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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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Die Gartenlaube (1855) 085.jpg
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[85]

No. 7. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.


 O könnte mir ein Lied gelingen.

O könnte mir ein Lied gelingen,
Wie Gott es selbst in’s Herz mir schrieb –
Vor allen Thüren wollt’ ich singen
Dies Gotteslied, so gut und lieb.
Ich blieb’ bei jedem Herzen stehen,
Das arm und krank, und klopfte an,
Und würde eh’r nicht weiter gehen,
Als bis man hätte aufgethan.

Die schwerste Last, sie wollt’ ich wälzen
Von ihm durch dieses Liedes Gruß,
Das härt’ste Eis, es sollte schmelzen
Wie bei des jungen Frühlings-Kuß –
Dann legt’ ich still von Gottes Segen,
Wie er in meinem Herzen ruht,
In’s kranke, das in matten Schlägen
So bang’ und leise athmen thut.

Und wär’ Genesung ihm beschieden,
So fleht’ ich still zum Himmelsaal:
O Vater schenk’ auch Deinen Frieden
Dem armen Herz nach langer Qual –
Dann bät’ ich mir von Gottes Liebe
Auch Blumen – und mit solchem Strauß
Schmückt’ ich das Herz, das einst so trübe,
Wie einen Himmelsgarten aus.
 F. Stolle.




Das Waldblümchen.
Novelle von K. v. K.


I.

Das Jahr 1848 war angebrochen. Die Märzstürme waren vorüber und der Mai erschien wieder mit seinem frischen Grün, mit seinen Schneeglöckchen und seinen duftenden Veilchen, aber in die Herzen der Menschen war der Frühling noch nicht zurückgekehrt, dort sah es noch wild und stürmisch aus, und neben dem Drange nach Freiheit brach sich die Leidenschaft oft in der widerlichsten Gestalt und in der gesetzlosesten Weise Bahn. Zur damaligen Zeit gab es wohl kein Oertchen im deutschen Vaterlande, und mochte es noch so klein sein, wo man nicht debattirt, conspirirt und dekretirt hätte. Zu keiner Zeit trug man die Worte Gemeinsinn, Einigkeit und Bruderliebe mehr auf den Lippen, und dennoch gab es unter einem Volke nie eine größere Zerrissenheit als damals in Deutschland.

In jener Zeit also war es, wo an einem milden erquickenden Frühlingstage sich eine kleine Gesellschaft in dem Wirthshause „Zur schönen Aussicht“ zusammen gefunden hatte – ein Name, welcher daher rührte, weil dasselbe auf dem Plateau eines Felsens lag, an dessen Fuße sich ein fruchtbares Thal ausdehnte, eingefaßt von einem schönbelaubten Höhengürtel und im Hintergrunde von einem dichten Eichenwalde umschlossen, aus dessen dunkler Tiefe der weiße Giebel eines Hauses sichtbar wurde.

Im Uebrigen trug die Gegend den Charakter der Abgeschiedenheit an sich, denn außer einzelnen Gebäuden, welche in der vorerwähnten Ebene auftauchten und einem Weiler, der einige hundert Schritte hinter dem Wirthshause lag, erblickte das Auge bis in die weiteste Ferne nur eine meist mit Gehölz und Haidekraut hewachsene Wildniß.

Die Leute, welche in dem niedrigen und schmucklosen Gastzimmer „Zur schönen Aussicht“ an einem großen viereckigen Eichentisch saßen, waren allem Anschein nach alte Bekannte, die täglich hier zusammentrafen und sich als Stammgäste betrachteten. Obgleich ihr Anzug im Allgemeinen eine solche Einfachheit verrieth, daß man daraus die Landbewohner erkennen konnte, so deutete doch bei zwei derselben der modernere Schnitt ihrer Kleider, [86] das feinere Tuch und die sorgfältigere Wahl ihrer Wäsche, so wie der Schoppen Wein, welchen jeder vor sich stehen hatte, darauf hin, daß sich ihre äußere Lage weit über die des gewöhnlichen Landmanns erhebe und diese sie berechtige, sich zu den Honorationen des Ortes zu zählen. Auch führten sie fast allein die Unterhaltung, und die Aufmerksamkeit, mit welcher die übrigen Anwesenden ihren Worten lauschten, bewieß hinlänglich, daß Niemand zugegen war, welcher Lust gezeigt hätte, ihnen ihre Ueberlegenheit streitig zu machen.

„Dies Glas auf ein freies, unabhängiges Deutschland und auf unseren wackeren Deputirten auf der Linken," sagte der Jüngste von Beiden, ein junger Mann von etwa 28 Jahren, dessen sorgfältig gescheiteltes Haar und zierlich gefaltete Halskrause den Stutzer verriethen, – „was meinen Sie, Herr Julius, sollte eine rothe Schärpe nicht gut stehen und das Wort „republikanisch“ in den Ohren der Leute nicht eben so wohl wie „königlich“ klingen?“

Der Andere, einige Jahre älter und ein Mann von breiten Schultern mit röthlichem Haar und einem kalten, herzlosen Blick, lehnte sich bequem in den Sessel zurück und sagte, indem er langsam sein Glas ausschlürfte, nicht ohne einen Anflug von Ironie:

„Nun, auf das Wohl des künftigen Bürgermeisters, wenn die Sache des Volkes siegt, Herr Gemeindeschreiber, dem Verdienst seine Krone! –

„Das gefällt mir, Herr Julius,“ sagte der Andere mit einem Lächeln des Wohlbehagens, „daß Sie meine Anhänglichkeit für die Sache des Volkes zu würdigen wissen, obgleich ich Ihnen versichern kann, daß mich dabei ganz uneigennützige Gründe leiten und ich nicht nach Amt und Würden strebe. Sollte indessen der dringende Wunsch meiner Mitbürger mich zu einem solchen Ehrenposten brauchen, so stelle ich nicht in Abrede, daß –“

„Daß Sie dem öffentlichen Wohle dies Opfer bringen werden, Freund Eduard. – Nun, das ist eine Antwort, womit Jeder zufrieden sein kann. Also auf eine hoffnungsreiche Zukunft und – “

Hier brach der Redner plötzlich ab und ließ seinen Blick über den vor ihm liegenden Thalgrund streifen.

„Teufel! Freund Eduard, da schleicht der Fremde schon wieder dem Forsthause zu. – Haben Sie Acht, der führt Etwas im Schilde, und ehe wir es uns versehen, wird das Waldblümchen von unbekannter Hand gebrochen sein, während wir Einheimische doch das nächste Recht dazu haben.“

Der Gemeindeschreiber hatte sich erhoben und schaute gleichfalls aufmerksam durch’s Fenster. Unten im Thal bewegte sich in der That eine jugendliche Gestalt rüstig am Rande des dasselbe durchschneidenden Baches fort und verschwand bald darauf am Eingange des vorerwähnten Waldes.

„Ja,“ sagte er, „das ist Herr Müller, der hier nun schon seit sechs Wochen seine Zeit verträumt – ein Maler, der, wie es solche Leute zu machen pflegen, in den Bergen umherstreift, um seine Mappe zu füllen. – Aber, Herr Julius, wenn Sie glauben, daß er dem Waldblümchen gefährlich werden könnte, so sind Sie in einem großen Irrthum befangen, denn da uns das Gespräch einmal auf dieses Thema geführt hat, so glaube ich Ihnen versichern zu dürfen, daß die Neigungen von Fräulein Marie sich nach einer ganz andern Seite hinwenden.“

„Sie machen mich ganz neugierig,“ sagte der Andere mit dem bereits bemerkten Anfluge von Ironie, „so ein Wunderblümchen findet man nicht auf jedem Wege, und es wäre doch sonderbar, wenn –“

„Nun, was denn? – Ich sage Ihnen, nicht Jeder versteht es, die Herzen der Frauen zu fesseln, aber sollten wir bis zur Republik gelangen und das Vertrauen meiner Mitbürger mich alsdann zum Bürgermeister erheben, so werden Sie Etwas erleben.“

„Wenn’s nur keine Blamage ist, Freund Eduard.“

„Sprechen Sie was Sie wollen, aber ich sage Ihnen, man fürchtet weder die herumstreifenden Maler noch andere auf Abenteuer ausgehende Herren,“ sagte der Gemeindeschreiber, sich in die Brust werfend und seinem Gesellschafter einen Blick der Siegesgewißheit zuwerfend.

Der Andere erwiederte nichts, sondern schaute lächelnd in sein halbgefülltes Glas. In diesem Lächeln drückte sich theils Spott über die Ruhmredigkeit seines Gesellschafters aus, theils verrieth es die listige Ueberlegenheit eines Mannes, der in seinem Innern ganz andere Pläne barg, als seine leicht hingeworfenen Worte verriethen.

Der Gemeindeschreiber hingegen, welcher eben kein großer Physiognom war, hielt dieses Schweigen für eine unmittelbare Wirkung seiner Worte und dieses Lächeln für den Ausdruck der bei seinem Gefährten hervorgerufenen Verlegenheit.

Da der Gegenstand, um den es sich handelte, ein solcher war, der seine Eitelkeit und sein Herz gleich stark berührte, so beschloß er, die über seien Gegner vermeintlich errungenen Vortheile durch einige weitere Bemerkungen möglichst zu vervollständigen. Zu dem Ende warf er sich bequem in den Sessel zurück, legte den Kopf in den Nacken und sagte mit einem an Siegesgewißheit grenzenden Tone:

„Sie zweifeln also, Herr Julius, in der That noch immer an Fräulein Marien’s Neigung zu einer gewissen Persönlichkeit? – O, ich könnte Ihnen hierfür schlagende Beweise liefern, z. B. wie auf einem bekannten Herren, welcher sich jetzt die Ehre giebt, Ihnen dies Glas zuzutrinken, erst noch gestern beim Kirchgange zwei wohlbekannte braune Augen mit besonderem Wohlgefallen ruhten.“

„Ha, ha! Freund Eduard, Sie bleiben doch ein Narr Ihr lebenlang! – Haben Sie denn nicht bemerkt, daß diese wohlbekannten braunen Augen, wie Sie sich sinnreich auszudrücken belieben, an Ihnen vorüberstreiften und sich auf eine ganz andere Person hefteten – auf den Fremden nämlich, welcher soeben hier im Wiesengrunde an uns vorüber schritt?“

„Wenn man nicht wüßte, daß der Neid aus Ihnen spräche, so sollte man es fast glauben,“ sagte der Gemeindeschreiber, mit der Miene eines Mannes, der sich so leicht nicht aus dem Sattel heben läßt; – „gehen Sie, Sie mögen ein recht guter Rechnenmeister sein, wenn es darauf ankommt, Ihre Renten einzukassiren, aber was die Liebe betrifft, so gehören ganz besondere Anlagen dazu, um mit Erfolg zu speculiren, und das Herz eines jungen Mädchens ist kein Geldsack, welchen man nach Belieben ausschütten kann.“

„Und doch ist das Geld der Hebel, welcher die Menschen in Bewegung setzt. Haben Sie Geld, Freund Eduard, so besitzen Sie die Mittel, selbst der Stolzesten und Sprödesten gegenüber zum Ziele zu gelangen.“

Wäre der Gemeindeschreiber ein Mann von nur einiger Weltkenntniß gewesen, so würde ihm der sonderbare Blick, welcher diese Worte begleitete, nicht entgangen sein. Allein Eitle denken nur an sich, und es ist nichts leichter als diese Klasse von Menschen zu täuschen. Es entging ihm daher auch jetzt, daß die sonst glanzlosen Augen seines Gesellschafters in sonderbarer Gluth aufloderten und die scharfe und entschiedene Betonung seiner Worte auf einen Entschluß hindeuteten, der in der der innersten Tiefe seines Herzens zur Reife gekommen war. Einem Mann, wie Julius, dessen Handlungen die kälteste Ueberlegung leitete, mußte das Preisgeben selbst der kleinsten Blöße offenbar unangenehm sein. Er schien auch jetzt zu fühlen, daß er vielleicht Jemand Gelegenheit gegeben hatte, einen Blick in sein Inneres zu werfen, den er vielleicht gerade am Wenigsten damit vertraut zu machen wünschte, und er suchte deshalbe durch eine geschickte Wendung den Fehler zu verbessern.

Er erhob sich nämlich schnell, leerte sein Glas, reichte dem Gemeindeschreiber die Hand und sagte im Tone der Gutmüthigkeit:

„Wir plaudern und plaudern, während andere Leute schon am Mittagstisch sitzen. Also, Freund Eduard, auf Wiedersehen! Sie nehmen heute das Bewußtsein mit sich, als Sieger den Kampfplatz behauptet zu haben.“

Diese Worte, aus dem Munde eines im Orte sonst als stolz bekannten Mannes, hätten gewiß den eitlen Schwätzer beruhigt, wenn irgend ein Verdacht bei ihm aufgestiegen gewesen wäre. Aber dies war nicht der Fall. Er dachte sogar nicht einmal mehr an seinen Freund Julius, sondern seine Gedanken weilten bei dem Fremden, welcher ihm doch schließlich mehr Besorgnisse einflößte, als er anfänglich einzugestehen Willens gewesen war.

Indem er sein Glas leerte und die „Schöne Aussicht“ ebenfalls verließ, beschloß er, es sich als nächste Aufgabe zu stellen, über die näheren Verhältnisse des Malers Erkundigungen einzuziehen.



[87]
II.

Der Fremde hatte unterdessen den Thalgrund rasch durchschritten und war bald darauf im Innern des vorerwähnten Waldes verschwunden. Er hielt jedoch nicht den breiten Fahrweg ein, welcher denselben durchschnitt, sondern bog auf einem kleinen Seitenpfade ab, der sich in der Tiefe des Forstes verlor.

Rüstig und nicht ohne Gewandtheit folgte seine schlanke, wohlgebaute Gestalt den vielen Krümmungen des engen Weges, und leicht und sicher glitt sein Fuß über die Baumwurzeln und das Schlingkraut, worauf er in diesem abgelegenen Theile des Forstes nicht selten stieß. Seine Haltung war fest und gerade und zeigte einen Anstrich von Muth und Entschlossenheit, der durch ein großes schwarzes, blitzendes Auge noch mehr hervorgehoben wurde. Seine Gesichtsfarbe bildete ein dunkles männliches Kolorit, durch welches jedoch in leiser Färbung ein gesundes Roth drang. Die Oberlippe seines in weichen Linien endenden Mundes bedeckte ein sorgfältig gestutzter Bart, der, wie sein Haupthaar, dem dunkelen Glanze einer Kohle nichts nachgab.

Der Fremde verfolgte, wie gesagt, auf die eben beschriebene Weise ein Zeit lang seinen Weg, bis er plötzlich, die Zweige eines Haselnußstrauches auseinanderschlagend, auf einen großen viereckigen Platz gelangte, der mit hohem wuchernden Grase und mit einzelnen unter den Schlägen der Axt gefallenen Baumstämmen bedeckt war. Auf einem dieser Stämme saß eine Gestalt, die wir uns etwas näher zu beschreiben die Mühe nehmen müssen. Es war ein Mann, dessen Haar das Alter bereits völlig gebleicht hatte und dessen gekrümmter Rücken bewieß, daß die Last der Jahre über ihn gekommen war. Er trug eine alte blaue Uniform mit rothem Besatz, ganz nach dem Schnitt, wie solche zu Ende des vorigen und noch zu Anfang dieses Jahrhunderts bei unseren Armeen gebräuchlich war, dazu bis an die Knie reichende, mit Knöpfen besetzte Gamaschen von grobem, grauen Tuch und gelbe Lederbeinkleider, die aus der Haut eines Hirsches gegerbt waren. Zu seinen Füßen lagen mehrere Sprengel mit Schlingen und kleine Netze, mit deren Besichtigung er eifrig beschäftigt war.

