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Textdaten
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Autor: Schmidt-Weißenfels
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Titel: Die Braut Heinrichs von Kleist
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 644–646
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[644]
Die Braut Heinrichs von Kleist.
Von Schmidt-Weißenfels.

In der Oderstraße zu Frankfurt an der Oder, mitten in der außer der Meßzeit stillen Stadt, in unmittelbarer Nähe der alten Oberkirche, stand das einfache Haus, welches dem Oberstwachtmeister von Kleist gehörte. Dicht nebenan wohnte der General von Zenge. Die Kameraden, die in demselben Infanterieregiment dienten, lebten als gute Freunde mit einander, und ihre Kinder spielten zusammen. Die Hintergärten der beiden Häuser waren nur durch einen niedrigen Lattenzaun getrennt und im Sommer natürlich ein Tummelplatz der Kinder, die auf die leichte Scheidewand der Grundstücke keine Rücksicht nahmen, um zusammen zu sein. In diesem traulich nachbarlichen Verhältniß änderte sich auch nichts, als der Oberstwachtmeister starb.

Der einzige Sohn desselben aus zweiter Ehe, Heinrich, war in seinem elften Jahre nach Berlin in eine Predigerpension geschickt worden und sollte Soldat werden. In der Ferienzeit kam er zu seiner Familie zurück, und seit er dann mit fünfzehn Jahren als Junker in ein Potsdamer Regiment getreten, benutzte er auch den gelegentlichen Urlaub, um ihn im häuslichen Kreise der Seinigen zu genießen. Der junge Kriegsmann, der sich in einer gewissen Gemessenheit des Benehmens und in frühreifer Weisheit gefiel, spielte zwar nicht mehr mit den jüngeren Zengeschen Kindern, aber er suchte desto beflissener den beiden ältesten Schwestern Minette und Luise seine Berlin-Potsdamer Eleganz zu beweisen. Waren sie auch jünger als er, so waren sie doch schon recht empfänglich für seine ersten Versuche, den Hof kavaliermäßig zu machen; zudem sicherte ihm Geist und Bildung eine entschiedene Ueberlegenheit über die einfachen Kinder, und er gewann damit bei seinen ehemalige Spielgenossinnen ein großes, seiner Eitelkeit schmeichelndes Ansehen.

In den neunziger Jahren mußte er mit in den Krieg gegen Frankreich ziehen. Es war ein kläglicher Feldzug, der bald mit einem faulen Frieden endigte. Dieser Umstand trug viel dazu bei, dem 1795 zum Fähnrich avancirten Jüngling den Soldatenstand zu verleiden, zu welchem er von Hause aus schon keine rechte Lust und Liebe gehabt. Darüber ließ er in den Briefen an die Seinigen keinen Zweifel. Er war von einem anderen, friedlicheren Ehrgeiz erfüllt. Wie er unter der Fahne in stillem Eifer an seiner Geistesbildung gearbeitet hatte, so sehnte er sich, kaum daß er Offizier geworden, aus dem dienstlichen Zwang hinaus, um frei, mit dem geringen Vermögen, das ihm als väterliches Erbtheil gehörte, seinen Neigungen für die Wissenschaften zu leben. Vergebens suchten seine Tante, die den Kleistschen Haushalt in Frankfurt führte, und seine ältere, von ihm besonders geliebte Schwester Ulrike ihn umzustimmen; sie konnten die Gewalt nicht ahnen, mit welcher dieser stürmische Geist nach Freiheit rang. Eines Frühlingstages im Jahre 1799 kam er in nachlässiger Civilkleidung nach Frankfurt in das Haus seiner Familie und kündigte derselben zu ihrem Schrecken und Kummer lakonisch an, daß er als Lieutenant seinen Abschied genommen und daß er nunmehr studiren wolle.

Man mußte ihm seinen Willen lassen; denn er behauptete mit der Bestimmtheit eines Menschen, der den geistigen Beruf unabweisbar in sich fühlt, daß er anders als durch die Hingabe an die Wissenschaften nicht glücklich sein könne. Damals hatte Frankfurt noch seine kleine Universität, und obwohl Heinrich von Kleist schon zweiundzwanzig Jahre zählte, so war es am Ende doch noch nicht zu spät zum Studiren und manches bemooste Haupt übertraf ihn noch an Alter.

