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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1855) 069.jpg
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[69]

No. 6. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.


 Gott ist mit uns![1]

Gott ist mit uns! Der Trübsal Macht,
Sie muß an diesem Fels zerschellen.
Gott ist mit uns! Die tiefste Nacht
Muß dies Bewußtsein uns erhellen.
Komm an mein Herz, Du Liebste mein
Und stimme selig mit mir ein:
Gott ist mit uns und wird es sein!

Du holdes Engelsangesicht!
Wär’ ich zu blöd’, es zu erkennen
Aus Deiner Augen heil’gem Licht
Würd’ es mir in die Seele brennen:
„Gott ist mit uns, Geliebter mein!“
Und stimmen müßt’ ich mit Dir ein:
Er ist mit uns und wird es sein.

Doch längst schon hab’ ich’s ja erkannt,
Erkannt aus tausend lichten Spuren,
Seit jenem Tag, da wir gebannt
Weit von einander Treu’ uns schwuren;
Seit durch der Liebe Zaubermacht
Ein neuer Lenz in uns erwacht.
Ein Lenz von niegeahnter Pracht! –

Ein Lenz in öder Winterzeit,
Ein üppig Grünen, Knospen, Blühen,
Ein Wonnejauchzen tief im Leid,
Ein selig Ineinanderglühen,
Vereintes Wachsen himmelan
Trotz Kerkernacht und Trennungsbann – –
Solch Wunder hat nur Gott gethan!

Und als aus seiner Liebe Schooß
Uns jenes heil’ge Pfingsten tagte,
Wo Lippe sich an Lippe schloß,
Ein trunkner Blick dem andern sagte,
Ein Puls dem andern es erzählt’,
Daß Seel’ in Seele wir vermählt
Von Gott einander auserwählt.

O süße Braut, Du meine Lust,
In diesem Herz an Herzen schlagen,
In diesem Beben Brust an Brust
Da mußten wir uns jauchzend sagen:
Gott ist mit uns, sein Geist umweht
Uns fühlbar, sichtbar, wallt und geht
Durch uns in seiner Majestät!

Gelobt sei Gott! Gelobt sei Gott
In diesem Kuß, mein holdes Leben!
Einst wird er enden alle Noth,
Der Liebe volles Glück uns geben.
Dann, o Du Heißgeliebte mein,
Dann stimmen dankerglüht wir ein:
Gott war mit uns und wird es sein!

[70]
Bertram Morgenweg.
Eine wahre Geschichte aus alter Zeit.
I.

In alten Urkunden und Pergamenten vergraben findet sich noch manche alte vaterländische Geschichte, die es wohl werth ist, daraus hervorgeholt und den späten Nachkommen erzählt zu werden. Der Deutsche hätte nicht nöthig, in den Archiven und Bibliotheken fremder Länder und Zungen Belehrung und Unterhaltung zu suchen, wenn er nur überall daheim sich umsehen und das dort Gefundene nicht wieder in gelehrten Abhandlungen und Folianten verstecken, sondern in angemessener Form seinem Volke mittheilen wollte. Indem ich hierzu einen Versuch mache, fordre ich die Leser auf, mir durch lange Jahrhunderte zwar zurück zu folgen, aber dabei doch immer auf vaterländischem Boden zu bleiben.

Es ist die alte frei Reichstadt Lübeck, die wir miteinander an der Scheide zweier Jahrhunderte – des zwölften und des dreizehnten – betreten.

Lübecks Gründung fällt bis in das elfte Jahrhundert oder noch früher zurück. Durch die Vernichtung des wendischen Handels an der Nord- und Ostsee, mehr noch durch die Zerstörung von Bardewick 1189 durch Heinrich dem Löwen, Herzog von Sachsen und Braunschweig, ward Lübeck zumeist vergrößert und zu einer mächtigen Handelsstadt erhoben. Denn die Kaufleute von Bardeleben ließen sich mit ihrem Vermögen in Lübeck nieder und ihre Handelsverbindungen mit Skandinavien und Rußland erweiterten so den Handel Lübecks.

Die Lübecker besuchten häufig die liefländische Küste, an welche 1158 Kaufleute aus Bremen auf ihrem Handelsweg nach Wisby verschlagen worden waren und daselbst zuerst die Mündung der Düna entdeckt hatten. Sie gründeten dort Niederlassungen mit Bewilligung der noch heidnischen Bewohner. Sowohl ihre Frömmigkeit als auch der Vortheil, der ihrem Handel daraus erwachsen mußte, bewog die deutschen Kaufleute, die Einführung des Christenthums in Liefland zu betreiben, darum unterstützten sie die Bemühungen des Heidenbekehrers Meinhard auf das Thätigste. Der Papst machte es zu einer Angelegenheit der gesammten Christenheit, das Heidenthum in Liefland auszurotten, zu welchem Zweck ein geistlicher Ritterorden – die Schwertbrüder oder Schwertträger – gestiftet wurde, und Schaaren von Kreuzfahrern dort hinzogen, um die Heiden zu bekehren oder zu bekämpfen. Außer den schon daselbst früher gegründeten Niederlassungen, welche von den Heiden aber oftmals wieder zerstört wurden, entstand auch die Stadt Riga im Jahr 1200, wohin Albrecht, der dritte Bischof des neubekehrten Landes, seinen bischöflichen Sitz verlegte. Der Verkehr der deutschen Seestädte dahin wurde ungemein lebhaft, zumeist aber von Lübeck betrieben.

Zu denen, welche in Liefland große Handelsverbindungen hatten, gehörte auch Herr Meßmann, der zugleich einer der ersten Rathsherren der Stadt Lübeck und somit einer ihrer angesehensten Bürger war. Er hatte durch den Handel nach Rußland bereits unzählige Güter erworben, und dort eigne Niederlassungen gegründet, die von seinen Untergebenen, Dienern und Gesellen wohl verwaltet und hinwieder auch alle diese Leute von ihm selbst wohl gehalten wurden. –

Eines Tages, als Herr Meßmann in seinem mit alterthümlicher Pracht eingerichteten Zimmer auf weichen Polstern saß und sein einziges Kind, ein kleines goldlockiges Mädchen von vier Jahren, auf seinen Füßen schaukelte und mit wehmüthigem Lächeln in ihren noch unausgebildeten Zügen dem holden Ebenbild seiner Gattin nachspürte, welche ihm der Tod vor Kurzem geraubt hatte, ließ sich auf Herrn Meßmann’s „Herein“ und er erkannte in dem Eintretenden einen seiner Handelsdiener, welchen er schon seite einigen Tagen aus Liefland wieder zurück erwartet hatte. Der Diener war der Erste, welcher das rückkehrende Schiff verlassen hatte und an’s Land gestiegen war, um seinem Herrn vorläufigen Bericht über die angekommenen Waaren, den Gang der Geschäfte und der ganzen Reise abzustatten. Alles, was er zu sagen hatte, lautete zu Herrn Meßmann’s Zufriedenheit, und dieser verfehlte auch nicht, sie seinem Geschäftsführer zu erkennen zu geben. Dadurch zum Vertrauen aufgemuntert, fügte dieser hinzu:

„Wir bringen auch noch Etwas mit, wovon wir nicht wissen, ob wir es Eurer Großmuth allein oder einem hochwohlweisen Rath zur Aufnahme übergeben sollen. Wir stießen unterwegs auf die Trümmer eines gestrandeten und von Seeräubern geplünderten Schiffes, auf dem ein Knabe von zehn Jahren das einzige menschliche Wesen war. Sein Wimmern und Hülferufen lockte uns herbei, und wir nahmen den halbtodten Verlassenen mit auf unser Schiff. Ein heftiges Fieber erfaßte ihn nach der ausgestandenen Angst und Noth; wir dachten, er werde sterben, und unsere Rettung sei zu spät gekommen. Aber jetzt ist er auf dem Weg der Genesung, nur ist mit dem Fieber zugleich ihm jede Erinnerung an Früheres verschwunden – nur seinen Vornamen Bertram hat er noch im Gedächtniß behalten, sonst aber weiß er nichts aus seinem früheren Leben zu sagen, weder wem er angehört, noch wo er hergekommen. Nur daß sein Vater mit auf dem Schiffe gewesen und von den Seeräubern getödtet worden, haben wir aus seinen Fieberreden schließen können. Befehlt denn nun, was weiter mit dem Knaben geschehen soll. Die Christenpflicht gebot es uns, ihn mitzubringen, auch wenn dadurch Euch oder der Stadt eine Last erwachsen sollte.“

„Darum seid nur unbekümmert!“ sagte Herr Meßmann freundlich. „Da sei Gott für, daß wir uns nicht freuten, wenn einem armen Knaben das Leben gerettet worden! Bringet ihn nur getrost mit her in unser Haus – er soll hier ein freundliches Unterkommen und vielleicht eine liebe Heimath finden!“

Der Rathsherr sah nun die Briefe und Bücher durch, die sein Geschäftsführer ihm gebracht, indeß dieser wieder auf das Schiff zurückgeht, den Knaben zu holen und mit den Andern dort das Ausladen der Waaren anzuordnen. Kurze Zeit nachher tritt er wieder bei Herrn Meßmann ein, den Knaben an der Hand.

Ein prächtiger Junge von ebenmäßigem kräftigen Körperbau, jetzt nur ein Wenig abgezehrt und bleich von der überstandenen schweren Krankheit. Sein hochblondes, fast goldgelbes Har, das um die weiße Stirn sich ringelte und seine strahlenden, blauen Augen verriethen deutlich die norddeutsche Abkunft. Er stand ein Wenig schüchtern vor seinem neuen Herrn und Beschützer, und auch die liebreichen Worte desselben vermochten nicht, ihn aufzumuntern. Aber da das Töchterchen des Hauses, die kleine Mächthilde, ihre zarten Händchen nach ihm ausstreckte, ihn zutraulich an ihren Spieltisch führte und ihm all die kleinen Herrlichkeiten zeigte, die hier aufgestellt waren – da ward er plötzlich lebendig, beantwortete gesprächig Mächthilden’s kindliche Fragen, bauete ihr Spielzeug auf eine für sie neue Art mit Geschicklichkeit zusammen – und so hatten die beiden Kinder sich schnell mit einander verständigt und wurden nicht müde, zusammen zu spielen. Als am Abend Martha, die Wirthschafterin und Erzieherin, Mächthilde endlich zum Schlafengehen abholen wollte, sträubte sie sich erst lange dagegen und ließ es sich endlich nur gefallen, als ihr Vater zu ihr sagte:

„Bertram geht nicht fort, er kann morgen wieder mit Dir spielen!“

Da ließ sie sich endlich wegführen, nahm aber von Bertram herzlicher gute Nacht, als selbst von ihrem Vater und sagte:

„Aber Du mußt gleich morgen früh wieder mit mir spielen und darfst gar nicht fort!“

So blieb denn auch Bertram in Herrn Meßmann’s Hause und ward fast wie ein Kind desselben gehalten. Er ließ ihn in Allem unterrichten, was ein Knabe damals nur zu lernen hatte, wenn er später auch im Dienst des Handels sein Glück selbst in der Welt versuchen sollte. Bertram lernte fleißig und zeigte in tausend kleinen Zügen einen strebenden Geist, ein tiefes Gemüth, die größte Dankbarkeit gegen seinen Herrn und gegen Jedermann ein liebreiches Betragen. Jedermann glaubte, Herr Meßmann werde, da er selbst keinen Sohn hatte, den Knaben, über dessen Aeltern und Herkommen Nichts zu erfahren war, förmlich adoptiren – allein der Rathsherr hielt das für ein Unrecht an seiner Tochter und es auch sonst nicht gut für den Knaben, wie sehr er ihn auch liebte, [71] er meinte, es sei genug, Bertram die beste Erziehung zu geben, und dann möge er selbst sehen, wie er durch die Welt komme. Er wollte ihn nicht wieder fortschicken – aber als einige Jahre vergangen waren, pflegte er ihn oft zu fragen, wenn er einmal weg wolle, um sein Glück in der Welt zu versuchen, worauf Bertram immer antwortete: „Morgen will ich weg!“ aber sobald Mächthilde das hörte, fiel sie ihm um den Hals, weinte und bat ihn, doch ja nicht von ihr fort zu gehen und da zu bleiben – daß Herr Meßmann lächelnd sagte, er möge nur bleiben, und Bertram selbst gern blieb, da es ihm auch schwer ward, sich von der kleinen Mächthilde und seinem Wohlthäter zu trennen, und er auch nicht wußte, wo er sich eigentlich zunächst hinwenden sollte. Da aber diese Scene sich so oft wiederholte, sagte Herr Meßmann einmal scherzend zu dem Knaben:

„Du magst mir wohl ein rechter Bertram Morgenweg heißen!“ Seitdem hieß er allgemein Bertram Morgenweg. – Oft verdroß ihn dieser Spitzname herzlich und er dachte nun immer darüber nach, wie er einmal seinen Vorsatz ausführen und plötzlich fortgehen wolle, ohne erst lange von seinem Herrn einen peinlichen Abschied zu nehmen und von Mächthilden’s Thränen sich selbst rühren und das Herz brechen zu lassen.

Unter den Handelsherren, welche das Haus des Herrn Meßmann besuchten, war auch ein Kaufmann aus Riga, der dem Knaben schon immer Wohlwollen gezeigt hatte, und da er jetzt zurückkam und dieser sich gegen ihn aussprach, gab er ihm Geld und redete ihm zu, eines Tages mit erster Schiffsgelegenheit zu kommen und Herrn Meßmann nicht länger zur Last zu fallen.

Einige Wochen waren vergangen und es waren wieder Kaufleute aus Riga gekommen, die mit günstigem Winde dahin zurücksegeln wollten. Da stand auch Bertram eines Tages am frühen Morgen auf, wo noch Alles im Hause im tiefen Schlaf lag, ging hinab in die Wohnstube, schlug die sammetne Tischdecke von dem großen Eichentisch ein wenig zurück und schrieb mit Kreide auf die Tischplatte: „Morgenweg ist allweg.“ Das war sein Abschied. Damit ging er hinaus nach dem Schiff und segelte davon. Er wußte, wenn er nicht einmal so schnell schied, käme er nimmer fort.