„Der Nebel ist ausgeblieben,“ murmelte der alte Mann, indem ein gutmüthiges Lächeln seine verwitterten Züge erhellte, „und der alte Wilm hätte diesmal nicht nöthig gehabt, sich vor der Reveille zu erheben. O, die Thiere des Waldes haben auch ihren Verstand, obgleich die Menschen in ihrem Hochmuth es blos Instinkt nennen. Aber, wer so wie ich, dreißig Jahre unter ihnen gelebt und beobachtet hat, der weiß, daß ihnen von unserem Herrogtt auch eine Sprache verliehen war, obgleich dieselbe unverständlich erscheint, weil es nicht des Schöpfers Wille war, uns dieselbe zu offenbaren.“

Hier wurde der Greis durch einen leisen Schlag auf die Schulter unterbrochen und eine metallreiche Stimme sagte mit einer Weiche und Gutmüthigkeit, der man es anhörte, daß sie der Widerhall des Herzens war:

„Nun, Wilm, giebst Du Dich wieder Deinen philosophischen Träumereien hin?“

Der Alte wendete den Kopf und blickte in das jugendliche Antlitz des Fremden, welcher ihm die Hand lächelnd zum Gruß reichte.

„Ach, ich weiß wohl,“ sagte er, den Jüngling mit sichtbarem Wohlgefallen anblickend, welcher sich inzwischen ihm gegenüber auf einem Baumstamm niedergelassen hatte, „ich weiß wohl, daß die heutige Jugend mit dem Alter weniger als sonst in seinen Ansichten harmonirt, und daß das, was sonst klug und weise genannt wurde, jetzt häufig dem Spotte und der Verachtung unterliegt, aber sehen Sie, Herr – Herr – “

„Nun, Müller, Maler Müller,“ lachte der Andere.

„Wie’s beliebt. Ein Name thut zur Sache nichts, und ein alter Soldat, wie ich, hält sich stets streng an die gegebene Ordre. Nun, sehen Sie, Sie nennen das philosophische Träumereien, wenn ich mich hier in der Einsamkeit des Waldes, wo mich nur Gott hören kann, meinen einfachen Gedanken hingebe, aber glauben Sie, wenn man sieht, daß dieser Gott in der Welt immer mehr verleugnet wird, dann fühlt ein alter Mann, wie ich, der täglich da oben zur großen Armee abgerufen werden kann, doppelt das Bedürfniß, sich vor ihm in der Anschauung seiner Werke bewundernd zu beugen.“

„Gewiß, Wilm, und Du weißt wohl, daß ich selbst um keinen Preis diesen Glauben aufgeben möchte.“

„Ich weiß dies. Hierzu haben Sie auch eine viel zu fromme Mutter und einen viel zu edelen Vater gehabt.“

„Ach, Wilm, wenn sie noch lebten!“

Diese Worte wurden von dem jungen Manne mit einer tiefen Wehmuth ausgesprochen, so daß man es ihnen wohl anhörte, daß sie der unverfälschte Ausdruck eines von Schmerz erfüllten Herzens waren.

„Wir müssen Alle fort,“ sagte der Alte, an seinen Schlingen zupfend – „die Guten wie die Bösen, die Gerechten wie die Ungerechten.“

„Nur zu wahr. Doch laß mich Dich an die Verpflichtung erinnern, die mir auferlegt ward. Werde ich sie erfüllen können?“

Der Waldbewohner ließ die Schlinge, welche in seiner Hand ruhte, langsam niedergleiten und sagte:

„Es wird manchen harten Kampf kosten, ehe die Redoute genommen ist, da aber unserer Sache die Gerechtigkeit zur Seite steht, so wollen wir auf den Sieg unserer Waffen vertrauen.“

„Und sahst Du sie?“

„Ist Alles nach Ordre vollzogen.“

„Und was sagte sie?“ fragte der Fremde, sich rasch erhebend und mit dem Zeichen der gespanntesten Erwartung dicht vor den Greis tretend.

„Eine Stunde vor der Retraite würde sie Euch erwarten.“

„Wilm, – theurer, lieber Wilm!“

Der alte Mann lachte in seiner biedern, schlichten Weise halblaut und sagte nicht ohne eine gewiße Selbstbefriedigung:

„Wenn das Waldblümchen einwilligte, Sie zu sehen, so geschah es doch nur unter gewissen Bedingungen.“

„O, nenne sie! Ich unterwerfe mich denselben im Voraus in ihrer ganzen Ausdehnung.“

„Nun, für’s Erste, bleibt das Fenster bei der Unterredung geöffnet.“

„Nichts weiter als dies?“

„Für’s Zweite, wird in der Person des alten Wilm eine Schildwacht vor dieses Fenster gestellt.“

„Stelle Dich nur immer hin, Du weißt ja, daß mein Herz Dir gegenüber kein Geheimniß kennt.“

„Und das Herz Marien’s noch weniger,“ sagte der Greis. „Habe ich sie nicht auf meinen Armen gewiegt, als sie noch ein lallendes Kind war? – Hat sie an meiner Hand nicht Laufen gelernt? – War sie es nicht, welche mir in der Einsamkeit des Waldes mit frommer, kindlicher Aufmerksamkeit zuhörte, wenn ich ihr erzählte von der Liebe zu Gott und zu den Menschen?“

Ergriffen von diesen Erinnerungen stützte der alten Mann seine beiden Ellenbogen auf seine Knie und versank in ein augenblickliches Schweigen. Der herzliche und innige Druck einer Hand, die die seinige berührte, erweckte ihn aus diesen Träumereien. Der Jüngling hatte sich erhoben und stand vor ihm.

„Lebe wohl, Du treuer, uneigennütziger Freund,“ sagte er, „gleich treu dem Vater wie dem Sohne. Die Zeit drängt zu einer Entscheidung; der heutige Abend wird über mein zukünftiges Glück bestimmen.“

„Nur Muth,“ entgegnete der Soldat, „es muß versucht werden! Der Förster wird mich zwar als einen Complotteur behandeln, und wenn die Sache mißglückt, so dürfen die Füchse und Iltisse in diesem Walde die Schlingen und Netze des alten Wilm wohl nicht mehr zu fürchten haben, aber mag es immerhin sein – der da Oben, welcher die Jungen der Raben füttert, und ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt, wird auch für mich sorgen und mir ein anderes Fleckchen Erde anweisen, wo ich mein Haupt niederlegen kann.“

Diese letzten Worte sprach der Invalide so leise, daß sie seinem Gesellschafter unverständlich blieben. Er hatte sich erhoben und Letzterem ebenfalls seine Hand gereicht. Ein gegenseitiger herzlicher Druck bestätigte das innige Einverständniß Beider, dann theilten sich die Zweige und der Fremde verschwand auf demselben Pfade, auf welchem er gekommen war, während sein bejahrter Gefährte mit seinen Schlingen und Netzen sich auf einer andern Seite des Forstes im Dickicht verlor.

Einige Stunden später, als die eben beschriebene Unterredung Statt fand, bewegte sich die leichte, zierliche Gestalt eines jungen Mädchens mit ziemlich raschen Schritten auf einem schmalen Pfade fort, welcher die Schluchten der das Thal begrenzenden Berge in verschiedenen Krümmungen durchschnitt und gleichfalls nach dem [88] Walde ausmündete. Die Sonne war untergegangen und die Dämmerung begann ihr geheimnißvolles Netz über die Gegend auszuspannen. Dies mochte vielleicht die einsame Wanderin zu größerer Eile anspornen, obgleich ihr Anzug mehr auf einen Spaziergang wie auf eine längere Reise deutete, und man daher berechtigt war, hieraus den Schluß zu ziehen, daß sie in dieser Gegend keine Fremde sei. Dem äußeren Anscheine nach stand sie in dem blühenden Alter von achtzehn bis neunzehn Jahren, aber in ihrer ganzen Erscheinung lag eine so überraschende Lieblichkeit, daß wir den Leser um Nachsicht bitten, wenn wir auch hier bei einer näheren Schilderung einige Augenblicke verweilen.

Das junge Mädchen war von mittlerer Gestalt, aber dabei so proportionirt gebaut, daß selbst der strengste Kunstrichter sich vergebens bemüht haben würde, einen Fehler zu entdecken. Dabei hatte die Natur diesem schlanken, im schönsten Ebenmaß emporschießenden Körper mit einer Weiche und einer zarten Fülle ausgestattet, die bei jeder Bewegung desselben in überraschender Weise hervortrat. Ein schöner, feingeformter Kopf ruhte auf einem blendend weißen, etwas gebogenen Halse, über demselben bildete ein Netz des schönsten kastanienbraunen Haares die Einfassung zu einer schmalen, etwas hervorstehenden Stirn, unter welcher ein Paar große braune Augen auftauchten, deren sanfte Strahlen sich in den weichen Linien eines Kinnes verloren, über welchem ein kleiner Mund mit runden, feingeschnittenen Lippen sichtbar wurde. Ihre Kleidung war einfach, aber äußerst reinlich und nach den Regeln der Mode nicht ohne Geschmack gewählt; ein weißer Strohhut verhüllte theilweise die jugendlichen Züge des eben beschriebenen lieblichen Gesichts.

Wir haben vorhin bemerkt, daß das junge Mädchen eilig voranschritt. Allein nicht blos der hereinbrechende Abend, sondern auch noch ein anderer Grund mußte sie hierzu veranlassen.

Während sie ihren Weg verfolgte, schlug sie oft ihre großen schönen Augen empor und ließ sie mit sichtbarer Unruhe nach dem Hause schweifen, welches aus der Mitte des vor ihr liegenden Waldes auftauchte. Mitunter färbte auch ein leises Roth Stirn und Wangen, dann legte sie die kleine weiße Hand beschwichtigend auf’s Herz und versuchte, obwohl vergeblich, eine innere Aufregung zu bemeistern, die sich von Zeit zu Zeit bei ihr kund gab.

Sie hatte jetzt einen Hohlweg erreicht und wollte eben das Innere desselben betreten, als sie plötzlich mit allen Zeichen des Schreckens inne hielt und starr nach dem entgegengesetzen Endes desselben blickte. Es war sichtbar, daß sie überlegte, ob sie weiter gehen oder umkehren sollte. Indem sie noch hierüber in Zweifeln sich bewegte, näherte sich ihr im Halbdunkel eine männliche Gestalt, die allem Anschein nach sie hier erwartet zu haben schien. Bei der Enge der Straße konnte jetzt, wo das junge Mädchen sich endlich doch zu Fortsetzung ihres Weges entschlossen hatte, von einem Ausweichen um so weniger die Rede sein, da der neue Ankömmling fast die ganze Breite desselben einnahm. Dies war wohl auch die Ursache, weshalb die einsame Wanderin, als sie sich dem Letzteren bis auf wenige Schritte genähert hatte, aus Verlegenheit einen Augenblick stehen blieb. Zwei Augen, in welchen sich eine Begehrlichkeit abspiegelte, welche die rosigen Wangen des jungen Mädchens erbleichen ließen, leuchteten ihr entgegen.

„Fräulein Marie, schönste Blume unserer Berge,“ sagte eine wohlbekannte Stimme, „so hat das Glück mich doch ein Mal begünstigt und mir die Gelegenheit geboten, Ihnen meine Huldigungen ohne Zeugen darzubringen.“ –

„Ich weiß eine solche Höflichkeit zu schätzen und spreche Ihnen hierfür meinen Dank aus, Herr Julius,“ entgegnete diese mit einer kurzen, ernsten Verbeugung, indem sie ihren Weg fortzusetzen suchte. –

„O immer und immer dieses Sprödethun!“ fuhr Julius, ihr den Weg vertretend und sie mit einem äußerst freien Blick messend, fort. „Was veranlaßt Sie, liebliches Wesen, der feurigen Gluth eines von Ihren Reizen entflammten Herzens ewig nur diese stolze Kälte entgegen zu setzen?“

„Herr Julius, es ist weder der Ort noch die Zeit, Ihnen hierüber eine Antwort zu geben. Ich ersuche Sie, mir den Weg zum Durchgange zu öffnen.“

„Nein,“ sagte dieser in einem etwas trotzigen Tone, „nicht eher, bis ich Ihren Hochmuth besiegt habe. Ich gebe die Hoffnung hierzu nicht auf!“

„O ich bin ja nicht hochmüthig,“ erwiederte Marie mit einer solchen Weiche und Kindlichkeit im Ausdruck ihrer Stimme, daß die Unschuld eines reinen, frommen Gemüthes sich unzweideutig darin abspiegelte, „und wenn ich Sie bitte, mich ruhig weiter ziehen zu lassen, so geschieht es allein deshalb, weil es sich für ein junges Mädchen nicht paßt, hier in dieser abgelegenen Gegend im Zwielicht in der Gesellschaft eines Mannes zu verweilen, der –“

Hier stockte das liebliche Kind und erröthete tief, indem sie das schöne von Angst erfüllte Auge verlegen zu Boden schlug.

„Nun vollenden Sie nur, holdes Waldblümchen. Sie wollen sagen: eines Mannes, der Ihrem Geschlechte gegenüber in keinem besonderen Rufe steht.“

Marie hob den schönen Kopf stolz in die Höhe und sagte:

„Wozu ein Gespräch weiter fortführen, zu welchem Sie mich gezwungen haben und von dem ich wünschte, daß dessen weiterer Inhalt mir fremd bleiben mag. Noch ein Mal also: Wenn Sie ein Mann von Anstand und Sitte sind, so lassen Sie mich ruhig meines Weges ziehen, Herr Julius.“

„Nein!“ entgegnete dieser, dem geängstigten Mädchen ungestüm einen Schritt näher tretend. „So läßt sich ein Mann, der die Welt und ihr Geschlecht kennen gelernt hat, nicht abweisen. Ich bin reich und gegen Diejenigen, welche ich liebe, freigebig! Erwidern Sie meine Neigung und es soll Ihnen an nichts fehlen, was Ihnen das Leben angenehm machen kann.“

Edle und reine, aber von Natur schüchterne Gemüther erhalten in der Regel ihre Energie dann wieder, wenn auf rohe und gemeine Weise der Versuch gemacht wird, das Bollwerk erhabener Grundsätze zu zertrümmern, welches sie in ihrem Herzen gegen das Laster und die Frivolität errichteten. So war es auch jetzt mit Marie. Eine hohe Röthe des Unwillens übergoß ihr schönes Gesicht und zwei jener zuckenden Blitze, womit sich die Unschuld ihren Verfolgern gegenüber in den Augenblicken der Gefahr nicht selten so trefflich zu wappnen versteht, trafen aus ihren sonst so mild leuchtenden Augen den dreisten Antragsteller.

„Ich bin nur ein schwaches Mädchen,“ sagte das holde Kind mit einer vor innerer Entrüstung erbebenden Stimme, „und kann mich nicht wie ein Mann für die empfangenen Beleidigungen rächen, aber dennoch habe ich den Muth, Ihnen zu sagen, daß Ihr Benehmen ein völlig schamloses ist, welches in der tiefsten Verachtung seine gerechte Würdigung findet.“

„Schön,“ erwiederte Julius, „Ihre Worte entheben mich der Mühe, noch ferner eine Maske zu tragen, die ohnedem lästig ist. Hören Sie also, stolzes, aber um so reizenderes Kind: Sie haben in meinem Herzen eine Gluth entzündet, die ich nicht mehr zu bewältigen vermag. Ihr Besitz ist das Ziel, nach welchem ich strebe und dieses Ziel, glauben Sie es mir, werde ich erreichen, sei es im Guten, sei es im Bösen, sei es auf friedlichem, sei es auf gewaltsamem Wege.“

„Fürchten Sie den Zorn meines Vaters!“

„O Ihr Vater!“ lachte Julius mit dem kalten Hohne eines Teufels, „Ihr Vater! – möge er sich nur hüten, das Ungewitter herauf zu beschwören, was über seinem Haupte schwebt! – Ein königlicher Förster in der jetzigen Zeit, wo das Gesetz von der Faust seiner Feinde gehandhabt wird! – Glauben Sie denn nicht, daß alle jene Leute, welche in’s Gefängniß wandern mußten, weil sie sich einige Stückchen Holz aus dem großen, weiten Forste holten, oder weil sie sich die Freiheit nahmen, einen Rehbock zu tödten, Rache gegen den Mann im Herzen tragen, welcher sie dem Gesetze überlieferte, und den sie als ihren natürlichen Feind betrachteten? – Nun, sind diese Hinweisungen nicht im Stande, Ihren Stolz und Ihre Sprödigkeit etwas zu beugen?“

„Aber mein Vater,“ sagte Marie, indem bei dem Gedanken an die Gefahr, welche demselben drohte, ihr Gesicht erbleichte, „mein Vater erfüllte nur die Pflicht seines Amtes und hat den wahrhaft Armen und Unglücklichen niemals verfolgt.“

„Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß ich eine Waffe gegen den Zorn Ihres Vaters besitze,“ sagte beschwichtigend Julius. „Noch ein Mal, Marie, erwiedern Sie meine Neigung und dem alten Manne soll kein Haar gekrümmt werden.“

(Fortsetzung folgt.)
[89]
Londoner Lebens- und Verkehrs-Bilder.
Der alte und der neue Fleisch-Markt.

