt!“

(Schluß folgt.)




Ein Tag in Shakespeare’s London.
Zur dreihundertjährigen Shakespeare-Feier.
Von Julius Rodenberg.
2. Die Breter, die die Welt bedeuten.

Der Stutzer und der Mann von gutem Ton, der zu Elisabeth’s Zeit seine Morgenpromenade in St. Paul macht, kennt bereits die Titel der Stücke, welche heut in den Theatern von London aufgeführt werden: denn unter den andern gottesfürchtigen Ankündigungen an den Wänden dieser Kathedralkirche befinden sich auch die Theaterzettel. Für die profane Menge jedoch und das Publicum im Großen werden sie an die Pfähle geschlagen, welche man hier und da in den Straßen errichtet hat, um die Pferde daranzubinden. An ihnen erblicken wir die sieben Theaterzettel der sieben Haupttheater von London: der Rose, des Schwans, des rothen Ochsen und des Vorhangs, wahrscheinlich nach einem Bilde, ferner des Globus, der Fortuna und der Hoffnung, wahrscheinlich nach einer Figur so genannt, welche an einer besonders sichtbaren Stelle dieser Gebäude als das „Zeichen“ derselben angebracht war. Die Theaterzettel damaliger Zeit enthielten nur die Namen des Stücks, des Dichters, der Truppe und ihres Patrons; aber kein Personenverzeichniß. Leider besitzen wir kein Original eines solchen Zettels mehr; jedoch geben uns die Titelblätter zu den ersten Ausgaben Shakespeare’scher Stücke vielleicht eine Idee von dem Styl, in welchem jene abgefaßt wurden. Hier ist ein Beispiel:

Ihrer Majestät Diener werden heut aufführen:
Eine sehr amüsante und ausgezeichnet erfundene Komödie,
genannt:
Syr John Falstaff und die lustigen Weiber von Windsor,
untermischt mit sonderlich abwechselnden und vergnüglichen Einfällen des
Syr Hugh, eines wälschen Ritters, des Friedensrichters Schaaf, und seines weisen Cousins,
Herrn Schmächtig, nebst den Aufschneidereien des alten Pistol und Corporals Nym
von
Wm. Shakespeare,
wie sie verschiedentlich aufgeführt worden ist von des
Sehr Ehrenwerthen, des Mylord Oberkammerherrn Dienern
sowohl vor Ihrer Majestät als anderweit.

Shakespeare’s Truppe, die vornehmste und bedeutendste jener Zeit, hatte zwei Theater: ein Wintertheater, Blackfriars genannt, und ein Sommertheater, den Globe. Das Blackfriarstheater, das älteste in London, und das erste, in welchem überhaupt je gespielt worden ist (seit dem Jahr 1576), stand in der Nähe der heutigen Blackfriarsbrücke. Genau da, wo jetzt die vier kolossalsten Schnellpressen von London arbeiten und finstere Speicherthüren unausgesetzt die bedruckten Zeitungsballen der „Times“ ausspeien, da spielte einst Shakespeare den Geist von Hamlet’s Vater. Das Blackfriarstheater war ein sogenanntes Privat-Theater, d. h. es war kleiner, als die andern, welche im Gegensatz dazu die öffentlichen Theater hießen, hatte ein vollständiges Dach, hatte Sitze

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Die Gartenlaube (1864) b 261.jpg

Die Bühne zu Shakespeare’s Zeit.

im Parterre (pit), und man spielte darin vor einem gewählteren Publicum und bei Kerzenlicht, indem man das Tageslicht künstlich ausschloß. Das Globetheater dagegen, das Sommertheater der Compagnie, war ein öffentliches; es lag schräg gegenüber, auf der andern Seite der Themse, und um es zu erreichen, mußte man daher eine der Brücken kreuzen, oder man mußte sich „ein paar Ruder“ miethen. Kutschen gab es im damaligen London nur erst ganz vereinzelt. Sie waren zugleich mit dem Tabakrauchen aufgekommen und wurden zugleich damit verspottet. Die Herren vom Hofe und die Cavaliere ritten in das Theater, begleitet von ihren irischen Pferdejungen, welche neben ihnen herliefen, und von ihren französischen Pagen, welche ihnen zu Pferde folgten. Die Mehrzahl der Zuschauer aber kam zu Wasser, in kleinen Ruderbooten. Dieses Mittel, sich von einem Punkt der Stadt an den andern zu begeben, war das beliebteste. Das damalige London, die City, lag fast ganz am Wasser und hatte weniger Brücken, als das heutige. Mehr als 40.000 Menschen lebten von ihrem Ruder und Fahrzeug und zwischen 3 und 4000 Personen ließen sich täglich allein zu den Theatern fahren, welche sämmtlich sich entweder auf dieser oder auf jener Seite des Stroms dicht am Wasser befanden.

Aber das Theater hatte auch seine Feinde. Schon haben wir unter dem Kreuz von St. Paul jenen Mann gesehen, jenen Geistlichen, den Ehrwürdigen John Stockwood, welcher vor seiner Gemeinde von Puritanern gegen diesen neuen Mißbrauch der Zeit eifert. „Ich sage Nichts,“ ruft er, „von verschiedenen andern Sünden, welche Tausende mit sich fortreißen und zuletzt in dem Strome der Eitelkeit ertränken. Aber seht auf die öffentlichen Schauspiele in London und seht auf die Menschenmenge, die ihnen zuströmt und die ihnen nachläuft. Betrachtet die prachtvollen Theatergebäude, ein beständiges Denkmal für Londons Verschwendung und Thorheit.“ Dann, nachdem der Prediger die Schrecken der Schauspielaufführungen in feurigen Worten geschildert, bringt er die Krankheit, welche fast jedes Jahr wüthete, damit in Verbindung und schließt mit der Behauptung: „Die Ursache der Pest ist die Sünde, [262] und die Ursachen der Sünden sind die Schauspiele; daher sind die Ursachen der Pest die Schauspiele.“

Der Magistrat von London, Lord-Mayor und Aldermen, nahmen dieses Argument auf. In einem sehr gelehrten Actenstück dieser Körperschaft wird versichert, daß während der Pest zu spielen Ansteckung verbreite, und daß außer der Pest zu spielen die Pest erzeuge. Es ward demgemäß angeordnet, daß die Schauspieler – mit Ausnahme derjenigen, welche in Ihrer Majestät Diensten ständen – nur dann Erlaubniß haben sollen, zu spielen, wenn „die Stadt gesund sei“, d. h. wenn während dreier Wochen nacheinander nicht mehr als 50 Leute in der Woche gestorben wären. Dann sollte am Sonntag überhaupt nicht und an den Wochentagen nicht später gespielt werden, „als daß ein Jeder von den Zuschauern in seiner Wohnung vor Sonnenuntergang oder wenigstens vor Dunkelwerden zurück sein kann.“ – Diese sehr weisen Verordnungen eines hochlöblichen Magistrats hatten keinen andern Effect, als daß die Schauspielhäuser nicht in der City, sondern an den Außenrändern derselben, meistens am Wasser gebaut wurden, und daß Ihre Majestät und Ihrer Majestät große Lords die armen verfolgten Schauspieler in ihren „Dienst“ nahmen und mit ihrer Schärpe gegen die Weisheit und Vorsicht der Väter der Stadt deckten. In dieser ihrer Eigenschaft trugen die Schauspieler jener Zeit, gleich den andern Dienstleuten derselben, die Wappen und die Farben ihrer Patrone; wer sich nun an ihnen vergriff, der bekam es mit den Lords von Ihrer Majestät Haushalt zu thun! Die Mitglieder von Shakespeare’s Truppe und Shakespeare selber trugen als „Diener Ihrer Majestät“ scharlachfarbene Mäntel mit Sammtaufschlägen.

Die Königin Elisabeth war eine große Freundin und Beschützerin des Schauspiels. Sie und ihr Hof hielten es für keine Sünde, nachdem sie am Vormittag ihren gehörigen Kirchgang gehabt, die Sonntage in einer Komödie zu beschließen, und in ihrer Sorge für das Vergnügen der niedrigern Classen ermunterte sie dieselben, ihrem Beispiele zu folgen. Damals war der Sonntag noch nicht jene Wüste von Scheinheiligkeit und Langeweile, die der heutigen Bevölkerung von London nach der Woche Last und Mühe keine andere Erholung gönnt, als die Kirche und das Ginhaus. Damals war der Sonntag der beste Tag für die Theater in London, und das Volk strömte hinein, um Shakespeare zu sehen und Shakespeare zu hören. – Die Königin für ihre Person ging zwar niemals in die Theater, aber in ihren Palästen zu Whitehall, in Richmond und in Windsor fanden beständig Vorstellungen statt, und einige von Shakespeare’s Stücken wurden zuerst vor Ihrer Majestät aufgeführt. Eine ziemlich glaubwürdige Anekdote versichert uns, daß wir „die lustigen Weiber von Windsor“ nur dem Wunsche der Königin zu verdanken hätten. Sie, die, wie alle Welt damals, eine große Bewunderung und Freundschaft hegte für Sir John Falstaff, wäre sehr neugierig gewesen, das Benehmen des „feisten Ritters“, nachdem sie ihn immer nur unter Männern, beim Becher und in der Schlacht gesehen, nun auch einmal in einem Liebesverhältniß und bei Damen kennen zu lernen. Dieses war eine Aufgabe für Shakespeare’s Humor! Man sagt, daß er nicht länger als vierzehn Tage gebraucht habe, um sie auszuführen. Und so ging, kurz vor Elisabeth’s Tode, Ende des Jahres 1602, die neue Komödie in Scene, wahrscheinlich im Schlosse von Windsor, in welchem die Königin damals vorzugsweise residirte und nach welchem auch der Dichter mit feiner Courtoisie sein Stück nannte. Eine freilich weniger glaubwürdige Anekdote fügt hinzu, die Königin habe über die Streiche der lustigen Weiber und das Mißgeschick ihres ritterlichen Galans, der unter einem Haufen schmutziger Wäsche in die Themse geworfen wird, so stark gelacht, daß sich in Folge davon ein Krampf und ein Husten einstellte, der tödtlich für sie geworden sei.

Aber noch steht die Sonne hoch und unser Schifflein schwimmt auf der Themsewoge. Dort auf dem rechten Ufer ist Bankside, in Shakespeare’s London der Sitz des Vergnügens, bunt von Wirthshausschildern und lustig von Musik. Dort ist der Bärengarten und dort sind fünf von den sieben Theatern Londons. Da, wo hinter Southwark-Bridge in unserm London ein gigantisches Heer von Schornsteinen Tag und Nacht schwarzen Qualm ausstößt, welcher die Atmosphäre verfinstert, wo ein immerwährendes Dröhnen ist von Frachtkarren und ein beständiger Geruch von Hopfen und Malz und wo an rußbedeckter Mauer ein Bret die Inschrift trägt: „Barclay’s und Perkins’s Brauhaus“ – an derselben Stelle, dreihunoert Jahre früher und unter dem blauen Himmel von Shakespeares London steht sein Theater, welches den Herkules mit der Erdkugel zum Zeichen hat und nach demselben das Globe-Theater heißt. Es ist ein sechseckiges Gebäude von Holz, fast wie ein Belagerungsthurm mit vielen Fenstern ringsum, die wie Schießscharten aussehen, mit zwei Breterhäuschen oben und einer Flaggenstange. Aus dem einen Breterhäuschen tritt jetzt, wo die Glocken von London dreiviertel drei schlagen, ein phantastisch gekleideter Mann mit einer Trompete, um das erste Signal zu geben. Von allen Theatern in der Runde schmettern die gleichen Töne, die sich in der Luft begegnen und die Schiffe, von denen der Themsespiegel bedeckt ist, und die Reiter, welche sich über die Brücken bewegen, zu größerer Eile treiben. Aber bis es drei Uhr ist, wird der Trompeter noch zweimal blasen, und dann mit dem Vollschlag und dem letzten Tusch wird die Vorstellung beginnen und an dem Flaggenstock wird ein rothseidenes Bannertuch erscheinen.

Inzwischen hat Boot um Boot am Ufer angelegt, das Gewieher und Getrappel zahlreicher Rosse ist rings um das Theater, und Alles drängt dem Eingang und der Casse zu – der junge Cavalier mit Degen und Federhut, der gravitätische Citymann, die sittig-schöne Bürgerin, der Gelehrte und der Bücherwurm von Klein-Britannien, der Raufbold aus den Schlupfwinkeln des Strandes, der Jurist vom Tempel, der Land-Gentleman, dessen Halle daheim voll ist von Falken und Dachshunden, der Lehrjunge, der Werkstatt entlaufen, und der Matrose, frisch noch vom Theer- und Seegeruch: sie Alle sind Shakespeare’s Publicum.

