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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1855) 631.jpg
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[631]

No. 48. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.

Die Stiefmutter.
Eine Erzählung von Fr. Gerstäcker.

In dem freundlichen, von weiten Laubgängen durchzogenen Garten eines kleinen Landhauses lustwandelte eine hohe, stattliche Frau, deren ernster wenn auch milder Blick reiferes Alter verrieth, als die sonst noch fast frischen und jugendlichen Züge wohl eingestehen mochten. Die Jahre schienen kaum ihre Spur auf dem lieben Antlitz zurückgelassen zu haben, und ein junges Mädchen von etwa siebzehn Jahren, das jetzt auf sie zusprang und sie küßte und „liebe Mutter“ nannte, hätte fast eben so gut für eine jüngere Schwester gehalten werden können.

„Denke Dir nur, Mama,“ rief die Letztgekommene, während die Mutter ihr liebkosend die vollen, kastanienbraunen Haare zurück strich und ihre Stirn küßte, „denke Dir nur, unser Nachbar Pahlmann wird wieder heirathen, und die arme Adele bekommt jetzt eine Stiefmutter!“

Eine leichte Wolke, wie ein zuckender Schmerz, schoß über die lieben offenen Züge der Mutter, aber wie der an der Sonne vorüberstreichende Schatten schwand sie wieder und ruhig sagte sie:

Arme Adele? – Weshalb bedauerst Du sie? – Ist es nicht viel besser für die Kinder, wenn sie wieder eine Mutter in’s Haus bekommen, die sorgsam das Hauswesen in Ordnung hält und der Wirthschaft ein Ende macht, die gemiethete Leute die letzten Jahre dort geführt?“

„Das schon, liebe Mutter,“ erwiderte Sabine, wie das junge Mädchen hieß, etwas verlegen, „aber eine Stiefmutter.“

Die sanften Augen der Frau trübten sich immer mehr, sie faßte der Tochter Hand und sagte freundlich, doch mit recht ernst zum Herzen dringendem leisen Ton:

„Und so hat Alles, was ich Dir über das häßliche Vorurtheil bis jetzt gesagt, und wovor ich Dich gewarnt habe, liebes Kind, doch nichts gefruchtet, und Du plauderst nach, was Du die Menge plaudern hörst. Leider schmücken die Verfasser der Kinder- und Jugendbücher ihre Erzählungen nur zu gern mit den billigen Schrecknissen einer bösen Stiefmutter aus, die arme Kinder peinigt und quält, und in unserer Zeit schon den Namen einer Stiefmutter mit dem einer recht schlechten bösen Frau ganz gleichbedeutend gemacht hat. Die Herzen der Kinder werden dadurch von frühester Jugend auf mit Haß und Furcht vor allen Stiefmüttern erfüllt, und nimmt das Schicksal ihnen die eigene Mutter und bringt der Vater eine zweite Frau in’s Haus, dann hat die Aermste, mag sie es so gut auch mit den Kindern meinen, wie sie will, gleich von Anfang an ein furchtbares Vorurtheil zu bekämpfen, das ihr entgegensteht, und nur zu oft all ihre Müh’ und Liebe zu Schanden macht. Komm, Sabine,“ fügte sie dann hinzu, als das junge Mädchen verlegen still schwieg. „Setz Dich zu mir hier auf die Bank, ich will Dir eine Geschichte erzählen aus früherer Zeit – vielleicht ändert das, wenn irgend etwas, Deinen Sinn.“

Sabine folgte der Mutter zu der Gartenbank unter dem blühenden Fliederbaum. Dort, mit der Rechten die Hand der Tochter gefaßt, den linken Ellbogen auf den niedern neben ihr stehenden Tisch, und das Haupt in die linke Hand gestützt, während die dunklen schwermüthigen Augen sinnend und der alten Zeiten gedenkend den Boden suchten, begann sie mit ihrer klaren, so zum Herzen sprechenden Stimme in folgender Weise:

„In dem kleinen Städtchen Wendheim am Rhein lebte ein wackerer, ziemlich bemittelter Kaufmann, den ich Olbers nennen will, in so freundlichen und glücklichen Familienverhältnissen, wie es sich ein Mensch nur wünschen kann. Seine Frau hatte ihm in sechsjähriger Ehe zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen geboren. Das Mädchen war aber erst sieben, der Knabe fünf Jahr alt, als ein Nervenfieber, das überhaupt in der Stadt wüthete und zahlreiche Opfer forderte, auch in diesen friedlichen Kreis guter Menschen seine Schrecken sandte. Die Mutter erkrankte und starb trotz jeder Sorgfalt, jeder Pflege schon nach wenigen Tagen.

Für den Gatten wie die Kinder begann jetzt eine recht schwere, traurige Zeit. Die Mutter hatte sich des ganzen Hauswesens so angenommen gehabt, so jedes Einzelne überwacht und geleitet, daß sie nicht allein in den Herzen der ihr theueren Wesen schwer vermißt wurde, sondern auch in jeder Kleinigkeit im Hause selber fehlte. Für den zurückgebliebenen Gatten freilich hatte alles Andere, mit dem furchtbaren Schlag, der ihn in dem Verlust seines Weibes betroffen, seine Bedeutung verloren. Nur die nothwendigsten Arbeiten zu leiten, nahm er eine Haushälterin in seine Familie auf, ja überließ dieser sogar die Sorge für seine Kinder. In fast übermäßigem Eifer für seine Geschäfte schien er indeß Betäubung zu suchen, und den herben Schlag, der ihn getroffen, durch unausgesetzte Arbeit zu ertödten – wenigstens auf kurze Zeit zu vergessen.

Drei volle Jahre hatte er es solcher Art getrieben. Wie sich aber der Schmerz um den erlittenen Verlust mit der Zeit abstumpfte, wandte sich seine Aufmerksamkeit auch wieder mehr den häuslichen Verhältnissen, seinen Kindern, seiner eigenen Bequemlichkeit zu. Da fand er denn freilich bald, daß nicht Alles so war, wie es eigentlich sein sollte. Es war ungemüthlich bei ihm geworden; er fühlte sich fremd in den eigenen Räumen. Die Kinder selber kamen ihm [632] dabei verwahrlost vor, wenn er sie mit früher verglich, wo sie unter dem Auge der sorgenden Mutter aufgewachsen. Er sah ein, daß er gefehlt hatte, sich seiner eigenen Familie so ganz zu entziehen, und wollte das jetzt durch verdoppelten Eifer und unnachsichtige Strenge wieder gut machen. Dadurch entstand Streit und Unfrieden mit der Haushälterin, der ernstlich zu begegnen er von zu gutmüthigem, schwankendem Charakter war. Sein häuslicher Frieden aber, um dessentwillen er doch eigentlich Alles ertrug, wurde dadurch nur noch mehr und mehr verbittert. Ein verzweifelter Entschluß war es endlich, der ihn dazu trieb, mit der Erinnerung an die verstorbene Gattin noch so warm im Herzen, auf’s Neue zu heirathen, und seinen Kindern wieder eine wirkliche Mutter zu geben. Möglich, daß er auch nur auf diese Art glaubte sich der ihm lästig werdenden Wirthschafterin entledigen zu können.

Olbers, übrigens selber schon in den reiferen Jahren, war vernünftig genug, zu seiner zweiten Lebensgefährtin eine nicht mehr ganz junge Frau zu wählen. Diese, eines Arztes Wittwe, zog ihn zuerst durch ihr stilles, bescheidenes Wesen an, und als er sie näher kennen lernte, fühlte er sich bald fest überzeugt, daß sie ihm selber eine brave Gattin, seinen Kindern eine Mutter, seinem Alter eine treue Pflegerin, seinem Hauswesen eine tüchtige Wirthin werden würde.

So geheim er übrigens diese seine Absichten, gehalten haben mochte, hatten die Nachbarinnen doch nur zu bald gemerkt, um was es sich hier handele. Sie säumten denn auch natürlich nicht, vor allen Dingen die Haushälterin von der vermutheten Thatsache in Kenntniß zu setzen, die jedenfalls am Stärksten dabei interessirt sein mußte. Diese auch, die recht gut wußte, daß mit einer neuen Frau im Hause ihr Regiment dort ein rasches Ende nehmen würde, war außer sich und machte ihrem Herzen in allen möglichen Ausrufungen und Befürchtungen Luft. „Die armen Kinder bedauere sie nur am Meisten, denn sie selber mache sich, wie sie meinte, auch nicht so viel aus der Verbindung. Nur die Kinder wären zu beklagen, die bis jetzt wie im Himmel gelebt hätten, und nun ganz plötzlich unter die eiserne Ruthe einer Stiefmutter kommen sollten, Sie wüßte, was es hieß, eine Stiefmutter im Hause haben, sie hätte das schon aus tausend und tausend Büchern gelesen, und wenn Herr Olbers, der übrigens sein eigener Herr wäre und thun und lassen könne, was er wolle, solcher Art blind und taub in sein eigenes Schicksal hineinrenne, so möge er denn auch nachher sehen, wie er damit fertig würde. Das Einzige, was ihr jetzt zu thun übrig bleibe, sei, die armen Kinder so viel als möglich auf das was sie erwarte, vorzubereiten. Könne sie ihnen später noch helfen und beistehn, so solle das mit Freuden und mit Aufopferung aller ihrer Kräfte geschehen. Sie sei das ja allein der Seligen schuldig.“

Die Kinder spielten eben in ihrer Stube, als Tante Louise, wie die Haushälterin gewöhnlich in der Familie genannt wurde, von der Freundin zurückkam, von der sie die erste Nachricht über die Verlobung erhalten hatte.

„Wißt Ihr die Neuigkeit schon?“ sagte die Wirthschafterin, als sie zu ihnen in’s Zimmer trat, „Ihr bekommt eine Stiefmutter.“

„Eine Stiefmutter?“ rief Franz erschreckt. –

„Eine Stiefmutter?“schrie Lisbeth. „Wir wollen keine Stiefmutter, Tante Louise, wir wollen Dich behalten. Eine Stiefmutter schlägt und kneipt uns, und giebt uns nicht satt zu essen.“

„Was sollen wir mit einer Stiefmutter?“ klagte auch Franz, „daß es uns etwa geht, wie der armen Geldmarie?“[1]

„Oder wie Aschenbrödel[1] und Schneeweißchen,“[1] setzte Lisbeth hinzu,

„Oder daß sie mir gar den Kopf mit dem Kistendeckel abschlägt,“ rief Franz, „wie es in der schönen Geschichte vom Wachholderbaume[1]steht, die Du uns so oft vorgelesen hast? – Aber dann würde ich auch singen:

„Meine Mutter, die mich g’schlacht,
Mein Vater, der mich aß,
Mein’ Schwester, das Marlenichen
Sucht alle meine Beenichen,
Bind sie in ein seiden Tuch,
Legt’s unter den Wachholderbaum.
Kiwit, Kiwit,
Was für ein schöner Vogel bin ich!“

und wenn die böse Stiefmutter dann vor die Thür käme, würf’ ich ihr den großen Mühlstein auf den Kopf, daß sie in tausend Stücken ging.“

„Nun, so schlimm darf sie es schon nicht machen,“ sagte die Wirthschafterin, „das leidet die Polizei gar nicht. Und dann brauchtet Ihr auch nur zu mir zu kommen; ich wollte Euerem Vater schon reinen Wein einschenken.“

„Aber ich mag keine Stiefmutter,“ weinte Lisbeth, „dann bete ich lieber zu Gott, daß das Himmelsmütterlein zu mir kommt und mich fortnimmt mit sich, wie wir es in der „schwarzen Tante“ gelesen haben.“

Die Kinder weinten jetzt Beide und Tante Louise tröstete sie und sagte ihnen, daß sie immer, wenn sie die Stiefmutter auch fortschicke, dann und wann zu ihnen kommen und sie besuchen wolle. Und wenn sie die Stiefmutter schlecht behandele, sollten sie es ihr nur sagen; sie wolle schon dafür sorgen, daß es der Vater erführe und ihnen kein Unrecht geschähe. Jetzt aber sollten sie sich noch nichts merken lassen, sonst bekäme sie, die Tante Louise, Ausgezanktes darüber, und sie habe es doch gut mit ihnen gemeint.

Hätte sich Olbers mehr um seine Kinder und sein Hauswesen bekümmert, so würde er wohl gesehen haben, daß den Kleinen etwas auf dem Herzen läge, was sie ängstigte und drückte. Aber die neue Heirath ging ihm auch im Kopf herum, und mit seinen anderen Geschäften blieb ihm keine Zeit, auf das zu achten, was dem Vater immer das Wichtigste bleiben sollte, will er nicht später schwere Verantwortung auf sich nieder ziehen: das Wohl der eigenen Kinder. Nur zu empfänglich für fremde Eindrücke ist des Kindes Herz, und die zu überwachen, daß sie wohlthätig und segensreich darauf einwirken, und nicht bösen Samen in die junge Brust tragen, sollte das Hauptziel und Augenmerk der Aeltern sein. Wie häufig aber wird gerade das von ihnen vernachlässigt, und das ganze Leben des Kindes in die Hand gleichgültiger Personen gelegt. Nur daß die Kleinen artig sind, verlangen sie von denen, und wie oft auch noch mehr ihrer selbst, als der Kinder wegen; an das Andere denken sie gar nicht.

Heinrich Olbers hatte indessen wirklich um die junge Wittwe geworben und das Jawort erhalten; auch eine glückliche Wahl für sich und die Seinen getroffen, denn Sabine, wie seine Braut hieß, war eine brave, wackere Frau und sich des schweren Berufes, dem sie sich unterzog, die Mutter fremder Kinder zu werden, vollkommen bewußt. Mit sorgender Liebe hoffte sie sich die Herzen der Kleinen bald zu gewinnen, und wenn sie ihnen auch nicht die verstorbene Mutter so vollständig wieder ersetzen konnte, sollten sie in ihr doch eine treue Freundin, eine zweite Mutter finden.

