Die Anfänge der Geschwister Rainer

Textdaten
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Autor: Ludwig Steub
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Titel: Die Anfänge der Geschwister Rainer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6 und 7, S. 91–93, 107–109
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Anfänge der Geschwister Rainer.


Von Ludwig Steub.


Es ist etwas mehr als ein Jahr verstrichen, seit diese Blätter (Nr. 48–50, 1870) einen Beitrag unter der Aufschrift: „Eine Zillerthaler Sängerfamilie“ mitgetheilt haben. Dort war auch die Urgeschichte der Rainer besprochen, ihr erster Auszug nämlich und die Art und Weise, wie er zu Stande kam.

Ludwig Rainer, dem wir diese Mittheilung verdankten, schreibt die erste Anregung seinem Oheim Felix zu. Dieser soll als Koppelknecht bei einem reisenden Pferdehändler in der Schweiz mit seiner schönen Stimme manche Abendgesellschaft erheitert, vielen Beifall eingeerntet und dann nach der Rückkehr seinen Geschwistern geweissagt haben, welch große, noch unversuchte Zukunft dem Alpengesang sich öffne. Darauf hätten die Uebungen in ihrem Heimathsdorfe zu Fügen im Zillerthale begonnen, und nach einigen Monaten sei die erste Gesellschaft öffentlich und unter lauter lebendiger Theilnahme der Fügener und ihrer Nachbarn in die Welt gezogen.

Dieser Erzählung steht eine andere gegenüber, welche mir Josef Rainer, einer von der Urgesellschaft, damals Gastgeber im Hackelthurm zu Fügen, schon im Jahre 1842 mittheilte. Darnach wäre zuerst über ihn der Geist gekommen und er selbst der Urheber und erste Führer der Rainer’schen Sängerfahrten gewesen. Er habe nämlich als ein junger, wandernder Viehhändler eines Tags zu Leipzig vier angebliche Tiroler Kinder singen hören, und da dies traurige Häuflein trotz seines schlechten Gesanges vielen Beifall gefunden, so habe er seinen Geschwistern geschrieben, jetzt sei die Zeit gekommen, als echte Tiroler in alle Welt zu gehen und zu jodeln und das Glück zu erjagen. Sie sollten sich aufmachen und ihm entgegenreisen, aber zum Schein etwas Leder und Handschuhe mitnehmen, damit ihre wahre Absicht nicht errathen werde. So seien sie zu Freising an der Isar zusammengekommen und dort zum ersten Male aufgetreten, dann aber weiter gegangen und, wie weltbekannt, überall mit stets wachsendem Beifall aufgenommen worden etc.

Man sieht auf den ersten Blick, daß dieser Bericht mit der Erzählung, welche Ludwig Rainer in seinen handschriftlichen Memoiren als Ueberlieferung seiner Mutter aufstellt, keineswegs zusammenstimmt. Letzten September bin ich nun wieder nach dem schönen Flecken Schwaz im Innthale gekommen und auf der Post bei Herrn Franz Rainer eingekehrt. Herr Franz Rainer ist der Sohn des Herrn Anton Rainer, welcher der ersten Gesellschaft angehört hatte, aber schon vor längerer Zeit gestorben ist. Beim Abendtrunk kam auch seine Schwester Marie heran und begann von der Gartenlaube zu sprechen und von jenem Artikel über die Zillerthaler Sängerfamilie.

Hier ist nun zu bemerken, daß im vorigen Jahre zu Fügen noch zwei alte Herren lebten, Franz Rainer, der Posthalter, und Simon, sein Bruder, ein wohlhabender Bauersmann. Franz Rainer war ein Sänger und auch bei der ersten Gesellschaft gewesen, Simon dagegen hatte immer lieber zugehört, als selbst gesungen, war daher, als die Anderen in die große Welt gezogen, zu Hause geblieben und seinem bürgerlichen Berufe nachgegangen. Seinem Bruder Franz war er aber innigst zugethan, und als dieser im vorigen Jahre gestorben, sagte er offen, jetzt wolle er auch nicht länger leben, legte sich hin und starb auch seinerseits nach wenigen Wochen.

Marie erzählte nun, wie sie diesen ihren Oheim, als er auf seinem letzten Lager lag, noch einmal besucht und ihm die Gartenlaube, vielmehr den besagten Artikel über die Gebrüder Rainer vorgelesen habe. Der Kranke habe darüber noch ein heiteres Stündlein verlebt und sei in der Hauptsache damit zufrieden gewesen. Nur die Geschichte von der ersten Ausfahrt verhalte sich anders, als sie dort vorgetragen sei. Nicht Felix Rainer habe den ersten Anstoß zu ihren Wanderfahrten gegeben, sondern der Kaiser von Rußland.

Eines Tages sei nämlich Kaiser Alexander in’s Zillerthal gekommen und zu Fügen im Schlosse, bei seinem Bekannten, dem Grafen Ludwig von Dönhoff, abgestiegen. Der Graf habe nun seinem hohen Gastfreunde eine kleine Ueberraschung bieten wollen, nach den Rainerkindern geschickt und sie bedeutet, daß sie am treffenden Abend im Schlosse singen sollten. Diese hätten sich dessen nicht geweigert, aber die Bedingung gesetzt, daß sie sich nur hinter einem Vorhange produciren dürften, denn sie fürchteten, der Anblick der kaiserlichen Majestät möchte sie leichtlich außer Fassung bringen und das ganze Unternehmen scheitern lassen. Also hätten sie denn an jenem Abend in ihrem Versteck ein paar Stücklein („Jetzt kommt die schöne Frühlingszeit“ und „Auf d’ Alma gehn mer aufi“) schüchtern, aber lieblich gesungen, und diese hätten dem Selbstherrscher aller Reußen dermaßen gefallen, daß er gegen die Verabredung hinter den Vorhang getreten sei, sie ermunternd hervorgezogen, höchlich belobt und an seinem eigenen Tische zu sitzen eingeladen habe. Sie hätten ihm dann versprechen müssen, ihn in Petersburg zu besuchen, und er habe ihnen zugleich für diesen Fall seine allerhöchste Gnade und Protection in Aussicht gestellt.

