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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1854
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[227]

No. 20. 1854.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle.
Wöchentlich 11/2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.

Der Bürge.
Ein Zeitbild aus der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts.
(Schluß.)

Die beiden Diebe, welche den Rathsherrn und Lederhändler Matthias Pribus bestohlen, sollten, dem Ausspruche des Gerichts gemäß, drei Tage nach Verkündung des Urtheils gehenkt werden, aber die Nachricht, daß im Laufe der nächsten Tage noch mehrere Abtheilungen der in der Niederlausitz so wie in Schlesien geworbenen Kriegstruppen, welche alle den Weg nach Leipzig über Bautzen nehmen mußten, in der Stadt eintreffen würden, veranlaßte den Magistrat, diese Hinrichtung einen Tag früher vorzunehmen, und zwar, da es am Vormittag des nächsten Tages zu spät wurde, diese Execution des Nachmittags stattfinden zu lassen; denn zu jener Zeit wurde der Gebrauch, daß Hinrichtungen nur bis vor zwölf Uhr Mittags vollzogen werden durften, nicht festgehalten, so wie darüber überhaupt auch jetzt eine gesetzliche Bestimmung nicht vorhanden ist.

Als daher des andern Tages die vor der Stadt Nachtrast gehaltenen braunschweigischen Hülfstruppen abmarschirt waren, und nur der in der Herberge zum goldenen Lamm im Quartier liegende Werbeoffizier mit seinen Reitern nebst dem Stallmeister und dessen Leuten in Bautzen zurückblieb, führte man die Delinquenten gegen vier Uhr Nachmittags zum Richtplatze, der damals vor dem Thore auf dem sogenannten Galgenberge sich befand, und eine halbe Stunde später hing des Rathsherrn ungetreuer Buchhalter nebst dessen Spießgeselle an dem in Eile errichteten Galgen.

Der Pole, welcher als neugeworbener Reiter vom Werbeoffizier sein Handgeld und von dem Stallmeister ein Darlehn von mehreren Gulden erhalten hatte, und dem das Einpacken seiner sämmtlichen Habe nicht den geringsten Zeitaufwand verursachte, da er außer ein paar alten Reiterpistolen, einem lateinischen Gebetbuche und einigen falschen Würfeln nichts sein Eigenthum nannte, als was er auf dem Leibe trug, machte des andern Tages mit dem Stallmeister die Runde durch alle Spiel- und Zechherbergen der Stadt, und als die erwarteten Pferde von Löbau eintrafen und der Stallmeister zu deren Unterbringung sich von ihm trennte, und ihm nochmals einschärfte, noch diesen Abend unter dem Schutze der Dunkelheit die Stadt zu verlassen und seiner im nächsten Dorfe zu harren, trieb es den Polen nach der Gerbergasse in des Rathsherrn Haus, mit dessen Ein- und Ausgängen er genau bekannt war. Unbemerkt gelangte er zur Hinterpforte, welche mit der Stadtmauer in Verbindung stand, deren Schloß er mit leichter Mühe erbrach und diese von außen mit einem Stock anknüpfte. Von hier aus stand ihm durch den Garten und den Hof der Weg zun Wohngebäude offen, und als er diesen sich gesichert, schlich er zur Hinterpforte hinaus, ohne von irgend einem der Hausgenossen bemerkt worden zu sein, deren größerer Theil nebst dem Rathsherrn der Hinrichtung beiwohnten.

Der Tag, an welchem diese Hinrichtung vollzogen worden war, gehörte zu einem der trübsten und stürmischsten Octobertage und schon gegen sieben Uhr Abends bedeckte dichte Finsterniß die Stadt und deren Umgebung. Um diese Zeit verließ Wranitzky die Herberge, nachdem er dem Stallmeister seinen Plan mitgetheilt, auf welche Weise er an dem undankbaren Gläubiger sich zu rächen gesonnen sei; dieser, welcher bei dieser Mittheilung laut auflachte und seinen Beifall darüber zu erkennen gab, befahl einem der mit den Remontepferden angekommenen Knechte, den Polen zu begleiten, und wenn derselbe seine Hülfe nicht mehr brauche, sich in die Herberge zurückzubegeben. Mit diesem Knechte ging Wranitzky auf einem ihm bekannten Schleichwege unter dem Schutze der Finsterniß durch ein offenes Pförtchen der Stadtmauer dem Galgenberge zu, und obgleich er, sowie der ihm begleitende Knecht sich eines unheimlichen Grauens nicht erwehren konnten, je näher sie dem von schwarzer Nacht umhüllten Galgen kamen, so siegte doch bald die tolle Lust, dem undankbaren Gläubiger noch einen argen Streich zu spielen, über diese Furchtanwandlung, und rasch entschlossen kletterte der Pole an dem Galgen empor und schnitt den Buchhalter, dessen dürre Klappergestalt selbst in der Finsterniß sehr bemerkbar von der starken Mannesfigur seines Gefährten abstach, ab, belud damit den Knecht und schritt nun längs der Spree, über einen schmalen Steg derselben glücklich gelangend, der in der Stadtmauer ausmündenden Hinterpforte des dem Rathsherrn gehörigen Grundstückes zu, in deren Nähe er den Knecht zu warten befahl, ihm den todten Buchhalter abnahm, denselben aufhockte, mit dessen Armen um seinen Hals geschlungen ihn festhielt, und nun durch die geöffnete Pforte nach dem Garten eilte, von wo aus er leicht über den Hof in die Hausflur des Wohngebäudes gelangen konnte, in dessen Erdgeschoß das Verkaufsgewölbe des Lederhändlers lag. Vorsichtig, aber auch etwas ängstlicher, seit der Knecht nicht mehr in seiner Nähe war, schlich er sich mit seiner gespenstischen Last durch den Garten in den Hof. Nirgend war Licht zu erblicken, ringsumher herrschte die tiefste Ruhe, durch nichts unterbrochen, als durch das jetzt sich erhebende heisere Geheul eines Hundes in einem der Nachbarhäuser. Den Polen durchrieselte es eisigkalt und rascher eilte er vorwärts, wenige Schritte noch und er war in der Hausflur, sein Plan war gelungen, und schon wollte er mit der letzten Kraft seines Muthes den Buchhalter von seinem Rücken herabgleiten lassen und an die ihm wohlbekannte Ladenthüre lehnen, da fühlte er plötzlich, wie [228] die Hand des Gehenkten fester sich an seine Hand hielt und diese krampfhaft drückte. Sein Blut stockte, und entsetzt wollte er den Leichnam von sich werfen, aber vergebens, die Arme des Buchhalters hielten sich fest an ihn und drohten ihn zu erwürgen; der Angstschweiß brach ihm aus und schon war es ihm, als höre er ein leises Stöhnen und als hauche mit warmem Lebensathem der Todte ihn in’s Ohr; – da, seiner Sinne kaum mehr mächtig und von wahnsinniger Furcht gepackt, riß er mit der Kraft der Verzweiflung die seinen Nacken umklammernden Arme des Gehenkten auseinander und den Leichnam unter laut schallendem Gepolter auf die Hausflur werfend, verlor er, über sein Schwert stolpernd, das Gleichgewicht und stürzte mit dem Gehenkten zugleich zur Erde. Unverkennbar hörte er jetzt ein leises Aechzen und Stöhnen dicht neben sich und fühlte, wie der Gehenkte, auf welchen er gefallen war, Arm und Fuß zu bewegen begann und sich an ihm anzuhalten versuchte; er hörte im obern Stockwerk Stimmen laut werden und bemerkte bei dem schwachen Schimmer eines von dem obern Stockwerke herableuchtenden Lichts die Treppe, an deren letzte Stufen er mit dem Buchhalter zusammengesunken war. Er suchte zu entfliehen, aber die Kniee versagten ihm den Dienst, und nur als Lichtschimmer und Stimmen immer näher kamen und ihm trotz seiner Todesangst klar wurde, daß, wenn man ihn hier finde, er schwer für diesen Frevel büßen müssen und in harte Haft gelangen könnte, statt morgen mit dem Stallmeister hinauszuziehen als freier, stattlicher Reitersmann, da raffte er sich gewaltsam empor und eilte nach dem Hofe, um von da in den Garten durch die offene Hinterpforte außer den Bereich der Stadt zu gelangen und im nächsten Dorfe Rast zu halten, bis der Stallmeister vorüberziehe und ihn mitnehmen werde. Allein die Verwirrung, in welcher er sich befand, ließ ihm diesen Ausweg nicht finden, und um nur vor der Hand den Blicken der herbeieilenden Hausgenossen verborgen zu sein, schlich er, von Fieberfrost geschüttelt, in einen leer stehenden Schuppen, welcher den Hof von dem Garten trennte, und drückte sich in dessen Hintergrund unter Lattenwerk und Gerölle aller Art ängstlich zusammen, hoffend, sobald als möglich von hier aus noch entfliehen zu können.

Unterdeß waren die Hausbewohner näher gekommen und der Rathsherr, welchen zwei Diener mit Lichtern begleiteten, war der Erste, welcher den gehenkten Buchhalter erblickte, der jetzt völlig zum Leben erwacht, auf seine Kniee gesunken war und mit wirren Blicken die Näherkommenden anstarrte.

„Alle guten Geister loben Gott den Herrn!“ schrie der Rathsherr entsetzt zurückweichend, als er in der Jammergestalt seinen Buchhalter erkannte.

„Amen!“ stöhnte dieser und streckte wie um Gnade flehend die Hände nach dem frühern Brotherrn aus.

Da entsanken die Leuchter den zitternden Händen der Diener und in wilder Flucht und unter gellendem Hülferuf stürzten Alle auf die Straße.

Wenige Minuten darauf füllte sich Hausflur und Hof mit den theils erschrockenen, theils neugierig herbeieilenden Bewohnern der Nachbarschaft, und die Beherztesten derselben traten dem Gehenkten näher und beleuchteten ihn mit ihren Fackeln. Dieser aber vor Frost und Furcht zitternd, streckte wiederholt seine Hände den Staunenden entgegen und wimmerte kläglich um Gnade. Als nun aber Alle sich überzeugt, daß hier von einem Geisterspuk die Rede nicht sein könne, obgleich man den Buchhalter am Galgen und nicht hier in der Hausflur zu finden geglaubt hatte, da nahm der Rathsherr endlich das Wort und rief: „Wie kommt Ihr hierher, Unseliger?“

„Ich weiß es nicht,“ stöhnte kläglich der Befragte. „Mir ist es, als ob ich jetzt erst aus einem schweren, mir den Athem raubenden Traume erwacht sei, und als hätte ich durch einen schmerzhaften Fall wieder neues Leben in mir gefühlt.“

„Und wer hat Euch vom Galgen abgeschnitten?“ fragte der immer noch furchtsam in weiter Entfernung von dem auf den Knieen liegenden Delinquenten sich haltende Rathsherr und wieß auf den zerschnittenen Strick, dessen Ende auf den Rücken des Buchhalters herabfiel, während die von dem Henker geknüpfte Schleife sich aufgelöst hatte und nur locker den Hals umgab.

„Auch das weiß ich nicht, aber habt Erbarmen, laßt mir das Leben, und führt mich nicht wieder zum Hochgericht!“ stammelte jammernd der Buchhalter.

„Damit Ihr von Neuem wieder stehlen könnt!“ grollte der Rathsherr, bei welchem mit der verschwindenden Furcht der Haß gegen den Dieb wieder die Oberhand erlangte.

„O erbarmt Euch, und laßt mir mein elend Leben, nur nicht wieder zum Galgen!“ schrie der Gehenkte und rutschte auf den Knieen dem Rathsherrn näher, indem er dessen Hand zu erhaschen suchte.

„Das wird nimmer geschehen,“ entgegnete kalt und ernst die Stimme des Bürgermeisters Wolf Mühlhof, welcher durch den Volksauflauf herbeigeführt, mit einer Abtheilung Bewaffneter sich durch die Menge Platz brach. „Das Urthel des Gerichts,“ fuhr er fort, finster auf den Buchhalter blickend, „hat Euch das Leben abgesprochen, und welcher Spuk Euch auch wieder in Leben gerufen, Ihr seid dem Galgen verfallen und werdet demselben verbleiben. Auf! bindet ihn und führt ihn in Gefängniß, von wo aus er morgen in frühester Stunde die Reise wieder antreten mag nach seinem letzten Ziele, damit nicht Spott getrieben werde mit des hochnothpeinlichen Halsgerichts Urthel und Spruch.“

Diesem Befehle wagte keiner der Anwesenden entgegenzutreten, obgleich die Mehrzahl derselben nicht ohne Mitleid auf den Unglücklichen blickte, welcher jetzt wild aufheulend vor verzweiflungvoller Todesangst vergebens die Kniee des kalten, strengen Bürgermeisters zu erfassen versuchte. Die Bewaffneten ergriffen ihn, banden ihm die Hände auf den Rücken und schleppten ihn in’s Gefängniß; das Volk verlief sich, die Knechte des Lederhändlers aber, welche jetzt sorgsam Hof und Garten durchsuchten und mit Befremden die Hinterpforte offen fanden, entdeckten den in seinem Versteck sich verborgen haltenden Polen, den seine alte Keckheit gänzlich verlassen zu haben schien, so lange er hier in Besorgniß geschwebt, aufgefunden zu werden, dessen Trotz aber wiederkehrte, als die Knechte über ihn herfielen und ihm nach heftigem Widerstande ebenfalls die Hände knebelten.