Die Eintrittspreise sind sehr verschieden. Die billigsten Plätze, damals wie jetzt, sind auf der Gallerie: sie kosten nach unserm Geld etwa einen Silbergroschen. Die eigentliche Masse des Publicums drückt sich im Parterre zusammen, welches im Globe wie in den übrigen öffentlichen Theatern der „Hof“ (yard) heißt. Der „Hof“ hat kein Dach und keine Sitzplätze: hier herrscht unbegrenzte Freiheit. Regen und Sonnenschein kommen nach Belieben, und für zwei Silbergroschen hat jeder britische Unterthan die Befugniß, hier zu sehen, zu drängen und sich drängen zu lassen, Aepfel zu essen, Nüsse zu knacken, Bier zu trinken, Karte zu spielen und das Schauspiel auszuzischen. In dieser Beziehung, wenn auch in keiner andern, standen die „Gründlinge“ in großem Ansehen: ihr Beifallsklatschen entschied über den Erfolg der Stücke. Aber sonst galten sie weder für respectabel, noch für kritisch zurechnungsfähig, und der eigentlich gebildete Theaterbesucher nahm sich wohl in Acht, unter sie zu gerathen. Für etwa 10–20 Silbergroschen nahm er seinen Sitz in einem von den „Zimmern“, wie die Logen in Shakespeare’s Theater hießen. Zuweilen miethete er sein „Zimmer“ für die ganze Saison und hatte den Schlüssel in seiner eigenen Tasche.

An Taschendieben war auch in den damaligen Schauspielhäusern kein Mangel; aber die Art ihrer Bestrafung war originell: wenn man sie auf frischer That ergriff, so wurden sie ohne Weiteres auf die Bühne gebracht und an einen Pfahl gebunden, und dort boten sie sowohl dem Spotte als den Nußschalen der „Gründlinge“ ein würdiges Ziel. Ueberhaupt war damals die Bühne weit mehr als in unsern Tagen für das Mitspiel des Publicums berechnet. Sie war nur zum kleinsten Theil für die Schauspieler bestimmt; mehr als die Hälfte diente den Dandies, den Schöngeistern und den Männern von Fach und Bildung zur Schaustellung ihrer eigenen Person oder ihrer weißen Hand oder ihrer seidenen Mantel. Für ein kleines Trinkgeld hatten sie hier ihren dreibeinigen Stuhl oder sie warfen sich, so lang sie waren, auf den mit Binsen bestreuten Boden. Der vollendete Stutzer erschien niemals, bevor die Trompete zum dritten Male geblasen, dann, wie ein Zeitgenosse beschreibt, „schritt er sogleich zu dem Thron der Bühne, ich meine nicht in die Herren-Zimmer (die Logen), welche Nichts mehr sind, als die Vorstädte der Bühne, sondern direct auf die Binsen, auf welchen die Komödie spielen soll.“ Die Zeichen des Beifalls und des Mißfallens waren in Shakespeare’s Theater wie in den unsern. Das erste Beispiel des Hervorrufs freilich sollte erst mehr als hundert Jahre später und Einem begegnen, der es sich herausnahm, Shakespeare mit einem „betrunkenen Wilden“ zu vergleichen, nämlich dem „Herrn von Voltaire“ bei der ersten Ausführung seiner „Merope“ im Jahre 1743.

In Shakespeare’s Theater gab es weder einen Hervorruf, noch eine Kritik, der unmittelbare Beifall entschied Alles. Zwar hatten die Modeherren, welche auf der Bühne saßen, ihre Notizbücher, [263] „Tafeln“ genannt, in welche sie während der Vorstellung eifrig nachschrieben, aber nur die Witze, die ihnen am besten gefielen, um sie hernach bei Hof und in der Taverne nachzuerzählen, oder gelegentlich in das Gespräch zu mischen. Solch’ ein Buch bei sich zu haben und mit dem Beginn des Schauspiels hervorzuziehen, galt für ein Zeichen literarischer Bildung und guten Geschmacks. Außerdem hatte der galante Mann jener Zeit sein Spiel Karten, seine Pfeife und seine drei Sorten Tabak bei sich, von denen „der wirkliche Trinidado“ am meisten geschätzt wurde. Sich die Pfeife zu stopfen, war das Erste, was der Cavalier that, nachdem er seinen dreibeinigen Stuhl auf der Bühne eingenommen; dann zündete er sie an, wobei er die brennende Lunte auf der Spitze seines Degens umherreichte oder von seinem Nachbar sich ausbat. Das Rauchen war damals eine vollkommene Kunst; man nahm Unterricht im Rauchen, wie man heute Unterricht im Tanzen nimmt, man hatte die verschiedensten Manieren, um den Dampf zu „nehmen“ und wieder auszublasen, nämlich den „Whiff“ und den „Sniff“ und den „Euripus“, und für den besten Ort, um zu zeigen, was man bei seinem Professor gelernt, hielt man die Bühne.

Dies also war Shakespeare’s Theater, von dem die nach authentischen Vorlagen aus jener Zeit entworfene Abbildung eine deutliche Vorstellung giebt; eine Bühne, 53 Fuß breit und 271/2 Fuß tief; ein Raum von 121/2 Fuß Breite rings um den Rest des Gebäudes für Logen, Galerien, Garderobe und Gänge, so daß der eingeschlossene „Hof“ etwas wie 55 Fuß zu 40 maß, die Wände von Holz und Tünche gegen 32 Fuß hoch – Alles voll von rauchenden, lärmenden, trinkenden, essenden, liegenden, sitzenden und stehenden Menschen und über ihnen des Himmels Dach, blau und sonnig heute, trüb und regnerisch morgen.

Nur die Bühne war gegen den Wechsel der Witterung durch ein Strohdach geschützt, und der Raum auf derselben, wo gespielt werden sollte, von demjenigen Raum, welchen die Stutzer und Schöngeister einnahmen, durch eine Gardine von gewirktem Stoff getrennt. Sie hing, wie jede andere Gardine, in Ringen an einer Stange und ward in der Mitte nach beiden Seiten auseinandergezogen. –

Jetzt schlägt es drei, und der dritte Trompetentusch erschallt von oben. Sogleich bewegt und theilt sich der Vorhang. Der Prolog tritt auf: in einem schwarzen Mantel und ein Lorbeerreis um die Stirn geschlungen. Er liest seinen poetischen Gruß an die Zuhörer, mit dem er sie gleichsam bewillkommt und zu dem Schauspiel vorbereitet, von einem Blatt ab, welches er in der Hand hält. Sobald er geendet hat und abgetreten ist, beginnt das Spiel. Nach dem Ende desselben erscheint der Epilog, gewöhnlich (in Shakespeare’s Stücken fast regelmäßig) eine von den Personen des Drama’s, welche die Zuschauer einlädt, mit dem Beifall nicht zu kargen. „Nun gute Nacht,“ sagt der Epilog des „Sommernachtstraums“,

– Das Spiel zu enden,
Begrüßt uns mit gewognen Händen!

Nach dem Epilog kam der „Jig“ ein Quodlibet von Rede, Gesang und Tanz, zugleich Couplet und Ballet, voll von Anspielungen auf Ereignisse und Persönlichkeiten des Tages, ausgeführt von den „Clowns“ der Gesellschaft und begleitet von Musik. Der Schluß der ganzen Vorstellung wurde damit gemacht, daß alle Mitglieder der Truppe noch einmal erschienen, vorn am Rand der Bühne niederknieten und ein Gebet für die Königin sprachen – eine Sitte, die sich im heutigen England erhalten hat, wo man kein Schauspiel, keine Oper und kein Concert verläßt, ohne daß vorher die Nationalhymne angestimmt würde.

Wie aber sah es nun auf Shakespeare’s Bühne während der Vorstellung aus? Sehr primitiv, die Leser können sich darauf verlassen! Da war keine Decoration und keine Scenerie, da war Nichts als ein großes Bret im Hintergrund, mit der Inschrift: „France“, wenn die Scene in Frankreich lag, oder „Venetia“ und „Verona“, wenn der Dichter uns in das Land versetzen will, wo Othello sein Weib aus Eifersucht erwürgt, wo Romeo und Julia geliebt haben und gestorben sind um ihrer Liebe willen. So rasch wie dieses Bret gewechselt wird, wechselt auch der Schauplatz: Puck selber kann nicht schneller fliegen; in einem Act sind wir zuweilen an sechs verschiedenen Ecken und Enden der Welt, und Alles durch ein Bret! Dieses daher, in Shakespeare’s Sinne, sind „die Breter, die die Welt bedeuten.“ – Wie in jedem guten Hause damaliger Zeit ist auch der Boden der Bühne mit Binsen bestreut, die Wände sind mit Teppichen behängt, ein Balcon ist da und mehrere Vorhänge im Hintergrund. Der Balcon ist für die Belagerungen, wenn die Bürger „auf den Mauern“, oder die Soldaten „auf den Thürmen“ erscheinen; die Vorhänge, „Traversen“ genannt, sind für die Herstellung eines zweiten Zimmers auf der Bühne, wo es erfordert wird, oder wo, wie in „Hamlet“, ein Spiel im Spiele vorkommt. Man half sich in Allem so gut es anging. In einem Stücke soll ein muselmännischer Held begraben werden; das Einzige, was der Dichter thut, um der Einbildungskraft des Zuschauers zu Hülfe zu kommen, ist die Notiz: „Man stelle sich den Tempel Mahomet’s vor.“ In einem andern Stücke soll ein Bauer seinen Nachbarn einladen; um die Zuschauer zu unterrichten, daß die Einladung angenommen sei und daß die Beiden in die Hütte treten, lautet die Bühnennotiz: „Hier bellt ein Hund,“ und der scenische Effect ward dem Schauspieler überlassen, welcher am besten bellen konnte. Zuweilen war auch nicht einmal so viel gethan, um das Publicum über das Wo? und Wie? der Handlung zu unterrichten. Aber doch war das Shakespeare-Theater nicht ganz ohne Vorrichtungen für eine bescheidene Art der Effecte. Es hatte z. B. Fallthüren, welche die Stelle unserer Versenkungen einnahmen. Der Hexenkessel in „Macbeth“ versank durch eine solche Fallthür. In einem andern Stücke heißt es: „Die Magier schlagen mit ihren Stäben auf den Grund und von unten herauf kommt ein braver Baum.“ Es gab auch Mittel, die Figuren nach oben entschweben zu lassen; aber diese waren von einer etwas derberen Substanz, als die unsichtbaren Drähte unserer Zauberstücke. So heißt es in einem Stücke jener Zeit: „Venus geht ab; oder, wenn man es einrichten kann, lasse man von oben eine Kette herab und ziehe sie herauf.“ –

Von Shakespeare’s Theatern stand das in Blackfriars eine lange Zeit, bis es vor Altersschwäche in sich zusammenstürzte; aber der Globe hatte nur ein kurzes Leben. An einem Abend, im Jahre 1613, als Shakespeare’s „Heinrich VIII.“ aufgeführt ward, fiel ein brennender Spahn auf die ausnahmsweise mit einer Strohmatte bedeckte Bühne. Die Flammen griffen reißend um sich in dem hölzernen Gebäude, und es war bald zu Asche verbrannt.

Drei Jahre darauf starb auch Shakespeare; die Asche des Globe-Theaters sollte symbolisch werden für das Schicksal seiner Dichtungen. Denn nun kam der Tag, welchen der Puritaner am Kreuz von St. Paul vorhergesagt – Carl I. ward enthauptet und Cromwell’s eisernes Regiment begann. „Jene Flaggen des Trotzes gegen Gott“, welche von den Theatern geweht hatten, wurden eingezogen; „jene Trompeten, die geblasen worden waren, um die Leute zur Sünde zu rufen“, verstummten. Ein langer Bußtag wurde verkündet, und England saß in Sack und Asche. Die Schauspieler wanderten aus und die Theater wurden geschlossen.

Als diese in dem tollen und kurzen Fasching der letzten Stuarts wieder geöffnet wurden, da waren es andere Theater – Theater, die Shakespeare nicht mehr kannten. Lustige Tänzer und Musikanten aus Italien, schöne Schauspielerinnen und bunte Decorationen aus Frankreich kamen mit dem zweiten Carl aus der Verbannung; aber Shakespeare war vergessen.

Und er blieb es, wohl an die hundert Jahr, bis unser Lessing kam und ihn der Welt zurückgab, bis Schiller und Goethe kamen, die ihn den Unseren nannten, und Schlegel und Tieck, die ihn zu dem Unseren machten. Und so, als den Unsern, wollen wir ihn feiern, dankbar dem Lande, das ihn uns gegeben, aber vor Allen auch denen, die ihn aus hundertjähriger Vergessenheit wieder emporgehoben und dem Gold seiner Dichtung die Zeichen deutscher Arbeit, deutschen Ernstes und deutscher Geisteskeuschheit aufgeprägt haben!




Aerztliche Winke für Badegäste.
Zur Beherzigung für die herannahende Curzeit.

Das Frühjahr kommt, und wieder werden Tausende von Menschen, wie alljährlich, in die verschiedensten Bäder wandern, um die Heilung ihrer Leiden zu suchen, welche sie in der Heimath nicht fanden. Viele der armen Kranken kehren mit getäuschter Erwartung zurück, die Einen, weil sie mit falschen Hoffnungen hingingen, die Anderen, weil sie die Cur nicht zu brauchen verstanden. Das Letztere [264] mag auffällig scheinen; denn Jeder meint, bei der großen Zahl von Badeschriften, Badeführern und Badediätetiken sei es leicht sich zu belehren. Diese Belehrung ist gewiß sehr nothwendig und nützlich – nichtsdestoweniger aber ungenügend, und es läuft der Kranke noch Gefahren, welche in jenen Büchern nicht beschrieben stehen. Es sind dies die Gefahren, die dem Kranken durch mangelhafte technische Einrichtungen an den Badeorten, schlendrianmäßiges Baden und lässige Badeverwaltungen drohen.