So haben wir denn jetzt drei Berichte, sämmtlich aus der Familie, die sie betreffen, über eine Thatsache, die noch keine fünfzig Jahre hinter uns liegt, drei Berichte, von denen keiner zum andern paßt und die sich auch durch keine Exegese vereinbaren lassen. Mir fielen, als mir Fräulein Marie diese dritte Lesart mittheilte, zunächst David Friedrich Strauß und Professor Renan ein und ich fragte mich, wie sie, die berühmten Mythenforscher, [92] wohl diese Geschichte behandeln, wie sie den historischen Kern herausschälen würden.

Ich gestehe, daß ich nach dieser dritten Dosis ernstlich neugierig wurde und sehr gern herausgebracht hätte, welche von den drei Erzählungen die Wahrheit enthalte.

An einem Sonntag des letzten Herbstes war ich nun wieder nach Fügen gekommen und wieder in die Post gegangen. Diese hat jetzt nach des Vaters Tod sein älterer Sohn, Herr Max Rainer, ein freundlicher junger Mann, übernommen. Unter seinem Dache lernte ich auch einen anderen Wallfahrer aus demselben Clan, Herrn Andrä Rainer, kennen; dieser war eben aus dem Oriente, zunächst von Constantinopel, zurückgekommen, wo er mit seiner Gesellschaft vor dem Großvezier, dem Mufti, verschiedenen Paschas und Effendis, vor den europäischen Diplomaten und der ganzen stambulischen Elite die Zillerthaler Alpenlieder gesungen und so vielen Beifall und Gewinn davongetragen hat, daß er nach einiger Rast wieder eine Gesellschaft zusammenzustellen und abermals in die Levante zu gehen gedenkt.

Ich hielt es wohl der Mühe werth, über den Gegenstand meiner Neugier einige Fragen zu stellen, kam aber nicht weit damit. Im Großen ist die Geschichte der Rainer allen Zillerthalern wohlbekannt, allein die kleinern Züge scheinen längst vergessen. Die glücklichen Sänger sind, als sie sich noch in jungen Jahren verheiratheten und am heimischen Herde zur Ruhe setzten, des Erzählens, wie es scheint, bald müde geworden, und als ihre Kinder zu ihren Tagen kamen, hatten sie es wohl schon gänzlich aufgegeben, denn auch ihren nachgelassenen Familien ist fast alle Tradition über die Anfänge erloschen.

An jenem Herbstsonntage zeigte sich übrigens ein sehr munteres Leben auf der Post zu Fügen. Die jungen Leute dieses Ortes haben sich nämlich in letzterer Zeit mit besonderem Fleiße auf die kriegerische Blechmusik verlegt und in derselben eine namhafte Kunstfertigkeit erreicht. Nun wollten sie auch einmal die lieben Nachbarn zu Zell, welches tiefer einwärts im Thale liegt, ihre schönsten Stücklein hören lassen und hatten daher auf diesen Tag eine lustige Spielmannsfahrt angesetzt. Ich schloß mich ihnen an und bin so Zeuge davon gewesen, mit welcher Herzlichkeit sich alle die überraschten Zeller über die trefflichen Leistungen der Fügener Burschen freuten. Als sich die Spielleute später zum Krug zusammengesetzt, dachte ich wieder an meine Forschungen und erinnerte mich, daß hier zu Zell im „Goldnen Stern“ eine Tochter Joseph Rainer’s verehelicht sei, welche vor siebenundzwanzig Jahren als sechsjähriges Mädchen mit ihrem Vater und ihren zwei Geschwistern auch schon Almenlieder sang und eines Abends, als ich zu Fügen im Hackelthurme saß, selbviert ihr jugendliches Stimmchen erschallen ließ. Ihr zu Liebe also ging ich in den „Goldnen Stern“, der ohnedem nicht weit vom Bräuwirth zu finden ist, wurde auch freundlich aufgenommen und legte bald meine Absichten auseinander.

Joseph Rainer’s Seppele, jetzt Frau Sternwirthin Aigner zu Zell, dürfte also ungefähr dreiunddreißig Jahre alt sein und hat sich unbestrittener Maßen sehr kräftig und stattlich ausgewachsen. Aber das ehemalige Seppele schien mir auch nichts mittheilen zu können, was meinen Wissensdurst gelöscht hätte. Keine Spur einer Erinnerung an die Anfänge, die ersten Thaten und Fahrten der Ur-Rainer.