„Also Ihr hier und versteckt gleich einem Strauchdiebe!“ rief der Lederhändler, eben nicht freudig überrascht bei dem Anblicke seines ihm verhaßt gewordenen Schuldners. „Ha, gewiß, Ihr und kein Anderer hat den Gehenkten vom Galgen geschnitten und in mein Haus getragen!“

„Wer sagt Euch dies!“ entgegnete trotzig der Pole und versuchte unter vergeblichen Kraftanstrengungen seine Hände aus den fesselnden Banden zu befreien.

„Kein Anderer als Ihr ist eines solchen Bubenstreichs fähig!“ fuhr der Rathsherr voll bittern Grolles fort. „Was hättet Ihr auch Ursache zur Nachtzeit Euch zu verbergen im entlegensten Winkel jenes Schuppens?“

„Ich wollte mir noch einmal genau das Haus besehen, dessen Besitzer ich gerettet aus Räuberhänden, und der mich jetzt fesseln läßt durch seine Knechte, gleich dem ärgsten jenes Gesindels,“ knirrschte Wranitzky mit steigendem Ingrimm. „Nehmt mir die Stricke ab, Ihr Schurken, oder bei allen Teufeln, Ihr büßt es mit Eurem Leben, sobald meine Hand nur irgend frei wird, um den Griff eines Schwertes zu erfassen.“

„Für diesmal müßt Ihr Euch schon fügen, gefesselt zu bleiben gleich einem Diebe, denn Ihr habt dem Galgen seine Zierde und den Raben ihr Futter geraubt,“ entgegnete verächtlich der Rathsherr. „Darum mögt Ihr im Gefängniß Euch überlegen, welch schlechten Dienst Ihr dem Gehenkten geleistet, der durch Euch wieder in’s Leben zurückkehrte, um es von Neuem wieder unter Höllenqual dem Henker preiszugeben.“

„Ihr habt kein Recht an mir!“ brüllte der Pole und versuchte im ohnmächtigen Grimm mit dem Fuße nach dem Rathsherrn zu stoßen. „Ich bin des Herzogs von Braunschweig Kriegsmann von heute an, darum müßt Ihr mich frei geben. Ihr elende Krämerseele, dessen schäbiges Leben nicht werth war, es den Fäusten der Troßbuben zu entreißen. Verflucht seid Ihr, der auf so bübische Weise mich zu behandeln wagt.“

„Für jenen Reiterdienst hat man Euch reichlich bezahlt, jetzt aber geschieht Euch, wie Ihr es verdient,“ entgegnete kalt der Rathsherr und verließ hastig die Hausflur, die Knechte aber packten den vor Wuth schäumenden Polen und warfen ihn in den Kerker des Lauenthurms.


Die achte Stunde des nächsten Morgens fand sämmtliche Mitglieder des Magistrats der Stadt Bautzen in ernster Berathung [229] im Sessionszimmer des Rathhauses versammelt, nach deren Schluß der Scharfrichter zum zweiten und letzten Male den zum Leben zurückgekehrten Gehenkten dem Galgen zuführte und dort wieder neben dessen Mitschuldigen aufknüpfte, und obwohl auch in der Rathsversammlung sich so manche Stimme des Mitleids für den Unglücklichen erhoben hatte, so glaubte man dennoch der Milde hier keinen Einfluß gestatten zu dürfen, und auf die Erfüllung des Urthelspruchs streng bestehen zu müssen, welcher den Buchhalter verurtheilt, durch den Strang vom Leben zum Tode gebracht zu werden und man durch einen Act der Gnade die in damaliger Zeit gefürchtetn Macht des städtischen Blutgerichts in den Augen des Volkes zu gefährden glaubte.

Als aber diese Execution, welche schnell und geräuschlos erfolgte vorüber war, und man den Scharfrichter zum zweiten Male für die Ausführung derselben bezahlt hatte, wurde der Pole vorgeführt und von diesem unter Androhung der Folter das Geständniß erpreßt, daß er geschworen habe, den Rathsherrn einen Bürgen für seine Schuld zu bringen Und solle er denselben vom Galgen holen. Dies Versprechen habe er erfüllt, denn ein anderer Bürge hätte sich für ihn nicht gefunden, nun aber verlange er Befreiung aus seiner Haft, da er seit gestern im Dienste des Herzogs von Braunschweig stehe und für immer die undankbare Stadt verlassen wollte.

Nach dieser Erklärung wurde Wranitzky wieder abgeführt, der Magistrat aber faßte nach kurzer Berathung den einstimmigen Beschluß:

„Den Polen Bartholomäus Wranitzky, zur Strafe wegen des von demselben verübten Frevels gegen die der Stadt zustehende richterliche Gewalt, in ein Faß zu spunden, durch einen Fuhrmann in die ödeste Gegend der Niederlausitzer Haide zu schaffen und dort laufen zu lasen, wohin es ihm beliebe, und jedoch ihn zu verwarnen, bei Todesstrafe Bautzen und dessen Weichbild je wieder zu betreten“.[1]


Als dem braunschweigischen Werbeoffizier so wie dem Stallmeister Kenntniß wurde von diesem Strafurtheil, durch welches der Pole nach einer dem Marsche der angeworbenen Truppen entgegengesetzten Richtung transportirt werden sollte, versuchten Beide, da sie mit der wenigen zu ihrem Gebote stehenden Streitkraft gegen die mächtige Stadt durch Gewalt nichts auszurichten vermochten, den Magistrat durch gütliche Vorstellungen zu bewegen, das Urthel dahin abzuändern, daß der neu angeworbene Reitersmann statt in die Gegend der Niederlausitz, nach der Dresdner Haide geschafft werden möchte, wozu man auch, im Stillen froh, den tollen Polen los zu werden, endlich seine Einwilligung gab.

Unter dem weit hin schallenden Gelächter des Volkes wurde auf offnem Markte Wranitzky in ein großes leeres Weinfaß gesteckt, der Deckel über ihm zugeschlagen und nur durch ein kleines Spundloch ihm die frische Luft zu schöpfen verstattet, und als der Fuhrmann unter lautem Peitschenschall mit seiner seltsamen Ladung in die Straße nach Dresden einlenkte, da schmetterten von der Herberge zum goldenen Lamme lustig die Trompeten zum Aufbruch und dem Fuhrwerke nach sprengte die letzte Abtheilung der braunschweigischen Hülfstruppen, denen der Stallmeister mit seinen Knechten und der Remonte folgte.

Ob der Pole sich nach Befreiung aus dem Fasse zu dem Stallmeister gefunden, und als braunschweigischer Reitersmann dem Krieg gegen die Türken beigewohnt hat, darüber ist in der Chronik nichts zu finden. Wohl aber hat sich durch diesen letzten tollen Streich des Bartholomäus Wranitzky in der Lausitz Jahrhunderte hindurch das Sprüchwort erhalten: „In Bautzen hängt man die Diebe zweimal.“
Ed. Gottwald. 




Der gefangene Fisch.
Kleiner Seeroman zwischen der englischen und französischen Flotte hindurch, der mündlichen Mittheilung des Gefangenen nacherzählt von H. Beta in London.

„Liebt mich“ – „Liebt mich nicht“ – „Liebt mich“ – „Liebt m–“

So weit war ich an meinen Rockknöpfen, in Ermangelung einer Gänseblume, gekommen, als ich erschreckt auf meinem Sitze zusammenfuhr und meine schöne Wittwe und mich selbst vergaß. Ich saß nämlich auf einer Bank unter den Ulmen des luftigen Platzes, welcher die Hochstadt von Boulogne und ihre alten Wälle umgiebt, um über mein Schicksal nachzudenken und ob „sie“ wohl endlich Ja sagen würde, eine melancholische, aber eine der schönsten Situationen, in der hoffentlich sich jeder halbweg erwachsene Mann einmal befunden haben wird. Die Bank unter mir, die Wälle, die Bäume, die Luft, ich – Alles zitterte und dröhnte. Es war ein dumpfes, fernes Beben und Brummen, das kaum in fernen Echo’s erstorben war, als es sich von Neuem erhob. Die alten, verwitterten Thürme über mir zitterten auch, und ich sprang mit neuem Schreck auf, um aus dem Bereiche ihrer Sturzweite zu kommen. War es ein. Erdbeben? Nein. Die Schildwache schritt methodisch und ernst am Schlosse auf und ab, als wenn gar Nichts zu zittern wäre, und so fass’ auch ich wieder Muth. Horch! Dasselbe dumpfe Brüllen und Dröhnen unter mir, in mir, über mir und diesmal deutlicher und gewaltiger. Es kam vom Meere her. Da sah ich’s. Mein Herz pochte laut. Mein friedliches, englisches Herz erbebte von Stolz, Trauer, Reue, Demuth, Groll – ich weiß nicht von was. Ich sehe die Blitze herausfahren, ich höre den Donner nun deutlicher, die Donnerstimme, die beinahe ein halbes Jahrhundert über Europa geschwiegen und nun plötzlich unabweisbar aufgefordert war, aus ihren tiefsten, verderblichen Schlünden sich desto furchtbarer vernehmen zu lassen.

Der Donner englischer Flottenkanonen, der erste Ton der europäischen Kriegsarie!

Seit Wochen hatten wir fast tagtäglich gehört und gelesen von kriegerischen Vorbereitungen, Märschen, Bemannungen von Schiffen, von Männer-Enthusiasmus und Frauenthränen; wir wußten, daß unsere Flotte die französische hier vor Boulogne begrüßen würde, um zusammenzugehen; aber wie gewaltig anders stellte sich jetzt die Wirklichkeit dieses Lesens und Hörens und Wissens dar. Mein Auge wanderte an den grimmen Bogen der Wälle hin, die zum „Kaiserpalast“ Napoleon’s I. führen. Er sieht noch ganz so aus, wie damals, als er sich zur „Invasion Englands“ rüstete. Jahrhunderte lang hatten sich England und Frankreich als Feinde betrachtet und behandelt. Und jetzt, welch ein brüderliches Jubeln zwischen dem Kanonendonner hindurch – der beiden Feinde!

Ich blickte scharf durch die noch blätterlosen Bäume in’s blaue Meer hinaus, um die weißen Segel schimmern zu sehen und ihnen meinen Gruß zuzuwinken. Die wiederholten Donnersalven hatten mich zu einer Begeisterung, einer Trauer aufgerüttelt, daß ich hätte weinen mögen. Ich sah mich um nach mitfühlenden Seelen; aber der Bäcker mit seinem Korbe, die Bonne mit ihrer schreienden Last, die Kinder mit ihren Federbällen, Mädchen mit ihren Springriemen, Arbeiter mit Instrumenten – Alles ging an mir vorbei, ohne Lust zu zeigen, meine patriotische Aufregung zu theilen. Auch die Engländer, die sich hier und da zeigten (denn Boulogne ist beinahe halb englisch) sahen stumm und kalt aus. Sie ließen sich wohl nicht einmal gern an die Heimath erinnern.

Das bedarf einer Erklärung. Boulogne ist der Gegenpol zu der „Königin-Book“ [2] in London. Wer sich vor dem Zudrange von Gläubigern, die den Glauben an uns verloren haben, retten und das Seinige in Ruhe verzehren will, geht „hinüber“, am Liebsten nach Boulogne. Ich gestehe offen, daß ich auch ein solcher Flüchtling war. Ich war mit neunzehn Jahren ein freier Mann, Baronet und einziger Erbe eines unmenschlich reichen Onkels. Die Gauner und Schacherer und Jobberer wußten das und hatten durch meine Unerfahrenheit, meinen Leichtsinn, meine Lebenslust mich bis über die Ohren in Schulden gestürzt. Ich weiß, daß ich förmlich meuchlings mit Geld angefallen wurde, um es durchzubringen. [230] bringen. Hernach, als ich an’s Durchbringen gewöhnt war, gaben sie mir nur gegen 20 – 30 – 50 Procent neue Nahrung. Als mein Onkel gestorben und mir 20,000 Pfund Sterling hinterlassen hatte, weinte und rechnete ich. Die Summe reichte kaum hin, meine Schulden zu bezahlen. Ich hielt meine Gläubiger für Schurken und befestigte in mir die Ueberzeugung, daß sie allein die Schuld meiner Schuld seien. Gelernt hatte ich nichts, dafür war ich Erbe und Baronet. Was hätte ich als „schuldenfreier“ Gentleman anfangen sollen? Kurz, ich nahm meine 20,000 Pfund und siedelte mich in Boulogne an. Hier beschäftigte ich mich mit Rasiren, Wäschewechseln, Handschuhanziehen und später mit doppelten Vorbereitungen zum Krieg. Die eine Art las ich in den Zeitungen, die andere trieb ich selbst gegen die schöne Wittwe, die seit einigen Wochen hier wie ein Venusstern am Himmel der guten Gesellschaft aufgegangen war. Sie trug ein Köpfchen, ein paar Augen auf ihren weißen Schultern, die mich stets seltsam an meine schönsten Kinderjahre erinnerten, ohne daß ich wußte, wie es zugehe. Um den Stern bewegten sich mehr Trabanten, als um alle Planeten unseres Sonnensystems, Herren mit Schnurrbärten und Sporen, Herren mit Backenbärten und Diamantringen und Herren, die noch alle Tage ihr Gesicht im Spiegel untersuchten, um zu entdecken, welche zukünftige Gestalt ihr Bart dermaleinst anzunehmen geneigt sein könnte, falls er aufginge.

