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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1857
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1857) 525.jpg
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No. 39. 1857.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Honorius und sein Hahn.

Der Kaiser Roms, Honorius,
Der in Ravenna thronte,
Hatt’ einen Hahn zum Intimus,
Dem kaiserlich er lohnte.
Und weil das Thier so stolz gethan,
So nannt’ er „Rom“ den Gockelhahn,
Und wenn die Stadt nach Nahrung schrie,
So sprach er: „Speis’ ein And’rer sie –
      Ich muß den Gockel füttern!“

Gen Welschland zog Held Alarich,
Der Feldherr der Barbaren;
Das kleine Heer der Römer wich
Bestürzt vor seinen Schaaren.
„O Cäsar! Cäsar! Große Not!
Bald bleicht das stolze Purpurroth
Am Kaisermantel! Drum zum Streit!“
Der Kaiser sprach: „Noch ist es Zeit!
      Ich muß den Gockel füttern!“

Nicht lang’, und der Minister trat
Zum Kaiser sammt dem Hahne.
„O Fürst, der wilde Feind – er naht!
Ergreift des Reiches Fahne!“
Der Kaiser eilt zum Dach hinauf,
Bis zu des Thurmes goldnem Knauf.
Dann spricht er, ruhigen Gesichts:
„Was zagst Du, Freund? Ich sehe nichts! –
      Ich muß den Gockel füttern!“

Die Botschaft kam: „Bedrängt ist Rom
Durch Alarich’s Geschosse!
Schon führt der Feind zum Tiberstrom
Zur Tränke seine Rosse!“
„Genug des Wassers hat der Fluß,“
Sprach stolz gefaßt Honorius –
„Sie trinken doch den Strom nicht aus.
Mich aber, bitt’ ich, laßt zu Haus!
      Ich muß den Gockel füttern!“

Ganz zitternd naht ein Bote sich:
„O Herr! Rom ist genommen!“ –
„Wie? Rom, mein Hahn? O Alarich!
Das soll Dir schlecht bekommen!“ –
„Nein, Rom, die Stadt, das prächt’ge Rom
Ward gleichgemacht dem Tiberstrom!“ –
„Nichts weiter? Laßt es untergeh’n –
Es kann ja doch nicht ewig steh’n –
      Ich muß den Gockel füttern!“

Hermann Marggraff.


Der furchtsame Martin von Hemskerk.
Skizzenblat von Elise Polko.

Hat es auch, wie Jedermann bekannt, zu allen Zeiten und an allen Orten mitunter wunderliche Käuze gegeben, so lieferte doch sicherlich das Völkchen der Maler, Poeten und Musikanten die wunderlichsten. Man braucht nur hineinzugreifen in ihre Reihen auf’s Gerathewohl, eine jede der Schattengestalten, die man just heraufbeschwört, trägt eine Seltsamkeit, eine Eigenthümlichkeit, einen fremden Zug, wie ein wunderlich und altmodisch geschnittenes Kleid zur Schau. Und solche Sonderbarkeiten darf man bei der Beschreibung ihres Lebens und Seins eben so wenig verschweigen, als der gewissenhafte Zeichner bei Anfertigung eines getreuen Conterfeis die Fältchen [526] auf der Stirn, die Warze an der Nase, die scharfen Linien an den Mundwinkeln weglassen würde.

Die gute Stadt Harlem war am 12. Juni des Jahres 1534 in großer Bewegung. Hohe und Niedere hatten sich vereint, ein Fest zu geben zu Ehren eines ihrer Mitbürger, des vielgerühmten Meister Martin von Hemskerk, der dazumal eben erst aus Rom heimgekehrt war, um sich in seiner Lieblingsstadt niederzulassen. Die Harlemer waren stolz auf den Vorzug, den er ihrer guten Stadt gab, und wollten sich ihm dankbar erweisen. War doch der Genannte der beste Schüler des großen Meisters Johannes von Schoreel, dieses strahlenden Nachfolgers der Geschwister van Eyck; hatte er doch von ihm die Anmuth und Wahrheit der Gestalten entlehnt, und sein zartes Colorit sich in einer Weise angeeignet, daß man in der That oft Mühe hatte, die Arbeiten des Schülers von denen seines Lehrmeisters zu unterscheiden. Eigentlich war Martin von Hemskerk kein Harlemer Kind, sondern in Hemskerk, einem kleinen Dorfe unfern der Stadt, im Jahre 1498 geboren. Sein Vater hieß Jacob Willems van Veen, und war ein gewöhnlicher Bauer.

Wie denn aber in jener Zeit jedes Auge gar achtsam war auf eine etwaige Aeußerung eines Talentes für die hochgefeierte Kunst der Malerei, so hatte auch van Veen bald in den Verzierungen der Wände, die sein Sohn mit schwarzer Kohle auszuführen pflegte, den künftigen Maler gewittert, und brachte seinen Martin nach Harlem in die Lehre zu einem Maler, Cornelis Willems. Wußte er doch, daß die Bilder eines Meisters mit schwerem Gelde bezahlt wurden, und daß aus seinem derben Burschen ein Meister werden müsse, daran zweifelte er keinen Augenblick. Vergnügt überlegte er alle Tage, was er mit dem erworbenen Gelde seines Sohnes anfangen wollte, und wie er dann mit der Pfeife im Munde vom Morgen bis zum Abend vor der Thür sitzen und nichts thun könnte. Wagte dann wohl die Mutter zu sagen, daß sie Beide doch keinerlei Anrecht an das Erworbene des Kindes hätten, so fuhr er ganz wild auf und vermaß sich hoch und theuer, daß der Martin keinen Heller bekommen solle, bis er groß geworden sei. Denn daß der Martin Bilder malen lerne, könne gar nicht lange dauern, und wie sollte ein vernünftiger Vater solch blutjungem Gesellen die Taschen voll Geldes lassen!

Jeden Sonnabend, wenn er mit seinen Gänsen und Eiern nach Harlem zu Markte zog, sah er nach, ob sein Martin noch nicht auf dem directen Wege zum Meister sei, und immer schmollte und brummte er mit ihm, daß er noch kein großes Bild male.

Alldieweil nun aber, selbst in der damaligen reichen Zeit, die wirklichen Meister nicht vom Himmel fielen, sondern insgesammt harte Lehrjahre durchmachen mußten, so rieb auch der Martin Wochen lang nur Farben in der Werkstatt des Cornelis Willems, zeichnete, was ihm sein Lehrherr zu zeichnen befahl, und bemalte einstweilen nur noch mit größter Seelenruhe seine eigene Haut und seine Kleider. Van Veen wurde von Woche zu Woche mißvergnügter, und seine arme Frau hatte zu Hause schwere Zeit mit ihm.

Eines Tages erklärte er denn auch seinem erschreckten Sohne, daß er ihn binnen einem Monat wieder zurücknehmen würde in sein Dorf und Haus, wenn er nicht bis dahin ein ordentliches thürenhohes Bild zu Stande gebracht, das man verkaufen könne.

„Sein Knecht koste ihm ohnedies so gewaltig viel an Essen, Trinken und Lohn, und nun müsse er gar noch Lehrgeld für den Sohn zahlen, der doch nichts lerne, er könne und wolle das nicht länger ruhig ansehen,“ sagte er.

Und als der Monat vergangen und kein Bild fertig geworden war, mußte der arme Bursche, trotz alles Einredens seines Lehrherrn, mit dem unerbittlichen Vater wieder zurück hinter den Pflug und in den Kuhstall. War der Martin vorher aber schon ein Tolpatsch gewesen, so griff er jetzt Alles doppelt ungeschickt und verkehrt an, und der Vater hatte, trotz der derben Fäuste des Sohnes, keinerlei Nutzen, wohl aber viel Schaden von ihm. Des Scheltens, der Püffe, Stöße und Spottreden war von früh bis in die Nacht kein Ende im Hause des van Veen. Die Mutter freilich hatte großes Mitleiden mit ihm, und half ihm, wo sie nur konnte, denn eine echte Mutter breitet ihre Flügel über ihr Kind und vertheidigt es, und wenn der Habicht, der auf ihr Küchlein stoßen will, ihr eigener Ehemann wäre. – Sie war es denn am Ende auch, die ihm eines Tages den Rath gab, auf und davon zu gehen, und sein Heil in der Fremde als Schüler irgend eines Meisters noch einmal zu versuchen. Allerlei Wunderbares hatte sie ja von ihrem Martin geträumt und glaubte fest, daß er zu etwas ganz besonders Großem bestimmt sei.

Einen wohlgefüllten Schnappsack schenkte sie ihm, auch einiges Reisegeld dazu, das sie sich schon lange heimlich erspart durch allerlei Entbehrungen am Munde, küßte und segnete ihn mit reichlichen Thränen, hing ihm das Bildniß seines Schutzheiligen um den Hals, und er ließ sich’s nicht zweimal sagen, und wanderte fürbaß.

Der Vater durfte nichts merken, deshalb mußte Martin in stockfinsterer Nacht aufbrechen. Die Mutter gab ihm bis an die Hofthür das Geleit, er hätte sie gern noch weiter mitgenommen. Es war ihm gar zu übel und wehe zu Muth, so ganz allein in die weite Welt hinauspilgern zu müssen. Er war eben sein Lebtag kein Held gewesen, und fürchtete sich insbesondere ganz erschrecklich vor drei Dingen: vor großen Hunden, vor Räubern mit Schießgewehr, auch vor Schießgewehren allein, und – vor Weibern und Mädchen. Woher ihm diese letztere Furcht angeflogen, wußte kein Mensch – er selber am allerwenigsten, aber die Furcht war eben da; er ging jeder Gestalt, so einen Weiberrock und Schürze trug, aus dem Wege, so weit er konnte, und blinzelte nicht einmal nach dem Angesicht solcher Gestalt.

Als er an jenem Abend sein väterliches Haus verließ, hörte er immerfort, bald neben, bald hinter, bald vor sich fernes Hundegebell; es knallte bald hier, bald dort, und in den Bäumen flüsterte es, wie lauter Weiberstimmen. Für sein Leben gern wäre er schon in der ersten Viertelstunde wieder umgekehrt, wenn er sich vor einem Dinge nicht am allermeisten gefürchtet: vor seines Vaters dickem Knittel nämlich.

Die böse Nacht ging auch vorüber; er schlich sich vorsichtig durch Harlem bis nach Delft, allwo er in der Werkstatt eines Malers, Namens Johann Lukas, die beste Aufnahme fand.

Der Meister war unverehelicht, und das gefiel dem Mariin ganz besonders. Beide gewöhnten sich auch recht bald an einander, und der junge Bursche lernte so tüchtig, daß der Alte recht seine Freude an ihm hatte.

Mehrere Jahre blieb er da, bis der hochberühmte Johannes Schoreel nach Harlem zog, und seine Werkstatt Lehrlingen eröffnete. Da schied denn Martin von Hemskerken von seinem alten Lehrer und siedelte zu dem neuen über, der ja auch unbeweibt war und unbeweibt blieb. – Hier ging nun dem Martin eine wahrhafte Sonne auf in des vielgepriesenen Meisters gründlicher Unterweisung, und seine Fortschritte in der Malerei waren erstaunenswerth. Johannes Schoreel selbst rühmte seinen Schüler aller Orten, und freute sich seines tiefen Blicks für die Natur, so wie seiner äußerst zarten und doch schwungvollen Pinselführung.

Schon fing man an, auch um des Schülers willen die Werkstatt des Meisters aufzusuchen, als zum allgemeinen Erstaunen plötzlich Martin von Hemskerk sich von Johannes von Schoreel zurückzog, dessen Haus verließ, eine eigene Werkstatt einrichtete, und für sich allein zu arbeiten anfing. Man schüttelte die Köpfe über diese Trennung, und Uebelwollende redeten schon allerlei von dem Neid des großen Meisters wegen der Fortschritte des Schülers, man munkelte dies und jenes, das Rechte erfuhren nur Wenige.

Ein reicher Kunstliebhaber hatte nämlich für ein kleines Miniaturbild in einem Gebetbüchlein, das ihm Johannes Schoreel gemalt, dem Meister einen prachtvollen großen Hund geschenkt, von seltener Race. Das riesenhafte Thier hatte sich so schnell an seinen neuen Herrn gewöhnt, daß es ihm überall hin folgte und auch in seiner Werkstatt allezeit bei ihm blieb. Gegen jeden Andern war aber der Hund unfreundlich und zeigte häufig die Zähne, und dem Martin von Hemskerk war er gar einmal in die Beine gefahren. Das war mehr, als der Schüler Schoreel’s ertragen konnte.

Da sich der Meister nicht entschließen wollte, den Hund zu verbannen, so packte Martin seine Sachen und verließ die Werkstatt für immer. Er zog in eine ganz entfernte Straße, in das Haus eines Goldschmieds, Jan Fopsen genannt, Oheim eines seiner Mitlehrlinge, und stattlicher Junggeselle. Martin fühlte sich ganz wohl und zufrieden in seinem neuen Asyle, allwo es weder Hunde, noch Schießgewehre, noch Weiber gab.

Als nach kurzer Zeit Jan Fopsen ihn bat, ihm doch seine große Bettstelle in der Hinterstube durch seinen geschickten Pinsel zu verzieren, that er es mit Freuden, und ließ sich den Wein, den ihm der Goldschmied während der Arbeit reichlich schenkte, gar trefflich schmecken. Er malte ihm in Lebensgröße Sol und Luna, [527] auf der andern Seite auch Adam und Eva, von allerlei seltsam gestaltetem Gethier umgeben. Wer aber beschreibt seinen Zorn und Schrecken, als nach Vollendung des Kunstwerks der Goldschmied ihm schalkhaft lächelnd sagte, daß seine junge Frau ihm selbsten danken solle nach der Hochzeit, die er in acht Tagen zu halten gedenke, und zu welcher er ihn freundlichst einlade. Natürlich wartete der Martin von Hemskerk nicht so lange, sondern zog noch in derselben Woche in das Haus eines andern Goldschmieds, Jen Cornelis, eines tief betrübten Wittwers, der erst eben sein Weib begraben. Hier fand er Ruhe, freilich nur in seiner Werkstatt.

Auf den Straßen nämlich liebten es die Mägdelein, den weiberscheuen Maler weidlich zu necken. Sie faßten sich in langen Reihen unter die Arme und versperrten ihm kichernd den Weg, sie sammelten sich an den Brunnen und bespritzten ihn mit Wasser, wenn er vorüberging, sie drängten sich an den Kirchthüren zu ihm, daß er ihnen das Weihwasser reichen mußte. Es war immer ein helles Lachen und ein liebliches Flüstern hinter ihm her. Gar Manche bedauerte aber doch im Stillen, daß gerade dieser hübsche stattliche Mann ein so seltsamer Weiberfeind war, und hätte ihn für ihr Leben gern bekehrt.

Mittlerweile verbeitete sich sein Ruhm im Lande. Die Natur und Wahrheit, die Anmuth, das Leben und der Glanz seines Pinsels erweckten laute Bewunderung. Man stellte die Gebilde, die aus seinen fleißigen Händen hervorgingen, den herrlichsten Schöpfungen der Gebrüder van Eyck zur Seite. Aber nun standen Viele auf, die dem Meister so lange vorredeten, er solle und müsse sich in Rom die rechte Weihe holen, von den Schülern eines Rafael und Tizian, daß er sich endlich, erst in seinem vierunddreißigsten Jahre, entschloß, die Reise in das gelobte Land der Künste zu unternehmen.

Diesmal wurde ihm das Auswandern nicht so schwer, als damals, wie er von Hemskerken nach Delft zog. Er ließ sich ein stattliches, obwohl lammfrommes Roß satteln und ein Diener, ebenfalls zu Pferde, sollte ihn begleiten. Da ließ sich schon gut reisen. Auch hatte man ihm auf seine angelegentlichen Erkundigungen versichert, daß in Italien die Hunde bei weitem nicht so gefährlich seien, als hier zu Lande, und wegen der großen Hitze fast immer schlafend anzutreffen wären. Wegen der Räuber konnte man ihm weniger guten Trost geben; aber sein Diener war ja bis an die Zähne bewaffnet, und zu Roß ließ sich’s auch flinker das Weite suchen, als zu Fuß. Auch vor den bildschönen Weibern hatte man ihn gewarnt; er nahm sich vor, nur bei Nachtzeit seine Werkstatt zu verlassen, und immer nur zu reiten.

Ehe er Harlem verließ, malte er ein großes Bild, das er der Malergilde daselbst zum Andenken schenkte. Es stellte den Apostel und Schutzheiligen der Maler, den heiligen Lucas vor, wie er die göttliche Jungfrau mit dem Christuskinde abmalt. Die himmlische Maria hält einen reichen Teppich auf ihren Knieen und darauf sitzt das holdselige Jesuskind. Die Palette des heiligen Lucas war insbesondere so täuschend gemalt, daß man meinte, sie rage aus dem Bilde vor, und man müsse sie ihm abnehmen.