„Also auch Sie wissen nichts,“ sagte ich endlich in einiger Betrübniß; „damit geht meine letzte Hoffnung zu Grabe, denn Fügen und Schwaz habe ich schon ausgeschöpft bis auf den Boden und doch nichts Rechtes gefunden.“

„Na halt,“ sagte Frau Seppele, „da fällt mir g’rad’ noch ein, daß mir die Marie Rainer einmal ihr Tagebuch geschenkt hat.“

„Maria Rainer?“ wiederholte ich gespannt, „Ludwig Rainer’s Mutter, die einst mit nach England gezogen ist?“

„Ja, ja, die Marie, die hat Alles aufgeschrieben, wie sie fort und wo sie hingekommen sind und wo sie überall gesungen und was sie dafür gekriegt haben. Ein schönes Lesen!“

„Endlich,“ rief ich, „endlich ist das Ziel erreicht, endlich können wir die Odyssee der Rainer schreiben oder die Lusiade des Zillerthals! Jetzt her mit dem Tagebuch, Frau Sternwirthin! Seien Sie von der Güte und holen Sie’s auf der Stelle!“

„Ja, das Buch,“ erwiderte sie lächelnd, „das hab’ ich schon lang’ verloren.“

Ich war schmerzlich enttäuscht. „Und solche Handschriften kann man auch verlieren?“ rief ich endlich.

„Ja, wenn man lappet (thöricht) ist,“ sagte Frau Aigner begütigend, „warum denn nicht? Seit ich hier in Zell bin, mein’ ich nicht, daß ich das Büchel gesehen hab’; es liegt vielleicht noch im Hackelthurm, in der Rumpelkammer. Ja, da möcht’s vielleicht noch liegen.“

Ich hatte mich wieder gefaßt, nahm freundlichen Abschied und verlor mich wieder unter den Spielleuten. Mit diesen gelangte ich auch am späten Abend in voller Dunkelheit wieder nach Fügen. Maxl fuhr auf dem Leiterwagen nach Hause und ich hatte keine Gelegenheit mehr, ihm mitzutheilen, wie es mir im „Goldnen Stern“ gegangen.

Am andern Morgen aber kamen wir im Herrenstübel zusammen und ich begann: „Nun, ich habe mich, Herr Postmeister, zum Historiographen der Rainer aufwerfen wollen, aber im Zillerthal ist nichts zu finden. Ich glaube, wenn man Eure Geschichte schreiben will, geht man besser nach London als nach Fügen oder Zell.“

„Da könnten S’ Recht haben,“ sagte der Postmeister, „denn wir wissen Alle nichts. Aber halt! London!! da habe ich noch drei englische Liederbücher oben, die sind in London gedruckt – fällt mir jetzt erst ein – da steht vielleicht mancher Brocken drinn, den ein Geschichtschreiber verwenden könnte.“

Der Postmeister ging nun rasch in den obern Stock und kam bald mit drei gleich gebundenen Büchern in klein Folio zurück. Ich schlug erwartungsvoll das Titelblatt auf und fand da zu angenehmer Ueberraschung folgende Worte: The Tyrolese Melodies etc., zu deutsch: „die Tirolerlieder, arrangirt für eine oder vier Stimmen mit Begleitung für das Pianoforte von I. Moscheles und gesungen mit entzücktem Beifall (with the most rapturous applause) in der ägyptischen Halle, London, von der tirolischen Familie.“ Deren Name ist als selbstverständlich nicht beigesetzt. Auf das Titelblatt folgt eine Einleitung, acht Folioseiten lang, überschrieben: The Tyrolese Minstrels – in welcher ich nach flüchtiger Durchsicht eine Geschichte des Lebens, der Reisen und Erfolge meiner Helden zu finden glaubte.

Endlich war also eine Quelle entdeckt, eine wahrscheinlich sehr reine und verlässige Quelle – denn die literarischen Zuflüsse für sie konnten nur die Geschwister Rainer selbst geliefert haben. Der Enthusiasmus, den sie damals in England erregten, hatte ihnen – das war klar – einen britischen Schöngeist zugeführt, der ihnen ihre Memorabilien abfragte und diese säuberlich zu Papier brachte. Es war wirklich ein Fund!

Wir wollen nun etwas näher auf diese Quelle eingehen.

Auf dem Titelblatte des ersten Bandes findet sich auch eine Vignette, welche die vier Brüder Rainer und ihre Schwester Marie – diese in der Mitte – darstellt. Im Hintergrunde ragt das Hochgebirge auf. Die großen, breitschultrigen Sänger – ihre männliche Schönheit wird im Zillerthal noch jetzt gerühmt – sie tragen alle die einfache Tracht ihrer Heimath. Auch Marie präsentirt sich noch ganz unverfeinert in einem Aufzuge, der uns jetzt etwas schlampig vorkommt. Es ist der lange enge Rock, das weit ausgeschnittene Mieder, das dicke schlappe Halstuch, welches die Brust bedeckt – ganz die Tracht, wie sie jetzt noch die Duxerinnen führen und wie sie damals herausging bis an den Saum des Zillerthals. Später schenkte übrigens der König von England den Geschwistern je einen ganzen Anzug, und von da an traten die Brüder in Jacken mit Hermelin verbrämt, die Schwester in einem seidenen weit ausgeschnittenen Ballkleid auf. Man sieht jetzt noch Lithographien, die sie in diesen Prunkgewändern darstellen. Die schön gestickten Gürtel (Ranzen) mit dem großbritannischen Wappen aus Silber darauf, welche der König damals den Brüdern verehrte, haben sich als theure Angedenken noch in deren Familien erhalten.

Auf dem Titelblatte findet sich ferner eine an Ihre durchlauchtige Hoheit, die Fürstin Esterhazy, gerichtete Widmung und unter dieser eine mit den facsimilirten Unterschriften der fünf Geschwister versehene Erklärung, laut deren nur H. Ignaz Moscheles berechtigt sein soll, die Musik und das Arrangement der Lieder, nur Herr William Ball, deren Uebersetzung zu besorgen und herauszugeben. Diese Erklärung ist datirt: 35 Foley street, London, June 23rd 1827.