Dem jüngeren Curgaste bleiben derlei Mißstände gewöhnlich verborgen, der Badeveteran hat ihre Kenntniß oft mit Opfern an Gesundheit und Geld erkauft. Wir wollen jetzt einmal auf Grund eigner vielfältiger Anschauung und Prüfung versuchen, diese Gefahren kurz darzulegen. Viele lassen sich hier nur andeuten, die wenigsten so vollständig besprechen, wie es nothwendig wäre – wir hoffen aber dennoch Diesem und Jenem ein nützlicher Wegweiser werden zu können.

Wir beginnen mit den Gefahren, welche für die Kranken aus mangelhaften technischen Einrichtungen in den Bädern entstehen. So glänzend die meisten Beschreibungen und Berichte klingen, welche die Badeverwaltungen über die letzte „Saison“ und die neuen verbesserten Einrichtungen veröffentlichen, so selten sieht der aufmerksamere Beobachter seine gerechten Erwartungen erfüllt. Welchen zahlreichen augenfälligen Mängeln begegnen wir selbst noch in den ersten Badeorten Europas! Da finden wir in gar vielen noch alte Badehäuser mit halbunterirdischen Badezimmern, in welche Luft und Licht nur spärlich dringen, wo beständig eine naßkalte, modrige Atmosphäre lagert und das Mauerwerk nie austrocknet. Gewöhnlich fehlt es da an jedem Comfort, ja der Kranke entbehrt des nothwendigsten Schutzes – es giebt keine geheizten Wartezimmer, keinen Abschluß vor Zugwinden. Vielfältig finden sich auch noch zu kurze, zu schmale oder zu hohe Badewannen; das Material derselben ist häufig durchlässig oder kältet; die Stufen bei eingelassenen Wannen sind schlüpfrig; die Wasserhähne laufen. Sehr zu rügen ist, daß man an einzelnen Badeorten das heiße Wasser noch ohne Ansatzrohr einströmen läßt, wodurch sich das ganze Cabinet mit beklemmenden Wasserdämpfen füllt, für deren Abzug selten Fürsorge getroffen ist. Dabei ist die Zahl der Badecabinete, zumal in den besuchtesten Badeorten, noch so unzureichend, daß die Kranken während des größten Theiles der Saison genöthigt sind zu den unpassendsten Stunden zu baden, ja häufig die zugemessene Badezeit über Gebühr eingeschränkt werden muß. Nur selten findet sich die nöthige Badebedienung, sodaß es deshalb für dieselbe gradezu unmöglich wird, die Bäder mit dem Zeitaufwand und der Umsicht zu bereiten, welche die Herstellung eines Bades von vorschriftsmäßiger Mischung und Temperatur erfordert.

Die Nachtheile, welche den Kranken schon hieraus erwachsen, sind naheliegend. Was nützen die sorgfältigsten ärztlichen Vorschriften gegenüber solchen Mängeln? Lassen sich bei einiger Umsicht auch dieser und jener überwinden, so ist es unmöglich alle zu vermeiden. Dein Arzt hat Dir z. B. gesagt, Du sollst Deine Sool- oder Stahlbäder allmählich kühler nehmen und bei den kühleren Bädern Dich mehr bewegen. Du bist so vorsichtig selbst Dein Bad mit nachzumessen und erreichst wirklich eine allmähliche Abstufung der Temperatur, wie wird es Dir aber möglich sein, Dich in einer kurzen und schmalen Wanne zu bewegen? – Noch drohen andere Gefahren, welche ihren Grund in der Unwissenheit des Badepersonales, der mangelhaften ärztlichen Instructiou und Ueberwachung desselben haben. So pflegte in einem weltberühmten Soolbade die Bademeisterin ohne specielle ärztliche Vorschrift dem Bade an jedem dritten Tage fünf Maß Soole mehr zuzusetzen, so daß der Kranke binnen Kurzem mit einem Zusatze von dreißig Maß Soole und mehr badete. Nun regen bekanntlich starke und warme Soolbäder sehr auf, und so bleibt dem Kranken sein verändertes Befinden gänzlich unerklärt, wenn er nicht vielleicht zufällig den Grund erfährt. Es ist das ein Stück des Badeschlendrians, welcher das ärgste Gift des Curlebens ist und welchem kein Badegast ganz entfliehen kann. Zu allen Bädern herrscht ein gewisser Badestyl, die Bäder werden nach einer gewissen Regel verstärkt, man verlängert seinen Aufenthalt in denselben stylmäßig, man badet gewissenhaft die Zahl der achtundzwanzig Bäder ab. Das klingt recht vernünftig und doch hat es seine großen Gefahren. Der Schlendrian ist der geborne Feind jeder Beobachtung, jeder Rücksicht auf eine Verschiedenheit der Individualität und des Krankheitscharaktcrs. Es ist ein arger Irrthum vieler Kranker, daß sie blind diesem Herkommen folgen. Die Badeweise hat sich dem Krankheitscharakter unserer Zeit anzupassen, nicht umgekehrt.

Kommen wir jetzt zu einem andern Uebelstande, wir meinen die Unsitte der sogenannten Hausbäder, welche sich noch in den bedeutendsten Bädern findet. Man verabreicht Bäder in der Mehrzahl der Privatwohnungen, theilweise eine natürliche Folge der mangelhaften Einrichtung der öffentlichen Badeanstalten. Solche Bäder entziehen sich jeder ärztlichen Controle und bieten keinerlei Gewähr einer richtigen Bereitung, abgesehen von der gewöhnlichen Mangelhaftigkeit der dazu verwendeten Locale.

Die Einrichtung der Dampfbadeanstalten ist gleichfalls an vielen Orten höchst primitiv.

Von größter Wichtigkeit in der neuen Badetherapie sind die Einathmungen. Ein so vorzügliches Heilmittel diese in zahlreichen Krankheitsfällen sind, so finden sich hinsichtlich solcher Inhalationen die widersinnigsten Einrichtungen und drohen den Kranken die größten Gefahren. Beginnen wir mit den Einathmungen in den sogenannten Dunstbädern. Ein derartiges Dunstbad sahen wir an einem sehr besuchten Soolbade aus einem kleinem Cabinet bestehen, in welches die Sooldünste – hauptsächlich Wasserdämpfe mit Beimengung von Salzsäure, Brom (?) und Salmiakdämpfen – aus einem hölzernen Schlot, durch welchen sie vom Sudhause herbeigeleitet wurden, einströmten. Die Temperatur der einströmenden Dünste betrug bei unserer Messung + 35° R. An diesen Schloten, welche mit einer Art Mundstück versehen sind, athmen die Kranken ein. Man kann aber nicht genug besonders Brustkranke vor solchen gefährlichen Versuchen warnen: die unausbleiblichen Folgen sind heftiger Blutzudrang zu den Lungen und dem Gehirn. Auch die Promenaden in den Salzdörrsälen der Sudhäuser erheischen große Vorsicht. Man folgt gewöhnlich dem Arbeiter, welcher das Salz auf der Dörre umrührt, um den sich hierbei entwickelnden durch die Zersetzung der Chlormagnesia stark chlorhaltigen Salzdunst einzuathmen. Wir fanden die Temperatur dieses Dunstes + 32° R. Wenn man nun bedenkt, daß die Kranken hier in der gewöhnlichen Bekleidung umherwandeln, die Temperatur an diesen Dörren bei heißen Tagen oft auf 40° R. steigt, so ist es leicht erklärlich, wenn Patienten bei diesen Promenaden von Lungenblutungen befallen wurden, wie uns mehrfach versichert ward. Diese Einathmungen, denen eine wichtige Einwirkung auf den Organismus nicht abzusprechen ist, wären nur dann zu gestatten, sobald die betreffenden Badedirectionen dafür Sorge trügen, daß die Kranken, gleich den Salinenarbeitern, auf das Leichteste bekleidet, daß also bestimmte Stunden für Herren und Damen angeordnet wären, daß durch eine Ventilalionsvorrichtung die Temperatur dieser Räume nach Bedürfniß ermäßigt werden könnte und daß endlich durch zweckmäßig angelegte Wartezimmer für einen allmählichen Uebergang der äußeren und inneren Temperaturverhältnisse gesorgt und der Comfort der Kranken durch Aufstellung von Stühlen und Sophas in den Sudräumen berücksichtigt wäre.

In neuester Zeit fängt man vielfach an, nach dem Muster der Inhalationssäle in den Pyrenäenbädern (zuerst 1856 in Pierrefonds) Säle für Einathmung zerstäubter Mineralwässer einzurichten. Diese Methode ist jedenfalls viel richtiger, weil hierbei keine Zersetzung der Mineralwasserbestandtheile stattfindet. Auch dies erfordert jedoch Vorsicht und eine gewisse Kunst. Während die Kranken bei den meisten Dunsteinathmungen die Gefahr laufen, sich durch eine zu hohe Temperatur des eingeathmeten Dunstes zu schaden, fällt man hier gewöhnlich in den entgegengesetzten Fehler, zu kalt einzuathmen. Letzteres ist ebenso schädlich, als Ersteres, indem es die Schleimhaut der Respirationsorgane reizt und den Katarrh vermehrt, welchen es beseitigen soll. Das haben alle Brustkranken, besonders Tuberculöse, zu beherzigen! Es ist unglaublich, mit welchem Leichtsinn oft Kranke hierin verfahren. Man sieht sie sich nach einem Spaziergang erhitzt vor den Inhalationsapparat stellen, halb einathmen, halb schwatzen u. s. w. Wir geben deshalb auf Grund einer vielfachen Erfahrung die wichtigsten praktischen Regeln[1]: Der Kranke, welcher Einathmungen mit Nutzen gebrauchen will, prüfe sein Befinden jedesmal vorher sorgfältig. Körperliche, geistige oder gemüthliche Aufregungen dürfen nicht vorhergegangen sein, der Organismus muß sich in dem Zustande der möglichsten Ruhe befinden. Keine engen Kleidungsstücke, insbesondere keine [265] Halsbinden und Corsets, dürfen den Blutkreislauf hemmen, während die Kleidung im Allgemeinen der Temperatur entsprechen muß. Der Kranke setze sich bequem vor den Einathmungsapparat, er darf weder den Hals strecken müssen, noch darf seine ganze Stellung ihn leicht ermüden. Ist nun der Kranke in keiner Weise aufgeregt, erhitzt oder beengt, so beginne er einzuathmen und achte zunächst auf das Gefühl, welches der eingeathmete Wasserstaub erregt. Der Eindruck dieses Staubes darf weder vorwiegend warm noch kühl sein, derselbe muß angenehm berühren, dann hat er die richtige Temperatur. Um den Staub wirklich in die Luftwege einzuführen, öffne der Kranke den Mund so weit als möglich und halte sich die platt herausgestreckte Zunge mit seinem Taschentuchs fest. Dann athme er langsam und tief ein und ebenso aus, nach einigen Athemzügen pausire er, um dann in derselben Weise fortzufahren. Kein Kranker athme anfangs länger als zehn Minuten ein und nur zweimal des Tages; bei längerer Gewöhnung darf er täglich drei bis viermal je zehn Minuten einathmen. In einer Sitzung länger als zehn bis höchstens fünfzehn Minuten einzuathmen, ist durchaus nicht räthlich, wir sahen davon nur Nachtheil. Während des Einathmens hat sich der Kranke alles Sprechens streng zu enthalten und nach beendigter Sitzung jede Verkühlung zu meiden. Dieselben Grundsätze gelten auch bei dem Gebrauch der jetzt viel verbreiteten tragbaren Arzneimittelzerstäuber, der sogenannten Pulverisateurs.

An die Einathmungen zerstäubter Wässer schließen sich die Einathmungen von Gasarten, besonders Kohlensäure, Stickstoff und Schwefelwasserstoff. Sobald diese Gasarten nicht als besondere Gasquellen der Erde entströmen und sich sofort in eigene Cabinete leiten und zu Gasbädern und Gasdouchen verwenden lassen, erfolgt die Entbindung derselben aus den Mineralquellen am zweckmäßigsten auf dem Wege der mechanischen Zerstäubung der Mineralwässer. Es kann nun das entbundene Gas für sich als sogenanntes trockenes Gas oder mit beigemengtem Wasserstaub als feuchtes Gas eingeathmet werden. Beides geschieht vielfach. Die Einathmungen des trockenen Gases in den sogenannten Gascabineten scheinen uns am wenigsten wirksam. Das Gas hat sich schon mit atmosphärischer Luft verdünnt, ehe es ausströmt. Die Hauptsache ist das Gas im Augenblicke seines Entstehens einzuathmen. Diesen Zweck erfüllt am vollkommensten der Apparat des Dr. Spengler in Ems, wovon sich Jeder leicht überzeugen kann und was zur Nachachtung hier bemerkt sei. Einathmungen von feuchtem Gas erfolgen jetzt am besten mittels der neueren Zerstäubungsapparate, und es gelten hierfür die obigen Vorsichtsmaßregeln. Gröbere Zerstäubungsvorrichtungen finden sich noch in verschiedenen deutschen Schwefelbädern, sie beruhen im Wesentlichen auf demselben Principe, wie die neueren Apparate. Nicht genug erinnern können wir, daß man diese Inhalationssäle mit Doppelthüren und Doppelfenstern und geschlossenen Vorzimmern versehe. Es ist besser, es hat ein Badeort keinen Inhalationssaal, als einen schlechten.