II.

Bertram war siebzehn Jahr alt gewesen, da er fortgegangen und Mächthilde nahe an zwölf Jahr. Am Morgen seiner Abreise hatte sie seine Abschiedsworte auf dem Tische mit wehvollem Erschrecken gelesen, hatte ihm nacheilen, ihn zurückhalten wollen – ihren Vater, alle Freunde und Diener des Hauses aufgeboten, ihm nachzueilen und ihn wieder zurückzubringen - aber es war vergebens! Morgenweg war und blieb „all’ weg,“ und Alle die nach ihm suchten, konnten nur die Kunde bringen, daß mehrere Handelsschiffe beim ersten Morgengrauen den Hafen von Lübeck verlassen hatten und daß Bertram sich wahrscheinlich auf einem derselben befand.

Mächthilde mußte sich darein ergeben, daß ihr Bertram, der ihr Alles war: Spielkamerad, Bruder und Lehrer, sie verlassen hatte. Nur schwer gab sie den Ermahnungen und vernünftigen Vorstellungen ihres Vaters Gehör, der ihr auseinander zu setzen suchte, daß es für Bertram ganz an der Zeit gewesen, aus dem gewohnten friedlichen Leben hinaus in die weite Welt zu gehen und da auf eigene Hand sein Glück zu versuchen. Sie söhnte sich nicht eher mit diesem Gedanken aus bis endlich - beinahe nach Jahresfrist ein Brief von Bertram aus Liefland kam. Er schrieb Herrn Meßmann, daß er dort bei einem großen Kaufmann Dienste genommen und dankte für alle die Wohlthaten, die ihm Herr Meßmann einst erzeigt, in den rührendsten Worten. Nicht aus Undank sei er fortgegangen, sondern weil er gesehen, daß dies seines Herrn eigner Wille und daß er ihm nicht länger habe zur Last fallen wollen. Mit dem was er gelernt gedenke er sich nun ehrlich durch die Welt zu schlagen - und er werde danach streben, einst wieder nach Lübeck zurückzukehren, und durch das, was er geworden, seinen edlen Wohlthäter selbst ehren zu können. Diesem Brief lagen auch einige Zeilen für Mächthilde bei. Bertram selbst hatte ihr zum Zeitvertreib und weil sie eine so gelehrige Schülerin war, die Kunst des Lesens und Schreibens gelehrt, die damals auch von sogenannten gebildeten Mädchen nur sehr wenig geübt ward. Wie glücklich war sie jetzt, daß er ihr lesen gelehrt, daß sie diese lieben Zeilen selbst entziffern, ja, auch beantworten konnte. Auch sie bat er um Verzeihung für sein schnelles Fortgehen – er habe eine solche Form dafür wählen müssen, weil er zu einem persönlichen Abschied von ihr nicht Kraft genug in sich gefühlt - wenn sie ihn gebeten habe, dazubleiben, würde er wieder geblieben sein, wie schon oft und ihren Thränen nicht widerstanden haben. Es habe sich aber nicht mehr geziemen wollen, die Wohlthaten ihres Vaters anzunehmen wie ein Kind des Hauses, da er nun bald ein Mann werde, der für sich selbst sorgen müsse. Sie solle sein nur nicht vergessen wie ihr Bild ihm immer zur Seite sei. Er strebe danach, einst wiederkommen zu dürfen – nicht als ein hülfloser Knabe, sondern als ein wackerer Mann, der die Welt gesehen und sich allein durch sie schlagen gelernt. - Mächthilde schrieb ihm wieder, erzählte ihm viel von daheim und schloß mit den Worten. „Ich vergebe Dir, daß du fortgegangen, wenn Du einst als ein großer Mann wiederkommen willst. Aber ich weiß es, Du wirst wiederkommen – und dann lasse ich dich niemals wieder fort.“

Damals war der Handel in der That ein gefahrvolles Geschäft, und der Kaufmann konnte kaum ein Handelsunternehmen von einiger Bedeutung wagen ohne dabei sein Leben und sein Vermögen, sein ganzes Hab’ und Gut auf’s Spiel zu setzen. Alle Bequemlichkeiten, deren der Handel sich gegenwärtig erfreut, Briefposten, Wechsel, Spediteure, Assecuranzen u. s. w. entbehrte er in jener Zeit. Der Kaufmann mußte mit seiner Waare selbst zu Markte ziehen oder sie zum Einkauf abholen, oder dies Geschäft doch nur seinen treuesten und erprobtesten Geschäftsführern und Dienern überlassen. Dabei waren auf den Straßen die Raubritter und Wegelagerer aller Art, auf dem Meere die Seeräuber zu fürchten; in fremden Ländern war der Kaufmann schutz- und rechtlos, und litt er Schiffbruch oder zerbrach ihm ein Wagen beim Landtransport, so waren seine Güter dem Strandrecht verfallen. Außerdem hatte er noch von der Willkür der Landesherren zu leiden, die ihn an den Zollstätten oder für ein Geleit, das ihm nur unzureichenden oder wohl gar keinen Schutz gewährte, nach Gutdünken brandschatzten. Wer sich also dem Handel widmete, der wählte darum nicht eben das friedlichste Gewerbe, noch den sichersten Weg Reichthümer zu erwerben und ein ruhiges Leben zu führen. Vielmehr setzte er oft sein Leben und sein ganzes Hab’ und Gut auf das Spiel. Besonders in Liefland gab es für den Kaufmann noch manche Gefahr. Der Handel zur See hatte überall seine gleichen Beschwerden, aber hier kamen noch die Gefahren auf dem Festlande hinzu. Die heidnischen Nachbarn beunruhigten noch oft die christlichen Ansiedler, und wenn auch drüben in Deutschland mancher Waarentransport von hochadelichen christlichen Raubrittern genommen – oder als zum Schutz gegen dieselben von gleich habgierigen Landesherren geplündert – oder die Führer in die Flucht geschlagen und übel zugerichtet wurden: so war dies Pech noch gering gegen das, was die deutschen Handelsleute von den heidnischen Barbaren zu ertragen hatten, wenn sie sich weiter in’s Innere wagten, geschah es auch nur um einen neuen Absatzweg für ihre Waaren zu finden, und waren noch keine „Schwertträger“ in ihrem Gefolge, die auf der Spitze ihrer Schwerter das Christenthum weiter trugen und die alten Heidengötzen stürzten. Als daher ein paar Jahre vergangen waren, in denen Herr Meßmann keine Nachricht mehr von Bertram Morgenweg erhalten hatte, auch seine Fragen nach ihm bei den rigaer Kaufleuten, die nach Lübeck kamen, vergeblich waren, so glaubte er nicht anders, als daß sein Pflegesohn auch wie mancher Andere durch die Hände jener Ungläubigen ein übles Ende genommen, oder daß es ihm sonst vielleicht durch eigene Schuld schlecht ergangen und er sich nun schäme, wieder eine Nachricht von sich zu geben. Herr Meßmann machte sich zuweilen Vorwürfe, daß er Bertram durch seinen Spitznamen und sein Betragen Veranlassung gegeben, so plötzlich von ihm zu scheiden – daß er ohne Mittel, ohne Freunde und Rathgeber aus seinem Hause gegangen sei – er dachte sein Gewissen am Leichtesten dadurch zum Schweigen zu bringen, daß er jede Erinnerung an Bertram mied und darum auch in seinem Hause nicht mehr von ihm die Rede sein durfte. Er dachte auch, daß ihn dann Mächthilde am Ehesten vergäße, die oft in sich gekehrt am Meeresufer spazieren ging, und wenn Schiffe aus Liefland zurückkamen, die ersten Matrosen, die an’s Land stiegen, fragte: ob sie Nichts von Bertram Morgenweg gehört, wo aber keiner ihr genügende Antwort zu [72] geben vermochte. Da sie es mit zartem weiblichen Verständniß bald herausfühlte, daß ihr Vater sich über Bertram Vorwürfe machte, so hörte sie auch auf, seiner vor ihm zu erwähnen, aber es war als habe in diesem Schweigen sich sein Bild nur um so tiefer in ihr Herz gegraben. Sie errichtete ihm da einen stillen heiligen Altar, vor dem sie alle ihre Gebete verrichtete, und den sie nicht müde war, mit duftenden Blüthen und süßem Weihrauch ihrer Gefühle zu schmücken.

So war Mächthilde längst zur sinnigen Jungfrau erblüht. Als das einzige Kind eines der reichsten und angesehensten Rathsherren in Lübeck, würde sie zahlreiche Freier gefunden haben, auch wenn ihre Tugend und Schönheit geringer gewesen wäre als ihr Rang und Reichthum. Denn auch damals schon in der guten alten, fast kindlichen Zeit, fiel das Vermögen eines Mädchens gewichtig in die Waagschale ihrer Bewerber, und indeß oft das sittsamste und liebenswürdigste Mädchen einsam verblühte, weil es arm war, sah sich die reiche Erbin von zahlreichen Freiern umlagert, einerlei, welche Eigenschaften sie sonst besaß. Aber Mächthilde’s Reichthum war nicht größer als ihre Schönheit, nicht größer als ihre Tugend. Ihre blauen Augen strahlten nicht umsonst von lauter Liebe und Güte, sie bewährte diese durch ihr ganzes Wesen, durch alle ihre Handlungen. Um ihren Vater und durch das ganze Haus waltete sie wie ein Engel der Liebe. Kein Bittender ging unerhört von ihrer Thür, kein Unglücklicher nahte ihr, dem sie nicht Trost zu geben, kein Hülfesuchender, dem sie nicht Hülfe oder doch Rath zu schaffen wußte. Im Kreis ihrer Gespielinnen war sie diejenige, die Alle suchten und die gleichwohl Keine beneidete, weil eine jede von ihrem liebreichen, bescheidenen, oft hingebenden und aufopfernden Wesen gefesselt war und ihr willig alle die Vorzüge gönnte, welche sie besaß und doch niemals anders geltend machte als eben nur Anderen wieder dadurch Freude zu machen. Bei so vieler weiblicher Milde, zartem Sinn und Tiefe der Empfindung befremdete nur Eines: daß sie vierundzwanzig Jahr alt geworden und noch immer jeden Bewerber zurückgewiesen hatte. Und es war doch mancher edle Jüngling darunter, der sie wahrhaft liebte, den nicht allein ihre Schätze reizten, mancher, der schon selbst eine große Handlung und einen bekannten Handelsnamen besaß und nicht erst durch den Herrn Meßmann ein gutes Geschäft zu machen brauchte, mancher ehrsame Bürger, der mit zu Rath saß und dem Nichts fehlte zu seinem Glück als eine ehrsame Hausfrau, mancher stolze, stattliche Ritter, der sich weder daran stieß, daß sie kein Edelfräulein war, noch die Güter ihres Vaters verlangte, der allein sie selbst begehrte, um sie heimzuführen auf sein stattlich Schloß, zu seiner hochgeehrten Edelfrau sie zu erheben. Aber sie wieß Einen wie den Andern ab und sagte nie einen andern Grund für ihr Nein, als daß sie in ihrem Herzen nicht die Minne fühle, ohne welche sie die Hand des Bewerbers nicht annehmen könne.

Herr Meßmann ließ seiner Tochter wohl in allen Stücken ihren Willen – und wenn sie so schnell einem Freier mit dem gewohnten „Nein“ antwortete, so dachte er, ihre Stunde ist noch nicht gekommen. Aber wie sie es Jahre lang so forttrieb und Manchen abwieß, den er gern zum Schwiegersohn gehabt hätte, da ward er oft unwillig über die spröde Tochter und fragte sie ernstlich: ob sie denn eine alte Jungfer werden oder gar in ein Kloster gehen wolle? – Da legte sie die kleine freibewahrte Hand auf die hochklopfende Brust und sagte seufzend: „Wie der Himmel will!“ aber weiter sagte sie Nichts. Sie legte weder ein Gelübde ab, unvermählt zu bleiben, noch sprach sie davon, da ihr Herz eine Wahl getroffen – sie sagte nur, daß es noch für keinen dieser Bewerber gesprochen und daß sie so lange Nein sagen werde, bis ein sehnsüchtiges Klopfen ihres Herzens zuvor Ja gesagt. – Und dabei blieb sie, ob auch der Vater sie wohl gar im aufwallenden Zorn deshalb eine Närrin schalt, und die alte Martha, die es schon lange nicht erwarten konnte, ihre schöne Pflegbefohlene unter die Haube gebracht zu sehen, mißbilligend den Kopf schüttelt und meinte: das komme davon, daß Mächthilde Lesen und Schreiben gelernt und solch’ eine gelehrte Erziehung erhalten, da wolle sie nun anders sein als andere Mädchen und warte wohl gar auf irgend einen verzauberten Prinzen, von dem sie durch die Lieder der Minnesänger und Fidelspieler gehört.


III.

Eines Tages, da Herr Meßmann unter seinen Rechnungen und Briefen vergraben saß und eben diejenigen durchsah, welche ihm schon seit ein paar Jahren ein liefländischer Kaufmann, Namens Morgowitsch, über See mit vielen Waaren und großem Gut gesendet hatte, trat ein Fremder bei ihm ein, der eines geringen seefahrenden Mannes Kleidung trug. Er brachte ihm Briefe von Herrn Morgowitsch, zu den Waaren gehörig, welche er von diesem hierher geleitet und die eben im Hafen von Lübeck ausgeladen wurden. Der Ueberbringer meldete, daß sein Herr ihm bald selbst nachfolgen werde, um seinen Geschäftsfreund kennen zu lernen, und daß auch er selbst um Herberge bitte, da er zum ersten Male in Lübeck und daselbst fremd und unbekannt sei.

Herr Meßmann sagte ihm dies gerne zu und war hocherfreut, daß er Herrn Morgowitsch nun auch bald persönlich kennen lernen sollte, da er im Handelsverkehr mit ihm nicht nur durch ihn selbst beträchtlich gewonnen, sondern auch oft Gelegenheit gehabt hatte, von dem Geschick, den achtungswerthen Grundsätzen und der Großmuth dieses liefländischen Handelsherrn sich zu überzeugen, weshalb er sein liebster Geschäftsfreund geworden war.