Folgt also die Einleitung, welche von Herrn William Ball [93] unterzeichnet ist. Wer diese mit kritischem Auge liest, der möchte aber wirklich die Schriftsteller der großen britischen Nation beneiden. Wie genau und gründlich müssen wir Deutsche sein, und mit welch vornehmer Leichtfertigkeit fahren unsere englischen Brüder über die wuchtigsten Gegenstände hin! – in welch ungewissen Umrissen scheint ihnen schon der Continent und der ehemalige Deutsche Bund zu liegen! Oder klingt es nicht fast komisch, wenn uns Herr Ball belehrt, die fürstliche Grafschaft Tirol liege im österreichischen Kreise und bestehe aus dem eigentlichen Tirol und den Fürstenthümern Trient und Brixen – lauter Behauptungen, welche einst alle sehr richtig gewesen, aber durch den Reichsdeputationsreceß von Anno drei ganz unhaltbar geworden sind? Ferner weiß Herr Ball, daß Tirol durch den Preßburger Frieden an Baiern, aber er weiß auch, daß es 1809 förmlich (formally) an Italien abgetreten worden sei. Dies jedoch nur in der Note, im Texte läßt Herr Ball die Tiroler nach Anno neun wieder französisch werden. Daß auch für die Geschichte des seligen Andreas Hofer (commonly called Sandhofer), dessen Cultus doch in England so enthusiastisch betrieben wurde, daß auch für seine Geschichte aus englischen Büchern nichts zu lernen ist, das möchte beispielsweise aus einer Stelle hervorgehen, welche Herr Ball aus Herrn Hall’s Life of Andrew Hofer citirt und welche behauptet: „Seinem Andenken ward auf dem Brenner ein einfaches Grabmal errichtet, in geringer Entfernung von seinem Wohnsitze (es wären doch leicht zwölf Stunden); es enthält keine andere Inschrift als seinen Namen und die Daten seiner Geburt und seines Todes.“ Wie aber, wenn es auch diese nicht enthielte, vielmehr gar nicht existirte? Meines Wissens wenigstens hat noch kein tirolischer Schriftsteller, auch kein Bädeker und kein Trautwein und Amthor, dieses Grabmal aufgefunden, und es scheint demnach nur englischen Augen sichtbar zu sein.

Nun also die biographische Einleitung.

In dieser nimmt Herr Ball einen ansehnlichen Schwung und sucht die Tiroler mit allen Farben der Poesie auf’s Einnehmendste zu schildern. „Sie ergießen,“ sagt er unter Anderm, „die fröhlichen Gefühle ihrer untadelhaften Gemüther in so wahrhaft hirtenmäßige Gesänge, daß selbst die größten Tonsetzer, wenn sie ländliche Art nachahmen wollten, sich nicht entblödet haben, die Saiten ihrer Harfen von den Tirolern zu entlehnen.“ Deswegen gebühre ihnen die Benennung Natursänger mit vollem Rechte. Am meisten verdiene aber die Familie der Rainer so genannt zu werden, denn diese bringe, selbst ohne die Noten zu kennen, so wirksame und harmonische Leistungen hervor, daß sie jeden Vergleich mit dem Kunstgesange auszuhalten vermöchten.

Endlich, nach einem längern Abstecher über Andreas Hofer, kommt die Geschichte, nach der ich so lange gefahndet – die Geschichte der ersten Ausfahrt, und diese erzählt richtig Herr Ball im Jahre 1827 zu London in der Hauptsache wie Fräulein Maria Rainer im Jahre 1871 zu Schwaz. „Im Jahre 1815,“ läßt übrigens Mr. Ball seine Tiroler sprechen, „als der Congreß zu Verona angesagt war“ (welchen aber andere Geschichtschreiber nicht unglaubwürdig in’s Jahr 1822 verlegen), „im Jahre 1815 also, als die Franzosen Tirol wieder verloren und wir unsere alten Freiheiten unter unserer geliebten österreichischen Regierung wieder zurückerhalten hatten, kam Kaiser Alexander von Rußland mit seinem alten Freunde, dem Kaiser Franz von Oesterreich, auf der Reise zur Fürstenversammlung in’s Zillerthal.“

Wir ersehen also daraus, daß jenen Abend nicht allein Kaiser Alexander von Rußland, sondern auch Kaiser Franz von Oesterreich in Fügen zubrachte. Der übrige Theil der Erzählung verläuft aber, wie gesagt, wie der Bericht, den wir schon früher gegeben, und es ist daher überflüssig, die englische Version hier vorzutragen.