Die Hälfte der Boulogner Jungen machte Fensterparade mit ihren Mappen unterm Arme, wenn sie in die Schule gingen. Die Franzosen fangen früh an zu lieben, um spät wieder aufzuhören. Mich kümmerte weder Alt noch Jung, denn ich wußte, daß sie Niemand liebte, gegen Alle freundlich und geistreich, aber auch so zurückhaltend war, daß Niemand bisher gewagt hatte, ihr sein Herz zu Füßen zu legen. Was mich betrifft, so hatte ich dann und wann zu bemerken geglaubt, daß sie mich ohne besondere Veranlassung länger ansah, als es nöthig erschien; das war aber auch Alles. Mehr als einmal freilich hatte sie auch geäußert, daß sie mich in London, wohin sie bald zurückkehren werde, wiederzusehen hoffe, aber das wirkte begreiflicher Weise auf mich nicht annähernd.

Sie ließ sich fast alle Tage in’s Meer hinausfahren, um zu angeln. Einige Schnurr- und einige Backenbärte hatten eine Art Privilegium, sie auf diesen Partieen zu begleiten. Mir schlug sie ein Gesuch der Art geradezu ab, und zwar mit dem Bemerken, daß ich vielleicht noch Verpflichtungen gegen Land und Leute habe und sie dafür die Verantwortlichkeit für mein Leben, das auf dem Wasser immer mehr gefährdet sei, als auf dem Lande, nicht übernehmen könne. – Ich rieb mir die Stirn, als hätte ein Geist der Hölle die Rechnungen meiner Gläubiger darauf geschrieben und sah in meinen Hoffnungen eine Partie, die ganz zu Wasser ward. Und doch war sie dann wieder so rührend, so herzlich, so sinnig! – Ich fing damit an, zu erzählen, wie ich das Schicksal in Form meiner Rockknöpfe fragte, ob sie mich liebe, und wie der seit 40 Jahren stumme Kanonendonner des Krieges mit Erd und Himmel erschütternder Stimme aus den kleinlichen Leiden eines einzigen Individuums zu umfassenderen Gedanken rief. Jetzt dacht’ ich sie vergessen zu können. Und grade jetzt stand sie vor mir und lud mich lebhaft ein, sie zum Besuche der Flotten zu begleiten. Auf dem Wege sprach sie mit erröthender Begeisterung von dem schnupftabakschmutzigen, vatermördergeknickten, genialen Kraftmenschen Rapier und der Begeisterung seiner Mannschaft und dem hohen Berufe der englischen Flotte, diesmal für die Civilisation und nicht für einen Bourbonen und dergleichen kämpfen zu müssen.

Unter solchen Gesprächen, die mich, aus dem Munde des schönsten Weibes, um so mehr hinrissen und erhoben, waren wir in ein unten wartendes großes Seeboot gestiegen, welches nun lustig in die Wogen hinaussegelte, um den „Wellington,“ der jetzt mit Napoleon Arm in Arm ging, persönlich zu begrüßen. Ihr Gespräch, ihre schönen, leuchtenden Augen fesselten mich, daß ich mich kaum nach den Flotten umsah. Erst nach langer Zeit merkte ich, daß wir in der offenen See tüchtig geschaukelt wurden und von Küste und Schiffen nicht das Geringste zu bemerken war. Ich äußerte mein Erstaunen und meinte, es sei wohl Zeit, sich dem Lande wieder zu nähern.

„Haben Sie mich nicht gebeten, mich auf meinen Angelpartieen begleiten zu dürfen?“

„Sie wollen doch heute und hier nicht angeln?“

„Ich habe geangelt?“

„Haben geangelt?“

„Ja, mein Herr, und meinen Fisch gefangen.“

„Was für einen Fisch?“

„Sehen Sie da drüben das Land?“

„Das ist Morgate, England! Lootse, den Augenblick wenden Sie das Schiff!“

Die Matrosen lachten. Mir ging ein entsetzliches Licht auf. „Meine Börse!“ schrie ich, „25 Louisd’ors, wenn ihr mich in Boulogne absetzt!“

„Fünf und zwanzig Louis gegen zwanzig tausend Pfund?“ frug die Wittwe ironisch.

Wüthend kochte alles Blut in mir auf. Ich wandte ihr den Rücken und befahl den Matrosen und dem Lootsen mit Stentorstimme, sofort das Schiff zu wenden, wenn ihnen ihr Leben lieb sei. Der Lootse kam ganz ruhig mit zwei Mann heran, die bedeutende Stricke in den Händen schwangen. Er meinte, wenn ich mich nicht ruhig verhalte, müsse ich nach Seemanier gebunden in die Segeltuchkammer spazieren. Ich erkannte meine Lage und nahm sofort nach Außen eine stoische Ruhe an. Nach einiger Zeit ging ich in die Cajüte hinunter, wo die schöne Verrätherin in Gedanken vertieft saß.

„Nur ein Wort, Madame,“ sagte ich; „warum haben Sie, die ich wahrhaft, wahrhaft liebte, sich zu einer so unwürdigen List hergegeben, da Ihnen mein ganzes Vermögen zu Gebote stand?“

„Sie mich lieben? Ein Baronet die Bürgerliche?“

„Ich hatte nicht an Ihren Stand, Ihr Vermögen gedacht, sondern blos gewartet, bis ich ein untrüglichen Zeichen entdecken würde, daß meine Bewerbung – Untrügliches Zeichen! Sie haben’s nun gegeben.“

Ich hatte eine Pflicht übernommen. Sie erniedrigte mich, aber sie kam von einem sterbenden Vater, der – schreckliche Erinnerung! – mit Verwünschungen gegen Sie starb.“

Nun schilderte ich ihr mit den lebhaften Farben des bitter Erlebten die Art, wie mich ihr Vater, dessen Freunde und Gaunergehülfen aus meiner harmlosen Jugend und Unschuld absichtlich und planmäßig in Schulden gebracht und meinen jugendlichen Leichtsinn bis zum letzten Heller meinen Onkels als Schuldforderung in ihrer Gewalt hatten. Dabei sahen mich die schönen Augen des Weibes so rührend an, als sei ihre Rolle und meine Lage ein böser Traum. Ich fühlte mich so tief erschüttert, daß ich weinte, herzlich, tief, unaufhaltsam weinte. Ich saß da, wie ein bestrafter, reuiger, gerührter Schulbube, versteckte mein Gesicht in’s Taschentuch und blieb so sitzen, bis das Schiff die Themse hinauf und in einen der Docks eingelaufen war. Von hier begleiteten mich zwei Matrosen in ein Hotel, wo mich die Verrätherin schon erwartete. Sie nahm mir das Versprechen ab, daß ich das Hotel nicht verlassen wolle, ehe sie mich wieder gesehen. Ich gab es und, allein gelassen, ließ ich mir einen Bogen Papier kommen, durch welchen ich alle meine Besitzthümer meinen Gläubigern zur Verfügung stellen wollte. Dann warf ich mich auf’s Bett und ward nach einer kläglichen Nacht durch die Anmeldung eines Besuchs aus meinen Plänen, was ich nun anfangen werde, geweckt.

Meine Verrätherin stand vor mir. „Bringen Sie die Gläubiger nicht mit?“

„Sie stehen alle vor Ihnen“ (mit niedergeschlagenen Augen).

„Sie haben –“

„Alle Forderungen an mich gebracht, um“ – hier warf sie mehrere Papiere in das Kaminfeuer – „um Ihnen Ihre Freiheit wieder zu geben.“

„Um mich zu fesseln, ewig, unauflöslich zu fesseln! Ja? Ja? Ja?“

„Wenn es denn sein muß, in Gottes und der Liebe Namen herzlich und treu! Ja!“

Und wie sie dabei auf die Zehen trat und sich an mir in die Höhe wand und so reizend roth aufblühte und die leuchtenden Augen aufschlug und dann wieder nieder, und wie wir nun draußen in einer herrlichen Villa wohnen und glücklich sind, das sind Alles Dinge, nach denen der Leser nicht mehr fragt, wenn er erst weiß, daß „sie sich wirklich gekriegt haben.“

[231]
Von den Ufern der Ostsee.
Nr. 4. Noch einmal Kronstadt.

In Nr. 17. der Gartenlaube legten wir den Leser einen Plan von Kronstadt vor, heute bringen wir eine weitere Abbildung dieser wichtigen Seefeste, und sind zugleich in den Stand gesetzt, die schon damals mitgetheilte Schilderung zu vervollständigen, welcher der Leser folgen mag, indem er jene Pläne nochmals zur Hand nimmt.

Kronstadt.

Wir haben schon gesehen, daß man auf der Fahrt nach Kronstadt zunächst zur Linken die westliche Spitze der Insel hat, welche in einer Reihe Felsen, scharf gezackt, im Meere ausläuft, und auf deren äußerstem Ende der Leuchtthurm von Tolbukin steht; dann kommt die mit Batterien gespickte südliche Küste der Insel, in der Fronte aber erblickt man fünf Forts, zwischen denen hindurch sich der Kanal nach dem Hafen von Kronstadt schlängelt. Zur Rechten, in einer Entfernung von zwei Stunden, sieht man (im Sommer) die grünen Hügel Oranienbaums und des kaiserlichen Parks; endlich in der Ferne am Horizont, wenn die hier häufigen Nebel es erlauben, die Umrisse von St. Petersburg, stolz überthront von der goldenen Kuppel der St. Isaakskirche.

Die Vertheidigungsfähigkeit dieser südlichen Küste von Kronstadt wurde schon in unserm ersten Artikel hinlänglich hervorgehoben, nachträglich sei hier nur noch bemerkt, daß sämmtliche Forts und Batterien ihrer Lage nach die Krümmungen des Kanals immer in gerader Linie bestreichen, so daß ein Schiff, welches nach Kronstadt will, stets gezwungen ist, sein Vordertheil dem Feuer auszusetzen, bekanntlich die allerungünstigste Lage für ein Fahrzeug, da es von seinen Batterien keinen Gebrauch machen kann. Um letzteres zu können, müßte es sich bis inmitten der Forts selbst vorwagen, und hier würde es unfehlbar in wenigen Minuten zerschmettert und in Grund gebohrt sein. Ein solches einzige in Grund gebohrte Schiff würde aber den schmalen fahrbaren Kanal alsdann sperren, so daß andere Schiffe weder zur Hülfe kommen könnten, noch die Fortsetzung des Angriffs möglich wäre, oder doch sehr erschwert werden würde.

Der bessern Uebersicht wegen zählen wir einmal die Reihe der Forts und Batterien auf, an denen man auf der Südseite vorüber muß, und beginnen dabei mit den auf der Insel gelegenen:

[232]

1) Das Peters-Fort, bei dem sich außerdem eine kleine Streichfeuer-Batterie befindet.
2) Die Batterie Kesel.
3) Die Batterie am Löschplatze.
4) Der große Hafendamm (Molo) mit 82 Geschützen, auf welchen die nach Kronstadt segelnden Schiffe in gerader Richtung loskommen müssen.
5) Das Fort Menschikoff, am Eingange den Kriegsequipirungshafens.
6) Die Batterie auf dem Molo des Kriegsequipirungshafens.

7) endlich die Batterie auf dem Molo des eigentlichen Kriegshafens, auf der äußersten südöstlichen Spitze der Insel.

Dies sind zusammen die Küstenforts und Landbatterien, welche im Ganzen mit 150 Geschützen den Kanal bestreichen, wozu noch die 400 Kanonen der im Meere gelegenen Forts kommen, als:

1) Das Fort Konstantin.
2) Das Alexander-Fort.
3) Das Sanct-Peters-Fort.
4) Das Fort Risbank.
5) Das große Fort Kronslot oder Kronen-Fort, dessen eine Seite dem Fort Menschikoff zugekehrt ist, so daß die Passage zwischen diesen beiden fürchterlichen Wällen wenig über 600 Fuß breit ist.

Im Ganzen macht dies zwölf Forts oder große Batterien mit nahe 800 Feuerschlünden, Kanonen, Mörsern und Haubitzen vom stärksten Kaliber und sich überall kreuzendem Feuer.

Man hält allgemein dafür, daß ein Flottenangriff auf Kronstadt wenig Aussichten auf Erfolg habe. Der schmale Raum Fahrwasser, in welchem die Schiffe nur vorrücken können, hindert sie an jedem Linienmanöver, das stets mit der offenen Gefahr des Scheiterns verknüpft ist; sie fänden sich daher immer dem zusammenlaufenden Feuer der Forts Preis gegeben, ohne mit der gleichen Zahl Geschütz antworten zu können. Außerdem hält der Kanal nur 25 Fuß Fahrwasser und wenn dieses auch für gewöhnliche Linienschiffe ausreicht, so ist es doch für die neuern Meerungeheuer vom Schlage des Wellington mit 130 Kanonen unausreichend, da diese bei einem Tiefgange von 25 Fuß mindestens 27 Fuß Fahrwasser erfordern.

