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Autor: Adolf Loos
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Titel: Die Fußbekleidung
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aus: Adolf Loos: Sämtliche Schriften in zwei Bänden – Erster Band, herausgegeben von Franz Glück, Wien, München: Herold 1962, S. 85–91
Herausgeber: Franz Glück
Auflage:
Entstehungsdatum: 1889
Erscheinungsdatum: 1962
Verlag: Herold
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Erscheinungsort: Wien
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: PDF bei Commons
Kurzbeschreibung: Loos pflegte eine Kleinschreibung (außer bei Satzanfängen und Namen) auch bei seinen Titeln, wie den Inhaltsverzeichnissen zu entnehmen ist (im Buch selbst sind die Titel in Versalien gesetzt). Um Irritationen zu vermeiden, werden die Titel in der gewohnten Groß-Kleinschreibung gegeben
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[85]
DIE FUSSBEKLEIDUNG
(7. august 1898)


„Tempora mutantur, nos et mutamur in illis!“ Die zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen. Und das tun auch unsere füße. Bald werden sie klein, bald groß, bald spitz, bald breit. Und der schuster macht daher bald große, bald kleine, bald spitze, bald breite schuhe.

Von saison zu saison allerdings wechseln unsere fußformen nicht. Dazu bedarf es oft einiger jahrhunderte, zum mindesten aber eines menschenalters. Denn im handumdrehen kann aus einem großen fuß kein kleiner werden. Da haben es die anderen bekleidungskünstler besser. Starke taille, schwache taille, hohe schultern, tiefe schultern, und so vieles andere – da kann man durch neuen schnitt, durch watte und andere hilfsmittel abändern. Doch der schuster muß sich streng an die jeweilige fußform halten. Will er kleine schuhe einführen, so muß er geduldig warten, bis das großfüßige geschlecht abgestorben ist.

Aber es haben auch nicht alle menschen zur selben zeit die gleiche form der füße. Leute, die ihre füße mehr brauchen, werden größere, leute die sie selten gebrauchen, kleinere füße bekommen. Wie soll sich da der schuster helfen? Wessen fußform soll für ihn maßgebend sein? Denn er wird bestrebt sein müssen, moderne schuhe zu arbeiten. Auch er will vorwärtskommen, auch er ist von dem bestreben erfüllt, seinen erzeugnissen möglichst große verkaufbarkeit zu verleihen.

Er macht es daher, wie es alle übrigen gewerbe tun. Er hält sich an die fußform derjenigen, die gerade die [86] soziale herrschaft inne haben. Im mittelalter herrschten die ritter, die reiter, leute, die durch das häufige sitzen auf dem pferde kleinere füße als das fußvolk besaßen. Daher war der kleine fuß modern, und durch eine verlängerung (schnabelschuhe) wurde der eindruck der schmalheit, auf den es vorzugsweise ankam, noch verstärkt. Als aber das rittertum in verfall geriet, als der zu fuß gehende bürger in den städten zum höchsten ansehen gelangte, da kam der große, breite fuß des langsam einherschreitenden patriziers in mode. Im siebzehnten und achtzehnten jahrhundert hat das stark ausgeprägte höfische leben das zufußgehen wieder abkommen lassen, und durch den starken gebrauch der sänfte kam der kleine fuß (der kleine schuh) mit hohem absatz (haken) zur herrschaft, der wohl für park und schloß, nicht aber für die straße taugte.

Das wiederaufleben der germanischen kultur brachte neuerlich das reiten zu ehren. Alles, was im vorigen jahrhundert modern fühlte und dachte, trug den englischen reitschuh, den stiefel, auch wer kein pferd besaß. Der reitstiefel war das symbol des freien menschen, der nun endlich die schnallenschuhwirtschaft, die hofluft, das gleißende parkett überwunden hatte. Wohl blieb der fuß klein, doch der hohe haken, den der reiter nicht brauchen kann, wurde weggelassen. Das ganze darauffolgende jahrhundert, also das unsrige, war daher von dem bestreben nach einem möglichst kleinen fuß erfüllt.