Diese neue Bekanntschaft mit dem Selbstherrscher aller Reußen scheint nun wirklich der Anlaß gewesen zu sein, der die Rainer in die weite Welt führte. Im Herbste 1824 griffen sie nämlich zum Wanderstabe, um ihren hohen Gönner in St. Petersburg zu besuchen. Herr Ball, der den Congreß von Verona in’s Jahr 1815 setzt, läßt sie neun Jahre lang über ihr Vorhaben nachdenken, während doch die Deliberationsfrist, wie männiglich sieht, nur eine zweijährige war. Sie wanderten also zu Fuß durch Baierland, Mittags und Abends in den Wirthshäusern singend, bis sie nach Regensburg kamen. Unsere alte Stadt Freising, welche, wie wir gesehen, Josef Rainer als den Hafen bezeichnete, von dem sie ausgelaufen, wird in Herrn Ball’s Berichte nicht erwähnt. In Regensburg nahm sie der Fürst von Thurn und Taxis sehr freundlich auf. Sie fanden daher den Aufenthalt daselbst so annehmlich, daß sie vierzehn Tage blieben. Eigentlich meinten sie selbst noch immer auf der Reise nach Rußland zu sein, allein die Bangigkeit vor dem weiten Wege und dem fremden Volke und die Furcht, der Kaiser möchte sie vergessen haben, drückte so schwer auf ihr Gemüth, daß sie oft ganz traurig und verzweifelnd beisammen saßen. Alle Fünf sehnten sich wieder nach Hause, aber keines wollte mit diesem Geständniß den Anfang machen. Der Fürst Taxis gewahrte ihre Niedergeschlagenheit und sagte ihnen tröstend, aller Anfang sei schwer, und sie würden gewiß noch viel Glück erleben – ein Zuspruch, der sie wieder merklich aufrichtete. Da es ihnen nun in Deutschland heraußen bis dahin recht gut gefallen hatte, so verloren sie allmählich ihr Heimweh, aber die Reise nach Petersburg gaben sie für dieses Mal dennoch auf und gingen dafür über Nürnberg, Würzburg, Frankfurt, überall Beifall erntend, nach Mannheim, wo ihnen die Ehre zu Theil wurde, vor der Großherzogin Stephanie singen zu dürfen. Diese empfahl sie an ihre Schwiegermutter, die alte Markgräfin von Baden, in Karlsruhe, die sie ihrer Tochter, der Königin von Schweden, vorstellte, welche damals eben bei ihr auf Besuch war; die Königin von Schweden aber empfahl sie wieder an den König von Baiern, Maximilian den Ersten. Und in Karlsruhe geschah es, daß sie vom Großherzog zu ihrer großen Ueberraschung aufgefordert wurden, öffentlich im Theater zu singen.

„Wir können,“ läßt sie Herr Ball nun sprechen, „unsere Gefühle, als wir damals im Hoftheater sangen, nicht beschreiben. Es war unser erstes Auftreten auf einer Bühne. Das Haus war überfüllt und alle die vornehmen Personen des Hofes saßen in den Logen dicht vor uns. In unserer Angst setzten wir etwas zu hoch ein, aber doch kamen wir ganz leidlich durch, und am Schlusse wurden wir nicht allein von dem ganzen Hause, dem der Großherzog mit gutem Beispiel voranging, beklatscht, sondern mußten das Stück sogar wiederholen. Unsere Befangenheit war damit überwunden, und wir sangen die folgenden Lieder mit einer Sicherheit, als wenn wir seit Jahren an die Bühne gewöhnt wären.“

[107] Es versteht sich, daß der Naturgesang von jetzt an einen ungemeinen Aufschwung nahm und täglich an Ansehen und Gedeihen wuchs vor Fürsten und Völkern, denn die Sänger hatten nun nicht mehr blos mit Wirths- und Gasthäusern, sondern auch mit Theatern und Höfen zu rechnen.

Als sie Karlsruhe verlassen, begaben sie sich nach Straßburg, „wo sie jede Ursache hatten, sich glücklich zu fühlen“, was vielleicht jetzt weniger der Fall wäre, – und von Straßburg nach Baden-Baden. Hier waren sie kaum ein paar Tage, als sie der König von Baiern rufen ließ, um mit ihrer Hülfe den Geburtstag seiner Gemahlin zu verherrlichen. Mittags sangen sie im neuen Hofsalon und am Abend im Landsitz der Königin von Schweden, wo sich zu den baierisch-badischen Herrschaften auch der Kronprinz und die Kronprinzessin von Preußen gesellten. Der König von Baiern, der alte Max, der noch im nämlichen Jahre sterben mußte, war damals so gut aufgelegt, daß er das Lied „Wenn ich in der Früh aufsteh’“, das er von den Tegernseer Almerinnen gelernt hatte, fröhlich selber mitsang.

Obwohl hoch entzückt von all dem high life, das sie so plötzlich umfangen hatte, beschlossen die Sänger in diesen Tagen dennoch wieder den Weg in die Heimath einzuschlagen und begaben sich über Stuttgart, wo sie vierzehn Tage rasteten und mit ebenso großem Beifall sangen, nach München an der Isar, wohin sie vorher ihre Eltern brieflich zum Wiedersehen beschieden hatten. Die Mutter war bis dahin noch nie aus dem Zillerthale herausgekommen, also auch nicht einmal in Innsbruck gewesen. Und in München fielen sich Eltern und Kinder auch mit unbeschreiblicher Freude um den Hals.

Alle mit einander zogen dann nach Tegernsee, wo sie den König Max wiederfanden und eine Woche blieben. Dann aber ging’s nach der Heimath, in’s fröhliche Zillerthal, nach Fügen, wo sie wegen ihrer unerhörten Thaten, Leistungen und Erwerbnisse von jedermännlich angestaunt, bewundert und beneidet wurden.