In Meßmann’s Hause war immer offene Tafel und so waren auch an dem Abende, wo der fremde Bootsmann gekommen, eine Menge Gäste zugegen. Herr Meßmann nahm auch diesen mit an seine Tafel zu seinen andern Gästen, da er aber ärmlich und schlecht gekleidet war, setzte er ihn unten an. Mächthilde war auch zugegen, und es wollte Allen bedünken, sie hätten die herrliche Jungfrau nie schöner gesehen, als an diesem Abend. Sie trug ein schwarzes Sammetkleid mit weißer breiter Krause um Hals und Brust, das am Leibchen und um die Hüften glatt anliegend ihren hohen und vollen Wuchs abzeichnete. Ihr üppiges Haar, das sie im Nacken mit einem Pfeil aus purem Gold aufgesteckt, beschämte fast diesen noch an Glanz und ließ sich auch nicht ganz von ihm halten, sondern wallte widerstrebend auf die weißen Schultern hernieder.

Als der Bootsmann bald nach ihr eintrat, ließ er seine Blicke lange auf der herrlichen Erscheinung ruhen und senkte sie dann wie geblendet davon zu Boden – sie aber fuhr zusammen vor seinem Anblick, daß es alle bemerkten, die ihre Blicke wohlgefällig auf sie gerichtet hatten – und nun war sie noch einmal so schön durch dies Beben ihrer ganzen Gestalt, diesen strahlenderen Glanz ihrer Augen, diesen rosigen Verklärungsschauer, der über ihr liebliches Antlitz sich ergoß. Sie bezwang ihre Verwirrung und setzte sich still auf ihren Platz obenan. Der Bootsmann setzte sich bescheiden an das untere Ende der Tafel. Er war ein schöner, kräftiger Mann, aber das unordentliche Haar und der wirre Bart, obwohl auch von einer wunderbar goldenen Farbe, gaben ihm ein etwas rauhes Ansehen, das seine schlechte Seemannskleidung noch vermehrte. Um seines angesehenen Herrn Willen und da er weit her kam, überhäuften ihn die Gäste aber alle mit Fragen, die er so gut unterrichtet und in so wohlgesetzten Worten beantwortete, dabei noch so vieles Lehrreiche und Wunderbare erzählte, daß Alle meinten, sich lange nicht so gut unterhalten zu haben.

Bei solchen heitern Gastmählern war es Gewohnheit der damaligen Zeit, daß die Gäste den Wein selbst bezahlten. Einer von ihnen sammelte das Geld ein und sandte dann einen Diener damit in das Weinhaus. Da nun der Gewohnheit gemäß die silberne Schaale zum Einsammeln herumgereicht ward und auch an den Bootsmann kam, wollte dieser nicht der Geringste sein und legte so viel auf, als alle Andern zusammen. Darüber verwunderten sich Alle und fragten nach seinem Namen. Er bat aber, sie möchten warten bis morgen Mittag, da wolle er sagen, wer er sei.

Mächthilde, die sich sonst immer zeitig aus dem Kreis der Gäste zu entfernen pflegte, blieb diesmal viel länger als sonst bei der Tafel und hörte den Reden des Bootsmanns mit strahlenden Augen zu, aber selbst sprach sie viel weniger als sonst, und wenn Jemand sie etwas fragte, vermochte sie nur mit gepreßter Stimme zu antworten. Da es endlich spät geworden, ging sie in ihr Kämmerlein, fiel auf ihre Knie und betete:

„Vater im Himmel, o laß es keinen Traum, keine Täuschung sein!“

Dann warf sie ihre Kleider ab, denn es war ihr, als sei Alles zu eng und ihr Herz habe nicht mehr Raum zu seinem

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Miß Florence Nightingale.


Schlagen. Aber es schlug auch dann so heftig fort, wie es noch niemals geschlagen. Sie seufzte und weinte und dann lächelte sie wieder. Sie lehnte sich zum Fenster hinaus, damit die Luft vom Meere ihr Kühlung zuwehe und fand sie doch nicht, und dann wieder warf sie sich in ihr Himmelbett, suchte den Schlaf und scheuchte ihn doch selbst wieder hinweg mit tausend Erinnerungen, Seufzern und Gebeten.

Als sie am Morgen aufstand, rief sie ihre Dienerinnen, um sie anzukleiden, aber während sie sonst die beste und geduldigste Herrin war und zufrieden mit allem Putz, den die Zofen ihr brachten und anlegten, war ihr heute lange Nichts recht, Nichts schön und zierlich genug. Der Kopfputz mußte immer wieder geändert werden und diese und jene Locke einen andern Schwung erhalten, bis Mächthilde endlich damit zufrieden war. Unter der Kleiderpracht wählte sie lange, legte ein Gewand um das andere wieder an und ab, weil ihr keines genug gefiel. Die Mädchen sahen einander sich verwundert an, denn so hatten sie ihre Herrin noch nie gesehen – und es gab doch auch heute kein außerordentliches Fest, sondern nur ein Gastmahl im eigenen Hause, wie es wöchentlich mehrmals vorkam. Endlich war Mächthilde mit einem himmelblauen Kleid von schwerem Seidenstoff zufrieden, von dem die Zofen einstimmig versicherten, daß sie darin reizender aussähe als in jedem andern. So war die Mittagszeit herangekommen, und sie ging in den Speisesaal.

Indessen war der Bootsmann am späten Abend in die Kammer über den Pferdestall gegangen, die man untergeordneten Gästen, wie er, zur Herberge anzuweisen pflegte. Am Morgen bat er den Hausknecht, ihm seinen Tragkasten mit hinaus in seine Kammer zu bringen und ihm ein Wenig beim Ankleiden behülflich zu sein. Der Knecht staunte nicht wenig, wie er die Pracht der Kleider gewahrte, die der Bootsmann da aus dem Kasten hervorholte. Er hatte sich auch schon das Haar gekämmt und rasirt, daß nur das schöne lockige Haupthaar und ein Bart um die purpurnen Lippen und das Kinn stehen geblieben und er viel herrlicher aussah, als am Abend vorher. Vollends dann als er das himmelblaue Wamms mit Silbertressen, Spitzenkrause und Manschetten angelegt! Während dem Ankleiden fragte der Fremde den Knecht, wie es denn komme, daß die schöne Tochter des Hauses alle Bewerber ausgeschlagen?

„Ach!“ antwortete der Knecht mit pfiffigem Verständniß. „Wenn Ihr etwa ihretwegen gekommen, da hättet Ihr sollen daheim bleiben. Die will von dem ganzen Mannsvolk Nichts wissen, und wie bescheiden und freundlich sie auch sonst ist, gegen ihre Freier ist sie hartherzig und ist ihr noch Keiner gut genug gewesen, die Martha sagt, sie warte auf einen verzauberten Prinzen, da mag sie es haben! der Prinz wird weg- und sie wird sitzen bleiben!“

Da hätte dem Fremden freilich der Muth sinken mögen. Er erbleichte auch und seufzte, aber dann lächelte er doch wieder in stolzer Siegesahnung und dachte an den Blick, der gestern aus Mächthilden’s Augen auf ihn gefallen war und an ihr innerstes Erbeben, das ihm nicht entgangen.

Als er nun in den Speisesaal trat, wo Herr Meßmann und die Gäste schon versammelt waren, sahen sie Alle mit Verwunderung die Verwandlung, die mit ihm vorgegangen. Bescheiden wollte er sich wieder wie gestern Abend an das untere Ende der Tafel setzen, aber Herr Meßmann duldete es nicht - er führte ihn obenan und erinnerte ihn an sein gestriges Versprechen: Heute Mittag zu sagen, wer er sei. Da antwortete er:

„Ich bin Euer Geschäftsfreund Morgowitsch selbst, der sich Euch schon angekündigt hat – aber ich bin auch noch ein Anderer: der Bertram Morgenweg, der vor dreizehn Jahren von Euch weggegangen, und der nun wieder gekommen, Euch für alle Wohlthaten zu danken.“

Da erkannte Herr Meßmann auf dem Antlitz des dreißigjährigen Mannes die Züge des siebzehnjahrigen Jünglings wieder, fiel ihm, außer sich vor Freuden, um den Hals, herzte und küßte ihn.

„Aber wo ist denn Mächthilde,“ rief er dann, „damit sie sich auch freue, daß ihr Bruder wieder da ist?“

„Ihr Bruder!“ seufzte Bertram leise.

Aber Mächthilde war noch nicht in den Saal gekommen, weil sie erst im letzten Augenblick, da man zur Tafel läutete, einen Rosenkranz in’s Haar und eine Rose an die Brust befestigt hatte, damit die Blumen frisch blieben – endlich riß sie sich von dem [74] Spiegel los, vor dem sie so lange an sich geordnet hatte, und trat in dem Augenblick in den Saal, wo ihr Vater nach ihr rief.

Kein Erschrecken noch Verwundern, nur der Verklärungsglanz bestätigter Erwartung und eines süßen Entzückens flog über ihr Antlitz als sie diese Gruppe gewahrte, und diese Mittheilung ihres Vaters vernahm – sie reichte Bertram die Hand und sagte mit holdem Lächeln:

„Ich habe Dich gestern Abend gleich erkannt – ich wartete schon lange auf dich – Du hattest es ja versprochen, daß Du einst wiederkommen wolltest – und ich wußte, Du hieltest Wort!“

Bertram küßte ihre Hand und hörte ihre Rede mit dem höchsten Entzücken, aber das schwesterliche Du von Einst vermochte er nicht zu erwiedern, weil der Jungfrau andere Wünsche seines Herzens galten, als die einer brüderlichen Neigung. Freudig rief er:

„So habt Ihr mein Andenken bewahrt und ich bin Euch und diesem Hause kein Fremder geworden?“

„Du siehst es ja,“ antwortete Herr Meßmann, „und nun komm und erzähle bei Tafel uns und unsern Gästen, wie es Dir indessen gegangen.“ Und damit hieß der Hausherr sich Alle zur Tafel zu setzen und Bertram mußte nun den Ehrenplatz haben zwischen ihm und seiner Tochter.

Bertram erzählte erst nur kurz, wie er zu jenem Geschäftsfreund Herrn Meßmann’s nach Riga gegangen und wie er in dessen Dienst immer weiter aufgerückt sei, große Reisen in seinem Auftrag in’s Innere gemacht und manche Gefahr glücklich überstanden habe. Wie er auch auf diesen Reisen den ein Wenig veränderten Namen angenommen, der den Zungen jener Barbaren geläufiger gewesen als der deutsche, den ihm Herr Meßmann gegeben. Sein Herr sei sehr mit ihm zufrieden gewesen, habe ihn ganz mit in das Geschäft genommen und vor einigen Jahren bei seinem Tode ihn zu seinem Erben eingesetzt. Seitdem habe er unter dem neuen Namen die Verbindung mit Herrn Meßmann angeknüpft, und nie etwas Anderes im Sinne gehabt, als einst zu ihm und in sein liebes Lübeck zurückzukehren. Nun habe er all’ sein Gut in Liefland verkauft und wolle hier sich niederlassen. – Aber dies Alles bereitete Herrn Meßmann große Freude, Mächthilde hörte in seligem Verstummen zu und die Gäste konnten nicht müde werden, Bertram zu immer neuen Erzählungen seiner Abenteuer aufzufordern.

Endlich, da man die Tafel aufgehoben, eilte Mächthilde in den Garten, wo unter einer Eiche, die Bertram einst gepflanzt hatte, ihr Lieblingsplätzchen war. Hier saß sie lächelnd und mit gefalteten Händen – als Bertram plötzlich neben ihr stand.

Sie erschrak und erröthete bei seinem Anblick.

„Kennt Ihr die Eiche?“ sagte sie, um hinter ein paar Worten ihre Verwirrung zu verbergen – aber sie wagte jetzt auch nicht im Alleinsein mit ihm das vorige schwesterliche Du zu gebrauchen.

„Da ich sie pflanzte,“ antwortete Bertram, „waret Ihr noch so klein, daß ich Euch auf meinen Armen tragen konnte. – Mächthilde, habt Ihr auch so oft wie ich an diese Zeit gedacht?“

„Bertram – ich war recht böse, daß Ihr gegangen,“ sagte sie und schlug die Augen nieder, „obwohl ich später einsah, daß es so sein mußte – aber daß Ihr auch nicht mehr geschrieben, konnt’ ich Euch nicht vergeben!“

„Das mußte auch sein,“ sagte er, „aber vergebt Ihr’s denn nicht jetzt? Ich muß Euch an Euere Wort mahnen – seht diesen Talisman trag’ ich immer bei mir!“ und er zog aus seiner Brieftasche ein vergilbtes Pergamenttäfelchen hervor – es war der Brief, den sie ihm nach seinem Weggange geschrieben und deutete auf die Worte: „Ich vergebe Dir, daß Du fortgegangen, wenn Du einst als ein großer Mann wiederkommen willst. Aber ich weiß es, Du wirst wiederkommen – und dann lasse ich Dich niemals wieder fort!“

„Wirst Du Wort halten!“ fragte er leise.

Aber statt der Antwort nahm sie eine große goldene Kapsel von ihrem Busen, in der ein ähnliches Blättchen verwahrt ruhte – es war Bertram’s Brief an sie. „Das ist nie von meinem Herzen gekommen!“ sagte sie.

Da war Bertram seiner nicht mehr mächtig – in seliger Wonne schloß er die erglühende Jungfrau an seine Brust – sie wußte nicht, wie ihr geschah, und tauschte willig mit ihm den Verlobungskuß.

„Sag’ es meinem Vater,“ bat sie dann.