Die Köpfe und Gestalten waren voller Schönheit und Leben, der Faltenwurf so trefflich und die Farbenpracht so leuchtend, daß Alles herbeiströmte von nah und fern, um das Meisterwerk und den Schöpfer desselben zu preisen. Martin von Hemskerk aber führte seine alte halbblinde Mutter vor das Bild, die, von ihm versorgt, schon seit Jahren ein gemächliches Leben führte; der Vater konnte es freilich nicht sehen, der schlief schon lange seinen Zorn über den davongelaufenen Sohn in der kühlen Erde aus. Das Schluchzen der alten Frau, ihr stummes, fast anbetendes Händefalten vor dem Werk ihres Sohnes, das ihr doch nur wie ein wirres Farbenmeer vor den blöden Augen zitterte, däuchte ihm köstlicher als das begeistertste Lob aller seiner Freunde und Kunstgenossen.

In der alten heiligen Stadt Rom ging der schlichte Martin von Hemskerk umher wie im Traume. Alles blendete und verwirrte ihn. – Mit glühendem Eifer warf er sich auf das Studium der Antike, lebte wie ein Einsiedler, kümmerte sich um keinen seiner Landsleute, die allda lebten und malten, und nahm an keinem ihrer Feste und Lustgelage Theil, aus Furcht, Zeit zu verlieren oder gar den gefährlichen italienischen Weibern in die Hände zu fallen. Den ganzen Tag malte und zeichnete er nach den herrlichen Ueberresten der antiken Baukunst, nach Statuen und Basreliefs und beschäftigte sich mit den Schöpfungen Michel Angelo’s, die ihn vor allen anderen wunderbar fesselten und entzückten. Wie in einem Fieber lernte, schaute und schaffte er, und seine einzige Erholung waren abendliche Spazierritte mit seinem alten Diener.

Dies gleichmäßige stille Leben in der ruhelosen Riesenstadt wurde aber doch durch einen heftigen Schrecken unterbrochen: Martin von Hemskerk, Martin Tedesco genannt, mußte erleben, daß man ihm aus seiner wohlverschlossenen und verwahrten Werkstatt zwei der besten Bilder aus den Blendrahmen raubte, so wie auch andere werthvolle Zeichnungen. Nun war es um seine Ruhe geschehen. Zwar gelang es den angestrengten Bemühungen einiger gefälliger Landsleute, so wie den Nachforschungen seines hohen Gönners, eines kunstsinnigen Cardinals, den größten Theil der verlorenen Schätze wieder zu erlangen, aber der arme Martin war nicht wieder zu beruhigen. Es knallte wieder Tag und Nacht vor seinen Ohren, Dolche aller Art blitzten ihm in die Augen, Räuber und Mörder lugten aus jedem Winkel hervor, alle schlafenden Hunde Roms waren plötzlich aufgewacht und bellten, auf den Treppen zu seiner Werkstatt rauschte es von Weiberröcken, – kurz, er ertrug es nicht länger. Zwar waren ihm noch bedeutende Aufträge geworden, die er auszuführen gelobt, er ließ sie aber, so sehr er sonst das Geld liebte, ohne Seufzer im Stich, vollendete nur noch die Gemälde, die er für den Einzug Karls V. in Rom Grau in Grau malte, packte dann sein Hab und Gut zusammen und that nicht eher wieder einen freien Athemzug, als bis er wieder zu den Thoren des friedlichen Harlem hineinritt. – Hier war nun, wie schon am Eingang dieser kleinen Geschichte erwähnt, große Freude über den Heimgekehrten, der nun auch allsogleich in seiner Werkstatt verschiedene Bilder, die er in Rom gemalt, zum Staunen von Jung und Alt aufstellte. – Das war nun vornehmlich ein überaus herrliches Bildniß des Kaisers Karl V. in voller Rüstung, dann eine andere Tafel, die Auffindung des heiligen Kreuzes durch die Kaiserin Helene vorstellend. Auch einen heiligen goldlockigen Johannes mit einer wunderbar schönen heiligen Katharina, eine Kreuzigung mit einer in Schmerz zusammengebrochenen Mater dolorosa, und einer lieblichen heiligen, von Thränen erschöpften Magdalena, in einem Gewande von roth und blau schillernder Seide, wie es eben die italienischen Maler zu malen pflegten.

Das prachtvolle Fest, ein Schmaus, der bis in die tiefe Nacht währen sollte, und dazu die Vorstellung eines Schauspiels, das die Rhetoriker der dortigen Schule ihm zu Ehren aufführen wollten, gab schon im Voraus viel von sich zu reden. Waren doch die Frauen davon ausgeschlossen, da man wußte, wie bitterlich der Meister sie verabscheute. Das gab böse Blicke aus schönen Augen und scharfe Reden von süßen Lippen.

Nun war zu dieser Zeit ein reicher Bürger in Harlem, Conninghs mit Namen, der hatte ein einziges wunderschönes Töchterlein, Maria geheißen. Sie war die Rose in dem Garten seines Herzens, und wenn sie ihn bat mit den Augen seines heißgeliebten frühverstorbenen Weibes, so war es wohl nicht leicht zu denken, daß er ihr etwas abzuschlagen vermocht hätte. Diese allerliebste sechzehnjährige Kleine wünschte denn nun von ganzem Herzen, den berühmten Meister von Angesicht zu Angesicht einmal recht behaglich anzusehen, wozu sich sonst gar keine Gelegenheit darbot, da der Martin von Hemskerk sich nie von Weiberaugen anschauen ließ. Und sie ließ nicht ab mit bittender und schmeichelnder Rede und Kosen und allerlei lieblicher Verführung, um den Vater zu bewegen, sie, „auf ein Stündlein nur“ gegen Abend, in Pagenkleidern einzulassen in den großen Saal des Stadthauses, allwo das Fest gefeiert werden sollte. – Und es geschah auch wirklich, was sie ersehnt. – Der schönste aller Pagen drängte sich keck durch die Menge bis in die Nähe des Meisters. Aber just als die großen blauen Augen der holdseligen Maria sein Antlitz trafen, begegneten sie seinen Blicken, dunkeln, forschenden Blicken aus prächtigen, großen Maleraugen – und da war’s um Beide geschehen!

„Führt mir doch den schönen Pagen dort zu!“ sagte der Meister. „Nie sah ich ein lieblicheres Engelsgesicht, ich will ihn malen!“

Und den ganzen Abend durfte Maria nicht mehr von seiner Seite, sie mußte ihn bedienen und bei ihm stehen, und der Meister richtete mehr Fragen und freundliche Worte an die Erröthende, als an alle die reichen und vornehmen Herren, die sich um ihn drängten. Vater Conninghs schwitzte indessen große Tropfen Angstschweißes bei all’ den forschenden neugierigen Blicken, die auf sein Kind fielen, [528] das wohl auch jetzt einsehen mochte, wie keck es gewesen. – Und als hie und da Einer oder der Andere sich herandrängte, dem bildhübschen Pagen recht in’s Gesicht starrte, über seine Wangen strich, oder gar sein Kinn emporhob, um das Gesichtchen betrachten zu können, da kam die mädchenhafte Scheu und Angst über sie und, über des Meisters Sessel geneigt, bat sie flüsternd:

„Herr, laßt mich hinweggehen, es wird mir so beklommen hier!“

Und als er ihr verwundert, aber freundlich zum Abschiede die Hand reichte, sah er Thränen in den wunderlieben Augen. Dann hing sich der vermeintliche Page an den Arm des alten Conninghs und verschwand.

Martin von Hemskerk hatte die schlechteste Nacht in seinem Leben. Der schöne Page tanzte vor seinen Augen unablässig auf und ab – aber – o Graus – er trug einen Weiberrock und statt des Barettleins mit der nickenden Feder darauf, hatte er eine Schneppenhaube aufgesetzt. Und sie stand ihm noch zehntausend Mal schöner!

Mit dem frühen Morgen erschien mit einem Armensündergesicht Vater Conninghs, berichtete Alles und bat den Meister im Namen seines Kindes um Verzeihung.

„Sie ist ganz zerknirscht über ihren wunderlichen Streich,“ sagte er, „sie weint unablässig und wenn ich ihr Eure Vergebung nicht bringe, edler Meister, so geht mir vielleicht gar mein einzig Kind in ein Kloster.“

Lange stand der Meister unschlüssig da. Es kämpfte Allerlei in seinem Herzen. Der schöne Page blieb als Sieger.

„Ich will ihr meine Verzeihung selber bringen!“ erwiderte er endlich.

Freudestrahlend ging der wackere Bürger heim.

Und das Wunder geschah. Martin von Hemskerk ging wirklich in das Haus Conninghs’ hinein, nachdem er zwei Mal an der Schwelle umgekehrt. – Als er aber die holdselige Maria gesehen in ihrem weiten faltigen Kleide, das auf die kleinen Füße niederwallte, in der goldenen Schneppenhaube, die ihr in der That zehntausend Mal schöner stand, als das Barettlein, – da begriff er seine Furcht nicht mehr, und als er wieder heimkehrte, war er – ein strahlend froher Bräutigam und hatte die reinsten süßesten Lippen der Welt geküßt.

Kaum sechs Wochen nachher feierte er seine glänzende Hochheit mit der Rose von Harlem. – Aber, es war als sollte ihm nun eine Strafe werden für seine lange Verachtung der schönsten Blumen auf Erden, – Gott brach ihm seine holde Rose, sein junges, zärtliches Weib, als sie ihm das erste Töchterlein geboren, und auch das Kind nahm er mit der Mutter in den Himmel. – Da war nun Jammer und Leid, allwo Freude und Glück gewohnt. Der Meister trauerte tief und schwer. – Er malte zwar nun eifriger denn zuvor, er schloß sich sogar in seine Werkstatt ein und ließ Niemanden zu sich, aber seine Freunde schüttelten die Köpfe über seine fertigen Bilder und nur die große Menge bewunderte sie, weil sie – von Meisterhand kamen. – Es war etwas Fremdes, Verzerrtes, Unwahres in den Gestalten, etwas Grelles in den Farben. Jener Martin von Hemskerk, der den heiligen Lucas und den prächtigen Kaiser Karl gemalt, war – mit der schönen Maria gestorben. Die Menge aber schrie desto lauter, je unnatürlicher seine Bilder, und vielleicht betäubte ihn dies Letztere, daß er sich immer tiefer in die Unnatur hinein malle und zuletzt sich selbst ganz und gar verlor. – Seine früheren Bilder verwarf er. Einer seiner Schüler fragte ihn einmal, warum er denn früher so ganz anders gemalt, da gab er ihm barsch zur Antwort:

„Damals wußte ich nicht was ich that, damals war ich Sclave, jetzt bin ich freier Herr!“

Viele seiner Freunde sagten:

Rom hat ihn verdorben!“

Andere sahen tiefer und erkannten, daß der erste heiße Schmerz diesen klaren Sinn, dies freie Auge umwölkt. – Ach, nicht viele werden von den Wellen solchen Schmerzes an ein Eiland seliger Ruhe getragen, allwo sie neu aufleben und größer und thatenreicher werden können, die meisten Herzen gehen in solchen Stürmen unter. Eines oder das Andere versucht wohl im Kampfe mit den grausamen Wellen nach den goldenen Sternen zu greifen, die so fest und hell über ihm glänzen, – Manchem gelingt der Griff und er schwingt sich empor, – – die Meisten versinken aber doch ohne Rettung.

Martin von Hemskerk war unter ihnen. – Er schien für nichts mehr Sinn zu haben, als recht viel Geld zu sammeln, und er wurde reich und immer reicher, denn seine Bilder verkauften sich des Namens wegen immerhin sehr glänzend.

Aber es sollte noch trauriger mit ihm werden. – Etwa zwei Jahre nach dem Tode seiner wunderschönen Maria geschah es dem Meister, daß er eines Morgens der Harlemer Schützengilde in den Weg lief, die gerade ihren Umzug hielt. Die blitzenden Büchsen kamen ihm plötzlich so absonderlich drohend vor, seine alte Furcht zog ihm so fest ein schwarzes Tuch über den Kopf, daß er blitzschnell Kehrt machte und in der Angst seines Herzens in eine Kirche hineinlief, was ihm sonst nicht absonderlich oft in den Sinn kam, obwohl ihn seine Mitbürger schon längst zum Kirchenrath gemacht hatten. –

Da rannte er denn einer alten Jungfer, die mit dem Meßbüchlein in der Hand gar ehrsam dahertrippelte, schnurstracks in die Arme. Die erhob denn auch allsogleich, trotz des heiligen Ortes, ein durchdringendes Zetergeschrei und drohte in einem nie enden wollenden Redefluß mit Klage und harter Strafe und ließ dabei den Arm des zu Tode erschrockenen Meisters keinen Augenblick los. Neugierige drängten sich herbei und standen lachend umher. Plötzlich erbarmte sich ein Schalk des bedrängten Martin und flüsterte ihm Einiges in’s Ohr Gleich darauf neigte sich der Meister zur Jungfrau und redete leise eine Weile zu ihr. Seine Worte wirkten wunderbar, denn die wüthende Löwin verwandelte sich zur Stelle in ein sanftes Täublein. Die Andern erfuhren des Räthsels Lösung eine Woche nachher, wo der Martin von Hemskerk die steinreiche Jungfrau Brigitta zum Altare und nachher als Ehegemahl in sein Haus führte. – Er war kaum drei Tage mit ihr verehelicht, so wußte er mit einem Male, weshalb er sich all’ sein Lebtage so vor den Weibern gefürchtet.

Eine gute Natur muß er aber gehabt haben, der Meister Martin, denn er ließ sich von seinem Weibe martern und quälen Tag und Nacht und wurde doch 76 Jahre alt dabei. An seinem 74sten Geburtstage erlöste ihn erst der Engel der Barmherzigkeit von seinem Plagegeiste.

Von Stund’ an wurde Martin von Hemskerk ein Andrer. Er legte seinen Pinsel zur Ruhe und bestellte sein Haus. Von all’ seinen Bildern waren nur noch Wenige in Harlem, die Spanier, als sie im Jahre 1572 die Stadt belagerten, hatten all’ dergleichen als gute Beute mit fortgeschleppt. – Aber eine Verkündigung Mariä war noch da, allwo die Gestalt des Engels Gabriel sich im Marmorgetäfel des überaus kunstvoll gemalten Fußbodens so klar spiegelte, als stände sie auf durchsichtigem Eise. Auch den heiligen Lucas, den er damals für die Malergilde gemalt, hatte man gerettet. Lange stand der Meister sinnend vor diesen seinen beiden so verschiedenen Schöpfungen.

„Es war doch besser so!“ sagte er endlich zu seinem Freunde und Schüler Jacob Rauwaart und zeigte mit dem Finger auf die Apostelgestalt.

Hab’ und Gut vermachte er den Armen und der Kirche. Insbesondere setzte er eine große Summe Geldes aus zur jährlichen Ausrüstung eines liebenden Paares am Marientage. Seinen Eltern ließ er ein prachtvolles Denkmal setzen auf dem alten Kirchhofe von Hemskerk und bestimmte ebenfalls ein Capital für die Erhaltung dieser Ruhestätte auf ewige Zeiten.

Sein eigenes Grab ließ er sich neben seiner Maria rüsten, die ehemalige Jungfer Brigitta lag weit davon, er hatte ihr einen recht schweren Stein auf’s Grab legen lassen, den allerlei Genien festzuhalten schienen mit all’ ihren Kräften.

Noch am letzten Septembertage wanderte er hinaus auf den Friedhof, in den Blumengarten, in welchem Maria schlief mit seinem Kindlein. Die Rosen waren an ihrem Hügel schon verblüht, nur ein halberschlossenes Köpflein nickte noch ihr zu Häupten. Er brach es und wanderte langsamen Schrittes wieder heim.

Am Morgen des ersten Oktobers 1574 fand man den hochberühmten Meister Martin von Hemskerken auf seinem Lager todt. – In der Hand hielt er eine herrlich erschlossene Rose und auf seinen Lippen stand das Lächeln derer, die den Ruf des Herrn vernahmen:

„Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen!“



 

[529]
Nr. 16.
Die Gartenlaube (1857) b 529.jpg

Wiegenlied.

Schließe, mein Kind,
Schließe die Aeugelein zu,
Leise und lind
Sing’ ich dich ein zur Ruh’.

Mütterlein wacht,
Schlafe, mein Kind, schlaf’ ein –
Manch bange Nacht
Werd’ ich nicht bei Dir sein.

Wenn Du dann weinst,
Denke zum Troste mein,
Die Dich dereinst
Sang in den Schlummer ein.

Albert Traeger.




Tod und Scheintod.

Wenn wir gestorben sind (s. Gartenl. 1857. Nr. 35.) löst sich unser Körper nicht etwa in Nichts auf, obschon wir nach einiger Zeit auch nicht das Geringste mehr von ihm auffinden können, sondern alle seine Bestandtheile dauern, nur in anderer Gestalt, fort. Dasselbe ist auch nach dem Tode der Pflanzen und Thiere mit dem Körper dieser Organismen der Fall. Dies geht so zu. Ist mit dem Tode der Stoffwechsel (das Leben mit seinen Erscheinungen) erloschen, dann wirken die Körperstoffe unter sich und gleichzeitig auch die Stoffe der Außenwelt (vorzüglich der Sauerstoff der atmosphärischen Luft) auf jene so ein, daß unter Zerstörung der menschlichen (thierischen oder pflanzlichen) Form neue luftförmige, flüssige und feste Materien sich bilden, welche theils in der Atmosphäre, theils im Wasser und im Erdboden vertheilt, von Pflanzen und Thieren verzehrt und dadurch selbst zu Pflanze und Thier werden (s. Gartenl. 1854. Nr. 30. Vergehen und Auferstehen der Materie). Insofern ließe sich allenfalls auch von einer Seelenwanderung sprechen, natürlich immer mit der Voraussetzung, daß man Seele in unserem Sinne nimmt und nicht etwa Seele und Geist für gleichbedeutend hält (s. Gartenl. 1857. Nr. 35). Eine schöne Sitte ist es deshalb auch, die Gräber seiner Lieben mit Blumen zu bepflanzen, da in diesen stets Theilchen der Verstorbenen zu neuem Leben erstanden sind. Ich wünschte freilich, daß die Stätten der Todten lieber mit Nahrungspflanzen (Getreide und Hülsenfrüchten), die hier vortrefflich gedeihen, [530] bepflanzt würden, um damit den Hunger und so die Thränen armer Lebender zu stillen. Wie mancher im Leben nichtsnutzige Patron könnte so im Tode nutzbringend werden.