Die Bewohner der englischen Metropolis haben feierlich von einem ihrer ältesten und familiärsten Freunde auf ewig Abschied genommen. Sein Ruhm, seine Schönheit, sein Unentbehrlichkeit waren anerkannt und bekannt in der ganzen Welt seit einem vollen halben Tausend von Jahren. Smithfield-Market ist nicht mehr. Er starb an der Geburt eines neuen Vieh- und Fleischmarktes für drei Millionen der größten Cariavoren unter den Menschen, für deren Fleischvertilgungsvirtuosität uns in statistischen Zahlen wahrhaft grandiose Beweise vorliegen. So groß und schön und modern vollkommen auch der neue Opferaltar ist, der alte Markt ist und bleibt doch ein historisch-klassischer Boden für die Kulturgeschichte Englands. Der häßlichste aller Plätze Londons wurde schon im 11. Jahrhundert dem Kloster St. Bartholome als ein Meß-Platz monopolisirt. Eduard III. privilegirte die Corporation der City für einen Viehmarkt auf demselben Platze mit der Bestimmung, daß sieben Meilen ringsum kein anderer Viehmarkt gehalten werden dürfe. So wuchsen Messe und Markt als zwei Monopole nebeneinander auf und blühten und freuten sich ihrer Kraft gegen alle Reformen und Neuerungen volle fünf Jahrhunderte. Unlängst starb die Bartholome-Messe und der Markt, Philemon ohne Baucis, folgte ihr letzte Weihnachten nach.

Die Gartenlaube (1855) b 089.jpg

Der neue Vieh- und Fleisch-Markt in London.

Da Smithfield-Market keine Geschichte hat, außer daß er sich gegen alle Vernunft und Menschenvermehrung stets seinen siebenmeiligen Umkreis als Monopol zu erhalten wußte, können wir leicht über diesen Stoff wegschreiten.

Neuerdings mußten im Durchschnitt jährlich 400,000 Rinder, 1,400,000 Schafe und eine verhältnißmäßige Zahl von Kälbern, Schweinen und Lämmern in dieses Monopol getrieben werden, um sich das Recht zu erwerben, ihre Eigenthümer zu wechseln und unter deren Händen für England zu sterben. Das war eine Kunst, die an Hexerei grenzte, besonders an dem „großen Tage,“ d. h. dem letzten Montage vor Weihnachten, wo auf diesem Platze, der kaum halb so groß ist, als der Krystall-Palast von Sydenham, alle die ungeheuern Fleischmassen, welche London braucht, um sich Weihnachten „comfortable“ zu machen, binnen wenig Stunden lebendig hineingetrieben, verkauft und durch unendliche Labyrinthe von Straßen, Wagen und Menschen wieder hinausgetrieben werden mußten. Voriges Jahr handelte es sich an diesem Platze, an diesem Tage, in wenigen Vormittagsstunden, um beinahe 6000 Stück Rinder, 35,000 Schafe und verhältnißmäßig viel Kälber, Lämmer und Schweine. Die Scenen, welche die Nächte jedes londoner Sonntags ausfüllen, damit der graue Montagmorgen beinahe drei Millionen fleischenthusiastische Menschen auf acht Tage mit Fleisch versehe, gehörten bisher zu den seltsamsten und entsetzlichsten, die man in unserm unromantischen Jahrhunderte irgendwo auftreiben könnte.

Dampfschiffe von Rotterdam, Hamburg und dänischen Häfen, von Berwick, Leith, Dundee, Aberdeen und Inverneß in Schottland, Eisenbahnen von den nördlichen und mittleren Districten, besondere Treiber zu Fuße aus der Nachbarschaft bilden jeden Sonntag Abend eine wahre Belagerungsarmee um London, um nach Mitternacht von allen Seiten zugleich einzudringen und sich in das furchtbarste Labyrinth von Schmutz, Nebel, Fackeln, Flüchen, Hundegebell, von quiekenden Schweinen, brüllenden Ochsen, blökenden Kälbern und Schafen, von Peitschengeknall, Knüttelregen, und riesigen, schmutzigen, wilden und barbarischen Menschen so fest in einander zu wirren und drängen, daß nur die feisten, athletischsten Fleischer, die von allen Seiten in ihren Einspännern durch die Nacht herbeieilen, sich mit ihren eingesalbten Kleidern und urweltlich starken Knochen hineindrängen können, ohne zermalmt zu werden.

Philosophie, Mathematik und Chemie haben manche uralte Mysterien der Natur und des Lebens gelöst, aber kein Hegel, Newton, kein Liebig sind im Stande, zu erklären, wie Vieh und Menschen, Fackeln und Schmutz, Hunde und Peitschen und Knüttel es anfangen, um bis Mittag ein Uhr alle mit heiler Haut davon zu kommen und den Smithfield-Markt wieder auf acht Tage in eine schmutzige Einöde zu verwandeln, auf welche krumme, lahme, in Gedanken und Schmutz versunkene Häuser trostlos auf ein Labyrinth von Stacketen und Tabak rauchende, einsam feilhaltende Irländerinnen [90] herablicken. Es ist Gesetz, Uebung, Routine, Sitte und Gewohnheit in diesem Chaos. Die Smithfield-Treiber sind eine eigene Sorte von Wesen (man kann kaum sagen: Menschen). Sie zerfallen in zwei ganz verschiedene Species: „Die Verkaufsmann-Treiber und die Fleischertreiber.“ Erstere beschäftigen sich ausschließlich damit, das Vieh ein-, letztere es auszutreiben vom Marktplatze und aus dessen verschiedenen Verschlägen. Die Verkaufsmänner sind eine dritte Species von Wesen, die sonst nirgends unter der Gattung Mensch vorkommt. Nach dem Markte verschwinden sie jedesmal von der Erde, um nächste Mitternacht von Sonntag zum Montag wieder zu erscheinen. Sie haben weder Vieh, noch Laden, noch Haus, noch Weib und Kind und existiren blos während ihres Geschäfts. Sie kennen alle Viehmäster und Lieferanten des Königreichs und alle Fleischer Londons auf’s Haar, und Verkäufer und Käufer wagen nie, mit einander Bekanntschaft oder wohl gar ein Geschäft zu machen, ohne diese höheren Wesen in die Mitte zu stellen. Der Verkäufer giebt mit Freuden seine halbe Krone auf jedes Stück Rind an den Verkaufsmann (sales-man), da frühere Erfahrungen lehren, daß er durch unmittelbaren Verkauf an den Fleischer immer drei Mal so viel einbüßt, als ihm die allwissende Mittelsperson kostet.

Auch der Smithfield-Banquier ist eine seltsame Figur, die dem Uneingeweihten eben so überflüssig erscheint, als der Salesman, da man laienhaft meinen könnte, es wäre vernünftiger und einfacher, daß der Fleischer unmittelbar an den Verkäufer zahlte. Der Smithfield-Banquier nimmt den Betrag des Geldes, wofür der Fleischer gekauft hat, von Letzterem in Empfang, um es nicht etwa an den Verkäufer, den Salesman, sondern an den wahren Eigenthümer zu zahlen. Der Eigenthümer oder wahre Verkäufer, oft tief im Lande oder gar außer Landes, consignirt seine Waare an seinen Banquier, der ihm Sicherheit gewährt. Für diese bezahlt er gern die ziemlich beträchtlichen Gebühren. Nach abgeschlossenem Verkaufe übergiebt der Salesman den „Aus-Treibern“ die bestimmte, oft unter Tausende dicht eingepferchte, lebendige Waare, auf welchen Akt die zottigen, schmutzigen Hunde mit brennender Leidenschaft scharf aufpassen. So wie die Treiber nun anpacken, wirklich anpacken, denn sie scheinen zum Theil, wie Milo von Kroton, den fettesten Ochsen nicht nur bei den Hörnern ziehen, sondern ihn auch tragen zu können, springen die Hunde mit wahrer Strategie pfeilschnell umher, um immer an der richtigen Stelle anzubeißen, so daß Hunde und Menschen von Fach und Wissenschaft sich vereinigen, wahre Wunder zu vollbringen. Aus Tausenden, vielen Tausenden dichtgedrängter, verduzter Thiere 10, 20–30 gleichsam anatomisch heraus zu präpariren und sie dann durch Straßenlabyrinthe, in denen sich nicht selten alle Arten von Fuhrwerken zu Hunderten mit Pferden, Ochsen und Schafen zu unentwirrbaren Knäueln verschlingen, in die verschiedenen Schlachthäuser zu treiben, das sind auch Heldenthaten, das ist auch Kunst, auch ein Wunder menschlichen Genies, das in dieser Sphäre nur deshalb noch keinen Homer gefunden haben mag, weil die Poeten vor menschlichen Schlachten nicht bis zu den Schlächtern und ihren Treibern kommen können.

Nur noch als niedliche Notiz, daß von den Smithfieldbanquiers mancher an einem einzigen Montage 40,000 Pfund Sterling oder 270,000 Thaler empfängt und die Fleischer im Durchschnitt etwa 8 Millionen Pfund oder gegen 56 Millionen Thaler jährlich an diese Banquiers zahlen, um sich dafür von den Bewohnern Londons zwischen 80 und 90 Millionen Thaler wiedergeben zu lassen. Die Londoner verzehren das ganze preußische Militärbudget beinahe doppelt blos für Fleisch, ohne Rücksicht auf Wild, Geflügel, Fische, Austern, geräucherte oder eingemachte importirte Fleischfasern, ohne Rücksicht auf Eier, Speck, Schinken und Würste, die schiffladungsweise in den Magen Londons gefahren werden. London allein giebt so viel aus, um seinen Appetit auf Fleisch zu befriedigen, daß man eine ganze preußische Armee in dreifacher Verstärkung mit allen ihren Bedürfnissen davon befriedigen könnte. Und dabei giebt es noch ziemlich zahlreiche Vereine von „Vegetarians“, die blos Vegetabilien essen, und sich eidlich verpflichtet haben, nie Fleisch über ihre Lippen zu bringen.

Es ist bekannt, daß man seit Jahren an dem Sturze des monopolisirten Smithfieldmarktes arbeitete, ohne der mächtigen, reichen City-Corporation beikommen zu können, obgleich jeden Sonntag Abend bis jeden Montag Nachmittag das Uebel hunderttausendstimmig gen Himmel schrie. In England muß immer erst die Noth am Größten werden, ehe die Hülfe am Nächsten ist. Es ist eins der reformfeindlichsten Länder. Die Engländer sind das mittelalterlichste Volk der Erde, wo jede Reform mächtige, reiche, alte Privilegien und Vorrechte verletzt. Da nun die Reichen, Priviligirten und Bevorrechteten regieren, lassen sie Uebelstände ruhig Jahre, Jahrzehende und Jahrhunderte lang gen Himmel schreien und sich nicht eher rühren, als bis sie Fortissimo und Tutti auch auf der Erde im Verein mit den Steinen schreien. Erst im Jahre 1835 wagte das Parlament an dem 500jährigen Smithfield-Markt-Monopole zu rütteln. Es erlaubte den Verkauf von Vieh unter Umständen auch an andern Orten. In Folge davon riskirte ein steinreicher Engländer, Perkins, mehrere hunderttausend Pfunde zur Begründung eines neuen Londoner Viehmarktes im Norden der Stadt (Islington). Es entstand eine ganze Stadt mit einer Mauer, die 15 Morgen Landes und Gehege und Wohnungen für 8000 Rinder und 50,000 Schafe einschloß. Schöne Lage, schöne Einrichtungen, Reinlichkeit für Menschen und Thiere – Alles vereinigte sich hier, um zu großen Hoffnungen zu berechtigen. Aber die City-Corporation hat Geld und Einfluß. Nach sieben Monaten war der neue Markt mausetodt, da sich weder Vieh noch Menschen dort einfanden. Erst eine Parlamentsakte von 1851 traf die „alte Gerechtigkeit“ in’s Herz. Die Parlamentsakte befahl der Corporation gewisse Reformen binnen sechs Monaten; seien diese dann nicht fertig, sollten fünf Personen zu einem „Metropolitan-Viehmarkt-Comitee“ zusammentreten und Viehmärkte, Fleischmärkte, Viehherbergen, Läden u. s. w. schaffen und für bestimmte Preise jährlich vermiethen. Zu gleicher Zeit würde der alte Smithfield-Marktplatz zum „Nationaleigenthum“ erhoben werden, so daß die City-Corporation keinen Pfennig mehr durch ihn einnehmen würde. Die Corporation arbeitete und wartete bis zur letzten Stunde der ihr gestellten Frist, immer hoffend, daß Hülfe vom Himmel oder aus der Unterwelt kommen könnte. Aber der rettende Deus ex machina blieb aus, und so sprang endlich die 500 Jahre lang unterdrückte Reform wie eine geharnischte Pallas Athene aus dem harten Schädel der City-Obrigkeit, und schuf einen neuen Markt, den die alte Göttin der Weisheit selbst für eine Schöpfung halten würde, die über allen ihren Witz, den sie jemals in Athen entwickelte, hinausgeht.

Der neue Markt ist ein modernes Kulturwunder, wie der Krystall-Palast. Ueber Islington oben, von Ferne und Außen angesehen, erscheint er wie eine ganze Festung mit Vorstädten, die in Palast- und Straßenreihen hervorspringen. Während des Sommers arbeiteten eine Zeit lang nicht weniger als 6000 Menschen und unzählige Pferde und Pferdekräfte in Dampfmaschinen in der ehemaligen Oede um Kopenhagen-House (einer Taverne) unter der Leitung eines besondern „Markt-Vervollkommnungs-Comittee’s“. Der neue Marktplatz umfaßt 75 Morgen, das Zwölffache des alten. Innerhalb desselben ist ein Centrum von 15 Morgen regelmäßig abgetheilt, und von einem gläsernen Dache gegen die Intervention der Regenwolken geschützt, deren Niederschlag nicht einmal vom Dache tröpfeln kann, da er innerhalb der schlanken eisernen Säulen unter die Erde abgeleitet wird. Im Centrum dieses Centrums thront das Allerheiligste zwölfwändig, um den zwölf Banquiers als Bureaux zu dienen. Auf diesem Allerheiligsten erhebt sich ein achtkantiger Thurm mit glänzender Uhr und hellklingender, heiterer Glocke, die zwölfseitige Andacht unten weit und breit der profanen Menge zu verkündigen. Die Schlachthäuser innerhalb der äußersten Mauer zerfallen in öffentliche und private. Erstere stehen Personen, die ihr gekauftes Fleisch selbst schlachten wollen, zu Diensten, letztere werden an professionelle Schlächter vermiethet, die für Fleischer arbeiten. Die Lagerstätten und Herbergen für das Vieh, vor oder nach dem Markte, sind ungemein zahlreich und wunderschön eingerichtet. Alle sind gut mit Schiefer gedeckt und mit geglasten, wasserdichten Steinen gepflastert. Wassertröge und Heukrippen sehen ganz künstlerisch aus. Für Ventilation und sonstigen Comfort der Thiere ist auf das Beste gesorgt. Diese Herbergen bieten über 3000 Rindern und mehr als 100,000 Schafen, Schweinen, Kälbern und sonstigen eßbaren Vierfüßlern bequeme Schlafstellen.