So studirte er denn eifrigst und hätte bei seiner hervorragenden Begabung alle Aussicht für die gelehrte Laufbahn gehabt. Er spielte sogar aus innerem Drange den Schulmeister, wo er nur konnte – im Hause bei seinen jüngeren Geschwistern und bei Zenges gegenüber den beiden Schwestern, die inzwischen zu Jungfrauen erblüht waren. Er ruhte nicht, bis er sie und einige ihrer Freundinnen zu einem kleinen Kollegium vereinigt hatte, dem er Vorlesungen über Kulturgeschichte hielt, wozu er sich mit besonderer Wichtigkeit in einem Zimmer seines väterlichen Hauses eigens ein Katheder hatte bauen lassen. Er lehrte so mit großer Genugthuung, was er als Student eben gelernt, ließ die jungen Damen deutsche Aufsätze, Denk- und Stilübungen machen, überwachte und regelte ihre Lektüre, dramatisirte Sprichwörter und studirte ihre Ausführung ein – kurz und gut, er bewegte sich durchaus als berufener Erzieher und Haushofmeister in diesen beiden Familienkreisen des eigenen und des Nachbarhauses, wenn auch als ein etwas selbstherrlicher.

Von den Schwestern Minette und Luise von Zenge gefiel ihm eine sowohl wie die andere. Aber Luise erschien ihm zu geistreich und selbständig. Dagegen war Minette, oder wie er sie bei ihrem deutschen Vornamen nannte, Wilhelmine, ein weichmüthiges Mädchen von zwanzig Jahren, ein Blondkopf mit treuherzigen Augen, mit einer gefühlvollen Seele, die sich vertrauensvoll an seine Lehrhaftigkeit hingab und alle seine Launen und Ansprüche als Ueberlegenheit eines männlichen Geistes in Demuth verehrte. Sie war weiches Wachs unter seinen Händen, ganz so, [645] wie er es von dem Weibe, das ihm dereinst Lebensgefährtin sein sollte, verlangte; ihre feine, sinnige Natur hoffte er nach seiner Art für sein ideales Liebesbedürfniß erziehen und bilden zu können. So erkor er die Gespielin der Kindheit und die Schülerin seiner Studentenprofessur zu seiner Geliebten, und was in ihrer Seele längst für ihn erglüht, verhehlte sie ihm nicht länger. Der General von Zenge nahm die Werbung des Sohnes seines verstorbenen Kriegskameraden, der von jeher von ihm wie ein Kind im Hause angesehen worden, zwar nicht ohne einige Besorgniß, aber doch mit Wohlwollen auf, und in seiner, wie in der altbefreundeten Kleistschen Familie begrüßte man das Brautpaar mit herzlicher Freude. In weiteren Kreisen wurde die Verlobung freilich vorläufig noch nicht bekannt.

Wie oft war nun der Garten, bald hüben, bald drüben, der Schauplatz des ersten reinen Liebesglücks der Verlobten! Heinrich verjüngte sich gleichsam. Seine etwas gedrungene Gestalt verlor die angewöhnte Steifheit und gewann elastischere Bewegung; sein sonst schon so ernstes, mißmuthiges Antlitz nahm wieder freundlichere Züge und den kindlichen Ausdruck an, der ihm eigen war und auch in dem ruhigen Blicke der schönen, tiefgründigen Augen lag. Arm in Arm erging er sich mit der hold verklärten Braut unter dem Schatten der Linden draußen vor dem Thore, am Bach entlang, und malte ihr das Glück der Zukunft aus, wie er es sich an ihrer Seite träumte. In der Laube des Zengeschen Gartens saß er mit ihr und las Vossens „Luise“ oder Goethesche Dichtungen vor. Und an mondhellen Abenden wurde aus dem Vorleser wohl auch ein philosophirender Weiser, dessen Grundsätzen über des Lebens rechten Inhalt sie mit Andacht lauschte.

Aber materielle Sorgen begannen sich nun einzufinden. Mußte er doch jetzt, nachdem er Wilhelmine an sein Geschick geknüpft, darauf bedacht sein, zu einträglicher Berufsstellung zu gelangen! Zu unbedeutend war sein Vermögen, um darauf allein, gar mit einem Hausstand, seinen Lebensplan gründen zu können. Und je mehr ihn diese Sorge erfüllte, desto geheimnißvoller that er über das, was er eigentlich beabsichtige; desto rätselhafter wurde er seiner Familie und auch dem General. Das Studium, nachdem er es nun ein Jahr getrieben, gab er plötzlich mit ebenso großem Widerwillen auf, als er es früher mit Begeisterung begonnen hatte. Von einer Professur, zu der er hatte hinstreben wollen, sollte keine Rede mehr sein.