Ehe nun aber der Körper eines Gestorbenen mit Hülfe der Fäulniß, Verwesung oder Vermoderung (s. Gartenl. 1854. Nr. 30.) zerstört und in Luft, Wasser und Asche aufgelöst wird, stellen sich in ihm eigenthümliche Erscheinungen ein, welche gewissermaßen den Uebergang vom Sein zum Nichtsein bilden und die man Leichenerscheinungen nennt. Sie zeigen sich in Etwas verschieden nach dem Alter, der Krankheit, der Todesart, der Blutbeschaffenheit und der Umgebung des Verstorbenen, sowie nach der Zeit, welche seit dem Tode verstrichen ist. Man findet sie ebenso im Innern, wie am Aeußern des Todten; nur die letzteren sollen hier etwas weiter besprochen werden.

Bald nach dem Tode, bei noch warmer Leiche, tritt zuerst der eigenthümliche Leichengeruch mit der Leichenblässe der Haut auf; jener verschwindet mit dem Eintritt der Todtenkälte, diese, welche nach den verschiedenen vorausgegangenen Krankheiten verschiedene Nüancirungen von Weiß und Gelb zeigt und auf der Gänsehaut Erfrorener und Ertrunkener am ausgeprägtesten ist, hat ihren Grund in der Entleerung der feinern Blutgefäße der Haut von Blut, welches theils in Folge der letzten Zusammenziehungen der Pulsadern und Haargefäße in die Blutadern getrieben wird, theils sich innerhalb der Aederchen nach den abhängigsten Theilen des Leichnams senkt. Durch diesen letzteren Umstand, durch die Senkung des Blutes, sowie durch den Austritt von blutigem Wasser aus den Aederchen, entstehen auch sehr bald (sechs bis zwölf Stunden) nach dem Tode an jenen tieferen Stellen (also besonders am Rücken, wenn nämlich die Leiche auf dem Rücken liegt), nach der Menge, der Farbe und der Dick- oder Dünnflüssigkeit des Blutes, hellere oder dunklere, blaurothe oder blaßviolette, unregelmäßige, mehr oder weniger ausgebreitete Flecke, die man Todtenflecke nennt und die vom Laien, zumal wenn sie sehr dunkelblau und ausgebreitet sind, mit Unrecht einem Schlagflusse zugeschrieben werden. – Beim Erkalten der Leiche, welches etwa drei bis vier Stunden und früher nach dem Tode beginnt, aber erst nach fünfzehn bis zwanzig Stunden und sogar noch später vollständig eingetreten ist, werden die bis dahin schlaffen Muskeln mehr oder weniger fest und starr und zwar findet dieses Starrwerden, die Todtenstarre genannt, von oben nach unten statt. Denn zuerst wird der Unterkiefer, welcher vorher herunterhing, straff angezogen und dadurch der Mund fest geschlossen; sodann beugt sich der Vorderarm etwas und der Daumen schlägt sich ein; schließlich entsteht eine mäßige Beugung im Knie und der Fuß dreht sich etwas einwärts. In derselben Folge, wie sie begann und sich ausbreitete, verschwindet die Todtenstarre auch wieder und zwar, in Folge der beginnenden Fäulniß, nachdem sie um so länger angedauert hatte, je später sie eintrat. In der Regel stellt sich diese Starre, welche nicht wieder erscheint, sobald der zusammengezogene harte Muskel gewaltsam ausgedehnt wurde, in den ersten achtzehn Stunden nach dem Tode ein und hält 26 bis 48 Stunden an; sie bleibt nie ganz aus und ist vorzüglich bei schnellem Tode und robusten Personen stark. Mit dem Ende der Todtenstarre wird die Fäulniß bemerkbar. – Wegen des durch den Tod herbeigeführten Verlustes der Spannkraft in dem Fleische und der Haut plattet sich die Leiche da, wo sie aufliegt, ab und das Gesicht, besonders aber die Augen, deren Hornhaut sich runzelt und Bindehaut vertrocknet, fallen ein. – Daß nach dem Tode Haare und Nägel noch fortwachsen sollen, ist Unsinn; etwas länger können allerdings beide erscheinen, weil der weiche Boden, auf dem sie stehen, erstarrt und einsinkt.

Der Scheintod (Asphyxie d. h. Pulslosigkeit) ist der höchste Grad der Ohnmacht, bei welchem fast alle Lebenserscheinungen, trotzdem daß der Lebensproceß selbst (der Stoffwechsel) noch nicht aufgehört hat, verschwunden zu sein scheinen. Denn das Bewußtsein und die Empfänglichkeit der Sinne ist erloschen, Herz- und Pulsschlag nicht mehr fühlbar, alle Bewegungen sind aufgehoben und das Athmen ist nicht wahrzunehmen. Uebrigens gleicht das Aussehen des Scheintodten fast ganz dem eines Todten: die Haut ist bleich und kalt, das Gesicht und die starren Augen mit unbeweglicher Pupille eingefallen; es könnten selbst bläuliche, den Todtenflecken nicht unähnliche Flecken auf der Haut sichtbar und sogar eine Muskel-Starre vorhanden sein. Alles dies kann nun zwar den Laien und unwissenden Heilkünstler veranlassen, den Scheintodten für einen wirklichen Todten anzusehen, niemals aber den wissenschaftlich gebildeten und gewissenhaft untersuchenden Arzt. Denn dieser wird sehr bald bei einem Scheintodten finden: daß im Herzen entweder beide Töne zu hören sind oder doch wenigstens der eine von beiden hörbar ist, wenn auch nur sehr schwach und in weiten Zwischenraumen von einander. Wo diese Töne (die nicht etwa mit dem Herzschlage zu verwechseln sind) beim Behorchen der Herzgegend (durch das Stethoskop) länger als fünf Minuten auf sich warten lassen, da ist sicherlich der Blutumlauf und mit diesem der Stoffwechsel, also das Leben, aufgehoben.

Außer durch das Fehlen der Herztöne zeichnet sich der Todte vom Scheintodten aber auch noch durch die echte Todtenstarre aus, welche sehr leicht dadurch zu erkennen und von einer krampfhaften Starre zu unterscheiden ist, daß sie, wo sie durch gewaltsames Strecken der Glieder aufgehoben wurde, niemals wiederkehrt. Ueberdies läßt sich auch noch durch das Verhalten des Auges der wahre Tod erkennen, denn bei diesem ist die Binde- und die Hornhaut eingetrocknet und gerunzelt. – Will man zum Ueberfluß noch Proben auf den wahren Tod machen, so reibe man die Haut mittels eines in kaustischen Salmiakgeist getauchten Lappens so lange, bis die Oberhaut abgerieben ist; bei der echten Leiche trocknet die entblößte Stelle pergamentartig aus, beim Scheintodten wird sie feucht und roth. – Das allersicherste Mittel, um Zweifel zu heben, ist: die Fäulniß, deren Beginn sich durch üblen Geruch und grüne Flecke auf der Haut sofort zu erkennen gibt, dadurch zu fördern, daß man den Gestorbenen im warmen Bette und Zimmer liegen läßt, bis die Fäulnißzeichen eintreten. – Die Versuche mit elektrischen und galvanischen Apparaten, um den Scheintod vom wahren Tod zu unterscheiden, sind theils trügerisch, weil noch Reizbarkeit der Muskeln gegen Elektricität vorhanden sein kann ohne Lebensfähigkeit, theils gefährlich, weil starke und unzweckmäßig geleitete Einwirkungen der Elektricität leicht den schwach noch glimmenden Lebensfunken ganz auslöschen können.

Die Zeichen des Wiederaufwachens aus dem Scheintode sind: eine Spur von vermehrter Wärme in der Magengrube, Anlaufen eines vor den Mund gehaltenen Spiegels, Zittern einer vor den Mund gehaltenen Flaumfeder, Empfindlichkeit (Zusammenziehen) der Pupille gegen ein in die Nähe gebrachtes Licht, Rothwerden der frottirten Hautstellen, leichte Zuckungen der Gesichtsmuskeln und Augenlider, ein allmählich sich verstärkender Puls- und Herzschlag, geringe Hebung und Senkung der Brust, die am ersten durch ein auf die Brust gesetztes Glas Wasser erkannt wird. – Bei der Behandlung des Scheintodes muß darauf hingewirkt werden: theils das Nervensystem wieder zu beleben: durch Hautreize, Reibungen, Riechmittel, Wärme, Elektricität u. s. f.; theils das Athmen wieder herzustellen: durch Lufteinblasen, künstliche Athmung, Luftzufächeln, kalte Anspritzungen, Niesmittel; theils den Blutlauf wieder in Gang zu bringen: durch Aderlaß und Reizmittel. Hierbei kommt es jedoch darauf an, die richtigen für den besondern Fall passenden Mittel in passender Weise anzuwenden. (Davon später.)

Die Dauer des Scheintodes ist sehr verschieden und kann nur aus solchen Fällen gefolgert werden, wo die Lebensäußerungen wiederkehrten, während die Anzahl der Fälle, wo der Scheintod in wirklichen Tod unmerklich überging, sich gar nicht bestimmen läßt. Beispiele, wo Menschen mehrere Tage für todt gehalten werden konnten, ohne es zu sein, gibt es, und lassen sich glauben, während solche Fälle, wo dieser Anschein über acht Tage gedauert haben soll, zu bezweifeln sind. Daß in einzelnen Fällen trotz des todähnlichen Zustandes das Bewußtsein und die Sinnesthätigkeiten, namentlich das Gehör, sich erhielten und der Scheintodte Alles, was um ihn herum vorging, bemerkt, so aber das Peinliche seines Zustandes im vollen Maße gefühlt haben soll, ohne im Stande zu sein, durch irgend ein Merkmal zu zeigen, daß er noch lebe, – das glaube ich erst dann, wenn ich selbst auf solche Art einmal gescheintodet habe. – Zur Verhütung des Lebendigbegrabenwerdens scheintodter Personen dient besonders das Verbot des allzufrühen Beerdigens der Leichen (Beerdigung erst nach Eintritt der Fäulniß) oder eine gewissenhafte Todtenschau durch ärztlich gebildete Personen.
Bock.



 

[531]
Die zehnte Muse.




Unter den Vereinigungspunkten der literarischen Geister von Paris gab es bis vor drei Jahren unstreitig keinen liebenswürdigeren, als den Salon der Frau von Girardin, die Muse Frankreichs oder auch die zehnte Muse genannt und die Gemahlin des großen industriellen Genies Emil von Girardin.[1]

Frau Delphine von Girardin war ein feiner, mit unendlicher Liebenswürdigkeit begabter Geist; der Reiz ihrer Unterhaltung hatte etwas Märchenhaftes und schien keine Ermattung zu kennen; alle Welt liebte sie und Niemand konnte ihr grollen, selbst wenn ein feiner Witz ihr entschlüpfte, dessen Stachel oftmals verwunden mußte. Glaubte sie Jemanden gekränkt zu haben, so erheiterte sie bald wieder seine Züge durch den Reiz sinniger Entschuldigungen, daß man denjenigen beneiden mochte, dem die Kränkung ein Recht gegeben hatte, der französischen Muse grollen zu dürfen, und der nun dankbar dafür war, weil so lieblicher Balsam in seine Wunde gegossen wurde. Delphine von Girardin kannte in ihrer Liebenswürdigkeit keinen Unterschied; sie hatte den Ehrgeiz, von Jedermann reizend gefunden zu werden, und auch die Befriedigung, ihren Wunsch in hohem Maße erreicht zu sehen.

Das geistreiche Weib, welches, als ich es 1851 zum zweiten Male wieder sah, bereits in der Mitte der vierziger Lebensjahre stand, durfte immer noch als eine Schönheit erscheinen, von der die Männer augenblicklich entwaffnet sind. Nicht allein die Feinheit und Regelmäßigkeit ihrer Züge bezeichneten sie als eine der Begünstigtsten ihres Geschlechts, sondern der Geist und der hohe Esprit, welcher der edlen Physiognomie aufgedrückt war, legten jenen magischen Reiz um diese Gestalt, der die Frauen sogleich in den Augen der Männer der menschlichen Sphäre entrückt und diesen zur Aufgabe macht, sie mit der Schönheit der von Poesie, umkleideten Göttinnen Griechenlands zu vergleichen. Die Majestät ihres Geistes, die von ihrem Antlitz strahlte, gewann durch die großen blauen Augen mit dem unendlichen Reiz und der innigsten Sanftmuth einen lieblichen Charakter, und dazu ein reiches, prächtiges Haar, das in blonden Locken herabfiel und ihr den Anschein einer deutschen Rittersfrau verlieh. Wenn ich nicht irre, so ist sie in Aachen geboren worden oder doch getauft; ihre Mutter Sophie Gay, welche an einen Generalpächter des Ruhrdepartements verheirathet war, wohnte lange in Aachen, und Frau von Girardin, welche leidlich deutsch verstand, erzählte manches aus jener frühesten Zeit ihrer Kindheit, wo sie in dem Salon ihrer Mutter mancher deutschen Celebrität begegnete; eine besondere Vorliebe schien sie für den Fürsten von Pückler-Muskau bewahrt zu haben, dessen Bekanntschaft sie schon als sehr junges Mädchen machte. Im Grunde so hervorragend durch den Schönheitstypus des deutschen Wesens, mit einer breiten und klaren Stirn, einem zierlich geformten Munde, hinter dem wie zwei Reihen Perlen der weiße Schmelz der Zähne leuchtete, konnte man sich nicht satt sehen an der zarten Weiße ihrer Haut, an diesen schön gerundeten Schultern, die der liebenswürdige Béranger mit denen der Venus verglich, an ihrem sanft anschwellenden Arm und an jenem Reiz des Lächelns, welches Chateaubriand für das eines Engels hielt. Alles, was diesen Vorzügen das glänzendste Licht verleihen konnte, war ihr gegeben; ein Geschmack der Toilette, der in den guten Kreisen häufig nachgeahmt wurde; eine Grazie des Benehmens, welche sich zugleich mit feinem Tact nach den Regeln der Etikette formte, wenn diese durch den Rang einer Person nöthig war, und eine Freundlichkeit des Empfanges, die keine Laune verändern, keine Stunde wechseln konnte.

Als ich acht Monate früher unter dem algierischen Zelt, welches in der Mitte ihres reizenden Gartens stand und in dem sie während des Sommers arbeitete und Besuche empfing, mich von der wohlwollenden Frau verabschiedete, um nach Schleswig-Holstein zu reisen und den letzten Feldzug mitzumachen, machte sie mir arge Vorwürfe, die Sicherheit einer angenehmen Stellung mit dem Ungefähr eines etwas abenteuerlichen Dranges vertauschen zu wollen.

„O ja, Madame,“ entgegnete ich, „in Frankreich glaubt man gar nicht, daß es in Deutschland auch Vaterlandsliebe gebe, und besonders setzt man dergleichen Gesinnungen nicht bei den Personen voraus, welche Frankreich zu bleibendem Aufenthalte erwählt haben.“

„Ah, ah! Sie haben nicht ganz unrecht,“ erwiderte sie; „aber die Schuld liegt bei den Deutschen selber, mon pauvre garçon; sie begeistern sich stets, wenn es zu spät ist.“

„Das mag Erbfehler sein; aber meinen Sie denn, Madame, daß es schon zu spät sei, sich für die deutsche Sache der Schleswig-Holsteiner zu begeistern?“

„Vielleicht.“

„Wie so vielleicht?“

„Mir scheint es, als wenn sich diese Affaire nicht des Opfers verlohne, welches Sie bringen wollen. Der Krieg wird zu Ende sein, noch ehe Sie dort ankommen und, das vermuthe ich wenigstens, er wird Sie sehr abkühlen.“

„Gleichwohl, ich werde hinreisen; mir scheint es ganz, als schlage dort im Norden Deutschlands und bei den alten Friesen das neue Deutschland wieder Wurzel.“

„In diesem Falle wird sich schon Jemand finden, der sie ausreißt.“

„O, wie denken Sie von der Zukunft Deutschlands!“

„O, was sind Sie für ein Querkopf,“ entgegnete sie köpfschüttelnd.

Als eine tête carrée nahm ich damals Abschied von Frau von Girardin, und als ich jetzt wieder der Rue Chaillot zuschritt, um mich der graziösen Frau vorzustellen, machte ich allerhand Glossen über die eingetroffene Wahrheit dessen, was sie damals vorausgesehen hatte. Auch schien sie den Abschied nicht vergessen zu haben und empfing mich mit dem Gesicht eines Menschen, der die Bestätigung seiner Prophezeihung erwartet.