Noch ist endlich hier der Einathmungen an den Gradirhäusern zu gedenken. Dieselben sind oft so frei und zugig gelegen, daß deren Besuch nur an sehr schönen und windstillen Tagen gerathen ist. Häufig fehlen noch an denselben Ruhesitze für die Kranken.

Auch die Trinkeinrichtungen bieten Uebelstände. In vielen Bädern ist die Schöpfmethode mangelhaft und unappetitlich – wir empfehlen die Einführung des Hebeapparates am Kreuz- und am Ferdinandsbrunnen in Marienbad; – die Schenkmädchen sind nicht sauber genug gekleidet; die Spülung der Gläser ist besonders bei großem Zudrang an den Quellen mangelhaft, das Bechermaß ungleich. Zugfreie, gutgedeckte Trinkcolonnaden fehlen noch an vielen Orten.

Die Kräutersäfte sollten nur von den Apothekern bereitet werden, da nur dann einige Gewähr dafür geleistet ist, daß die richtigen Kräuter gesammelt und in zweckmäßiger Weise ausgepreßt werden.

In der Molkenbereitung ist die Zulassung der Concurrenz nicht statthaft, es ist Sache der Badeverwaltung, für die gute Bereitung derselben unter ärztlicher Controle Sorge zu tragen.

Wir schließen hiermit – der Gegenstand ist zu umfassend, als daß wir hier mehr als Bruchstücke geben können. Absichtlich haben wir keinen Ort, in welchem sich die besprochenen Mängel finden, genannt; wir wollen Niemand verletzen und Niemand gegen dieses oder jenes Bad einnehmen. Wer sich getroffen fühlt, möge dahin wirken, daß mangelhafte Einrichtungen den Anforderungen der Wissenschaft und den Bedürfnissen der Kranken gemäß umgestaltet werden! Diese Fortschritte werden sich nur dann sicher erzielen lassen, wenn die Badeverwaltungen der Stimme der Aerzte den entscheidenden Einfluß gestatten, welcher denselben in diesem Punkte gebührt, und wenn das Publicum selbst, als leidender und zahlender Theil, seine gerechten Forderungen dabei geltend macht.

G. Seifert. 




Bilder von der deutschen Landstraße.
1. Der Fuhrmann von dazumal.
„Kein Kaiser und kein König kann ohne Fuhrmann sein.“ – Der Kärrner, der „Stiefelknecht“ und der große Frachtwagen. – Die Krähwinkler Kärrner mit der höchsten Leiter. – Der Wirth in Lutterberg und seine Hemmschuhe. – Die Lüneburger Hengste. – Der weiße Kittel und die Ausrüstung des Kärrners; der „stinkende Balsam“ und die Salzunger Tropfen. – Die Geleitsreiter und das Geleitsgeld. – Des Kärrnern „getreuer Gefährte und Helfer“, ein Fuhrmanns-Vademecum und Fuhrmanns-Bädeker. – Die kirchliche Fürbitte für den ausfahrenden Kärrner. – Fuhrmannsglaube. – Das Ceremoniel des Kärrnerritterschlags in Nürnberg.

Wir stehen auf dem Perron eines Bahnhofes, in welchen mehrere Eisenbahnen ihre Schienenstränge einmünden; eben brausen von verschiedenen Seiten drei mächtige Güterzüge heran. Welch’ eine Masse von Frachtgütern ist hier in wenigen Augenblicken zusammengebracht! Der Fall ist denkbar, daß jeder Wagen durchschnittlich mit 80 Centnern beladen ist. Nehmen wir jeden der eben angekommenen Züge zu 36 Wagen an, so ergiebt dies die Summe von 8.640 Centnern. Um diese Lasten selbst auf ebener Chaussee fortzuschaffen, würden dennoch 108 vierspännige Frachtwagen mit 432 Pferden von mittlerer Zugkraft nothwendig sein. Billige Tarifsätze gestatten, auch solche Dinge auf den Eisenbahnen zu befördern, an deren Versandt „per Achse“ früher nicht zu denken war. Neben der Wohlfeilheit der Frachtsätze ward aber die große Geschwindigkeit, mit welcher der Schienenweg Güter transportirt, Ursache, daß das Fuhrmannswesen, welches früher die Stelle der Eisenbahn als Verkehrsmittel vertrat, nach und nach zum Erliegen kam und in unseren Tagen geradezu als der Vergangenheit angehörig betrachtet werden muß. Wir meinen hier natürlich das große Frachtfuhrwesen, wie sich dasselbe auf den alten Handelsstraßen Deutschlands bewegte, scheiden also das sogenannte Botenfuhrwerk, welches gleichsam als Binnenvehikel den Güterverkehr zwischen nicht allzu entfernten Orten in regelmäßigen Zwischenräumen vermittelte und zum Theil noch vermittelt, selbstverständlich aus, wie ja auch der frühere Fuhrherr, selbst wenn er sich von dem sogenannten Fuhrmannsstolze frei wußte, solch’ Botenfuhrwerk stets als zum eigentlichen Frachtfuhrwesen nicht gehörend betrachtet hat. Die äußerst wenigen Fuhrleute, welche uns gegenwärtig noch hie und da und namentlich zur Zeit der größeren Handelsmessen begegnen, können dem früheren Fuhrmannswesen gegenüber in gar keinen Vergleich gestellt werden. Die Besitzer dieser wenigen Wagen befrachten sich meist selber, indem der ehemalige Fuhrmann sich in einen Handelsmann verwandelt hat. Damit soll indessen nicht gesagt sein, daß der Refrain eines uralten Fuhrmannsliedes:

Kein Kaiser und kein König
Kann ohne Fuhrmann sein!

seine Bedeutung gänzlich verloren hätte; denn die Reglements der Eisenbahnen schließen gewisse Güter, wie z. B. Pulver, vom Transporte aus, und Kaiser und Könige können ohne Pulver leider doch nicht gut sein. – [266] Die folgenden Skizzen wolle man als Bausteine einer späteren Monographie über das deutsche Fuhrmannswesen betrachten, da dieses, trotz seiner Bedeutung für das Culturleben, noch in keinem kulturhistorischen Werke eine eingehende Beachtung erfahren hat.

Betrachten wir zuerst die Art der Fuhrmannswagen und ihrer Bespannung, so haben wir drei Perioden zu unterscheiden, von denen diejenige der Kärrner Jahrhunderte umfaßt und noch in das erste Decennium dieses Jahrhunderts hereinreicht, die zweite aber, diejenige der „Stiefelknechte“, nur von kurzer Dauer war und mehr als Uebergangsstadium zu betrachten ist, während die dritte die Zeit des großen Frachtfuhrwesens umfaßt, welches in seiner weitesten Entfaltung und in seiner schönsten Blüthe durch das Entstehen der Eisenbahnen plötzlich einen tödtlichen Schlag erlitt, um alsdann unter Krämpfen und schmerzhaften Zuckungen sein kümmerliches Dasein auszuhauchen.

Die Periode der Kärrner reicht offenbar bis in die früheste Zeit zurück, als in verschiedenen deutschen Städten Handel und Gewerbfleiß stiegen und das Bedürfniß nach Ein- und Ausfuhr erzeugten. Die Karren, welche der Kärrner fuhr, und von welchen er seinen Namen empfing, waren breite, zweirädrige Gestelle mit hölzernen Achsen. Auf dem Gestelle waren die beiden langen Karrenbäume und die breiten Wagenbrete befestigt, während die niedrigen, senkrecht stehenden Karrenleitern nur beim Beladen mit Getreide, Salz, Glas und Mineralwassern gebräuchlich waren. Eine Ausnahme hiervon machten nur die Krahwinkler Kärrner aus dem Gothaischen, welche den Kienruß vom Thüringer Walde nach Norddeutschland fuhren und dabei die höchsten Leitern führten, welche bei einem deutschen Kärrner gesehen wurden. Statt der Deichsel hatten die Karren die gabelförmige Barre, in welche ein starker, kräftiger Lüneburger Gaul gespannt wurde, vor welchem die übrigen Pferde, oft sechs bis zehn, in langer Reihe einzeln im Zuge gingen. Von dieser Art der Bespannung nannte man das Fuhrwerk Einzel- oder Enzfuhrwerk im Gegensatz zu dem späteren Stangenfuhrwerk. Die Pferde hatten tiefe breite Kummete, und auf dem zunächst vor der Barre gehenden Gaule lag ein Reitkissen. – Die Räder der Karren waren in früherer Zeit unbeschlagen, weshalb sie ihre Ankunft schon von Weitem durch dumpfes Rollen ankündigten. Unter dem Karren hing der kleine Schmiereimer, dessen Inhalt aus Oel und Pech bereitet wurde; denn den aus alten Kieferstöcken gewonnenen Theer benutzte der Kärrner nur im Nothfalle.

Da man in jener Zeit – wenigstens auf dem Gebiete des Fuhrmannswesens – weder den Hemmschuh noch das Schleifzeug kannte, so führte jeder Kärrner zwei Bündel von gegen zwei Zoll starken eichenen oder auch jungbuchenen Stecken mit sich, welche unter dem Gestelle der Karren so befestigt wurden, daß sie, sobald der Karren einen Berg oder Abhang hinab zu fahren war, in die Speichen der Räder eingriffen und vermöge ihrer Elasticität das Gefährt unter einem monotonen Klipp-Klipp zu hemmen im Stande waren. Von dieser drolligen Musik, die dadurch, daß oft zehn bis zwanzig Karren hinter einander fuhren, eine nicht geringe Verstärkung erhielt, ist der Name jenes uralten Hemmungsapparates – „Klippstecken“ – herzuleiten. War der Berg, welchen der Karren hinabzufahren war, sehr steil, wie n. A. die von jedem Fuhrmann gefürchtete, zum Theil mit Steinpflaster, zum Theil mit wilden Felspartien bedeckte Anhöhe zwischen Münden und Lutterberg, so wurden außerdem an beiden Seiten des Karrens Schleifbäume befestigt, welche das schnelle Herumdrehen der Räder verhinderten. Beispielsweise erwähnen wir, daß oben in Lutterberg hölzerne Hemmschuhe verfertigt wurden, wovon der Wirth (Elleritz) das Stück mit zwei Groschen an den Kärrner verkaufte. Kam der letztere unten am Berge an, so gab er die Hemmschuhe in der Einnahme ab. Hier wurde sortirt; diejenigen Hemmschuhe, welche auf der gefährlichen Tour Schaden gelitten hatten, wurden zu Brennholz verurtheilt, diejenigen aber, welche so aussahen, als ob sie eine zweite Partie wagen dürften, hatten die Ehre, von dem Wirthe in einem Wägelchen wieder hinauf geholt und stückweise mit zwei Groschen von Neuem verkauft zu werden. Bei der äußerst lebhaften Passage war es kein Wunder, wenn oft in wenigen Tagen sich ein Wägelchen noch brauchbarer Hemmschuhe angesammelt hatte. Zuweilen aber reichten alle bis jetzt genannten Hemmungsmittel nicht aus, um den Karren im Gleichgewichte zu erhalten, so daß häufig einige Pferde mit der Brust an den Hinteren Theil des Karrens gespannt werden mußten, um im entscheidenden Augenblicke von dem „Hinteren Kärrner“ zum Aufhalten zurückgezogen zu werden. – Kam der Karren zum Stehen, so dienten zwei Stützel dazu, den Karren im Gleichgewichte zu erhalten; der eine dieser Stützel war während der Fahrt an dem vorderen Theile der linken Gabel der Barre wagrecht befestigt, während der andere hinten am Karren an dem Verbindungsgliede der beiden Karrenbäume frei schwebte. Auf dem Kreuze des Barrengaules lag über dem sogenannten Futter ein kleiner Sattel, von welchem in früherer Zeit breite Leder, später aber Ketten nach der Barre herunterführten, mit der sie durch die sogenannten Schellen, starke eiserne Ringe, in Verbindung standen. Mittels dieses Apparates mußte der Barrengaul den Karren in wagrechter Richtung erhalten.