Besehen wir uns nun auch einmal die nördliche Seite Kronstadts, welche bei Weitem weniger befestigt ist. Auf dieser Seite erstreckt sich ebenfalls ein Arm des Meeres bis in die Gewässer von St. Petersburg, allein er hält nur 4 bis 5 Fuß Tiefe und ist somit für Kriegsschiffe, selbst von sehr untergeordnetem Rang, unfahrbar. Außerdem haben die Russen dort bekanntlich die Passage gesperrt, indem zwischen der nordöstlichsten Spitze von Kronstadt und der Landspitze Lifi-Roß (nordöstlich von St. Petersburg) zwei Reihen Pfähle eingerammelt und mit Granitblöcken ausgefüllt wurden.

Die Befestigung von Kronstadt am Ufer des Meeres nach Norden zu besteht aus in Pfahlwerk aufgeführten Dämmen, welche durch ebenfalls aus Holz erbaute Halbmond-Schanzen gedeckt werden. Die Mittelwälle werden von höher gelegenen Batterien überragt, von denen jede 16 Kanonen unter Kasematten enthält. Der westliche Wall durchschneidet das feste Land der Insel der vollen Breite nach und bildet eine Sägwerk-Fronte, um welche ein breiter Graben läuft, der von beiden Enden aus mit Seewasser gespeist wird. Außerhalb dieser Fronte etwa in Entfernung von einer Stunde, da wo die Insel sich zuzuspitzen anfängt, befinden sich vier Werke, welche das Meer nach beiden Seiten hin bestreichen. Das bedeutendste dieser Werke ist das von vier schmalen Bastionen gedeckte Alexander-Fort, an welches sich eine den südlichen Kanal bestreichende Batterie schließt, ferner die Michaels-Redoute und eine über die Insel weggehende Sägwerkschanze. Auf der äußersten Spitze ist endlich noch eine Batterie angebracht, welche den Namen Katharinen-Fort führt. Die Seichtigkeit des Meeres, die granitnen Forts und die Batterien im Süden, die Befestigungen im Norden, Westen und an der westlichsten Spitze, die von allen Seiten gegen den Angreifer herabklotzenden Kanonen bilden zusammen ein so furchtbares Ganzes, daß der Kaiser Nikolaus neulich wohl mit ironischem Lächeln sagen konnte: „Ich bin nur begierig, wie sie es anfangen werden, um Kronstadt anzugreifen.

Es würde in der That außerordentlich schwierig sein, auf eine derartig befestigte Stadt einen Angriff zu unternehmen, gleichwohl dürfte vielleicht mit einer dazu ausgerüsteten Flotte, die ein ansehnliches Truppenkorps mit sich führte, eine Landung an der Spitze der Insel oder auf deren nördlicher Seite zu bewerkstelligen sein; dies Corps könnte sich dann festsetzen, verschanzen und bald die Laufgräben gegen den westlichen Frontwall eröffnen. Die Flotte müßte zu diesem Zwecke eine hinlängliche Zahl platter Fahrzeuge zum Ausschiffen der Truppen bei sich führen, und ebenso eine Flotille von Kanonen- und Bombenbooten, um die Ausschiffung zu unterstützen. Das kleine Fort auf der westlichen Spitze mit seinen Nebenwerken, der Frontwall im Norden mit seinem Pfahlwerk könnten durch eine zahlreiche Kanonenflotille leicht zerstört werden. Das Landhaus des Gouverneurs auf der nördlichen Seite böte keinen ungünstigen Punkt zur Ausschiffung, wo man sich schnell verschanzen könnte; dann würde man durch die Gärten und Häuser durch, welche außerhalb der Festung eine kleine Vorstadt bilden, gegen den westlichen Hauptfrontwall vordringen und vom Terrain begünstigt die Laufgräben nicht ohne Erfolg eröffnen können.

Die großen Kanonenforts, mit ihren vier Reihen Kanonen übereinander, beherrschen zwar das feste Land der Insel, und ein Landungskorps würde von ihrem Feuer belästigt werden, bis die nöthigen Schanzarbeiten hergestellt wären; ebenso könnte ein von den Forts aus unterhaltenes Bombenfeuer sehr nachtheilig sein: bei alledem wäre es gleichwohl möglich, die ersten Verschanzungswerke binnen zwei Nächten zu vollenden, vorausgesetzt, daß die Flotille zweitausend Schanzkörbe und Faschinen, und drei- bis viertausend Säcke voll Erde nebst den erforderlichen Schaufeln und Hacken bei sich hätte. Mit solchen in voller Bereitschaft gehaltenen Mitteln würde es nicht schwer fallen, in kurzer Zeit eine fliegende Schanze herzustellen, zumal nur die beiden Forts Konstantin und St. Peter der Insel nahe genug liegen, um ein gut genährtes und sicheres Feuer unterhalten zu können. Wohl wäre es dann aber weiter möglich, daß die Landungstruppen sich der auf der Südküste gelegenen großen Befestigungswerke, wie Fort Peter und die Schanze Kesel, bemächtigten, da deren Hauptfronte dem Kanal zugekehrt ist und somit ein Angriff vom Lande her auf weniger Widerstandsmittel stoßen würde.

Mit Wegnahme dieser Küstenbatterien verlören die Seeforts schon einen Theil ihrer Wichtigkeit, und weiter hätte man alle die Hülfsmittel für sich, welche eine Flotte an Artillerie von schwersten Kaliber und an Kriegsbedarf jeder Art besitzt. Einmal die Küstenbatterien genommen, wäre es nicht unmöglich, von ihnen aus die nächstgelegenen Seeforts zu zerstören, worauf auch die Flotte mit weniger Gefahr an dem Angriff Theil nehmen könnte. Die Passage nach Kronstadt würde sie deshalb freilich immer noch nicht erzwingen, wohl aber die Belagerung zu Lande nachdrücklich unterstützen können.

Nehmen wir an, die Laufgräben seien eröffnet, die Belagerung lebhaft betrieben und bis an den Hauptwallgraben vorgerückt, alsdann würde man hier nun Bresch- und Ricochet-Batterien, hauptsächlich aber Mörser- und Haubitzen-Batterien errichten, Kronstadt bombardiren, die Arsenale vernichten und die russische Flotte in ihrem eigenen Hafen verbrennen. Bei der zahlreichen Besatzung des Platzes, wozu im Fall einer Belagerung sicherlich von Petersburg aus noch bedeutende Verstärkungen kommen würden, gehörte jedoch zu einem solchen Unternehmen ein Landungskorps von mindestens 25 bis 30,000 Mann.

Wir haben diese ausführliche Beschreibung Kronstadts nicht für überflüssig gehalten, da unter den obwaltenden Verhältnissen diese große Seefestung das lebhafteste Interesse erregt. Als das größte Marinearsenal Rußlands, als Handels- und Zufuhrhafen von St. Petersburg, als Vormauer dieser Stadt, ist Kronstadt gleich wichtig. Die Wegnahme von Kronstadt, wenn es zu nehmen ist, wäre für das russische Reich empfindlicher, als der Verlust von zehn Provinzen, denn seine ganze Marine ginge verloren. Die Belagerung und das Bombardement von St. Petersburg durch eine Kanonenflotille böte dann keine besondern Schwierigkeiten mehr, und so erklärt sich zur Genüge, weshalb die Regierung auf diesem Punkte so furchtbare Vertheidigungsmittel zusammengedrängt hat.

[233]
Populäre Chemie für das praktische Leben.
In Briefen von Johann Fausten dem Jüngeren.
Vierter Brief.
Die Alchemisten und die Goldmacher der Alt- und Neuzeit.

Haben wir auch gesagt, daß in Veranlassung zufälliger Beobachtungen und der sich geltend machenden Bedürfnisse im fernsten Alterthum bereits eine Reihe von chemischen Processen andauernd zur Ausführung kam und diese sogar einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen industriellen Thätigkeit zur Grundlage dienten, so war nichts destoweniger die Chemie, das wahre Wunderkind der Neuzeit, noch gar nicht vorhanden und erfunden; sie war noch ungetauft. Erst im vierten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung treffen wir den Namen unserer Wissenschaft an und zwar in einer für uns heute ergötzlichen Gesellschaft. In einem alten astronomischen Werke des Julius Maternus Firmicus, der zur Zeit Constantin des Großen lebte, wird auch der wichtige Einfluß besprochen, den nach damaliger Ansicht, – die ja heute selbst noch bei Ungebildeten ihr Ansehen behauptet, – der Stand des Mondes zu einem Planeten bei der Geburt eines Menschen auf die Neigungen und das Geschick desselben ausüben solle. Es heißt hier, daß wenn zu dieser Zeit der Mond im Saturn stehe, der Neugeborene ein Chemiker werde.

Aus dieser dürftigen Nachricht ersehen wir so viel, daß man versucht hatte, die bekannten chemischen Thatsachen, die bis dahin ohne allen Zusammenhang neben einander hergingen, als zusammengehörig äußerlich in Verbindung zu sehen. Und daraus war eine eigenthümliche Beschäftigung entstanden; es gab jetzt erst eigene Chemiker. Sehen wir uns diese näher an.

Ich könnte hier den Lesern eine Reihe von Geschichten erzählen, die ebenso wunderbar klingen würden, wie die aus Tausend und einer Nacht; und doch wären es keine Märchen, sondern lautere Wahrheit und lehrreich zugleich, da sie uns zeigen würden, wie durch Jahrtausende der menschliche Geist im Labyrinth der Finsterniß umhertappte, wie er sich vergebens abmühte, den Faden zu finden, der ihn zum Licht geleite. Doch wir müssen uns kurz fassen bei der Schilderung dieser Parthie, die nur unternommen wird, um die Gegenwart in ein helleres Licht zu stellen, das um so glänzender strahlt, je dunkler der Grund, von dem es sich abhebt.

Himmlische Wesen, von der Schönheit irdischer Frauen geblendet und von Liebe entbrannt, hatten in schwachen Stunden ihre Geheimnisse nicht bewahren können; den schmeichelnden Bitten der Schönen war es gelungen von den Engeln die Kunst Gold und Silber zu machen in Erfahrung zu bringen. Wie das Paradies ging auch diese Kunst dem sündigen Menschen verloren; die Engel fanden nicht mehr den Weg vom Himmel zur Erde und so machten sich die ältesten Chemiker an das Werk das Verlorene wieder aufzusuchen, zumal durch Jahrhunderte hindurch das Geheimniß in den Händen ägyptischer Priester lebendig gewesen.

Das die poetische Seite; die prosaische klingt freilich anders. War auch das Eisen den Völkern des Alterthums bekannt, so steht doch fest, daß das Kupfer in Gemeinschaft mit andern Metallen weit häufiger verarbeitet wurde. Die Waffen und schneidenden Werkzeuge der ältesten Völker waren aus Kupfer gemischt mit Zink, Blei, Zinn und Arsenik gefertigt. Je nachdem nun die Verhältnisse ausgewählt werden, kann man dem rothen Kupfer eine goldgelbe oder eine silberweiße Farbe geben. Die Vorgänge hierbei waren den Alten gänzlich unbekannt; sie hielten das Kupfer für verwandelt und ahnten nicht, daß man aus der Mischung alle Bestandtheile unverändert wieder abscheiden könne. Dies und nichts anderes ist der Ausgangspunkt des Wahnes, dem Jahrtausende hindurch die Menschheit vergebens nachrannte.

Das Ziel, dem man zustrebte, brachte es mit sich, die Arbeiter lichtscheu zu machen; der Wahn der Zeit stempelte die Jünger des großen Trismegistos, des dreimalgrößten, der 36,525 Bände über alle Wissenschaften geschrieben haben soll, zu Zauberern und um den Verfolgungen zu entgehen, hausten die Adepten in einsam gelegenen, verfallenen Häusern, oder in Höhlen und Ruinen oder in der Einsamkeit klösterlicher Zellen. Wie die Eulen rief auch sie die Nacht zum Tagewerke und eifrig lauschten sie über Tiegeln und Retorten der sehnlichst erharrten Verwandlung, während die Anfänger sorgsam bedacht waren die weiße und rothe Tinktur zu bereiten, von der ein Tropfen hinreichte, ungeheure Massen unedler Metalle in edle zu verwandeln. Doch das Eldorado erreichte keiner; der grüne Löwe wollte nicht erscheinen und wenn sie auf dem Punkte standen, das köstliche Geheimniß zu fassen, da kam der unerbittliche Tod und die Frucht eines langen mühseligen Lebens war dahin. Daher kam zu dem alten ein neues Problem; der Stein der Weisen erhielt eine neue Eigenschaft: das menschliche Leben zu verlängern. Wer dies erreichte, dem konnte das Geheimniß nicht entgehen.