Sabine hatte gewünscht, die Kinder vor ihrer Verheirathung einmal zu sehen, und mit ihnen zu sprechen, und Olbers befahl der Wirthschafterin eines Nachmittags, die Kinder rein anzuziehen. Sie waren ihm noch nie so schmutzig und vernachlässigt vorgekommen – weil er eben gerade heute besonders auf sie achtete.

„Und wozu wollen Sie heute, an einem Sonnabend, mit den Kindern Besuche machen?“ frug die Wirthschafterin, die sich den Grund recht gut denken konnte, und damit auch ihre letzte Hoffnung von einem möglichen Nichtzustandekommen der Verbindung schwinden sah. „Es ist schon drei Uhr, und bis morgen früh sind sie wieder schmutzig.“

„Dann müssen sie wieder rein gekleidet werden, Louise,“ sagte Olbers ernst. „Ich wünsche überhaupt nicht, daß ich die Kinder noch einmal in einem solchen Zustande finde. Uebrigens,“ fuhr er rasch fort, als er sah, daß die Wirthschafterin etwas darauf erwidern wollte, „will ich Ihnen hiermit gleich etwas anzeigen, das von heute an doch kein Geheimniß mehr bleiben kann. Ich bin mit der verwittweten Frau Sabine Helbig verlobt und werde heute über vier Wochen Hochzeit halten.“

„Heute über vier Wochen schon?“ rief Louise erschreckt.

„Ja, allerdings,“ lautete die ernste Antwort. „Es versteht sich von selbst,“ fuhr Olbers dabei freundlicher fort, „daß die neue Hausfrau dann auch das Hauswesen übernehmen wird. Damit Sie aber indessen nicht außer Brod sind, und Zeit behalten, sich nach einer andern passenden Stelle umzusehen, werde ich Ihnen indessen bei einer Verwandten einen Platz verschaffen, in dem Sie wenigstens so lange bleiben können.“

„Ich danke Ihnen, Herr Olbers,“ entgegnete aber etwas schnippisch und beleidigt Mamsell Louise – „man ist auch nicht blind, man hat seine Augen und kann selber sehen. Der Herr Olbers [633] brauchen nicht etwa zu glauben, daß Sie mir ein Geheimniß entdecken. Wie das kommen würde, habe ich mir aber schon im voraus gedacht, und mit einer Stiefmutter hätt’ ich mich doch hier nicht vertragen. Ich hätt’ es der Kinder wegen nicht mit ansehen können, und habe mich deshalb schon unter der Hand nach einer neuen Stellung umgethan. Gott sei Dank, Leute, die ihre Sache verstehen, finden überall in der Welt ein Unterkommen, und ich brauche keine Minute außer Platz zu sein. Wenn ich Ihnen jetzt im Wege bin, kann ich schon morgen der Madame Olbers den Platz räumen, von der ich wünschen will, daß Alles mit ihr so einschlagen mag, wie der Herr Olbers jetzt vielleicht glauben.“

Olbers war eben nicht angenehm überrascht, daß seine Wirthschafterin die neue, so geheim gehaltene Verbindung als eine alte, stadtbekannte Sache betrachtete , und schon so lange darum wußte. Er überhörte darüber auch den zweiten, bitteren Theil ihrer Rede, und erwiderte nur rasch und etwas verlegen lächelnd:

„Nein, Mamsell Louise, so rasch kann ich Ihre Dienste nicht entbehren; Sie sind mir noch sehr nothwendig im Haus, und ich bin auch keinesweges undankbar genug, zu vergessen, wie eifrig Sie sich meiner Wirthschaft und Kinder in der ersten schweren Zeit nach dem Tode meiner seligen Frau, wie auch später angenommen haben. Ich werde Ihnen das nie vergessen.“

„O bitte, Herr Olbers – war nicht mehr als meine Schuldigkeit,“ versetzte die Haushälterin, keineswegs dadurch zufriedengestellt. „Wenn nur andere Leute, die nach mir kommen, ihre Schuldigkeit eben so gut erfüllen. Die armen Kinder sind am Meisten zu beklagen.“

„Ich hoffe nicht, Mamsell Louise,“ sagte Olbers rasch – „Sabine Helbig liebt die Kinder und ich bin gerade im Begriff, sie zu ihr hinzuführen. Sie wird ihnen eine treue Mutter sein.“

„Das gebe Gott,“ sagte Mamsell Louise, nahm ihre Schlüssel auf und warf die Thür hinter sich in’s Schloß, daß die Scheiben klirrten.




Eine Stunde später ging Herr Olbers, mit den beiden Kindern an der Hand, der Wohnung seiner Braut entgegen. Die Augen der Kinder sahen aber roth und verweint aus, denn Mamsell Louise hatte ihnen gesagt, daß sie jetzt zum ersten Male der neuen Stiefmutter vorgeführt werden sollten, die dann wahrscheinlich bestimmen werde, was mit ihnen anzufangen wäre. Sie hatten sich im Anfange auch gesträubt, und gar nicht mitgehen wollen, das Herz war ihnen gar so schwer geworden, bis ihnen die Mamsell selber Muth einsprach und sie versicherte, die Stiefmutter werde ihnen nicht gleich etwas zu Leide thun. Sie sollten ihr nur zeigen, daß sie sich nicht vor ihr fürchteten.

Sabine hatte die Kinder schon mit Sehnsucht erwartet. Sie ging ihnen bis draußen an die Saalthür entgegen, und umarmte und küßte sie.

„Habt mich lieb, Ihr Kleinen,“ sagte sie dabei zu ihnen, während ihr die Thränen in den großen, klaren und so gutmüthigen Augen standen, „und ich will mit ganzer Seele an Euch hängen und Euch wieder lieben. Die verstorbene Mutter kann ich Euch freilich nicht ersetzen, aber eine treue Mutter will ich Euch dennoch werden nach meinen besten Kräften.“

„Aber doch nur eine Stiefmutter,“ sagte Lisbeth, und sah scheu den Bruder an.

Der armen Frau gab es bei dem Worte einen jähen Stich durch’s Herz. Es lag ein so herber Vorwurf darin, der doppelt schmerzlich von des Kindes Lippen klang und ihr unendlich weh that. „Wohl nur eine Stiefmutter,“ sagte sie endlich mit leiser, tiefbewegter Stimme, „aber doch eine Mutter, und wenn Ihr selber erst einmal erwachsen seid, Ihr lieben Kleinen, werdet Ihr begreifen lernen, was der Name bedeutet. Fürchtest Du Dich etwa vor einer Stiefmutter, Lisbeth, und glaubst Du, daß sie böse mit Dir sein würde?“

„Ja!“ sagte das Kind, halb in Angst, halb in Trotz der freundlich nach ihr ausgestreckten Hand entweichend – „wir wollen keine Stiefmutter haben.“

„Wer, um Gottes willen, hat den Kindern das in den Kopf gesetzt?“ rief Olbers jetzt erschreckt und tief erschüttert aus – „Lisbeth, Lisbeth! Du bist ein böses, unartiges Kind, und machst Deiner Mutter Schmerz, ehe sie nur unsere Schwelle betreten. Sieh, Franz ist weit artiger.“

„Franz mag auch keine Stiefmutter haben,“ sagte der Knabe trotzig, „daß sie mir den Kopf mit dem Kistendeckel abdrückt oder Lisbeth vergiftete Aepfel giebt.“

„Laß die Kinder, Heinrich,“ bat die Frau, als sie sah, wie der Vater ärgerlich darauf erwiedern wollte. „Sie haben den Kopf voll von den Märchen und Geschichten böser Stiefmütter, mit denen unsere Kinderbücher leider gefüllt sind, und der Zeit allein muß es überlassen bleiben, das zu verdrängen. Wenn sie mich näher kennen lernen, werden sie finden, daß ich ihnen keine solche Stiefmutter bin, und mich am Ende doch lieb gewinnen müssen.“ Sie küßte dann die Kleinen nochmals, die sich das nur ungern gefallen ließen und frug dann nach ihren Stunden und Spielen, bekam aber doch unvollkommene, scheue Antworten, und der Vater, der wohl fühlte, wie weh das unfreundliche Betragen der Kinder dem Herzen der armen Frau thun mußte, nahm sie bald wieder mit sich fort.

Vier Wochen später war die Hochzeit. Mamsell Louise verließ an demselben Tag, an dem die junge Frau einzog, das Haus, und nahm von den Kindern, die festlich gekleidet vor der Thüre spielten, während der Vater noch in der Kirche war, Abschied.

„Arme Kinder,“ sagte Madame Schmidt, die gekommen war, ihre Freundin abzuholen, indem sie Lisbeth aufnahm und küßte und Franzens Lockenkopf streichelte – „arme Kinder, Ihr bekommt nun heute eine Stiefmutter – aber wenn sie Euch knapp hält oder gar schlägt, dann kommt nur zu mir herüber. Ich bin es Euerer seligen Mutter schuldig, daß ich mich ihrer Kinder annehme. Ach, was die Männer doch für schreckliche Geschöpfe sind und daß sie eine solche Frau vergessen können.“

Die Kinder hörten auf zu spielen; es war ihnen gar so ängstlich und beklommen zu Muthe, und all’ die alten Geschichten und Märchen, die sie über böse Stiefmütter gehört, und die nur zu häufig und thörichter Weise den Kinderherzen eingeprägt werden, fielen ihnen wieder ein. Eine Stiefmutter war für sie, mit den Vorbildern von Aschenbrödel, Schneeweißchen, dem Wachholderbaum und wie die unglückseligen Erzählungen alle heißen, das Schrecklichste, was sich ihre jugendliche Phantasie nur ausmalen konnte, und als sie nun sogar auch noch von fremden Leuten bedauert wurden, fingen sie bitterlich an zu weinen.

Der Nachmittag und Abend verging in einem wahren Gewirr von Dingen. Es war eine Menge Leute geladen worden, die Hochzeit mit zu feiern, und wie das bei Hochzeiten ist, die Gäste tanzten und waren guter Dinge. Nur die junge Frau blieb still, so viel Mühe sich auch ihr Gatte geben mochte, sie aufzuheitern und fröhlicher zu stimmen. Sie hatte die Kinder zu Bett bringen wollen, diese aber weinten und schrien, als sie zu ihnen in’s Zimmer trat, und wollten sich nicht anrühren lassen. Sabine war dann still, und ohne Jemandem ein Wort zu sagen, zu der Gesellschaft zurückgegangen, aber sie vermochte nicht die schmerzlichen Gedanken zu bannen, daß ihr die Kinderherzen so entzogen sein sollten. Sie kam sich wie eine Fremde in dem Hause vor, daß von jetzt an ihre Heimath war, und selbst das Bild der früheren Gattin Olbers, das in der Wohnstube nach wie vor seinen Platz behauptete, schien ernst und zürnend auf sie niederzuschauen, als ob es sie aus den einst behaupteten Räumen zurückweisen wollte.




Sabine fand auch bald, daß ihre Furcht nicht ganz grundlos gewesen war, und sie in ihrem neuen Wirkungskreis mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

Die Mutter von Olbers verstorbener Frau, die stets großen Einfluß auf ihren Schwiegersohn ausgeübt, wohnte in derselben Straße mit ihnen und besuchte sie besonders in den ersten Wochen ihrer Ehe häufig. Theils geschah das, wie sie sagte, ihnen die Wirthschaft mit in Ordnung bringen zu helfen, „wie es ihre selige Tochter gehalten hätte,“ damit Olbers nicht so viel von seinen früher gewohnten Bequemlichkeiten vermisse, theils „nach den Kindern zu sehen.“

Sabine, von mildem, freundlichem Charakter empfing sie stets auf das Herzlichste, und folgte, wo das irgend ging, ihren Anordnungen. Den Kindern selber suchte sie dabei, wie sie es auch versprochen, in jeder Hinsicht die Mutter zu ersetzen, und vor allen Dingen ihre Liebe, ihr Vertrauen zu erwerben. Dabei aber hatte sie einen schweren Stand. Die Kinder waren in den letzten Jahren von der Wirthschafterin entsetzlich verwahrlost, von der Großmutter arg [verzogen worden, und gerade, wenn sie als] Mutter [634] an ihnen handeln und sie zu guten tüchtigen Menschen erziehen wollte, durfte sie das nicht Alles nachsehen, und mußte es ändern. Zuerst versuchte sie es wohl mit Liebe und ernsten Ermahnungen; sie wusch die Kinder selber und hielt sie zur Reinlichkeit an, sie regelte ihre Arbeits- und Spielstunden und verwieß ihnen die zahlreichen Unarten und Neckereien. Wo sie sich aber den eingerissenen Uebeln ernsthaft entgegenstellte, liefen die Kinder zur Großmutter, klagten ihr ihre Noth, und bekamen von ihr Näschereien, sie zu trösten und zu entschädigen.

Sabine erfuhr das und machte dem Gatten ernsthafte Vorstellungen darüber. Olbers hatte aber so viel mit seinen Geschäften zu thun und dabei eine so durch lange Jahre eingewurzelte Scheu vor seiner Schwiegermutter, besonders in allen die Kinder betreffenden Fällen, daß er sich jeder persönlichen Einwirkung auf das Aengstlichste entzog und Sabinen das schwere Werk allein überließ.