Etwas anderes schwebte ihm jetzt vor. Aber was? Niemand erfuhr es, denn niemand mochte er anvertrauen, daß er damals mit seinen ersten dichterischen Versuchen sich abrang und wie seine Seele zwischen Hoffnung und Muthlosigkeit hin und her schwankte. Nur zu Wilhelmine sprach er schon damals von seiner unüberwindlichen Abneigung gegen jeden festen Beruf und bat sie, als er planlos nach Berlin reiste, ihm trotzdem zu vertrauen.

Willig und aus Liebe zu dem trefflichen, wenn auch nur zu seltsamen Manne that sie, was er gewünscht. Er nahm es ja so ernsthaft, sie als sein Weib geistig zu erheben und sie dadurch, wie auch sich selbst, in hohem Sinne glücklich zu machen! Auch in Berlin dachte er immer nur, wie er für sie und sich den Hausstand gründen könne. Allerhand Aussichten auf Anstellung eröffneten sich ihm; es schien nur an ihm zu liegen, sie zu verwirklichen.

„Als ich,“ las sie in seinem ersten Briefe von dort, „hineinfuhr in das Thor im Halbdunkel des Abends und nun endlich in der stolzen Königsstadt war und meine Seele sich erweiterte, um so viele zuströmende Erscheinungen zu erfassen, da dachte ich: wo mag wohl das liebe Dach liegen, das einst mich und mein Liebchen schützen wird? Hier in der stolzen Kolonnade? Dort in jenem versteckten Winkel? Oder hier an der offenen Spree?“ In süßen Hoffnungen wiegte sich ihr Herz bei solchen Worten.

Und so steigerte er, befangen in glücklichen Hoffnungen, das Vertrauen ihrer Liebe immer von neuem: „Denke, Du wärest in das Schiff meines Glückes gestiegen mit allen Deinen Hoffnungen, Wünschen und Aussichten. Du bist schwach, mit Stürmen und Wellen kannst Du nicht kämpfen; darum vertraue Dich mir an, mir, der mit Weisheit die Bahn der Fahrt entworfen hat, der die Gestirne des Himmels zu seinen Führern zu wählen und das Steuer des Schiffes mit starkem Arm zu lenken weiß! So lange der Steuermann noch lebt, sei ruhig! Beide gehen unter in den Wellen, oder beide laufen glücklich in den Hafen; kann sich die Liebe, die echte Liebe, ein freundlicheres Schicksal wünschen?“

Aber er kam keinen Schritt weiter, der Geliebten ein Heim zu bereiten, denn von einem Grauen vor der trostlosen Oede des Bureaudienstes erfaßt, verwarf er jeden Gedanken daran, brach alle Verbindungen, die ihm zur Erlangung einer Anstellung förderlich sein sollten, ab, verließ Berlin und machte Reisen nach den verschiedensten deutschen Städten, ja floh in einer phantastischen Aufregung bis nach Paris, wo er Freiheit, weitere Bildung und wohl auch, obgleich er dies gegen niemand aussprach, die endliche Gestaltung seiner inneren Gefühle zu einem bedeutenden Dichtwerk erhoffte. Es war ihm, als müsse dort sein Geschick sich wunderbar entscheiden.

„Mädchen!“ schrieb er unterwegs an die Verlobte. „Wie glücklich wirst Du sein! Und ich! Wie wirst Du an meinem Halse weinen, heiße, innige Freudenthränen! Der Würfel liegt, und wenn ich recht sehe, wenn nicht alles mich täuscht, so stehen die Augen gut. Küsse mich, Mädchen, denn ich verdiene es.“

Weiter sagte er nichts von seinen Plänen; sie erfuhr aus allen seinen Briefen aus Paris nur immer wieder, wie er sich mit den Gedanken an sie, an ihre Idealisirung, möchte man sagen, und ihr künftiges Eheglück trug. „Dich, mein geliebtes Mädchen, ausbilden, ist das nicht etwas Vortreffliches? Und dann mich selbst auf eine Stufe näher der Gottheit stellen – das Ziel ist gewiß hoch genug und erhaben.“