Und Bertram ging zu Herrn Meßmann, um bei ihm in aller Form um die Hand der Tochter zu werben, der erschrak, machte ein betrübtes Gesicht und antwortete: „Wie gern legt’ ich ihre Hand in Deine – aber sie schlägt alle Bewerber aus – willst Du Dein Heil bei ihr versuchen, so thu’ es – aber ich kann Dir keine Hoffnung geben –“

Bertram lächelte und holt Mächthilde herbei, die im Nebenzimmer wartete – „Vater,“ sagte sie schmeichelnd: „Hast Du es denn nie gemerkt, daß ich nur deshalb zu allen Freiern „nein“ sagte, weil ich keinen so lieb haben konnte wie Bertram, den ich niemals vergaß!“

Herr Meßmann staunte nicht wenig – aber weil er jahrelang nichts gemerkt, wollte er jetzt zeigen, daß er auch schlau sein könne und sagte: „Und so hast Du wohl gestern den Bootsmann erkannt und Dich für ihn heute so geputzt, daß ich gar nicht wußte, was mit Dir vorgegangen und Du alle Gäste bei Tafel warten ließest wie sonst niemalen!“ Aber wie er nun auch neckisch schalt, so war doch heute sein glücklichster Tag, er segnete das Brautpaar mit fröhlichem Herzen und gab zum Abend wieder ein großes Gastmahl, bei dem er den Gästen die Verlobung verkündete.

In Lübeck aber hat es lange kein schöneres, edleres und glücklicheres Paar gegeben als dieses.

Im Jahr 1222 ist Herr Bertram Morgenweg auch in den Rath zu Lübeck erkoren worden und hat daselbst das große Haus zum heiligen Geist gestiftet, welches noch steht. Darin wurden an die hundert armen Leute gespeist, außer dem Koch, Küchenjungen, Bäckern, Bräuern und Mägden, welche zur Pflege der Armen dienen. Auch hat er stattliche Dörfer und Güter und Aecker für die Stadt gekauft, damit von dem jährlichen Einkommen die Armen verpflegt würden, die Kranken aber täglich ein Plank Wein und je zwei ein gebacknes Huhn bekämen. Endlich hat er der Sicherheit wegen 14,000 Stück Geldes in allerlei alten Münzen den beiden ältesten Bürgermeistern als Vorstehern übergeben, damit unvorhergesehener Schade und Unheil davon und nicht von den andern Zinsen gebessert werden möchte.

Das Geld freilich ist längst verbauet.
L. O. 




Hospital-Scenen vom Kriegsschauplatze.
Mit Portrait der Miß Florence Nightingale.

Skutari am Bosporus, Constantinopel gegenüber auf der asiatischen Seite, 350 englische Meilen über das schwarze Meer hin vom Kriegsschauplatze, ist das Hauptlager der englischen Verwundeten. Ueber tausend liegen im Haupthospitale längs großer steingepflasterter Gänge und Corridore, 2500 in der zum Hospitale umgewandelten großen, prächtigen, türkischen Kaserne, 700 mußten in den Schiffsrumpfen bleiben und 700 nach Abydos geschickt werden. Im Ganzen haben diese Hospitäler die unglaublichsten und unmenschlichsten ihrer Schrecken, die anfangs lange darin wütheten, verloren, seitdem außer etwa hundert Aerzten, 86 englische Frauen und Mädchen darin als Krankenpflegerinnen walten. Diese Töchter Englands, größtentheils aus gebildeten Ständen und guten Vermögensverhältnissen freiwillig aus tiefem, ächten, weiblichen Erbarmen zu ihrer neuen Mission getrieben und mit zarter, sorgsamer Hand lindernd und heilend, was das englische Militärsystem an noch heilbaren Wunden geschlagen, sind unter dem Vorstande und der Leitung von Miß Florence Nightingale, eine tröstliche und eigenthümliche Erscheinung zwischen den blutigen Schreckensscenen des Krieges. Es sind zarte, englische, sentimentale Damen, welche die zum Theil scheußlichen Wunden von 4200 verstümmelten Soldaten pflegen und außer körperlicher Erquickung mit sanftem, aber zu Herzen gehenden Zuspruch [75] Muth und Hoffnung einflößen, die von den mißhandelten Kriegern längst aufgegeben war. Die merkwürdigste Erscheinung unter den Krankenpflegerinnen ist Miß Nightingale, eine von jeher dem praktischen Erbarmen sich widmende Dame, die ungeachtet ihrer jetzigen edeln, heroischen That im eigenen Lande beschimpft und mit dem Unrathe kirchlicher Zeloten beworfen ward. Unter den frommen Herrschaften Englands und deren Presse erhoben sich schwere Anklagen gegen sie. Sie ist nicht hochkirchlich. Es ist undelikat von einer Dame, noch in den Dreißigern, unter die Soldaten zu gehen! Sie ist nicht hochkirchlich, sie ist katholisch! Nein, sie ist Unitarier. Sie huldigt dem Recordism, nein, dem Sellonism, nein, dem Puseyism und wie sonst die „ism’s“ der englischen Sektenwesens sonst noch heißen. Alle diese frommen von Profession haben in ihren ledernen Herzen und Strohköpfen keine Ahnung von der Humanität und dem himmlischen, ächten Erbarmen des Weibes. Sie ärgern sich, daß Miß Nightingale und ihre 85 Schwestern den Verwundeten und Sterbenden lebendigen Trost reichen und sie abhalten, die Tractätlein zu lesen, welche diese Herren statt Charpie, wollene Decken und körperliche Erquickungen ballenweise in’s Lager sandten, um die Soldaten en gros selig zu machen.

Diese unverständigen Frömmlinge sind, Gott sei Dank, mit ihren Verlästerungen von der Presse und der öffentlichen Meinung schmachvoll in ihre Winkel zurückgetrieben worden, und es macht den Engländern unter der Schmach ihres blödsinnigen und ruchlosen aristokratischen Miliiärsystems Ehre, daß sie sich wie ein Mann der Ehre dieser Damen annehmen und ihren humanen Heroismus zu würdigen wissen. Wir erfuhren bei dieser Gelegenheit Manches von der Persönlichkeit der Vorsteherin. Sie ist die jüngste Tochter eines unabhängigen Mannes in Hants (Derbyshire). Ihre Mutter war die Tochter des Vertreters von Norwich im Parlamente, M. Smith. Sie spricht nicht nur gut Französisch und Deutsch, sondern kennt auch unsere Literatur sehr genau, und ist bewandert in Wissenschaften, die sonst den Damen böhmische Dörfer sind, z. B. in Mathematik. Von früher Jugend war ihr Streben auf praktische Humanität gerichtet, besonders auf Krankenpflege. Zu diesem Zwecke besuchte sie die meisten Hospitäler Europa’s bis nach Afrika hinein, und hielt sich besonders lange in Kaiserswerth auf. In englischen „Lumpenschulen" opferte sie Jahre lang ihre Kraft auf, um das Loos der Verwahrlosten und Ausgestoßenen zu bessern. Zuletzt war sie freiwillige Vorsteherin eines Hospitals für invalide Damen in Harleystreet, London. Der Schrei des Entsetzens und der Noth vom Kriegsschauplatze, reifte in ihr plötzlich den Entschluß, als Trösterin mit ihrer ganzen Kraft dahin zu eilen. Dort wirkt sie jetzt mit dem ganzen Heroismus einer edeln, reinen, erbarmenden Weiblichkeit als Leiterin ihrer 85 Schwestern, denen sie gern die leichteren Sorgen überläßt, während sie sich nur der Erquickung gemeiner Soldaten und der am Schwersten Verwundeten widmen soll.

Sie mag nicht ganz frei von einer frömmelnden Richtung sein, wenigstens verräth sie etwas davon in ihrem Buche über die Diakonissinnen-Anstalt zu Kaiserswerth am Rhein, jedenfalls aber ist ihre praktische Frömmigkeit größer, und so kann uns ein individueller Zug wenig kümmern. Man hat ihr Papismus vorgeworfen, obgleich 60 ihrer Schwestern der protestantischen Confession angehören, und nur 26 der katholischen. Die wahre Frömmigkeit ist nicht confessionell-verdammlich.

Das ist ein Blick in die Hospitäler von Skutari, wo von den 4200 darniederliegenden Engländern drei Viertheile, wie in der Times vom 16. Januar von Ort und Stelle nachgewiesen wird, am englischen Militärsysteme erkrankten, nicht durch die Russen. Wie viele Tausende kamen durch dasselbe System im Lager, unterwegs, in Varna um? Wie viele Tausende wurden nach Malta geschafft oder sind unterwegs nach der Heimath, um vom Zollhausbeamten begrüßt zu werden und noch am englischen Gestade durch stundenlanges Warten unter dem freien Januarhimmel getödtet zu werden? Das Bild im englischen Witzblatte „Punch,“ welches John Bull darstellt, wie er seine englischen Admiräle und Generäle mit einem derben Besen wegfegt, ist der richtige Ausdruck der öffentlichen Meinung in England.

Für die verwundeten, gefangenen Russen ist eine besondere Abtheilung in Skutari eingerichtet. Unter ihnen macht ein Knabe von kaum 16 Jahren und weiblicher Schönheit viel Aufsehen. Er spricht Deutsch und hat die schönsten blauen Augen in seinem Gesicht von Milch und Blut. Er ist einer schönen Mutter Liebling und lebte in den glänzendsten Verhältnissen. Die Rekrutenaushebungen rissen ihn aus den gebildetsten Kreisen Verwandter und von seiner Mutter, von der er mit poetischem Feuer spricht. Seine russischen Mitgefangenen hatten ihm die Bandagen von der Wunde gerissen, weil sie meinten, die Engländer verbänden böse Absichten mit den Bandagen. Ein anderer Russe fluchte fortwährend, so lange er verbunden ward, weil er meinte, man wolle ihn fesseln und lebendig begraben.

In den englischen Hospitälern geht’s feierlich schweigsam und liederlich zu, in den französischen frivol, lustig und musterhaft ordentlich. Wenn sich die Kranken nicht ernstlich mit Sterben beschäftigen, plaudern und rauchen sie nach Leibeskräften. Die Hülfloseren finden in den barmherzigen Schwestern mit ihren merkwürdigen Hüten, ihrer unermüdlichen Sorgfalt und guten Laune, womit sie auch den grimmigsten Alten stets als „excellent enfant“ anreden und behandeln, die besten und zärtlichsten aller Frauen, Schwestern oder Mütter. Die zartesten Hände geniren sich nicht, dem der Arme beraubten passionirten Raucher eine Pfeife zu stopfen und ihm den brennenben Fidibus zu bringen. Sonst stopft auch der Einbeinige dem Armlosen die Pfeife und redet ihm mit volubiler Zunge Muth zu. Durch das ganze Hospital herrscht die größte Ordnung und Reinlichkeit. Die Betten stehen rein in parademäßigen Reihen. Hinter jedem befindet sich ein Schrank für die Bedürfnisse jedes Einzelnen. Durch ein gut arrangirtes System von Ventilation strömt stets frische Luft ein, ohne einen Kranken direkt zu treffen.

Die Menschenverwüstung im Feuer der Schlachten ist schrecklich, aber sie ist Poesie gegen die Würgengel, die hinter, vor und nach den Schlachten viel mehr Menschen vertilgen, als die grimmigsten Kugelregen, zumal unter den Engländern, deren hochgeborne Offiziere ihre Gemeinen kaum für Menschen zu halten scheinen. Aus den russischen Lagern und Hospitälern haben wir wenig Nachrichten. Aber eine Scene im russischen Haupthospitale zun Sebastopol fand als der furchtbarste aller Commentare des Krieges, ihren Weg bereits zu uns. Die Engländer richteten ihre Bomben eines Tages hauptsächlich gegen ein großes Gebäude mitr gelber Flagge, dem Zeichen, daß es Hospital sei. Aber man glaubte ihr nicht und hielt das Gebäude für ein großes Magazin, das die Russen durch die an Schonung appellirende Flagge nur schützen wollten. So flogen die Bomben in großen Feuerbogen auf 2000 hier zusammengeschichtete Kranke und Verwundete herab. Ein solcher feuriger, beschwingter Gesandter des Todes schlug durch’s Dach, zerplatzte mitten unter den Elenden und setzte das ganze Gebäude so schnell in Flammen, daß von den 2000 nicht ein Einziger gerettet werden konnte. Das Prasseln und Knistern der Flammen, das Krachen der Balken, das Geheul und Geschrei der Brennenden und Erstickenden oder zwischen den flackernden Balken Eingequetschten, die Flüche und Gebete der hülflos Daliegenden, das Gewühl und Gebalge der aus einer Flamme in die andere sich Wälzenden – giebt ein Gemälde, auf welches der Maler, unser christlicher Kriegsgott, sich etwas einbilden mag.

[76]
Aus Bock’s Buche vom gesunden und kranken Menschen.
Uebersicht der Lebens- und Gesundheits-Regeln.
Das vegetative Leben im menschlichen Körper.

Da nur durch den fortwährenden Wechsel (das ununterbrochene Absterben und Neubilden) unserer Körperbestandtheile, dessen hauptsächlichste Triebfeder uns aber bis jetzt noch ganz unbekannt ist, das Leben bestehen kann, so muß auch das oberste Gesetz für uns sein: Den Stoffwechsel im Gange zu erhalten. Er muß aber auch in der gehörigen Ordnung erhalten werden, weil falsches Vorsichgehen desselben Krankheit bedingt. – Beim Stoffwechsel erzeugen sich einerseits aus der, alle Theile unseres Körpers durchdringenden Ernährungsflüssigkeit, bei der gehörigen Temperatur (+ 28–30° R.) und Ruhe, mit Hülfe der Zellenbildung, die verschiedenen Gewebe, während andererseits die ältern Bestandtheile derselben beim Thätigsein der Organe absterben und als untauglich abgestoßen werden. Sonach bedürfen unsere Organe der gehörigen Ruhe und Thätigkeit bei hinreichender Wärme. – Die Zufuhr des neuen Baumaterials und das Wegschaffen der Gewebsschlacken geschieht durch das Blut, welches immerfort durch den Körper kreist. Deshalb muß nach der richtigen Menge, Beschaffenheit und Circulation des Blutes gestrebt werden. – Die richtige Menge und Beschaffenheit des Blutes läßt sich nur theils durch Zuführung von hinreichenden und guten Nahrungsstoffen und von Sauerstoff, theils durch Entfernung der alten und schlechten Blutbestandtheile erlangen. Aus diesem Grunde ist eines Theils durch zweckmäßige Nahrungsmittel mit Hülfe des Verdauungsprocesses, sowie durch das Einathmen guter Luft das Blut fortwährend zu erneuern, andern Theils aber durch Entfernung unbrauchbarer Stoffe aus demselben, mit Hülfe der Lungen, Haut-, Nieren- und Leberausscheidungen zu reinigen. Zur Neubildung, wie zur Reinigung des Blutes ist der Sauerstoff, also das Athmen atmosphärischer Luft, ganz unentbehrlich; ebenso zur Entwickelung der nöthigen Körperwärme.