Außerdem giebt es einen großen Häute- und Fleischmarkt und ein schönes, großes Etablissement zur Ausstellung von Ackerbau- und Viehzucht-Implementen. Das größte Wunder dabei ist erst in der Entwickelung, nämlich die direkte Zufuhr von allen fünfzehn Eisenbahnhöfen Londons auf Eisenschienen mit der Lokomotive. Die [91] Zweigbahnen und Verlängerungen, die jetzt von allen Seiten nach dieser neuen Lebensquelle für Menschen und Opferaltar für Millionen Thiere herbeieilen, setzen den Laien förmlich in Erstaunen. Nur über die Themse herüber, jenseits welcher einige sehr wichtige Bahnen münden, führt noch keine Eisenbahnbrücke. Aber auch diesem Mangel wird auf eine Staunen erregende Weise abgeholfen. Da nämlich London auf seinen 40 englischen Quadratmeilen längst nicht mehr Platz hat und städtische Eisenbahnen längst über die Häuser und Straßen hinlaufen, dabei aber in den Hauptstraßen die Wagen und Fuhrwerke sich alle Tage mehrmals festfahren, hat man beschlossen, theils über, theils unter den Hauptstraßen zur Verbindung aller wichtigen Plätze und der Eisenbahnhöfe eiserne Röhren mit doppelten Schienenwegen darin zu legen. Die Meisten derselben werden hoch über den Häusern hinlaufen mit vielen Stationen von Unten, von wo die Passagiere durch Häuser, die in Flaschenzügen rasch auf und abgehen, aufgenommen und abgesetzt werden. Dabei soll die Fahrt für die Person in den Wagen zweiter Klasse nur 1 Penny betragen. Dies sieht wie Schwindel, wie Luftschlösser aus; aber war der Tunnel vorher nicht auch eine Fabel? Gab es nicht ein allgemeines Hohngelächter durch die ganze civilisirte Welt, als Jemand zum ersten Male behauptete, man könne mit Dampf, statt mit Pferden von einem Orte zum andern fahren? Höhnte und spottete die weise Menschheit nicht wieder, als Jemand behauptete, man könne mit Dampf auf dem Wasser dem Wind direkt entgegen fahren? Und hielt sie dann den Mann, der zum ersten Male behauptete, man könne mit Dampf bis Amerika fahren, nicht für wahnsinnig? Erfinder und Entdecker und große Reformer werden jetzt zwar nicht mehr regulär verbrannt oder sonst zur Beruhigung der Menschheit umgebracht, aber von dieser Menschheit immer noch hübsch im Chor ausgelacht.

Mit dem Projecte aber, die Londoner durch Röhren mit Dampf zu leiten, hat es seine volle Richtigkeit und Nothwendigkeit, denn ohne daß es unter sich und über sich hinaus geht, hat London durchaus nicht mehr Platz und konnte es nicht mehr durch und vorwärts. Der neue Markt soll bis jetzt 2,450,000 Thaler kosten und ist gebaut worden. Die Eisenbahnen durch die Luft werden etwas mehr in Anspruch nehmen, aber nur, um das ganze Kapital vielleicht in einem Jahre wieder einzubringen, und zwar in der ungemein kostbaren Form von Zeit, deren realer Geldwerth nirgends höher geschätzt wird als in London.

Gesundheits-Regeln.
Willkürliche Bewegungen. Turnen.

Um willkürlich Bewegungen ausführen zu können, bedürfen wir, wie sich wohl ganz von selbst versteht, zuvörderst eines Willens und dann der Bewegungsorgane. Der Wille ist eine Thätigkeit unseres Gehirns und diese Thätigkeit, allmälig durch äußere Eindrücke angefacht, geht hier nach der Beschaffenheit der Hirnsubstanz, sowie nach der Gewöhnung (Uebung, Erziehung) derselben besser (kräftiger) oder schlechter (schwächer) vor sich. Die Bewegungsorgane sind die an bewegliche Theile, besonders an Knochen und Knorpel befestigten Muskeln (das Fleisch). Durch Nervenfasern, d. s. die Bewegungsnerven, setzt der Wille vom Gehirne aus die Muskeln in Thätigkeit (in Verkürzung durch Zusammenziehung).

Das erste Erforderniß zu Ausführung willkürlicher Bewegungen muß sonach eine richtige Beschaffenheit der hierbei in Thätigkeit kommenden Organe (des Gehirns, der Bewegungsnerven, der Muskeln, des Knochen- und Knorpelgerüstes) sein. Es ist deshalb durchaus nöthig, daß in diesen Theilen die Ernährung (der Stoffwechsel), durch Zufuhr guten Blutes und ungestörte Circulation desselben, in gutem Gange erhalten werde. Wer Willens- und Muskelkraft zu entwickeln hat, bedarf auch einer solchen Nahrung, die das Nerven- und Muskelgewebe gehörig zu ernähren im Stade ist. Thierische Nahrungsmittel sind dazu weit geschickter als pflanzliche. Es ist sehr Unrecht, von blutarmen, schlecht genährten und zu einer schmalen Kost gezwungenen Menschen dieselbe Willens- und Muskelstärke zu verlangen, wie von robusten, nahrhafte Speisen genießenden Subjekten. Die häufigen Beispiele, wo willens- und muskelkräftige Personen nach und nach durch schlechtere Ernährung ihres Nerven- und Muskelsystems (in Folge von Nahrungsmangel, oder von unzweckmäßiger Nahrung, oder von Krankheiten) zu Schwächlingen wurden, sprechen dafür.

Sodann verlangen die genannten Bewegungsorgane zu ihrer ordentlichen Ernährung außer guten Blutes aber auch noch der richtigen Abwechselung zwischen Thätigsein und Ruhen, weil nur dadurch der Stoffwechsel (die Anbildung neuer und Abstoßung alter Substanz) in ihnen ordentlich vor sich gehen kann. Zu langes und sehr angestrengtes Thätigsein schadet hierbei ebenso wie andauerndes Nichtsthun. Bis zur äußersten Ermüdung fortgesetztes Bewegen kann recht leicht einen lähmungsartigen Zustand in den übermäßig angestrengten Theilen veranlassen.

Um Bewegungen immer geschickter, schneller und kräftiger ausführen zu lernen, dazu gehört nun öftere Wiederholung (Gewöhnung) und 'allmälige Steigerung derselben hinsichtlich der Dauer, Stärke und Schnelligkeit. Es bedarf gewöhnlich längerer Zeit der Uebung, ehe der Wille innerhalb des Gehirnes gerade blos die Nervenfasern (und durch diese diejenigen Muskeln) in Thätigkeit versetzt, welche eben nur thätig sein sollen. Bei den meisten mit Vorsatz ausgeführten Bewegungen kommen gleichzeitig und ganz unwillkürlich, eben wegen ungeschickter Anregung auch noch anderer als der zu gebrauchenden Nerven von Seiten des Willens, noch eine Menge von Mitbewegungen in den verschiedensten Theilen zu Stande, wie die, bisweilen höchst komischen Bewegungen bei Personen, welche Tanzen, Turnen, Fechten u. s. w. lernen, beweisen. – Ebenso gelangen aber Gehirn, Nerven und Muskeln auch nur ganz allmälig durch gesteigerte Lebhaftigkeit ihres Stoffwechsels in Folge zweckmäßigen Gebrauches zu einer größern Kraft, weil sie dadurch an Menge und Güte ihrer Substanz gewinnen. Kurz, nur durch richtige Ernährung und richtigen Gebrauch (Uebung, Gewöhnung, Erziehung) des Hirnnerven- und Muskelsystems lassen sich geschickte und kräftige willkürliche Bewegungen erlernen.

Willkürliche Beweungen (Turnübungen) können für den menschlichen Körper ebensowohl Vortheile wie Nachtheile haben; um beide richtig beurtheilen zu können, muß man die Wirkungen der Bewegungen während und nach ihrem Zustandekommen kennen. – Beim Bewegen selbst wird, wie bei jedem Thätigsein eines Organ a) ein Theil der Substanz der betheiligten Muskeln und Nerven verbraucht, dadurch die Mauserung befördert und die nachfolgende Neubildung begünstigt. Wegen dieses Stoffverbrauches sind willkürliche Bewegungen nur bis zu einer gewissen Grenze möglich und hören endlich auch gegen unsern Willen auf. – b) Durch Muskelzusammenziehungen wird ein Druck auf die benachbarten, zwischen den Muskeln verlaufenden Blut- und Lymphgefäße ausgeübt und so der Blut- und Lymphlauf befördert. Besonders ist diese Druckwirkung auf den Blutlauf in den Blutadern, in welchen das Blut zum Herzen ´hinströmt, gerichtet. – c) Die Thätigkeit willkürlicher Muskelnerven theilt sich in den Nervenmittelpunkten (besonders im Rückenmarke) den Nerven unwillkürlicher Muskeln mit und so entstehen Mitbewegungen in den Vegetationsorganen, wie im Herzen, den Athmungs- und Verdauungsapparaten, durch welche die Thätigkeit dieser Organe (der Blutlauf, das Athmen, die Verdauung) gefördert wird. – d) Durch den Zug der Muskeln an den Knochen und Knorpeln, welche sie in Bewegung setzen und an welche sie angeheftet sind, wird auf die Ernährung und Gestaltung dieser einiger Einfluß ausgeübt; sie werden stärker und fester, die von ihnen umschlossenen Höhlen weiter. – e) Durch die Lenkung der Willensthätigkeit des Gehirns auf bestimmte Nerven und Muskeln scheint der übrigen (Verstandes-, Gemüths-, Gefühls-) Thätigkeit des Gehirns Einhalt gethan und so das Gehirn beruhigt, entlastet zu werden. Deshalb verlieren wich wahrscheinlich beim Turnen und Bewegungmachen sehr oft drückende Geistes- und Gemüthsbeschwerden. – Nach dem Bewegen findet a) die Entfernung (Mauserung) der alten beim Bewegen verbrauchten Muskel- und Nervenbestandtheile

[92] statt. Diese Mauserstoffe werden im Vinte unter Wärmeeutwickelung vorzugsweise zu Harnstoff verbrannt und dann mit dem Harn aus dem Körper entfernt. Deshalb erhöhen Bewegungen die Körperwärme und vermehren den Harnstoffgehalt des Harns. –. b) Der Blutfluß zu den gebrauchten Theilen steigert sich; die Muskeln schwellen an, es tritt frische Ernährungsflüssigkeit in das Gewebe und dadurch kommt es zur Bildung neuer Muskel- und Nervensubstanz, welche nach und nach an Masse und Güte gewinnt.

Die Vortheile, welche Bewegungen haben, wenn sie dem Körper genau angepaßt sind, und mit dem richtigen Maß und Ziel, sowie mit der nöthigen Vorsicht angestellt werden, sind nach dem Gesagten etwa folgende: 1) die Willensthätigkeit des Gehirns lernt leichter und besser vor sich gehen, es bildet sich ein kräftiger Wille mit Unerschrockenheit aus. – 2) Das Gehirn wird von psychischem Drucke entlastet, in Folge der ableitenden Anregung seiner Willensthätigkeit. 3) Der Schlaf wird befördert, wegen Verbrauchs von Hirnsubstanz, die sich dann im Schlafe restaurirt. – 4) Die Muskulatur gewinnt an Stärke, Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit bei ihrer Thätigkeit, theils durch die bessere Ernährung, theils durch die Uebung derselben. – 5) Es wird Hunger und Durst erzeugt, in Folge des Verbrauchs von Muskel- und Nervensubstanz, sowie durch die Vermehrung flüssiger Absonderungen (besonders des Schweißes und Harnes). – 6) Die zur Unterhaltung der Ernährung (des Stoffwechsels) nöthigen Prozesse werden bethätigt, wie der Blutkreislauf, die Verdauung, der Speisesaft- und Lymphfluß, das Athmen, die Ab- und Aussonderungen, die Wärmeentwickelung. Es giebt kein besseres Mittel zur Hebung von Blutstockungen (Congestionen), Verstopfungen, von Unthätigkeit der Haut u. s. f. als zweckmäßiges Bewegen. – 7) Das Gerüste des menschlichen Körpers wird besser entwickelt; die Knochen werden stark und fest, die Brust- und Bauchhöhle gehörig umfänglich, die Wirbelsäule wohl gestaltet.

Die Nachtheile, welche Bewegungen dann haben können, wenn sie unzweckmäßig angestellt werden, sind folgende: 1) lähmungsartige Schwäche in Folge von Ueberanstrengungen. – 2) Widernatürliche Ernährung des Bewegungsapparates, die nur auf Kosten der Ernährung anderer Organe und besonders auch auf Kosten der Verstandes- und Gemüthsthätigkeit des Gehirns zu Stande kommt. – 3. Zu starker Blutverbrauch und deshalb Blutarmuth und Bleichsucht. – 4) Herzvergrößerung mit beschwerlichem Herzklopfen in Folge zu häufiger und starker Anregung der Herzbewegung. – 5) Widernatürliche Ausdehnung der Lungen mit Athembeschwerden durch unzweckmäige Brustübungen. – 6) Mißgestaltung des Körpers, wenn nur gewisse und nicht alle Muskelgruppen desselben richtig gebraucht werden. Die breitschulterigen, dünnbeinigen Turner, sowie die dickbeinigen und schmalbrüstigen Tänzerinnen beweisen dies.

Zweckmäßige Bewegungen, welche die oben aufgezählten Vortheile bringen, lassen sich nur dann anstellen, wenn man die Körperbeschaffenheit, die Lebensweise und gewisse Erscheinungen während des Bewegens gehörig beachtet. – a) Was die Körperbeschaffenheit betrifft, so ist hierbei vorzugsweise der Ernährungszustand, der Muskel- und Knochenbau, sowie die Blutmenge zu berücksichtigen. Es ist sehr nachtheilig, wenn sich magere, blasse, blutarme Personen dieselben Bewegungen zumuthen, wie robuste, denn sie müssen dadurch nur immer blutärmer werden. Kranke dürfen nie nach eigenem Gutdünken stärkere Bewegungen machen, sondern müssen sich immer erst einer genauen ärztlichen Untersuchung unterwerfen. – b) Die Lebensweise verlangt insofern Berücksichtigung, als die Kost, die Beschäftigung, das geschlechtliche Verhältniß von bestimmendem Einfluß ist. –. c.) Die Erscheinungen während des Bewegens, welche vorzugsweise in’s Auge gefaßt und zur Regulirung der Bewegungen benutzt werden müssen, sind: das Herzklopfen, welches nie zu schleunig und sehr stark sein darf; das Athemholen, welches weder jagen noch sehr kurz (oberflächlich) vor sich gehen sollte; die Gesichtsfarbe, wenn sie sehr roth (bläulich) oder bleich wird oder schnell wechselt; das Erhitztsein und Schwitzen der Haut, wenn es einen hohen Grad erreicht; unangenehme Empfindungen, von sehr großer Abspannung, Kopfschmerz, Schwindel, Brustbeklemmung u. s. f.