Und wäre es ihr nur allein überlassen worden, sie hätte sich der Aufgabe nicht gescheut; aber Andere arbeiteten zu gleicher Zeit daran, das, was sie nützte, mit geschäftigen Händen zu zerstören, und mit Gram und bitterem Leid sah sie, wie sich die Herzen der Kleinen trotz ihrer Liebe und Aufopferung mehr und mehr von ihr abwandten.

Nicht allein die Großmutter, nein, auch die frühere Wirthschaftsmamsell, wie geschäftige und müßige Nachbarsleute, säeten dabei giftige Körner in den Acker, den sie mit ihrem eigenen Herzblut düngte. Verwieß sie den Kindern ihre Unarten, oder war sie genöthigt, sie zu strafen, so schrien Alle, die vorgaben es gut mit den Kindern zu meinen: „Ja, die Stiefmutter! Jetzt streckt sie die Fänge heraus, nun sie festen Fuß gefaßt hat – jetzt können die armen verlassenen Würmer sehen, wie es ihnen geht, und zu ihrer seligen Mutter beten, daß sie sie zu sich nimmt.“ Und sah sie leichtere Fehler nach, hoffte sie, müde des Strafens, durch Geduld und freundliche Warnung die Kinder zum Bessern zu führen, hieß es eben wieder auch: „Ja, die Stiefmutter! – wären es ihre eigenen Kinder, würde sie ihnen das nicht hingehen lassen. Was liegt ihr aber daran, wie die aufwachsen und was einmal aus ihnen wird – es sind ja doch nur ihre Stiefkinder – die armen Würmer!“

Wohin die Kinder kamen, wurden sie gehätschelt, bedauert und – ausgefragt, nach Allem was im Hause vorging und wie sich die Stiefmutter gegen sie benähme. Die Menschen sind ja nur zu sehr geneigt, Böses von einander zu glauben und zu reden, und den Kinderherzen prägt sich das in unverwischbaren Zügen ein. Was die Mutter auch zu Hause that, sich ihre Liebe zu gewinnen, ohne ihnen selber dabei zu schaden, andere Leute, die ihnen schmeichelten und ihnen Näschereien gaben, „sie für die Entbehrungen im Hause zu trösten,“ bestätigten sie in dem Glauben, daß sie schlecht behandelt würden, und die Kluft, die sich zwischen Kindern und Mutter geöffnet hatte, riß weiter und weiter.

In diese Zeit fiel es, daß Lisbeth an einem Scharlachfieber erkrankte, das wenige Tage später auch den Bruder ergriff und auf sein Lager warf. Sabine pflegte die Kinder mit Aufopferung aller ihrer Kräfte. Die Krankheit trat aber besonders bei dem Knaben so bösartig und hartnäckig auf, daß jede Sorgfalt der Aerzte, jede Pflege der Mutter nutzlos blieb. Während in Sabinens Armen der Knabe starb, lag Lisbeth in Fieberphantasien in ihrem Bettchen und rief nach ihrer rechten Mutter, denn ihre Stiefmutter hätte ihr Gift gegeben und wolle sie jetzt erwürgen.

Sabine ertrug Alles; das Herz hätte ihr bei den Anklagen, die von den bewußtlosen Lippen des Kindes strömten, brechen mögen, aber sie wankte nicht in ihrer Pflicht und wachte Tag und Nacht an dem Lager der Fieberkranken, bis diese die schwere Krisis überstanden hatte und wieder zur Besinnung kam.

Was aber den, Geist des Kindes in wirren Träumen vorgeschwebt, lag ihm in dunklen Bildern auch noch auf der wachenden Seele, und kaum erkannte sie die Stiefmutter an ihrem Lager, als sie laut aufschrie, die nach ihr ausgestreckte Hand von sich stieß und sie von ihrem Bette wehrte. Keine Bitte, keine Vorstellung half dabei, sie beruhigte sich nicht eher wieder, bis die Großmutter selber kam sie zu Pflegen, und als sie sich endlich wieder erholte und den Tod des Bruders erfuhr, jammerte und weinte sie und klagte die Stiefmutter an, die ihn mit ihren Tränken vergiftet habe.

Es war eine trübe, schwere Zeit im Haus, und die arme Frau litt am Meisten dabei. Sie hatte Niemanden, der sie verstand, Niemand, der sie in dem schweren unternommenen Werk unterstützt hätte, und so sehr sie sich auch Gewalt anthat, dem Gatten nicht merken zu lassen, wie unglücklich sie der Widerwille mache, den das Kind zu ihr gefaßt, und so wenig Olbers auch sonst Augen für das hatte, was in seinem eigenen Hause vorging, konnte es ihm doch endlich nicht länger verborgen bleiben. Das bleiche abgehärmte Aussehen der Frau fiel ihm zuerst auf, und als er auf seine Fragen im Anfang ausweichende Antworten erhielt und zuletzt die Frau ihm mit Thränen im Auge, den wahren Sachverhalt gestand – wie sie Alles thäte was in ihren Kräften stände, sich die Liebe der Tochter zu erwerben, aber nur mehr und mehr von ihr gehaßt werde – faßte er, zu spät den Entschluß, da selber einzuschreiten.

Der früheren Wirthschaftsmamsell, in der Sabine mit Recht ihre gefährlichste Gegnerin fürchtete, wurde das Haus verboten, und Lisbeth, die doch jetzt alt genug geworden war, den Unterschied zwischen einer guten und bösen Stiefmutter machen zu können, nahm er ernsthaft vor, schilderte ihr die Sorge, die ihre jetzige Mutter mit ihr gehabt, den Gram, den sie leide, sich des Kindes Herz nicht gewinnen zu können, und forderte Lisbeth auf, ihm zu sagen, was sie gegen die Stiefmutter habe – was sie gethan, was unterlassen, daß sie ihr nicht die gebührende Achtung und Liebe erweise. – Lieber Gott, was helfen Worte einem Gefühl, einem Vorurtheil gegenüber, daß schon so fest und unvertilgbar in dem Herzen des Kindes seine giftigen Wurzeln geschlagen. Einen Grund vermochte Lisbeth auch nicht anzugeben, denn die Märchen und Geschichten zu nennen, die sie über Stiefmütter gelesen, schämte sie sich; versprach auch, sich zu ändern und der Mutter in Allem zu folgen, was sie ihr befehlen würde. Dabei blieb es aber; im Anfang that sie sich Zwang an, den Vater nicht zu kränken, denn in allen anderen Stücken war Lisbeth ein gutes, braves Mädchen, den Widerwillen gegen die Stiefmutter vermochte sie jedoch nicht zu unterdrücken.

Selbst mit den Jahren milderte sich das nicht, ja wuchs eher und wurde schlimmer und bösartiger. In jedem Befehl der Mutter sah die Tochter irgend eine Kränkung, die ihr, dem fremden Kinde, angethan wurde, und so ungern Sabine sich dazu verstand, blieb ihr zuletzt doch nichts Anderes übrig, als den Bitten des Gatten nachzugeben und die Stieftochter, die sich nun einmal nicht wohl und glücklich bei ihr fühlte, in ein entferntes Pensionat zu thun. Es war ihr ein unendlich schmerzliches Gefühl, ihrethalben das Kind vom Vater zu trennen, aber sie sah auch endlich ein, daß es das einzige, letzte Mittel blieb, den schon längst verlorenen Hausfrieden wieder zu gewinnen.

Das Geschrei, das die Nachbarn darüber erhoben, läßt sich denken. Die Stiefmutter hatte natürlich, ihrer Auslegung nach, das rechte Kind aus dem Hause gestoßen, das Herz des Vaters ihm zu entfremden und dessen Liebe allein dem eigenen jetzt erwarteten Kinde zuzuwenden. Die Großmutter widersetzte sich auch im Anfang mit allem Einfluß der Maßregel, die sie allein von der Frau ausgehend glaubte. Olbers blieb aber zum ersten Mal fest in seinem Entschluß, und Lisbeth selber jauchzte der Stunde entgegen, die sie aus der Nähe der verhaßten Frau brachte und einem, wie sie glaubte, freierem Leben entgegenführte.

Sabine hoffte dabei, daß Lisbeth, entfernt von ihr und dem Einfluß entzogen, den bösgesinnte Menschen hier auf sie ausübten, ihre Ungerechtigkeit gegen sie mit der Zeit einsehen würde, alte, mit der Muttermilch eingesogene Vorurtheile sind aber schwer zu beseitigen, und Lisbeth nährte eher den Haß in der Fremde als daß sie ihn vergaß.

Sechs Monate war sie vom Haus jetzt entfernt, und dachte schon daran, den Vater wenigstens in der nächsten Zeit einmal zu besuchen und ihre Großmutter wieder zu sehen, an der sie mit ganzer Liebe hing, als sie die Nachricht von zu Hause erhielt, daß ihre Stiefmutter den Gatten vor einigen Tagen mit einem Töchterchen beschenkt habe. Das Kind, setzte der Vater hinzu, befinde sich wohl, die Mutter sei aber noch sehr angegriffen und schwach, und hätte ihm nur viele und herzliche Grüße an sie aufgetragen.

Lisbeth knitterte den Brief zusammen, schleuderte ihn in die Ecke und öffnete einen zweiten, den sie gleichzeitig von ihrer früheren „Erzieherin,“ der „Tante Louise,“ erhalten hatte. Diese meldete ihr ebenfalls die Geburt der Stiefschwester, aber mit hämischen Beibemerkungen, „wie jetzt des Lebens im Hause kein Ende

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Die Gartenlaube (1855) b 635.jpg

Die neue Central-Lesehalle im britischen Museum.


sein, und das rechte Kind, erst verstoßen, nun auch wohl bald vergessen werden würde. „Der kleine Wurm sei der wirkliche Abgott im Hause geworden und werde förmlich angebetet.“

„Ich wollte zu Gott, der Balg stürbe,“ murmelte Lisbeth zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen durch, und eine bittere Thräne des Unmuths und Hasses füllte ihre sonst so klaren Augen. Hatte sie vorher ihre Stiefmutter gehaßt, so war dies böse Gefühl durch die Geburt des Kindes womöglich noch gesteigert worden, und fand nur neue Nahrung in dem Dasein des kleinen unschuldigen Wesens.

So vergingen mehrere Wochen. Lisbeth hatte in der Zeit keine weitere Nachricht von zu Hause erhalten, als plötzlich ein Brief eintraf, der ihr den rasch erfolgten Tod des Kindes meldete. Die Nachricht traf sie wie ein Donnerschlag, und von regem Geist wie sie war, stieg in ihr jählings der furchtbare Gedanke auf, daß dieser Tod ihrem frevlem Wunsch gefolgt und sie die Ursache sei. Ein heftiger Weinkrampf überfiel sie, der noch am nämlichen Abend in ein hitziges lebensgefährliches Fieber ausartete und sie Monate lang an ihr Lager fesselte. Ihr Vater kam in der Zeit, sie zu besuchen, und zum ersten Mal verlangte sie nach ihrer Stiefmutter. Sabine lag aber selber, durch den Tod des Kindes furchtbar erschüttert und angegriffen, auf dem Krankenbett und konnte nicht zu ihr eilen, und einsam, von fremden Leuten gepflegt, verbrachte Lisbeth die lange traurige Zeit.

Ihre jugendlich kräftige Natur erholte sich endlich wieder, aber das nicht allein, nein, mit der Krankheit hatte sie auch noch einen anderen, schlimmeren Feind abgeschüttelt, der sie und Andere bis dahin elend, unglücklich gemacht. Es war das Vorurtheil gegen die Stiefmutter, das bis jetzt ihr sonst gutes Herz umnachtet gehalten. Noch nie hatte ihr Sabine ein böses, wenigstens ein ungerechtes Wort gesagt, noch nichts Anderes ihr wie Liebes und Gutes, mit einer Engelsgeduld erwiesen, und wie hatte sie selber ihr nun das gedankt? – Alles, Alles war vergebens, und Liebe und Aufopferung an sie verschwendet gewesen, nur des Phantoms wegen, das in ihr die Stiefmutter gesehen, und die Augen hätte sie sich jetzt aus dem Kopf weinen mögen, wenn sie daran zurückdachte, was sie gethan und wie sie sich betragen. Andere Menschen trugen wohl mit ihr große Schuld, und hatten, vielleicht mit selbstsüchtigen Absichten, vielleicht aus Unwissenheit, den bösen Samen noch gepflegt und genährt, den sie mit der Wurzel hätten ausreißen und vernichten sollen. Aber sie selber machte sich doch die bittersten Vorwürfe, mit Absicht blind gegen Alles gewesen zu sein, was ihr die Stiefmutter Gutes gethan und womit sie gestrebt, sich ihre Liebe zu erwerben. Sie sehnte sich danach, das endlich zu sühnen, endlich ihr Alles, Alles zu gestehen und – wenn das möglich sei – ihre Verzeihung zu erlangen.

Diese Sehnsucht gab ihr Kräfte und beschleunigte ihre Genesung, und noch ehe der Arzt ihr volle Erlaubniß ertheilt, das Krankenzimmer verfassen zu dürfen und eine Reise zu unternehmen, flog sie mit dem Bahnzug ihrer Heimath wieder zu.