„Eh, Monsieur,“ rief sie bedeutsam aus, nachdem sie mich mit freundlichem Wohlwollen empfangen hatte „Ihr Deutschland ist also ganz todt?“

„Durchaus nicht,“ entgegnete ich ernst.

„Wie, Sie leugnen dies und kehren doch zurück?“

„Ja, ich kehre zurück, aber Deutschland ist ganz regelrecht gestorben.“

„Elle est donc morte, comme je vous disais?“

„Non, madame, elle est mourue.“

Die beiden Empfangs-Salons im Parterre der Villa, welche sonst einem griechischen Tempel von Außen ähnelt, waren noch in demselben Zustande, wie vor acht Monaten. Die Meubles boten nichts von Eleganz und Reichthum, den man sonst in den feinen Salons anzutreffen pflegt; die Tapeten waren dagegen eleganter und von besserem Geschmack, als die früheren. Lächelnd zeigte Frau von Girardin darauf hin.

„Sie wissen, daß ich in meinem Hause nicht zu Hause bin; aber mein Mann hat in guter Laune neue Tapeten gekauft.“

Der speculative Girardin hatte nämlich dies Haus mehrere Jahre früher um ungemein billigen Preis gekauft und lauerte nur auf die Gelegenheit, es mit Gewinn wieder zu verkaufen. In Folge dessen zeigte er sich sehr geizig, irgend Etwas an seine Wohnung zu wenden. Als Besitzer eines der größten Journale und mit Einfluß bei einigen hochgestellten Personen konnte Girardin sehr gut dergleichen Speculationen zu seinen Gunsten dirigiren. Er fing an, in seinem Journal die Nothwendigkeit eines neuen Straßenbaues in der Gegend auszuposaunen, in welcher sich sein Haus befand; sein Einfluß brachte es dahin, daß die Regierung vielleicht in der Nähe eine Fabrik oder eine Anstalt errichtete, so daß der Grund und Boden einer früher öden Gegend bald erhöhten Werth bekam und der schlaue Industrielle alsdann sein Eigenthum mit drei- und vierfachem Vortheil verkaufen konnte. Die Villa der Rue Chaillot war auf diese Weise seit einigen Jahren bereits im Preise gestiegen.

In den kleinen Salons der Frau von Girardin versammelte sich noch immer die alte Gesellschaft; fast niemals fand man sie leer, sondern sowohl die Aristokratie des Fauburg St. Germain, als auch die Literatur und Kunst hatten ihre steten Vertreter hierselbst. Victor Hugo und Lamartine gehörten zu den treuesten Besuchern der Salons von Delphine Gay; ebenso Méry, Theophile Gautier, der Baron Rothschild, Balzac und Charles Hugo, der [532] Sohn des berühmten Dichters, der besonders von der „zehnten Muse“ geliebt war.

Um elf Uhr verabschiedete man sich gewöhnlich, denn die graziöse Wirthin pflegte gemeinhin noch eine bis zwei Stunden nachher zu arbeiten; oft aber blieben einige Gäste, besonders wenn es Fremde waren, lange nach Mitternacht zusammen und vermochten alsdann nur ungern sich zu trennen von dem geistreichen Geplauder, bei dem man mit Frau von Girardin die ganze Nacht hätte zubringen können. Es ist selbstverständlich, daß diesem Cirkel der Reiz anderer geistreicher Frauen nicht mangelte.

Frau von Girardin, welche gar nicht, oder doch nur sehr selten ihren Salon verließ, sammelte aus dem Geplauder, welches stets die Abende bei ihr zu einem seltenen Genuß machte, den Stoff zu der pikanten und berühmten Revue, welche sie als Vicomte Charles de Launay in dem Journal ihres Gemahls veröffentlichte. Ihre Pariser Briefe gehörten zur geistreichsten Lectüre, welche damals irgendwie die Feuilletons ausweisen konnten; sie geben einen annähernden Begriff von jenen liebenswürdigen Causerieen, die in ihren Salons gebalten wurden. Diese Feuilletonartikel, welche sie im Jahre 1836 begann und gegen Ende des Jahres 1848 abbrach, bilden ein sehr werthvolles Archiv zur Kenntnißnahme der Louis Philipp’schen Zeit und erschienen gesammelt unter dem Titel: le Vicomte de Launay.

Die literarischen Debüts der Frau von Girardin fielen in jene Epoche, wo die Poesie Frankreichs nach einem dumpfen Schlafe wieder erwachte und in herrlichen Liedern zu singen schien, was sie im Schlummer geträumt. Mit dem goldenen Saitenspiel der Lamartine’schen und Victor Hugo’schen Muse verbanden sich damals die zarten Lyraklänge ihrer Mutter, einer Desbordes-Valmores und Elise Mercoeur, Delphines Poesien erschollen dazwischen und die Gesänge von „Madeleine“ schmückten sie mit dem zarten Lorbeer einer Dichterin. Die Dichtungen, welche nun folgten, besonders nach ihrer Rückkehr aus Italien, und von denen Napoline, Ourika, l’Hymen à Ste. Genéviève, la Druidesse und Le rève d’une jeune fille die bemerkenswerthesten sind, so wie die Grazie, welche Alle bewunderten, die ihr naheten, erhoben sie mit poetischer Galanterie zur Muse Frankreichs, wie man in Deutschland die geistvolle Rahel Varnhagen als Mutter des jungen Deutschlands gefeiert hatte. Und Niemand bestritt ihr diesen schönen Namen; denn in der That gleichen die naiven Gefühle und die reizende Lieblichkeit ihrer Verse ihrem innersten Wesen und dem Eindrucke, den sie auf Jedermann machten.

Die reizenden Erzählungen, welche außerdem von ihr erschienen und wo sie mit der Anmuth ihres Geistes mehr, denn durch die höchst einfache Phantasie unterhält, erwarben ihr weithin reiche Freundeskreise; denn Novellen wie Marguerite und der Marquis de Pontanges mit dem darin sprudelnden Witz und ruhenden Gefühl werden stets Zierden der Literatur bleiben; der Stock des Herrn Balzac, man soll nicht spielen mit dem Schmerz, und andere gehören zu den feinsten Portraits, die eine weibliche Feder jemals von dem Gefühl des Frauenherzens und dem eleganten Leben gemacht hat. Herr von Girardin wollte nach seiner Heirath der Gemahlin die Feder aus der Hand nehmen und hat es nie gern gebabt, wenn man sie in der Literatur feierte; aber selbst diesem Schlaukopf ist trotz mancher bittern Clicanen das Unmögliche nicht gelungen; denn Nichts ist unmöglicher, als daß ein Dichter, mag er die Verse auch noch so oft verschworen haben, aufhört zu dichten – und nun gar erst eine geistreiche Frau!

Die Poesie sucht sich in Frankreich mehr denn anderswo der Bühne zu vermählen, um schlagendere Erfolge zu erstreben. Der Frau von Girardin konnte ein solcher Ehrgeiz weder fremd bleiben, noch durfte er bei ihr überraschen. Indessen waren die ersten Prüfungen auf dieser Laufbahn, zu deren Zielerreichung mehr Glück als Verstand gehört, sehr hart in ihrer Art und bittere Dornen, welche einen muthloseren Geist kaum noch zu ferneren Anstrengungen ermuthigt haben würden. Der Götze Ruhm begehrt gerade hinter den Lampen und hinter den Coulissen ein Glück, an welches gewöhnliche Menschen, die schon beim hellen Tage genug Ohrfeigen des Unglücks erhalten, nur in einer Art von Delirium zu glauben im Stande sind.

Delphine von Girardin’s erstes Stück war: „die Schule der Journalisten.“

Zum Schrecken des journalistischen Gemahls, welcher die Poeterei seiner Ehehälfte überhaupt nur sehr ungern, und eine über die Persönlichkeiten seines Standes nun gar mit bittrem Verdrusse sah, wurde das Stück einstimmig im Jahre 1837 vom Theatre français zur Aufführung angenommen. Der Redacteur der „Presse“ war untröstlich darüber; er glaubte seine Ehre als Deputirter verletzt, seine Geheimnisse des Journalismus, dem er Alles verdankte, verrathen, und da er überdies schon manche starke Versuche gemacht, der Tochter Sophie Gay’s das literarische Handwerk zu verleiden, so ist sehr wohl anzunehmen, daß er die neue poetische Laune seiner Gattin von vornherein durch ein Mißgeschick zu unterdrücken beabsichtigt habe. Genug, die Censur der Regierung untersagte das Stück. Glücklicherweise sind einige Trümmer davon für die deutsche Bühne gerettet worden; denn Gustav Freitag hat mit Hülfe derselben, so wie mit einigen Brocken des Scribe’schen Stückes la camaraderie den ersten Act seines Lustspiels „die Journalisten“ gemacht.

Ein noch bittereres Loos erlebte die Tragödie „Judith“ im Jahre 1843. Trotzdem die Hauptrolle von der Rachel gespielt wurde, die sehr intim mit der Dichterin befreundet war, gefiel das Stück nicht. Der mittelmäßige Erfolg der 1847 aufgeführten „Cleopatra“ überzeugte Frau von Girardin endlich ganz, daß ihr graziöses Talent den tragischen Cothurn nicht zu tragen vermöge und aller Geist und alle sanfte Poesie, die sie besaß, Schiffbruch an der Gewalt des Heroischen nahm.

Weiser wie andere Dramatiker verließ die zehnte Muse das sophokleische Feld und flüchtete mit ihrem Talent in die heimische Sphäre des feinen Geistes zurück. Das kleine, aber reizende Proverbe: „das ist der Fehler des Ehemanns“ entschädigte mit seinem glänzenden Erfolge für alles Mißgeschick der früheren dramatischen Arbeiten und noch mehr das Stück „Lady Tartüffe“, mit welchem sie einen bleibenden Ehrenplatz auf der Bühne errang. In dem folgenden, „Freude und Furcht“, liegt eine unendliche Poesie verschleiert, und Paris konnte sich lange nicht satt sehen an diesem liebenswürdigen Stücke; noch mehr Glück aber machte „der Hut des Uhrmachers“, das, durch seinen prickelnden Witz und sprudelnden Humor, mehr denn hundert Vorstellungen erlebte.

Frau von Girardin war überdies keineswegs so unbekannt mit der deutschen Literatur, wie es gemeinhin die französischen Schriftsteller sind. Vermochte sie auch nur mangelhaft die Sprache selbst zu handhaben, so las sie doch deutsche Bücher mit ziemlicher Leichtigkeit und pflegte manche Stellen darin, die sie nicht ganz verstanden, mit Bleistift anzustreichen, um bei Gelegenheit von mir nähere Aufklärung zu begehren. Der gute Lafontaine war ein Liebling von ihr und ebenso Heinrich Heine, dessen Loreley-Lied und Wallfahrt nach Kevlaar von ihr vor allen andern den Vorzug erhielten; auch hatte sie durch die Lectüre von St. Roche, den ich ihr gegeben hatte, so viele Zuneigung zu den Romanen der Paalzow bekommen, daß ich ihr die übrigen besorgen mußte.

Als sie mir einst eine Sammlung der besten deutschen Dichtungen zurückgab, die mit besonderer Sorgfalt nach den verschiedenen Dichterschulen eingetheilt waren, sagte sie:

„Dies Buch hat mich belehrt, daß die französische Poesie wie eine Palme dasteht, von deren einzigem Stamm sich eine prächtige Blättelkrone entfaltet; die deutsche dagegen einem Kirchenschiffe gleicht, welches viele Säulen und Pfeiler tragen, in dem es Altäre, Kapellen und Nischen gibt, und in dessen weitem Raum die Menge andächtig, aber vor verschiedenen Kreuzen betet.“

Wie schon gesagt, war Victor Hugo Besucher dieses geistreichsten aller Pariser Salons. Seit der Krönung der „Muse von Frankreich“, die mit dem Journal im Anfange der zwanziger Jahre stattfand, war er einer ihrer treuesten Paladine geblieben. Der Dichter von „Notre Dame“ macht, noch ehe man seinen Namen kennt, durch sein tiefes Auge, seine schöne Stirn und gütigen Züge einen herzgewinnenden Eindruck; in seinem Benehmen liegt etwas weibliche Koketterie, aber auch eine Herzlichkeit, die weit über die cordialen Formen der französischen Politesse und Höflichkeit hinausgeht. Dabei fesselt ein sanfter, fast träumerischer Schmelz, der den Blick leicht umflort; die Spiegel der Seele vergönnen reichlich die Geheimnisse eines Dichterherzens abzulauschen, zu deren Verständniß nichts fehlt, als der magische Zauber derjenigen Worte, die Victor Hugo zu Gebote stehen.

Der liebenswürdigste und beneidenswerthe Familienvater, bewahrt er eine rührende Pietät für die so tragisch gestorbene Tochter und ihren Gatten Vaguerie. Noch in der ersten Zeit ihrer glücklichen Ehe, wo die Dornen der Rosenkette noch Niemanden verwundet [533] hatten, befanden sich Beide am Ufer der Seine, zu Villequier, zwischen Havre und Rouen. Man machte eine Wasserpartie auf dem Flusse, als plötzlich der Kahn umschlug, und die Tochter des Dichterfürsten in die Wellen geschleudert wurde. Mit einem jähen Schrei stürzte sich der junge Gatte nach; er ergriff die Besinnungslose, und suchte sie über den Fluthen empor zu halten. Doch die Unglückliche riß sich im Todeskampfe immer wieder von den Armen des Retters los; ihrer Phantasie schien in den letzten Flügen nur noch der Gedanke an den Tod zu Gebote zu stehen, von dessen eisernen Armen sie sich allein umklammert wähnte. Dreimal riß der Gatte sein Weib aus dem verderbenbringenden Element, und eben so oft entwand sich seinen Händen die theure Last, die endlich bleich und todt auf den Grund der Seine sank.

Als Vaquerie die Geliebte rettungslos verloren sah, da warf er einen letzten, langen Abschiedsblick auf die blühenden Ufer, und stürzte sich dann dem ertrunkenen Weibe nach. Eng aneinander gepreßt, in einer letzten Umarmung, fand man Beide an’s Ufer geschwemmt; aber kein Priester der Kirche wollte sich nun finden, um den edlen Selbstmörder in geweihter Erde zu bestatten.

Am Grabhügel Beider weinte der Dichter von „Notre Dame“ alle Jahre am Todestage. Als man ihn dann in’s Exil geschleudert, da vergoß er die Thränen am Ufer des Meeres, welches ihn von Frankreich und den theuren Gräbern schied, und sandte mit den Wellen seinen stummen Klagegruß hinüber:

„Tu sais, n'est-ce pas, que ce n'est pas ma faute,
Si depuis ces quatre ans, pauvre coeur sans flambeau,
Je ne suis pas allé prier sur ton tombeau!“

Eben so treu ist Delphine von Girardin der andere Dichterfürst Alphonse de Lamartine geblieben. Sein Antlitz, im Jahre 1848 noch überwiegend von edler Sanftmuth, trug jetzt die Furchen mancher Sorge, welche ihm die kurze Herrschaft über Frankreich auferlegt hatte. Der geborene Edelmann und diplomatische Cavalier verleugnete sich keinen Augenblick bei ihm, und sein kleiner, ohne besondern Prunk decorirter Salon versammeltn noch stets die vornehmsten Träger der Diplomatie, welche sich dort mit denen der Kunst, der Literatur, der Wissenschaft, des Heeres, der Kirche und Fremden von Auszeichnung Rendezvous zu geben pflegten. Da Lamartine von der Damenwelt geliebt war, so mangelte diesem Cirkel auch nicht der Glanz der Frauen, die bald dem plaudernden Dichter lauschten, bald in Gesellschaft von Madame de Lamartine waren, die, eine liebenswürdige Engländerin, die Honneurs mit allem Takt einer Dame von feinstem Ton machte. Noch vor Mitternacht pflegte Lamartine sich zurückzuziehen, um schon früh am Morgen die gewohnte Arbeit zu beginnen und, auf den Knieen schreibend, nur hin und wieder mit seinen geliebten Windspielen zu kosen.