Gleich einer Coquetten, lockte die hermetische Kunst alle herbei, um sie zu höhnen. Einmal in ihren Banden, konnte man sich ihrer nicht erwehren, wenn auch das sichere Ziel der Bettelstab und der Galgen war. Unter den Verblendeten finden wir vornehmlich die, welche unaufhörlich den Armen auf die Freuden des Himmels vertrösten, – die christliche Geistlichkeit. Wir wollen glauben, daß in den ersten Jahrhunderten Eifer für die Wissenschaft die Jünger erfüllte, und daß sie sich nur aus Liebe zu dieser und der Menschheit, der sie zu dienen wähnten, die Lösung der unerreichbaren Aufgabe machten. Je weiter wir aber in der Zeit vorrücken, um so größer wird die Zahl der Schwindler und Betrüger, namentlich von da an, wo eine Aenderung in der Stellung der Fürsten vor sich gegangen. Sobald man anfing zu ahnen, die Völker seien nur der Fürsten wegen da, brauchte man viel Geld, um die Konsequenzen dieses Grundsatzes durchzuführen und ihm selbst Achtung zu verschaffen; leider aber waren die Steuern freiwillige Opfer der Landesangehörigen. Man mußte sich von ihnen unabhängig machen und dazu boten die umherziehenden Vaganten, die auf die große Kunst reisten, treffliche Mittel. Für diese begann jetzt eine gute Zeit und je ärger die Marktschreierei, um so glänzender der Erfolg.

Bis zum ersten Viertel des 16. Jahrhunderts, also bis zur Reformation, ging die Chemie ganz in der Goldmacherei auf; beide waren eins und ungetheilt. Die Befreiung von der geistigen Knechtschaft auf dem kirchlichen Gebiet, wirkte zurück auf die Chemie, die durchaus gefangen lag in den Banden des Autoritätglaubens; dazu kam die Erweiterung des Gesichtsfeldes und des Wissens durch die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien und die von Amerika und hierdurch wurden neue Anschauungen lebendig. So kärglich und ärmlich der Inhalt unserer Wissenschaft damals auch war, so zweifelte man selbst an dem Wenigen und damit war eine neue Bahn gebrochen. Die Entwickelung erfolgte jedoch nicht von innen heraus, sondern die Bewegung kam von außen, so daß auch hier die Chemie nicht zum Bewußtsein ihrer selbst gelangte und abermals fremden Zwecken als eifrige Magd dienen mußte.

Das Donnerwort des Theophrastus Paracelsus Bombastus, des Wunderlichsten der großen abenteuernden Zunft der fahrenden Scholasten damaliger Zeit, war es, wodurch die Befangenen aufgeschreckt wurden, indem er ihnen die Nichtigkeit ihrer Bestrebungen vorwarf. Er hielt den großen Weisen damaliger Zeit einen Spiegel vor, aus dem ihnen, statt der geträumten Herrlichkeit, eine scheußlich verzerrte Fratze entgegenstarrte. „Mir nach,“ so donnerte er die Verblüfften an, „ich nicht Euch! Mir nach und ich nicht Euch. Ihr von Paris, von Montpellier, Ihr von Schwaben, von Meißen und Köln. Ihr von Wien und was an der Donau und dem Rheinstrom liegt, ihr Inseln im Meer, du Italien, du Dalmatien, Du Grieche, Du Araber, Du Israelit! mir nach und ich nicht Euch, mein ist die Monarchie!“ Mit beredter Stimme warf er ihnen vor, daß sie die Natur verlassen, sie, die ohne Falsch, gerecht und ganz sei, verdreht und nach ihren phantastischen Gebilden hätten umformen wollen; er wies nach, daß das große Buch der Natur, von Gottes Finger geschrieben, offen vor ihnen da läge, in welchem ihre blöden von eitler Lust verblendeten Augen freilich nicht zu lesen vermöchten.

Ein echtes Kind seiner Zeit, mit allen ihren Fehlern und [234] Schwächen, ahnte er das Wahre und Rechte mehr, als daß er es zu finden wußte. Gleich einem Trunkenen, in welchen Zustand er auch stets gewesen sein soll, wie seine Gegner sagen, wenn die Lust über ihn kam, seinen Schülern zu dictiren, sehen wir ihn in seinen Schriften – mehr als 300 – hin- und hertaumeln vom Wahren und Erhabenen zum Falschen und Irrigen; ja viel, sehr viel finden wir darin, von dem wir dreist behaupten können, daß er selbst nicht gewußt habe, was er damit sagen wollte. Bei alle dem aber gab der gigantische Geist dem Jahrhundert eine andere Richtung in dem Satze, den er einmal fest hinstellte: „der wahre Gebrauch der Chemie ist nicht Gold zu machen, sondern Arzneien zu bereiten.“ Eben so unwahr, wie der Machtspruch der Vorzeit, wurden diese wenigen Worte doch eine Kluft, durch die Goldmacherei und Chemie auf ewig von einander geschieden wurden. Freilich gab man den irrigen Glauben nicht sogleich auf, der Traum der Glückseligkeiten im Gefolge des Steines der Weisen war zu süß. Selbst die Wissenschaft hielt immer noch eine Umwandlung der Metalle für möglich und viele Chemiker, die besonders beigetragen haben zur Bereicherung unserer Kenntnisse, haben gelegentlich nach Mitteln gesucht, das Geheimniß zu lösen, so selbst Kunkel, der bedeutendste deutsche Chemiker am Ausgange des 17. Jahrhunderts.

Die Zeit bis 1700 ist reicher an Goldmachern, wie die eigentliche Periode der Alchemie; aber die Eifrigen gehören jetzt nicht mehr der Chemie an, sie stehen auf einem ganz fremden Boden. Die Höfe der Fürsten, die dort durchgehende herrschende Geldnoth, das war der fruchtbarste Boden, auf welchem die Adepten wie die Pilze aufschossen. Vielleicht erzähle ich später einmal dem Leser ergötzliche Geschichten aus jener traurigen Zeit, die noch heute das sehnlichst herbeigewünschte Ziel Vieler ist. Für heute wollen wir nur andeuten, daß 1680 der Zweifel an die Goldmacherei für Majestätsbeleidigung erklärt wurde, weil sich ja einige Kaiser selbst damit und zwar auf das Eifrigste beschäftigt hatten.

Ja das 18. Jahrhundert zeigt uns sogar die höchste Blüthe des Unwesens, dem freilich bald genug der gänzliche Sturz folgte. Wohl hatten die Fürsten, nachdem sie durch Jahrhunderte hindurch selbst eifrig mit Retorten und Tiegeln operirt, um die köstliche Tinctur zu bereiten, endlich erkannt, daß sie Spielbälle in den Händen schlauer Betrüger gewesen, die man sich nun auf nicht sehr glimpfliche Art vom Halse schaffte. So wurde der berüchtigte Vagant Caëtano, Graf von Ruggiero, der nach vielen Irrfahrten endlich nach Berlin verschlagen war und hier versprochen hatte, den Schatz um beliebige Summen zu bereichern, 1709 in einem mit Flittergold beklebten Kleide an einen gleichfalls vergoldeten Galgen aufgehängt. Ein gleiches Schicksal theilte ein deutscher Industrieritter, Hector von Klettenberg, der dem italienischen in nichts nachstand. Auf Befehl August II. von Sachsen und Polen wurde er 1720 auf dem Königstein enthauptet. Und kurz zuvor zierte ein gewisser von Krohnemann, nachdem er fast zehn Jahre am Hofe des Markgrafen von Baireuth Wunder verrichtet hatte, 1686 zu Culmbach den Galgen. Nebenbei war noch Spott der Lohn für seine ausgezeichneten Leistungen auf dem Gebiete der Taschenspielerei. Der Galgen trug folgende Inschrift:

Ich war zwar, wie Merkur wird fix gemacht, bedacht,
Doch hat sich’s umgekehrt, und ich bin fix gemacht.

Solche Mittel brachten zwar die fahrenden Adepten und Glücksritter zum Verschwinden, aber die große Kunst blühte mehr denn je; von den Höfen dem Scheine nach verscheucht, wurde sie jetzt zum ersten Male Gemeingut des Volks. Wie sehr die Epidemie grassirte, ersehen wir aus den poetischen Klagen einiger Adepten, die sich für die wahren hielten und ihren Zorn darüber, daß die heilige Kunst in den Koth getreten würde, in Versen Luft machten. So schrieb einer:

Wer im gemeinen Dienst dem Staat nichts nützen kann,
Wer jung als Passagier sein Hab und Gut verthan,
Will nun im Müßigang, aus Gläsern, Rauch und Kohlen,
(Schaut doch dies Wunderwerk) des Schadens sich erholen.

Und ein anderer:

Es will fast Jedermann ein Alchemiste heißen,
Ein grober Idiot, der Junge mit dem Greisen;
Bartscheerer, altes Weib, ein kurzweiliger Rath,
Der kahlgeschorne Mönch, der Priester und Soldat.

Lange jedoch war die große Kunst nicht im Stande das volle Tageslicht zu vertragen und bald genug mußte sie sich ihre Anhänger wieder unter den Gebildeten suchen. Jetzt staunen wir freilich, wenn wir die erhabensten Geister unseres Volkes unter den Vereinzelten finden, die diesem Wahn folgten: Friedrich II. und Goethe. Dem Letzteren verzeihen wir seine jugendliche Verirrung sehr gerne; sie schuf den Faust, die herrlichste Frucht, welche uns die durch viele Jahrhunderte betriebene geheimnißvolle Kunst geliefert hat. Es war keine bizarre Laune, wie ein französischer Geschichtschreiber der Chemie glaubt, welche unserem Goethe den Gedanken zu seinem Meisterwerk eingab; der Faust, der filzige Wucherer von Mainz, wie der Franzose ihn nennt, ging nothwendig hervor aus dem mystisch-alchemistischen Treiben Goethe’s.

Der Glaube an die hermetische Kunst ist bis in die neueste Zeit hinein nicht untergegangen. Einzelne hielten stets noch hartnäckig daran fest. 1725 kam ein interessanter Fall zur Entscheidung vor die Juristenfacultät der Universität Leipzig, die bereits 150 Jahre früher in einem Urtheil gegen den Leibalchemisten des Kurfürsten, den Stein der Weisen als eine ausgemachte Sache anerkannt hatte. Die Gräfin Anna Sophie von Erbach hatte auf ihrem Schlosse Frankenstein einem als Wilddieb verfolgten Flüchtling Schutz und Hülfe gewährt. Aus Dank dafür verwandelte dieser das sämmtliche Silbergeschirr in Gold, von dem nun der Gemahl die Hälfte in Anspruch nahm, weil der Zuwachs des Werthes auf seinem Gebiete und in der Ehe erworben worden war. Das Gericht wies aber seine Ansprüche zurück, indem das Eigenthum der Gräfin vor der Verwandlung auch nach derselben ihr verbleiben müsse.

1796 stiftete der bekannte Verfasser der Jobsiade Dr. Kortüm in Bochum, die hermetische Gesellschaft, deren Wirken wir bis 1819 verfolgen können; ein Werk, das sich dem komischen Gedicht ebenbürtig zur Seite stellt, dessen Held auch 1802 in dem Journal der Gesellschaft eine salbungsvolle und trostreiche Rede an die „Wanderer im Thale Josaphat“ richtet. Besonders eifrig und unter hohem Schutze wurde 1808–1811 in Karlsruhe experimentirt. Ein Baron Sternhayn fühlte sich durch das Diplom der unsichtbaren Gesellschaft mehr geehrt, als durch das Pergament seines Adelsbriefes. Wahrlich eine richtigere Würdigung ist dem Adel der heutigen Zeit nicht so leicht von einem seiner eigenen Glieder wiederfahren.

Uns liegt eine Geschichte der Alchemie vor, verfaßt von einem Professor Schmieder in Kassel, die 1832 in der Buchhandlung des Waisenhauses zu Halle erschienen ist. Der gelehrte Professor ist vollkommen davon überzeugt, daß die Verwandlung der Metalle möglich sei und daß der Stein der Weisen zu verschiedenen Zeiten wirklich existirt habe. Aus seinen Erörterungen aber ersehen wir, daß der wissenschaftliche Standpunkt, auf dem er steht, selbst für 1832 ein fabelhafter ist und recht eigentlich weit hinter die Zopf- und Perrückenzeit gehört. Auch die Versuche Gold zu machen, ziehen sich bis in die Gegenwart hinab. So wurde 1837 dem Gewerbeverein in Weimar eine Tinktur, die Alles in Gold verwandele, übergeben, damit sich ein Jeder von der freilich sehr schwachen Kraft derselben überzeugen könne. Heut zu Tage aber kann man dem Chemiker nichts mehr aufbinden; es war leicht in der Tinktur selbst Gold nachzuweisen, das sich natürlich, sobald Irgend ein Metall in die Flüssigkeit gebracht wurde, in Folge des dadurch entstehenden galvanischen Stromes niederschlägt und so das Metall überzieht oder in den Augen der Unwissenden und Leichtgläubigen in Gold verwandelt. Fünfzig Jahre früher wäre dies Experiment angestaunt und für ein Wunder erklärt worden, unsere nüchterne Zeit stempelte es als Betrug.