Das Geschirr war äußerst einfach und schmucklos. Was zum Zuge diente, war von Eisen; Stränge und andere Theile des Geschirres von Hanf gab es früher nicht. Der Kärrner gab den Lüneburger Hengsten aus mehr als einem Grunde den Vorzug; man rühmte diesen Thieren nach, daß sie äußerst klug und von großer Ausdauer seien. Deshalb waren die Pferdemärkte in Uelze in Hannover, später auch in Celle immer sehr besucht. Diese Karrengäule wurden drei-, auch vierjährig gekauft und zu Anfang dieses Jahrhunderts das Stück schon mit 12–16 Pistolen bezahlt. Daß die Lüneburger Gäule gelohrige Thiere waren, geht schon daraus hervor, daß ein und derselbe Kärrner gleichzeitig oft 4–6 beladene Karren mit sich führte, die dem ersten Karren nachfolgenden Geschirre also ohne besondere Leitung waren, so lange der Weg es zuließ. An schwierigeren Stellen mußte der Kärrner jeden Karren einzeln selbst weiter befördern. Waren aber Weg und Steg in leidlichem Zustande, dann schritt der Kärrner, aus einem holländischen Thonpfeifchen, oder aus einem mit Silber beschlagenen Ulmer, noch später auch wohl aus einem Meerschaumkopfe mächtige Rauchwolken vor sich her dampfend, vor dem vorderen Gaule gemächlich einher, mit dem Dreispitz oder Dreimaster auf dem Kopfe und mit der Alfelder Peitsche in der Rechten dem Gaul im Rücken winkend und ihn bedeutend. Wer hätte damals ahnen können, daß später eine ganz andere Pfeife und ganz andere Rauchwolken den fortzuschaffenden Frachtgütern vorausziehen würden!

In Alfeld in Hannover wurden die gedrehten Peitschenstiele schon seit alter Zeit aus Maßholderholz verfertigt, und es wurde das Stück um 6–7 Mariengroschen verkauft. Den Griff und den oberen Theil des Peitschensteckens umzog der Riemer mit Leder.

Die Kleidung des Kärrners bestand in kurzen schwarzledernen Hosen, an welche sich bis unter das Knie lange blaue oder auch weiße linnene Strümpfe anschlossen. Schwere derbe Schuhe bedeckten die Füße. Im Winter gewährten sogenannte halblange Gamaschen Schutz vor der Kälte. Außerdem trug der Kärrner über der langen, mit einer stattlichen Reihe großer versilberter Knöpfe verzierten Weste und dem tuchenen blauen Koller oder der kurzen Jacke einen langen weißen Kittel, zu welchem die Frau daheim an langen Winterabenden in ihrer Einsamkeit den selbstgebauten Flachs spann. Es versteht sich von selbst, daß die Ehefrau des Kärrners diese Kittel auch selbst nähete; wobei sie nie vergaß, den Vor- und Zunamen sowie den Wohnort ihres „Herrn“, wie sie den Gatten nannte, außen auf der Stelle, welche die Brust bedeckte, mit rothem Garne in etwas strammen Schriftzügen den Augen der Welt entgegentreten zu lassen. Endlich leistete ein weiß- und schwarzgestreifter Barchentkittel als Ueberzug noch einigen Schutz gegen Nässe und Kälte.

Sein Geld, welches natürlich in klingender Münze bestand, sowie die Brieftasche verwahrte der Kärrner in einer langen Geldkatze, die er unter dem Kittel um den Bauch geschnallt trug und auch in der Nacht auf der Streu umbehielt, während er in der linken Hosentasche ein ledernes Geldbeutelchen verbarg, um die kleineren Ausgaben am Tage zu decken. Aus der rechten Hosentasche aber blinkte, so oft der Kittel aufgehoben wurde, ein mit Silber ausgelegtes Besteck Messer und Gabel hervor, dessen sich der Kärrner beim Einnehmen der „Mundportion“ stets bediente. Ein Ranzen nahm alles Uebrige auf, was dem Kärrner auf der Reise nothwendig war: einige Hemden und Strümpfe, Pfriemen, Nadel und Riemzeug, Papier, Geld und das später zu besprechende Reisehandbuch, das Frühstück, ein in hölzerner Büchse verwahrtes Glas Bergöl oder sogenannten stinkenden Balsam, von Lausitzern auf der Leipziger Messe gekauft für den Fall, daß ein Pferd verschlagen sollte; in späterer Zeit auch ein Gläschen Salzunger Tropfen, die dem Kärrner im Erkrankungsfalle als Universalmittel galten „und urgut [267] waren“; selbst die Geldkatze mußte im Ranzen ein Plätzchen finden, wenn der Kärrner sich unwohl fühlte, denn in diesem Falle wurde der Ranzen dem Wirthe zum Aufbewahren übergeben. Das Beschlagzeug endlich – Hammer, Zange, Nagel und Hufeisen enthaltend – wurde in einem besonderen ledernen Beutel verwahrt.

Unsere älteren Leser werden aus eigener Erfahrung wissen, wie grundlos, namentlich in etwas abgelegenen Gegenden, noch vor wenigen Jahrzehnten Straßen und Wege waren, so grundlos, daß der Kärrner täglich nur wenige Meilen, oft selbst nur wenige Stunden zurücklegen konnte. Ja, es kam gar oft vor, daß er erst am späten Abend den nächsten Krug oder das nächste Dorf zu erreichen vermochte. Deshalb war es wohlbegründete Sitte, beim Ausführen am Morgen einen Laib Brod und eine Flasche Schnaps mitzunehmen, womit der Kärrner nicht nur sich selbst, sondern auch die Pferde stärken konnte. Auf ein Pferd wurden drei, im Sommer auch wohl vier Schiffspfunde Gut gerechnet, sodaß ein mit drei Pferden bespannter Karren mit 9–12 Schiffspfunden oder mit 27–36 Centnern beladen wurde, über welche sich das grobleinene, grauweiße Plantuch legte. Auf fortwährende Unterstützung durch sogenannte Vorreiter, wie dies beim späteren großen Frachtfuhrwerk der Fall war, wurde nicht gerechnet. „Vorspanne“ – dies war die Bezeichnung zur Zeit der Kärrner – wurde nur an hohen steilen Bergen begehrt, und auch selbst da wurden nie mehr als zwei Pferde verlangt. Die Kärrner halfen einander selbst; deshalb fuhren immer mehrere zusammen aus. In Gegenden, wo ganz besonders schlechte Wege zu passiren waren, sah man oft eine Reihe von 10–20 Karren hintereinander angefahren kommen. Man denke sich z. B. jenen berüchtigten Hohlweg zwischen Witzelrode und dem hessischen Barchfeld im Werragrunde; hier war im Herbst und Frühjahre der Schlamm des rothlettigen Bodens in solcher Höhe vorhanden, daß neben der langen Reihe des Enzfuhrwerkes häufig noch eine Wildbahn zur Seite angelegt werden mußte, welche durch Heftzügel mit den eigentlichen Karrenpferden in Verbindung gesetzt wurde und auf der schmalen, erhöhten Seite des Hohlweges ging. Da waren oft dreißig Pferde nöthig, um einen mit 40 Centnern beladenen Karren durchzubringen. Wie hätte hier ein einzelner Mann fortkommen können! – Manchen Tag wurde trotz aller Vorsicht zwei bis drei Mal umgeworfen, weshalb der Kärrner außer Hacke und Beil stets auch die Winde mit sich führen mußte. Hierzu kamen die Plackereien durch die Geleitsreiter, welche, wenn sie die Angaben des Geleitsscheines mit den Colli des Wagens nicht in Uebereinstimmung vermutheten, das Recht hatten, zu verlangen, daß auf offener Straße abgeladen wurde. An jedem Thore wurde Brücken- und Pflasterzoll verlangt, bei den damaligen vielen kleinen Reichsgebieten oft jeden Tag Geleitsgeld erhoben.

Die bestimmte Lieferzeit mußte bei Verlust der Fracht eingehalten werden; denn die Messe stand vor der Thür, oder das Schiff, welches die Güter weiterbefördern sollte, ging am festgesetzten Tage ab. Da mochten Wetter und Wind noch so fürchterlich wüthen, – der Kärrner mußte weiterzukommen suchen. Bei so vielen Hindernissen der verschiedensten Art – wollen wir uns wundern, wenn so mancher Kärrner das Fluchen lernte? – Was das Wetter anlangte, so mußte es schon schlimm kommen, ehe der Kärrner sich beschwerte. Die Gewohnheit hatte ihn abgehärtet; zudem stammten die bei weitem meisten Kärrner aus Gebirgsgegenden, wo ein kräftiger Menschenschlag von Haus aus wohnte, welcher mit der Rauhheit des Klimas und den Wechselfällen des Wetters von Kindheit an vertraut war. Wir werden weiter unten wahrnehmen, wie die berühmtesten Kärrner- und Fuhrmannsorte meist in Seitenthälern der Gebirge zu suchen sind, am Harze, am Thüringer Walde, im Fichtelgebirge, am Abhang der Pfälzer und westphälischen Gebirge etc. Alle diese Gegenden boten dem Kärrner, wenn er daheim blieb, ebenso zu wenig Beschäftigung, wie zu wenig Unterhalt; denn der Gebirgsboden gewährte nur kümmerliche Ernten, und die Bauerngüter in Gebirgsgegenden sind immer von geringem Complex. In alter Zeit war der Verdienst des Kärrners auch durchaus nicht gering anzuschlagen; daher denn auch die Thatsache, daß das Kärrnergeschäft durch viele Generationen in einer und derselben Familie forterbte. Von Lüneburg nach Nürnberg wurden vor hundert Jahren für das Schiffspfund (à drei Centner) 36 Thaler Fracht gezahlt, während noch zu Anfang dieses Jahrhunderts von Lüneburg bis Nürnberg 19 Thaler, von Lüneburg bis Coburg 14–15 Thaler pro Schiffspfund die Regel waren.

Als ständigen Begleiter auf seinen Kreuz- und Querzügen im Innern Deutschlands sowie auf den weiteren Touren nach Dänemark, Ost- und Westpreußen, nach Polen, nach Ungarn und den Donaufürstenthümern, wie auch nach Tyrol hatte jeder Kärrner ein Büchlein bei sich, welches seit alter Zeit ohne Angabe der Jahreszahl in Waldenburg gedruckt wurde und den Titel führte: „Der getreue Gefährte und Helfer“. Es zerfiel in zwei Abtheilungen oder in den geistlichen und den weltlichen Theil. Jener enthielt eine Sammlung von Gebeten, wie sie die verschiedenen Lagen des Fuhrmannslebens erforderten, dazu als Anhang eine Reihe von Gesangbuchsliedern, unter welchen die Rubrik „Reiselieder“ natürlich ganz besonders vertreten war. Es ist mir von hochbetagten ehemaligen Fuhrleuten, welche in ihrer Jugend noch als Kärrner fuhren, vielfach bezeugt, daß frühmorgens in jedem Fuhrmannsgasthofe, ehe die Morgensuppe und in späterer Zeit der Kaffee eingenommen wurde, aus diesem „getreuen Gefährten“ ein Lied gesungen und hierauf von dem ältesten der anwesenden Kärrner oder Fuhrleute ein Morgensegen aus demselben Büchlein laut vorgebetet wurde. Die Alten hielten streng darauf, daß ihre Söhne und Knechte an dieser Morgenandacht Theil nahmen. Auch ist mir aus sicherer Quelle die Mittheilung geworden, daß der Kärrner in älterer Zeit, sobald er eine große Reise unternahm, die vielleicht durch die Ungunst der Jahreszeit oder wegen zufällig größerer öffentlicher Unsicherheit mit besonderen Gefahren verbunden war, bei dem Pfarrherrn seiner Parochie um eine öffentliche Fürbitte am nächsten Sonntage seines Vorhabens wegen bat. Ein solches Bedürfniß mag dem Kärrner um so näher gelegen haben, als Jahr aus Jahr ein gar viele Unglücksfälle „auf der Straße“ sich ereigneten. Kam er dann wohlerhalten von der Reise zurück, dann schlich sein Weib an einem der nächsten Abende freudestrahlend in’s Pfarrhaus, um zu melden, daß „Er“ glücklich heimgekehrt sei, indem sie ihre Mittheilung durch einen handgreiflichen Beweis zu stützen suchte, der bald in einem Fäßchen Kieler Sprotten, bald in frischen Austern oder in einer Büchse Kaviar, bald auch in einem Säckchen Sago oder Reis und dergleichen Dingen bestand.

Der weltliche Theil des „getreuen Gefährten“ enthielt „allerhand nützliche Nachrichten und brauchbare Kupfer“, z. B. Zinstafeln, Einnahme- und Ausgabetafeln, Münz-, Maß- und Gewichtsvergleichungen, „allerlei nützliche Erinnerungen für Reisende“, namentlich auch ein Verzeichniß der dem Kärrner nöthigsten Wörter und Redensarten in spanischer, französischer, italienischer, schwedischer, polnischer, ungarischer und türkischer Sprache. Von besonders praktischer Bedeutung scheint mir für den Fuhrmann der sogenannte „Wegweiser“ in dem Büchlein gewesen zu sein, welcher alle nur erdenklichen Reiserouten in Deutschland und den angrenzenden Ländern in der Weise aufführt, daß nicht nur die einzelnen Orte, in welchen sich Fuhrmannsgasthöfe befanden, der Reihe nach verzeichnnet stehen, sondern auch die Entfernung derselben von einander nach Meilen für jede einzelne Route genau angegeben ist. Auch ein Bericht über das Postwesen ist beigegeben, aus welchem wir beiläufig erwähnen, daß man zu Ende vorigen Jahrhunderts für eine Person zahlte: von Hamburg nach Leipzig 8 Thlr. 12 gGr., von Hamburg nach Nürnberg sammt freier Kost 20 Thlr., von Hamburg nach Erfurt ohne Kost 9 Thlr., mit Kost 12 Thlr., von Hamburg nach Berlin im Sommer und Winter 6 Thlr. 9 gGr. – Außer dem Kalender bot der „getreue Gefährte“ auch eine Abhandlung über die Frage: „Was ist ein Wechsel?“ Ferner finden wir in diesem jetzt äußerst seltenen Büchlein ein Verzeichniß der Brücken über die hauptsächlichsten Flüsse Deutschlands, aus welchem wir beispielsweise entnehmen, daß dazumal über die Donau 25, über den Main 13, über die Elbe 12, über den Rhein, den Neckar und die Isar je 8, über die Weser 7 und über die Mosel 4 Brücken führten.