A. Die Blutbildung (Sanguification) verlangt die Zuführung guten Nahrungsstoffes (Speisesaftes) und des Sauerstoffes in das Blut; ersteres wird mit Hülfe der Verdauung aus den Nahrungsmitteln gewonnen und vom Magen und Darmkanale aus durch Saugadern und Lymphdrüsen in den Blutstrom geschafft; letzterer tritt aus der in die Lungen eingeathmeten atmosphärischen Luft in das Blut.

I. Einführung passender Nahrungsmittel in den Körper.
1) Nahrhafte Nahrungsmittel sind zu genießen:
a) gemischte Kost, aus dem Thier- und Pflanzenreiche
b) alle die Stoffe (Nahrungsstoffe) enthaltend, welche unsern Körper zusammensetzen: Wasser, Eiweißsubstanzen (Eiweiß, Faser- und Käsestoff), Fett und Fettbildner (Stärke, Zucker, Milchsäure, Weingeist), Kochsalz, Kalk und Eisen (vorzüglich in der thierischen Nahrung).
c) Nur die Milch enthält alle nöthigen Nahrungsstoffe in der gehörigen Menge. An sie schließen sich an: Ei, Fleisch und Fleischsaft, Getreide (Mehl) und Hülsenfrüchte; allen diesen fehlt die nöthige Menge an Wasser und Kochsalz.
2) Die gehörige Menge von Nahrungsstoffen ist in den Körper einzuführen.
a) Wasser und Kochsalz bedarf der Körper in ziemlicher Menge.
b) bei größerer Lebendigkeit des Stoffwechsels muß die Nahrungszufuhr stärker sein: wie
beim Wachsthum; – bei der Wiedergenesung; – bei stärkern körperlichen und geistigen Anstrengungen; – bei Ausgaben von Blut und Blutbestandtheilen (Milch, Schwangerschaft); – bei stärkerem Sauerstoffverbrauche (im Freien, Winter, kalten Klima).
c) bei unverdaulichen Nahrungsmitteln muß eine größere Menge genossen werden, damit die nöthige Menge von Nahrungsstoffen daraus gewonnen werden kann.
3) Die Verdaulichkeit und Verdauung der Nahrungsmittel ist zu befördern, vorzüglich durch eine zweckmäßige Zubereitung derselben.
a) Flüssige und leicht lösliche Nahrungsstoffe sind am verdaulichsten.
b) Thierische und warme Nahrungsstoffe sind verdaulicher als pflanzliche und kalte.
c) Je leichter die Verdauungssäfte eindringen in die Nahrungsmittel, desto eher können sie verdaut werden; deshalb sind schwer verdaulich:
von vielem Fette umgebene; – zwischen unverdaulichen Stoffen lagernde; – sehr compacte (feste, schlecht gekaute) Nahrungsmittel.
d) Bei großer Menge der Verdauungssäfte ist die Verdauung erleichtert; deshalb:
bei reichlichem Trinken während des Essens; – durch Zusatz von Gewürzen und mäßigen Genuß spirituöser Getränke; – bei mäßigem und öfterem Nahrungsgenuß.
e) Durch richtiges Essen kann auf die Verdauung gewirkt werden, wie:
durch gutes Zerkauen fester Speisen; – durch regelmäßiges Mahlzeithalten; – durch Vermeidung von Ueberladung, sowie von zu heißen oder zu kalten Speisen und Getränken, von körperlichen und geistigen Anstrengungen, wie auch von Gemüthsbewegungen kurz vor und nach dem Essen; – durch Heiterkeit und Gemüthsruhe, Helligkeit und gute Luft im Zimmer während des Essens, – durch Trinken beim Essen.
4) Schädliche Stoffe sind beim Nahrungsgenuß zu vermeiden; wie:
a) verdorbene und verfälschte Nahrungsmittel (Käse- und Wurstgift, keimende Kartoffeln, Pilze, schlechtes Mehl, gefärbter Thee und Kaffee);
b) fremde Körper: Knochensplitter, Gräten, Kerne;
c) giftige Substanzen, vorzüglich Bleiweiß (durch Bleigeschirr oder schlecht glasirte, besonders töpferne Gefäße), und Grünspan (durch Kupfer- und Messiggeschirr), sowie giftige Farben, Fliegen- und Rattengift.
II. Der Verdauungs-Prozeß und Apparat sind (durch richtige Diät, Wärme und Bewegung in Ordnung zu halten.
1) Abhalten nachtheiliger Einflüsse von den Verdauungsorganen.
a) Zähne, Zunge und übrige Mundtheile bedürfen des öfteren und sorgfältigen Reinigens, sowie des Schutzes vor verletzenden und reizenden Eingriffen.
b) Der Magen darf nicht durch enge Kleidungsstücke eingezwängt, nicht mit einer zu großen Menge, besonders unverdaulicher, kalter und reizender Stoffe überladen werden.
c) Der Darmkanal ist vor zu starken Anhäufungen von Excrementen und Gasen zu bewahren (durch Klystiere), sowie durch Vermeidung von Erkältung (besonders des Bauches) vor Krankheiten zu schützen.
2) Der Speisedurchgang durch den Verdauungsapparat ist zu fördern:
a) durch gehörige Befeuchtung des Speisebreies und des Verdauungskanales (mittels reichlichen Trinkens);
b) durch Bewegungen, zumal durch solche, bei denen sich die Bauchwand spannt, sowie
c) durch kräftiges Ein- und Ausathmen
3) Der Unterleibsblutlauf (vom Verdauungsapparate durch die Pfortader zur Leber hin) ist zu unterstützen, außer durch die Förderung der Verdauungsbewegungen:
a) durch Verdünnung des Pfortaderblutes (reichlichen Wassergenuß);
b) durch kräftiges und tiefes Einathmen, wodurch das Blut aus dem Unterleibe in die Brust gezogen wird;
c) durch Bewegungen, welche eine Zusammenziehung der Bauchwand mit sich führen;
III. Uebergang der Nahrungsstoffe aus dem Verdauungsapparate in den Blutstrom, theils direkt in das Pfortaderblut und die Leber, theils durch Saugadern, Lymphdrüsen und den Milchbrustgang in die Hohlader (das rechte Herz und die Lunge).
1) Der Speisesaft muß den gehörigen Flüssigkeitsgrad haben (durch Verdünnung mit Wasser und Verdauungssäften), deshalb gehörig trinken bei und nach dem Essen.
2) Der Speisesaftfluß in den Saugadern ist zu befördern:
a) durch ordentliche Magen- und Darmbewegungen (s. vorher II. 2.).
b) durch kräftige Bauchmuskelzusammenziehungen und
c) durch tiefes Einathmen.
3) Der Unterleibs- und Leberblutlauf ist gehörig flott zu erhalten (s. vorher II. 3.).

[77]

IV. Die Sauerstoffzufuhr zum Blute durch den Athmungsproceß ist im guten Gange zu erhalten, weil durch den in das Blut aufgenommenen Sauerstoff nicht nur die neuen Nahrungsstoffe zur Gewebsbildung tauglich, sondern auch die alten abgestorbenen Körperbestandtheile zur Ausscheidung aus dem Körper erst geschickt gemacht werden, sowie der Sauerstoff auch durch Verbrennung gewisser Stoffe (Heizungsstoffe) zur Erzeugung der Körperwärme das Meiste beiträgt.
1) Durch Athmen in guter Luft, und zwar bei Tag und Nacht, welche
a) die nöthige Menge Sauerstoff enthalten muß;
b) ohne schädliche Beimischung sein, wie:
unathembare Gase (Kohlenoxyd, Kohlensäure, Kloakengase), Rauch, Staub, thierische und menschliche Ausdünstungsstoffe, Fäulnißprodukte;
c) nicht zu hohe oder zu niedrige Temperatur besitzen darf.
2) Durch Gesunderhalten des Athmungsapparates, theils mittels Vermeidung krankmachender Ursachen, theils durch Kräftigen desselben.
a) Der Brustkasten ist nicht zu beengen, durch enge Kleidungsstücke, schlechte Körperhaltung; im Gegentheil ist
b) die Brust zu erweitern durch zweckmäßige Turnübungen, zeitweiliges kräftiges Ein- und Ausathmen, mäßiges Singen, lautes Lesen oder Instrumentenblasen;
c) Blutandrang nach der Lunge ist zu verhüten:
durch Vermeidung Alles dessen, was sehr schnelles und heftiges Athmen und Herzklopfen, sowie Brustbeklemmung macht, von plötzlichem Wechsel zwischen kalter und warmer Luft, von starker Erkältung der Haut, von reizenden Luftarten; – durch Unterstützung des Blutlaufes.
d) Man athme mehrere Male des Tages reine Luft, womöglich im Freien, tief ein und kräftig aus.

B. Die Blutreinigung kommt durch Entfernung der alten unbrauchbaren Gewebs- und Blutbestandtheile mit Hülfe der Ausscheidungsorgane (Lungen, Nieren, Leber und Haut) zu Stande, nachdem vorher die meisten jener unbrauchbaren Stoffe durch den Sauerstoff im Blute zur Ausscheidung geschickt gemacht (verbrannt) wurden.

I. Verbrennung der abgestorbenen Gewebs- und Blutbestandtheile durch Sauerstoff im Blutstrome (zu Kohlensäure, Wasser, Harnstoff und Farbstoffe), ist das erste Erforderniß zur Blutreinigung und deshalb ist
1) die Sauerstoffeinfuhr in das Blut durch das Athmen unentbehrlich (s. vorher IV. 4.), ebenso aber auch
2) der Blutlauf durch alle Theile des Körpers, um die Gewebsschlacken in das Blut aufzunehmen.
II. Der Blutlauf durch die Reinigungsorgane ist in Ordnung zu halten:
1) durch Unterstützung des ganzen Kreislaufs (s. unten);
2) durch richtige Unterhaltung der Thätigkeit der Ausscheidungsorgane, nämlich
a) der Lungen durch kräftiges Ein- und Ausathmen einer guten Luft;
b) der Nieren durch reichlichen Wassergenuß und Muskelthätigkeit;
c) der Haut durch Reinhalten (mittels warmer Bäder, Waschungen, Abreibungen);
d) der Leber durch Beförderung des Unterleibsblutlaufes (s. vorher A. II. 3.).
III. Die Reinigungsorgane verlangen Schonung, damit sie nicht erkranken.
1) Die Lungen (mit Kohlensäure- und Wasserausscheidung) sind am meisten zu hüten (s. vorher A. IV. 2.).
2) Die Haut (mit Schweißausscheidung) ist vor Erkältungen (besonders nach Erhitzungen und in der Nacht) zu schützen, durch zu übermäßiges Warmhalten nicht zu verweichlichen, aber auch durch übertriebene Kälte nicht mit Gewalt abhärten zu wollen.
3) Die Leber (mit Gallenausscheidung) leidet beim Zusammenpressen der Oberbauchgegend (durch Schnürleib, Unterkleiderbänder, Riemen und Hosenbunde, schlechtes Sitzen) und durch Störung des Unterleibsblutlaufes.
4) Die Nieren (mit Harnausscheidung) können durch den häufigen Genuß harntreibender Mittel Schaden erleiden.
B. Der Blutkreislauf, dessen Mittelpunkt das Herz ist, erstreckt sich von diesem durch die Pulsadern zu den Haargefäßen der Organe und sodann aus diesen durch die Blutadern zurück zum Herzen. Er wird unterhalten durch die Thätigkeit des Herzens, der Gefäßwände, des Brustkastens und der Muskeln.
I. Das Herz ist vor Krankheit zu schützen und zu kräftigen.
1) Das Herz ist gesund zu erhalten, besonders in seinen Klappen und Mündungen, sowie in seiner Größe:
a) durch Vermeidung Alles dessen, was heftiges und andauerndes Herzklopfen veranlaßt;
b) durch Vermeidung starker Erkältungen der Haut, besonders nach Erhitzung.
2) Das Herz ist zu kräftigen, durch mäßige Anregung seiner Thätigkeit,
a) durch Bewegungen, vorzugsweise mit den Armen;
b) durch kräftiges und tiefes Ein- und Ausathmen;
c) durch kalte Waschungen der Brust und des Rückens.
II. Das Athmen unterstützt die Circulation durch das Einsaugen des Blutes in den Brustkasten beim Erweitern desselben (beim Einathmen) und durch das Hinaustreiben aus demselben beim Ausathmen.
1) Durch kräftiges Ein- und Ausathmen läßt sich deshalb der Blutlauf fördern und darum sind zu diesem Zwecke
2) die Athmungsmuskeln durch Uebungen zu stärken.
III. Der Druck von Seiten der Muskeln auf die Blutadern drängt das Blut vorwärts, und es wirken deshalb fördernd auf den Blutlauf ebensowohl
1) active Bewegungen, willkürlich von uns selbst ausgeführt, sowie
2) passive Bewegungen, von Andern mit unseren Gliedern vorgenommen. – Beiderlei Arten von Bewegungen müssen womöglich an allen Muskeln angestellt werden.
IV. Der Flüssigkeitsgrad des Blutes ist nicht ohne Einfluß auf den Kreislauf desselben. Es fließt weniger gut:
1) ein zu dickflüssiges Blut, dem es im Verhältniß zum Eiweiß- und Faserstoff an Wasser fehlt;
2) ein zu fetthaltiges Blut (durch zu fettreiche oder fettbildende Nahrung erzeugt);
3) ein schweres schwarzes Blut, welches zu reich an alten farbigen Blutkörperchen und durch Störung der Blutreinigung in der Leber und Milz entstanden ist.
D. Die Ernährung der Gewebsbestandtheile aus der Ernährungsflüssigkeit besteht in fortwährender Neuerzeugung derselben mittels der Zellenbildung und in immerwährendem Absterben und Losstoßen der älteren, abgenutzten Bestandtheile. Die Bedingungen für diesen Stoffwechsel sind:
I. Normale Ernährungsflüssigkeit, welche die Gewebe durchtränket. Ihre Bildung hängt ab:
1) von gutem Blute, welches nur bestehen kann:
a) beigehöriger Neubildung von Blut durch Zufuhr von passenden Nahrungsstoffen und Sauerstoff (s. vorher A. I–IV.):
b) bei ordentlicher Reinigung desselben (s. vorher B.);
2) von ungestörtem Blutlaufe durch die Haargefäße, wobei der Austritt der abgestorbenen Gewebstheile in denselben möglich wird. Deshalb ist
a) der Blutlauf im Allgemeinen gehörig zu unterhalten (s. vorher C. I–IV.), sowie auch
b) der Blutlauf durch die Haargefäße, mittels richtigen Thätigseins und gehöriger Schonung der Gewebe.
3) Von normaler Durchdringlichkeit der Haargefäßwand, damit der Aus- und Eintritt der Gewebsflüssigkeiten ordentlich vor sich geht.
Widernatürliche Verdünnung der Wand (bei Erweiterung der Haargefäße) bedingt ebenso wie Verdickung und Verdichtung derselben eine unzweckmäßige Beschaffenheit der Ernährungsflüssigkeit.
II. Der gehörige Wärmegrad (+28–30° R.) ist für die regelmäßige Zellen- und Gewebsbildung durchaus nöthig. Er wird erreicht:
1) durch zureichendes Heizungsmaterial und dieses ist ein dreifaches:
a) Fett und Fettbildner (stickstofflose, kohlenwasserstoffige Substanzen, wie Zucker und Weingeist);
b) abgestorbene Gewebstheile, die sich beim Thätigsein der Organe bilden und die nach ihrer Verbrennung aus dem Körper ausgeschieden werden (s. vorher B. I–III.);
c) junges Bildungsmaterial, welches für die Gewebsbildung vorbereitet wird.