In Paris ist die Sache sogar bis in die neueste Zeit wissenschaftlich betrieben worden, wie wir dies aus dem 1841 erschienenen Lehrbuch der Chemie von Baudrimont ersehen. Nach ihm hat sich ein gewisser Javary vielfach mit Versuchen beschäftigt, deren Resultate mit der Zeit ein Gelingen in Aussicht stellten. Seiner Ansicht nach ist der Sauerstoff das mächtige, die Verwandlung bewirkende Princip. Zu diesem Glauben waren bereits auch die ältern Alchemisten gekommen. Sie sahen die Luft, das flüchtigste aller Wesen, als die materia prima an und scheuten sich nicht mit Kröten, Schlangen und Eidechsen, namentlich den goldgefleckten zu operiren. Hier glaubten sie mit Zuversicht den Stein der Weisen zu finden, denn ihrer Ansicht nach mußten diese Thiere, da sie lange ohne Nahrung ausdauern können und sich folglich, wie jene glaubten, von der Luft nähren, das flüchtige Princip dieser in sich verdichten.

[235] Das vergangene Jahr brachte uns trotz der unübersehbaren Kosmosliteratur und den Eifern, mit welchem diese von Seiten des großen Publikums verschlungen wird, die betrübende Erfahrung, daß alle Bemühungen in größeren Kreisen eine Einsicht in das Walten der Natur zu verbreiten, eitel in den Wind gestreut. Was der verwegenste Verächter des menschlichen Geistes nicht zu träumen wagte, das offenbarte sich dem blödesten Auge leider als nackte Wirklichkeit. Eine Zeit, welche die tanzenden und wahrsagenden Tische gebar, die mußte auch noch mehr Unsinn im Schooße tragen. Man hatte nicht lange zu warten, da stieg ein zweites, Alles verdunkelndes Meteor auf in dem Satze des Dr. Schoepffer: „Die Erde steht fest,“ ausgesprochen zu einer Zeit, in der selbst die katholische Kirche ihren Bannfluch gegen die Lehre Gallileis nicht aufrecht zu erhalten wagt. Was konnte in diesem Bunde würdiger als drittes sich darstellen, als der zu neuem Leben auferweckte Spuk vergangener Jahrhunderte, die große Kunst Gold und Silber in Fülle zu machen. Man male aber nur den Teufel an die Wand, so erscheint er sicher; gegen Ende des ersten Halbjahres wurde der französischen Akademie der Wissenschaften ein Schriftchen – noch lange nicht ein Bogen – übergeben, unter dem Titel: „die Metalle sind keine einfachen Körper, sondern zusammengesetzte; die künstliche Darstellung der edlen Metalle ist möglich, ist eine Thatsache.“

Tissereau, der Glückliche, welcher diese große Entdeckung gemacht, rühmt die Logik, mit der er bei seinen Versuchen zur Darstellung des Goldes zu Werke gegangen ist. Von einer solchen ist aber in der Schrift selbst durchaus keine Rede, denn im Eingange führt er an, daß es ihm gelungen sei, durch Umwandlung einige Grammen Gold mit sehr geringfügigen Kosten darzustellen und am Ende fordert er – und dies ist des Pudels Kern – von seinen Mitbürgern Geld, um seine Versuche weiter ausführen zu können. Die Worte von Hans Sachs – an den Kaiser Maximilian gerichtet –

Wer diese Kunst recht weiß und kann,
Der böt um Geld sie Niemand an,

scheinen dem letzten Jünger des dreimal Großen unbekannt gewesen zu sein. Die Beweise, welche er anführt, gleichen denen des Dr. Schoepffer wie ein Ei dem anderen; mit solchen Leuten läßt sich durchaus nicht streiten. Wir wollen den Armen aber nicht als Betrüger hinstellen, im Gegentheil ist er selbst der Betrogene. Wir wollen auch zugeben, daß das Endproduct seiner Experimente wirklich Gold ist; aber der Unterschied ist nur der, daß es nicht durch die verschiedenen Operationen entstanden, sondern von Anfang an vorhanden gewesen und nur bloßgelegt, gereinigt wurde. Dies ist um so denkbarer, als Tissereau seine Arbeiten in Californien angestellt hat, wo, wie jeder weiß, das Gold auf der Straße liegt und man die Miethe von den Wänden abkratzt. Ueberhaupt ist das Gold, freilich in äußerst kleinen Mengen, verbreiteter in der Natur, als man gewöhnlich glaubt. Versuche, die jüngst in der Bergschule zu London angestellt worden sind, haben ergeben, daß das Gold als merkliches Quantum in jeder Bleisorte, Mennige, Bleiweiß und Bleizucker, so wie endlich in allen im Handel vorkommenden Sorten Wismuth enthalten ist.

Während Millionen den Tischen nachliefen bis sie den Athem verloren, war die Zahl der Verehrer der Schoepffer’shen Weisheit bereits bis auf 70,000 gesunken. Bei einem solchen Abstande zwischen dem ersten und zweiten Wunder war es erklärlich, daß das dritte leer ausgehen würde. Niemand hat von ihm Notiz genommen, selbst nicht die illustrirte Zeitung, die doch sonst sehr freigebig ihre Leser mit stattlichen Enten auf dem Gebiete der Naturwissenschaften bewirthet. Und doch war das neueste Wunderwerk eines Berge versetzenden Glaubens eine Entdeckung, die mit Recht von sich sagen konnte, „daß sie die kühnsten Geister durch ihre Wichtigkeit erschrecken werde.“ Aber der Enthusiasmus war in der neuesten Form des Wahnsinns, die noch ihres Groddeck harrt, verflogen; hat der Champagner seine Kohlensäure verloren, so ist er schal und abgestanden.

Wenn wir in der Ueberschrift unseres Briefes von Goldmachern der Neuzeit gesprochen haben, so verstehen wir hierunter keineswegs die aufgeführten Nachzügler des großen Trosses, die sich von den alten Alchemisten nicht um eines Haaresbreite unterscheiden. Jenen Namen legen wir den heutigen Chemikern bei und zu keiner Zeit haben sie ihn mit einem größeren Rechte geführt, wie eben jetzt. Die Beweise für unsere Behauptung wollen wir im nächsten Briefe beibringen.




Nach Tarasp.
Von Dr. L–n.
Die Conditoren und Zuckerbäcker Europa’s. – Engadin. – Das Thal den Engadin. Eine Wanderung dahin und der Charakter desselben. – Die Bewohner und ihre Eigenthümlichkeiten. – Die Weiber von Schiers. – Engadiner Hotzelwagen.

Hat Dich, geneigter Leser, auf Deiner Wanderung durch die Städte unsers deutschen Vaterlandes, namentlich im Norden desselben, Gelüste oder Bedürfniß in eines jener Etablissements geführt, wo die braune[WS 1] Bohne Arabiens zu einem aromatischen Tranke bereitet wird, der Cacao America’s wohlschmeckenden Genuß bietet, oder ein kleines Gläschen der verschiedenfarbigsten gebrannten Wasser in feinster Qualität Dich mit flüssigem Feuer erwärmt, Zucker und Mehl, in tausenderlei Formen von Süßigkeiten umgewandelt, Deinen Gaumen kitzeln, so wird schon bei dem Suchen nach diesen Herrlichkeiten der Name ihren Künstlern und Besitzern Dich mit fremdartigem Laute begrüßt haben. Bist Du je in der Stechbahn auf dem Berliner Schloßplätze bei Josti eingetreten? Du hast die glänzenden Uniformen ab- und zugehender Söhne des Mars gefunden und feine, wunderfeine Sachen auf Schüssel und Teller, in Flasche und Glas und Tasse, die wohl besser munden als das harte Brot und der brennende Inhalt der Feldflasche in den kalten und feuchten Lagern an der Donau hüben und drüben. Oder hast Du in einem lebhaften Schwarme von Literaten und Schauspielern, welche die Zwischenakte oder der Schluß des Stückes herbeigezogen, bei sprudelnder Unterhaltung glühenden Wein oder Punsch zu schmackhaftem Kuchen geschlürft, bei Steheli auf dem Gensd’armenmarkte – wieder ist’s kein märkischklingender Name, der Dir Deine Silbergroschenrechnung wissen läßt. Unter den Linden lockte Dich Spangipani mit seinen Süßigkeiten; anderswo in der preußischen Hauptstadt Andere mit ähnlichem Klange; aber nicht blos hier – in Magdeburg, in Bremen, in Königsberg, ja über die deutschen Grenzen hinaus in ganz Europa kannst Du diese in die Conditor-und Zuckerbäckersuniform gekleideten schlichten, meist kurzstämmigen und etwas wohlbeleibten Leute antreffen, wie sie ruhigen Antlitzes sich hinter ihren Ladentischen bewegen und vielleicht den wachsenden Gewinn und die Zeit berechnen, wo er hinreichend sei, ihn auch zu genießen. Es sind wandernde Zugvögel, wenn auch in langen Perioden, diese stillen, fleißig schaffenden Männer; ihre Heimath ist nicht die nordische Ebene, nicht der märkische Sand, wo ein Hügel von einigen hundert Fuß für einen Riesen gilt; sie liegt ferne zwischen aufgethürmten Gebirgswällen, zwischen hohen Alpenstöcken, zwischen tausend wilden und kahlen Felsenfirsten in der Mitte eisiger Gletscher und Schneefelder. Wie der Wasserschatz ihrer Eishöhen aus zerrissenen Schluchten gewaltiger Gebirgsstöcke dem Rhein, der Donau, der Etsch und dem Po zueilt und so zu entlegenen Meeren auseinander läuft, so hat diese Bewohner eines stillen Hochthales von je die Wanderlust ergriffen, und sie tragen ihre emsig sammelnde Rührigkeit, ihren sparenden Fleiß von der einsamen Heimath hinaus in das Gewühl belebter Städte, an die Stätten des Comforts und des Luxus, wo ihnen eine reiche Ernte entgegenwinkt. Ihnen verwandelt sich das Heimweh nur zu einer treibenden Kraft des Erringens und Erwerbens, der Gedanke an das Thal der Geburt und seine großartige Umgebung zum Sporne einer rastlosen Thätigkeit. Denn der als Jüngling hinaus in die Welt gezogen, sich gemüht und geplagt, kehrt beim nahenden Abend des Lebens, wenn die dunkeln Haare zu bleichen beginnen in das nie vergessene Vaterland zurück, nachdem er das blühende Geschäft einem Sohne oder jüngern nachgekommenen [236] Landsmann überlassen, um mit dem Ertrage seiner Arbeit sich im Heimathsdorfe ein stattliches Haus zu bauen und die letzten Jahre, die sonst „den Menschen nicht gefallen,“ in achtbarer Ruhe zu genießen.

Die meisten dieser industriösen Wanderer bringt das Engadin hervor, dieses eigenthümliche und noch so wenig gekannte Längenthal, die Wiege des Inns bis zu seinem Austritte aus der Schweiz bei Martinsbruck. Es ist ein merkwürdigen Ländchen dieses Engadin! Wie eine stille heimliche Alpenmatte liegt es zwischen seinen beiden Gebirgszügen; der zahlreiche Fremdenzug, den die verschiedensten Triebfedern, Erholung von anstrengender Arbeit, Stärkung, Ueberdruß städtischen Getümmels, Langeweile und Mode, dazwischen auch Freude an einer reichen großartigen Natur und wissenschaftlicher Drang, in und durch die Schweiz locken, und der, wie die Ameise stets dem Wege folgt, den ihre Vorgängerin betreten, meist den Vorschriften des Reisehandbuchs folgt, läßt gewöhnlich seine tiefe Einsamkeit zur Seite liegen, dringt nicht in die verborgenen Thäler dieses Landestheils. Und doch findet für unsere Phantasie, unser Verstand, unsere Wißbegierde, unser Gemüth so reichen Stoff wie irgendwo; weht die frische Bergluft so rein, glänzen die hohen Felszinnen mit ihrem Firnenschnee, mit ihren Gletscherströmen rosig im Abendlichte, haben Natur und Geschichte der Bevölkerung einen so eigenthümlichen Stempel aufgeprägt! Aber bis zu 6000 Fuß erhebt sich dieses in solcher Ausdehnung höchste bewohnte Thal der Alpen, eine der höchsten Gegenden Europa’s überhaupt, die noch in großen zusammenhängenden Dörfern bewohnt werden; und da schreckt vielleicht des Engadiners eigene etwas übertriebene Aeußerung von seinem Klima: „Neun Monate Winter, drei Monate kalt.“ Freilich fehlt auch mit wenigen Ausnahmen der Comfort der vielgefeierten Punkte, wo die Reiseindustrie ihre Blüthe getrieben: keine mit allen Bequemlichkeiten des verwöhnten Geschmacks ausgestattete Hotels und Pensionen nehmen uns auf; keine in allen Zungen redenden Kellner umkreisen uns; aber auch der Schwarm zudringlicher Führer, die wandernde Virtuosenschaft, die Verfolgung mit gemalten Aussichten, mit geschnitzten tausenderlei Kleinigkeiten, mit dem Gesteine der Alpenwelt ist zurückgeblieben.