Wie reich und mannigfaltig der Inhalt dieses kleinen Gefährten war, mag auch daraus hervorgehen, daß er unter der Ueberschrift „Atzneibüchlein“ eine Reihe Recepte bietet. Neben sonst wohl Verständigem findet sich doch auch wunderliches Zeug, und da im neunzehnten Jahrhunderte in Sachen medicinae auch der größte Blödsinn seine Verehrer findet, so wollen wir im Interesse jener starkgläubigen leidenden Menschheit folgendes Mittel „für (?) die Schwindsucht“ hier notiren: „Siede in des Patienten Urin ein Ei und lege es geschält in einen Ameisenhaufen, die Schale auch dazu. Wenn die Ameisen das Ei gefressen, so wird der Patient wieder gesund.“ – Daß man auch in alter Zeit das Nützliche mit dem Angenehmen, [268] das rein praktischen Zwecken Dienende mit dem Belehrenden und Unterhaltenden zu verbinden wußte, davon giebt der „getreue Gefährte“ ebenfalls Kunde, – nur daß die Form in unseren Tagen etwas davon abweicht. Um nicht gegenüber den Erben des seligen Christian Gotthilf Hofmann in Waldenburg in den Geruch eines Plagiarius zu kommen, will ich, so leid es mir thut, mich nur auf die Mittheilung eines zu dem unterhaltenden Theile gehörenden kleinen Satzes beschränken, welcher die Überschrift trägt: „Besondere Thürme“. „Der Ulmer Münsterthurm ist 234 Fuß hoch, das Fundament ist 464 Schuhe tief, dabei 69 Schuhe breit. Zu Meißen ist ein bis zum Knopf ausgehauener. Zu München ist einer, so oben und unten spitzig. Zu Bingen im Rhein ist der Mäusethurm. Zu Jena der berühmte Fuchsthurm. Zu Schartsfeld will das Gespenst kein Dach darauf leiden. Zu Grein ist der Teufelsthurm.“ –

Den wenigen Exemplaren, welche ich von dem „getreuen Gefährten“ auftreiben konnte, war merkwürdiger Weise jedesmal als Schluß noch ein aus ein paar Blättern bestehendes Büchlein besonders beigebunden, wie man dasselbe ganz in derselben Art und Form heute noch auf den Jahrmärkten zu kaufen bekommt, – ein sogenanntes Punktirbüchlein. So hätten wir denn in unmittelbarer Nähe christliche Erbauung und Punktirerei nebeneinander. Unwillkürlich wird man an die fratzenhaften Gestalten des Teufels an den Kirchen des Mittelalters erinnert. Allein die tiefsinnige Idee der deutschen Baumeister hatte sich bei unserem Waldenburger in eine Speculation der Neuzeit umgewandelt. Er ließ jedem Exemplare seines „Gefährten“ das Punktirbüchlein beibinden, um jenen um einen Groschen theurer verkaufen zu können. Es ist wahr, in Ladestädten oder auf Stapelplätzen, wo viele Kärrner zusammenkamen, hat sich junges Fuhrmannsvolk zuweilen mit Punktiren einen Scherz erlaubt. Das Fuhrmannswesen selbst aber stand in keiner Beziehung zum Punktiren. Der Sinn des Kärrners war viel zu nüchtern und zu verständig, um der Punktirkunst Glauben zu schenken. Damit soll freilich nicht gesagt sein, als ob nicht auch im Kärrner und spätern Fuhrmann ein Stück Aberglauben gesteckt habe. War der Kärrner im Begriff, die Reise anzutreten, und war er, wie jeder „richtige Fuhrmann“ heute noch thut, mit den Worten: „Mit Gott!“ unter einem einmaligen Schnalzen oder Klatschen mit der Peitsche abgefahren, dann sah man es gern, wenn das Erste, was über die Straße kam, ein Mannsbild war; denn das bedeutete Glück und Segen. Kam aber eine schwarze Katze über den Weg gelaufen oder – ein Frauensbild und namentlich ein Weib, welches mit einer Butte Wasser vom Brunnen zurückkehrte, so verfinsterte sich das Gesicht des Kärrners; denn nun war’s unabwendbar, daß die Reise nicht zum Wohle gedeihen konnte. Wie man beim Abfahren wohl schnell nach einem Stein griff, um der vorüberlaufenden Katze den Weg abzuschneiden, so geschah dies auch draußen im Freien, wenn der unschuldige Lampe über den Weg setzte. Ja, es wurde selbst von einem gewissen Peitschenrechte gemunkelt, vermöge dessen der Kärrner oder Fuhrmann eine Frauensperson, die dicht vor dem Geschirre beim Abfahren den Weg überschreiten wollte, etwas handgreiflich zurückweisen durfte. Doch gab es auch Personen, welche „Verstand“ genug halten, so lange mit der Überschreitung des Weges zu warten, bis der Karren oder der Wagen vorüber war. –

Es ist bekannt, daß diejenigen Seeleute, welche zum ersten Male die Linie Passiren, unter gewissen Ceremonien in die Geheimnisse Neptuns eingeweiht werden und daß dabei der alte Satz gilt: Auf ein Leid folgt ein’ Freud’. Für die Kärrner wie für die späteren Fuhrleute Deutschlands war die Linie „Nürnberg“. Hier, in dieser allen Metropole des Fuhrmannswesens, wo Schwank und Scherz in derber Weise seit alter Zeit im Flor waren, wurde an dem jungen Fuhrmann, der zum ersten Male durch die Thore der alten Reichsstadt seine „Rößlein“ führte, der Ritterschlag vollzogen. Auch geht jetzt noch in alten Fuhrmannsorten die Sage, daß nach Vollzug der uralten Ceremonien ein weidliches Tournier stattgefunden habe, bei welchen gar mancher Kumpan in den Sand gestreckt worden sei. Die Sache selbst aber verhielt sich also:

Wer zum ersten Male als Fuhrmann nach Nürnberg kam, gleichviel ob er im schwarzen Krug oder im weißen Roß, im Engel oder im Schlüssel, im Sternhof oder im grauen Wolf oder in einem anderen der vielen Fuhrmannsgasthöfe ausspannte, mußte, altem Herkommen gemäß, sobald das gemeinschaftliche Abendessen für die Fuhrleute aufgetragen war, den untersten, nach der Stubenthür zugekehrten Stuhl an der Tafel einnehmen. War das Essen so ziemlich zu Ende, so legten sich um den Hals des schüchternen Neulings urplötzlich zwei hölzerne Ringe in der Form eines Halseisens, die sich als die vorderen Glieder einer mehrere Ellen langen hölzernen Zange erwiesen, welche der Wirth oder in Ermangelung desselben ein junger adretter Fuhrmann, der sich hinter dem Delinquenten verstohlener Weise aufgestellt hatte, unter schallendem Gelächter der bis dahin ernsten und stummen Fuhrleute gewandt zu handhaben wußte. Hierauf wurde dem Gefangenen in wohlgesetzten Worten zu verstehen gegeben, daß man sich freue, ihn in Nürnberg zu sehen, wo bis jetzt jeder richtige Fuhrmann durch die Taufe in die Geheimnisse des Fuhrmannswesens eingeführt worden sei. Es stehe auch, so wurde weiter fortgefahrenn soweit nichts im Wege, auch an ihm, den Umhalsten, die Taufe zu vollziehen und ihm besagte Vortheile zuzuwenden, und es komme nur auf ihn an, ob er nach altem Brauche einen Kindtaufsschmaus ausrichten und derohalben sich Pathen erwählen wolle. Unterstützt von seinen Landsleuten, unter denen sich wohl selbst der Vater und auch Brüder und Vettern befanden, bat der noch Uneingeweihte um Aufnahme in die große Brüder- und Cameradschaft deutscher Kärrner und Fuhrleute und erwählte sich unter den anwesenden Gästen drei Pathen, von denen ein jeder ihm zu immerwährendem Andenken einen auf seinen Beruf bezüglichen Spruch ertheilte, welcher, wenn er von älteren Fuhrleuten ausging, meist ernsteren Inhaltes war, während jüngere Pathen unter Beobachtung ernster Gesichtszüge gern eine Zweideutigkeit mit unterlaufen ließen. Nunmehr verkündigte der immer noch in der Zange Gehaltene, wie viel Flaschen Wein er zum Besten geben wolle, und lud seine sämmtlichen „Pathen und Collegen“ zu seinem Ehrentage ein. Nachdem die Pathen hierauf der Reihe nach ihre Pathengeschenke, in so und so viel Flaschen Wein bestehend, ebenfalls den Versammelten bekannt gegeben hatten, löste sich das Halseisen der Zange und gab dem jungen Fuhrmann seine Freiheit wieder. Deshalb sagte man: „Er muß sich lösen.“

(Schluß folgt.)

Der Kaisersoldat.


Die Alpe ragt schweigend hinauf in die Nacht,
In der Hütte unten das Leben noch wacht,
Es knistert und sprüht der Feuerbrand,
Die Dirnen spinnen mit emsiger Hand.
Nur Eine säumt das schneeige Linnen
In traumverlor’nem bräutlichem Sinnen;
Der Alte in grauem Haar und Bart
Schnitzt ein Gebilde kunstfert’ger Art,
An seinen Händen, an seinem Munde
Hängt staunend und lachend der Kinder Runde.
Dazwischen ertönt der Cither-Klang,
Bald fröhlich rauschend, bald schwermuthbang.
Da schleicht die Mutter still aus dem Kreis
Hinweg an’s Fenster und betet leis
Für einen so Lieben und, ach! so Fernen
Hinauf zu den ewigen funkelnden Sternen.
Da schwellt und hebt es den Busen der Braut,
Und Tropfen auf Tropfen hernieder thaut;
Da funkelt des Alten Auge voll Glanz,
Vom treuen Hofer, vom Kaiser Franz
Anstimmt er markig die heimische Weise,
Doch leiser wird sie, und leise, leise
Erstirbt sie in Thränen und Schluchzen wohl –
Ade, mein treues Land Tirol!
Ade, mein Land Tirol!“.

[269]
Die Gartenlaube (1864) b 269.jpg

Das nordische Ufer umbrandet die See,
Im hellen Rock auf dem hellen Schnee
Liegt hart gebettet der Alpe Sohn,
Die Nacht und der Tod umhüllen ihn schon.
Ihm riß das tückische dänische Blei
Des Kaisers Rock und das Herz entzwei,
Und Keiner ist, der Kunde ihm bringt,
Daß des Sieges Fanfare schmetternd erklingt;
Verlassen stirbt er in eisiger Ruh’,
Und Keiner drückt ihm die Augen zu.
Sein Kaiser rief ihn zum fernen Strande —
Zu Deutschlands Ehre, zu Deutschlands Schande?
Wofür er gefallen, er weiß es nicht,
Er folgte gehorsam dem Rufe der Pflicht,
Im Herzen die Ehre und nicht den Verrath,
Der tapfre, der treue Kaisersoldat.
Ein Seufzer ringt aus der Brust sich hervor,
Noch einmal schlägt er die Augen empor,
Hinauf zu den ewigen funkelnden Sternen,
Da grüßen ihn Alle, die Lieben und Fernen;
Er fühlt, wie der Mutter frommes Gebet
Mit stärkendem Segen ihn tröstend umweht;
Die Thräne der Braut thaut ihm in’s Herz
Und kühlt den brennenden tödtlichen Schmerz;
Des Vaters denkt er, da grüßt ihn leise
Die treue, die traurige heimische Weise;
Sanft sinkt er zurück — die See geht hohl —
Ade, mein treues Land Tirol!
Ade, mein Land Tirol!