[78] 2) Durch die gehörige Menge Sauerstoffs (s. vorher A. IV.), welcher die Heizungsstoffe verbrennt und dadurch zur Wärmeentwickelung Veranlassung gibt.

3) Durch warme Bekleidung (besonders in der Nacht nöthig), welche als schlechter Wärmeleiter die Abkühlung des Körpers mindert.


III. Der zweckmäßige Wechsel von Thätigsein und Ruhen der Organe und Gewebe fördert den Stoffwechsel in denselben; zu langes und angestrengtes Arbeiten stört ebenso wie andauerndes Nichtsthun.

1) Beim Thätigsein werden Gewebstheilchen abgenutzt und dadurch die Mauserung der Gewebe unterstützt.

2) Während des Ruhens geschieht die Neubildung der Gewebsbestandtheile. Je stärker die Anstrengung war, desto länger muß die Ruhe sein.

NB. Allmälig an Dauer und Stärke sich steigerndes Thätigsein mit den gehörigen Pausen kräftigt und macht die Gewebe zu ihrer Funktion immer geschickter. Alle körperliche und geistige Erziehung beruht hierauf.
(Bock.) 




Neue Mittheilungen aus dem Bienenstaate.

Kein Volk der Erde kann sich so vieler Geschichtsschreiber und Sänger rühmen, als die Nation der Bienen. Sie bilden gewissermaßen den idealen Staat wirklich, den von Plato bis Fichte verschiedene Philosophen als das höchste Ziel menschlicher Kultur in Gedanken aufbauten. Die Bienen sind das gebildetste Volk der Erde. So viele und gute Bücher auch über ihre Staats-Institutionen, Gesetze, Sitten und Gebräuche geschrieben wurden, der weise Forscher findet immer wieder neue Weisheit in ihrer Gesellschaft.

Die berühmtesten Männer des Alterthums schrieben über Bienen, und Andere lebten zeitlebens dem Studium derselben oder von ihrem Honig. Der alte griechische Philosoph Pythagoras nährte sich blos von Honig und behauptete, daß er es blos durch Honig bis zu 90 Lebensjahren gebracht habe. Ohne Honig würde er 40 Jahre früher gestorben sein. Und der lachende Philosoph Demokritus ließ sich von seinen lustigen Töchtern erbitten, seine herannahende Sterbestunde durch Anwendung von Honig bis nach dem Feste der Ceres zu verschieben. Das Fest der Ceres war bei den Alten eine Art Erntefest und Kirmse, wobei viel getanzt ward. „Wenn Du nun vor der Kirmse stirbst, Papa,“ sagten die Töchter, „können wir nicht tanzen. Bitte, stirb nach dem Feste.“

„Recht gern, sagte der lustige Alte, aber schafft mir denn auch ordentlichen, frischen Honig an.“

Das thaten sie mit Freuden. Und so hielt er sich, wie alle gelehrten Alterthümler wissen werden, den Honig so vor die Nase und sog Lebensverlängerung ein, bis die Töchter sich satt getanzt und Zeit bekommen, zu trauern.

Bienen sind eine originelle Nation, geniale Baumeister, kühn im Kriege, weiser in Expeditionen, als Dundas und Raglan und das ganze aristokratisch-militärische England zusammen genommen, die gescheidtesten Staatsökonomen in Theilung der Arbeit (mit der schwachen Seite der „Drohnen“ freilich, die übrigens in weise regierten menschlichen Staaten auch nicht fehlen), exemplarisch in Erziehung und Kinderliebe, und im höchsten Grade edelmüthig, da sie nicht für sich, sondern für Andere arbeiten.

Freilich haben die tugendhaften Bienen auch ihre schwachen Seiten. Namentlich trinken sie gern über den Durst. Manche fleißige Arbeiterin, die früh um zehn Uhr emsig und nüchtern ausflog, wie ein Philosoph, findet man spät am Abende fern von der Heimath, auf dem Rücken liegen unter einem Jelängerjelieberstrauche, im höchsten Grade benebelt und unfähig, sich auf die Flügel zu zu machen.

Aber bei dieser Liebe, des Guten einmal zu viel zu thun, findet man nie reguläre Trunkenbolde, wie unter den Menschen. So wie die Pflicht ruft, stehen alle für einen Mann. Im Angriffe gegen eindringende Feinde und in Vertreibung und Erlegung beschwingter Straßenräuber sind alle Helden. Die an die schönsten Düfte gewöhnten Bienen sind besonders empfindlich gegen alle beleidigenden Gerüche. Und es ist eine Lust, zuzusehen, mit welcher Kunst und Schnelligkeit sie dergleichen Gegenstände hermetisch verschließen und überkleben, wenn ihnen die Ameisen nicht in Aushöhlung todter Körper zuvorkommen. Furchtbar und unerbittlich sind sie in dem jährlich im Juli wiederkehrenden Massacre aller für überflüssig gehaltenen Drohnen.

Bei den Präsidentenwahlen in Amerika kann es nicht stürmischer zugehen, als nach den Tode einer Bienenkönigin zur Wahl einer neuen. Die Wahl ist freilich nicht besonders schwer, da sie blos eine geborne Prinzessin wählen können. Deren giebt es nur immer wenige. Sie sehen gemeiner aus, als die gemeinen und tragen den Schein ihrer hohen Bestimmung blos in Form sehr langer Hintertheile mit sich herum. Die Bienen-Monarchinnen führen oder schicken zuweilen ihre Unterthanen zur Eroberung kleinerer Staaten aus, wie das auch menschlichen Herrschern angeblich oft zur höchsten religiösen Pflicht gemacht wird; aber zum Ausfechten diplomatischer und Erbfolgestreitigkeiten lassen sich die Arbeitsbienen nie gebrauchen. In solchen Fällen müssen die verschiedenen Thron-Prätendentinnen die Sache selbst ausfechten und die Unterthanen sehen hübsch zu.

Sie stehen im Verdachte, daß sie ihre Kranken tödten, weil sie von dem Grundsatze ausgehen, daß, wer bei einer so gesunden Beschäftigung wie das Fliegen von Blume zu Blume ist, krank werde, überhaupt nicht mehr zu retten sei oder das Leben verwirkt habe. Daß Menschen ihre Kranken tödten, ist übrigens auch gebräuchlicher, als man glaubt. Woher käme es denn sonst, daß fast alle Apotheker und die meisten Aerzte, wenn sie’s erst ordentlich zum Verschreiben und einer Equipage gebracht haben, so reich werden?

Um einige wenige bekannte Eigenthümlichkeiten der Biene anzuführen, ist zunächst ihre geniale Art, auch unzugänglichen Honig zu ernten, bemerkenswerth. Von den Hummeln ist es bekannt, daß sie Bohnenblüthen, deren Kelche für die dicken Köpfe zu eng sind, gerade über dem Sitze des Honigs durchbeißen und ihn so heraussaugen. Die Arbeitsbiene macht’s aber mit jeder Blume, die keinen zugänglichen Weg zu den innerhalb verborgenen süßen Schätzen bietet, eben so. Am Häufigsten kann man dieses Strategem an den Fuchsia-Blüthen bemerken, vorausgesetzt, daß die Fülle anderer Blumen und Blüthen nicht zu groß sei. Im letzteren Falle halten sie es natürlich der Mühe nicht werth. Es ist wohl ziemlich bekannt, daß die Bienen nicht eigentlich Honig saugen, sondern wirklich fabriciren. Was sie aus den Blumen holen, ist blos Rohmaterial in Form einer ziemlich geschmacklosen Flüssigkeit. Den Honig davon destilliren sie erst in ihrer Blase, einem besondern Magen, der gefüllt, wie ein heller Wassertropfen aussieht. Die Consistenz, die Farbe, der Geschmack und das Aroma des Honigs ist Product und Verdienst der Biene.

Die Königin ist stets die eigentliche Landesmutter in des Wortes verwegenster Bedeutung. Sie legt alle Eier, aus der die Nachkommen hervorgehen, manches Jahr wenig, ein andermal aber desto mehr, vor einem bloßen Schnitt bis hunderttausend. Die Metamorphosen, die mit den Eiern vorgehen, ehe Bienen daraus werden, sind verwickelt und können in einem Bienenhandbuche gelesen werden.

Ein geistreicher und langjähriger Beobachter der Bienen giebt noch folgende Details an: Es ist eben eine junge Königin gewählt worden. Aber sie zeigt die größte Unruhe und auch die Unterthanen stecken neugierig und volksversammerlich ihre Köpfe zusammen, so daß man sieht, daß das Vaterland noch in Gefahr sein müsse. Die neue Monarchin wittert Verschwörungen, Sturz des Thrones und Störung der Gewerbe und des Handels. Man munkelt von herrschsüchtigem, königlichem Geblüte in andern jungen Königinnen noch ohne Staat und Krone in der Gemeinde. Sie ist noch außerhalb, wo sie eben gewählt worden. Und innen lauert der Verrath. Sie ergrimmt, sie stürmt gegen den Eingang, welcher von Schildwachen besetzt ist, und will hinein, um die Hochverräther selbst zu tödten. Doch nein, die Königin soll hier erster Diener des Staates, nicht willkürlicher Herrscher sein. Die Schildwache thut ihre Staatopflicht und weist die neue Herrscherin, um [79] einen Verfassungsbruch zu verhüten, zurück. Es ist Sache der Gemeinde, zu entscheiden, wie das Vaterland und die Monarchie zu retten sei. Die junge Herrscherin in ihrer Machtvollkommenheit will die Verweise der Schildwache ignoriren, sie braucht Gewalt und die Schildwache beißt sie zurück. Ihr Leben selbst würde jetzt in Gefahr sein, wenn sie nicht die eingeborne magische Gewalt hätte, durch ein einziges Wort, ein kaum Menschen vernehmliches leises Quieken, die Schildwache festzubannen. Der Bienenvater Huber behauptet, dies oft mit angesehen zu haben. Doch ihr Zauber dauert nicht lange. Ehe sie es möglich machen kann, einzudringen, erholen sich die Wächter des Gesetzes und wiederholen sofort ihre Ausweisung. Huber beschreibt genauer, unter welchen Verhältnissen sie das Zauberwort aussprechen und zwar in einem Falle, wo die Königin schon im Staate inwendig Miene machte, die Zellen, in welchen noch unvollendete junge Königinnen steckten, aufzureißen. Von den Wachen zurückgeschlagen, stellte sie sich mit ihrer Brust gegen eine Wabe, kreuzte ihre Flügel über dem Rücken und hielt sie in Bewegung, ohne zu fliegen und gab dann den magischen Ton von sich, der heiserer und schwächer von den noch in den Zellen vergrabenen jüngern Königinnen wiederholt ward. Die Wirkung auf die Wachbienen ist augenblicklich. Sie sitzen wie versteinert, erholen sich aber immer wieder, ehe die Königin ihren Mordplan ausführen kann. So muß sie dem von den Unterthanen scharf bewachten Gesetze endlich nachgeben. Worin besteht dieses Bienenstaatsgrundgesetz? Den Staat zu verlassen, und mit einer Zahl Getreuer eine Kolonie zu gründen, das Souverainetätsrecht aber ihren noch hülflosen, im Auskriechen begriffenen königlichen Schwestern zu überlassen. Aber welcher? Das: hängt von dem allgemeinen Wahlrecht der Unterthanen ab. Die nicht gewählten Königinnen werden von den Unterthanen gegen die absoluten Gelüste der gewählten Herrscherin sorgfältig geschützt, damit sie Zeit haben, sich zum Abzuge und zur Begründung einer neuen Kolonie zu rüsten. So ziehen manches Jahr zwei, drei, vier, sogar fünf Kolonien ab, um den neugeborenen Königinnen, Staaten zu gründen. Aber wenn dadurch das Mutterland geschwächt wird, daß die Wächter der jungen auskriechenden Könginnen nicht mehr stark genug bleiben, wird Bürgerkrieg die unvermeidliche Folge. Zwei Königinnen treten z. B. gleichzeitig an’s Tageslicht, und die stark gelichteten Unterthanen reichen noch kaum hin, das Mutterland zu erhalten, was geschieht nun? Schlagen sich einige zu dieser, andere zur anderen Königin und führen nun Krieg? Mit Nichten. Die Königinnen müssen ihren Kampf selbst ausfechten und die Unterthanen sehen zu und gehorchen der Siegerin. Die beiden Thron-Candidatinnen sehen sich zum ersten Male und finden, daß das Staatsgrundgesetz nur einer das Existenzrecht gestattet, Prinzen und Thronfolger werden nicht geduldet. Sie stürzen sich sofort kämpfend gegen einander; jede packt den Rüssel der andern und in einem wahren Faust- und Zweikampfe ringen sie so lange mit einander, bis eine todt auf dem Platze bleibt. Merkwürdiger Weise verrathen sie dabei zugleich gern Schonung gegen einander, wenigstens zögert jede möglichst lange, ehe sie ihre tödtliche Waffe braucht. Auch versuchen sie oft, die Entscheidung aufzuschieben und geben das Duell plötzlich auf. Aber die zuschauenden Bienen dulden das nicht. Sie wollen einen Herrscher und keine schwebenden Verhältnisse. Der Staat darf der Könige wegen nicht leiden. So werden die beiden Thron-Candidatinnen uubarmherzig wieder gegen einander gehetzt und immer wieder, so oft auch beide die furchtbare Entscheidung aufzuschieben suchen. Endlich faßt die stärkere die schwächere bei den Flügeln, zwängt Füße und Kopf unter den Körper, drückt sie nieder und bringt ihr den tödtlichen Streich bei. Oft sind inzwischen neue Königinnen ausgekrochen, mit welchen die Siegerin auf’s Neue kämpfen muß und denen sie zuweilen noch unterliegt. Ist auf diese Weise die Monarchie wieder hergestellt, gehen alle Bienen wieder an ihre genau bestimmten Geschäfte und leben fleißig und glücklich bis zum nächsten Jahre.