Aber schon im laufe dieses jahrhunderts begann der menschliche fuß eine wandlung durchzumachen. Unsere sozialen verhältnisse haben es mit sich gebracht, daß wir von jahr zu jahr schneller gehen. Zeit ersparen heißt geld ersparen. Auch die vornehmsten kreise, also leute, [87] die genügend zeit hatten, wurden mitgerissen und beschleunigten ihr tempo. Ist doch heutzutage einem rüstigen fußgänger eine gangart selbstverständlich, die im vorigen jahrhundert die läufer vor den wagen gebrauchten. So langsam zu schreiten wie die leute in früheren zeiten, wäre uns heute unmöglich. Dazu sind wir zu nervös. Noch im achtzehnten jahrhundert marschierten die soldaten in einem tempo, das uns wie ein wechselndes stehen auf einem fuß erscheinen und uns sehr ermüden würde. Die zunahme der gehschnelligkeit wird wohl am besten durch die tatsache illustriert, daß das heer Friedrichs des großen in der minute 70 schritte machte, ein modernes heer aber 120 schritte macht. (Unser exerzierreglement schreibt 115 bis 117 schritte in der minute vor. Dieses tempo kann aber gegenwärtig nur mit mühe eingehalten werden, da die soldaten von selbst zu größerer schnelligkeit drängen. Solchem zuge der zeit wird auch eine neuauflage des reglements rechnung tragen müssen.) Man kann demnach ausrechnen, wieviel schritte unsere soldaten und somit alle menschen, die schnell vorwärts kommen wollen, in hundert jahren in der minute marschieren werden.

Völker mit höher entwickelter kultur gehen rascher als solche, die noch zurückgeblieben sind, die amerikaner schneller als die italiener. Kommt man nach New York, so hat man immer das gefühl, als ob es irgendwo ein unglück gegeben hätte. Der wiener aus dem vorigen jahrhundert würde heute in der kärntnerstraße gleichfalls den eindruck haben, daß etwas passiert sei.

Wir gehen schneller, das heißt mit anderen worten, daß wir uns mit der großen zehe immer stärker vom erdboden abstoßen. Und tatsächlich wird unsere große zehe [88] immer kräftiger und stärker. Das langsame dahinwandeln hat eine verbreiterung des fußes zur folge, während das rasche gehen durch die stärkere entwicklung der hauptzehe zu einer verlängerung des fußes führt. Und da die übrigen zehen, besonders die kleine, mit dieser entwicklung nicht gleichen schritt halten, da sie durch den geringen gebrauch geradezu verkümmern, tritt auch eine verschmälerung des fußes ein.

Der fußgänger hat den reiter abgelöst. Das bedeutet nur eine verstärkung des germanischen kulturprinzips. „Durch eigene kraft vorwärts kommen” heißt die parole für das nächste jahrhundert. Das pferd war der übergang vom sänftenträger zum eigenen ich. Unser jahrhundert aber erzählt die geschichte von reiters glück und ende. Es war das richtige pferdejahrhundert. Der stallgeruch war unser vornehmstes parfum, die pferderennen unsere volkstümlichsten nationalspiele. Der reiter war der verzogene liebling des volksliedes. Reiters tod, reiters liebchen, reiters abschied. Der fußgänger galt nichts. Die ganze welt ging wie ein reiter angezogen. Und wollten wir uns schon ganz vornehm anziehen, so nahmen wir den reitrock, den frack. Jeder student hatte seinen gaul, die straßen waren von reitern belebt.

Wie ist das anders geworden! Der reiter ist der mann der ebene, des flachen landes. Es war der freie englische landedelmann, der pferde züchtete und von zeit zu zeit beim meeting erschien, um hinter dem fuchs über die fencen zu springen. Und nun wurde er von dem manne abgelöst, der in den bergen haust, dessen freude darin besteht, höhen zu ersteigen, sein leben dafür einzusetzen, durch eigene kraft sich über die menschlichen heimstätten zu erheben, dem hochländer, dem schotten.

[89] Der reiter trägt stiefel, lange hosen, die über die knie reichen und dort einen recht engen schluß haben sollen (riding breeches). Die kann der fußgänger, der hochgebirgler nicht brauchen. Er trägt – ob er nun in Schottland oder in den alpen lebt – schnürschuhe, strümpfe, die nicht über das knie reichen dürfen, und ganz freie knie. Der schotte trägt dann den bekannten rock, der älpler die lederhose – im prinzip ist es dasselbe. Auch die stoffe sind bei reiter und fußgänger verschieden. Der mann der ebene trägt glatte tuche, der mann des gebirges rauhe gewebe (homespuns und loden).