Albert Traeger. 
[270]
Eine russische Carriere.[2]

Im Jahre 1822 suchte die russische Regierung einen deutschen Forstmeister für die Umgebung Petersburgs an sich zu ziehen, um junge Leute praktisch in der Forstwissenschaft auszubilden. Der Auftrag wurde einem höhern deutschen Beamten in russischen Diensten gegeben, und dieser empfahl aus seiner eigenen Heimath, einem der kleinsten Fürstenthümer, einen erfahrenen, ihm wohlbekannten Mann. Der Forstmann war nicht wenig überrascht von solch einem Antrage, der seinen bisherigen Gehalt von 300 Thalern auf 2000 erhöhte, aber ihn auch 300 deutsche Meilen von seiner Heimath entfernte. Ein Mann von 47 Jahren, Wittwer, Vater von zwei Söhnen, konnte er sich nicht sofort zur Annahme des sonst so verlockenden Anerbietens entscheiden; namentlich beunruhigte ihn das Schicksal seiner beiden Kinder. Endlich entschloß er sich doch nach Rußland zu gehen, den ältern seiner beiden Söhne, Gustav, einen siebzehnjährigen Jüngling, dem man, als einem ausgezeichneten Lateiner, ein glänzendes Loos, das des ersten Geistlichen des Fürstenthums oder gar eines Professors, prophezeite, aber in der Heimath zu lassen und nur den jüngern, Eduard, über dessen klassische Befähigung der Conrector des Gymnasiums sich minder günstig aussprach, mitzunehmen. So erreichten denn Vater und Sohn Ende September die große nordische Hauptstadt, fanden bei dem freundschaftlichen Vermittler eine gastfreie Aufnahme, waren aber Beide recht niedergeschlagen, ja von der Größe der neuen Verhältnisse fast erdrückt und sehnten sich ernstlich nach Hause zurück. Vor Allem, meinte der treue Landsmann, gälte es nun, Russisch zu lernen und zwar wo möglich im Laufe eines Jahres. „Nur nicht die Zeit mit der Grammatik verloren," sprach der Landsmann, „sondern fort mit Eduard auf ein Jahr in ein Dorf, wo er nicht einen andern Laut hört. Wenn er so gut Russisch spricht, wie ein Bauer, so spricht er es besser, als der größte deutsche Philolog je das Latein gesprochen hat; denn in Rußland giebt es keine verschiedenen Dialekte, auch keine Volks- und höhere Mundart, wie in Deutschland, sondern Bauer und Fürst, Herr und Diener, Nord und Süd reden vollkommen dieselbe Sprache." Beide waren über den Vorschlag bis zu Thränen entsetzt, doch es konnte eben nichts helfen.

Nach Ablauf eines Jahres sahen sich Vater und Sohn wieder, und Eduard war gewachsen und sprach Russisch, zwar noch nicht vollkommen, aber mit großer Leichtigkeit und Verständlichkeit. „Jetzt in ein Cadettencorps," mahnte der treue Landsmann, „und zwar in das der Ingenieure." — „Aber um Gotteswillen," entgegnete der Forstmeister, „wir sind ja nicht adligen Ursprunges!" — „Für die russische Regierung," fiel der Landsmann ein, „giebt es weder Adlige noch Bürgerliche, sondern nur brauchbare oder unfähige Staatsdiener."

Der Vater widersprach diesem Vorhaben anfangs auf das Entschiedenste, ließ sich doch aber allmählich durch den Landsmann aufklären. „Legen Sie," sprach derselbe, „in unserm Weltstaate Ihre deutschen kleinstädtischen und kleinstaatlichen Begriffe von Adel und Bürger, von Militär und Civil ab. Freilich dürfen Sie nicht darauf rechnen, daß Eduard hier in Petersburg sein Leben ruhig verbringen wird. Von Archangelsk bis Tiflis, von Kalisch bis nach Nordamerika ist hier ein ebenso lebhafter Verkehr, wie zwischen Weimar und Gotha, und der brauchbare Officier muß immer darauf gefaßt sein, einige Tausend Werst weit verschickt zu werden."

Nach einigen Wochen trat denn Eduard in das Ingenieurcorps, in derselben Zeit, wo sein Bruder Gustav die Universität Jena bezog. Er fühlte sich nicht so fremd, wie er gefürchtet hatte; mit ihm traten gegen zwanzig junge Männer ein aus den verschiedensten Theilen des großen Reichs, aus Moskau, Kiew, Kasan, Simbirsk, aus den deutschen Ostseeprovinzcn, Fürsten und Grafen, Adlige und Bürgerliche, und er merkte, daß hier kein Standesunterschied gelte. Alle Wissenschaften wurden in russischer Sprache vorgetragen, nicht ohne Schwierigkritcn für ihn in den ersten drei Monaten; aber nach einem Jahre war ihm die neue Sprache fast geläufiger, als die deutsche, weil alle neuen Kenntnisse in der erstern in seinem Kopfe Platz nahmen. Er verwandte die Sonntage dazu, französisch zu lernen, und zwar nur durch den Umgang mit einem jungen Franzosen, der sein Mitschüler war. Den alten Vater sah er wenig, aber auch dieser hatte sich besser in die neuen Verhältnisse gefunden, als zu erwarten stand.

Alle Monate kam ein Brief aus Jena von Gustav, und dann überfiel Vater und Sohn eine Art Heimweh, wenn sie in dem Briefe von deutscher Gemüthlichkeit, von deutschen Eichenwäldern und deutscher Freiheit hörten. Beide machten den stillen Plan, den Candidaten der Gottesgelahrtheit doch vielleicht nach Rußland kommen zu lassen. Auf eine leise Anfrage, die der Vater in einem Briefe that, antwortete aber Jener mit Widerwillen und sprach aus, wie glücklich er sich unter gelbledernen Folianten, rothen Mützen und deutschem Himmel fühlte.

Drei, vier Jahre gingen jetzt pfeilschnell an der Saale, wie an der Newa vorüber, und 1827 erschien Eduard als Officier vor seinem Vater, und zwar mit der goldenen Medaille, d. h. nicht allein als der Fähigste und Ausgezeichnetste, sondern als einer, der gleich beim Beginn seiner Laufbahn einen Rang überspringt und von der Regierung sechs Jahre auf Reisen geschickt und währenddem jährlich mit tausend Thalern unterstützt wird. Das ging über die kühnsten Träume des Vaters hinaus, und er fing leise an, das richtige Urtheil des Conrectors seiner Vaterstadt über die beiden Söhne in Zweifel zu ziehen; denn Gustav hat im Gegentheil noch um ein Jahr Zeit, um sein Examen machen zu können, während der Vater von ihm Wunderdinge erwartet hatte. Im nächsten Jahre sollte Eduard seine Reise antreten und hoffte, den gelehrten Bruder selbst zu besuchen, da brach der Krieg zwischen Rußland und der Türkei aus, und Eduard mußte Petersburg im Gefolge eines Geniegenerals noch früher verlassen, als die Garden auszogen. Furcht und Hoffnung pochten in dem Herzen des Vaters, und er konnte die Zeit kaum erwarten, wo der erste Brief des jungen [271] Kriegers anlangen würde. Endlich nach länger als zwei Monaten findet er einen Brief unter seiner Adresse vor, aber von fremder Hand) er öffnet ihn und bleibt starr stehen. Der Brief ist nicht von, nicht über Eduard; er ist von einem Professor in Jena, der dem Vater anzeigt, daß sein Sohn Gustav durch das Examen gefallen sei; der Sohn habe nicht den Muth, den Vater selbst zu benachrichtigen, der Professor bitte aber noch um ein Jahr Unterstützung, zur Fortsetzung der Studien und um die gewöhnliche Prüfung eines Candidaten bestehen zu können. Der Professor deutete zugleich an, daß es dem Sohne zwar nicht an Fleiß und guter Führung gefehlt habe, wohl aber an Fähigkeiten, und an eine Universitätsprofessur sei bei so mittelmäßigen Anlagen nicht zu denken.

Der Alte war nahe daran, seinen Verstand zu verlieren; ein solcher Irrthum, ein solches Verkennen seiner beiden Söhne wäre dem Vater noch zu verzeihen gewesen, aber dem Conrector! Das schien ihm zu toll. Er konnte seinen gerechten Kummer Niemandem anvertrauen, als dem vortrefflichen Landsmann, der achselzuckend den Brief durchlas und dem Vater zum Troste sagte: „Ein wahres Glück, daß Sie den dummen Jungen nicht mit nach Rußland gebracht haben. Lassen Sie ihn so lange studiren, bis er sein Examen gemacht, und dann Gott befohlen; eine Dorfpfarrerstelle wird er doch gelegentlich bekleiden, und dahin mag er passen, aber nicht hierher. Todte Kenntnisse haben hier besonders keinen Werth, aber lebendiger, schnell fassender, durchdringender Verstand, Geistesgegenwart und vor Allem Menschenkenntniß. Ich habe selbst in Jena studirt, allein meine Hefte von dort nie wieder geöffnet und zu Rathe gezogen. Alles todter Kram! lebende Sprachen, lebende Menschen kennen lernen, Länder bereisen, Staatsverfassungen studiren, Natur und Kunst, und vor Allein Mathematik."

Sehr niedergeschlagen ging der Forstmeister nach Hause, schickte das nöthige Geld an Gustav und fing an zu fürchten, daß Eduard gar nicht zurückkomme und Jener zur Betrübniß und Schande des Vaters fortleben werde. Es vergingen sechs Monate, der Krieg hatte ernstlich begonnen und manche Schlacht war geliefert worden; von Eduard war nichts zu hören. Da kam eines Tages der Landsmann zum Forstmeister mit einer Zeitung in der Hand und sagte: „Lesen Sie!“ Zitternd nahm Jener das Blatt in die Hand; aber wie verklärte sich sein Gesicht, als er Eduard’s Namen unter 17 Officieren genannt sah, die sich beim Sturme von Brailow ausgezeichnet hatten und vom Kaiser belohnt wurden. „Sehen Sie," sprach der Landsmann, „die Vorzüge eines großen Weltstaates, wo jedes Talent seinen Platz findet, während in dem kleinen Fürstenthum so manches verkümmert! Setzen wir den Fall, einer Ihrer Söhne sei selbst Minister des Fürsten geworden, so käme sein Wirkungskreis noch nicht einem Sectionschef in hiesiger Bedeutung gleich, ja das ganze Fürstenthum würde hier nur der fünfzehnte oder sechszehnte Kreis eines Gouvernements sein." Der Forstmeister stand sprachlos vor dem Zeitungsblatte und hatte kaum gehört, was der Landsmann sagte; aber sein thränendes Auge verrieth Alles, was in ihm vorging. Er kaufte zwei dieser Zeitungsblätter und schickte eins nach Jena an Gustav; das andere schloß er sorgfältig bei sich ein als das kostbarste Papier in seiner ganzen Habe.

Wieder schwanden mehrere Monate ohne Nachricht; unterdessen floß Blut in Strömen, und viele Familien in Petersburg hatten Väter und Söhne zu beweinen. Endlich kam ein Brief von Eduard’s Hand, der nur folgende Zeilen enthielt: „Lieber Vater, ich schreibe Dir am Abend nach einer blutigen Schlacht in einer Scheuer, wo über zwanzig Verwundete um mich winseln; statt eines Tisches auf einem Fasse, statt eines Lichtes hält mein Diener einen brennenden Holzspahn. Mein Arm ist vollständig geheilt. Eduard." Er war also verwundet gewesen, aber ob schwer, ob leicht, vor kurzem oder schon seit lange, ob die Wunde der Grund seines langen Schweigens, das waren alles Fragen und Zweifel, die den Alten in einer fieberhaften Unruhe erhielten. Das Frühjahr 1829 kam heran, Schumla war gefallen, die Russen gingen über den Balkan, da zeigte Gustav dem Vater an, sein Examen sei glücklich überstanden und er würde nach vier Wochen als Hauslehrer zweier Knaben eines Justizrathes in der Vaterstadt auftreten, mit 150 Thaler Gehalt und der Aussicht durch den hohen Gönner später zu einer Pfarrerstelle empfohlen zu werden. Diese Mittheilung machte den Vater weder warm noch kalt, während er von Eduard Tag und Nacht träumte; ja als schon die Rede vom Frieden, der zu Adrianopel geschlossen werden sollte, durch die Hauptstadt lief, da zweifelte er an Eduard’s Rückkunft. Der treue Landsmann versicherte, daß er jede Woche die Liste der Getödteten zu lesen bekomme und daß Eduard dort nicht genannt sei. „Keine Nachrichten sind immer die besten," fügte er hinzu. „Ich erfuhr es nach vierzehn Tagen, als mein Schwager bei Brailow geblieben, aber es vergingen sechs Wochen, ehe von Eduard’s Belohnung die Rede war. Es kann indeß ein halbes Jahr verstreichen, ehe die Garden nach Petersburg zurückkommen, denn der Weg zählt über 2000 Werst."

Den 17. Januar 1830 feierte der Forstmeister in Gesellschaft des Landsmanns seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag still in Nachdenken und traulichen Gesprächen verloren; ein Brief von Gustav war schon Tags zuvor angelangt. Plötzlich hält in der öden Straße, wo der Forstmeister in einer entlegenen Vorstadt wohnte, ein Schlitten von zwei in Mäntel gehüllten Officieren besetzt. Es klopft an die Thür, mehr aber an das Herz des Alten; ein General tritt herein und mit ihm ein junger Officier, dessen Brust mit zwei Orden geschmückt ist. Dieser wirft sich sprachlos an des Vaters Brust: es ist der langersehnte Eduard, der als Stabscapitain zurückkehrt. „Ich muß den Vater eines so braven Officiers kennen lernen," spricht der General, „daher führe ich Ihren Sohn selbst zu Ihnen." Beide erzählen nun um die Wette, und der Alle kann nur zuhören. Beide sind seit vorgestern gegen dreihundert Werst gereist, um den Vater an diesem Tage zu begrüßen. Für den Alten ging am Abende seines Lebens noch eine neue Welt auf; Eduard hatte in nicht ganz zwei Jahren mehr erlebt, als das ganze Fürstenthum seit fünfzig Jahren. Und doch war es eben nur der Anfang einer Laufbahn, deren Ende in einem Weltstaate nicht vorauszusehen ist.