Bald darauf, nämlich schon im November 1825, unternahmen die Geschwister ihre zweite Weltfahrt. Die Erinnerung an die Einladung des Czaren war neuerdings erwacht, und die Sänger gingen deshalb gleich von Anfang an nach Wien, um sich nach Petersburg durchzusingen. Aber in Wien schon erhielten sie die Nachricht, daß Kaiser Alexander gestorben sei. Zu gleicher Zeit kam die Botschaft, daß König Max von Baiern in’s bessere Jenseits hinübergegangen, und Kaiser Franz von Oesterreich war über den Verlust seiner beiden Amtsgenossen so betrübt, daß er seine Zillerthaler nicht einmal jodeln hören wollte. Unter diesen Umständen gaben diese die Reise nach Rußland abermals auf und gingen dafür nach Dresden, wo sie auch bei Hofe zusprachen, nach Teplitz und Karlsbad, wo sie eines Abends zwar nicht vor einem „Parterre von Königen“, aber vor fünfzehn Prinzen auf einmal zu singen die Ehre hatten. In Teplitz war es auch, wo sie den englischen Earl Stanhope kennen lernten. Dieser ermahnte sie nachdrücklich, Altengland nicht unbesucht zu lassen, gab ihnen Empfehlungsbriefe mit und manchen guten Rath, wie sie sich dort zu benehmen hätten. So beschlossen sie denn wirklich nach jenem Eiland hinüberzuschiffen, wurden aber zuvor noch nach Weimar eingeladen. Dort trafen sie den Großherzog, sowie auch den Schauspieler und Regisseur Seidel, einen gebornen Innsbrucker, welcher für sie zwei neue (ziemlich schlechte) Lieder, „der Alpenjäger“ und „der Tiroler Landsturm“, dichtete und in Musik setzte, sie ihnen auch mit großer Mühe beibrachte und ihnen das Verlagsrecht verehrte.

Die Geschwister setzten nun ihre Reise durch Thüringen fort und langten im November 1826 über Magdeburg in Berlin an. Hier sangen sie vier Mal im königlichen Opernhause und waren auch schon vor den König befohlen, als Seine Majestät unglücklicher Weise den Fuß brach und deswegen wieder absagen ließ. Doch kamen sie in freundlichste Berührung mit allen hohen Herrschaften der Hauptstadt und nicht allein mit diesen, sondern auch mit Fräulein Henriette Sontag, deren Liebenswürdigkeit sie entzückte. Einmal waren sie in eine Abendgesellschaft zusammengeladen, wo sie, die Zillerthaler, ihre Almenlieder sangen, jene aber mit ihrer glorreichen Stimme abwechselnd die schwierigsten Arien aus den schönsten Opern vortrug – ein Contrast, der einen wunderbaren Eindruck zurückließ. Sie waren übrigens sehr oft im Heimgarten bei der gefeierten Sängerin, und diese schenkte ihnen zur Erinnerung verschiedene Angedenken.

Sieben Wochen blieben sie zu Berlin, gesucht, geehrt und in allen Zeitungen besprochen und gepriesen. Nach diesen schönen Tagen zogen sie über Schwerin nach Hamburg. Die gastfreundliche Aufnahme, die ihnen dort begegnete, wird „großherzig bis zum Uebermaß“ genannt. In Hamburg erhielten sie auch wieder neue, warme Empfehlungsbriefe für ihre Reise nach Albion, welches die singenden Argonauten nach einer sechzigstündigen Meerfahrt glücklich erreichten.

Sie landeten in London und betraten die fremde Erde nicht ohne Schüchternheit. Sie befürchteten nämlich, ihr fremdartiges Aussehen möchte ihnen da zu viel leicht lästige Aufmerksamkeit zuziehen; aber wider Erwarten kamen sie glücklich durch, nur daß ihnen beim Einzuge ein lärmender Haufe von Gassenjungen das Geleit gab. Die Zillerthaler Geschwister kamen zu London im Mai 1827 an und stellten sich da sofort unter die Protection des Fürsten Esterhazy, der damals österreichischer Gesandter am britischen Hofe war. Sehr freundlich und warm zeigte sich ihnen auch vom ersten Augenblicke an Ignaz Moscheles, der Virtuose, an den sie Empfehlungsbriefe mitgebracht hatten. Sie wurden nun schnell in die Kreise der hohen Aristokratie eingeführt, welche sie zuerst in einem Privatconcert, das Fürst Esterhazy veranstaltet hatte, vor sich versammelt sahen. Oeffentlich traten sie zum ersten Male am 26. Mai in der Aegyptischen Halle auf und zwar mit durchschlagendem Erfolge.

Nun schenkte ihnen selbst die Herzogin von Kent ihre Huld und beschied sie nach Kensington, wo ihren Liedern auch die junge Prinzessin Victoria, die jetzige Königin von England, lauschte. Bald darauf sangen sie vor dem Könige in Windsor. Der Monarch bewies ihnen sein hohes Wohlgefallen nicht allein durch ein hohes Geschenk, welches er dem ältesten Bruder eigenhändig übergab, sondern auch durch die Aufforderung, sich am nächsten Abende wieder in Windsor hören zu lassen. Um diese Zeit traten sie ferner vor einer unzählbaren Zuhörerschaft und mit enthusiastischem Beifall im Coventgarden-Theater auf. Moscheles begann nun ihre Melodien mit den Originaltexten im Tiroler Dialecte niederzuschreiben und gab bald zwölf solcher Lieder mit Clavierbegleitung heraus. Dieser erste Versuch war so schnell vergriffen, daß ihm bald als zweite Auflage die drei Bände folgten, welche mir nun vorliegen. Sie unterscheiden sich von der ersten Veröffentlichung namentlich dadurch, daß nun auch eine englische Uebersetzung, welche Herr Ball verfaßte, beigegeben ist.