Durch die Beziehung mit jenem Kreise lernte ich auch Granier, aus Cassagnac in der Gascogne, kennen; aber ich vermochte nie eine unerklärliche Abneigung gegen diesen charlatanischen Federhelden zu unterdrücken, der, wenn auch mit Geist begabt, so unwürdigen Schacher mit den Mannesgesinnungen getrieben hatte. Granier de Cassagnac, wie er sich zu nennen beliebt, einer der routinirtesten Journalisten, und mit denselben Industriegedanken wie Girardin, war damals schon Alles gewesen, was ein Mensch in politischer Hinsicht nur in einem an Parteien so reichen Lande wie Frankreich werden kann; er war Royalist und Republikaner, Legitimist, Fusionist, Orleanist, Doctrinair und Communist gewesen, und gleichwohl hatte seine der jedesmal herrschenden Ansicht dienende Feder ihm nicht zu dem Glück verholfen, welches er so sehnsüchtig anstrebte. Das Schicksal sparte ihn zu einem bonapartistischen Federmenschen auf; nicht allein, um eine Wiederholung von einer seiner frühern Gesinnungen zu vermeiden, sondern auch, um sich dankbar für das reiche Gehalt zu zeigen, welches ihm die Regierung zahlte, wurde denn Granier de Cassagnac ein eifriger Bonapartist. –

Scheidend von dem Salon der zehnten Muse, bietet sich mir ein guter Uebergang zu dem eminentesten Frauentalent der Jetztzeit dar. In dem Geplauder, welches Frau von Girardin einzig in ihrer Art zu beleben verstand, kam auch wohl eine Kritik der hervorragenden Geister vor, und es konnte nicht fehlen, daß die zehnte Muse auch George Sand besprach. Das Merkwürdige ihrer Ansicht über diese bedeutende Frau bestand darin, daß sie dieselbe weniger für eine Dichterin der bloßen Phantasie, als, wenn ich so sagen darf, der Autopsie hielt. Sie gefiel sich darin, anzunehmen, daß George Sand bei der Schöpfung ihrer Gestalten stets nur den Gedanken einer ihr nahe stehenden Person verkörpert habe, und erblickte in dem Kataloge ihrer Werke die ganze Geschichte ihrer Affectionen; so hat sie in dem Werke Sand’s: „die sieben Saiten der Lyra“ z. B. die Person von Franz Liszt herauskritisirt, und eben so in der Gestalt des Herrn von Ramière, einem der Helden des Romans „Indiana“, einen eleganten, aber undankbaren Geliebten der berühmten Dichterin.

Durch die Dichtungen George Sand’s und die mannichfachen Mittheilungen über ihr früheres Leben hatte ich mit Hülfe der Einbildungskraft, die so gern große Gegenstände nach ihrem Gefallen auszuschmücken liebt, mir eine eigenthümliche Vorstellung von der Verfasserin so vieler Romane mit ehefeindlicher Tendenz gemacht. Ich hielt sie für einen Typus des Excentrischen, für einen Blaustrumpf, der alle Weiblichkeit und, trotz der vielfachen Intimitäten mit geistreichen Männern, wie Jules Sandeau, Alfred de Musset, Lamennais und Anderen, stets eine gewisse Bitterkeit gegen sie an den Tag lege. Ihre Memoiren existirten damals noch nicht, und neben vielen Irrthümern über die Vergangenheit und die Erfahrungen ihres Lebens hatten sie tausenderlei Gerüchte mit einem ebenso mystischen als dichten Dunstkreis umhüllt. Ich vermuthete in ihr eine Amazone, die in ihrem ganzen Wesen nichts von Weiblichkeit verrathen werde, ein überspanntes Geschöpf mit der sonderlichsten Attitüde und dem Habitus einer Emancipirten: genug, es konnte keine eigenthümlichere Vorstellung von der Chatelaine zu Nohant geben, als ich sie besaß.

Aber wie zerbrach dies von der Phantasie geformte, bizarre Gebild beim Anblick des Originals! Ich fand in der Schloßfrau von Nohant, ihrem Gute, eine so einfache und natürliche Frau, daß ich mich viel eher einer guten bürgerlichen Hausfrau Deutschlands, denn der berühmten Dichterin Frankreichs gegenüber zu finden glaubte. Ihre ganze Umgebung war voller Einfachheit, und kein Möbel verrieth mit feinem guten Geschmack eine Spur von der geahnten Excentricität, die oft so überwältigend aus ihren Romanen herausblitzt. Madame George Sand nähte im Gegentheil sehr emsig an einem Costüme für ihr kleines Haustheater im Schlosse Nohant, auf dem sie, wie man sagt, in Gemeinschaft der Bauern des Dorfes, ihre Stücke aufzuführen pflegt. Ueberdies gab es mannichfache Gelegenheit, eine tüchtige Hausfrau mit aller nur denkbaren Prosa in ihr zu erkennen, und keine Spur verrieth in ihrem ganzen durch und durch mütterlichen Hausfrauwesen eine gefeierte Berühmtheit, noch eine Dichterin, noch gar ein bizarres Frauenoriginal.

Ebenso stand die Vorstellung von ihrer persönlichen Erscheinung vollständig im Widerspruch mit dem Original; es war nichts Phantastisches, nichts Literarisches an ihr; im Gegentheil machte ihre Physiognomie einen so simplen Eindruck, daß die gesammte frühere Erwartung davor in’s Erstaunen gerieth. Fast könnte man sagen, George Sand sehe zu nüchtern für eine geistreiche Schriftstellerin aus; eine liebevolle Gutmüthigkeit, wie sie bei Bürgerfrauen gefunden wird, lagert auf allen Zügen; das ganze Gesicht, mit einer hohen Stirn, einer ziemlich starken Nase und in länglicher Form, sieht so sanft, bescheiden und einfach verständig auf den Besucher, daß man sich gewissermaßen erst vergewissern muß, in der That im Schlosse Nohant bei der George Sand zu sein.

Bald aber fühlt man sich durch das graziöse Benehmen und die weiche Stimme der Dichterin behaglich in ihrem Salon; auch wird man bald gewahr, wenn erst die Unterhandlung begonnen, daß man einen durchdringenden Geist und ein reiches Gemüth vor sich hat. Die kleine, wohlbeleibte, in Schwarz gekleidete Frau, mit einfach gescheiteltem Haar, wirft dann so belebte Blicke auf den Besucher, daß man förmlich das immer reger werdende Spiel ihres Geistes beobachten kann; man sieht die Lichter in ihrem Kopfe anstecken und nur, wenn ihr lieblich lächelnder Mund schweigt, blickt ihr großes Auge sanft, etwas melancholisch und echt weiblich herab, um alles Vertrauen und alle Innigkeit zu ihr aufzumuntern.

So zertrümmerte das Original von George Sand die zahlreichen Portraits, welche von ihr entworfen waren. – Als ich die Chatelaine von Nohant verließ, sann ich darüber nach, wie doch die menschliche Einbildungskraft uns die boshaftesten Streiche spielt, und wie zur tieferen Erkenntniß eines Schriftstellers auch dessen persönliches Kennenlernen für nothwendig befunden werden müßte.

E. Schmidt-Weißenfels.

 

[534]
Die grosse amerikanische Gummischuh-Fabrik
in Edinburg.

Die diplomatischen Alliancen, Bündnisse und Verträge, sonst das Oel, mit welchem sich die Weisheitslampen der Menschheit hauptsächlich nährten, sie, die jetzt noch die Centralsonne verschiedener Staatssupernumerar-Hämorrhoidarien bilden, müssen immer mehr geheimen Verschwörungen und Bündnissen weichen, welche mitten unter polizeilicher Aufsicht geschlossen und der Welt geöffnet werden, um sie immer weiter und breiter zu erleuchten, zu reformiren und gar zu revolutioniren, ohne daß der conservativste gestrenge Herr etwas dagegen machen kann. Hat er doch schon genug zu thun, um einigermaßen mit- und nachzukommen und die sich stets erneuernde Welt zu begreifen, so daß er höchstens an’s Eingreifen denkt, wenn es schon zu spät ist und er sich entweder lächerlich macht oder, um diesen gefürchtetsten Feind nicht zu reizen, die Verschwornen lieber gehen läßt. Wir meinen die geheimen Bündnisse der Manufactur und Fabrikation mit der Wissenschaft, besonders der jungen, übermüthigen Chemie, welche in ihrer Fuchssemester-Keckheit hier und da bereits der ganzen bestehenden Welt den Krieg erklärt hat: „Was nicht ich ist, ist gar nichts!“

Wir gönnen ihr diesen Uebermuth des Flegeljahre-Kraftgefühls und denken, daß er sich mit der Zeit selbst bescheiden und beschränken lerne. Sie hat vor der Hand Ursache etwas übermüthig zu sein. Sie ist jung und alle Welt liebt sie oder hat, wenn keine Liebe, grausamen Respect vor ihr. Ihre Alliancen mit der producirenden und fabricirenden Menschheit tragen großartige, neue Früchte, deren sich immer mehrende neue Namen selbst den Gelehrten oft in Verlegenheit setzen. Für Seife bietet man uns Glycerin, für Wachslichte Paraffin und statt der Soda, die jede Küchenmagd kennt, wird man bald krystallisirtes Calcium-Hydrochlorat beim Kaufmanne fordern müssen. Welch’ ein Verlegenheitslabyrinth von neuen chemischen Elementen und organischen oder unorganischen chemisch Verbündeten in der wissenschaftlichen und materiellen Welt! Die alten Römer der Republik hielten sich Sclaven blos für den Zweck, alle Namen und Personen der Mitbürger kennen zu lernen und sie ihren Herrn zuzurufen, damit diese mit dem Scheine, alle Welt zu kennen und ihr die Hände zu schütteln, sich populär halten könnten. Im Mittelalter hielten sich große Geschäftsleute besondere Denker. Etwas Aehnliches wird auch heute nöthig. Ein großes, neues deutsches Geschäft in London, begründet auf die von einem Deutschen erfundene, trockene, plastische Behandlung der reinen Kohle für chemische Schmelztiegel, Filtrir-, Ventilations- und Kühlapparate u. s. w., worüber wir vielleicht bald Näheres mittheilen, sucht eben einen solchen Denker von Profession. Jeder gebildete Mensch, nicht Chemiker von Fach, kommt heutzutage öfter in den Fall, sich einen Sclaven zu wünschen, der ihm fremde, neue Namen, noch nicht im Conversations-Lexicon, aus einem Souffleurkasten zurufe.

Wer kann aus diesem stets brauenden Hydrosuperoxydulcyankaliumbromchloroidstickstoffschwefelsalpeter und gurkensauerchemischen Labyrinthodon-Laboratorium ohne Fachgelehrsamkeit und soufflirenden Weisheitssclaven noch klug werden?

Diese und ähnliche Gedanken stiegen neulich aus meinen wieder hervorgesuchten amerikanischen Gummi-Galoschen auf, nachdem mir ein Freund, chemischer Reisender in England für eine deutsche Fabrik, den Kopf mit seinen Studien und Schilderungen der Gummi-Galoschenfabrik in Edinburg warm gemacht hatte. Letztere gefiel mir so, daß ich ihn bat, mir dieselbe schriftlich zu schildern. Dies that er auch sehr ausführlich und gelehrt, so daß ich hiermit unternehme, sein Manuscript in populärerer Form abzukürzen.

Die Einleitung führt den Trost aus, daß die sich und die Welt stets bereichernde, complicirte Chemie sich technisch zugleich ungemein vereinfache. Mit einer Spirituslampe, etwas Glas, Kork und Gummi könne man der Natur mehr Geheimnisse abnöthigen, als der große Faustus mit seinen Beschwörungsformeln aus Nostradamus zwischen Büchern und Papier in dem „verfluchten, dumpfen Mauerloche, wo selbst das liebe Himmelslicht trüb durch gemalte Scheiben bricht.“

Und nun zu unsern Gummi-Galoschen, einer der großartigsten und zugleich simpelsten Alliance zwischen Chemie und Fabrikation, eine amerikanische Capitalisten-Compagnie kam unlängst herüber nach England und suchte sich in dem gelehrten Edinburg ein altes, verfallenes Industrieschloß (erbaut für Seidenmanufactur, die nicht zur Ausführung kam) zur Etablirung und Europäisirung ihrer Gummi-Galoschenfabrikation aus. Sie ist die erste und größte Fabrik ihrer Art in Europa und zugleich eine solche Curiosität, daß sie Jeder gern näher kennen lernen mag.

Was das Material selbst betrifft, das Gummi elasticum, so sah man es zuerst in Europa um die Mitte des vorigen Jahrhunderts und dachte, es sei zu nichts Besonderem gut, als zum Auswischen von Bleistiftlinien. Es ist der geronnene Saft gewisser tropischer Bäume, besonders der Siphonia elastica in den brasilianischen Wäldern, deren Bewohner es „Caoutschouc“ nennen. Die physischen Eigenschaften desselben sind ganz einzig in der vegetabilischen Welt. Die elastischste Substanz in der Natur, unlöslich in Wasser oder in Alcohol oder in irgend einer mineralischen Säure, nur leicht löslich in einigen Aetherarten und in Naphtha, sich wieder in einen Körper fügend, wenn zerschnittene Stücke warm gegen einander gedrückt werden – welch’ ganz besonderer Saft der Natur! Welch’ ein Schatz für den analytischen Chemiker und für unsere Füße in Schnee und Schmutz!

Die mancherlei industriellen Verwendungen des Gummis für wasserdichte Bekleidung, die berühmten Makintoshes, die in der Hitze sich auf den Leib leimten und schrecklich rochen und in der Kälte knochenhart wurden, die lächerlichen Gummihosen u. s. w. kamen bald in Verfall, um einer neuen Gummi-Elasticum-Periode Bahn zu brechen.

Charles Goodyear, auf Rhode Island in Nordamerika, kam als Schiffsbauer auf den Gedanken, Bootskelette mit Gummi zu überziehen und sie als Rettungswerkzeuge bei Schiffbrüchen zu versuchen. Der Erfolg war glänzend, doch hielten die Boote keine trockene Hitze aus, eben so wenig wie die Makintoshes. Um diese vegetabilische Schwäche des Gummi’s zu curiren, machte Goodyear Jahre lang chemische Versuche, welche zu der glänzenden Entdeckung der sogenannten Vulcanisirung führten. Er fand nämlich heraus, daß Gummi, in hoher Temperatur mit bestimmten Theilen von Schwefel und Bleioxyd gemischt, seine große vegetabilische Schwäche verlor und, ohne etwas von seiner Elasticität und Fügsamkeit einzubüßen, jedem Temperaturwechsel trotzte. Diese Entdeckung war ein Ereigniß. Vulcanisirter Gummi wurde sofort die Wuth des Tages. Man machte alles Mögliche davon: Wagenfedern, Eisenbahnpuffers, Maschinenbänder, Bruchbänder, Luftkissen, wasserdichte Kleider, chirurgische Bänder und Bandagen und Instrumente aller Art, ditto Gummi-Galoschen.

Die Fabrikation der letzteren trug über alle andern Verwendungen den Sieg davon. Die Fabriken in Connecticut, Rhode Island, New-Jersey, Massachusetts u. s. w. beschäftigen beinahe 6000 Menschen und liefern jährlich fünf Millionen Paar Gummi-Galoschen.

Die „nordenglische Gummi-Compagnie“ in Edinburg ist der große europäische Absenker von dieser echt amerikanischen Industrie. Die Herren H. H. Morris und S. T. Parmelee (Ersterer nach einer dreißigjährigen Dienstzeit im Gummigeschäfte) kamen vor zwei Jahren herüber, etablirten sich in Edinburg, wo die Arbeit billiger, als irgendwo in England, und der Continent über Leith leicht erreichbar erschien, und fingen im Mai 1856 mit vier Personen, drei Mädchen und einem Irländer, ihr Gummi-Galoschen-Geschäft an. Jetzt fabriciren circa 700 Personen, größtentheils Mädchen, schon 4000 Paar glänzende, geschmackvoll geformte Gummischuhe jeden Tag.

Das muß man sehen, um’s zu glauben. Wir treten also ein in das große, quadratische Industrieschloß und zwar an der Nordseite, wo fünf Stockwerke übereinander große Säle sich dehnen und an langen, langen Tafeln und Tischen tausend niedlicbe Hände ganz weiß in dem schwarzen Gummi herumfingern und die prächtigsten Schuhe gleichsam aus dem Aermel schütteln.

Auf dem untersten Flure müssen wir uns zunächst einen Weg durch große Haufen von Gummikuchen und „Negerköpfen“ bahnen. Erstere bestehen aus platten Stücken, letztere aus sogenannten Flaschen, etwa von der Größe eines Kopfes, dessen Schwärze und unschöne [535] Physiognomie allerdings stark an Negerköpfe erinnert. Der rohe Gummi kommt am besten von Para in Südamerika (1/2 Thaler für’s Pfund), in zweiter Qualität von Singapore in Ostindien (10 Sgr.) und am schlechtesten aus Afrika, der mit 21/2 Sgr. per Pfund bezahlt wird. Bis 1856 wurden 12 Millionen Pfund von Para nach England eingeführt, nach Nordamerika 22 Mill. Seitdem steigt die Einfuhr in beiden Ländern fortwährend.

Der erste Proceß, welchem der rohe Gummi unterworfen wird, besteht in Kuchen- oder Bogenbildung. Die Negerköpfe und platten Stücke werden durch ungeheure Eisenwalzen gezogen, und kommen in blanken, großen Ebenen heraus, welche in Streifen geschnitten und in große Eisenkessel kochenden Wassers geworfen werden. Hier weichen sie auf und reinigen sich, um dann, durch heiße Eisencylinder gedrückt und gezogen, als weiche, plastische Masse herauszukommen und dem chemischen Processe des Vulcanisirens (ein nicht gezeigtes Geheimniß der Fabrik) unterworfen zu werden. Die vulcanisirten Massen werden nun durch mehrere Reihen glänzend polirter heißer Eisenwalzen getrieben, zwischen denen sie in den regelmäßigsten, glänzendsten Streifen hervorquellen, um in eine höhere Etage hinaufgerollt zu werden. Hier schneidet man sie in regelmäßige Stücke und schichtet sie auf Streifen Callico über einander. Diese vulcanisirten Stücke liefern das Oberleder der Schuhe.

Demnächst werden die Einlagen oder das Futter von Baumwollenzeugen, die auf einer Seite mit einer Auflösung von Gummi getränkt werden, fabricirt. Der dritte Proceß besteht in der Pressung der Sohlen vermittelst heißer Stempel und Walzen, unter denen Formen und Muster so klar hervorgehen, wie das Siegel unter dem Petschaft.