Im nächsten Sommer wollte Eduard seine Reise antreten, aber die Zustände in Frankreich ließen eine Revolution voraussehen, die im Juli ausbrach, im November die polnische nach sich zog und die russischen Truppen von Neuem in’s Feld rief. Anfangs Januar des Jahres 1831 verließ Eduard von Neuem seine stille Wohnung und den alten Vater, ohne zu ahnen, daß er demselben das letzte Lebewohl sage. Der Feldzug in Polen beförderte den jungen deutschen Officier zum Range eines Hauptmanna, zum Adjutanten des geschickten Geniegenerals Sch . . . ., aber hielt ihn auch nach dem Ende des Krieges in Polen zurück, wo eine Menge Festungsarbeiten begannen und die Thätigkeit Eduard’s in vollen Anspruch nahmen.

Im Jahre 1834 starb der alte Forstmeister in Petersburg, und sein Sohn erhielt die Nachricht davon nur durch den gefälligen Landsmann. Sein Aufenthalt dauerte in Polen bis zum Jahre 1837. Dann schickte ihn die Regierung auf jene Reise durch ganz Europa, welche ihm schon früher mit der goldenen Medaille zugesagt war; aber er kam nicht als Hauptmann, sondern als Oberstlieutenant nach Deutschland. Natürlich besuchte er die Heimath, die Residenz seines Fürsten, dessen Minister nicht glauben wollten, daß er Oberstlieutenant sei, und deshalb seinen durch die russische Gesandtschaft in Paris mit dem neuen Range ausgestellten Paß auf eine lächerliche Weise zu Rathe zogen. Es wurde ihm die außerordentliche Ehre zu Theil, an der fürstlichen Tafel zu speisen mit den sechs Ministern des Landes; auch besuchte er seinen Bruder, der schon seit zehn Jahren als Candidat der Theologie sein Leben fristete, theils von väterlichen und brüderlichen Unterstützungen lebte und selbst allmählich die Aussicht auf eine gute Dorfpfarrerstelle verlor, weil ihm, dem ehemaligen Cicero, die Kanzelberedsamkeit in der deutschen Sprache vollständig abging. Auch den Conrector, jetzt Rector des Gymnasiums, der trotz der Beförderung ihm nicht mehr so weltgebieterisch vorkam wie vor achtzehn Jahren, besuchte Eduard; allein auch dieser machte auf den beschränkten Philister einen andern Eindruck als damals.

So schied Eduard in einem gewissen Mißmuthe, von der lieben Heimath und wurde, kaum an der Newa angelangt, zum Grafen Woronzow verlangt. Dieser war eben vom Kaiser Nikolaus zum Oberbefehlshaber der kaukasischen Armee und Generalstatthalter in Tiflis ernannt worden und suchte mehrere geschickte Ingenieure mit sich dahin zu nehmen. Woronzow setzte dem jungen Oberstlieutenant aus einander, daß am Kaukasus eine einseitige Fachkenntniß nicht hinreichend sei, ein guter Stabsofficier müsse vielmehr eben so gut Artillerist als Cavallerist sein und das Militärhandwerk im vollsten Umfange praktisch kennen. Er rieth Eduard an, ein Jahr lang nach Pawlowsk (bei Petersburg) zu gehen, in die sogenannten Musterregimenter zu treten und sich mit dem Militärdienst nach allen [272] Richtungen hin vertraut zu machen. Nach achtzehn Monaten langte Eduard am Kaukasus im Hauptquartiere Woronzow’s an, und von hier verfolgen wir seine Carrière nicht mehr im Einzelnen.

1852 verließ Schreiber dieser Zeilen Rußland für immer. Wenige Tage vor seiner Abreise ließ sich der Generallieutenant Eduard K. anmelden. „Seit sieben Jahren bin ich ohne Nachricht von meinem Bruder," sprach er; „hätten Sie wohl die Gefälligkeit, ihn in Deutschland aufzusuchen und ihm diese tausend Rubel in Gold zu überreichen?" Ich begab mich nach der kleinen Residenz und traf den Bruder des Generallieutenants K. als — Schreib- und Rechenlehrer an der Mädchenschule daselbst.

Zum Schlusse fügen wir noch hinzu, daß der General Eduard durch richtig getroffene Vorkehrungen im Jahre 1860 so glücklich war, den Plagegeist Rußlands, Schamyl, gefangen zu nehmen. In der Heimath ist sein Name vergessen, in Rußland aber glänzend in die Annalen des Krieges am Kaukasus eingeschrieben. — Wie viele seiner besten Kräfte hat Deutschland an Rußland verliehen, von Münnich, Ostermann, der großen Katharina an bis auf Diebitsch, Cancrin und den General Eduard, die in der Heimath vielleicht nie zu ihrer Entfaltung gekommen wären; wie unendlich viel ist Rußland dem deutschen Geiste, der deutschen Kraft und der deutschen Bildung schuldig geworden! —



Die Bombe kommt! Auszug aus dem Briefe unseres Specialartisten. — Gut, daß der grausame Ernst des Krieges doch auch seine gemüthlichen und ergötzlichen Intermezzos hat, daß ich Ihnen nicht immer nur Lazarethscenen und Kampfepisoden zu zeichnen brauche, sondern ab und zu auch einmal ein heiteres Stücklein schicken kann, wie meine heutige Skizze eines ist.

Es war bei Wenningbund. Die Dänen drüben erwiderten das Feuer unserer Preußen so träge und langsam, daß wir uns etwas weiter vorwagten und einige Schritte von den sogenannten Blendagen entfernten. Dies sind in die Erde gegrabene Löcher, in die sich Alles, so gut es eben gehen will, vor den feindlichen Kanonenschüssen verkriecht. Wir waren unser fünf, ein Bataillonsarzt mit seinem Assistenten, ein Artilleriehauptmann, der Berichterstatter einer bekannten großen Zeitung und ich, Ihr kriegsschauplätzlicher „Sonderkünstler" — das „Specialartist" fängt an, abgedroschen zu werden —; wir sahen uns bald die Augen aus dem Kopfe, aber Hannemann drüben blieb still und ruhig, und so gaben wir Ordre, uns den Morgenimbiß herbeizubringen, auf daß wir in unserem schweren Geschäfte eine kleine Erholungspause eintreten lassen und uns zu neuen Thaten stärken könnten. Mit einem Male ruft der Bursche, der das Pferd des Doctors hält, „Bombe!" Wetter, das schreckt uns zusammen! Und richtig, jenseits steigt aus der Schanze Nr. 2 der dichte weiße Rauchball auf, der uns schon so wohlbekannt geworden ist. Da galt’s kein Säumen mehr! Genau in 31/2 Secunden kam das Ungethüm herangedonnert, das hatten wir gründlich studirt, und nun keine Blendagen zur Hand, uns hineinzuretiriren! Also geschwind auf die Erde geworfen! Ach, wenn Sie gesehen hätten, zu welcher grotesken Gruppe sich unser kühnes Kleeblatt hinter einer kleinen Bodenerhebung zusammengekauert hatte, wenn Sie vollends bemerkt, mit welchem kreideweißen Antlitz College Journalist um sich schielte und wie er doch nicht lassen konnte, nach dem Frühstückskorbe mit dem verlockenden Flaschenhalse zu blinzeln, ob auch dieser wichtige Begleiter gehörig in Sicherheit war, — Sie hätten trotz Bomben und Granaten aus vollem Halse gelacht. Und summ! summ! saust das Mordgeschoß heran
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Die Bombe kommt.
Nach der Natur gezeichnet bei Wenningbund von unserm Specialartisten Otto Günther.

und schlägt uns zur Linken in den Boden, daß wie aus einem Krater ringsum Lehm und Rasen aufstäuben, aber glücklich hoch über unsere Köpfe wegfliegen. Gott sei Dank, auch die Rumflasche und Schinken und Wurst sind unverletzt geblieben, — und Roß und Bursche dazu, obschon das erstere noch an allen Gliedern zittert und sich hoch aufbäumt.

Erst nach länger als einer halben Minute erfolgt das gedämpfte Dröhnen des Schusses, dem wir glücklich entgangen sind und der auch sonst keinem der Unseren ein Leids gethan hat. Indeß fanden wir, nach hurtig vertilgtem Frühstück, doch für gut, vor einem ähnlichen zweiten Intermezzo das Feld zu räumen und uns in gedecktere Position zurückzuziehen. Da im Dorfe Gammelmark in einer von Officieren und Dampf erfüllten elenden Bauernstube eroberte ich mir ein Eckchen, wo ich die eben erlebte Scene brühwarm für Sie skizzirtc, und nun können Sie und alle Ihre Leser unsere classische Attitüde, Ihren „Sonderkünstler“ in seinem Urwäldlercostüme mit den gewaltigen Wasserstiefeln und den deutschen Berichterstatter in seiner vollen Glorie bewundern.


  1. Es wäre jedenfalls zweckmäßig, gedruckte Verhaltungsregeln in den Inhalationssälen anzuschlagen.
  2. Den vorstehenden Artikel verdanken wir der Feder eines Mannes, welcher, Deutscher von Geburt, im Hause des verstorbenen Kaisers Nikolaus eine der hervorragendsten und einflußreichsten Stellen bekleidete und auch als Schriftsteller eines wohlverdienten Rufes genießt. Wir äußerten dem Verfasser unsere Bedenken über die parteiische „Verherrlichung Rußlands", die wir, dem deutschen Vaterlande gegenüber, in dem sonst vielfach instructiven Aufsatze mit Recht zu erblicken glaubten und an der wir unsererseits uns nicht betheiligen mochten, am allerwenigsten in einem Augenblicke, wo das russische Verfahren gegen das unglückliche Polen die ganze civilisirte Welt mit Unwillen erfüllt. Darauf ward uns von dem Einsender des Artikels eine zwar ebenfalls ziemlich russophilisch gefärbte, doch im Ganzen so interessante und vielfach den Nagel auf den Kopf treffende Antwort, daß wir, mit Autorisation ihres Schreibers, uns nicht versagen können, einige der charakteristischesten Stellen seines Briefes wörtlich zu veröffentlichen: „Eine Verherrlichung Rußlands fällt mir dabei ebenso wenig ein, als das Lob des Herkules zu singen. Die Zustände Deutschlands Rußland gegenüber verherrlichen sich ja in diesem Augenblicke ganz von selbst, so daß, wenn die europäischen Großmächte nicht dadurch erschüttert werden, jedenfalls das Zwerchfell des Auslandes in Bewegung gesetzt wird. Was die grausame Härte Rußlands betrifft, womit es Polen behandelt, so kommt sie nicht derjenigen gleich, mit welcher einst der erste Napoleon auf Deutschland lastete, womit der dritte Napoleon das große Frankreich aussaugt, oder mit welcher einst Ludwig XIV, die Pfalz verwüstete. Der Deutsche hat immer Thränen für fremdes Unglück, nach dem seinigen fragt er nicht. Ist es einer Zeitung eingefallen, sich zu erkundigen, mit welchem Muthe die Großfürstin Alexandrine, eine deutsche, sachsen-altenburgische Prinzessin, ein Jahr lang den Dolchen, Giften, Revolvern und andern Mordversuchen ausgesetzt war? Jener englische Staatsmann hatte vollkommen Recht, als er 1814 zum Kaiser Nikolaus in London sagte: „Die Deutschen glauben an ihre Hirngespinste und ihre Bibliotheken -, sie werden weder Ihnen noch uns schaden." Rußland wird in meinem Artikel insofern verherrlicht, als es zu jeder Zeit verstanden hat, das Talent aus der Menge herauszufinden, zu fördern, zu belohnen. Die Wittwe Karamsin’s erhielt 50.000 Rubel Pension; vergleichen Sie das mit unsern Historikern, deren Ruhm und Wirksamkeit unendlich größer ist und die sich leider oft schon sehr geehrt fühlen, wenn ein Oberst oder Hofmarschall mit ihnen spricht. In Rußland ist der Mensch in einem ewigen Kampfe und er fällt oder siegt; in Deutschland endigt er ganz sicher als Philister, und würde er Bundespräsidialgesandter. Nehmen Sie diese Zeilen nicht für Kinder meiner Galle, sondern nur als eine rein deutsche Ansicht, freilich ohne jede Spur von Provinzialismus." Unseren Lesern anheimstellend, sich selbst ein Urtheil über die in diesen Mittheilungen, wie in dem Aufsatze selbst documentirte, mehr als realistische Anschauung zu bilden, müssen wir doch bekennen, daß der Brief uns viel zu denken giebt und daß jedenfalls auf Beachtung Anspruch machen kann, was ein Mann über die Zustände Deutschlands urtheilt, der nach so langer Wirksamkeit im Auslande in die Heimath zurückkehrt.
    D. Red.