Im Allgemeinen lassen sich etwa folgende Bewegungs-Regeln geben: 1) Man entferne alle beengenden Kleidungsstücke während des Bewegens, vorzüglich enge Hals- und Brustbekleidungen. – 2) Alle Muskeln müssen geübt werden, deshalb sind alle nur möglichen Bewegungen in allen Gelenken des Körpers, natürlich in passender Abwechselung, vorzunehmen und nicht blos einzelne Muskelgruppen vorzugsweise auszubilden. Vorzüglich verlangen die Athmungs- und Bauchmuskeln die gehörige Bethätigung. – 3) Die Bewegungen sind nicht bis zur äußersten Ermüdung fortzusetzen; man höre damit auf, sobald das Ermüdungsgefühl unangenehm wird. – 4) Nach und zwischen den Bewegungen ruhe man ordentlich aus, bis das Ermüdungsgefühl verschwunden ist. – 5) Die Kraft und Dauer der Bewegungen ist nur ganz allmälig zu steigern, wenn die Muskeln durch lebhaftere Ernährung an Stärke richtig zunehmen sollen. – 6) Es ist bei und nach dem Bewegen auf gute Luft und kräftiges Athmen zu halten, da tiefes Ein- und kräftiges Ausathmen nicht blos auf den Luftwechsel in der Lunge, sondern auch auf den Blut-, Speisesaft- und Lymphlauf, sowie auf den Verdauungsprozeß Einfluß ausübt. – 7) Man passe die Bewegungen den Umständen an; sie sind zu mäßigen, wenn zu schnelles und starkes Herzklopfen, sowie kurzes und jagendes Athmen dabei eintritt, wenn sich widernatürliche und unangenehme Empfindungen (besonders Kopfschmerz und Schwindel, Blässe, Abmagerung, auffallender Farbenwechsel, starke Erhitzung und Schweißabsonderung einstellen. Ganz vorzüglich müssen Blutarme und Brustkranke mit großer Vorsicht Bewegungen vornehmen. – 8) Kurz vor und nach stärkern Bewegungen esse man nicht, weil dadurch der Verdauung Eintrag geschehen kann. – 9) Bei und nach dem Bewegen vermeide man Erkältungen, da diese Herzkrankheiten nach sich ziehen können..

In allen Lebensaltern sind passende Bewegungen des Körpers (gymnastische oder Turnübungen) von ausgezeichnet gutem Einfluß auf das Gedeihen unserer Gesundheit, abgesehen davon, daß sie den Körper auch wohlgestaltet, kräftig, dauerhafter und geschickt machen können. Aber freilich müssen die Bewegungen auch jedem einzelnen Körper richtig angepaßt werden, wenn sie nicht mehr Nachtheile als Vortheile bringen sollen. In den Händen von Turnfanatikern, welche meinen, der Mensch lebe nur um Turner zu sein, sowie unter Turnlehrern, die sich nicht um die Einrichtungen im menschlichen Körper bekümmern, werden Turnanstalten nun und nimmermehr zum Wohle der Menschheit beitragen. – Auch bei vielen Krankheitszuständen unterstützen geregelte Bewegungen die Heilung sehr bedeutend. Nur traue man den unwissenden, einseitigen, schwedisch-gymnastischen Charlatanen nicht, welche allen im kranken menschlichen Körper herrschenden Gesetzen zum Hohne, wo möglich jedes Uebel durch lächerlich benannte Turnübungen heben wollen. [Ueber diese Heilgymnastik und die Krankheitszustände, bei denen gewisse Bewegungen von Vortheil sind, soll ein späterer Aufsatz handeln.]

(B.) 




Amerikanische Briefe.
1. New-York.
(Schluß.)

Die Hotels. – Astor-House. – Die hingehauchten Damen und die hingeflegelten Herren. – Vergleich mit deutschen Mädchen. – Familienleben im Hotel. – Die Hotel-Telegraphen. – Das Militair des Hotelstaates. – Ihr Triumph im Wasch-Departement. – Die große Wasserkunst. – Der Luxus in Privatbauten und deren innere Einrichtungen. – Das Verdienst der Deutschen dabei. – 1400 deutsche Kneipen und zwei deutsche Theater. – Umgegend New-Yorks. – Das deutsche Dorf Morrisania. – Die Zukunft New-Yorks. – Die „fünf Punkte“ der Stadt und die „vier Punkte“ der europäischen Diplomatie.

Die Hotels von New-York sind nicht nur als Gebäude und Wirthschaften wahre Wunderwerke, sondern auch als eine ganz neue Formation des bürgerlichen und Familienlebens. Wir können hier nicht von Taylor’s Restaurant, dem gigantischen [93] Feenpälaste für blasirte, ungerathene Söhne der Millionäre, sprechen, da unsere Kasse für innere Studien nicht ausreichte, auch nicht von Irving oder Prescot.House, dem Metropolitan oder St. Nicholas (ersteres für 600 Gäste mit 250 Dienern, erbaut für 1,500,000 Thalern, letzteres für 2 Millionen Thaler den weißem Marmor für mindestens 1000 Gäste); wir beschränken uns auf unser Astor Haus, eines der berühmtesten und in seinen Zurichtungen vollkommensten, für Personen und Familien mittleren Geldranges, obgleich man auch mit sehr beschränkter Kasse darin wohlfeiler lebt, als in einem Privathause. Es ist ein von allen Seiten frei stehender, quadratischer Koloß von silbergrauem Granit mit 200 Fuß Front in Broadway. Der Erdflur besteht rings herum aus glänzenden Läden. Das Hotel beginnt eigentlich erst eine große Marmortreppe hoch mit einem marmornen, säulengetragenen, großen Vorsaale, dicht besäet mit allerlei ankommendem und gehendem Gepäck mit kaltphysiognomirten Herren dazwischen aus Stühlen hingeflegelt, laufenden und überspringenden dienstbaren Geistern, Aus- und Einströmenden ohne Unterlaß und langen Corridoren und Treppen in die Privatzimmer. Der stets geräuschlos aus- und einschwingenden Hauptthür gegenüber führen besonders bezeichnete Eingänge zu der Schenke und andern Bequemlichleiten und dicht neben denselben an einen Zahltisch mit Büreau, wo die ganze Wirthschaft gebucht wird. Der Ankommende schreibt hier seinen Namen in ein Buch, erhält seinen mit einer Nummer auf Metall eingegrabenen Schlüssel, giebt dem wartenden Träger einen Wink und verschwindet mit ihm, stumm, wie er gekommen, oben in Nr. 320 oder 326 (so viel Zimmer giebt es gerade). In den Zimmern ist Alles scrupulös rein und comfortabel, und ein großer gedruckter Bogen an der Thür überhebt den Angekommenen jeder Mühe, Fragen zu thun. Er sieht hier, was er zu zahlen, wenn er Frühstück, Mittagsessen u. s. w. zu erwarten hat. Der eine Corridor führt zu Zimmern für einzelne Herren, der andere zu Familienwohnungen. Im Flure der Eingangshalle finden wir den Eßsaal und große, glänzende Sprechzimmer, die immer offen stehen, so daß man die schönen, auf Sammet.Sopha’s hingehauchten Damen neben hingeflegelten Herren genau beobachten kann, wie sie sich eifrig mit Langeweile beschäftigen. Die ganze „Phalanstere" schwärmt wie ein Bienenstock, worunter sich besonders gelockte, schreiende, springende und spielende Kinder, die hier im „Gasthofe" geboren und erzogen werden, auszeichnen. Der junge Kaufmann, der hier heirathet, findet nichts bequemer, als sich im Gasthofe einzumiethen. Die ganze Wirthschaft ist gleich da, und die aus Aether gewobene junge Frau versteht nichts von Kochen und Braten und Einkaufen. Sie hat nichts gelernt, als Tag für Tag auf dem Wiegestuhl zu sitzen und Conditorwaaren dazu zu naschen. Auch als Frau setzt sie dieses Geschäft mit geübten Sitz- und Saugmuskeln fort und der Mann bezahlt alle Wochen die Rechnung. Zum Lieben hat er weder Herz noch Zeit: er ist fast immer sehr reich und macht sehr viel Geld. Damit vertreibt er sich die Zeit und das Leben. Und die Frau sitzt und lutscht, weiter nichts? O ja, sie, die nicht braten kann, läßt sich wenigstens rösten. In den goldenen, teppich-, sammet-, spiegel- und luxusreichen Sprechzimmern, wo sie sich wiegt und liest oder dann und wann auf dem Piano klimpert, wird mit Anthracit-Kohlen stets ein so gewaltiges rothes Feuer unterhalten, wie in einer Eisengießerei. Damen, die hier dem Schmelzen nahe sind, gehen dann heraus auf die eben so elegant möblirten Corridors und sitzen hier Parade und Abkühlung für sich und gelegentlich auch für die Herren, welche in der Entfernung von ihnen erwärmt wurden. Wenigstens machte ich diese Erfahrung. Sie sehen von Weitem fast immer feenhaft, bezaubernd aus. Aber in der Nähe? Wo ist der rosige Hauch der Jugend? Das frische, runde, schönheitslinige, quellende, mit Grübchen in den Backen lächelnde Amor-Zeughaus unserer deutschen Schönen, welche verschämt die Augen von unten aufschlagen, um zu verrathen, daß sie unter Umständen nicht abgeneigt seien, die Rolle einer „bessern Hälfte“ zu übernehmen? Diese Amerikanerinnen schlagen, wie ihre plumperen Schwestern in England, die schönen, aber reizlosen Augen von Oben nach Unten auf. Das allein macht sie häßlicher, als zwei Höcker. Den Kopf zurückgeworfen, die Nase parallel mit den Wolken, blicken sie kalt und steif an dieser Nase entlang über die Durchschnittshöhe der Herrenhüte hin (die Engländerinnen außerdem stets mit offenem Munde), und lassen dann aus dieser Höhe manchmal einen erbarmenden Blick bis auf die Herrenvorhemdchen herunterfallen, um sofort wieder aufzusteigen, wenn keine Diamantnadel unter der Halsbinde glänzt.

Nicht als ob in Amerika und England der Artikel Liebe gar nicht mehr ächt producirt würde, aber in respectabeln Kreisen, wo mit der Elle des Vermögens gemessen wird, kommt sie nur gleichsam polizeiwidrig und ohne Paß noch ächt vor.

Familien und Kinder im Hotel bedürfen noch eines Wortes. Für die Flitterwochen junger Paare giebt es fast in jedem Hotel auch feenhaft möblirte Wohnungen für 30 bis 100 Dollars wöchentlich. Später ziehen sie in gewöhnliche Zimmer und wohnen da Jahre lang aus Bequemlichkeit und Oekonomie. Die Hotels sind durchschnittlich Musterwirthschaften, so daß keine Familie Lebensmittel so excellent und wohlfeil sich selbst bereiten kann, als sie ihr im Hotel fix und fertig in schönster Form regelmäßig vorgesetzt werden. Inlofern sind diese Hotels wirkliche Phalansteren des Socialismus, doch mit der „Familie" ist es denn auch in dem Grade vorbei, daß z. B. die Kinder für sich ohne Aeltern besonders table d’hôte speisen und von besonders angestellten Hotel-Hauslehrern und Gouvernanten en gros möglichst im Zaume gehalten werden, was die kleine Welt jedoch nicht hindert, der großen überall mit Reifen, Kreiseln, Pferden und Eseln an langen Bindfaden oder durch Fallen von Treppen und über Reisetaschen und die dabei übliche Naturmusik unbequem zu werden.

Was die Oekonomie betrifft, so bezahlte ich z. B. für ein ganz gemüthliches Zimmer (freilich ganz hoch), Frühstück (von 8 bis 10 Uhr), Mittag mit 20 Gerichten (um 3 Uhr), Abendessen mit Thee und Auswahl aller möglichen Speisen, Aufwartung aller Art und Trinkgeld 1 Dollar täglich. Die halbe Bequemlichkeit in einem Privathause kostet aber, wenigstens um Broadway herum, mindestens das Doppelte, so daß man im Hotel vierfach billiger wohnt und für sein Privateigenthum beinahe absolut sicher ist. Und welche andere Bequemlichkeiten! In der großen Halle guckt da erstens ein Mann durch ein Fenster wie von Außen herein, um uns unentgeltlich Alles, was wir ihm übergeben, Hut, Stock, Mantel u. s. w. aufzuheben. Daneben steht ein Mann mit Wichs- und Reinigungs-Apparaten in einem besondern Käfig bereit, uns auf Verlangen vom Kopfe bis zur Zehe zu wichsen. Dann kommt eine große geräumige Nische mit Marmortischen, Federn, Tinte, Papier, Couverts und Personen, die Dir den Brief augenblicklich befördern. Ein Paar Schritte weiter sitzt ein Mann in eine Art von Schilderhaus eingeklemmt und doch mit ganz Amerika in elektrisch-blitzender Verbindung stehend. Eines Tages steckte ihm ein Herr ein Streifchen Papier hinein mit dem Bemerken zu einem andern, daß er erst bei Mr. So und So in Philadelphia anfragen und dessen Autwort abwarten wolle. Inzwischen gingen die Beiden zur „Schenke", das von Oben erleuchtete Centrum des ganzen „Staates im Kleinen" mit Cigarrenverkauf, Barbierladen, Lesetischen und Hunderten von Zeitungen, mehreren kleinen Verschlägen mit Waschapparaten, Eingängen zu warmen und kalten Bädern, Kaffee-, Liqueur- und Bierabtheilungen u. s. w. Hier tranken und rauchten sie etwa eine halbe Stunde, worauf ihnen ein Kellner die niedlich couvertirte Antwort von Philadelphia aus dem Telegraphenbureau des Hotel einhändigte, und die Herren zum „Geschäft" abgingen. Das ist kein besonderer Vorzug Astor’s: jedes größere Hotel steht mit allen größeren Städten Amerika’s in direkter telegraphischer Verbindung.

Das Militär des Hotel-Staates besteht aus (größtentheils irländischen) Dienern und Kellnern, welche das Mittagsessen in genauesten Paradelinien, bewaffnet mit silberbedeckten Schüsseln, auftragen, Mit einem Schritte an der langen Tafel Halt machend, setzen sie auf einen Wink die Schüsseln hin, nehmen sie mit einem Griff die Deckel ab, machen sie mit einem Ruck Kehrt und marschiren sie in einem Schritt ab, den der Lieutenant auf der Parade nicht besser wünschen kann. Sie kommen und gehen mit ihren Schätzen stumm und pünktlich, wie durch den großartigsten Mechanismus getriebene Marionetten, so daß ich in der ersten Zeit mehr lachen mußte, als essen konnte, obgleich ich noch jetzt mit gerechter Bewunderung an die Ordnung und Accuratesse zurückdenke, womit die ganze kolossale Wirthschaft Tag und Nacht unverdrossen arbeitete, als sei sie ein Triumph der Dampfmaschinen-Baukunst. Letzterer Triumph liegt besonders im Wasch-Departement, welches so wunderbar schnell arbeitet, daß jeder Herr, der nur ein Hemde hat, täglich ein reines anziehen kann. Man giebt früh um sieben Uhr ein Bündel schmutzige Wäsche hin und [94] erhält sie um acht Uhr schneeweiß und glänzend geplättet zurück. Die Wäsche wird in Dampf-Cylindern durch einen energischen Strom von Dampf mit Seife gereinigt, dann in Centrifugalmaschinen zu zwei Drittel und von Dampfmaschinen beworfen, Plätteisen zum letzten Drittel getrocknet und spiegelblank geglättet. Die Frauen „mit Wasch-, Scheuer- und Raspellagen," mit ihrem verkochten, verstrickten, verflickten und verstopften Leben (wie Jean Paul sagt) sind hier unbekannte Größen, und insofern die amerikanischen Hotels Seminarien einer bessern, socialen Zukunft.

Das hier überall bereitwillig fließende Wasch-, Dampf-, Bade- und Trinkwasser (mit einem ganzen Springbrunnen in der „Schenke") erinnert mich an die große Wasserkunst New Yorks (Croton Aqueduct), wohl das großartigste Bauwerk der Art, das selbst mit den bewunderten Wasserleitungen des alten Rom Vergleiche aushalten würde. Es bringt für ganz New-York über acht volle deutsche Meilen weit her täglich 60 Millionen Gallonen Wasser durch eine ungeheuere Brücke über den Haarlemfluß hinweg und vertheilt sich hier in Tausende von Adern und Aederchen durch Küchen, Häuser, Fabriken bis in die höchsten Etagen. Dieses Adersystem kostete nach seiner ersten Vollendung über 30 Millionen Thaler und hat diesen Preis seitdem durch Erweiterung um Millionen überstiegen. Das Geld dazu kam aus freien Privatmitteln. Berlin, das seit Menschenaltern durch seine Rinnsteine an eine Wasserleitung erinnert wurde und mit Plänen dazu umging, deren Ausführung kaum den zehnten Theil kosten würde, hat noch nicht angefangen, an einen Anfang zu denken. Und Berlin ist eine Residenz, während in New-York nur Kaufleute schachern.