In den oberen Etagen werden nun diese präparirten Schuhtheile componirt und in einander gearbeitet, Um dies zu sehen, treten wir in eine eiserne Umzäunung und werden durch unsichtbare Maschinengewalt leicht und schnell von einer Etage in die andere gehoben und wieder herabgelassen. Treppen sind in den großen Fabriken fast ganz aus der Mode gekommen: sie verzehren zuviel Zeit und Muskelkraft.

Sohlen, Obertheile, Einlagen, Futter – Alles passirt schnell und fliegend durch die geschickten Hände und scharfen Messer bestimmter Arbeiter, die 5 bis 20 Thaler wöchentlich verdienen. Doch ist auch diese Zuschneiderei bereits größtentheils in die wohlfeileren und geschmackvolleren Hände der Mädchen übergegangen.

Während unser Führer dies erzählte, kamen wir in unserer Hebemaschine im vierten Stockwerk an und wuchsen plötzlich, wie Geister aus einer Theaterversenkung, mitten unter lange Reihen niedlich gekleideter, hübscher, junger Damen hinein, wie in einen ungeheueren Ballsaal. Einige Musik und wir hätten die Damen sofort von ihrer Schusterei zum Tanze führen können, so hübsch, rein und einladend sahen sie aus. Nach einer Lehrlingszeit von drei Monaten verdienen sie wöchentlich drei bis vier Thaler, und scheinen davon sehr anständig zu leben, nach ihrer Kleidung und Physiognomie zu schließen. Eine der feinsten jungen Damen, deren mageres, feines Gesicht auffallend von der runden, schottischen Physiognomie abstach – eine geborene Amerikanerin – kam jetzt zu uns, um uns den ganzen Proceß der Gummischuh-Composition mit Boscogeschwindigkeit zu zeigen. Sie nahm einen Leisten, wickelte um denselben die präparirte Einlage oder das Futter, legte die innere Sohle unten auf und schmale Streifen Gummi herum, klebte hierauf die Hacke an, nun die Zwischensohle, jetzt das Oberleder und achtens die Außensohle. Dies war das Werk von kaum einer Minute: der Schuh stand glänzend und in schönster Form vor uns, fest, wie aus einem Stück gegossen. Keine Spur von Stich und Naht, Alles zusammengefügt, und mit besonderen Instrumenten fest in einander gedrückt. Die einzelnen Theile des noch frisch geschnittenen Gummi hängen, gegen einander gedrückt, augenblicklich so fest zusammen, als beständen sie aus einem einzigen soliden Stücke. Die so magisch schnell zusammengefügten Schuhe sind nun fertig und werden blos noch lackirt. Zu diesem Zweck wächst alle Tage mehrere Male eine Plattform aus einer untern Etage herauf auf die Eisenbahn, welche die oberste Etage durchschneidet. Die Plattform nimmt nun auf ihre eisernen Borsten je 300 Paar Schuhe mit den Leisten auf, und rollt diese in die Lackirungsabtheilung, wo jeder Schuh mit einer öligen Flüssigkeit bestrichen und in einen Ofen geschoben wird, wo er trocknet und spiegelblank herauskommt.

Zur Verwandlung der rohen „Negerköpfe“ in niedliche Schuhe gehören blos drei Tage. Die Compagnie in Edinburg liefert, wie schon erwähnt, täglich 4000 Paar, welche in England und auf dem Continente, besonders in Deutschland, mit steigender Liebe gekauft und getragen werden. Sie sind immer elegant und gut gegen Schnupfen und Zahnschmerzen, mag man zu Balle oder auf den Markt gehen, mag die Dame ein Dienstmädchen oder eine Gräfin sein. Was man in sanitätlicher Beziehung gegen sie einwendet, daß sie nicht blos Nässe ab-, sondern auch zurückhalten, und die nothwendige Ausdünstung behindern, würde sich blos bei fortwährendem Tragen geltend machen. Gegen Regen und Kälte blos auf der Straße übergezogen, dienen sie sicherlich blos dazu, Erkältung der Füße zu verhindern, sie warm, also in gehöriger Ausdünstungsfunction zu erhalten.

Andere Merkwürdigkeiten des großen Etablissements, z. B. die Maschine für Leistenschneidung, die durch’s ganze Schloß und alle Etagen verbreitete mannichfaltigste Wirksamkeit der Hundertpferdekraft-Dampfmaschine, die Maschinenbänder, die Röhren, Federn, Pumpen, Flaschenzüge u. s. w, alle von Gummi-Elasticum, wurden zu wenig im Detail vorgenommen, so daß hier keine besondere Schilderung derselben gegeben werden kann. Das Gegebene wird hinreichen zu einer Vorstellung von einer der neuesten und merkwürdigsten Industrieen, die wegen ihrer wohlthätigen, eleganten Producte, ihrer chemisch-wissenschaftlichen Basis und ihrer großartigen, wie eleganten Betriebsart auf ein allgemeines Interesse Anspruch machen kann.




Ein Abend in Bremen und im Bremer Rathskeller.

Fast zwei Jahrzehnte lang hatte ich Bremen nicht mehr gesehen. In einem solchen Zeitraume ändern sich in unserm Jahrhunderte Städte, deren geographische Lage und mercantilische Rührigkeit ein fortwährendes Wachsen bedingen. Das alte Bremen, der eigentliche Kern der Stadt, sieht heute gerade noch so aus, wie vor zwanzig Jahren. Einige wenige Neubauten ausgenommen, haben die alten schmalen Giebelhäuser ganz und gar ihre Physiognomie behalten. Nur kam es mir vor, als seien sie noch schöner mit Oelfarbe angestrichen, glänzten noch schmucker wie sonst und richteten an jeden Vorübergehenden die Frage: ob sie in ihrem alterthümlich koketten Style nicht ungleich verlockender aussähen, als ihre jüngeren sich viel moderner tragenden Schwestern. Außerhalb der längst abgebrochenen finstern Thore ist in den letzten zehn Jahren eine ganz neue Stadt aus der Erde gewachsen, die sich ausbreitet und vielleicht in abermals zehn Jahren den doppelten Flächenraum ihres gegenwärtigen Umfanges einnehmen wird. Zwischen diesem neuen, höchst eleganten Bremen, gemeinhin Vorstadt genannt, und der alten Stadt des merkantilen Verkehrs liegt der blumige, schattenreiche Wall mit seinen unvergleichlich schönen Anlagen, seinen Ruhebänken, lauschigen Plätzen und sanft im Lufthauche zitternden breiten Wallgraben, mit seinen anziehenden Denkmälern und hoch in die Lüfte greifenden Windmühlen, deren noch immer einige auf den höchsten Punkten vorhanden sind.

Der Abend hatte mich in den vielgekreuzten Straßen der weitläufigen Vorstadt überrascht. Die blanken Spiegelfenster der vornehm aussehenden Häuser, deren blumige Vorgärten durch reiche verzierte Eisengitter gegen die Straße abgesperrt werden, hielten mich fest, bis es dunkelte. Nachdenkend über die unbegrenzte Bremer Freiheit, deren Genuß ich mich in jenen Augenblicken behaglich hingab, schlenderte ich den Wall entlang, bis links die schlanke Spitze des in gothischem Style neuerbauten Stephanithurmes aus dem falbgrünen Laubwalde hervorblickte und der hier ziemlich breite Spiegel des Weserstromes unter mir sichtbar ward. Die graue Welle glimmerte noch matt im Abendrothe, das am westlichen Himmel wie ein verlöschendes Feuer flammte. Ueber der Stadt lag Dämmerung, nur um die Thürme, deren Zinnen leider nicht hoch [536] genug sind, um zu imponiren, leuchteten die letzten Funken den Tages. In den engen, langen Straßen war es auffallend still und wenig geschäftige Bewegung. Sie sahen merkwürdig sauber aus, so sauber, als würden sie allabendlich mit weichen Besen rein gefegt. Nur am Weserquai rollten noch Blockwagen mit Fässern und Ballen hoch beladen. Auch auf dem Flusse selbst gab es Bewegung, obwohl die Weser ihrer geringen Wassertiefe wegen bei Bremen selbst nicht den Eindruck eines belebten schiffbaren Stromes macht.

Mich dünkt, hier an der Wasserseite ist die Stadt bei Weitem am interessantesten. Die alten Giebelhäuser haben etwas Ehrwürdiges und Gemüthliches zugleich. Wohnungen und Balcons laufen über den tiefen Dielenräumen, die an die Comptoire stoßen, fort und gewähren freie Ausblicke auf die Weser, deren Ufer nur gar zu kahl sind, um dem Auge schmeicheln zu können. In den Comptoirs und auf den Lagerböden war noch nicht Feierabend. Ueberall wurde geschrieben, oft an sechs, acht Pulten, und es sah gar nicht aus, als könnten die fleißigen Arbeiter sobald der Erholung sich hingeben. Wahrscheinlich sollte noch eine überseeische Post mit Briefen versorgt werden.

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Rathskeller in Bremen: Rechter Flügel.

Hier am Hafen nun ist Bremen auch erst ganz Bremen. Man spürt, wodurch es seine Wohlhabenheit erworben hat, welchen Artikeln es vor andern vorzugsweise seine Aufmerksamkeit schenkt, seine Thätigkeit zuwendet. Wohin man tritt, überall riecht es nach Tabak, und in der That ist Tabak ein Hauptartikel im Bremer Handel. Auf allen Straßen begegnen uns Blockwagen mit Tabaksballen. Die Leichterschiffe, welche von Bremerhaven kommend, am Quai anlegen, bringen Tabak. Wo eine Speicherluke sich öffnet und ein Tau herabrollt, da soll es unter hundert Fällen gewiß achtzig Mal um Tabaksfässer geschlungen werden. Daß der Tabakshandel Bremen ganz außerordentlich beschäftigt, hört man auch an dem Gespräch der Begegnenden, in Kaffeehäusern, Restaurationen und Weinstuben. Wohin ich immer kam, die Rede war allerwärts von Prima oder Secunda Brasil und Portorico, Beweis genug, daß dies Gesprächsthema einen sehr nahrhaften Gehalt haben muß.

Die Gaslaternen flimmerten an beiden Ufern des Flusses, hinter dem Dome trat die Mondscheibe hervor. Das steile Dach des Schütting am Markte und das alterthümliche Rathhaus mit seinem Säulengange, seinem Statuenschmuck und verschnörkelten Reliefs macht bei solcher Beleuchtung einen wunderbaren Eindruck. Hätte Bremen auch nichts, als dies schön erhaltene Rathhaus, diesen ganzen nicht eben großen und noch dazu nicht einmal ebenen Platz, es würde deshalb eines Besuches werth sein, wenn dieser auch von keinerlei Geschäft geboten wäre. Rathhaus, Schütting, Stadthaus, Börse und Dom nebst den gegiebelten Häusern am Markt und der imposanten Rolandssäule bilden ein so malerisch eigenthümliches Ensemble, daß man es stets im Gedächtniß behält. Ein gleiches Bild hanseatischen Baustyls hat weder Hamburg noch Lübeck aufzuweisen, wenn auch das Rathhaus der letzteren Stadt in seiner bizarren Styllosigkeit ebenfalls nicht ohne Reiz ist und eine der größten Sehenswürdigkeiten jener berühmten Ostseestadt stets bleiben wird.

Wenn es mehr als Barbarei wäre, verließe ein Fremder, den sein Glück nach Rom führte, die ewige Stadt, ohne den Papst gesehen zu haben, so würde man es jedenfalls wenigstens für arge Mißachtung halten, wollte man Bremen den Rücken kehren, ohne zuvor in seinem weltberühmten Rathskeller ein Glas ächten deutschen Rebensaftes auf deren ferneres Gedeihen geleert zu haben. Oft wird ein solcher Verstoß gegen die Sitte und die edelste Gabe des Bacchus wohl nicht vorkommen. Wer wirklich so ganz in sich oder in seine Geschäfte versunken sein sollte, daß er selbst nicht daran dächte, der wird daran erinnert werden beim Anblick des steinernen Roland, der mit gezücktem Schwert gleichsam Wache hält unfern des Einganges zum Keller und dessen jugendliches Gesicht ganz so aussieht, als habe er Wohlgefallen an den Gaben [537] des Bacchus wie an denen, die ihren Genuß zu würdigen wissen.

Der plattdeutsche Reimspruch auf dem Schilde dieses gewaltigen Roland, welcher im Jahre 1456 errichtet wurde und der Stadt 600 Thaler Gold gekostet haben soll, hat sich bis jetzt an Bremen bewahrheitet. Bremen hat seine Freiheit gerettet aus mancher Bedrängniß, und für den Hort und Beschützer dieser Freiheit gilt noch heute dem Volke die gebieterische Rolandssäule. Dem Volksglauben zufolge nämlich soll und wird Bremens Freiheit so lange fortbestehen, als der Roland auf dem Marktplatze sich erhebt, und es gibt – so versicherte man mir – gar viele Leute in der alten Hansestadt, die fest überzeugt sind, daß in einem geheimen Verschluß des Rathskellers ein kleiner Roland, dem großen steinernen vollkommen ähnlich, aufbewahrt werde, damit im Falle eines möglichen Unglückes dieser sofort hervorgeholt werden könne, um der Stadt Freiheit zu beschützen. Die erwähnte Inschrift auf dem mit dem deutschen Reichsadler geschmückten Wappen, das Roland in der Linken hält, lautet:

„Vryheit do ik uu openbar,
De Carel unn mannig Vorst vorwahr
Deser Stadt gegeben hat,
Des danket Gode is min rath.“

Lichtgeflimmer aus den halbverhüllten Fenstern, die wie Geisteraugen zur Erde heraufsahen, und lustiges Gläserklingen, verbunden mit frohem Gelächter, zogen mich magnetisch hinab in die geweihte Tiefe, in deren kühlen weindurchdufteten Räumen der frühverstorbene Wilhelm Hauff seine unvergänglichen Phantasieen von der Lippe des becherkredenzenden Gottes küßte. Wem der zahlreichen Leser dieser Blätter es gefällt, einen Ort kennen zu lernen, wo Jeder ungestört seinen Wünschen, Träumen und Gedanken nachhängen kann, um die Noth der Zeit, den Harm der ganzen Welt zu vergessen, der wolle jetzt mit mir die Stufen in den Bremer Rathskeller hinabsteigen. Ich kann freilich keine Hauff’sche Phantasieen vor seinen Augen entstehen lassen, wohl aber will ich versuchen, diese berühmten unterirdischen Räumlichkeiten zu schildern, wie sie wirklich sind. In unseren materiell gesinnten Tagen mißtraut man gar zu leicht auch der farbigsten Phantasie, darum wollen wir als echte Kinder der Zeit uns an das Greifbare halten. Vielleicht, daß dann in stiller Betrachtung desselben die Phantasie als Genius uns erscheint und um das irdisch Zerbrechliche eine immergrüne Ranke aus seinen überirdischen Zaubergärten schlingt.

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Rathskeller in Bremen: Linker Flügel.

Gegenüber der Börse, unter der letzten der vier Statuen, die auf dieser Seite zwischen den Fenstern des Rathhauses sich befinden und, wenn ich die verwitterten Schriftzüge an derselben richtig gelesen habe, griechische und lateinische Redner vorstellen sollen, führt eine nicht allzubreite Treppe hinab in den Keller. Sobald die Fallthür hinter uns zuschlägt, befinden wir uns in dem gewöhnlichen Besuchsraume. Links zwischen je drei nebeneinander liegenden großen Weinfässern sieht man schmale Bänke und breitere Tische von gewöhnlichem Holz. Sie entbehren jeder Zierrath und die Bänke mit ihren kurzen steifen Lehnen sind nichts weniger als bequem. Im Hintergrunde ziehen fünf oder sechs gewaltige Weinfässer durch die Malerei an ihren Bodenflächen die Blicke des Fremden auf sich. Eins trägt das Bremer Wappen, den Schlüssel, andere zeigen buntfarbige Landschaftsbilder. Es scheint indeß, als hätte man diese so farbig aufgeputzten Stückfässer nur zum Beschauen und gleichsam als Lockvogel hier in den Nischen aufgestellt, denn ihr Klang war ziemlich hohl. Das Gewölbe des Kellers ruht auf fünf oder sechs starken Säulen. Weiß glänzende Gasflammen funkeln da und dort unter dem Gewölbe und erleuchten den sehr umfangreichen Raum, der fast die ganze Länge des Rathhauses einnimmt, gerade so viel, daß nur gemüthliche Dämmerungshelle darin herrscht und zu vertraulichem Geplauder, zu behaglichem Genießen die Herabsteigenden einladet.