Eine eigene Angst überkam sie, als ihr Wagen vor dem väterlichen Hause hielt und Niemand herbeieilte, sie zu bewillkommnen. Todtenstille herrschte im Haus, und nur ein paar fremde Frauen kreuzten mit heimlicher Geschäftigkeit die Hausflur und nahmen nicht die geringste Notiz von ihr. Sie eilte die Treppe hinauf, die zu den Zimmern der Stiefmutter führte und begegnete hier dem Arzt. Dieser, der sie erkannte, bat sie, sich zu fassen, und verkündete [636] ihr dabei mit dürren Worten, daß ihre Stiefmutter den heutigen Tag nicht überleben würde.“

Die Frau schwieg hier und holte tief Athem. Es war fast als ob sie sich Gewalt anthue, den Antheil nicht zu verrathen, den sie selbst an der Erzählung nähme, die Tochter aber wagte nicht, sie zu unterbrechen oder zu stören, und nach einigen Minuten fuhr jene mit kaum hörbarer, tief bewegter Stimme langsam fort:

„Lisbeth stand eine ganze Zeit lang wie in den Boden gewurzelt, und in Schmerz, Reue und Furcht drohten ihr fast die Glieder den Dienst zu versagen. Sie kam auch wirklich erst wieder zu sich, als ihr Vater selber die Thür öffnete, die Tochter erkennend, das liebe Kind in seine Arme schloß und es dann leise und zögernd, mit flüsternder Bitte, der Kranken nur ein einziges freundliches Wort zu sagen, zum Bett derselben führte.

Da brach das Eis, das bis dahin Lisbeth’s starres Herz umschlossen, da, mit aufquellenden Thränen und von innerer Rührung fast erstickter Stimme, warf sie sich am Bett der Kranken nieder, und diese mit ihren Armen umschlingend, rief sie:

„Mutter – liebe, liebe Mutter – kannst Du mir verzeihen?“

„Mein Kind – mein liebes Kind – o, Gott sei ewig gepriesen und gelobt,“ rief die Kranke. Sie schlang die Arme dabei fest um Lisbeth’s Nacken und zog sie zu sich nieder, ihrem Kuß begegnend. Aber ihre Arme wurden schwer – ihr Kopf bog sich zurück – ihre Lippen erkalteten – das treue Herz hörte auf zu schlagen und ich – hielt eine Leiche in meinen Armen.“

„Du, Mama?“ rief Sabine überrascht.

„Ich war jene Lisbeth,“ flüsterte die Mutter, langsam und traurig, dazu mit dem Kopfe nickend – „ich war jenes leichtsinnige, thörichte Geschöpf, das das Herz der besten Frau mit brechen half, und jetzt seine Lebenszeit kaum für hinreichend hält, durch Warnung Anderer den Schaden wieder gut zu machen. Ja, mein Herz, wohl manche Frau mag es geben, die gegen ihrer Sorgfalt anvertraute Stiefkinder nicht die Liebe zeigt, die sie zeigen sollte, sie hier und da auch schlecht und bös behandelt – es giebt in allen Lebensfällen, böse Menschen. Aber unrecht, entsetzlich unrecht handeln wir, wenn wir durch rasche Worte oder mehr noch durch eine systematische Verbreitung dieses Vorurtheils in der Kinderwelt, den armen Frauen, die ihr Geschick einmal in diese Stellung führte, die Ausübung ihrer Pflicht so arg erschweren, ja, oft von vornherein unmöglich machen. Du, mein Kind, bist nach einer der besten Frauen genannt, die je gelebt, nach meiner Stiefmutter, und ihret-, ja auch meinetwegen bitte ich Dich, nicht allein Dein altes Vorurtheil zu vergessen, nein, auch bei Andern zu bekämpfen. Versprichst Du mir das, und willst Du auch Sabinens Schatten mir versöhnen helfen?“

„Du liebe, gute Mutter,“ rief, innig gerührt, die Tochter und warf sich an der Mutter Brust – „wie hast Du mich beschämt, daß ich so ungerecht gewesen.“

„Du bist nicht schlimmer als alle Andere, liebes Kind,“ sagte die Mutter, ihre Stirn küssend – „ich wollte nur, Du solltest besser sein.“

„Und darf ich Adelen Deine Geschichte erzählen?“ rief das junge Mädchen, sich plötzlich mit leuchtenden Augen emporrichtend.

„Wenn Du willst, mein Kind,“ lächelte die Mutter durch ein paar klare Thränen hin, die die Erinnerung ihr in’s Auge getrieben – „denn wenn nur einer armen Mutter Herz durch die Erzählung unverdienter Sorge, ungerechter Klage ledig wird, so hat sie ihren schönsten Zweck erreicht.“




Das britische Museum und die neue Central-Lesehalle.
(Mit Abbildung.)

London ist jetzt sehr bedeutend in Motion, in Bewegung, Agitationen, Demonstrationen, Associationen, Leaguen gegen theures Brot und für billigeres, Arbeiter-Meetings für den Frieden (da der Krieg unter diesen Herrschaften, mögen sie auch zuweilen in Namen und Personen wechseln, doch nur zum Verderben Englands ausfallen könne), Vereine gegen Sonntags-Beschränkungen, zur Eröffnung des Krystallpalastes, des britischen Museums, der Nationalgalerie an Sonntagen, zur frühen Schließung der Geschäftslokale Abends, besonders Sonnabends (um zwei Uhr) und ein paar Dutzend andere Verbindungen für irgend eine Befreiung und gegen irgend eine historische Last halten die Klassen der Bevölkerung, welche kein Interesse an den Privilegien „der obersten Zehntausend“ haben, in sehr mannigfaltiger Bewegung. Bewegung ist Leben und Leben ist immer interessant, mag es Früchte tragen oder nicht. Viele dieser Bewegungen werden, wie unzählige andere, sich spurlos wieder zur Ruhe begeben; aber die Friedens-Agitationen unter den arbeitenden Klassen gegen den Krieg, der immer „des Volkes Krieg“ titulirt ward und die Hyde-Park-Demonstrationen gegen theures Brot und die Leaguen für wohlfeileres, geistiges Brot scheinen so viel Lebenskraft zu haben, daß sie wohl nicht spurlos verlaufen werden. Es macht dem Volke Ehre, daß es nicht blos für wohlfeilen türkischen Weizen agitirt, sondern auch für das Brot des Lebens und der Bildung, das es hauptsächlich an Sonntagen essen will. Brot der Bildung, der Erholung, der geistigen Erquickung nach sechstägigem Plack in Rauch und Dunst, im Donner und Dampf der Maschinen: also Eröffnung der Bildungs- und Erholungsanstalten an Sonntagen, des Krystallpalastes, des britischen Museums, der Nationalgalerie und anderer Tempel der Wissenschaft, Kunst und Schönheit, welche Aristokratie und Geistlichkeit gerade an dem einzigen Tage, an welchem es Zeit hat, verschloß.

Wir erwähnen hier besonders die „nationale Sonntags-League“ zur Eröffnung des britischen Museums, der Nationalgalerie und des Krystallpalastes an Sonntagen nach der Kirche. An der Spitze derselben stehen die reichsten Gewerbe-Innungen der Goldschmiede, Silberschmiede und Juweliere mit Sir Josua Walmsley, dem Parlamentsmitgliede, als ihrem Führer, der die betreffende Petition dem Parlamente vortragen will. Die Petition wird von allen Sorten der nicht privilegirten Bevölkerung unterstützt und unterschrieben. Es heißt darin unter Anderem ganz treffend und schön: „Wir wollen den Vortheil der Einwirkung des Wissens, der Kunst, des Schönen nicht blos für uns, die arbeitenden und bildenden Klassen, die allerdings eine wesentliche Bedingung ihres Gedeihens in dem Geschmacke finden, womit sie Rohstoffe zur Verschönerung und Erheiterung des Lebens, zu Werthgegenständen, zu Ornamenten veredeln, sondern für das ganze Volk, da wir überzeugt sind, daß zur Bildung wahren Geschmackes und gesunder Kultur nicht blos die künstlerische Hand des Producenten gehört, sondern auch der Consument und Käufer im Stande sein muß, wahre Kunst und Schönheit zu würdigen.“

Das ist ein edles und schönes Motto für diese Agitation, die sich jedenfalls durchsetzen wird. Und dann beginnt eine neue Zeit für England. Dann erst fangen die reichen Saaten der Wissenschaft und Schönheit, aufgespeichert im Museum, im Krystallpalaste u. s. w. in Millionen Köpfen und Herzen an zu keimen und zu knospen, zu blühen und zu fruchten.

Wer im Volke hat jetzt eine Ahnung von der unerschöpflichen, unzähligen Masse gebuchter Weisheit aller Zeiten, Zonen, Völker und Wissenschaften im britischen Museum, diese Centralbibliothek der ganzen Erde! Das Seltenste, Kostbarste, Aelteste, Wichtigste, Vollständigste für jedes Studium – hier findet man es. Bücher und Manuscripte und Denkmäler, die Jahrtausende vor Christi Geburt vergegenwärtigen, die einzige wirkliche Handschrift Shakespeare’s, vollständige Placatensammlungen aus allen Revolutionen der Erde, Quellen für jeden Mann der Wissenschaft in jeder Sphäre – sie vereinigen sich im britischen Museum. Will man Quellenstudien über Dinge machen, die Tausende von Meilen oder Tausende von Jahren abliegen, muß man in’s britische Museum gehen. Will man wissen, wer eigentlich „Aujust Buddelmeier mit ’n jroßen Bart,“ wer eigentlich „Isaak Moses Hersch“ in Berlin war, will man die ausnahmslos vollständigste Sammlung aller Placate und Broschüren von 1848 u. s. w. mit Datum, wirklichem Namen der Verfasser und deren Verhältnisse beisammen haben, muß man das britische Museum besuchen, diese endlos lange Stadt von [637] Straßen mit sechs Stockwerk hohen Häuserreihen, mit Mauern von Büchern, deren seit dreißig Jahren neuerscheinender Katalog allein eine reiche, lange Bibliothek bildet, und der nie vollendet werden kann, da immer mehr Bücher hinzukommen, als katalogisirt werden können.

(Der Kuriosität wegen erwähne ich hier, daß Verfasser dieser Zeilen und von mehr als einem Schock Büchern und Broschüren, die er nicht einmal dem Namen nach mehr kennt, im britischen Museum allein erfahren und sehen kann, was er Alles für typographische Sünden begangen.)

Es fehlt auch im britischen Museum, wie in jeder englischen Administration, an Ordnung und Organisation, so daß namentlich Fremde, die hierher kommen, um „Quellen“ zu studiren, oft länger daran studiren müssen, wo und wie sie diese Quellen entdecken können als in ihnen selbst. Jetzt aber wird’s besser und heiterer. Für die Leser hat man in dem freien Quadrat innerhalb des Museums eine Lesehalle von der imposantesten Größe zu bauen angefangen, und von diesem Centrum aus alle Bücher und Kunstschätze leichter zugänglich gemacht. Diese Lesehalle, ist jedenfalls die großartigste Halbkugel der Gelehrsamkeit und des Studiums auf dem ganzen Erdglobus, eine auf die Erde gesenkte St. Paulskuppel, 140 Fuß im geradlinigen Durchmesser, 106 Fuß hoch, erleuchtet von 20 großen Fenstern oben, die durch die erste Biegung des Domes Licht einfangen, während das große, offene, mit Glas bedeckte Auge der Krone oben, 40 Fuß im Durchmesser, es geradstrahlig heruntergießt. Die Mitte der ungeheuern Rundung unten bildet eine erhöhte Plateforme für den Aufseher des Ganzen, mit zwei concentrischen Reihen von Pulten herum. Von diesem Centrum aus laufen die Tische und Bänke zum Lesen und Studiren in geradlinigen Radien nach der Peripherie des Kreises, mit 4 Fuß Raum für jeden Leser, so daß im Ganzen 336 gleichzeitig Platz finden. Dabei bleiben natürlich die Tausende von Plätzen innerhalb der Bücherstraßen. Der eingeschlossene Raum der Lesehalle enthält 11/4 Millionen Kubikfuß Luft mit guter Sommer- und Winterventilation. Die Wände innerhalb gewähren in gußeisernen Schränken Raum für mehr als eine Million Bücher. Oben Galerien, Freskogemälde u. s. w., wozu noch Statuen kommen sollen. Das äußere Dach ist von Kupfer, der Fußboden auf den Galerien von Schiefer. Die Kosten des Ganzen sind auf 100,000 Pfund Sterling veranschlagt worden. So bekommt die wissenschaftliche Menschheit hier die splendideste, großartigste Lesehalle, die, wie die reichen, herrlichen Kunst- und antiquarischen Schätze untergegangener Völker, jedem Volke jeden Tag zugänglich und genießbar gemacht werden wird.




Bausteine zu einer naturgemäßen Selbstheillehre.
Die Leiden des Stimm- und Singorgans.

Warum hört man wohl so selten eine schön, reine und klangvolle Stimme beim Sprechen und Singen? Weil man das Stimm- und Singorgan, den Kehlkopf (s. Gartenl. 1855. Nr. 43), so schlecht behandelt und zwar schon von Kindheit an. Eben deshalb wird dieses Organ aber auch so oft von Krankheiten heimgesucht. - Welch einen heisern Bierbaß mit obligatem Schleimgekrächze bringt nicht mancher Herr Candidat von der Universität als Frucht seiner Studien bei Rauch-, Sing- und Trinkconvivien mit in die Provinz. Wie hölzern-klanglos klingen nicht bei verfütterten krummbeinigen Kindern und leichtschnupfigen, sogen. scrophulösen Personen die Gaumentöne, welche sich zwischen dicken Mandeln wie zwischen einem Paare großer Klöße im Munde durchquetschen müssen. Als ob die Stimmbänder mit einem Pelzflecke überkleidet wären, so rauh und pelzig machen öfters wiederkehrende, durch Erkältung und unreine Luft herbeigeführte Kehlkopfskatarrhe, sowie Ueberanstrengung des Stimmorgans die Stimme. Kurz, würde besser auf das gehörige Maaß beim Gebrauche der Stimme, auf die Beschaffenheit der Luft, welche durch die Stimmritze strömt, auf die festen und flüssigen Stoffe, welche beim Verschlucken über und an dem Kehlkopfe hingleiten, auf die den Kehlkopf umgebenden Halsparthien und das Aeußere des Halses geachtet, es gäbe sicherlich viel mehr gute Stimmen und weniger Kehlkopfsleiden.