In New-York residirt kein Hof, keine Geburts-Aristokratie. doch nimmt es in Luxus, Pracht und Geschmack die Aufforderung jeder europäischen Residenz auf. Weiter im Norden, wo die Handels-Aristokratie ihre Privat-Paläste aufbaute, sieht es vornehmer, reicher und vor allen Dingen geschmackvoller aus, als im reichsten Viertel Londons, Belgrave, Square. Schon die architektonischen Fronts dieser Stein-, Granit- und Marmor-Paläste zeugen von dem höchsten Geschmack. Und hinter den großen Spiegelscheiben (in der Regel blos je einer zu einem ganzen kolossalen Fenster) und den ächt silbernen Thürgriffen. Klingelknöpfen und Namensschildern prangen über Mosaik-Fußböden freskogemalte, große Vorhallen, Treppen und Ballustraden von schwarzem Wallnußholz, und oben thun sich hinter Flügelthüren Zimmer mit Marmor-Fußböden und pompejanisch gefelderten und gemalten Wänden auf, mit Meubles und Decorationen, in denen der höchste Kunstgeschmack Meisterwerke bewundern muß. Ich erwähne nur den Marmor-Kamin in einem dieser Zimmer mit Relief-Figuren, die Burns’ Gedicht von der Hochland Manie veranschaulichen und wofür allein der deutsche Bildhauer 1500 Dollars bekam. Man besucht hier solche Paläste (besonders die in der fünften ( „Avenue,“ wie hier die Straßen heißen) wie die Schlösser der Könige in deren Abwesenheit, nur daß hier die Eigenthümer lieber selber da sind, um sich des Staunens ihrer Gäste zu freuen. Einer dieser Herren sprach mit der größten Anerkennung von den Deutschen, durch welche es ihnen allein möglich geworden, ihr Geld zur Ehre des Geschmacks anzuwenden und über die hartnäckige, englische Plumpheit hinauszukommen. Durch die Deutschen in Amerika und die Einfuhren von Frankreich sei es ihnen gelungen, alle Zufuhr der Art von England abzuweisen. Für die Zukunft der Deutschen in Amerika ist mir also nicht bange, obgleich jetzt die Know-nothings triumphiren und allen Einwanderer nicht nur das Bürgerrecht, sondern als Temperanzler auch vierzehnhundert deutschen Kneipiers und Restaurateurs von New-York allen Spiritus und alles Bier confisciren wollen. Die Know-nothings haben ihre Zeit, deutsche Kundst aber (inclusive der des Trinkens) ist ewig.

Kirchen, Banken, Theater [1] und sonstige öffentliche Gebäude, obwohl größtentheils nicht unbedeutend von Ansehen, boten mir nichts Charakteristisches.

Um noch ein Wort von der schon im Allgemeinen angegebenen Umgegend zu sagen. Das eigentliche New-York ist schon eben so wenig zum Leben geeignet, als das eigentliche London. Die Städte selbst sind nur noch Bureaux, zum Geldmachen. Arbeiter, Handwerker und Geldmacher besserer Klasse wohnen bereits vier bis fünf deutsche Meilen weit im Umkreise der Stadt und verbinden den Vortheil hoher Löhne und Gewinne „am Platze“ durch Eisenbahn, Dampfschiff, Fuhre und Omnibus mit den Annehmlichkeiten eines wohlfeilen eigenen Herdes auf dem Lande draußen. New-York ist bis 5 deutsche Meilen im Umkreise ziemlich dicht mit Vorstädten, Dörfern und Kolonien umsternt, von denen manche schon über tausend Einwohner zählen, unter denen die Deutschen besonders stark vertreten sind. Das Dorf Morrisania ist eine durchaus deutsche, wunderhübsche Kolonie von etwa 300 niedlichen, weißen Holzhäuschen, die durch kleine Einzahlungen an Landvereine leicht gewonnen wurden und oft bald darauf für den doppelten Preis verkauft werden können, da Grund und Boden um New-York mit jedem Tage steigen. Der Arbeiter wohnt hier für 90-100 Thaler selbstständig und gesund, in New-York bekommt er dafür kaum die schlechteste Kammer.

Ein neuer, gewaltiger Kolonisationszug bewegt sich um Hoboken herum. Hier sind in den letzten zwei Jahren beinahe ein Dutzend villaartige Dächer entstanden: ein Washington, mehrere Hoboken, ein Gutenberg u. s. w. zum Theil mit glänzenden Läden, Vergnügungsörtern, Kirchen und Schulen und allen Anzeichen eines raschen Gedeihens. Mancher „York Stater“ (Bewohner New-Yorks), der nach zwei bis drei Jahren dort wieder eine schöne, einsame Wald- oder Felsenparthie besuchen will, findet sie dicht bebaut und kultivirt von Dörfern und Gärten und Feldern. So sind alle Anlagen New-Yorks für ein Wachsthum zur Größe Londons vorhanden, ohne dessen Rauch, ohne dessen architektonische und sociale Geschmacklosigkeit, die Anlagen zu einer wahrhaft kosmopolitischen Weltverkehrsstadt, so sehr sich auch die Know-nothings jetzt bemühen, eine nirgends existirende sogenannte amerikanische Nationalität geltend zu machen.

Es bleibt noch Manches übrige, z. B. Schilderung der New-Yorker Gauner und Schwindler im Einzelnen und in Aktien-Compagnien, der Neger- und Irländer-Spelunken, der deutschen Verbrecherkeller und vor Allem der „five points“ („fünf Punkte“, wie das verrufenste Stadtviertel heißt), aber erstens haben wir an unsern >„vier Punkten“ des Friedens schon genug und zweitens und letztens kann man sich aus dem >„Leben des Phineas Taylor Barnum, geschrieben von ihm selbst,“ das nöthige Material zur Kenntniß der höhern Gauner- und Schwindlerwirthschaft selbst herauslesen.





Ostindische Spiegel-Bilder.
Rußland und England in Indien. – Der birmanische Kaiser. – Was ist Ostindien? – Geschichte der ostindischen Kompagnie. – Ihr Anfang, ihre Ausbreitung und jetzige Größe.


Während der slavische Osten in seinem Vorschreiten nach dem Westen der großen germanischen Kultur in letzterer selbst eine Krisis hervorruft und von ihr bekriegt wird, scheint man vor lauter Krieg und Krim die zu gleicher Zeit östlich vordringende Bewegung Rußlands zu übersehen. Erst neuerdings haben englische Blätter aus Indien betimmte Nachrichten darüber gebracht, die von einem gegen das englische Indien gerichteten russischen Heere erzählen und von Gesandten aus innern Reichen Asiens, die bei der englisch-ostindischen Regierung um Hülfe gegen Rußland bäten. Um dieselbe Zeit war ein Gesandter aus dem stolzen birmanischen Reiche angekommen, das die Indien beherrschende englische Kaufmanns-Compagnie neulich um seine besten Lande am Meere beraubt [95] hat. Der auf diese Weise um zwei Drittel seiner Macht gekommene birmanische Kaiser[2], zugleich einziger Kaufmann seines Landes, ließ sich durch seinen Gesandten wenigstens einen Hafen zurück erbitten, da er ohne Hafen nicht handeln könne. Die Engländer nahmen den Gesandten mit ungemeinem Pomp und ausgesuchter Höflichkeit auf, aber den Hafen, meinten sie, möchten sie lieber selber behalten, da nach der Theorie und Praxis der ostindischen Compagnie (an welche sich in dieser Beziehung alle guten Christen auf der Höhe der Bildung anschließen). Nehmen und Behalten seliger ist, als Geben, Kaiser und Volk von Birmanien, in ihren Existenz-Quellen, in ihrem Stolze auf’s Thödlichste verletzt, werden also wahrscheinlich wieder einen Krieg auf Tod und Leben anfangen müssen. Birmanien ist die andere Seite des englischen Ostindiens, während Rußland vom Westen über die kirgisischen Steppen, und die freie Tartarei und die große Bucharei herüber droht und mit einer ganzen Armee schon im Staate Kokan thut, als wenn es zu Hause wäre. Kokan ist einer der kleinen, schwachen Despotenstaaten, welche die großen Räume zwischen den englisch-ostindischen Nord- und russischen Südgrenzen spärlich ausfüllen und durch ihre unaufhörlichen Kriege und Revolutionen im Innern und nach Außen Handel und Gewerbe stören, so daß Rußland die Absicht haben soll, einen einzigen „ordentlichen," soliden, starken Staat daraus zu machen, der durch Anlehnung an oder Einverleibung in Rußland am Stärksten sein würde. Und dann wäre Rußland auf einmal getreuer Nachbar der ostindischen Compagnie. Scheint es doch nicht einmal den gefürchteten Staat Dost Mohamed’s, des Beherrschers der tapfern Afghanen, respectiren zu wollen. Wenigstens hat Letzterer gleich zwei Gesandte hinter einander zu dem englisch-ostindischen Landes-Director geschickt, ob er ihm nicht mit etwas Pulver und Blei und Soldaten unter die Arme greifen wolle.

Alles dies liegt noch weit im Felde, sogar sehr weit, denn zwischen England und Rußland in Asien dehnen sich noch beinahe europagroße Steppen und Gebirge, aber der Russe weiß mit Steppen umzugehen, und wer über den Balkan kam, fürchtet am Ende auch weder die Hinduku-, noch selbst die Himalaya-Gebirge. Und so viel ist gewiß, den Engländern geht die Sache jetzt schon nahe, und die in Ostindien ausgebrochene Russophobie (Russenfurcht) wirkt schon bis mitten hinein in die City von London, wo sich die Bureaux und Lagerhäuser der ostindischen Compagnie wie Königsschlösser und Festungen erheben, unter diesen Umständen denkt man billiger Weise an Ostindien, und sei es nur, um Sebastopol und deren leichengefüllte Sümpfe und Thäler sich einmal aus dem Sinne zu schlagen.

Ostindien! Wer macht sich in unserm kalten, magern, einförmigen Norden eine Vorstellung von Ostindien? Verwitterte Städte, in denen die erste Menschheit gewiegt ward, von denen noch Hunderte, noch Tausende der alten Tempel stehen, in denen einst die Muttersprache aller europäischen Nationen zu Ehren Brahma’s, Vischnu’s, Schiva’s, Mohadöh’s und unzähliger späterer und untergeordneter Götter erklang, Hunderte, Tausende von Tempeln, jetzt keine Götterhäuser mehr mit weißen und weisen Priestern, sondern Schlafstellen für Löwen, Tiger, Schakale und Werkstätten sonderbarer Insekten. Aber noch immer, wie vor Jahrtausenden, wiegt sich in unzähligen Teichen mit schwarzglänzendem Gewässer die Lotosblume zwischen riesigen Blättern, in denen einst die Götter saßen und träumten. Und zwischen den schönen, kupferfarbigen, langschwarzhaarigen, nur sehr spärlich und weiß verhüllten milden, geistig versunkene Gestalten der Urbewohner tritt straff und stolz der rothröckige Engländer auf, gefürchtet, verehrt und angestarrt von den eingebornen Millionen als Werkzeug der Götter, welche die Erde und die Menschheit darauf für das Zeitaller des Verfalls und der Sünde vorbereiten wollen, Tief hinter Vorbauten zwischen seltsamen, glühenden, duftenden Blumen, und um sich her und in den Himmel hinein wuchernden Bäumen versteckte Strohhütten, am Tage von sengender, tödlicher Hitze und meilenweiter Todtenstille umlagert, des Nachts von Löwen, Tigern, Eulen und riesigen Nachtfaltern umbrüllt und umflattert, von Legionen Ahsen umkreischt, von heiligen, unverletzbaren Ochsen besucht, von Mördern aus Religion umlauert, den ganzen Salven der schwersten Gewittergeschütze umkracht und jede Minute zehn bis zwanzig Mal zwischen pechschwarzer Nacht bis über Mittagshelle erleuchtet, dann vom Sturme gepackt, der Häuser und Menschen und Vieh und tausendjährige Bäume wie lose Blätter mit sich durch die Lüfte reißt und Straßen der entsetzlichsten Verwüstung hundert Meilen weit in wenigen Minuten bahnt, auf der weiten Straße nach heiligen Orten vor Hunger niederstürzende Wallfahrer, weil sie aus Religion verweigern, das von Christen gebackene Brot, das man ihnen mitleidig reicht, zu essen, in ewigen Tod versunkene Andächtige, bewegungslos, wie das verwitterte Götzenbild, dann wieder Religion im unaufhörlichen, elastischen Tanze der schlanken, braunen, perlen- und shawlumflatterten Bajadere – das ist Ostindien. Hunderte vonn Meilen lang und breit in zauberischer, üppiger Naturfülle abgemagerte, zerlumpte Gestalten, matt und scheu mit dem Leibe und den Augen auf dem Boden hinkriechend, dann wieder prächtige, stolze, mit Gewerbe und Welthandel gefüllte, von allen europäischen und asiatischen Nationen wimmelnde Städte, deren Lagerhäuser, Läden und Schiffe sich im Weltmeere spiegeln, eine in London residirende Kaufmannsgesellschaft, die von da aus 120 Millionen Menschen auf dem gesegnetsten Stück Erde beherrscht und neuerdings dem stolzesten Kaiserthum Asiens noch ein paar Hundert der besten Quadratmeilen wegnahm, das ist Ostindien.

Zwanzig große Hauptflüsse mit mehr als 500 Armen von den innern Höhen ewigen Frühlings und von den höchsten Bergen der Erde[3] durch die üppigsten Zauber der nie ermüdenden Natur in unendlichen Windungen und Verbindungen herabströmend an Bäumen, Wäldern, Blumen, Thieren vorbei, die durch Schönheit, Wildheit, Duft, Größe, Farbengluth, Zahl, Gattung und Art die gelehrtesten Naturforscher in Verlegenheit setzen und alle Poesie und Romantik nordischer Völker zu farblosen Schatten abbleichen, das ist Ostindien. Das ist Ostindien in einem allgemeinen Bilder-Complex, als Ouverture, wenn man Alles anklingen läßt, ohne etwas auszuführen. Für Ausführung können wir uns natürlich blos auf einzelne, für sich bestehende Skizzen und Bilder beschränken.

Zuerst ein Wort über die merkwürdigste Erscheinung in der Geschichte, die Herrschaft einiger londoner Kaufleute über das herrlichste Land der Erde und 120 Millionen Menschen. Schon Alfred der Große, der zu Karls des Großen Zeiten, im 9. Jahrhundert, über England herrschte, ließ Schiffe für den Handel mit Ostindien bauen, doch brachten’s diese blos bis Syrien und Aegypten. Venedig und Florenz behielten noch den Welthandel bis nach Entdeckung des Weges um das Cap der guten Hoffnung, wodurch das damals weltseeberühmte Portugal König des Meeres und Lissabon Hauptstapelplatz der Waaren und Wunder Indiens ward. Die Engländer erwachten jetzt, und entflammt von den Schätzen des Indus und Ganges fingen sie an, nach einer Nordwestpassage zu suchen, die bekanntlich neuerdings durch das entdeckte Ende Franklin’s gefunden und zugleich tragisch wieder geschlossen ward. Franz Drake war der erste englische Weltmeerheld und zeigte, daß man den stillen Ocean ohne Gefahr in jeder Richtung durchkreuzen und mit den wilden, indolenten Bewohnern Indiens nach Willkür handeln könne. Zuerst versuchten dies englische Kaufleute über die Türlei, Syrien und Aegypten, nachdem sie 1594 die Königin Elisabeth bewogen, einen Vertrag mit dem Sultan abzuschließen. Doch ohne directen Handel mit Indien ließ sich nicht mit den Holländern und Portugiesen concurriren, so daß sich unter dem Earl George von Cumberland am 31. December 1600 eine besondere Compagnie zu diesem Zweck bildete, die von Elisabeth unter dem Namen „Ost-India-Compagnie“ Corporationsrechte bekam. Sie bestand aus 215 Personen mit einem Capitale von 72,000 Pfund Sterling in Actien zu 50 Pfund. Ihre erste Flotte segelte am 2. Mai 1602 ab. Neun Jahre später war diese Kaufmannsflotte bereits so stark, daß sie die portugiesische bei Surat schlug. Der Indien beherrschende Groß-Mogul bekam dadurch solchen Respekt vor den Engländern, daß er ihnen die bis dahin verweigerte Erlaubniß gab, in Surat, Ahmedabad, Cambaya und Yoga Handelsfaktoreien anzulegen. Jacob I. sandte 1614 einen Bevollmächtigten an den Hof des Groß-Moguls, welcher der Compagnie bestimmte Privilegien auswirkte, 1640 auch die Erlaubniß, in Madras ein Festungswerk zu erbauen. Doch [96] die Hauptquelle der englischen Herrschaft ging von dem bengalischen Meerbusen oder vielmehr von einem gewöhnlichen Chirurgus, Boughton, aus, der die Tochter eines Nabob (oder Stadthalters des Groß-Moguls) curirt hatte und dafür die Erlaubniß bekam, „frei zu handeln," Dieselbe Erlaubniß gab ihm ein anderer Nabob (von Bengalen) für geschickte Kuren, und dehnte dieselbe endlich auf alle Engländer aus. Durch die Revolution in England verfiel die Charte der Compagnie, aber Cromwell (1657) und Karl II. (1661) erneuerten sie wieder. Der lustige Karl bekam mit seiner portugiesischen Heirath die Insel Bombay an der indischen Westküste mit zum Brautgeschenk, aber er verkaufte sie an die Compagnie, die sie 1687 zum Sitz ihrer Regierung machten und eine Stadt an ihrem schönen Hafen bauten, die jetzt 300,000 Einwohner zählt.