Der alte General von Zenge faßte allmählich immer schwerere Bedenken über den zukünftigen Schwiegersohn. Er schüttelte seinen grauen Kopf bei der Wahrnehmung, wie der junge Mann an seiner Braut fort und fort schulmeisterte, allerhand Illusionen in ihr erregte, als solle sie, statt auf der Welt, in einem erträumten Wolkenkuckucksheim ihre Bestimmung erwarten, und er daneben jeder Gelegenheit für einen einträglichen Lebensberuf mit Gleichgültigkeit aus dem Wege ging. Eine Idee verdrängte in seiner rastlosen Phantasie die andere, und jede dieser Ideen konnte den Vater über das Schicksal seiner verlobten Tochter nur besorgter machen. Da fühlte der Bräutigam auf einmal den Beruf eines Dichters in sich; dann, nachdem er in Paris Monate lang sein Geld ausgegeben, wandelte ihn wieder die Leidenschaft fürs Reisen an. Ja, wohin sollte dies denn führen?

Wilhelmine schwieg bei solchen Scheltreden ihres Vaters auf den Geliebten. Ihr Glaube an ihn wankte nicht, entfuhr ihr im stillen Kämmerlein auch schon mancher Seufzer, fiel auch manche heiße Thräne auf die Briefe, die er sandte und die seiner inneren Qual erschütternden Ausdruck gaben.

„Liebe Wilhelmine, laß mich reisen!“ hieß es in einem derselben. „Ist es eine Verirrung, so läßt sie sich vergüten und schützt mich vor einer anderen, die vielleicht unwiderruflich wäre. Sobald ich einen Gedanken ersonnen habe, nach dem ich wieder streben kann, kehre ich um, ich schwöre es Dir … Es muß etwas Gutes aus diesem inneren Kampfe hervorgehen.“

Dieser ewige innere Kampf in ihm – mußte sie darin nicht mehr und mehr das Verhängniß ihres und seines Lebens erkennen? Sah sie diesen Steuermann, in dessen Glücksschiff sie sich gesetzt, nicht planlos auf den Wellen treiben? „Warte zehn Jahre und Du wirst mich nicht ohne Stolz umarmen!“ Kann solcher Zuruf eine Braut erheben?

Er schickte ihr Rousseaus Schriften, um sie zu studiren, sich weiter daran zu bilden. Offenbar ein netter Einfall von ihm, sich und sie mit einem erträumten Leben nach Rousseauschen Ideen glücklich zu machen.

„Das kleine einsame Hüttchen unter dem schützenden Felsen,“ malte er ihr auch schon aus, „der Strom, der Kühlung und Nahrung zugleich herbeiführt, Freuden, die keine Idylle malen kann, Wünsche, die nicht über den Gipfel der umschließenden Berge fließen – ach, liebe Wilhelmine, ist Dir das nicht auch so rührend und reizend wie mir? Wer erfüllt getreuer seine Bestimmung nach dem Willen der Natur, als der Hausvater, der Landmann?“

Es war das unselige Mißtrauen in die eigene Kraft, seine Verzweiflung daran, jemals etwas Hohes und Schönes leisten zu können, was ihn zu solch völliger Resignation trieb. Eine Erklärung über verschiedene begonnene und wieder aufgegebene Arbeiten wollte und konnte er nicht geben; er fühlte es selbst, wie er Wilhelmine quälte, und konnte sich doch nicht entschließen, sie in sein Innerstes blicken zu lassen.

„Erlaß es mir,“ schrieb er, „mich deutlicher zu erklären. Ich bist noch nicht bestimmt, und ein geschriebenes Wort ist ewig. [646] Aber hoffe das Beste! Ich will mich nicht mehr übereilen; thue ich es noch einmal, so ist es das letzte Mal. Denn ich verachte entweder dann meine Seele oder die Erde, und trenne sie.“

Daraus klang auch schon Verzweiflung und Lebensüberdruß. Wilhelmine konnte nicht mehr froh in eine Zukunft blicken, die sie von diesem zerfahrenen Geist ihres Verlobten erwarten sollte. Bescheiden, wie ihr Sinn war, befaß sie doch eine ruhige Bestimmtheit des Charakters, welche einen besseren Halt im Leben verbürgte als Heinrichs schwankende und phantastische Natur. So fing sie jetzt an, deutlich den unheilbaren Zwiespalt ihrer beiderseitigen Naturen zu erkennen.

An alles, was er ihr noch vom Glück der Zukunft schrieb, glaubte sie nicht mehr. Er wollte sich ein Gütchen in der Schweiz kaufen, einen kleinen Bauernhof, wozu wohl noch der Rest seines Vermögens gereicht hätte; und da sollte sie mit ihm zusammen die Rousseausche Idylle vom glücklichsten Leben verwirklichen, mit ihm ländliche Arbeit treiben und, wenn der sonnige Tag darüber vergangen, abends vor dem Hüttchen im Mondschein sitzen, die kühle Luft genießen, vom Dichten und Denken der großen Geister mit ihm plaudern.