Sehr starke und längere Zeit anhaltende Anstrengungen der Stimmbänder (durch Schreien, Singen, Sprechen) erzeugen sehr oft, besonders bei Kanzelrednern, Schullehrern, Sängern und Commandirenden, eine Stimmverstimmung (dysphonia clericorum), bei welcher die Stimme schwach, klanglos und ungleich, weniger metallisch, vorübergehend rauh und heiser, bald hoch und überschlagend, bald tief und monoton wird. Lautes und längeres Sprechen und Singen ruft hierbei sehr bald Trockenheitsgefühl und Schmerzen im Kehlkopfe hervor. Diese Stimmverstimmung, welche Singlehrer gar nicht selten durch zu vieles und langes Ueben ihrer Schüler veranlassen, scheint theils auf einem durch Ueberreizung erzeugten Schwächezustande der Kehlkopfs-Muskeln und Nerven, theils auf einem, vorzugsweise einzelne Drüschen der Kehlkopfsschleimhaut befallenden Katarrh zu beruhen.

Was die Luft betrifft, welche durch die Stimmritze strömt, so kann diese, wenn sie sehr kalt und rauh, mit Staub, Rauch oder schädlichen, besonders ätzendscharfen Gasarten (Chlor, Ammoniak, Leuchtgas, Kohlensäure) verunreinigt ist, sehr leicht eine so heftige Entzündung der Kehlkopfsschleimhaut veranlassen, die, wenn sie auch wieder verschwindet, doch eine Verdickung des Stimmbänderüberzuges und somit eine schlechte Stimme hinterläßt. Vorzüglich leicht tritt eine solche Entzündung dann ein, wenn der durch Singen, längeres und lautes Sprechen, Einathmen warmer Luft u. s. w. erhitzte Kehlkopf plötzlich von kalter, rauher Luft durchzogen wird. Deshalb müssen alle, die ihre Stimme lieb haben, wenn sie ihren Kehlkopf anstrengten oder sich im warmen Zimmer aufhielten und hinaus in kalte Luft treten, den Mund schließen und durch die Nase oder, können sie den Mund nicht halten, durch ein Tuch, am besten aber durch einen Respirator Athem holen. – Bei kleinen Kindern kann kalte rauhe Luft (Ost- und Nordwind) sehr leicht den tödtlichen Croup erzeugen, bei welchem Erstickung durch Verstopfung der Stimmritze des Kehlkopfes eintritt.

Speisen und Getränke können insofern Einfluß auf die Stimme ausüben, als sie beim Verschlucken über den Kehldeckel hinweg und an der hintern Wand des Kehlkopfes hinunter gleiten, dadurch aber mit derselben Schleimhaut in Berührung kommen, die sich auch in die Stimmritze hinein erstreckt. Deshalb können recht leicht scharfe Stoffe, besonders Gewürze (Pfeffer, Senf) und starke Spirituosa die Kehlkopfsschleimhaut in Entzündung versetzen. Am leichtesten ist dies aber möglich, wenn man nach Anstrengungen des Kehlkopfs Kaltes (Eis, Wasser) genießt. Es läßt sich hieraus auch der Nutzen milder, schleimiger Stoffe für den Kehlkopf erklärlich finden. - In seltenern Fällen trägt das Einbringen von Speisetheilchen in den Kehlkopf oder in die sogen. falsche Kehle Schuld an Kehlkopfsleiden.

Der Hals, von dem der Kehlkopf einen Bestandtheil ausmacht, besitzt außer diesem noch Organe, die bei Krankheitszuständen auf den Kehlkopf und so unmittelbar auch auf die Stimme einwirken können. Besonders thun dies oft die Anschwellungen der Drüsen des Halses, vorzüglich der Schilddrüse (d. i. der Kropf). – Auch kann enge Halsbekleidung, sowie plötzliche Kälteeinwirkung auf den warmen (erhitzten und schwitzenden) Hals dem Kehlkopfe und der Stimme Schaden bringen.

Unter den Krankheitserscheinungen bei Kehlkopfsleiden steht die Veränderung der Stimme und der Husten oben an. Die Stimme kann die verschiedensten abnormen Eigenschaften annehmen, sie kann heiser, rauh, pfeifend, klanglos, dumpf, matt u. s. f. werden (Dysphonie) und wohl auch ganz und gar verschwinden (Aphonie). Der Husten, gewöhnlich mit Auswurf von dünnem oder dicklichem Schleim in Klümpchen verbunden, zeigt ebenfalls große Verschiedenheiten; er kann kurz, hoch, tief, bellend, pfeifend, krähend u. s. w. sein. Das Athmen ist nicht selten (manchmal bis zur Erstickung) erschwert und geräuschvoll (scharf, rauh, zischend, pfeifend, rasselnd). Das Sprechen und bisweilen auch das Schlingen (wobei doch der Kehlkopf nicht blos bewegt, sondern auch berührt wird) rufen manchmal Schmerzen hervor, auch werden nicht selten unangenehme Empfindungen (von Trockenheit, Hitze, Drücken, Kratzen, Stechen, Kitzeln, Brennen, Spannen, Zusammenschnüren) [638] im Kehlkopfe verspürt. Für den Arzt muß dann noch die äußere und innere Untersuchung des Kehlkopfes weitere Auskunft über das Leiden desselben geben. – Was die Kehlkopfskrankheiten betrifft, so ist von ihnen der Katarrh die häufigste, auch sehr viele andere Krankheiten begleitende und glücklicher Weise in den allermeisten Fällen die ungefährlichste, denn er verschwindet in der Regel nach 3 bis 8 Tagen bei richtigem diätetischem Verhalten ganz von selbst. Wohl kann derselbe aber bei Kindern, wenn nicht die gehörige Vorsicht dabei angewendet wird, durch Steigerung der katarrhalischen Entzündung zu Croup oder durch Ausdehnung derselben bis in die Lunge tödtlich ablaufen; auch ist es schon vorgekommen, daß durch Mißhandlung eines Kehlkopfskatarrhs bei Erwachsenen Erstickung durch wäßrige Schwellung der Schleimhaut (Oedem) eingetreten ist. Jedenfalls vermögen bei Erwachsenen öfter wiederkehrende und längere Zeit andauernde Kehlkopfskatarrhe durch Verdickung des Schleimhautüberzuges der Stimmbänder der Stimme Klang und Metall für immer zu rauben, wenn nicht gar Verengerung der Stimmritze nach sich zu ziehen. Deshalb sind derartige Katarrhe so viel als möglich zu verhüten oder doch gleich bei ihrem Entstehen wohl zu beachten. Die von Vielen ganz mit Unrecht so sehr gefürchtete Kehlkopfsschwindsucht (d. i. die Zerstörung der Kehlkopfsschleimhaut durch Geschwüre) entspringt äußerst selten aus Katarrhen und ist überhaupt, wenn sie wirklich vorkommt, gewisser und nur dem Arzte wichtiger Nebenumstände wegen, von keiner großen Bedeutung.

Bei Behandlung der Kehlkopfskrankheiten ist die oberste Bedingung „Ruhe des Stimmorgans“ und deshalb muß, zumal lautes, Sprechen und Singen ganz unterbleiben. – Sodann muß die Luft, welche der Patient einathmet, stets (auch bei Nacht) warm (gegen + 15 ° R.) und ganz rein sein. Besonders ist schneller Wechsel zwischen warmer und kalter Luft, besonders bei Kindern, ängstlich zu vermeiden und deshalb kann, wenn der Patient nicht fortwährend in dem warmen Zimmer bleiben kann, der Respirator (s. Gartenlaube 1855, Nr. 8) bei Kehlkopfsleiden als das vortrefflichste Sicherungs- und Heilmittel empfohlen werden. – In Bezug auf Speise und Trank, so sind nur warme, milde und reizlose, vorzugsweise flüssige, breiige und schleimige Nahrungsstoffe zu genießen, alles Kalte und Reizende (Gewürze, Spirituosa) aber streng zu vermeiden. – Der Hals braucht nur mäßig warm und locker eingehüllt zu werden; Blutegel, Umschläge, Senfpflaster, Pockensalbe, spanische Fliegen und Haarseile nützen so gut wie nichts und dienen nur zur Plage des Kranken. Vortheilhaft sind dagegen Einathmungen von warmen Wasser-Dämpfen und in hartnäckigen Fällen von Seiten des Arztes die örtliche Anwendung des Höllensteins direkt auf die Schleimhaut des Kehlkopfes. Es versteht sich übrigens wohl von selbst, daß Alles, was den Herzschlag und das Athmen beschleunigt, also jede Erhitzung und Anstrengung, so viel als nur möglich zu fliehen ist, und daß man sich vor jeder Erkältung zu hüten hat. – Um den Hals gegen den schädlichen Einfluß rauher Witterung, kalter Zugluft und plötzlichen Temperaturtwechsels unempfindlicher zu machen (d. i. stärken), gewöhne man denselben allmälig an größere Kälte und zwar mit Hülfe kühler und kalter Waschungen (besonders auch des Nackens) und durch leichte Bekleidung oder Bloßtragen desselben.
Bock. 




Die Thronfolgerin des „kranken Mannes.“ Kartoffel und ein neuer Trank dazu.

Ich weiß nicht mehr, welcher Professor es war, der seinen Vortrag damit anfing: „Meine Herren, wenn Sie Kartoffeln essen, dann gehen Sie lieber gleich wieder nach Hause, weil Sie in diesem Falle meine Vorlesung nicht verstehen können.“ Der Mann hatte so Unrecht nicht. Ich weiß nicht, wie viel Decimalbrüche von Geist in den Kartoffeln stecken, wenig ist’s aber jedenfalls, so wenig, daß der Mensch auf die Dauer auch nicht in der geringsten Sphäre der Kultur damit auskommen kann. Er verbraucht in diesem Falle immer mehr als er einnimmt. Sicherer wissen wir schon das Deficit an meßbarer Nahrungskraft, welches durch dauerndes Kartoffelessen entsteht. Der Magen bekommt eine Ladung Kartoffeln und verbraucht zehn Pferdekraft, um eine halbe Menschenkraft daraus hervorzuwalken. Außerdem sind die Kartoffeln bekanntlich jetzt durchweg mehr oder weniger krank und dabei so theuer, als ständen sie unter Zollschutz. Wir sind durchweg so herunter in Geschmack und Gewohnheit, daß wir unsere Frau sehr brummisch behandeln würden, brächte sie zum besten Braten nicht auch einen Kübel Kartoffeln. Wie Friedrich der Große die Bauern mit dem Krückstock zur Kartoffelkultur zwang, sollte sich jetzt jeder Kartoffelsclave selbst einen Stock anschaffen und sich damit jedesmal kasteien, so oft er Kartoffeln gegessen. Es ist eine Schande für unsere ganze Civilisation, daß wir lieber entbehren, hungern und Geld auf dem Altare des Gewohnheitsthierrechts verschwenden, statt uns auf der reichgedeckten Tafel der Natur nach bessern Gerichten umzusehen und zuzugreifen.

Nur eigentlich gelehrte Botaniker und wissenschaftliche Agrikulturisten haben bis jetzt beiläufig Versuche gemacht, die geisttödtende, körperschwächende, feig machende Kartoffel durch bessere Knollen zu ersetzen. In der Praxis, in’s Volk ist diese Weisheit noch nicht gedrungen.