Rechts vom Eingange gibt es fünf oder sechs Verschläge mit [538] doppelten Zuschlagthüren. Ihr Inneres besteht aus einem langen schmalen Tische und zwei noch schmäleren Bänken. Diese Kammern, im Bremer Volksdialekte Priölken genannt, sind die eigentlichen Trinkstübchen. Es finden in jedem einzelnen derselben sechs, höchstens sieben Personen Platz, und es mag wohl selten ein Abend vergehen, wo sie ganz verlassen bleiben. Die Ansprüche moderner Genußmenschen, vulgo Schwelger, werden beim Eintritt in ein solches Priölken wahrscheinlich nicht befriedigt. Wir sind durch den übertriebenen Luxus, den man jetzt überall zum Schmuck des Lebens für unerläßlich hält, zu sehr verwöhnt, um gern auf schlichter Holzbank uns niederzulassen, wenn ganz in der Nähe weiche Polsterkissen zum dolce far niente oder zu sybaritischem Genusse einladen. Das Meublement der Priölken ist bäurisch roh. Den oft mit Wein überschütteten sehr massiven Tisch bedeckt kein weißschimmerndes Damastgewebe, die an der Wand hängende Speisekarte hat eine urweltliche Façon und bietet dem Gourmand gar keine Auswahl. Brod und Käse, Käse und Brod, Sardellen, einen Häring, vielleicht auch Caviar kannst Du bekommen, mehr aber wird nicht verabreicht. Dafür jedoch findest Du auf dem schwarzbraunen Getäfel des Tisches eine andere viel umfangreichere Karte, in welche Du Dich mit Vergnügen vertiefen wirst. Ausgebildeten Feinschmeckern soll es beim Durchstudiren dieser Karte passiren, daß sie unwillkürlich mit der Zunge schnalzen, den Mund spitzen und vor Erwartung der Seligkeit, die ihrer harrt, mit den Augen blinzeln. Ungezählte Glückliche haben dann, wenn der schnell herbeigerufene Kellner, der hier wirklich auf den Namen eines Götterboten Anspruch machen kann, mit einer entkorkten langhalsigen Flasche zurückkam, entzückt ausgerufen: Est! Est! Est!

Bekanntlich wird im Bremer Rathskeller nur Rheinwein geschenkt. Die jüngsten wie die ältesten Sorten, die gewöhnlich gangbaren und die seltensten Weine, alle in bester Qualität und zu einem civilen Preise, sind hier zu haben. Bremen macht es sich zur Ehre, nur Ausgezeichnetes den Besuchern seines berühmten Rathskellers zu verabreichen. Es ist daher sehr die Frage, ob irgendwo anders junge und alte Rheinweine besser oder überhaupt so gut zu haben sind, wie in diesen vom Roland behüteten Kellerräumen.

Gesellschaft zu finden in solchem Locale ist nicht eben schwer. Der gelblichgrüne Römer klingt so zutraulich lockend, der goldene Wein funkelt und duftet so verführerisch, daß es unmöglich wird allein zu bleiben. Es gibt kein wahreres Wort, als das vom Wein, den, um des Menschen Herz zu erfreuen, Allvater Noah nach glücklich überstandener Sündfluth eigenhändig pflanzte. Beim Wein will man sprechen und, wenn nicht auch sein ganzes Inneres profanen Augen enthüllen, doch erzählen, sich unterhalten. Dann duftet die Blume des Weines noch einmal so lieblich, und die geheimen Geister des Göttertrankes machen den Mund bereit und fordern auf zu Lust und Scherz. Es klang, wisperte, lachte und jubelte bald in allen Priölken. Der weite dämmerige Raum ward von den vermehrten Gasflammen immer heller, und als vom nahen Domthurme die zwölfte Stunde schlug, herrschte allerwärts die fröhlichste Stimmung.

Im Keller soll man trinken, aber stets mit Maß. Es bleibt immer ein unterirdischer Raum, in welchem der Erdgeist hauset, jener Geist, der dem Menschen gefährlich wird, wenn er sich selbst zu beherrschen vergißt. Sobald daher eine wohlthätige Wärme den Körper durchströmt, der Geist munter, die Füße wie beflügelt erscheinen, dann ist es Zeit sich am Schopfe zu fassen und sich selbst von der harten Holzbank, die uns schon von Eiderdaunen erfüllt dünkt, emporzuheben. Bliebe man länger sitzen und ließe sich etwa verleiten, nach der lieblichen Rebe, deren gekelterte Trauben den milden Saft der Liebfrauenmilch geben, noch den romantischen Berg bei Rüdesheim zu erklettern und dem verwandten Hochheim einen Besuch abzustatten oder gar auf Schloß Johannisberg sich zu verirren, so wäre es gar nicht unmöglich, der steinerne Roland tappte unvermuthet die knarrende Treppe herab und bäte sich zur Begrüßung des neuen Tages auch ein Deckelglas aus der Behausung des Erzschelmes „Judas Ischariot“ aus. Solcher Gefahr mochte ich mich nicht aussetzen, weshalb ich mich der heitern Gesellschaft anschloß, die unter Vortritt des leuchtenden Küpers sich anschickte, die verschlossenen Heimlichkeiten des berühmten Kellers genauer zu inspiciren.

Eine eisenbeschlagene große Thür, die wohl täglich oder allabendlich wißbegierigen Fremdlingen erschlossen werden mag, öffnet sich jetzt und führt uns zunächst in einen Seitenkeller, an dessen Wänden zu beiden Seiten je sechs Stückfässer liegen. Jedes dieser Fässer trägt den Namen eines Apostels, der mit großen rothen Buchstaben darauf verzeichnet steht. Auf die Frage, wie der geldgierige Verräther des Herrn, der mechante Judas Ischariot, unter die Apostel komme, und noch dazu den obersten Ehrenplatz einnehme, bleibt der lächelnde Führer uns die Antwort schuldig. Ein gemüthlicher Oesterreicher würde sich wahrscheinlich mit der Redensart „es ist halt so“ zu helfen wissen, und somit die Wahrheit des weisen mephistophelischen Wortes, daß, wo Begriffe fehlen, sich stets ein Wort zu rechter Zeit einstelle, auf’s Glänzendste erhärten. Genug, die schalkhaften alten Bremer – man sagt der Bremer Rath – die keine Feinde des Humors waren, und als echte derbe Niederdeutsche auch mit Eulenspiegeln dann und wann liebäugelten, haben sich erlaubt, Judas Ischariot unter die Apostel zu versetzen. Da oben, hart an der Wand, thront denn das ehrwürdige Faß. Den vermaledeiten Schelm, dessen Namen es trägt, mag nun zwar kein guter Christ, bekenne er sich zu Papst, Luther oder Calvin, leiden, den Wein aber, den es birgt, nippt man zuweilen gern. Es ist, wenn ich mich recht erinnere, Rüdesheimer vom Jahre 1718, also ein Getränk von ziemlich hundertundfünfzig Jahren. Dunkel von Aussehen und mehr scharf als lieblich von Geschmack, enthält dieser Judaswein doch ein merkwürdiges Feuer.

Wer sich verleiten ließe, viel, d. h. ein paar Römer davon zu genießen, könnte sich wohl in die Vorhöfe der Hölle versetzt fühlen. – Der Leib sowohl des Judas, wie der andern Apostel, wird nicht selten angezapft. Damit nun der darin enthaltene Wein nie verkostet werde, und immer gleich gut und frisch bleibe, und an Alter zunehme in’s Unendliche, füllt man es mit dem nächst alten Jahrgange desselben Weines stets vorsorglich wieder voll. Ein sogenanntes Weinverschneiden also findet in dieser soliden Rathskellerwirthschaft nicht statt.

Unmittelbar neben dem Kellerraume, wo die zwölf Apostel, profanen, aber erquickenden Geistes voll, lagern, befindet sich ein zweiter von gleicher Größe. Auch dieser öffnet sich nur auf besonderes Verlangen. Er birgt das edelste und seltenste Gewächs und zugleich den ältesten aller Rheinweine. Die Rose – so nennt sich diese Kellerabtheilung, von dem Gemälde an der Deckenwölbung, das eine in voller Blüthe prangende Centifolie darstellt – enthält Wein vom Jahre 11624. Um die Rose liest man folgendes Distichon:

Cur Rosa flos Veneris Bacchi depingitur antro?
Causa, quod absque mero frigeat ipsa Venus
.

Zu Deutsch etwa:

Warum denn pranget in Bacchus Gewölb’ die Blume der Venus?
Nun, weil ohne den Wein Frösteln selbst Venus ergreift.

Auch an den Wänden finden sich Inschriften in deutscher und lateinischer Sprache. Die über der Thür befindliche sagt uns, weshalb die Rose in diesem Kellergewölbe abgebildet worden ist. Sie soll ein Sinnbild sein der Verschwiegenheit und allen denen, welche diesen Raum betreten, gleichsam zurufen, daß ein hier in glücklicher Weinlaune gesprochenes Wort nicht draußen auf dem Markt ausgeplaudert werden müsse. Die lateinischen Distichen an der einen Wand stellen die Behauptung auf, es möge dieser geweihte Raum nur alten Leuten erschlossen werden, junges Volk aber fern davon bleiben, und zwar deshalb, weil die Rose nur alte Weine enthalte und Bacchus ein alter Gott sei! – Man erzählt jedem Besucher, daß der in der Rose enthaltene Wein nur auf besondere Erlaubniß des Bremer Senates verkauft werden dürfe, und zwar blos an kranke und sehr hinfällige Personen. Diese Erlaubniß wird angeblich aber erst dann ertheilt, wenn ein ärztliches Zeugniß beigebracht werden kann. Ob man es wirklich immer so genau nimmt, möge dahin gestellt bleiben. Wenigstens ist die frühere Beschränkung, nach welcher auch der Zutritt in den Keller der Rose nur mit bürgermeisterlicher Erlaubniß gestattet ward, gegenwärtig aufgehoben.

Wer dem Bremer Rathskeller einen Besuch abstattet, möge nicht versäumen, auch das größere, dem Dome zugekehrte Gesellschaftszimmer zu betreten, und sich hier die sogenannte Flüsterecke zeigen zu lassen. Diese Stelle besitzt die Eigenthümlichkeit, daß man in ihr auch das leiseste Wort versteht, das an der entgegengesetzten Seite des Zimmers gesprochen wird.

Interessant und überaus lebendig, oft sogar zu geräuschvoll, soll sich der Verkehr im Keller am sogenannten „Freimarkt“ gestalten. [539] Dann füllen sich alle Priölken mit fröhlichen Zechern, sämmtliche Tische zwischen den Oxthoften und Stückfässern sind besetzt, und ein dichtes Gewühl schiebt sich ununterbrochen durch die geräumigen Gänge des weiten Raumes. An solchen Markttagen kann oft selbst die Verlängerung des eigentlichen Kellers, welche unter der Börse fortläuft, und an ihren ebenfalls zwischen gewaltigen Fässern placirten großen viereckigen Tischen Platz für ein paar hundert Gäste hat, die Menge nicht fassen. Dann spielt ein Musikcorps früh und spät bis tief in die Nacht hinein mitten im Qualm der rauchenden und lärmenden Menge. National- und andere Lieder werden angestimmt, und Alles athmet Lust und Fröhlichkeit. Es ist ein echt Bremisches Fest, wo Jeder genießen will und selbst ein Ueberschreiten der üblichen Grenzen nicht gerügt wird. Der Bremer Freimarkt gleicht in dieser Beziehung ganz dem Lübecker Weihnachtsmarkt, der ebenfalls die einzige Zeit im Jahre ist, wo der ehrsame Bürger ein wenig schwärmen und – findet er Vergnügen daran – auch tolles Zeug treiben darf.

Am äußersten Ende der erwähnten Kellerverlängerung, die mit ihren blitzenden Gasflammen einen sehr angenehmen Eindruck macht, und einem endlosen erleuchteten Tunnel ähnelt, hat gegenwärtig Bacchus auf einem der größten Stückfässer seinen Sitz genommen. Der muntere Gott lächelt fröhlich jedem Gaste zu, und streckt ihm einladend den hoch erhobenen Becher entgegen. Ihm zu Füßen ist ein allerliebster Sitz zum Träumen, zum Schwärmen und zu heiterm Gespräch. Gestört wird man hier für gewöhnlich nicht. Die Stimmen der Gäste im übrigen Keller brechen sich an dem endlosen Gewölbe. Das Klingen der Gläser surrt wie fernes harmonisches Getön, das ein phantasiereicher Kopf leicht für Geflüster der Geister halten kann, die hier ihr geheimnißvolles Wesen treiben. Nur von oben herab schallt dann und wann ein lauter Ruf, und das Gepolter der Welt, die über unserm Haupte die profane Klapper des Materialismus handhabt, der uns Alle beherrscht, wenn nicht gerade die Geister des Weines uns über das Flach-Alltägliche emporheben, erinnert uns an die irdische Unvollkommenheit.

Die rein gefegten Straßen der Stadt waren menschenleer, als ich gegen Mitternacht leichten Fußes und froh gestimmt die Treppe wieder hinan stieg. Eine weiche, helle, duftige Mondnacht blitzte über den spitzen Dächern der Häuser am Markt, und der klare Himmel mit seinen Sternen faltete sich wie ein dunkeler Baldachin um Dom, Rathhaus und Rolandssäule. Ein kurzer Gang in solcher Nacht durch die Straßen einer fremden Stadt ist immer belohnend. Er lehrt sie uns kennen im Schlummer, wie der Tag sie uns zeigt in der Thätigkeit des Wachens. Ich umwandelte den Dom, dessen bunte Fenster der Mond mit flimmernden Silberfunken bestreute. Da hob sich vor mir eine dunkele, colossale Statue auf einfachem Granitsockel. Die vier Laternen um die Statue beleuchteten weniger als das helle Mondlicht das Erzbild. Ich stand auf Domshaide neben der Statue des protestantischen Glaubensstreiters Gustav Adolph. Die Bremer sind zu beneiden um dieses prächtige Standbild, das die stürmische Nordsee an Helgoland’s Küste warf und das, da Schweden den verlangten Bergungslohn nicht zahlen wollte, für einige Tausend Thaler ein Eigenthun, Bremens ward. Das eherne Bild, die Linke an den Schwertgriff gelegt, sieht offenen Auges hinüber nach der Johanniskirche, welche den Katholiken gehört, während die ausgestreckte Rechte mit dem Zeigefinger auf den alten Dom hindeutet, als wolle sie sagen: hier ist der wahre Glaube, die geistige Freiheit und das Leben! Das Gustav Adolph-Denkmal, obwohl es in keiner besonderen Beziehung zu Bremen steht, gehört doch zu den schönsten Zierden der Stadt, und wer einen recht angenehmen Eindruck mit fortnehmen will, der sehe zu, daß es ihm gelingt, in stiller Mondnacht sein Auge einige Zeit auf dem Meistergebilde ruhen zu lassen.
Ernst Willkomm.


Blätter und Blüthen.

Geschichte Catya’s, einer russischen Leibeigenen. Ohne Catya zu kennen, haben Viele sie in den Bildern gesehen, in welchen sie als Modell diente. Guérin, der berühmte franz. Maler, hat ihren schönen Kopf in mehreren historischen Bildern verwendet. Der bezaubernde Frauenmaler Belloc hat sie für einen Pariser Pfarrer als heilige Cäcilie gemalt und die Sanftmuth ihres Blickes treffend wiedergegeben. Ihre frühreife Schönheit war ihr Unglück. Sie war bei ihrer Familie im Innern Rußlands, weit hinter Moskau. Die Famile war leibeigen, aber wohlhabend. Ihr Großvater, der sie unendlich liebte, handelte mit Pelz. Als das Kind in einem Alter von vier Jahren am Ufer eines Sees ganz nahe an der Straße spielte, kamen die Wagen einer großen Dame vorüber, der Frau des Gouverneurs von ***, die mit ihren Kindern und ihrem ganzen Hauswesen reiste. Catya’s Schönheit fiel ihr auf, und da ihre Kinder fast in gleichem Alter standen, so hatte sie die Laune sie zu haben und ihren Kindern als Spielzeug zu geben. Ohne alles Weitere, ohne die Familie, ohne den Herrn zu fragen, dem sie gehörte, nahm sie dieselbe wie eine Katze, die man auf der Straße findet, setzte sie in ihren Wagen und fuhr weiter.

Die Familie, die sehr beunruhigt war, erfuhr endlich die Entführung. Die Dame hatte in einer benachbarten Stadt Halt gemacht. Der arme Großvater läuft in Thränen hin und bietet ein Lösegeld, – sein ganzes Vermögen, wenn man es will – um sein Kind wieder zu erhalten. Er wird hart zurückgewiesen und vielleicht geschlagen. Die Dame lacht ihm in’s Gesicht und reist mit ihrer Beute ab.

Man kennt das Loos der Kinder der niederen Stände, die mit denen der vornehmen erzogen werden. Diese, in ihren egoistischen Launen geschmeichelt und verzogen, martern ihre lebenden Zpielwaaren nach Herzenslust. Als Catya größer wurde, verwendete sie ihre Herrin zu ihrem persönlichen Dienste als Kammerfrau. Man sollte glauben, ihr Loos hätte sich dadurch gebessert. Es war das Gegentheil der Fall. Diese Damen, die Gebieterinnen der Sclaven, sind selbst große Kinder, eben so launisch wie die kleinen, und nur gewaltthätiger und grausamer. Catya, bereits ziemlich groß, ein hübsches Kind von ungefähr zehn Jahren, fing an von den Männern bemerkt zu werden, die ihrer Herrin ohne Zweifel Complimente darüber machten. Um so weniger liebte sie diese nun. Sie ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne sie hart zu behandeln. Wenn sie zum Beispiel Madame etwas langsam die Schuhe anzog, so gab ihr diese einen Stoß mit dem Fuße, daß sie mit dem Gesichte auf die Erde fiel.