Inzwischen hatten sich auch die Franzosen eingefunden und Pondichery gegründet. Die englische Compagnie, eifersüchtig, beschloß jetzt, den Franzosen zuvorzukommen und sich Land, das der Groß-Mogul nicht gern gab, zu nehmen. Durch die demüthigendste Unterwürfigkeit listeten sie dem Groß-Mogul die Erlaubniß ab, auch in Calcutta ein Fort zu bauen, und so errichtetem sie Fort William (1698). Für den Export aus Indien gegen alle Petitionen bis zum Jahre 1832 „geschützt" und privilegirt, wurde die Compagnie schon zu Anfange des vorigen Jahrhunderts ein Ungeheuer von Reichthum und kaufte sich Soldaten, mit denen sie von den ringsum gewonnenen, festen Positionen sich keilförmig erobernd in das große keilförmige Land des Groß-Moguls eindrängte, hernach die sich zuspitzenden Linien der Keile auseinander nahm, und sie nach dem Meere rückwärts schob, so daß aus den Spitzen Peripherien von Halbcirkeln wurden. So machte man aus den spitzfindigen Eroberungen abgerundetes Recht, verschmähte es aber „von Gottes Gnaden" dranzufügen, da man meinte, mit dem bloßen Gelde und dessen Allgewalt auszukommen.

Im Jahre 1744 brach ein Krieg zwischen England und Frankreich aus, der in Ostindien von dem Napoleon der ostindischen Compagnie, Robert Clive, mit Waffen, Diplomatie und Geld (mit letzteren Cavalierwaffen zertheilte man die ostindischen Nabobs, um sie hernach zu beseitigen) zum entschiedenen Siege England ausgefochten ward.

Nach der Schlacht bei Plassy (23. Juni 1757) war die englische Herrschaft begründet. Mit Waffen, Bestechung und List breiteten sich die Engländer bald bis an den Fuß der schneebedeckten Himalaya-Gebirge und die furchtbaren Pässe von Kabul aus. Was Clive nicht gethan, übernahm sein Nachfolger Warren Hastings. Er marschirte gegen die Hauptstadt des Groß-Moguls, Delhi, der von revolutionären Mahratten, den Janitscharen Ostindiens, bedroht war, schlug und erschlug eigenhändig verschiedene Nabobs, machte den Groß-Mogul tributpflichtig, und erließ 1818 die famose Proklamation, daß es ihm unter dem Beistande des Allmächtigen gelungen sei, ganz Indien den in der City von London im Bureau arbeitenden Kaufleuten zu Füßen zu legen,

Nachdem die Franzosen (bis auf Pondichery) vertrieben, den Holländern Ceylon abgenommen, und mit Tippoo Saib der letzte der Groß-Moguls und ihre von Dschingis-Chan und Tamerlan herstammende, über Indien (seit 1519) und China ausgedehnle mongolisch-muhamedanische Herrschaft (gegen welche bekanntlich jetzt China revoltirt), wieder gebrochen war, verehren die 120 Millionen Bewohner in den entgegengesetzten Bramah- und Buddha-Kulten, unzähligen Sekten und muhamedanischen, wie verschiedenen christlichen Confessionen mehr als 1000 Gottheiten, aber nur einen Landesvater, die in der City von London residirende „moralische Person" der ostindischen Compagnie, das seltsamste Monstrum in seiner historischen Entstehung, seinen doppelten Direktoren und seinen Verhältnisse zur englischen Regierung. Es giebt in der ganzen Weltgeschichte nichts Aehnliches von Eroberung, Besitz, Art des Besitzes und Landesregierung.

Nachdem nun die ostindische Compagnie auch dem Kaiserthume Birmanien die ganze spitzige Mütze gewaltsam vom Kopfe genommen, mit der es beinahe 150 geographische Meilen lang den Ocean berührte und durch einen der gigantischsten Flüsse, den Ihrawaddi, Leben bis in das Innerste seines langgestreckten Landes bekam, ist dieser pomphafteste Staat Asiens ein kopfloser Stumpf, und das englische Ostindien aus dem dreiköpfigen Staate ein vierköpfiger mit den Regierungssitzen von Calcutta, Madras, Bombay und Rangoon und nach Rußland das mächtigste Reich Asiens geworden. Früher oder später (wahrscheinlich früher) werden die beiden Herren Asiens dort ebenso um die Oberherrschaft streiten, wie jetzt die kleine Halbinsel, die vor Russland liegt und man im gemeinen Leben Europa nennt, mittelbar und unmittelbar zu entscheiden such, wer künftig hier Hammer oder Ambos sein soll.

{{Center|(Schluß folgt.)




Fürst Woronzow’s Krim-Palast und die Holz-Paläste der Alliirten.


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Die Bretterhütten der Alliirten in der Krim.


Das russische Sebastopol bleibt stehen und das englische fällt. Die Engländer, von der Aristokratie, ihrem Sebastopol, angeführt, erlitten in ihrem aristokratischen Militärsystem mit sieben Kriegs-Ministerien und einer Masse blos für die Aristokratie fabricirten obersten Militärposten vor dem russischen Sebastopol Niederlagen in sich und durch sich, wie man in der Geschichte kaum ein Beispiel finden wird. Es gehört nicht hierher, auszuführen, wie zu Hause in England Sebastopol nicht blos moralisch, sondern [97] auch bereits thatsächlich von allen Seiten, von Innen und Außen bröckelt und bricht. Ob es sich allmälig so „verkrümelt,“ oder anständig und nobel auf einmal in Ruinen zusammenbricht, kann man noch nicht wissen. Nur so viel ist gewiß, daß sich das englische Aristokratie-Sebastopol vor dem englischen Civil-Ingenieur-Sebastopol, d. h. dem russischen auf der Krim, den Tod geholt hat. Sebastopol auf der Krim ist nämlich wesentlich ein englisches Werk und zwar in doppelter Beziehung. Durch Begünstigung der russischen Eroberungspolitik von Seiten der englischen Aristokratie wurde es Rußland leicht gemacht, civile Engländer zu engagiren und sich Sebastopol bauen zu lassen. Der eigentliche architektonische Schöpfer der Festung Sebastopol ist Mr. Upton, vor etwa einem halben Jahrhundert Wegebaumeister in England und oberster Aufseher der Chaussee zwischen Stratford und Dunchurch. Als solcher unterschlug er 2000 Pfund Sterling und floh. Berühmt als Architekt zog er die Aufmerksamkeit des Czaren auf sich und wurde so bald der oberste Ingenieur Sebastopols. Er starb voriges Jahr als Oberst-Lieutenant in russischen Diensten. Die andern geistigen Kräfte in der Construction Sebastopols waren ebenfalls meist Engländer.

Ich dachte an diese pikante Thatsache beim Anblick des merkwürdigen Palastes Alupka, den sich Fürst Woronzow ebenfalls von einem Engländer, Mr. Blore, auf der Krim erbauen ließ, um so eher, als die Engländer auf ihrem Marsche von der Alma nach Balaklava darin Wein tranken, ihn aber sonst ganz unverletzt stehen ließen. Daß Sebastopol von ihnen bis jetzt ebenfalls nicht nur nicht verletzt, sondern drei Mal stärker gemacht ward, ist eine bekannte Thatsache. Die englische Aristokratie wollte es zwar nur schonen, dachte aber nicht daran, daß sie es verstärken und dabei den ganzen Kern der englischen Armee und sich selbst zerstören würde.

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Der Krim-Palast des Fürsten Woronzow.

Der Alupka-Palast erhebt sich am Ende eines Thales, das sich aus den Bergen bis dicht an die Gestade des schwarzen Meeres erstreckt und einem wunderschönen Flusse zugleich als Bette dient. Das Thal ist Wald und Garten, dicht beschattet und bekleidet von glänzenden Trauben und Bäumen. Der Baustyl des Palastes ist sonderbar, eine Combination von englischen und orientalischen Launen. Haupteingang und Thurm sind Nachahmung des berühmten George-Thurmes am Schlosse der Königin von England in Windsor, so wie die Front überhaupt an die aristokratischen Bauten Englands erinnert. Im Uebrigen hat er ein orientalisches Gepräge. Auf den platten Dächern ging Woronzow oft mit seinen Gästen spazieren. Der Meereswind kühlt hier stets die Hitze aus den Bergen, und das Auge weidet sich auf der einen Seite an trotzigen Felsengebilden und grünen Bäumen, auf der andern in dem unabsehbaren Spiegel des Meeres. Im Innern herrscht englischer Geschmack, wie ja bekanntlich der Eigenthümer ein Zögling und Verehrer englischer Civilisation ist. Der Palast ist die größte architektonische Merkwürdigkeit der Krim, besonders als die in Wildniß und Einsamkeit plötzlich überraschende üppigste Blüthe der Civilisation und des Luxus.

Der Eigenthümer ist vielleicht der gebildetste und humanste Russe. Seine amtliche Stellung, auch vielleicht die bedeutendste nach dem Kaiser, bekommt dadurch eine große Wichtigkeit. Wir ergänzen, was die Gartenlaube schon früher (Nr. 10 1854) über seine humanen Eroberungen im Kaukasus mittheilte durch folgende Thatsachen.

Fürst Michael Woronzow ist der Sohn des Generals Grafen Simon Woronzow, des russischen Gesandten in London bis 1832. Seine Tochter Katharine heirathete den englischen Grafen (Earl) von Pembroke, so daß die Woronzow’sche. Familie mit der englischen Aristokratie in intime Verhältnisse kam. Der jetzige Fürst ward 1798 in Moskau geboren, kam schon als Kind nach London, und ward hier erzogen. Als russischer Offizier zeichnete er sich zunächst gegen Napoleon (1812–1814) aus. Er war Commandeur der russischen Truppen in Frankreich, ward später Gouverneur von Odessa, Neu-Rußland und Bessarabien, und gewann durch geschickte Verhandlungen (1826) Persien. In dem russischen Feldzuge gegen die Türkei (1828–1829) spielte er eine wichtige Rolle, besonders als Eroberer Varna’s. In Folge davon ward er General-Commandeur aller Truppen und Operationen gegen die kaukasischen Völker, deren er durch humane Behandlung mehr gewann, als erschießen und erobern ließ. Ehren auf Ehren häuften sich auf seinem Haupte. Er ist jetzt erster General [98] der russischen Infanterie, Aide-de-Camp-General, erstes Mitglied des Regierungs-Senates für politische Oekonomie, General-Gouverneur von Neu-Rußland und Bessarabien, Chef-Commandeur von Georgien, Armenien und dem russischen Kaukasus und Chef-Commandeur aller kaukasischen Armeen. Im Jahre 1845 ward er zum Lohne für seine Einnahme der Festung Dargo in den Fürstenstand erhoben. Man sieht daraus, daß Fürst Woronzow die eigentliche Seele des ganzen Theiles von Rußland ist, welches um das schwarze Meer herum nach der Türkei vordrängt, also die wichtigste Persönlichkeit in dem früher oder später sich entscheidenden Kampfe um das schwarze Meer und die „orientalische Frage.“ Irren wir nicht sehr, so hält sich der Fürst augenblicklich in Dresden auf, nachdem er im vorigen Jahre einen längeren Urlaub erhalten.

Die Krim-Küsten-Gegenden und Alupka glänzen noch von einigen andern Palästen russischer Großen, der vielfensterigen Sommer-Residenz der Kaiserin, Orimeda, Nuschor, Gallitzin, und den kleinen Städten Yalta, Urzuff u. s. w. Dazwischen zerstreuen sich eine Menge kleine Tatarendörfer, halb versteckt in Felsen und unter Bäumen. Man findet jetzt aber größtentheils nur Weiber und Kinder darin. Die Männer arbeiten mit mehr als 2000 Karren und Wagen zwischen Perekop und Sebastopol auf einem fast ununterbrochenen Strome von Lebensmitteln und Soldaten für Sebastopol. So grausame Dinge man auch von der Behandlung russischer Soldaten gehört hat, man läßt sie wenigstens nicht muthwillig verhungern, erfrieren, thatsächlich in Schmutz und Ungeziefer umkommen, wie die englische Aristokratie ihre Söldner.

Aus den Krim-Palästen der russischen Großen nach den Zelten oder Hütten der Alliirten ist jetzt nur ein kleiner Sprung. Ich lege Ihnen eine Abbildung der letzteren bei. Männer, die sich, was Reichthum anlangt, wohl mit dem Fürsten Woronzow messen können, sehen den Besitz einer solchen Hütte jetzt für einen Hochgenuß an, den sie nicht um Tausende hingeben würden. Die Kälte erreicht Nachts nicht selten 10–15 Grad, der Frost packt und zerbröckelt die Glieder auf die furchtbarste Weise und die Nichtswürdigkeit der englischen Verpflegungsbeamten hat dafür gesorgt, daß Offiziere und Gemeine unter gleichen Martern des Hungers und Frostes zusammenstürzen und wie das Vieh auf dem Felde verenden. Aus den Laufgräben zurückkehrend, nur noch in Lumpen gehüllt, nichts auf, nichts in dem Leibe, fanden die von Frost Erstarrten bis jetzt nicht einmal eine Stätte , wo sie sich wärmen und dem müden Leibe eine erquickende Ruhe gönnen konnten. Leichte Zeugzelte, die jeder Windstoß bewegte oder Erdlöcher, über die nothdürftig eine Decke gespannt lag, empfing die Heimkehrenden, die dem gewissen Untergang entgegensahen. Es bedurfte erst des qualvollsten Sterbens von Tausenden und des energischen Aufschreis der Presse, ehe man Anstalten traf, den Kindern des Landes gerecht zu werden. Jetzt endlich soll’s besser werden. Von Frankreich sowohl – (denn auch aus dem französischen Lager könnten haarsträubende Liederlichkeiten berichtet werden, wenn die französische Presse nicht geknebelt wäre) wie aus England sind hölzerne Baracken abgeschickt worden, wovon bereits einige Ladungen ankamen und unendliche Freude bei den armen Leuten anrichteten. Sie sind zweckmäßig und meist auf zwanzig Mann eingerichtet, einige zwanzig Fuß lang und fast eben so breit. Eine Art Pritsche giebt dem Schlafenden ein ziemlich bequemes Lager, wobei ihm der Tornister als Kissen dient. Die Franzosen besitzen außer den hölzernen Baracken auch noch Zelte aus Weidengeflecht, die sie mit einer Art Theer bestrichen und dadurch luftdicht und warm machen. Der Himmel gebe den Armen dort recht bald warme Sonne und ein besseres Quartier, denn auch jetzt noch sind sie so vielen Qualen und Martern ausgesetzt, daß mehr als menschliche Geduld und Soldatendisciplin dazu gehört, um das Alles ruhig zu ertragen.