Der General, als er davon hörte, erklärte ihn rundweg für einen Narren, und alle im Hause ebenso wie in der Kleistschen Familie stimmten halb und halb damit überein und verdachten es Wilhelminen nicht, daß sie sich auf diese Abenteuerlichkeit nicht einlassen wollte. Sie schrieb es ihm, schonend, liebevoll; sie war es jetzt, die ihn auf den Weg zum Glück zu führen suchte, indem sie ihn zunächst von dem des Unglücks abmahnte. Das aber ertrug sein herrischer Sinn nicht. Beleidigt, im Innersten aber auch beschämt durch die Niederlage bei dem Mädchen, das er selbstherrlich gestrebt hatte, zu willenloser Gefolgschaft sich zu erziehen, schwieg er. Kein Brief mehr kam von ihm an sie; sie hörte nur von seiner Schwester, daß er wirklich in der Schweiz war und ins Vaterland nicht anders denn als gefeierter Dichter zurückkehren wolle. War sie noch seine Braut oder nicht? Hatte er mit ihr gebrochen oder grollte er nur?

Sie wußte es nicht. Ein Jahr war er schon fort und sie trug treu noch die Fessel, die er ihr angelegt. Ihre Liebe gehörte noch immer ihm. Nun starb ihr Bruder Karl, mit dem sie durch die innigste Liebe verbunden gewesen war. Da folgte sie dem Zug ihres Herzens und schrieb dem Geliebten, daß er sich jetzt mit dem wirklichen Leben befreunden und zurückkommen müsse, daß sie an ihm hänge nach wie vor und es mehr denn je bedürfe, von ihm getröstet zu werden.

Wohl erfolgte darauf eine Antwort. Er sandte ihr ihren Brief zurück mit einigen wenigen Zeilen, kalt, herzlos beinahe: daß er nicht zurückkehre, daß er arm sei und sich von der Schriftstellerei ernähren wolle, daß er ihr nichts mehr bieten könne.

Also für immer gebrochen! Ein schmerzvolles Ende ihres Mädchentraumes, in den er sie gelullt!

Vier Jahre nach diesem Vorgang, 1806, fügte es eine der wunderbaren Launen des Schicksals, daß sie in dem fernen Königsberg ihn wiedersehen sollte.

In einer größeren Gesellschaft daselbst befand sich ein ernster junger Mann von dreißig Jahren, der lange abseits des frohen Tanzkreises stand und zu überlegen schien, ob er gehen oder bleiben solle. Endlich entschloß er sich, auf eine Dame, die eben allein nach einem der Nebenzimmer sich begab, zuzugehen. Sie hielt bei seinem Anblick erschrocken inne; dann rief sie halb verlegen, halb zutraulich aus:

„Herr von Kleist! Heinrich!“

Er reichte ihr die Hand und bat sie, zum Tanz mit ihm in den Saal zurückzukehren. Sie that es gern und verstand im Augenblick, einen herzlichen Ton mit dem Jugendfreund zu finden. Es war Luise von Zenge, die jüngere Schwester Wilhelminens, für welche er stets eine große Zuneigung gehabt hatte.

Sie wußte es wohl, daß Heinrich von Kleist seit einiger Zeit in Königsberg war, wo er eine bescheidene Anstellung als preußischer Finanzbeamter erhalten hatte. Ihm seinerseits war es ebenso durch seine Stiefschwester Ulrike bekannt geworden, daß und warum Fräulein von Zenge in der nordischen Stadt lebte. Sie hatte Wilhelmine dahin begleitet, welche seit Jahresfrist etwa mit dem von Frankfurt an der Oder nach Königsberg an die Universität versetzten Professor der Philosophie Wilhelm Traugott Krug verheiratet war. Aber eines war dem anderen hier noch nicht begegnet, und Heinrich hatte ein solches für ihn peinliches Zusammentreffen zu vermeiden gesucht.

Jetzt ließ er dem Zufall sein Recht. Er öffnete der Freundin, die er früher nicht anders als die „goldene Schwester“ genannt, sein übervolles Herz, klagte über sich selbst, der noch den Irrfahrten des Lebens und nach ehrgeizigstem Ringen um dichterischen Erfolg und Ruhm an Geist und Körper gebrochen ins Vaterland zurückgekommen war und nun nach allen Stürmen und Kämpfen in dem Hafen eines kleinen Staatsamts Ruhe und Sammlung zu finden hoffte.