Schloß und Dorf Tarasp im Engadin Thale.

In das hohe, nach allen Seiten abgeschlossene Alpenthal des Engadins tritt der Wanderer von der Schweiz und Italien aus entweder von der gewaltigen Bergmasse des Bernina her, dessen von Firnen und Gletschern umgebene Hörner sich bis zu 12,000 Fuß über die Meereshöhe erheben, ja in dem Monte Rosso du Dentro, dem Montblanc des Engadin, bis über 13,000 Fuß ansteigen sollen, auf der schönen Julierstraße, die nach Chiavenna führt, oder durch einen der zahlreichen an und in die Schneeregion reichenden Pässe, welche von Graubünden oder Veltlin her die hohen, vielfach eingeschnittenen Seitenketten des Thales übersteigen. Ist man über einen dieser Pässe gestiegen, befindet man sich in dem bedeutendsten und ausgedehntesten Hochland Europa’s; die Schweizeralpen bieten keine zweite gleich ausgedehnte Erhebung. Um die kleinen wunderbar grünen Seen von Sils und Silvaplana dehnt sich eine Hochfläche von fast 6000 Fuß Höhe, und von da fällt das 15 Stunden lange Thal, in dem der Inn sich sein enges Bette gegraben, nur um einige tausend Fuß. Wo er bei Martinsbruck sich das Thor nach Tyrol gebrochen, eilen seine hellgrünen Wasser noch immer 3800 Fuß über dem Meere dahin. Diese Abgeschlossenheit des hohen Alpenthales, der Mangel an großen Verbindungsstraßen, die stille Großartigkeit der Umgebung haben ihm einen so eigenthümlichen Charakter aufgeprägt, daß man sich, ob man von dem übrigen Graubünden aus oder von der südlichen Natur Veltlins in dasselbe getreten, in einer Welt neuer niegesehener Wunder zu befinden glaubt.

Der Oktober des verflossenen Jahres hatte es mit so verspäteten Reisenden, wie wir beide, ich und mein trefflicher Künstler, es waren, ungewöhnlich wohl gemeint. Nur bei solcher Gunst des Himmels allein durften wir aber auch hoffen, von den rauhen Schönheiten des Engadins noch einen gütigen Blick zu erhalten, während wir anderntheils darauf gefaßt waren, uns jeden Augenblick von der Kälte und dem Schnee der hier schon für sehr [237] vorgerückt zu haltenden Jahreszeit in die milderen Striche der ebeneren Schweiz zurückjagen zu lassen. Einen ernsten Charakter trägt das Stück Erde, das wir am Abende vorher bei Pontalta (Pautaut), der hohen malerischen Brücke, die sich über einen in tiefer Schlucht dem Inn zurauschenden Bach spannt, betreten, in jeder Hinsicht. Natürliche Verhältnisse haben dem Unterengadin ein anderes Gepräge gegeben wie dem oberen Theile des Thales. Der breite grüne Thalgrund ist verschwunden; die beiden Thalgehänge stoßen unten zusammen; auch der Inn hat auf seinem jugendlichen Laufe hier das erste Hinderniß gefunden; die Mühe beginnt; ein von Süden vorspringender waldiger Kamm, vermuthlich der Ueberrest eines alten riesigen Gletscherwalles verengt das Thal und zwingt den Fluß, sich in engem steinigen Bette durchzuarbeiten. Von da wälzt er seine unruhigen Wasser, oft nur hörbar und dem Auge verborgen, durch eine tiefe waldige Schlucht dahin. Uns selbst geht es nicht viel besser bei dem Eintrttte in das größtentheils rauhe, spärlicher bewohnte Berggelände des Unterengadins. Führte uns bisher eine ziemlich gute, wenn auch kleine Thalstraße ohne unbequemes Hinderniß von Ortschaft zu Ortschaft, so ist diese bis auf wenige und kurze Strecken gleichfalls bei Pontalta hinter uns geblieben; der Weg ist an die nördliche Thalwand hinaufgeschoben und zieht sich nun bald auf- bald niedersteigend an den zahllosen Vorsprüngen und über die Thaleinschnitte hin. Und welcher Weg! Im kläglichsten holprigsten Zustande eine wahre Plage des Wanderers. Auch die Dörfer haben sich aus der unbebaubaren Tiefe an die höheren Stellen des Thales geflüchtet, von wo sie mit ihren hohen schlanken Kirchthürmen weit in das Thal hinabschauen. Selbst ihr Charakter, ihr äußeres Ansehen hat sich etwas verändert. Die modernen Wohnungen sind seltener geworden; die saubern, höchst behaglich eingerichteten Häuser reich gewordener Zuckerbäcker und Kaffeewirthe mit Frescofriesen, Pfeilern und vergoldeten Gittern, wie sie, in Silvaplana, Samada, den Dörfern ein fast städtisches Aussehen verleihen, reichen kaum bis hieher; wohl aber ist geblieben was die alte Sitte des abgelegenen Thales mit sich gebracht, oder ein lange dauernder strenger Winter fordert. Die weißen Steinhäuser mit flachem Schindeldache und in Nachahmung von Steinbockshörnern ausgeschnittenem Giebel haben auch hier ihre kleinen, sparsam und unregelmäßig an der Mauer, in die sie bei deren Dicke wie Schießscharten für den Gewinn möglichsten Lichtes und die Absperrung der rauhen Luft eingesenkt sind, vertheilten Fensterchen behalten. Eine gewölbte Doppelthüre führt in einen weiten Vorraum für alle Geschäfte des Hauses, auch für das Aus- und Abladen der kleinen Wagen bei geschlossener Thüre; der große Backofen in der Küche tritt bauchartig außen am Hause heraus; über den gewaltigen Ofen der getäfelten Stube steigt man in die Schlafkammern. Das strengere Klima hat die vierfüßigen Hausgenossen in den Kellerraum verlegen lassen, was nun freilich der ohnehin nicht übertriebenen Reinlichkeit nicht eben günstig ist und gleichfalls von der auffallenden, fast holländischen Sauberkeit im Oberengadin absticht. Eine Besonderheit bietet die Vertäfelung der Stuben. Die Arve, hier wie sonst wohl nirgends in stattlicher Größe und Stärke gedeihend, liefert genießbare und häufig genossene Früchte und daneben ein äußerst wohlriechendes Holz, womit der Engadiner das Getäfel seines Wohngemaches herstellt, vielleicht das duftendste dieser Art.

Auch sonst noch zeigen die Wohnhäuser des Engadins manche Besonderheiten. Die weiße Hauptmauer zieren eingegrabene Umrisse von Wasserfrauen, Löwen und Blumen; selten auch fehlt das große, mit heraldischem Bauwerk gezierte Familienwappen, das ehemals selbst die ärmlichste Hütte nicht entbehren durfte. Seit diese einfachen Bewohner eines entlegenen Thales, deren Urahnen wohl schon vor dem Schwerte eines Eroberers ihre Freiheit aus dem schönen Himmel Italiens in die rauhen Berge ihrer neuen Heimath geflüchtet haben, sich von einer Zahl kleiner Tyrannen, deren Schlösser, hier nur weniger zahlreich als im übrigen Graubünden, wie Geiernester von den Felsgipfeln selbst der abgelegensten Thäler drohten, durch ihre starke Hand losgemacht, suchte sich gewissermaßen das Selbstgefühl des freien Mannes und der Familie einen Ausdruck gerade in dem, worin bisher der anmaßende und gewaltthätige Adel ausschließlich das Zeichen seiner Selbstständigkeit gegenüber dem unterdrückten Hörigen erblickt hatte, in dem Wappen. Der Sieger nahm die Ehren und Vorzüge des Besiegten an sich. Von da an sagte ein altes Wort: daß nächst Gott und der Sonne im Engadin der gemeine Mann die höchste Obrigkeit sei. Gleichwohl lebt einmal Dagewesenes und Gegoltenes oft noch lange fort, und heute noch üben in dem durchaus demokratischen Thale die alten Adelsgeschlechter der Planta und Salis bedeutenden Einfluß aus, wobei man nun freilich bedenken muß, daß er ein ganz anderer geworden, als den einst ein wilder Ahnherr von seinem Felsenhorste aus geübt haben mag, und sich vielfach wohlthätig in die Geschicke des Landes verwachsen hat.

Wir hatten in nicht eben beneidenswerther Weise in Zernetz übernachtet. Der Ort ist ansehnlich und liegt schön am Zusammenflüsse des Inns, den man kurz zuvor überschreitet, und des Spöl, der aus den hohen wormsischen Thälern Livigno und Vallacia hervor fast gleich stark wie der Inn heranbraust, in diesem aber seinen Namen verliert. Die Einmündung seines Thales veranlaßt hier die einzige (größere Erweiterung des Unterengadiner Thalbodens.

Zernetz ist in der Geschichte des Landes durch einen Akt des Schreckens und eine That weiblicher Klugheit bekannt. In Graubünden spielt der Raub- und Brandzug des unmenschlichen österreichischen Obersten Baldrian im Jahre 1622 eine ähnliche Rolle wie bei uns die Verwüstung der Pfalz durch die grausamen Werkzeuge des großen (!) Ludwig von Frankreich; hierüber hat jener Mordbrennerzug, den nur eingeäscherte Dörfer bezeichneten, der graubündnerischen Landesgeschichte einen großen Reichthum heldenmüthiger Hingebungen und Waffenthaten eingeflochten. So wird erzählt, gegen die Banden jenes Wüthrichs hätten sich die unerschrockenen Weiber von Schiers im Prättigau die Ehre erworben, die Ersten zur Kommunion zu gehen. Zernetz ward von Baldrian wie die übrigen Ortschaften niedergebrannt. In mehreren Gemeinden des Unterengadins pflegt man bei drohendem Morgenreife in der Nähe blühender Roggenfelder Feuer anzumachen, um durch den Rauch die Gewächse zu bewahren. Eine solche Räucherung benutzte eine Frau von Zernetz im Schwabenkriege, um herangeschlichene deutsche Kriegsvölker glauben zu machen, sie sei ein Zeichen für die herbeizurufende Hülfe der Bündner und Eidgenossen. wodurch jene zum Umwenden bewogen wurden. Aehnliche Erinnerungen wiederholen sich überhaupt auf dem Boden der Schweiz ungemein häufig. Die Natur des Landes und der Bewohner erklärt dies. Jene drängte große welthistorische Ereignisse wie sonst nirgendswo oft auf engstem Raume zusammen, und dieser Umstand mußte wieder die Anforderungen an die Kraft der Einzelnen erhöhen. Die Eidgenossen, wie sie am doppelt heißen Tage von Sempach mit nackten Armen gegen die vom Eisen geschützten Ritter des Herzogs Leopold siegreich, bei St. Jacob gegen die Armagnaken wenigstens glorreich kämpften, so zu sagen arbeiteten, sind mir immer als das treueste Bild individuellsten Muthes und persönlichster Tapferkeit erschienen.

Wir hätten von Zernetz an uns eines der hier gebräuchlichen Einspänner bedienen können, da der nur zweimal wöchentlich gehende Postwagen, übrigens auch nichts weiter als ein etwas größerer Berg- oder sogenannter „Hotzelwagen “ (wahrscheinlich bezeichnend von hutzen, rütteln und schütteln), nicht in unsere Tour fiel. Aber der Anblick dieser Wagen und die Erinnerung des Weges konnte von diesem Gedanken nur abschrecken. Zwar hält der Engadiner, überhaupt von so besonderer Vorliebe für das Althergebrachte, daß er sogar, ohne Arges dabei zu denken, Pfarrstellen durch vier und fünf Generationen ungestört von Vater auf Sohn übergehen läßt, erstaunlich viel auf seinen kleinen Wagen, und dieser ist aus nur zu naheliegenden Gründen, wegen der entsetzlichen Straße, auch höchst solid gebaut – aber er zerbricht doch nur zu oft seine breiten niedern Räder an den kopfgroßen Steinen des Weges, deren sonstige Unberührtheit gleichfalls zu den durch die Jahrhunderte geheiligten Gegenständen zu gehören scheint. Auch die am Vorderwagen unbeweglich befestigte Deichselgabel erweckt nicht eben einladende Gedanken weicher, elastischer Bequemlichkeit; und so ist denn dem Wanderer in den meisten Fällen jenes bequemste und zugleich wohlfeilste Fortbewegungsmittel zu empfehlen, das er in seinen eigenen Beinen besitzt. Versuchsweise mag er sich auch einmal mit einem solchen Fuhrwerk befassen, und, wenn er will, selbst sich nach Art der alten fränkischen Könige, von einem Engadiner Ochsengespann fahren lassen, obgleich es nicht an einigen Pferden fehlt, die für den Personentransport und die geringe Waarenausfuhr bestimmt sind. Nur Esel sind so selten, [238] daß man den Sinsern nachsagt, sie hätten einmal ein verirrtes Langohr für einen riesigen Hasen gehalten und das erlegte Thier verspeist. Jener kleine Wagen dient dem Engadiner zu allen möglichen Zwecken, bei Freud und Leid, auf der Reise wie bei der Land- und Alpenwirthschaft; er trägt sein Heu und Stroh, wie ein andermal einen fröhlichen Hochzeiter oder seinen Herrn auf dem letzten Gange, den er schon nicht mehr gehen kann, zum – Friedhofe.