Etwas Naturgeschichte.
Nr. 5. Der Condor.

So groß auch der Nutzen der Menagerien ist, indem sie dem wißbegierigen Forscher die Thiere vor Augen führen, welche er außerdem blos aus Büchern oder aus ihren in Museen aufbewahrten Ueberresten kennen lernen würde, so muß man doch gestehen, daß sie der Romantik verderblich geworden sind. Die übertriebenen Körperdimensionen, welche Reisende gewissen Vögeln und vierfüßigen Thieren, ja sogar Menschen zugeschrieben haben – theils weil sie die betreffenden Gegenstände selbst nur aus der Ferne sahen, theils weil sie sich auf die lügenhaften oder auch nicht richtig verstandenen Aussagen der Eingeborenen verließen – schrumpfen zusammen, wenn das lebende Geschöpf vor die Augen des Beschauers tritt.

Wie Viele, die von der fabelhaften Größe des Condor gelesen, haben sich bei dem ersten Anblick dieser Vögel, die schon so lange im Garten der zoologischen Gesellschaft zu London gehegt werden, sehr enttäuscht gefühlt. Gewöhnlich liest man in Naturgeschichten, nicht blos für Kinder, sondern auch für große Leute, daß der gewaltige Geier der Andes mit ausgebreiteten Flügeln achtzehn Fuß messe. Der der zoologischen Gesellschaft angehörende männliche Condor, ein sehr schönes Exemplar, mißt aber von einer Flügelspitze zur andern nicht mehr als eilf Fuß, und seine Länge beträgt nicht über vier Fuß neun Zoll.

Im Naturzustande liegen die Eier des Condors, wie man behauptet, auf dem nackten Felsen ohne Reiser oder Stroh und nicht einmal durch einen Rand geschützt. Hier in einer Höhe von zehn bis fünfzehntausend Fuß über der Meeresfläche athmet der junge Vogel zuerst die reine, dünne Luft. Es vergeht über ein Jahr, ehe er hinreichend flügge ist, um die Mutter verlassen zu können. Gegen das Ende des zweiten Jahres ist die Farbe ein gelbliches Braun, und erst dann beginnt die Halskrause hervorzutreten. Der völlig ausgewachsene Condor sieht schwarz. Höher fliegend als irgend ein anderer Vogel, so daß sie von der Erde aus oft nur noch wie ein schwacher Punkt erscheinen, kreisen sie über den Thälern und lauern mit ihren teleskopischen Augen auf den Sturz eines alten schwachen Pferdes, einer Kuh oder eines angeschossenen Wildes. Dann schießen die Condors herab zum Schmause. Bei ihrer Leckerhaftigkeit fangen sie gewöhnlich mit der Zunge und den Augen des gefallenen Thieres an, die Wuth eines durch langes Fasten in der hohen frischen Luft geschärften Hungers läßt sich aber nicht so leicht beschwichtigen. Der Vogel verschlingt, schwelgend an der reichbesetzten Tafel, welche der Tod ihm in der Wüste gedeckt, nachdem er das Fell des Thieres mit seinem scharfen Schnabel aufgerissen, ein Stück Eingeweide und Fleisch nach dem andern, bis er sich so vollgefressen hat, daß er nicht sogleich wieder auffliegen kann.

Dies wissen die Indianer recht wohl, und wenn sie Lust zu einer Hetzjagd haben, so werfen sie ein todtes Pferd oder ein Kuh an eine geeignete Stelle und warten ruhig den Schmaus ab, der von den Condors, von denen einige fast stets auf der Lauer schweben, ganz gewiß besucht wird. Wenn sie sich tüchtig vollgefressen haben und einander mit gefräßigem Ernste anschauen, kommen die Indianer mit dem todtbringenden Lasso herbei. Nun findet ein wild anregendes Schauspiel Statt, welches das Herz des Jägers kaum weniger erfreut, als ein Stiergefecht. Die Lasso’s werden mit mehr oder weniger Glück geworfen. Einige der Vögel fangen sich in der Schlinge, andern gelingt es noch mit Mühe und Noth davon zu kommen; wenn aber ein Condor gefangen wird, so findet noch ein Kampf Statt, und zwar ein heftiger, ehe er erlegt wird, und die Geschichten, die man sich von der Zähigkeit seines Lebens erzählt, wären geradezu unglaublich, wenn sie nicht durch glaubwürdige Augenzeugen bestätigt würden.

Humboldt war einmal zugegen, als die Indianer die Lebenskraft eines lebendig gefangenen Condors zu besiegen suchten. Nachdem sie ihm einen Lasso um den Hals geschlungen, hingen sie ihn an einen Baum und zerrten ihn mehrer Minuten lang aus Leibeskräften an den Beinen, auf eine Weise, die dem geübtesten Henker Ehre gemacht haben würde. Nachdem die Execution anscheinend vorüber war, ward der Lasso abgenommen, und siehe [99] da, der Vogel stand auf und lief herum, als ob nicht geschehen wäre. Nun ward ein Pistol auf ihn abgefeuert, während der Indianer, welcher schoß, kaum vier Schritte entfernt stand. Drei Kugeln trafen den Condor und verwundeten ihn in den Hals, in die Brust und in den Bauch, der Vogel aber blieb fest auf den Beinen. Eine vierte Kugel zerschmetterte ihm das Bein. Nun stürzte der Condor allerdings, starb aber an allen diesen Wunden erst nach mehrern Stunden.

Der Lämmergeier der Alten steht dem Condor an Größe nur wenig nach, ja kommt ihm vielleicht gleich und hält sich eben so wie dieser in den großen Gebirgsketten auf. So wie der Condor der große Geier der neuen Welt ist, so thront dieser Adlergeier auf den unzugänglichen Felsenspitzen des alten Continents. Auf den Schweizer- und deutschen Alpen von Piemont bis Dalmatien, in den Pyrenäen, auf den Gebirgen Ghilan’s und Sibiriens, Aegyptens und Abyssiniens sitzt dieser, der größte der europäischen Raubvögel, auf Beute lauernd. Seine Klauen sind zum Raube noch besser geschaffen, als die Nägel des Condor. Deshalb sucht er sich auch gewöhnlich eine lebendige Beute und stößt auf Lämmer und andere Thiere von dieser Größe herab. Die Geschichten, die man sich erzählt, daß er zuweilen sogar Kinder in seinen Klauen fortgetragen habe, haben einen viel größern Anstrich von Wahrscheinlichkeit, als wenn man sie von dem Condor erzählt, dessen Fuß verhältnißmäßig schwach ist. Der Lämmergeier begnügt sich mit todter Beute nur dann, wenn keine bessere zu haben ist, und Bruce erzählt von der Hartnäckigkeit und Keckheit dieses Thieres ein Beispiel, welches wir unsern Lesern nicht vorenthalten zu dürfen glauben:


„Auf der höchsten Spitze des Berges Lamalmon,“ erzahlt dieser Reisender, „während meine Diener sich von dem beschwerlichen Marsche erholten, sich an der köstlichen Luft labten und ihre Mahlzeit verzehrten, welche aus so eben gekochtem Ziegenfleisch in mehrern großen Schüsseln bestand, kam plötzlich ein großer Adler zum Vorschein. Er schoß nicht, wie diese Thiere sonst zu thun pflegen, rasch aus der Höhe herab, sondern kam langsam längs des Bodens hergeflogen und setzte sich innerhalb des Kreises, den die Männer bildeten, dicht neben das Fleisch. Das laute Geschrei meiner Diener rief mich zur Stelle. Ich sah den Adler eine Minute lang still stehen, als ob er sich besönne, während die Diener nach ihren Lanzen eilten. Ich ging so nahe hinzu, als mir die Zeit gestattete. Seine Aufmerksamkeit war ausschließlich von dem Fleische in Anspruch genommen. Ich sah, wie er mit der Klaue in eine der Schüsseln fuhr, in welcher ein großes Stück Fleisch in der noch fast siedend heißen Brühe schwamm. Der unerwartete Schmerz bewog ihn, die Klaue schnell wieder zurückzuziehen und sich nach einer andern Beute umzusehen.

„Ein wenig seitwärts lagen auf einem hölzernen Teller zwei andere Stücken Fleisch. In diese hieb er beide Klauen und trug sie fort, warf dabei aber, wie mir schien, noch einen sehnsüchtigen Blick auf das größere Stück, welches in der heißen Brühe lag. Er flog langsam über den Boden hin fort, wie er gekommen war und verschwand um eine Ecke des Felsens. Die Muhamedaner, welche die Esel trieben, versicherten mir , daß er wiederkommen werde, worüber sich meine Diener, die so eben einen für sie sehr empfindlichen Verlust durch ihn erlitten, eben nicht zu freuen schienen.

„Da ich für meine Person den Wunsch empfand, genauere Bekanntschaft mit ihm zu machen, so lud ich meine Büchse mit Kugel, und setzte mich dicht neben die Schüssel mit dem Fleisch. Auch dauerte es nicht lange, so kam er wieder zum Vorschein, und das laute Geschrei meiner Begleiter: „Er kommt! er kommt!“ wäre wohl hinreichend gewesen, ein weniger muthiges Thier zu verscheuchen. Ob er nicht mehr so hungrig war, wie zuerst oder ob ihm meine Erscheinung verdächtig vorkam, weiß ich natürlich nicht, aber er machte eine kleine Schwenkung und setzte sich ungefähr zehn Schritt von mir nieder, so daß die Fleischschüssel zwischen ihm und mir in der Mitte stand. Da die Schußlinie vor mir frei war und ich nicht wissen konnte, ob er sich nicht in der nächsten Minute einem meiner Leute gegenüber setzen würde, in welchem Falle es ihm dann leicht hätte gelingen können, auch das noch übrige Fleisch fortzutragen, so legte ich an und schoß ihn mitten durch den Leib, ungefähr zwei Zoll unter dem Flügel. Er stürzte sofort und verendete binnen wenigen Augenblicken, ohne ein Glied zu zucken. Er maß von einer Flügelspitze bis zur andern acht Fuß vier Zoll, von der Spitze des Schwanzes bis zur Schnabelspitze vier Fuß sieben Zoll; sein Gewicht betrug zweiundzwanzig Pfund und er war sehr feist und wohlgenährt.“

Das Condorpärchen, von welchem wir hier erzählen, befand sich trotz seiner Gefangenschaft wohl und munter, und das Weibchen legte sogar in einem Zeitraume von drei Jahren sieben Eier, machte aber nie einen Versuch, eins davon auszubrüten.

Als wir eines Tages den zoologischen Garten besuchten, sahen wir die Condors mit einem frischgelegten weißen, drei oder vier Zoll langen Ei, welches auf dem nackten Boden ihres Käfigs lag. Von einem Neste irgend welcher Art war keine Spur vorhanden, und es lag etwas Wehmüthiges und doch auch zugleich Lächerliches in dem Ausdruck von Hoffnungslosigkeit womit die beiden Aeltern das gelegte Ei betrachteten. Sie sahen erst das Ei und dann einander selbst an, als ob sie sagen wollten. „Was sollen wir nun, da wir es haben, damit anfangen?“ und die stumme Antwort ihrer betrübten Augen und niederhängenden Köpfe war augenscheintich: „Nichts.“

Endlich machte man den Vorschlag, sobald das Condorweibchen wieder ein Ei lege, es einer Henne unterzulegen, was auch bald darauf geschah. Der Brütplatz war ein ein wenig über dem Fußboden erhöhter Käfig in einem der Vogelhäuer des Zoologischen Gartens. Die Henne unterzog sich ihrer Aufgabe mit der größten Ausdauer. Ein Tag nach dem andern und eine Woche nach der andern verging. Die gewöhnliche Zeit, zu welcher eine Henne sonst die Frucht ihres Brütens aus dem Eie hervorgehen sieht, war längst vorüber, aber die gute Pflegemutter harrte unverbrüchlich aus, bis endlich nach vierundfunfzig Tagen an einem schönen Junimorgen früh sechs Uhr der junge Condor die Wand seines Gefängnisses zu durchbrechen begann.

Der Prozeß des Auskriechens ging sehr langsam vor sich. Der junge Vogel kam erst nach siebenundzwanzig Stunden völlig aus dem Ei heraus und zwar nicht ohne Hülfe des Wärters, der es nothwendig fand, die Schale zu entfernen, weil das Häutchen um den jungen Vogel herum trocken geworden war.

So erblickte der erste in England ausgebrütete Condor das Licht dieser besten Welt. Er war nackt und sah dunkelgrau aus; Rücken und Seiten waren mit schmutzig-weißem Flaum bedeckt. Am Abend des Tages, an welchem er ausgekrochen, fraß er ein Stück von der Leber eines jungen Kaninchens. Mit diesem Futter, welches er sehr gern zu genießen schien, fuhr man fort, und man hatte gegründete Hoffnung, ihn am Leben erhalten zu sehen, als er leider am Morgen des einundzwanzigsten Tages nach seiner Ausbrütung todt im Käfig gefunden ward. Die gute Henne, welche gegen ihr Pflegekind bis zum letzten Augenblicke sehr aufmerksam gewesen war, schien es sehr zu vermissen. Das Geschrei des jungen Condors glich dem Quieken einer Ratte, deren es um die Wohnung der Henne und ihres Pfleglings herum sehr viele gab. Zuweilen quiekten sie und dann näherte sich die nun vereinsamte Pflegemutter dem Loche, aus welchem das Quieken sich vernehmen ließ, horchte und blieb eine Zeit lang gluckend stehen, als ob sie erwartete, ihr Pflegekind hervorkommen zu sehen.




*'Blätter und Blüthen'

Hoffmann von Fallersleben in Weimar brachte neulich einen Toast auf Lessing aus, dessen Schlußworte lauten:

 Dank Dir!
Der Du unter den erhabenen Längstbegrabenen
Ein Meister den Kranz gezeigt den Meistern
Und die Pfade gebahnt hast unseren Geistern!
 Du,
Der Kunsterscheinungen Kenner und Richter,
Der Wissensmeinungen Kenner und Sichter,
Des Regelzwanges kühner Vernichter,
Im Kampf ein Sieger, beim Streit ein Schlichter,
Du Schrecken aller Perückengesichter,
Du Geißel für alle Dichterwichter
Und alles Philistergelichter,
Du, das Licht der Dichter!
Der Dummheit Aechter,
Der Wahrheit Verfechter,
Der Schönheit Wächter!
Dein sei in Lieb und Dankbarkeit
Heute gedacht und allezeit!
 Lessing hoch!

[100] Werbung. siehe

Die Gartenlaube (1855) 100.jpg


  1. Das neue deutsche Theater von Otto Hoym, d*Ardenne (früher in Ulm), August Siegrist, dem Haupt-Barrikadenhelden von Berlin und Worret, früher Direktor in Bockenheim, ist zwar sehr schön und geräumig und gut besetzt, wird sich aber schwerlich eben so wenig halten, wie das kleinere Charles-Theater, da die reichen Deutschen im Durchschnitt geschmack- und kulturlose Deutschverächter sind und die Aermeren sich in 1400 Kneipen zerstreuen und bei Linden-Müller Theater noch umsonst zukriegen. Die amerikanischen Dichter sprechen und ehren Deutsch, die deutschen Prosaiker setzen eine Ehre hinein, es nicht zu verstehen.
  2. Wir werden ihn und sein Land nächstens durch „birmanische Spiegel-Bilder“ weiter kennen lernen.
  3. Nach Dr. J. D. Hooker, dem neuesten Forschungsreisenden in Indien, besonders durch den Himalaya, ist nicht mehr der Dawalagiri (27,600 Fuß hoch), sondern der im wahren Centrum der Himalaya´-Gebirge sich 28,178 Fuß hoch erhebende Kangschan-junga der höchste Berg der Erde.