Er fragte Luise dann auch, ob ihn Wilhelmine wohl wiedersehen möchte. Sie war ebenfalls auf dem Ball; er hatte das blühende Weib schon gesehen, wie es sich graziös im Arm des Gatten im Tanzreigen bewegt. Luise führte ihn darauf zum Professor Krug, einem etwas älteren, lebensfreudigen, geselligen und liebenswürdigen Manne, und stellte ihn demselben vor. Krug, der in Frankfurt Wilhelmine kennen gelernt und um ihre Hand geworben hatte, als er den Ruf nach Königsberg bekam, kannte natürlich die früheren Beziehungen des Herrn von Kleist zu seiner Gattin. Aber dies hielt ihn bei seiner Theilnahme für den früheren unglücklichen Bräutigam Wilhelminens nicht einen Augenblick ab, ihn seiner jungen Frau zuzuführen und aufs freundlichste in sein Haus zu laden.

So sahen sie sich denn wieder, die einst sich für das Leben einander verlobt und deren Wege seitdem so sehr aus einander gegangen waren. Er fand sie als die glückliche Frau eines schon berühmten Gelehrten; sie ihn als einen Schiffbrüchigen, der sich in sein Geschick ohne Zufriedenheit zu ergeben suchte. Eine stumme Zwiesprache führten sie da, als sie sich nach nahezu fünf Jahren wieder gegenüberstanden; ihr Mitleid und sein Leiden tauschten wohl leise einen Seufzer aus.

Im Krugschen Hause fand er so herzliche Aufnahme, daß er bald ein häufiger Gast in demselben wurde. Hier konnte er sich aussprechen; hier boten edle Seelen dem Hadernden und Kleinmüthigen Trost. Die Braut von einst bezeigte sich ihm als eine Freundin; ihre Schwester war ihm wie die seinige. Sie beruhigten oft die wieder aufsteigenden Wogen seines Ehrgeizes. Er las ihnen die Uebersetzungen aus dem Französischen vor, mit denen er sich in seiner freien Zeit beschäftigte, erzählte ihnen von seinen dramatischen Dichtungen, die keinen Erfolg zu erringen vermochten, von den neuen, die er im Kopfe trug, von all den Ideen und Phantasien, mit denen sich sein Hirn erhitzte, und sie ehrten sein Vertrauen durch innige Anteilnahme, durch nachfühlendes Verständniß dieser echten, aber so verdüsterten und verbitterten Dichterseele.

Auf einmal litt es ihn in diesem Frieden nicht mehr. Die alte Ruhelosigkeit kam wieder über ihn. Er stieß das Amt widerwillig von sich, nahm Abschied von Wilhelmine, von Krug und wanderte trotz aller Franzosen im Lande, die nach Preußens Zertrümmerung in der Jenaer Schlacht auch schon die Nordprovinzen überflutheten, in bitterster Januarkälte zum Thore von Königsberg hinaus nach Berlin. –

Wilhelmine sah ihn nur noch einmal wieder, in Leipzig, wohin Professor Krug 1809 versetzt worden war. Sonst verlor sie sein Thun und Treiben auf seinen weiteren Irrfahrten fast aus dem Auge. Gelegentlich nur kam ihr etwas von seinen neuen Schriften zu Gesicht; von der Kleistschen Familie in Frankfurt aber erhielt sie die schlimme Nachricht, daß sie Heinrich als einen Menschen betrachtete, dem nicht mehr zu helfen sei und der elend an seiner Ueberspanntheit untergehen müsse.

Eines Tages, Ende November 1811, brachte Professor Krug seiner Gattin ein Zeitungsblatt. Ein Blick auf die von ihm bezeichnete Stelle, und sie erstarrte. Sie las, daß Heinrich von Kleist sich mit der gemüthskranken Gattin eines Berliner Beamten am Wannsee im Grunewald erschossen hatte. Als Leben in sie zurückgekehrt, flog sie an die Brust ihres Mannes und weinte da lange und heftig. Er verstand die Thränen, die sie einem Unglücklichen weihte, der doch ein echter Dichter gewesen war und mit seinen Masterwerken „Der Prinz von Homburg“, „Der zerbrochene Krug“, „Das Käthchen von Heilbronn“, „Penthesilea“ u. a. sich die Unsterblichkeit geschaffen hatte.