Wir verdienen daher außer unserm Honorar einen Gotteslohn, wenn wir hier auf die Mittel hinweisen, wie man die Kartoffel und den daraus hervormaltraitirten Fusel thatsächlich verdrängen kann. Der Stern der Hoffnung für das Auge des hungrigen und kartoffelverkümmerten Europa ist nach dem Oriente gerichtet. Die Alliirten haben nicht umsonst ihren Kreuzzug unternommen. Unter ihren Siegestrophäen steht die Thronfolgerin der Kartoffel oben an, eine vor sechs Jahrtausenden schon berühmte segensreiche Frucht, eine Art Jamswurzel. Wie die schon bekannten, ost- und westindischen Jams, gehört die Pflanze zu der Gattung dioscorea, doch hat sie ganz specifische Vorzüge. Der Franzose Decaisne und der Engländer Lindley haben sie durch Anbau und chemisch untersucht, und sind Beide entschieden der Ansicht, daß sie unserer Kartoffelnoth in ganz Europa ein seliges Ende machen könne. Die Pflanze hat große perennirende Wurzeln, deren obere Enden faustdick werden. Nach Unten nehmen sie ab geradlinig bis zur Dicke eines Fingers und dringen in lockerem Boden bis über eine Elle tief ein. Der Stengel, von der Dicke einer Gänsefeder, cylindrisch, sich von Rechts nach Links windend, violet, mit kleinen, weißen Fleckchen, wird zwei Yards hoch und stirbt jedes Jahr ab. Ohne Stütze knickt er leicht nach der Erde und schlägt reichlich neue Wurzeln. In China ist die Pflanze seit Jahrtausenden verbreitet und unter dem Namen „Sän-in“ bekannt. Sie ist die Kartoffel Chinas. Französische Kunstgärtner haben sie seit einiger Zeit kultivirt und genau studirt. Folgende sind ihre Hauptergebnisse: 1) in Geschmack und Nahrhaftigkeit (nach Professor Decaisne) der Kartoffel überlegen; 2) mehr Ertrag und sicherer, da keine Kartoffelkrankheit unter ihnen wüthet; 3) wächst gut auf sandigem, unfruchtbarem Boden und giebt die beste Gelegenheit, aus Wüsten und hungrigen Flächen Nahrung und Leben zu ziehen; 4) sehr verbreitungsfähig ohne Abnahme in Güte, Größe und Nahrungssaft, in jeder Jahreszeit ein leicht zugängliches Lebensmittel bietend; 5) kann Jahre lang in der Erde bleiben, ohne zu verderben; 6) geerntet kann sie in Kellern oder Schuppen mehrere Monate länger, als die Kartoffel, gesund erhalten werden, und endlich 7) braucht sie nicht einmal so lange Zeit kochen als die Kartoffel. Decaisne bemerkt noch: „Soll eine neue Pflanze Aussicht auf Erfolg im Ackerbau haben, muß sie gewisse Bedingungen erfüllen. Nun aber erfüllt die chinesische Jamwurzel alle Bedingungen, die man an sie stellen kann. Sie gedeiht in Frankreich ganz vortrefflich, ohne daß die kräftige, saftige, fleischige Wurzel an Nahrungsstoff oder Geschmack verliert. Sie schmeckt schon roh, läßt sich leicht rösten oder kochen und schmeckt dann wie eine Art Mehl (fécule). Sie ist sofort ein eßbares Brot und in jeder Beziehung der Kartoffel vorzuziehen. Lindley empfiehlt folgende Regeln für deren Kultus in England. Zur Fortpflanzung sucht man die kleinsten Wurzeln aus und schützt sie während des Winters nur vor Frost. Im Frühlinge pflanzt man sie in Furchen, ziemlich nahe an einander in gut und tief aufgelockerten Boden. Sie schießen bald in langen Keimen am Boden hin, welche, wenn sie die Länge [639] von sechs Fuß erreicht haben, zerschnitten werden. Die Schnitte werden nun zwischen kleinen Furchen auf die hohen Kanten gelegt (mit Ausnahme der Blätter), mit etwas Erde überstreut oder überhackt. Bei regnigem Wetter fassen die Schnitte sofort Wurzel, ohne Regen müssen sie begossen werden, bis die Wurzelung anfängt. Nach 15 bis 20 Tagen fangen die Wurzeln an, sich zu Früchten auszubilden. Gleichzeitig bilden sich Seitenschößlinge, die sorgfältig wiederholt abgebrochen werden müssen, wenn die Wurzeln gut gedeihen sollen. In der Regel bildet jede Pflanze zwei bis drei Rhizomen oder Wurzelknollen. Diese sehen äußerlich kartoffelartig grau oder bräunlich aus und schließen eine weiße, opalinische, sehr leicht zerreibliche, etwas milchige, cellulöse Masse ein,die gekocht eben so leicht trocknet, wie die Kartoffel, mit der sie im Geschmack verwechselt werden kann. Deutschland, versuche und koste Du auch!

Man kann ja auch aus derselben Quelle gleich dazu trinken, wenigstens chinesischen Spiritus. Die aus China nach Frankreich gebrachte und dort seit mehreren Jahren, in England seit einem Jahre, kultivirte Pflanze, welche die Botaniker „Holcus saccharatus“ nennen, enthält 181/2 Procent Zucker, mehr als die Runkelrübe. Man gewinnt den Zucker eben so, wie aus dem Zuckerrohre; aber in der Regel bleibt bis jetzt beinahe ein Drittel unkrystallisirbar (unter nördlichen Breitegraden). Diese Zuckermasse, die sich nicht fügen will, wird nun mit Vortheil in die Zauberapparate des Destillateurs gebracht, wo sie sofort sehr freigebig zu Alkohol wird, und zwar besserem Alkohol, als die berüchtigte Kartoffel liefern kann.

Der Franzose Vilmorin gewann aus 40,147 Pfund Runkelrüben 1927 Pfund Zucker – das ist der Durchschnittsertrag per Acker. Dieselbe Quantität giebt 120 Gallonen Alkohol, dieselbe Quantität Holcus aber 182 Gallonen, 60 Gallonen mehr per Acker. Als Trinkpflanze erscheint daher Holcus saccharatus besonders acceptabel. Sie wird in der That als neuer Weinberg empfohlen, nachdem der Weinstock angefangen hat zu kränkeln wie die Kartoffel. M. de Beauregard brachte eine Quantität Holcus durch Abfälle von Trauben in Gährung und erhielt einen vorzüglichen Alkohol, der in Marseille enthusiastisch gekauft ward. Dr. Turrel, der englische Chemiker, erklärte, daß Holcus saccharatus der beste Stellvertreter des Weinstocks sei, indem nicht die Trauben, sondern der gegohrene Rebensaft bei edleren Naturen in Betracht komme. Was kann man mehr verlangen? Nichts! Und doch ist Holcus saccharatus zugleich noch ein anderer, noblerer Retter in der Noth – an Lumpen, die besonders in England groß ist. Die entzuckerte Masse liefert noch das beste Material für Papier. Zu guter Letzt ist’s auch noch das encouragirendste Pferdefutter. In Indien füttern die Engländer allemal ihre Jagd- und Rennpferde mit grünem oder geheutem Holcus, welche dann doppelt so viel leisten, als bei üblichem Futter.

Das sind einige Andeutungen von der Freigebigkeit und dem Reichthume der Natur, aus welchem die Menschen immer Fülle und Freude gegen Noth und Elend schöpfen könnten, wenn sie sich nicht zu sehr zu Gewohnheitsthieren gemacht hätten. An Manchem wird ein halbes Jahrhundert vorübergehen, ehe er zugiebt, daß noch ein Leben ohne Kartoffeln möglich, oder ein Festessen ohne Rebensaft anständig sein könne. Wer aber eine Hand und einen Kopf dazu hat, wird gleich be- und zugreifen.




Englische Tortur in Indien
und gegen einen deutschen Glaubensartikel.
Von Beta in London.

Im englischen Ostindien sieht’s jetzt entsetzlich aus. Wir glaubten so lange, daß die Engländer diese hundert Millionen brauner und goldrother, friedlicher Bewohner des alten Kultur- und Wunderlandes nur deshalb unterjocht hätten und weiter unterwürfen, um sie glücklich zu machen, um die Segnungen der „Civilisation“ auch über das umnachtete Asien auszubreiten. Wir Deutsche glaubten überhaupt von jeher ganz sonderbare, sogar sehr abgeschmackte Dinge; wir Deutsche glauben auch jetzt noch trotz aller Aufklärung und Wissenschaft an sehr unreale und blos in unsern Ideal- und Sauerkrautsträumen existirende Dinge, wir glauben an alles Mögliche, nur nicht an – uns. Politisch glaubten wir früher an Frankreich, dann einmal ein Paar Monate lang an Ungarn, später an die Türken und jetzt glauben wir an England, weil sonst nichts mehr übrig ist. Die deutschen Correspondenten aus London wollen zwar ihren Landsleuten diesen letzten Glauben auch nehmen, aber da kommen sie schön an. Gerade dieses Räsonniren auf England bestärkt den deutschen Glauben an Englands und Frankreichs „gute Sache“, die nothwendig gut sein muß, weil allem Anschein nach Krieg gegen Rußland mit dieser „guten Sache“ geführt wird. Wer England nicht liebt, nicht auf England hofft, nicht an England glaubt und gar diesen Glauben, diese Liebe, diese Hoffnung zerstören will, ist ein russischer Agent, den wir aufhängen werden, wenn wir mal erst wieder „angefangen“ und ihn kriegen. Ich für meinen Theil bin überzeugt, daß ich meinen Kopf nicht in eine Schlinge stecken müssen werde, obgleich ich jetzt wie ein russischer Agent schreibe, denn, wenn Deutschland einmal wieder angefangen haben sollte, hat dieser Glaube längst aufgehört. Wenn man von England aus nicht blos um’s liebe Brot schreiben will und noch ein Bischen alte Liebe für das alte, liebe Mutterland fühlt, und gern etwas zu dessen Heil beitragen möchte, kann man unter den jetzigen Umständen nicht diese erste und heiligste Pflicht los werden, die Pflicht, Deutschland von dem Glauben an England, d. h. an Englands Politik für die „Freiheit“ curiren zu helfen. Im Allgemeinen haßt jeder brave Deutsche die russische Politik, und das mit Recht, aber sie ist anständig, verglichen mit der englischen, besonders Palmerston’schen und auswärtigen überhaupt. Rußlands Politik ist bei aller vermeintlichen Tiefe und Unergründlichkeit doch sehr einfach: sie verfolgt mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln das Interesse Rußlands, welches speciell darin besteht, das Meer zu erreichen, sich das baltische und schwarze Meer, die beiden Herzkammern seines modernen, mercantilen Blutumlaufs zu sichern. Englands Politik ist auch speciell eine Interessen-Politik genannt worden. Das ist nicht wahr. Die englischen Diplomaten, besonders Palmerston, haben unendlich oft sehr grob gegen das Interesse Englands Rußland unterstützt, alles Mögliche im Auslande gegen Englands Interesse unterstützt, alles Mögliche gegen Englands Interesse im Auslande unterdrückt oder lächelnd und lügnerisch umkommen lassen, ganz speciell alle deutschen Freiheits-, Hoffnungs- und Glaubensartikel.

Aber an etwas muß der Deutsche doch glauben! O gewiß! Ganz im Ernste. Ich empfehle ihm daher einen ganz soliden, in der Wolle gefärbten Artikel den Glauben an sich, den Glauben an Deutschlands Wissenschaft, Ehrlichkeit, Fleiß, Geschicklichkeit, Poesie, Literatur, Gemüthlichkeit, an Deutschlands Zukunft, an Deutschlands große Mission für die erdumlaufende Weltkultur, für den Krieg auch an Deutschlands Siegeskraft gegen Rußland; aber laßt mir um Gottes Willen England dabei aus dem Spiele, denn ein Tropfen davon könnte euch den ganzen Originalartikel verderben. Englands Politik ist auch deshalb viel fauler und ungeeigneter zu einem deutschen Glaubensartikel, weil sie viel barbarischer ist als die russische. – Was? Ja, nur ein Agenblickchen deutsche Geduld, es fängt nun erst an, nämlich der Beweis für obige, erzketzerische Behauptung.

Wir wollen nicht die bösen Geister aus der englischen Politik gegen Wales und Ireland, gegen das ehemalige Amerika, gegen China, gegen die Kaffern u. s. w. citiren (jede Kolonie liefert mehr Beweise als wir brauchen), nur Indien, welches mit seinen jetzigen kannibalischen Revolutionen gegen die englische Politik gerade in das Tagesinteresse fällt, soll uns einige Thatsachen aus Aktenstücken liefern.

Wir haben gehört und gelesen von der entsetzlichen Tiger- und Hyänenwuth, mit welcher die Saathalen aus den Bergen am Ganges hervorstürzten, und ganze Gegenden mordend durchrasten, ohne ein Haus stehen, ohne nur ein einziges Kind oder Weib am Leben zu lassen. Wir wissen, daß sie noch ganze Strecken von hundert und mehr Meilen durchtoben. Auch die Rohilla’s an den Grenzen des Punjab haben wieder Revolution angefangen. Dazu [640] eine fanatisch-blutgierige religiöse Revolution im Königreiche Oude, das von den englischen Banquiers und Krämern seit Jahrzehenden demoralisirt und zerrüttet ward, damit es reif werde zum Anschlusse an das englische Indien. Dazu kommen Empörungen, Blut- und Mordscenen durch noch ungezählte Theile des englischen Indiens. Woher das? Diese friedlichsten, graziösesten, weichlichsten aller Völker, woher nehmen sie ihre Revolutionswuth, ihre Blut- und Mordgier? Ein englisches Aktenstück möge antworten.

Wir erinnern zuerst daran, daß Indien nicht ein wirklicher Theil Englands ist, sondern eine melkende Kuh für eine Masse Banquiers in London und die ungerathenen Söhne der Aristokratie, welche die obersten Staatsstellen in Indien bekleiden, und nach je acht bis zehn Jahren mit einer jährlichen Pension von 5 bis 10,000 Pfund Sterling entlassen werden. Wir bitten sodann, nicht zu vergessen, daß die Thatsachen, welche wir genau nach dem amtlichen Aktenstücke erzählen werden, unter dem auswärtigen Ministerio Palmerston’s sich anhäuften und unter diesem „vollkommensten Gentleman der drei Königreiche“ die Tortur in Indien allgemein Mode ward. Unter Tortur in Indien verstehe man gleich von vorn herein wirkliche und wahrhaftige Tortur mit Daumenschrauben und besonders von englischen Steuereinnehmern erfundenen Marterinstrumenten, die an Grausamkeit und Brutalität selbst die genialsten Erfindungen der Inquisition und des hochnothpeinlichen Halsgerichts im Mittelalter übertreffen.

Das Aktenstück vor mir führt den Titel: „Bericht der Untersuchungscommissarien über illegale Fälle von Tortur in der Präsidentschaft Madras.“[2] Wir müssen hier gleich bedenken, daß der Bericht ein offizieller ist und die Sache im mildesten Lichte darzustellen sucht, die grausamsten Fälle unterdrückt und von andern Theilen Indiens gar nicht spricht. Der Bericht entstand auf folgende Weise. In verschiedenen Sitzungen des Parlaments, besonder 1853, brachten einige unabhängige Mitglieder des Unterhauses Interpellationen, wie es mit der Tortur in Indien stehe, von der sie gehört. Das fromme Haus empörte sich über die Fragen, da die Frauen zu Hause gerade über „Onkel Tom“ weinten, und eine Petition an die Frauen Amerika’s unterschrieben, sie möchten die Sklaverei abschaffen, obgleich die amerikanischen Sklaven nicht mit der Tortur behandelt werden und gegen grobe Mißhandlungen sogar gesetzlichen Schutz finden. Das fromme Haus lachte über die Interpellation, zumal da Lord Palmerston das alberne Gerede über Tortur in Indien als altes Weibergewäsch bezeichnete. Der Präsident des Colonial-Central-Amtes erklärte bei dieser Gelegenheit, daß er zum ersten Male von Tortur in Indien höre. Aber das alte Weibergewäsch nahm zu an Stärke, Detail, offenbarten und speciell nachgewiesenen Thatsachen, so daß endlich eine Untersuchung der Sache nicht mehr zu umgehen war. Die Untersuchung ergab nun dem Unterhause, dem Lord Palmerston, dem Präsidenten des Colonial-Central-Amtes in’s Gesicht eine Menge von Thatsachen angewandter Tortur, die uns in das finsterste, fanatischste Mittelalter zurückversetzen würden, wenn nicht überall deren neues Datum angegeben wäre.