Wie ein Hund schlief sie auf einer Strohmatte an der Thüre, und es war ihr Unglück, wenn man sie Nachts weinen hörte, Obwohl so früh entführt, hatte sie doch ein lebhaftes Bild mitgenommen von dem väterlichen Hause, von dem Dorfe, von den Wäldern, vom See, von ihren kleinen Gefährten, von jener guten Zeit der Milde und Freiheit und von den Liebkosungen ihres Großvaters, in dessen Armen sie oft eingeschlafen war. Diese Erinnerung begleitete sie überall hin und war ihr bis zu Ende der vierziger Jahre gegenwärtig. – Sie war kaum zwölf Jahre alt, als ihre Herrin im Jahre 1815 nach Frankreich reiste und sie mitnahm. Die Dame, die mit ihrem Manne gekommen war, ließ ihn mit der russischen Armee zurückkehren und blieb in Paris. Durch irgend eine Leidenschaft oder religiöse Laune zurückgehalten, von irgend einem Bekehrer vielleicht beherrscht, blieb sie hartnäckig in Paris und wollte von Rußland nichts mehr hören. Ihr Mann, der des vergeblichen Schreibens, Bittens und Befehlens müde wurde, schickte ihr endlich kein Geld mehr, indem er glaubte, daß die Noth sie am ersten zurückbringen würde. Sie harrte jedoch aus, ließ sich für eine kleine Pension in einem Kloster nieder und entließ ihre Dienstboten. Die kleine Catya wurde davon nicht ausgenommen. Roh und barsch, wie ihre Herrin sie genommen hatte, jagte diese sie nun weg. Sie sandte sie buchstäblich in’s Verderben. Aus der Nähe des Pantheons, wo die Herrin wohnte, wurde sie nach Marais, Rue du Chaume gebracht und beim Anbruch der Nacht unter einem Thore allein gelassen. Es war bereits dunkel und regnete. Eine vorübergehende Dame hört ein Kind weinen und nähert sich. Groß ist ihre Ueberraschung, als sie dieses Mädchen sieht, das schon groß und engelschön ist und das nur weinen kann und nicht spricht. Kaum konnte sie zwei Worte französisch. Gott hatte Mitleid mit ihr. Die Frau war Madame Leroy, die Schwester des Malers Belloc. Sie nimmt sie zu sich, sorgt für sie, erzieht sie, lehrt ihr französisch und leitet sie mit einer Sanftmuth, die sie seit dem Vaterhause nimmer gefunden hatte.

Als Madame Leroy Paris später verließ, überließ sie dieselbe zwei geliebten, hochverehrten Frauen, der achtzigjährigen geistreichen Frau von Montgolfier, der Gattin des Erfinders der Luftballons, und ihrer würdigen Tochter, einer bedeutenden Schriftstellerin, die nur um des Guten willen, nicht um Ruhm schrieb, und sich fast nie unterzeichnete. Man kann denken, daß diese mit ihren zärtlich warmen Herzen gut gegen Catya waren. Das Mädchen bedurfte der Schonung und hatte fast nöthig gehabt, selbst bedient zu werden. Sie war sehr gewachsen und sehr schwach. Die geringste Last zu tragen, Stiegen zu steigen, versetzte sie außer Athem. Man fürchtete, sie möchte ein Aneurysma des Herzens haben.

Obwohl sie in so gute Hände gefallen und gleichsam das Kind dieser Frauen, ihr Kleines war, war es doch leicht zu sehen, daß ihre Familienerinnerungen ihr überall hin folgten, daß sie immer noch in Rußland, immer noch am Ufer des heimathlichen Sees war, wovon man sie entführt hatte. In der That schien sie kaum ihr Vaterland verlassen zu haben. Ihr Geist hatte sich nur mäßig erweitert, obwohl sie französisch mit bemerkenswerther Eleganz sprach; aber ihr Herz hatte sich nur zu sehr entwickelt, doch nur zum Gewinne ihrer Erinnerungen aus der Kindheit; sie mußte immer weinen, wenn sie vor ihrer Seele schwebten.

Vergebens bemühten sich diese Damen, ihre Familie wiederzufinden. Die Andeutungen, die Catya geben konnte, waren unbestimmt und verwirrt.

Es war im Jahre 1823, als ich sie bei diesen Damen sah. Ich erinnere mich des Eindruckes noch sehr gut, den sie auf die Fremden machte, die im Salon waren. Es war anfänglich eine Bewegung der Bewunderung, [540] dann eine Art Hinneigung. Sie war sehr groß und ersichtlich schwach; mit ihren jungen feinen Armen, die für ein zwanzigjähriges Mädchen etwas dünn waren, trug sie etwas vorgebeugt eine Platte mit Theetassen. Sie schien unter dieser leichten Last gebogen zu werden, wie eine Pappel beim Windeswehen. Sie lächelte über ihre Schwäche und schien sich zu entschuldigen.

Man fühlte sich versucht, sich zu entschuldigen, daß man sich von ihr bedienen ließ. Ihre Eleganz, ihre Sprache und ihre Schönheit, die bemerkenswerther war wegen der Linien, als wegen der Frische, ließen auf eine russische Fürstin schließen, die sich verkleidet hatte. Aber ihr reines Auge voll Güte und Zärtlichkeit besaß einen ganz anderen Zauber, den man in aristokratischen Ständen so leicht nicht findet.

Dieser Ausdruck der Güte, Sanftmuth und Willfährigkeit ermuthigte nur zu sehr zu ungehöriger Keckheit und war für das arme Kind Anlaß zu fortdauernder Verlegenheit. Die leichtfertigen jungen Männer, die Glücklichen der Welt, betrübten mit ihren indiscreten Verfolgungen dieses so gebrochene Herz. Sie war zärtlich, aber von einem Herzen, das rein und kalt war wie das Eis der Pole. In dieser Beziehung schien sie noch in dem Alter zu stehen, in dem sie entführt worden war.

Sie war gerne allein. Für sich, ohne geistlichen Einfluß, ging sie oft in die Kirche. Sie wäre sehr mystisch geworden, wenn sie mehr Bildung gehabt hätte. Wahrscheinlich in der Absicht, mehr allein zu sein, ungestört träumen und beten zu können, verließ sie ihre Stelle, wollte sie ihr Zimmer haben und verlegte sich auf’s Nähen. Eine schwierige Stellung in Paris, wo die Frauen so wenig verdienen. Wenn es ihr hier und da an Arbeit fehlte, so kehrte sie in den Dienst zurück. Aber so oft sie konnte, ging sie wieder in ihr einsames Stübchen, das über den Pariser Dächern ihr gestattete, immer an ihre heimathliche Einsamkeit und an ihre Familie zu denken. Ihre Beschützerinnen, die sie niemals aus den Augen verloren, riethen ihr oft zu heirathen. An Freiern fehlte es nicht. Sie schob es immer hinaus, sei es weil sie wie die melancholischen Herzen sich zu trösten fürchtete, sei es, daß die guten redlichen, aber etwas rohen Menschen, die sich um ihre Hand bewarben, ihren Zartsinn abschreckten und ihren unbestimmten poetischen Trieben wenig entsprachen. In guter oder übler Lage hat sie immer das Ansehen einer Dame, emer vornehmen Dame, voll Adel und Sanftmuth. Nichts Stolzes, nichts Serviles. Nur Eines erinnert an ihre Vergangenheik, daß sie nämlich, wenn sie die von ihr geliebten Damen besucht, ihnen nach orientalischer Weise demüthig die Hand küßt.

Das Alter kommt heran. Die schöne Catya steht am Ende der Vierzig. Sie hat sich zuletzt einer ehrwürdigen Person angeschlossen, die mit achtzig Jahren noch von ihrer Arbeit lebt. Madame Paul, eine arme Arbeiterin, die noch dazu das Unglück hat, ungestaltet und zwerghaft zu sein, theilt die Wohnung mit ihr. Ich weiß nicht, wie sie es machen, aber in ihrer großen Armuth finden sie noch Mittel, ihren armen Nachbarn Gutes zu erweisen.

Vor einigen Jahren erfuhr Catya’s Herz eine merkwürdige Prüfung. Sie begegnet auf der Straße einer bejahrten Dame, die sie zu kennen glaubt, die aber schlecht gekleidet ist und einen alten Shawl, einen alten Hut trägt, seltsamer Wechsel der Dinge! Es war ihre ehemalige Herrin, die nun ärmer geworden war, als sie. Catya tritt zu ihr, grüßt sie, küßt ihre Hand; die Andere, erstaunt und verwirrt, läßt aus ihrem übervollen Herzen einige Worte über ihr Unglück, über ihr äußerstes Elend entschlüpfen.

„Ach, Madame,“ rief sie, indem sie im Ueberströmen ihres guten Herzens sich wieder zur Leibeigenen machte, „Sie sind immer noch meine Gebieterin und was ich habe, gehört Ihnen!“

An demselben Tage hatte sie ihren Dienst verlassen und war bei Geld. Sie lief auf ihren Boden, der ganz in der Nähe war, und kehrte schnell mit ihren Ersparnissen zurück, welche sie in die Hände der Dame legte, die nur Thränen vergießen konnte. – Seit dieser Zeit habe ich sie nicht wieder gesehen.




Katechismus der deutschen Literaturgeschichte von Dr. P. Möbius. Auf dieses inhaltreiche in Leipzig erschienene Schriftchen machen wir die Leser der Gartenlaube um so lieber aufmerksam, als dasselbe seines Titels wegen vielleicht von Manchen nicht gehörig beachtet werden dürfte, indem die katechetische Form für derartige Bücher nicht ganz mit Unrecht in Mißcredit gerathen ist. Der Verfasser hat aber diese Form sehr gut zu besiegen gewußt, denn es erscheinen die Fragen nur als Ueberschriften der einzelnen Paragraphe, die durchaus nicht an Zersplitterung leiden. Das Büchelchen erhält dadurch noch einen ganz besonderen Werth, daß es bei jeder Gelegenheit die einschlagende Literatur sorgfältig namhaft macht und so dem Leser, welcher weiter eindringen will, die nachzulesenden Schriften bezeichnet.




Zur Beachtung. Schullehrern, Beamten und sonstigen Angestellten mit 200–400 Thalern Gehalt rathen wir allen Ernstes – Schneider zu werden. Wie Max Wirth in der neuesten Nummer seiner vortrefflichen Zeitschrift: „Der Arbeitsgeber“ erzählt, erhalten jetzt geschickte Zuschneider in Frankfurt 1000 bis 2000 Gulden Gehalt, und trotz alledem sind solche oft nicht einmal dafür zu bekommen. In London werden sie sogar bis 6000 Gulden bezahlt, d. h. mit dem Gehalt eines Ministers in einem kleinern Staate. Also Pädagogik, Diesterweg, Corpus juris etc. zum Fenster hinaus, und dafür Rockmaaß und Scheere zur Hand!




Schomburgk, der berühmte Reisende, ist seines Handwerks ursprünglich ein Handlungsdiener, in welcher Eigenschaft er längere Zeit auf einem Leipziger Comptoir gearbeitet hat. Aber von früher Jugend waren Reisen in ferne Länder seine Sehnsucht. Vor ungefähr sechzehn Jahren (also etwa 1842) bot sich die Gelegenheit dar, diese Sehnsucht zu stillen. Sächsische Schafe sollten nach Nordamerika verpflanzt werden; Schomburgk erbot sich zum Führer der Heerde, man nahm sein Anerbieten an, und er ging in die neue Welt!

Dort in den Vereinigten Staaten trieb er Handelsgeschäfte, und diese führten ihn nach Westindien, wo er ein selbstständiges Geschäft etablirte; aber er hatte kein sonderliches Glück, Verluste trafen ihn, die schwer zu ersetzen schienen; die Lust zum Handel verging ihm. Die Wunder der westindischen Tropenwelt umgaben ihn, er fing an, die Pracht der Pflanzen mit anderem Auge, als dem mercantilischen, zu betrachten; die Steine fingen an, sein Interesse in Anspruch zu nehmen; er lauschte den Erscheinungen des Wasser- und Luftoceans, er warf den Blick gen Himmel und verfolgte den Lauf der Gestirne; er verschaffte sich Bücher, um sich zu unterrichten, er verschaffte sich Instrumente, um das Firmament wegen der Lage terrestrischer Punkte zu befragen, um den Gang der atmosphärischen Erscheinungen zu verfolgen; er studirte mit dem anhaltendsten Fleiße, ohne Aufhören, ohne Unterlaß, und dazu in einem westindischen Klima. So ward Schomburgk ein Botaniker, ein Geolog, ein Physiker, ein Geograph, ein Hydrograph, und das Alles durch seine eigne Willenskraft, durch eigenes Studium, fern von all den literarischen Hülfsmitteln, die die alte Welt darbietet, ohne mündlichen Unterricht, nur dann und wann der Anleitung genießend, die ihm ein freundlich gesinnter Schiffscapitain in der Manipulation des Sextanten oder des Chronometers zu Theil werden ließ. Und doch ist Schomburgk ein würdiger Repräsentant wissenschaftlicher Bildung geworden; die britische Admiralität, die sich auf das geographische Handwerk doch wohl versteht, bat seine Vermessung von Anegada sanctionirt, die geographische Gesellschaft zu London hat ihn zu ihrem Sendling erkoren.


Allgemeiner Briefkasten.

O. S. in Gg. Freundlichen Dank für das Interesse, welches Sie an unserer Zeitschrift nehmen. Ihr Wunsch in Betreff einer Abbildung der Schiller-Goethe-Statue wird in einer der nächsten Nummern erfüllt werden; nur nimmt die Aufnahme, Ueberzeichnung und der Schnitt einige Wochen Zeit weg. Zu einer Copirung der Abbildung aus den Schiller-Jahrbüchern mochten wir nicht unsere Zuflucht nehmen.

G. in H. (Holstein). Die Geldsendung ist seiner Zeit richtig eingetroffen, und ganz Ihren Wünschen gemäß an die zwei Betheiligten vertheilt worden. Ausführliche Quittung werden Sie in einem der nächsten Briefkasten finden, und wenn Sie die Freundlichkeit bätten, uns Ihre Adresse so deutlich zu schreiben, daß wir sie lesen können, werden wir Ihnen auch gern die Originalquittungen zugehen lassen.

Gust. in Akb. Recht hübsch, daß Sie mit Ihrem Herrn Bruder eine Rheinreise gemacht, aber die Skizze aus Königswinter eignet sich doch nicht für die Gartenlaube. Geben Sie uns behufs Rücksendung des Manuskripts recht bald Ihre genaue Adresse an, da die Post den Ort A. auf keiner Landkarte zu finden weiß.

K. in Dipp. und R. G. in R. Gute Gesinnung, aber sehr schlechte Verse.

Rhde. in Dr. Bedauern sehr, die Aufnahme ablehnen zu müssen. Daß Sie uns außerdem zumuthen, ein in einem andern Journal bereits veröffentlichtes Gedicht nochmals abzudrucken, beweißt eine – kühne Selbstschätzung.

H. Rchtz. in W. Danken für Zusendung des Gedichts, das von tiefem Gefühl und gesunder Auffassung zeigt, aber in der Form doch noch zu schwach ist, als daß es abgedruckt werden könnte.

Math. Lp. in Schögn. Geburtstagsgedichte dürften im dortigen Wochenblatte mehr ihren Zweck erreichen.

G. G. in St. P. Wenn Sie eben so schlechte Pillen fertigen, wie Novellen, dann bedauern wir alle Kranken Ihres Viertels. Bitte, verschonen Sie uns in Zukunft mit Ihrem Unsinn.

G. K. in L. Sie wünschen in der Gartenlaube eine Abbildung der Zusammenkunft der beiden Kaiser in Stuttgart zu sehen und zwar, wie Sie sich auszudrücken belieben, „weil Sie von dieser Zusammenkunft große Resultate für Deutschland und namentlich bei der genialen Auffassungsweise des Kaisers Napoleon, die schnellste und beste Entscheidung der wichtigsten deutschen Fragen erwarten.“ Wir wissen in der That nicht, ob wir in Ihrer Zuschrift mehr die Dummheit oder mehr die Niederträchtigkeit Ihres darin ausgesprochenen Nationalgefühls bewundern sollen. Sie schämen sich also nicht, direct die Entscheidung eines fremden Potentaten in Fragen des Vaterlandes anzurufen, und scheuen sich nicht, das Heil Deutschlands, das sich nach Ihrer Meinung mithin nicht selbst helfen kann, in die Hände eines Mannes zu legen, der sein eigenes Land mit eiserner Hand niederhält, und dessen Lebensaufgabe es sein muß, unser schönes Vaterland zerrissen und schwach zu erhalten. Sie fühlen nicht, daß Sie durch Ihre Hoffnungen das Unglück, ja mehr noch die Schmach Deutschlands deutlich aussprechen, und haben des Ehrgefühls so wenig, daß Sie die Einmischung eines Fremden in unsere Angelegenheiten herbei wünschen, ja als ein Glück ansehen. Für eine solche Gesinnung haben wir allerdings keine Antwort, wir verbitten uns aber von jetzt ab Ihre Zuschriften, die wir mit Ekel zurückweisen müßten.


Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das 3. Quartal, und ersuchen wir unsere geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das 4. Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.


Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Siehe das Portrait: Ein Parvenu der Presse in Nr. 28. der Gartenlaube.