Der Uebersetzer wollte die Grundsätze, die er bei seiner Aufgabe verfolgte, nicht verhehlen. Die Lieder der Tiroler, sagt er, seien zwar an und für sich tadellos, aber hier und da fielen sie doch noch unter die bloße Ländlichkeit hinunter und ergingen sich in einer Kindlichkeit, welche zwar auf den Ursprung der Blüthe hinweise, aber doch die geruchlose Blume aus einem auserlesenen Kranze ausschließe. In solchen Fällen habe er nun allerdings von den jedem Uebersetzer zukommenden Freiheiten Gebrauch gemacht, aber doch sein Lied nach irgend einer maßgebenden Idee des Originals gebildet, so daß es wohl wiedererkannt und freundlich aufgenommen werden dürfte. Wer Deutsch verstehe, würde in Nr. 11 The Village Lay (Das Dorflied) ein Beispiel dieser [108] Behandlungsart finden. Dort sei der Gedanke, der im zweiten Verse ausgedrückt, gewissermaßen als der Rahmen des ganzen Liedes benutzt worden.

Etwas neugierig folgte ich der gewiesenen Spur und schlug The village lay auf. Ich fand zu meiner Ueberraschung, daß dies unser all- und altbekannter Lauterbacher sei, gewissermaßen der Patriarch aller Schnaderhüpfel, der damals voranging, als sie in die gebildeten Stände eingeführt wurden. Ich hörte das Liedlein schon im Jahre 1827 singen, aber damals hieß es noch: „Z’ Pfeifenberg“ etc., was um so mysteriöser, als es im ganzen Königreiche Baiern kein Pfeifenberg giebt. Und in diesem Umkreise sollte es sich doch nothwendig finden, denn der Lauterbacher ist, wie unter den Kennern feststeht, kein Almenlied, keine Tiroler Melodie, sondern im Unterland, vielleicht im bairischen Wald oder gar noch nördlicher entstanden, – eine Meinung, die auch dadurch nicht erschüttert wird, daß sich Felix Rainer in England als den Erfinder der Melodie ausgab.

In der jetzt gültigen Lesart lauten also die beiden ersten Verse jenes merkwürdigen Liedes bekanntlich:

Z’ Lauterbach hab’ i mein Strumpf verlor’n;
Ohne Strumpf geh’ i nit heim –

und der zweite Vers soll also der Rahmen sein, in welchen der Uebersetzer seine ganze Umdichtung hineingemodelt hat. Dieser zweite Vers nun lautet, aus dem Englischen übertragen in’s Schnaderhüpfel-Deutsch, etwa folgendermaßen:

Lieber Vater, hör’ mir zu
Sagt a junger Hüterbue,
Vater, gieb mir bald a Kue
Und a Häusel ah dazu,
Daß i Hochzeit halten kann;
’S Warten kommt mich gar z’ hart an.

Die Freiheiten, „die jedem Uebersetzer zukommen“, scheinen hier allerdings vollkommen gewahrt zu sein; aber daß Herr Ball als „maßgebende Idee“ des Liedes nicht den verlornen Strumpf erkannt und diesen in seinen Rahmen aufgenommen, ist doch höchst auffallend! Indessen, je weiter wir vergleichen, desto fester wird unsere Ueberzeugung, daß es eigentlich nur stellenweise auf eine Uebersetzung abgesehen war, und daß sich Herr Ball in der Hauptsache begnügte, seine eigenen Ideen, die er hin und wieder etwas alpenhaft färbte, in das tirolische Metrum zu gießen. Im dritten Hefte, das dem Earl von Stanhope gewidmet ist, tritt übrigens ein neuer Uebersetzer ein, Herr T. H. Baily, der sich aber, wenn möglich, noch mehr Freiheiten herausnimmt als sein Vorgänger. Doch ist er auch noch aufrichtiger als dieser, denn er erklärt im Vorwort einfach:

„Es mag nothwendig sein, zu bemerken, daß der Verfasser des Textes dieser Sammlung keineswegs eine Uebersetzung der Originale geben will, denn die außerordentliche Einfachheit der deutschen Worte trotzt fast jeder poetischen Uebersetzung. Der Autor hat jedoch versucht, dem Geist der Originale treu zu bleiben. Er hat den Gedanken der Worte wiedergegeben, so weit es möglich war, und er glaubt, in keinem Falle von dem Sinn der Worte abgewichen zu sein.“

Nach dieser Vorrede mag sich Jeder selber denken, wie Herr Baily in diesen Schnaderhüpfeln und Almenliedern herumgehaust hat; doch verzichten wir gern auf eine nähere Besprechung seiner Arbeit.

Wie dem aber auch sei, diese tirolischen Lieder, these wild inimitable songs, diese wilden unnachahmlichen Gesänge in ihrer englischen Verballhornisirung hatten damals einen Erfolg in Großbritannien, den die Insulaner selbst bewitching und bewildering, d. h. bezaubernd, nannten. Von den Bädern von Brighton bis hinauf zu den Shetlands-Inseln schwelgten Albions blonde Töchter in diesen Tyrolese melodies. Fräulein Sontag, welche 1828 ebenfalls nach London gekommen, hatte sich den „schönen Schweizerbua“ als Liebling ausersehen, und trat in keinem Concert mehr auf, ohne diesen wilden und unnachahmlichen Gesang mit unerschütterlichem Beifall herunter zu jodeln. Ja, die ganze musikalische Industrie Alt-Englands warf sich eine Zeit lang auf die Almenlieder. Das dritte Heft enthält eine Anzeige von sechsunddreißig „Arrangements“ für Guitarre, Piano, Harfe, Flöte, Waldhorn, Violine, für zwei, drei, vier dieser Instrumente zusammen; für eine, zwei, drei, vier Singstimmen, als Walzer, als Quadrillen, kurz, in jeder denkbaren Weise.