Das besteigen der berge wurde dem menschen zum bedürfnisse. Die gleichen menschen, die noch vor hundert jahren einen so gewaltigen horror vor dem hochgebirge hatten, fliehen aus der ebene in die berge. Bergsteigen, durch eigene kraft den eigenen leib immer höher hinauftragen, gilt uns gegenwärtig als die edelste leidenschaft. Sollten von jener edlen leidenschaft – man erinnere sich, daß auch im vorigen jahrhundert das reiten als noble passion bezeichnet wurde –, sollten also von jener edlen leidenschaft alle jene ausgeschlossen werden, die nicht im hochlande leben? Man suchte nach einem mittel, auch diesen etwas ähnliches zu ermöglichen, man suchte nach einer vorrichtung, jene bewegungen auch in der ebene auszuführen: das bicycle wurde erfunden.

Der bicyclist ist der bergsteiger der ebene. Er kleidet sich daher wie dieser. Hohe stiefel und lange hosen kann er nicht brauchen. Er trägt hosen, die um die knie weit sind und darunter als stulpen schließen, damit sich die umgeschlagenen strümpfe um dieselben legen können (umgeschlagen werden sie sowohl in den alpen als in Schottland, damit sie nicht hinabrutschen). Auf diese [90] weise hat das knie unter der hose genügend spielraum, so daß man ohne hindernis aus der gestreckten beinstellung in die kniebeuge überzugehen vermag. Nebenbei sei hier erwähnt, daß es in Wien leute gibt, welche die bedeutung der stulpen gar nicht kennen und die strümpfe unter die stulpen stecken. Sie machen damit einen ähnlich komischen eindruck wie die mancherlei falschen eingeborenen, die im sommer die alpen unsicher machen.

Als fußbekleidung trägt der radfahrer aber wie der hochgebirgler schnürschuhe. Die schnürschuhe werden das nächste jahrhundert heherrschen, wie die reitstiefel dieses jahrhundert. Die engländer haben den direkten übergang gefunden und tragen noch heute beide formen. Wir aber haben uns für die übergangszeit einen scheußlichen zwitter zurechtgelegt, die stieflette. Das höchst unangenehme an der erscheinung der stiefletten wurde offenbar, als die kurze hose kam. Da sah man sofort: ohne die wohltätige verdeckung durch die hose kann man stiefletten nicht tragen. Unsere offiziere trugen strupfen, um sie zu verdecken, und waren mit recht unglücklich, wenn die uniformierungsvorschrift strenger gehandhabt wurde, welche die strupfen für die fußtruppen verbietet. Im grunde aber sind die stiefletten tot, so tot wie der frack bei tageslicht, dessen komischen eindruck wir erst erfahren, wenn wir ihn auf der straße spazieren führen. Bei der größten hitze müssen wir den überzieher darüber ziehen oder uns in einen wagen setzen. Und komisch wirken – daran ist bisher jedes kleidungsstück zugrunde gegangen.

Durch den pedestrischen sport ist der fuß in den vornehmen kreisen heute nicht mehr so klein wie ehemals. Er wird immer größer. Die großen füße der engländer [91] und engländerinnen fordern nicht mehr unsere spottsucht heraus. Auch wir steigen auf die berge, haben bicycles und haben – horribile dictu – englische füße bekommen. Doch trösten wir uns. Die schönheit des kleinen fußes beginnt, besonders beim manne, langsam zu verblassen. Aus Amerika kam mir neulich eine beschreibung Rigos zu, in der es schließlich heißt: „Unter den hosen guckten ein paar ekelhaft kleine füße hervor.“ Ekelhaft kleine füße! Das wirkt überzeugend. Aus Amerika kommt die neue lehre: ekelhaft kleine füße! Heiliger Clauren,[H 1] wenn du das noch erlebt hättest! Du, dessen helden nie genug kleine füßchen erhalten konnten, um in den träumen von hunderttausenden deutscher jungfrauen als ideale edler männlichkeit zu erscheinen. Tempora mutantur …

Anmerkungen (H)

  1. [451] verfasser sentimental-erotischer erzählungen, eigentlich Sam. Heun (1771–1854), von Wilhelm Hauff in dessen „mann im mond“ verspottet.
    [WS] Heinrich Clauren (eigentlich Carl Gottlieb Samuel Heun).