Der großmüthige Zug, womit sie die jungen Königinnen bewachen und vor feigem Mord schützen, damit ehrlicher Zweikampf entscheide, enthält viel Romantik und Weisheit. Und wer könnte in der Art, wie sie Bürgerkriege führen d. h. vermeiden, indem sie, was bei uns Unterthanen ausfechten müssen, auf die Interessenten allein beschränken, diese volkswirthschaftliche Weisheit verkennen?

Nur das mittelalterliche Institut der Drohnen will uns nicht gefallen. Wenigstens ist es barbarisch, diese privilegirten Müßiggänger erst auf Staatskosten zu füttern und dann jedes Jahr einen allgemeinen Vertilgungskrieg gegen sie zu veranstalten. Oder ist die jährliche Ermordung derselben eine zarte Rücksicht der Fleißigen, da sie vielleicht denken mögen, daß es viel grausamer sein würde, die Drohnen langsam an Langeweile sterben zu lassen?




Amerikanische Briefe.
1. New-York.
Seine Lage und Gestalt. – Begrüßung, bei der Ankunft durch Gauner. – Vergleichung mit London. – Die Geschäftsgegend- – Die Bedeutung New-Yorks als amerikanisch-europäischer Haupt-Spediteur und Einwanderungs-Hafen. – Für deutsche Auswanderer ein Wink. – Herr Gerhard und sein Unternehmen für dieselben. – Die Auswüchse an der Freiheit Nord-Amerika’s aus Europa. – Physiognomie New-Yorks. – Broadway. – Der Kleiderhandlungs-Marmor-Palast.

Da bin ich endlich in der europäischen Mündung des amerikanischen Lebensstromes, in New-York, dem buntesten, leidenschaftlichsten Gemisch der alten mit der neuen Welt, der weltmeerumspülten Inselhauptstadt aller Völker. Wenn man New-York zuerst vom Meere aus sieht, bekommt man einen bessern Totaleindruck von dieser universellen Bedeutung des Platzes; mich brachte die Eisenbahn aus dem Innern her, so daß ich zunächst mich ringsum nur in Verlegenheiten und Mystificationen befand. An dem linken Ufer des Hudson, der hier ein großes, dichtbelebtes Becken mit den malerischen Bergen des New-Jerseystaates bildet, donnerte unser Zug in die Stadt hinein. Wo blieb nun die die Insel Manhattan, auf der sich New-York vom Festlande trennen soll?

Ich hatte den engen Kanal, der das Vorgebirge der Manhattainsel vom Festlande trennt, auf der darüber hinfliegenden Eisenbahn gar nicht bemerkt. Doch nun fand ich den Hudson, an welchem wir hereingekommen, ganz wo anders weit im Westen, und dann hieß er nicht Hudson, sondern Nordfluß (North river). Ein enger Meeresarm, der Long Island von New-York trennt, heißt der Ostfluß. Beide verbindet ein Kanal, der Haarlem River. So bildet sich das Terrain New-Yorks zu einer Insel von ungefähr drei deutschen Meilen Länge und höchstens einer halben Breite, im Süden sich zu einem engen Streifen zuspitzend, der „Battery.“ Von diesem strategischen Punkte lief New-York, sich schnell ausbreitend, nordwärts über die ganze Insel hinweg mit starken Versuchen, darüber hinweg auf’s feste Land über zu springen. Doch hat sie hier vorläufig noch Raum für die wildeste Anarchie ihrer Entwickelung, von der ich ganz zuerst ein drastisches Bild bekam. Die Eisenbahn hielt zwischen verirrten, halbfertigen Straßen, Holz-, Stein-, und Erdhaufen, Pfützen, zerbrochenen Töpfen und Flaschen, schmutzigen Holzhütten und endloser Unordnung, ohne eigentlich einen Eisenbahnhof erreicht zu haben. Die Locomotive lief allein fort. Ein Paar Dutzend Leute nahmen den Zug auseinander, spannten vor die Theile je zwei oder vier Pferde und schickten dieselben in verschiedenen Richtungen nach der Stadt, so daß die Compagnie Droschkenkutscher und Omnibussen das Vergnügen nicht gönnt, die Passagiere einzeln auseinander zu nehmen und zu prellen. Beinahe eisenbahnschnell rollten unsere vier Pferde Straßen auf, Straßen ab bis mitten in das Herz der Stadt hinein, in eine Confusion der Geld- und Betrugs-Gier, der Rohheit und Unverschämtheit, so daß ich für mich eine gerechte Strafe wegen der Mißliebigkeit fand, mit der ich früher oft von unserer deutschen Polizei gesprochen und geschrieben. Ein Kerl „mit Wuth und Knotenstocke im Blicke,“ beraubte mich gewaltsam meiner Reisetasche, [80] 



Die Gartenlaube (1855) b 080.jpg

New York

[81] 

WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [82] zwei Andere arretirten mich und schleppten mich gewaltsam in eine elende Miethskutsche, wo ich von einem Vierten angefallen ward, der sich eine Kleinigkeit für’s Thüröffnen in der zuversichtlichsten Weise ausbat. Der Räuber meiner Reisetasche stand daneben und hielt seine Beute mit dem Bemerken hin, daß er sie mir für einen Spottpreis wieder zustellen wolle. Ich kaufte mich los und accordirte mit dem Kutscher den Preis für die Fahrt nach dem berühmten Astor-Hotel. Kaum waren wie handelseins geworden, stellte er eine Wache vor der Kutschenthür auf, um meine Flucht zu verhindern, und schleppte bald eine zweite Person herein, die neben mich placirt ward, obgleich der Herr bat und fluchte, daß er ganz in entgegengesetzter Richtung zu thun habe. Es half nichts: er mußte mit nach Astors, um erst dann mit seiner Fahrt an die Reihe zu kommen [2].

In meinem Astor-Hotel binnen zwei Minuten wie durch zauberische Maschinerie „häuslich" eingerichtet, fand ich hier so viel zu bewundern und zu notiren , daß ich mit einer bloßen Schilderung dieses amerikanischen Hotel-Lebens allein einen doppeltwiegenden Brief füllen könnte. Doch ich will mich kurz fassen und zunächst sagen, was ich von New-York im Allgemeinen sah und halte. Auf den ersten Blick sieht es, besonders in der Geschäftsgegend von der Battery an eine englische Meile nordwärts eben so enge, wimmelnd, drängend, rücksichtslos geschäftstoll aus, wie die Straßen der City von London, nur nicht ganz so farblos-nüchtern, da große, helle, renommistische Schilder an den Häuserstirnen die öden, schwarzen Namen an den Thürpfosten der City-Handelshäuser Londons ersetzen, und alle zehn Schritte sich verführerische Abgründe vor unsern Augen öffnen: Austern-Keller („Eier-Salons“ genannt), Tavernen, Grog-Kneipen und Spiellöcher aller Art, welche ihre besondern Zwecke hinter dem allgemeinen, verführerischen Titel: „Zufluchts-, Erholungsörter“ verbergen. Die Häuser bestehen aus unschönen Back- und Mauersteinhaufen, und nur da, wo eins eingefallen war, hat man neuerdings durch substantielle, schönere Bauten aus Sandstein dem gestiegenen Reichthum und Geschmacke Denkmäler gesetzt. Gleichzeitig macht das hier von Erstickung bedrohte Geschäft ungeheuere Fortschritte, sich nordwärts und über die Wassergrenze hinaus zu erweitern. Aber das Herz des Geschäfts, dieser schmale Inselstreifen im Süden, kämpft gleichwohl vermittelst enorm steigender Miethe einen harten Kampf gegen den immer gierigeren Andrang der Geldmacher, die aus der ganzen Welt keinen bessern Platz für ihre Leidenschaft zu finden scheinen. Die günstige Lage New-Yorks für Lokal-, Küsten- und Welthandel zugleich ist bekannt, man muß aber die besondere Gunst dieses schmalen Streifens sehen, um die daselbst gezahlten Miethen und die Masse und Größe der Geschäfte zu begreifen. Dieser Streifen ist dicht vom Weltmeere, der Brücke für die Völker, und einem unabsehharen Gewimmel von Segel-, Dampf- und Küstenschiffen, von allen Arten und Größen der Transportmittel auf dem Wasser umgeben. Die Weltmeerschiffe können dicht heranfahren an riesige Lagerhäuser, um hier ohne Mühe und Umstände zu laden oder zu löschen. Das Land erhebt sich nach der Mitte hin, hat also guten Ab- und Zufluß, letztern durch kleinere und größere Wassereinschnitte mit Ebbe und Fluth, so daß die Fahrzeuge, welche die Fluth herauftrug, Stunden lang auf festem Boden liegen, um während der Zeit ihre mühelose Abfahrt mit der nächst beginnenden Ebbe vorzubereiten. Im Süden von einem Halbcirkel befestigter Inseln umgeben, welche im Nothfalle die ganze Hafenbucht schützen würden, verbindet diese Spitze New-Yorks die größten Geschäfts- und Handelsvortheile mit dem Gefühle der Sicherheit für Kriegsfälle.

Ueber die hohe Mitte der Stadt läuft die Hauptstraße hin, Broadway, der breite Weg, mit den engen Seitenstrßen, die in das Weltmeer und in unzählige Dampfschiff- und Fährten-Omnibus münden, zum Theil kleine, schwimmende Paläste, in denen man alle fünf Minuten für das kleinste Stück Kupfermünze, einen Cent, nach Brooklyn, Williamsburg und für drei Cent in einen ganz andern Staat, New-Jersey, dessen Gestade hier dicht von Städte- und Villa-Trauben strotzen, hinüberfliegen kann. Für ein werthloses Stück Kupfer mehr gleitet man in unaufhörlich hin- und herdampfenden Prachtschlössern nach dem eine deutsche Meile entlegenen Staten Island am Ende der wundervollen Hafenbucht, an deren sich zu Hügeln erhebenden Gestaden ringsum Städte und Landhäuser blühend auf das wimmelnde Leben des großen Wasserspiegels herableuchten. Der Lokal-Dampfschiff- und Fährtenverkehr um die New-Yorkspitze herum ist vielleicht das allerglänzendste und figurenreichste Kulturbild der Erde. Für einen Cent tritt man in einen während der Hitze kühlen, im Winter warmen Pracht-Salon, sitzt auf Teppichen und Sammetpolstern, besieht sich in goldumrahmten Riesenspiegeln, trinkt aus diamantgeschliffenen Karaffen und Gläsern das reinste Wasser (nichts anderes) und weidet seine Augen über Hunderte vorbeidampfender oder segelnder wirklicher Luftschlösser hin an New-York selbst, an Jersey und Hoboken drüben, an Brooklyn und Williamsburg und an der üppigsten Fülle von Städteblüthen, die von allen Seiten nah und fern zwischen dem glänzenden blauen Himmel und dem zweiten Himmel unten, dem eingerahmten Meere, herabglänzen. Der Lokaldampfschiffverkehr auf der Themse zur ununterbrochenen Verbindung der vier deutsche Meilen sich erstreckenden Theile von London ist auch großartig, viel massenhafter, aber die Dampfschiffe dort gleichen schmutzigen Höhlen und die Themse ist die stets rauchbehangene Mündung für alle Cloaken Londons.