Die ostindische Compagnie mit ihren aristokratischen Beamten und Günstlingen hat viel Geld und braucht deshalb desto mehr. Mit dem Essen kommt der Appetit. Die ostindische Compagnie giebt Festessen, deren jedes 10 bis 20,000 Pfund Sterling kostet. Es essen dort Leute, die jährlich 20 bis 100,000 Pfund und mehr und viel mehr zu verzehren haben, aber damit nicht auskommen, so daß Indien beisteuern muß.

Die größte und die tödtlichste Steuer, welche Engländer in Indien eintreiben, ist die Landtaxe, die fast ausschließlich den Grundbesitzern indischer Geburt anheimfällt. Alle Jahre schickt die Obrigkeit Englands ihre steuereintreibenden Harpyien mit Soldaten, Gewehren und Zwangsmitteln über die weit ausgedehnten Lande. Zu den allgemein gebräuchlich gewordenen Zwangsmitteln gehörte die Tortur. Mehrere der grausamsten und empörendsten Fälle in dem Berichte muß ich unterdrücken, da sie mit den unglaublichsten Beispielen von Unzucht und Gewaltanthun zusammenfallen.

Die Marterinstrumente der englischen Steuereintreiber in Indien sind besonders zweierlei Art, der „Kittie“ und der „Anundal.“ Ersteres Instrument ist sehr einfach, es besteht aus zwei Stäben, die an einem Ende zusammengebunden sind. Die Finger des Steuerverweigerers oder Zahlungsunfähigen werden dazwischen geklemmt und die Stäbe am andern Ende zusammengepreßt. Also die Daumenschraube in moderner, westlich civilisirter, Christenthum und Bildung verbreitender Vervollkommnung und Vereinfachung. Statt des „Kittie“ wurde oft ein einfacher Stock angewandt. Zum Schlagen? O nein, Schlagen ist verboten. Man zwang den unglücklichen Steuerpflichtigen, die Hand flach auf eine hart Fläche, einen Stein unten zu legen; der Peon (Polizeidiener) nahm dann einen Stock, stellte ihn senkrecht auf den Rücken der Hand und setzte sich oben auf das dicke Ende des Stocks.

Vom „Anundal“ giebt’s viele Spielarten. Er ist blos ein Name für allerhand extemporirte Torturen. Am Häufigsten unter diesem Titel kommen folgende vor: ein Mann wird mit dem Kopfe zwischen die Knie festgebunden, worauf ein Stein oder der Polizeidiener auf seinen Rücken placirt wird. Der eine Fuß wird vermittelst eines Strickes um die große Zehe möglichst nahe an den Hals gebunden und so das Opfer gezwungen, auf einem Beine zu stehen, und zwar nicht selten in der brennendsten Mittagshitze. Auch Fälle von Kittie und Anundal zugleich sind erwähnt. Die beiden Stäbe werden um die Finger festgeknebelt und der Kopf zwischen die Knie gebunden, worauf sich der Polizeidiener auf den Rücken setzt oder sich durch Steine von Centnergewicht ablöst. In der Luft halten, an den Ohren oder am Barte kommt auch zuweilen vor (viele Inder sind sehr leicht, mager und klein). Außerdem rothglühende Eisen in die Arme oder Weichen eingestoßen – Fälle von Stricktortur mit einem Geflecht, das, naß gemacht, sich mit großer Gewalt zusammenzieht, (Stricke von solchem Geflecht wurden trocken um den nackten Körper geknebelt und dann naß gemacht) – Schlagen, Peitschen, Stechen, Kneifen, Haarausraufen u. dergl. kamen dazwischen in der Regel vor, auch Fälle, wo das lange Haar des Indiers an den Schweif eines Esels oder Buffaloochsen gebunden und letzterer gehetzt ward. Auch die Natur mußte helfen Steuern eintreiben.

In Indien ist ein Insekt unter dem Namen „Zimmermannskäfer“ wegen seines furchtbaren Bisses sehr gefürchtet. Der Schmerz, den er verursacht, ist weit größer als ein Wespenstich. Solche Käfer wurden zuweilen von den Steuereintreibern in die Hälfte einer Nußschale gesteckt und diese dann Männern oder weiblichen Wesen an unnennbare Körpertheile gehalten, bis der ungeheuerste Schmerzensschrei verkündete, daß der Käfer gebissen. Das ist satanisch, aber noch nicht die scheußlichste Art. Diese besteht jedenfalls in den vielen, amtlich ermittelten und detaillirten Fällen von Anwendung des Kittie an weiblichen Brüsten. Der Bericht erwähnt einen Fall, daß in einem ganzen Dorfe die Busen aller Weiber in die Torturstäbe gequetscht wurden, so daß mehrere an den Folgen des daraus entwickelten Brustkrebses elendiglich langsam starben. Außerdem wurden mehrere derselben Weiber mit glühenden Eisen gestochen. Eine schöne Wittwe, mit Namen Baulambal, wies die unsittlichen Zumuthungen eines Collectors entrüstet zurück, worauf der Peon sie bei den Haaren in die Hütte zog, ihre Arme hinten zusammenband und sie an diesen gebundenen Händen an der Decke aufhing. Außerdem wurden ihre Brüste in Kittie’s geknebelt und ein Tuch in den Mund gestopft, um ihr Geschrei zu unterdrücken. Erst als sie bewußtlos geworden, erlöste man sie. Die Wittwe ließ sich hinterher von einem englischen Wundarzte curiren und sich die an ihr gefundenen Verrenkungen (die Arme waren aus den Gelenken gerissen und gebrochen, die Brüste entzündet) attestiren. Sie suchte, mit diesen Beweisen bewaffnet, Rechtshülfe bei der rechten englischen Behörde, welche aber die Klage ohne Weiteres abwies und zwar aus dem Grunde, weil sie gegen „eine respektable Person im Amte“ gerichtet sei. – Die gemeinste Bestialität, das schwärzeste Verbrechen ist straflos, wenn es respektabel und amtlich ist. Das ist so Gesetz nicht blos im ostindischen England, nicht blos in England, aber in England allerdings am Häufigsten und Regelmäßigsten.

Die Aussagen der Gepeinigten wurden alle öffentlich und vor Zeugen vernommen und niedergeschrieben, so daß die Untersuchungscommission trotz aller ihrer Bemühungen, Alles zu mildern, nicht immer durchkam. So wurde sie förmlich gezwungen, das Wort „Tortur,“ welches sie durchweg durch „persönliche Gewalt“ ersetzen wollte, im Berichte beizubehalten.

Wir übersetzen noch einige Fälle wörtlich: „Im April 1854 verweigerte Kifna Pillay fünf Rupien (3 Thaler 10 Sgr.) als Rest der Landtaxe zu bezahlen, weil er behauptete, er habe schon [641] für’s ganze Jahr bezahlt. Er ward in „Anundal“ gebunden, in die Weichen geschlagen und mit dem Kittie gequetscht. Suburoya, ein Ryot, war noch mit funfzehn Rupien rückständig. Auch er behauptete, er habe schon die Landtaxe für’s ganze Jahr, 240 Rupien (160 Thaler) bezahlt. In Anundal gespannt, in die Weichen gekniffen und mit einer Peitsche blutig geschlagen. – Nauguer Chaluvon, wegen Weigerung, unrechtmäßig geforderte zehn Anna’s (1 Sgr. 3 Pf.) zu zahlen, ward in die Sonne gelegt, mit dem Kopfe zwischen die Füße gebunden und einem Steine auf dem Rücken, Anwendung des Kittie an beiden Händen. – Thumbie Mudely, ein Junge von achtzehn Jahren, Sohn einer Wittwe, wegen rückständiger 15 Rupien mit dem Kittie gequetscht und zwölf Mal gepeitscht. – Parasuma Gramy, drei Tage in Anundal, 45 Tage in einem Kerker. – Caulathie Mudely, obgleich er seine eigene Landtaxe richtig bezahlt, ward dennoch von den Peons torturirt, bis er die Taxe eines zahlungsunfähigen Nachbars vorgeschossen. – In einem Dorfe wurden mehrere Landbesitzer mit Stricken zusammengeschnürt und mit Steinen beladen, weil sie sich weigerten, Land an Engländer zu verkaufen. Einmal wurden sämmtliche Eigenthümer eines Dorfes drei Monate lang in Anundal gespannt, weil sie in Folge der Mißernte Erlaß der Steuer beanspruchten. Dabei wurden auch deren Weiber und Töchter mit dem Kittie an den Brüsten gemißhandelt.“

Genug aus dem amtlichen Berichte. Es waren Beamte der ostindischen Compagnie. Diese ist nicht England, tröstet sich der Gläubige. Die Sache ist, daß die indische Obrigkeit sich fortwährend aus den Söhnen der feinsten Aristokratie rekrutirt, die hernach sich nicht selten in’s Parlament einkaufen, unter die Klügsten der constitutionellen Freiheit, daß diese Herren von der Tortur wußten, daß man in Englands regierenden Kreisen längst davon wußte, daß man die Tortur billigte, wie sie noch von der Times entschuldigt und beschönigt ward, als dieser Bericht schon erschienen war, weil „das Geld doch jedenfalls von den Indiern aufgebracht werden müßte und sie nicht so feines Gefühl hätten als wir civilisirten Europäer,“ daß Unterhaus, Palmerston, Ministerium die Interpellationen wegen dieser Tortur, deren Gräuel also schon über Länder und Meere bis hierher gedrungen war, von der sie also sehr wohl wußten, hinweg zu läugnen, hinweg zu spotten suchten, daß also diese kannibalische Barbarei im Dienste der reichen Sclaven des Geldes von dem höhern, officiellen, noch jetzt regierenden und gegen Rußlands Barbarei Krieg führenden England – ich sage es noch einmal – gebilligt ward.

Nun und was folgt daraus? Wenigstens dies, daß man sich erst England genauer ansehen und speciell das Ende des Krieges abwarten sollte, ehe man an dieses officielle England glaubt, und zwar mit der absurden Illusion obendrein, daß Deutschland vielleicht unter der Hand etwas Freiheit, etwas Civilisation aus Englands Ueberschusse mit abkriegen könnte. Ueberhaupt werfe man mit einem Male die gemüthlichen Illusionen von einem Kampfe, von diesem Kampfe „zu Gunsten der Türkei, für die Civilisation gegen Barbarei und Rußland“ zum Schädel hinaus, daß sie Hals und Beine bei dieser Exmission brechen und nicht etwa wieder in das Gehirn hineinkriechen. Sie kämpfen um ganz unbestimmte Punkte, Napoleon mehr für seinen als des Sultans Thron, England lange gar nicht oder nur zu seinem eigenen Nachtheile, und auch jetzt noch nicht für ein bestimmtes, klar erkanntes Interesse. Es muß mit den Franzosen mitlaufen und wenigstens deren Siege verdunkeln. Und wenn die Franzosen einen Sieg erfechten, kommt die Times jedesmal den folgenden Morgen: „Jetzt verlangen wir mehr! Nichts da von vier Punkten, zehn Punkte verlangen wir nun!“ Im Allgemeinen merken es aber alle kriegführenden Parteien nachgerade, daß nicht der Sieger gewinnt und der Geschlagene nicht verliert, sondern daß sie sich Alle ruiniren, wobei Rußland nur den Vortheil hat, daß es als vorzugsweise Ackerbau treibendes, in Rohprodukten überproducirendes, barbarisches und nicht durch Luxus verwöhntes Land durchaus mehr Ruin vertragen und aushalten kann als das industrielle England und das in Luxus-, Schönheit- und Kunstindustrie ausgezeichnete Frankreich. Bisher hat nur ein Volk dabei gewonnen, das deutsche, sein Gewinn wird in dem Grade steigen, als es den Glauben an das jetzige, officielle, regierende England verlieren wird, – an die in Geheimniß gehüllte Diplomatie überhaupt, die so oft mit wenigen Federstrichen vernichtete, was mit dem theuersten Menschenblute und dem Ruin ganzer Völker errungen worden war.


Blätter und Blüthen.

Aus dem Juragebirge geht uns folgender Bericht zu. Eine Heuerin, im September d. J. mit Mähen beschäftigt, hatte ihren Säugling wohl und fest auf die landesübliche Art in ein Wickelzeug verpackt, mit auf die Matte genommen, und denselben, um ungehinderter arbeiten zu können, im Grase niedergelegt. Ihre Arbeit entfernte sie ein Wenig von dem Platze, wo das Kind schlummernd lag, da vernimmt sie plötzlich ein Rauschen in der Luft, hört ein paar gewaltige Flügelschläge und sieht einen Steinadler pfeilgeschwind sich mit ihrem Knäbchen fast senkrecht emporheben.