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.

Russische Pferdezucht. Die Schwärme von Pferden, welche halb wild in den russischen Steppen umherweiden, bilden den hauptsächlichsten Reichthum der russischen Edelleute. Natürlich oben an steht die Menge von Leibeigenen. Dies Hüten der Pferde ist eine der wildesten, traurigsten, heroischsten Arbeiten. Der Pferdehirt hat einen sehr hohen Lohn, muß sich aber jeden Verlust eines Pferdes durch Wölfe u. s. w. abziehen lassen. Das Leben eines russischen Pferdehirten ist eine ununterbrochene Aufregung, ein Kampf ohne Ende. Nach zwei Jahren ist der Hirt ohne Fähigkeit für jede andere Beschäftigung, und zehn bis fünfzehn Jahre reichen hin, auch den Stärksten, Wildesten aufzureiben. Die Steppen gleichen denen in Tejas: im Winter bleich und brach, im Sommer oft wogende Meere von Gräsern und Blumen, in Sibirien zuweilen 30 bis 40 Meilen groß von Reseda. Die Steppen jenseits des Azow’schen Meeres dehnen sich beinahe 1000 deutsche Meilen von Ungarns bis zur chinesischen Grenze aus. Manchmal ist das furchtbare Einerlei durch einen Fluß und ein Dorf von Haufen und Hütten unterbrochen; dann kann man aber wieder Tage lang und Nächte lang immer in einer Richtung vorwärts schlitten oder reiten, ohne eine Spur von Hügel oder Thal oder Baum oder Menschen zu finden. Ein großer Theil der Einkünfte des russischen Adels hängt von den Theilen der Steppen ab, die ihnen gehören und auf denen sie ihre Pferde im Sommer weiden, im Winter aber in kaum bedeckten Schuppen hungern und frieren lassen; denn vom Heumachen ist nicht viel die Rede. Die Schuppen, in denen die ungeheuern Pferdemassen im Winter eingepfercht werden, bestehen aus Erdwällen, die oft kaum an der Nordseite etwas Dach haben, unter welchem sich die ältern und stärkern Pferde zusammendrängen, so daß die jungen, allem Unwetter ausgesetzt, im Freien jämmerlich ineinander kriechen. Die Zahl der einzelnen Roßheerden beläuft sich zuweilen auf Tausend und mehr, die zwei Hirten wahren und hüten müssen. Im dritten Jahre werden sie in der Regel auf Pferdemärkte getrieben, die an verschiedenen Stellen der Steppen gehalten werden. Hier kauft die Regierung, hier kaufen selbst Tscherkessen und Kaukasier. Der Hirt hat blos eine ungeheure Lasso-artige Peitsche, eine Schlinge und eine Wolfskeule. Ein großartiges Schauspiel gewähren oft die Kämpfe der Pferde gegen Wolf-Attacken. Sobald ein „Taboon“ (Heerde) angegriffen wird, stehen sie plötzlich wie Ein Mann für Alle. Kaum hat eins der Pferde das Zeichen gegeben, laufen Hengste und Stuten geschlossen und wüthend dem Feinde entgegen, und schlagen ihn oft blos durch diesen Marsch in geschlossenen Reihen in die Flucht, oder treten die Herankommenden mit den Hufen nieder. Doch kehren die Wölfe nicht selten in verstärkter Zahl wieder und heulen umher, bis sich etwa ein Fohlen etwas zu weit verirrt; dies wird gepackt und zerrissen, sehr oft auch die zu Hülfe eilende Mutter. In der Regel werden dann alle Fohlen von den Stuten in einen Zirkel eingeschlossen und geschützt, während die Hengste ihre Angriffe mit Kühnheit erneuern und mit den Hufen und Köpfen auf die Wölfe schlagen, sobald diese nahe genug kommen. Außerdem thut der Hirt mit der Keule das Seinige. Am Furchtbarsten sind die Attacken der vom Hunger wüthenden Wölfe in Winternächten, wo sie sich oft, in den Hals eines Pferdes eingebissen, lieber von andern Pferden oder dem Hirten todtschlagen lassen, als ihre Beute aufzugeben.




Fürst Milosch. Von Hause aus ein Bauer, ward er 1813 durch russischen Einfluß zum Fürsten von Serbien erhoben, und war es seitdem über diesen kriegerischen, „unabhängigen“, schönen Menschenschlag bis 1839) geblieben. Die Serbier gehören in Literatur, Poesie, malerischen Trachten und lustigen Volkssitten zu den interessantesten Bewohnern Europa’s.

Milosch vereinigt die Eigenschaften eines Tyrannen und eines Volksfreundes auf die genialste Weise in sich. Er ist sinnlicher, grausamer, falscher als irgend ein Despot; dabei lassen sich aber die Bauern für ihn todtschlagen, blos weil er es früher gelernt und nicht vergessen hatte, mit ihnen nach ihrem Schnabel zu reden. Wenn er Reisen machte, gukte er in’s Volk hinein, und rief sich irgend ein schmutziges Individuum, das er vor zwanzig Jahren einmal gesehen, bei dessen eigenen Namen heran. „Nun, Peter, wie geht Dir’s jetzt? Lange nicht gesehen. Was machen Frau und Kinder? Ist die Rieke oder Röse verheirathet?“ Oder er besuchte gar einen alten Kollegen und ließ sich den Schweinestall aufmachen. „Oh Milo, Kerl, die Schweine gefallen mir noch nicht. Mach’ nen gute Tage, bis sie 100 mehr wiegen.“ Der Bauer ist nun begeistert für den Fürsten und die Schweine-Historie wandert von Haus zu Haus und Dorf zu Dorf und bekehrt die tollsten Freiheitsköpfe zur Unterthanentreue. In den Städten war er freilich desto verhaßter, denn er ist im barbarischsten Grade der Repräsentant eines sehr verbreiteten nationalen Unglücks, das in der Herrschaft des Landes über die Stadt, der Rohheit über Urbanität besteht. Dies Verhältniß machte den französischen Staatsstreich, und ließ in alter und in neuer Zeit alle Staatsstreiche gelingen. In den Städten kennt man Milosch nur als strengen Steuereinnehmer und durch Akte der Willkür und Rache. Da er weder lesen noch schreiben kann, (an der Spitze eines Volkes, das in der hochtönendsten Sprache eine sehr reiche, hochpoetische Literatur hat, und überall singt und dichtet und improvisirt), giebt er seine Befehle blos mündlich und entscheidet manche Streitigkeiten, zu welchen man anderswo ein Fuder Papier und das Vermögen beider Parteien braucht, mit einem einzigen Machtspruche ohne Brief und Siegel und Appellation. Das machte ihn bei dem Sieger im Prozesse zum Gott, bei dem Unterliegenden zum Satan, vor dem ungebildete Leute mehr Respekt haben, als vor dem himmlischen Vater. Ohne Kenntnisse und Religion und ohne die Entschuldigung, die dem Türken sein Glaube bietet, bekamen seine türkischen Unsitten das Gepräge des Wüstlings. In seiner Eifersucht ermordete er einmal Kora George, schnitt den Kopf ab, stopfte ihn aus und schickte ihn dem Sultan zum Präsent. Seine Tyrannei führte endlich 1839 zu der bekannten Revolution und ihn in’s Exil nach der Wallachei, wo er seinen aufgehäuften Reichthum und seine Manier, mit Bauern umzugehen, stets so anzuwenden wußte, daß er Aussicht haben soll, wieder eine Rolle zu spielen. Er empfängt seine Freunde aus Serbien und der Wallachei, und hat immer Geld – viel Geld – und Wein und Delikatessen in Fülle. Er soll jetzt ein Freicorps geworben haben.




Das größte Dampfschiff. Die „Ostdampfschifffahrts-Gesellschaft Englands hat jetzt ihr großes Dampfschiff anfangen lassen, und zwar in der riesigen Anstalt Scott Russel’s zu Millwall. Der Kiel, allein aus 15,000 Centnern Eisen bestehend, ist fertig. Das Schiff soll in zwei Jahren contractlich vollendet sein. Die Länge des Hauptdecks wird 700 Fuß betragen (130 mehr, als die des „Himalaya), die Breite 83 Fuß, die Höhe mit 4 Etagen oder Decks 58 Fuß. Der große Salon wird 80 Fuß lang und 15 hoch. Es wird 10,000 Tonnen (d. h. 200,000 Centner tragen und selbst etwa 240,000 Centner) wiegen. Für Kohlen wird so viel Raum geschafft, daß es in einer Tour um die ganze Erde dampfen können wird. Für Leute „erster Klasse“ bekömmt es 500 besondere Wohnungen, dabei viele Hunderte von Cajüten für Personen zweiter und dritter Klasse und noch ein Paar Tausend Mann Soldaten. Die combinirte Schrauben- und Rädertriebkraft wird der von 2800 Pferden gleichen. Der Hauptkörper des Schiffs bekommt eine doppelte Eisenhaut, zwischen welcher 2 Fuß 6 Zoll leerer Raum gelassen werden. Es wird 14 wasserdichte Räume enthalten, so daß das Schiff untergehen könnte, ohne daß die Personen ertrunken und möglicherweise durch Taucherglocken wieder heraufgeholt werden könnten (freilich nicht aus Tiefen von 1/4 deutscher Meile und mehr). Nach den bisherigen Erfahrungen braucht die Triebkraft nicht in demselben Maße zuzunehmen, als das Gewicht, wenn dieses Gewicht sich in die Länge vertheilt. Die große Länge dieses Riesenschiffs wird also der Triebkraft eine viel größere Gewalt und dem Schiffe eine viel größere Schnelligkeit geben, als man nach bloßer Berechnung der ungeheuern Gewichtsmasse würde erwarten können. Die Amerikaner, die von diesem gigantischen Unternehmen gehört haben, sollen übrigens stark hinterher sein, dem 700 Fuß langen Dampfer eine 1000füßige Pfeife entgegenzubauen. Und wenn das noch lange so fortgeht, baut man einstmals ein Schiff, das gleich von England bis Amerika reicht, so daß man gleichsam zu Lande hinübergehen kann.




Literarisches. Der durch seine ehemalige parlamentarische Wirksamkeit bekannte und aus seiner Stellung als höherer Gerichtsbeamter in gezwungene Ruhe versetzte Herr Schultze-Delitzsch hat seine Muße benutzt, um einen höchst edlen, menschenfreundlichen Plan auszuführen. Weit entfernt von allen socialistischen Ansichten, vielmehr bestrebt, das eigentliche Mittel zu ihrer wirksamsten Bekämpfung zu suchen, glaubt er dasselbe in dem Associationswesen finden zu müssen, um dadurch zunächst dem kleinen Gewerke wieder zur Selbstständigkeit zu verhelfen, damit dasselbe nicht der Capital-Konkurrenz unterliege und der Handwerker zum bloßen Lohnarbeiter herabsinke. Es giebt Länder, wo die Capital-Association schon so ausgebildet ist, daß auch der kleinste Besitzer mit seiner Vermögens-Partikel sich betheiligen kann, und der Arbeiter bei demselben Unternehmen, für welches er arbeitet, auch als Gesellschafter betheiligt ist. Herr Schultze-Delitzsch hat in dem Kreise, auf welchen er durch seinen Charakter, seine Thätigkeit, und seine Einsicht Einfluß hat, sich bemüht, diese Idee durchzuführen und mit einem großen Verständniß klein begonnen, sowohl um Erfahrungen zu sammeln, als auch in der Ueberzeugung, daß es vor Allem erst darauf ankommt, Keime zu stecken, sicher davon, daß das Beispiel später das Beste thun werde. In einem Werke. „Associationsbuch für Deutsche Handwerker und Arbeiter“ hat er sowohl über die Stellung der größern Industrie wie der Gewerke in den verschiedenen Ländern vieles Beherzigenswerthe bemerkt, als auch hauptsächlich dargelegt, was nach seinem Plane bereits in verschiedenen seinem Wohnsitze nahe gelegenen Ortschaften geleistet worden ist. Es fehlt uns hier an Raum, näher auf die erzielten Resultate, sowie auf eine Besprechung seiner Statuten einzugehen. Wir bemerken nur, daß schon jetzt manches Segensreiche erzielt worden und daß es von höchstem Interesse für alle Kreise der Gesellschaft sein wird, sich mit dem Inhalte jenes Buches genauer bekannt zu machen, das besonders auf den Handwerkerstand und alle wahren Freunde desselben berechnet ist. Es ist darin der Weg eines gesunden Socialismus angebahnt, durch dessen besonnene und eifrige Betretung man die Irrgänge des falschen vermeidet. Die in dem Buche gegebenen Mittheilungen über Krankenunterstützungsvereine – Associationen für nöthige Lebensbedürfnisse – Vorschußvereine und über die Buchführung einzelner Associationen – sind für Alle, welche sich für Gemeinwesen interessiren, von höchster Wichtigkeit.


  1. S. Wilke’s Chronik S. 219 und Große’s Urkunden S. 189.
  2. queens Bench“ Schuldgefängniß.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: braue