Auf einem für den Verkehr mit Europa und dem Innern Amerika’s so günstigen Terrain schwoll New-York bald zu einer reichen, leidenschaftlich geschäftigen Bevölkerung von 700,000 Seelen an, in welche sich alle Farben, Racen und Völker bald schwächer, bald stärker mischen. Am Meisten unter den Farbigen ragen außer den Schwarzen, Schwärzlichen, Braunen, Gelben und Brünetten – die Deutschen und Irländer hervor. Die Deutschen sind hier auch Farbige, insofern man ihre sociale und moralische Position durchschnittlich nicht über den schwärzesten Neger stellt. Unter Deutschen versteht man hier im Allgemeinen Linden-Müller und Louis Drucker aus Berlin, die in Broadway ihr Kneipen-Unwesen treiben, Rowdies, Runners und sonstige Bummler und Beutelschneider, die unter dem „französischen Louis“ für billige Preise Alles zer- und todtschlagen und zerstören, was man ihnen aufgiebt, bei den Wahlen die Männer des Schreckens spielen und für Eisenbahn-Compagnien stets unter den 300,000 Einwanderern, die jährlich hier ankommen, umher irren, um jeden nach zwei bis drei verschiedenen Seiten zu ziehen. Der deutsche Bauer, der hier an’s Land tritt, mit einem Sack harter Kasse in der Hosentasche, wird gleich von vier Seiten als Bruder umarmt, wobei einem Zärtlichen nicht selten die ganze Geldkatze an den geübten Fingern kleben bleibt. Ist der Bauer recht pfiffig und hält die Hand auf die Tasche, lässt er sich doch nicht selten in eine Spelunke locken, wo man ihn ausplündert oder auf eine Eisenbahn, die expreß dazu eingerichtet ist, daß auf dem Wege bis Cincinnati ein Paar in jedem vollgepropften Waggon ersticken. Doch das beiläufig. New-York, als solches, kann nicht dafür, und man muß sich hüten, „den Spucknapf der Nationen,“ wie man es titulirt hat, nach dem Inhalte dieses Napfes zu beurtheilen. Nur noch so viel im Interesse deutscher Auswanderer, daß Schwindel und Betrügerei in räuber- und mordbrennerartigen Banden auftreten, welche von Schwindel-Compagnien aller Art besoldet werden. Vorsicht, Courage, Polizei schützen nicht gegen sie. Und die Presse, welche gegen sie aufzutreten suchte, wurde theils von andern Organen überschrieen, theils zu Schanden oder gar todtgeschlagen.

Herr Gerhard, früher Buchhändler in Danzig und Berlin, jetzt in Hoboken, hat nun, um diesen Hydern der Auswanderer dennoch die Köpfe abzuschlagen, sich erst neuerdings die unsägliche Mühe genommen, selbst nach London, Hamburg, Bremen u. s. w. zu reisen und Anstalten zu treffen, daß die Auswanderer, ehe sie in New-York an’s Land steigen, sich selber klug machen. Diese Anstalten werden in einem unentgeltlich an alle Auswanderer vertheilten Anzeige-Blatte bestehen, welches die Namen, Bureaux, Manieren und Manipulationen aller Schwindel-Compagnien und ihrer helfershelferischen Banden enthalten und von besondern Agenten in den Auswanderungshäfen und auf den Schiffen jedem Auswanderer zur Lectüre auf der Reise empfohlen werden wird. Die Kosten des Unternehmens glaubt er durch Anzeigen decken zu können. Das Mittel ist einfach, aber allem Anscheine nach sehr gründlich und einer großen, segensreichen Zukunft fähig. Hierbei will ich noch in Parenthese erwähnen, daß ich in der liebenswürdigen Familie Herrn Gerhards, der wie ein kleiner Prinz auf einer umgrünten Hügel-Terrasse von Hoboken wohnt, einige herrliche deutsche Abende verlebt, und viele deutsche Familien und [83] auch einige amerikanische sich in Freundschaft und Gemüthlichkeit herzlich anschließen. Eine seiner Töchter, an den Hauptlehrer eines „College“ verheirathet, wurde die reizendste Vermittlerin mit den gebildetsten, liebenswürdigsten Kreisen von Yankees, denen Yankeeismus und Know-nothings eben so lächerlich erscheinen, wie andern wahrhaft gebildeten Amerikanern.

Um die Bedeutung und Physiognomie New-Yorks richtig zu zeichnen, müssen wir von Auswüchsen und Mißbräuchen absehen. New-York ist der Welthandels-Spediteur aus Europa in das Innere Amerika’s und aus letzterem nach Europa zurück. Mit diesem Begriffe wird uns auf einmal das unabsehbare Kommen und Gehen von Segel- und Dampfschiffen auf der einen Seite klar, wie die stets dicht belebten Flüsse, Kanäle und Eisenbahnen, welche auf der andern Seite in’s Innere Amerika’s laufen, besonders nach dem großen Westen, und ausgetauschte Güter von da zurückbringen. Die rasche, politisch und polizeilich nie verhinderte Entwickelung dieser Bedeutung und Functionen des Platzes hat viele Auswüchse dieser freien, jungen Lebens mit angesetzt, an welchen aber die Unfreiheit Europa mehr Schuld trägt, als die Freiheit Amerika’s. Können wir diese deutschen, französischen, irländischen Räuberbanden und Bummler den Yankees zum Vorwurf machen? Im Gegentheil, die Yankees sagten zu ihnen: Hier ist Freiheit, hier Geld für eure Arbeit, arbeitet nur. Und viele wurden freie Männer und lebten von ihrer freien Arbeit. Die Hefe, die zurückblieb, war europäische, durch das Blut der alten Welt unverbesserlich verdorbene Hefe. – Amerika selbst erzeugt aus seinem Boden keine schmutzigen, mit schiefgetretenen Stiefeln Broadway decorirenden Pflastertreter, sondern nur reinliche, gerade auftretende Arbeiter, die ihre Mußestunden in wissenschaftlichen Instituten, glänzenden Lesehallen und zu Hause im reinlichen Familienkreise zubringen. Der eigentliche Yankeeismus, in den Know-nothings momentan hervortretend, und die unbeschreibliche, freche Rohheit und Bestechung bei den Wahlen – diese beiden Hauptgebrechen der jetzigen Socialität, verunstalten den wirklich gebildeten Theil Amerika’s nicht. Ersterer sieht etwa so aus, wie die früher in Preußen hervortretende, aus Gevatter Schneider und Handschuhmacher rekrutirte Treubündelei, und die Wahl-Räuberbanden bestehen aus deutschen, französischen, irländischen Auswürflingen aller Parteien, sehr wenig aus Yankees. Durch sie kommt die Rohheit und Geldgier, der stellensüchtige Ehrgeiz treubündlerischer Schuster, Schneider und Schacherer hauptsächlich an’s Ruder. – So viel von den Auswüchsen der Freiheit, an denen hauptsächlich die alte Welt Schuld trägt. Von den Achillesfersen des amerikanischen Lebens selbst an einer andern Stelle.

Als Hauptspediteur des amerikanisch-europäischen Weltverkehrs hat New-York besondere Züge in seiner Physiognomie, die man in andern amerikanischen Städten nicht wiederfindet, schmutzige von dem Schlamme, der von dem durchfließenden Hauptstrome der Auswanderung sich ablagert, kalte, gespannte, harte Züge des hier am Atemlosesten im dichtesten Gewühl raffinirtester Concurrenz spedidirenden und speculirenden Handels-, Börsen- und Schwindelgeistes und dann Züge von Trunkenheit, Liederlichkeit und Lasterhaftigkeit, wie sie sich überall in jeder großen Stadt wiederfinden. Brillanter, unerschöpflicher Stoff für Romanschreiber oder Reisende, die in Bänden auftreten wollen, in einem Briefe aber beinahe schon des Porto wegen unzulässig. In unserer Physigognomik halten wir uns blos an die Hauptzüge: Broadway mit seinem Geschäftsleben, die Wasserleitung, die Hotels und die Umgegend.

Broadway ist für New-York, was Strand und Fleetstreet für London, die Hauptader des stets fieherhaft pulsirenden Verkehrs- und Gesellschaftsblutes, im Sommer zugleich Aequaator tropischer Hitze, wie im Winter Haupttummelplatz scharfer, arctischer mit den Messern eisiger Kälte bis auf die Knochen eindringender Winde. Doch weiß die Kultur beide Feinde mit deren eigenen Waffen vortrefflich zu bekämpfen, den Winter mit dem prächtigen Pelzwerk hintercanadischer Wildnisse, den Sommer mit dem conservirten und hunderttausendkannenweise durch Verschiffung nach dem Süden zu Gelde gemachten Eise. Geeis’tes Wasser wird im Sommer stets in den Eisenbahnwaggons herumgereicht, im Winter zwar kein Pelzwerk, aber doch die Wärme des stets in der Mitte lustig flackernden Ofens. Dabei verdient Jeder, der irgend etwas arbeitet, so viel Geld, daß Niemandem ein guter Pelz unzugänglich wird. Broadway ist eine Welt in Form der stolzesten Straße aller Städte. Seitdem die wenigen hölzernen Häuser, die sich von Alters her zwischen den braunen Sandstein- und Granit- oder vor weißen Marmor-Palästen der Handels-Potentaten zu erhalten suchten, verschwunden sind, sieht der breite Weg einer Doppelreihe europäischer Königsschlösser ähnlich, mit dem bedeutenden Vorzuge, daß darin nirgends Leere herrscht, sondern fabelhafte Fülle des Geschäfts, obgleich viele sich fünf bis sechs Stockwerke erheben und der Straße Stirnen von 300 Fuß Länge zeigen. Die in England sich seit Jahrhunderten breitmachende Ge schmacklosigkeit der Architektur ist hier zum Theil den geschmackvollsten Stilen gewichen. Dabei ist die Pracht und Größe einzelner Geschäftshäuser und Hotels für unsere Augen rein fabelhaft, und New-York zeichnet sich besonders durch Handel mit „dry goods“ (trockenen Gütern) aus, wie man alle Arten von Gegenständen der Bekleidung mit einem Male nennt. Für diese trockenen Güter giebt es am Parke des breiten Weges einen massiven Marmor-Palast, beinahe so groß, wie Semper’s neues Museum in Dresden, („Stewarts Store“) worin jährlich für acht Mill. Thaler Waaren umgesetzt werden. Unter den Buchhandlungen des breiten Weges tritt die von Appleton und Comp. in ihrem neuen marmornen Lustschlosse hervor, als hätte sich hier ein Crösus zu seinem Vergnügen in’s Privatleben zurückgezogen. Man vergleiche damit die lichtlosen Höhlen größerer Buchhändler in Pater noster Row hinter der Paulskirche in London. Man würde vielleicht Wunderdinge von der Lädenpracht in Broadway und Bowery (der nächsten Hauptstraße) hören, wenn die Hotels nicht Alles verdunkelten.

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.

Schildkrötenzucht. In Spanien vervielfältigt man durch besondere Wartung und Pflege die kurzschwänzige Schildkröte, die bekanntlich nicht nur eine äußerst schmackhafte und delikate Speise gewährt, sondern auch eine äußerst nahrhafte, die in vielen Fällen, namentlich bei Brustkrankheiten und Entkräftung von der heilsamsten Wirkung ist. Die Erfahrung hat gelehrt, daß die Zucht dieser Thiere, die einen reichen Gewinn gewähren würde, da auch ihre Schaalen im Handel sehr gesucht sind, sich mit der gehörigen Aufmerksamkeit auch in rauherem Klima bewirken ließe, und schon sind davon in Frankreich mit glücklichem Erfolge Versuche angestellt worden. Man umgiebt zu diesem Zwecke einen Gartenraum von etwa vierzig Quadratruthen Größe mit einer niedrigen, aber dicht zusammengefügten Mauer von Ziegelsteinen. Jeden Monat besäet man darin eine Abtheilung, die von dem übrigen Garten abgesperrt sein muß, mit Lattich, welchen man allmälig, wie er heranwächst, den Schildkröten überläßt, welche darin jede zwanzig bis fünfundzwanzig Tage ihre Eier legen, welche nach kurzer Zeit durch die Sonnenwärme ausgebrütet werden. In einer ecke errichtet man einen Schuppen, den man mit trockenen Blättern ausfüllt, unter denen die Schildkröten überwintern, ohne sich von der Stelle zu rühren. In besonders rauher Gegend muß man diesen Schuppen gegen die nachtheiligen Einwirkungen des Frostes schützen, da die Schildkröten allzu große Kälte nicht vertragen können. Von Strecke zu Strecke muß man größere irdene Gefäße eingraben, deren oberer Rand mit dem Boden gleich sein muß, und die beständige mit reinem Wasser ganz angefüllt zu halten sind, damit die Schildkröten nicht nur daraus saufen, sondern sich auch nach Belieben darin baden können. Ein kleiner, beständig mit frischem Wasser gefüllter Teich mit ganz flachem Ufer würde noch zweckdienlicher sein. – Die Schildkröten brauchen zwei Jahr um auszuwachsen und dürfen vor dieser Zeit nicht genossen werden; indeß ist es auch gut, sie nicht viel älter werden zu lassen, obgleich sie auch dann noch wachsen, jedoch nur sehr langsam.




Geschichtliche Merkwürdigkeit. Es ist eine merkwürdige Erscheinung in der Geschichte Frankreichs, daß jedes Mal, wenn drei Brüder nach einander den Thron bestiegen, dieser nach der Regierung des letzten der drei Brüder an ein anderes Geschlecht überging. Ludwig X., der Zänker, Philipp V., der Lange, und Karl IV., der Schöne, regierten nach einander und dann ging der Thron an die Valois über. – Franz II., Karl IX. und Heinrich III. waren Brüder, und die Bourbons erbten den Thron. – Ludwig XVI., Ludwig XVIII. und Karl X., drei Brüder, die nach einander regierten, waren die letzten Bourbons, und die Orleans bestiegen den Thron. [84]

Literarischer Anzeiger

  1. Der Verfasser dieser an seine Braut gerichteten Zeilen ist politischer Gefangener in W. Möge sich sein gottvertrauendes Hoffen recht bald dadurch rechtfertigen, daß er der Freiheit, seiner Braut und seinen hochbetagten Aeltern zurückgegeben wird.
    D. R.
  2. Ich erwähne solche Scenen nicht in Voraussetzung eines Interesses an den persönlichen Schicksalen des Schreibenden, sondern weil sie ganz wesentlich New-York charakterisiren helfen.