Sie fällt nicht besinnungslos zu Boden, sie versteinert nicht beim jähen namenlosen Schrecken, - sie will dem Räuber ihres süßen Kindes auf dem nächsten Wege nacheilen, sie stößt gellende Schreie der Verzweiflung aus, aber sie kann dem Adler, dem König der Lüfte, der jetzt hoch in der Luft das Kind in seinen Krallen tragend kreist, um sich dann auf seinem, auf einer mittlern Staffel des Felsengebirges befindlichen Horst niederzulassen, nicht folgen, und sieht nur noch, wie das Thier in immer nähern Kreisen das Nest überschwebt, aus dem das Gekreisch seiner hungrigen Brut ihr zu Ohren schrillt.

Der Raub ist aber auch von einigen Hirten, die auf einer obern Staffel Ziegen weideten, bemerkt worden, indem sie durch den Jammerschrei des Weibes aufmerksam wurden. Die Hirten, unter ihnen der siebzehnjährige Johann Imthal, schreien nicht, denn sie wissen wohl, daß sie den Adler erschrecken könnten, und daß dieser dann seine Beute aus der schwindelnden Höhe fallen lassen würde, aber sie harrten in Ruhe und Besonnenheit des entscheidenden Augenblicks, wo der Raubvogel in seinem Horste angekommen war und jetzt, wo sie das Kind vor dem tödtlichen Sturze gesichert sahen, erhoben sie von zwei Seiten her ein so furchterregendes Geschrei, daß der Dieb schneller noch vom Horste abstob als er ihn eben in Besitz genommen hatte. In unglaublicher Zuversicht und Kühnheit klomm jetzt Johann mit Hülfe der Steigeisen und seines Schaftes an der fast senkrechten Wand empor. Sein Fuß prüfte dabei jeden verdächtigen Stein, vorsichtig ermaß er jeden Schritt, – denn er schonte seines Lebens zur Rettung eines zweiten. Die Anfälle des Adlers achtete er nicht, da das Geschrei der Hirten und deren Steinwürfe den Erfolg derselben vereitelten, und seine Aufmerksamkeit ungetheilt dem gefährlichen Pfade widmend, stand er endlich glücklich an der seltsamen Wiege, in die der Adler das Kind gebettet.

Das unbeholfene, durch die Unruhe der jungen Vögel geängstigte Knäbchen schrie kläglich seinem Retter entgegen. Dieser säumte deshalb nicht, der Brut seines Räubers die Hälse umzudrehen und sie der Tiefe zuzuschleudern. Kaum aber hatte der Verwegene dies gethan, als auch der Adler weder des Schreiens noch der Würfe der Ziegenhirten mehr achtete.

Wüthend stürzte er sich auf den Mörder, und fast wäre es ihm im jachen Anfluge gelungen, ihn durch einen seiner gewaltigen Flügelschläge den erwürgten Jungen nachzusenden. Dadurch gemahnt an die Schwierigkeiten seiner Lage, übersah Johann erst die Gefahr derselben im vollen Umfange. Im Aufsteigen des Rückweges nicht gedenkend, leuchtete ihm nun im Niederschauen die Unmöglichkeit ein, sich sammt dem Kinde von dieser Höhe durchzulassen, und da die Wand der dritten Staffel weit überhing, so gab es noch weniger einen Ausweg nach oben. So mußte er denn sich und das kaum errettete Kind zugleich für verloren erachten, denn wie er auch sann, wohin er auch ausschaute, in keiner Weise wollte es ihm gelingen, ein Auskunftsmittel zu entdecken. Obschon sich der Hülflose in mißlicherer Lage nie befunden, so gab er sich doch der Verzweiflung nicht hin. Einen Augenblick kam ihm der Gedanke durch ein gewagtes Absteigen ohne die Bürde des Kindes sich selber mindestens zu erretten, aber er verwarf den ansteigenden Gedanken mit edler Entrüstung. Der vertrauensvoll auf ihn gerichtete Blick der beraubten Mutter, die bis zum Fuße der Wand ihm nachgeklettert, von da aus jede seiner Bewegungen verfolgte, rührte ihn tief, und obwohl er kaum zweifeln konnte, daß diese Felsenplatte sein Golgatha und des Adlers Horst sein Grab sein werde, so wollte er dennoch der nicht sein, welcher der armen Mutter ihre letzte Hoffnung raube; – wie zur sichern Verheißung hielt er deshalb das schreiende Kind weit über den Rand hinaus der Mutter entgegen.

Johann’s regungsloses Verhalten in dieser gewagten und unbeschützten Stellung blieb vom kreisenden Adler weder unbemerkt noch unbenutzt. der Geißhirten Warnung erscholl zwar noch zeitig genug, zur Rettung des Säuglings, kaum aber, daß Johann denselben in den Horst gelegt, so schleuderte des Adlers Stoß ihn selbst mit solcher Heftigkeit zu Boden, daß er über des Felsens Kante halben Leibes hinaushing.

Ein Klagelaut unaussprechlichen Jammers erklang aus der Tiefe – er entquoll der Brust der verzweiflungsvollen Mutter des nun für immer verlorenen Kindes. Wo aber kaum ein Wunder noch retten konnte, da erhielt den Jüngling der Feind selbst am Leben. Ein Flügelschlag des blind wüthenden Thieres schnellte ihn wieder vom Rande des Abgrundes zurück und so gewaltsam, daß er über das Nest hinflog und hinter diesem niederfiel.

Der Steinadler stürzt sich nämlich niemals senkrecht auf seine Beute, sondern er schießt in schräger Richtung dem Ziele zu; deshalb war der überhangende Fels kein Hinderniß für ihn, auf Johann fortwährende Angriffe aus der Höhe herab zu machen; nun aber hatte Johann zu seiner Vertheidigung Nichts als seinen Schaft, von diesem konnte er jedoch des Raumes Enge wegen wenig oder keinen Gebrauch machen, und er gerieth [642] nun in Verlegenheit, wie er sich mit Nachdruck und Erfolg des gewaltigen Raubthieres erwehren solle. Seine ruhige Besonnenheit verließ ihn nicht; er entdeckte schnellen Umblicks sofort eine passende Waffe im Horste des Adlers selbst, denn da diesem aus schwanken Ruthen und Haidekraut aufgeschichtetem Bau, dicke Aeste und Zweige zur Grundlage dienten, so entriß er dem Gesperre rasch einen kurzen und schweren Prügel und kam damit dem ersten Schnabelhiebe seines Feindes so nachdrücklich zuvor, daß er betäubt vom Nestrande wieder abfiel, auf dem er eben festen Fuß gefaßt hatte, um mit gespreizten Flügeln und unter lautem Zischen dem Jünglinge zu Leibe zu gehen; ein zweiter und dritter wuchtiger Schlag auf den Kopf tödtete ihn vollends, und ein letztes Erzittern seine schlaffen Schwingen verkündete, daß des Alpenkönigs Macht gebrochen sei.

Aber auch der Sieger fühlte sich zum Tode erschöpft, sobald des Kampfes Aufregung aufgehört hatte; und schon zufrieden damit: doch nun in Frieden sterben zu können, streckte er die müden Glieder auf hartem Lager hin. Nach kurzer Erholung schämte er sich jedoch dieser feigen Resignation, er trat wiederum hinaus in’s Freie und rief zur Staffel über ihm: „Heda, oben, habt Ihr ein Heuseil zur Hand?“

„Nein, armer Junge, keinen Faden eine Spanne lang!“ lautete die entmuthigende, traurige Antwort.

„Es muß eins in der Wildheutrifft liegen. Holt das herauf und laßt’s dann zu mir herab, ich kann’s schon erwarten.“

Die Hirten beeilten sich, seinem Willen nachzukommen und Johann durchsuchte seine Taschen nach einem etwa vorhandenen Brotrindchen, um es, nachdem er es an seinem Munde angefeuchtet hatte, dem wimmernden Kinde zum Saugen an den Mund zu halten. Das Kind sich wieder in eines Menschen wiegenden Armen fühlend, entschlummerte bald und Johann war glücklich darüber.

Da kamen endlich die Männer, die nach dem Seile ausgewesen, zurück und riefen ihm zu, das herab gelassene zu ergreifen. Welch Glück, daß bei dem Kampfe mit dem Adler sein Schaft, eine lange Stange, an dem einen Ende mit einem eisernen Haken, an dem andern mit einer Spitze versehen, dessen sich die Gebirgsbewohner sowohl zum Forthelfen beim Aufsteigen bedienen, indem sie sich auf den Schaft stützend, die Spitze in die Felsenritzen einstoßen, als auch beim Herabsteigen, indem sie den Haken an einem hervorragenden Steine anhängen und sich dann an die Stange herablassen, – daß beim Kampfe dieser Schaft nicht herabgeworfen wurde. Mittelst des Schaftes zog er nun das Seil zu sich heran, da solchem wegen der überhängenden Wand weit ab vom Borde der Platte, in freier Luft, ein Spiel des Windes, hin und her schwankte und mit den Händen nicht zu erreichen war. Sobald er des Stranges habhaft geworden, warf Johann Schaft und Adler voraus in die Tiefe, trat mit beiden Füßen in die dem Strickende eingeknüpfte Schlinge, wie in einen Steigbügel ein, schnallte dann, zur Sicherung der aufrechten Stellung und des freien Gebrauches seiner Hände mit seinem Ledergürtel sich und den straffen Strick unterhalb der Schultern fest zusammen, – nahm vorsichtig das schlafende Kind in den linken Arm und rüttelte nun mahnend am Seile und rief getrosten Muthes: „Holt an!“

Kaum jedoch, daß der Zug kräftiger Arme Johann dem Boden entrückt hatte, so schwang er nach Außen weit hin, und gerieth in ein so bedrohliches Drehen und Schwingen, daß er schwerlich einem verderblichen Anstoße an die Felsen entgangen sein würde, hätten nicht die Hirten, die Gefahr gewahrend, angehalten und dann nur ganz allmälig den Schwebenden in die Höhe gezogen. Dadurch gewann Johann Zeit, sich mit vorgestreckter rechter Hand von der Wand abzuhalten, oder mindestens doch die Gewalt der Anstöße zu brechen. Weder Furcht noch Grauen wandelten den Muthbeseelten während dieser gefahrvollen Fahrt an, – aber es war ein grausenhafter Anblick für die unten Stehenden, zwei in der Frische des Lebens stehende Wesen zwischen Himmel und Abgrund schweben zu sehen. Ein Faden des rettenden Seiles durfte reißen – nur eine der hülfreichen Hände erlahmen und Beide, Kind und Jüngling, waren dem gräßlichsten Tode, zerschmettert in die jähe Tiefe zu stürzen, geweiht. Die arme Mutter war zum Glück des angstvollsten Anblicks enthoben. In ihrer Liebe Ungeduld hatte sie sich auf dem gewöhnlichen Wege beeilt, zu den rettenden Hirten zu gelangen. Dort lag sie auf den Knieen und flehete inbrünstig zu Gott. Da! – endlich war das Werk vollbracht, – das Knäbchen lag in den Armen des schluchzenden Weibes und als es nun in vollen Zügen die Labung der Mutterbrust einsog, – da hatte die Freude keine Worte – nur heiße Thränen des Dankes. – Die Hirten aber – diese einfachen Leute voll Gefühls – entblößten mit Johann ihre Häupter, falteten andachtsvoll ihre Hände und dankten dem Allmächtigen für Johanns, für des Kindes Rettung.




Närrische Welt. Die Zeitungen erzählen von einer friedlichen Landung einiger französischer und englischer Schiffe bei Kaffa, die von einem russischen Offizier empfangen wurden, der dann zum Gabelfrühstück auf dem Schiffe blieb und den alliirten Offizieren die Erlaubniß auswirkte, an’s Land gehen zu dürfen. Dort fanden diese Kosackenpferde, auf denen sie in Begleitung vieler russischen Offiziere einen Ausflug bis zum Landhause des Fürsten Gagarin machten, der, selbst General, sie auf’s Freundlichste bewirthete, ihnen beim Abschied Wein und Trauben auf’s Schiff bringen ließ und dagegen Thee, Käse und sonstige Kleinigkeiten empfing. Die fremden Eindringlinge schieden von den russischen Offizieren am Ufer unter Umarmungen und Händedrücken. Und acht Tage später standen vielleicht dieselben Menschen, die sich hier in kurzer Zeit lieb gewonnen und unter andern Verhältnissen sicher intime Freunde und Kameraden geworden, auf Schußweite gegenüber, bereit, sich auf die schnellste und grausamste Weise gegenseitig das Lebenslicht auszublasen oder doch wenigstens unfähig oder unglücklich für das ganze Leben zu machen. Giebt es eine tollere, unsinnigere und verdrehtere Welt als – unsere sogenannte civilisirte?




Literarisches. Wie wir hören, erscheint von Glaßbrenner’s komischen Gedicht: Die verkehrte Welt in den nächsten Tagen schon die zweite Auflage. Bei dem Aufwand von Witz und Humor, mit dem in diesem satyrischen Epos die Thorheiten und Verkehrtheiten der Jetztwelt gegeißelt sind, war ein solches Resultat wohl zu erwarten. - Daß gute Poesien überhaupt ein dankbares Publikum finden, beweist die so eben ausgegebene siebente Auflage der Gedichte von Alfred Meißner. Besonders in Süddeutschland sind Meißner’s kräftige Poesien eine Lieblingslektüre geworden. Auch sein jüngst erschienener Roman: Der Pfarrer von Grafenried – eine Episode aus Thüringens Sturmperiode in den Jahren 1848 und 1849 behandelnd – wird vielfach gelobt.



  1. a b c d Bechstein’s Märchenbuch.
  2. „Report of the Commissioners for the Investigation of Illegal Cases of Torture in the Madras Presidency.“