Aber die Almenlieder selbst? Darf man auch jetzt nach vierzig Jahren noch ihre Reize näher untersuchen und mit der kritischen Hechel darüber fahren? Wir wagen es, denn die Gebrechen, die sich in der Rainer’schen Liedersammlung von Anno Achtundzwanzig zeigen, sie finden sich auch noch in den heutigen.

Die eigentliche Ur-, Grund- und Lieblingsform des Almengesangs ist nämlich das Schnaderhüpfel – die bekannten vier Zeilen mit je zwei Hebungen. Ihre Zahl ist unzählbar; sie blühen und verwelken fort und fort und erneuern sich täglich in unverwüstlicher Fruchtbarkeit. Nach ihren Melodien läßt sich singen und tanzen; sie entsprechen daher dem täglichen Bedürfniß der Jagersbuben und der Sennerinnen. Sie reichen aber nicht hin, um einen Concertabend auszufüllen, zumal vor einem Publicum, das den epigrammatischen Text nicht versteht, was bei den Tirolersängern doch häufig der Fall war.

Diese fanden sich daher bald gedrungen, nach Abwechselung zu trachten und bunte Reihe herzustellen. Allein die Lieder, welche in mehreren Strophen einen zusammenhängenden Gedanken durchführen und nach einem andern und längern Rhythmus als die Schnaderhüpfeln gesungen werden, die eigentlichen Almenlieder, sind nicht zahlreich. Sie bringen sich auch neben jenen, die sich viel leichter merken lassen, nur mühsam fort; die älteren sind meist halb vergessen, nur stückweise noch bekannt, in den jüngeren macht sich nur zu häufig der hochdeutsche Finger des Schullehrers bemerkbar. So zogen denn schon die Rainer allerlei fremdartige Surrogate herbei, und als solches erlebte z. B. auch das bekannte „Sagt er“ (Wennst in Himmel, sagt er, willst kömma, sagt er, mußt Handschuh, sagt er, mitnehma etc.) das Glück, damals vor Georg dem Vierten gesungen zu werden, ein unverdientes Glück, da es keine Tyrolese melody, sondern aus einer Posse, „Die Wiener in Berlin“, entlehnt ist. Aus ähnlicher Quelle stammt auch das ehemals so gern gehörte „War’s vielleicht um eins, war’s vielleicht um zwei“, welches ebenfalls im Coventgarden gesungen und beklatscht worden ist. Diese der Bühne entlehnten Stücklein kamen nun in der Regel so ziemlich gut weg, aber die eigentlichen Almenlieder wurden oft bitterlich mißhandelt. Namentlich wenn sie zu kurz waren, d. h. wenn man im Zillerthal nur noch einige Trümmer des Textes auftreiben konnte, während die anderen Stücke verloren gegangen, entblödeten sich die Sänger keineswegs, irgend etwas Beliebiges hinzuzusetzen oder selbst etwas anzudichten.

So sehen wir z. B., daß „Der Fuhrmannsbua“, ein niederbairisches Lied, das jetzt in volksthümlichen Liederbüchern mit neun oder zehn Strophen vorkommt, hier nur in zwei G’sätzeln erscheint, deren zweites lautet:

Kellnerin, leb’ wohl und vergiß mich nicht;
I muß jetzt scheiden von Dir.
I kann nit bei Dir bleiben,
Denn i muß fahren nach Trier.

Die letzte Zeile ist entschieden unecht und lächerlich, denn es ließe sich wetten, daß unter tausend niederbairischen Fuhrmannsbuben nicht einer zu finden ist, der je von der allerdings berühmten Stadt Trier gehört hätte.

Hier haben sich nun die Natursänger mit einem sehr verstümmelten Torso begnügt und nur eine unbedeutende Restauration versucht, aber „der schöne Schweizerbua“ war nicht so glücklich, denn dieser mußte sich folgende höchst bedenkliche Schlußstrophe aufhalsen lassen:

Frau Wirthin, schenk’ nur fleißig ein,
Sei es Bier oder sei’s Champagnerwein.
Schenk’ nur ein, wir trinken’s wiederum aus
Und gehen dann froh nach Haus!

Der Champagnerwein, der den Tiroler Thölerern (Thalbewohnern) in den zwanziger Jahren gewiß noch ebenso fremd war, wie den niederbairischen Fuhrmannsbuben die berühmte Stadt Trier, er bürgt allein schon dafür, daß diese Strophe nicht auf den Almen entstanden sei. Er drängt sich aber auch in einem andern Liede, welches „Der genügsame Jäger“ überschrieben ist, sehr ungeziemend ein.

Dieses Lied beginnt ganz leidlich: „Wenn i auf die Alma geh, den Stutzen an der Seit’“, schließt dann aber mit folgender dritter Strophe:

Wie man herzlich froh kann sein,
Das sieht man in Tirol;
Man braucht hier nicht Champagnerwein,
Befindet sich doch wohl;

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Denn bald verraucht des Weines Gluth
Und bringet öfters Uebelmuth.
Wer ohne Weine froh sein kann,
Der ist der beste Mann!

Für das Liederbuch eines Mäßigkeitsvereins wäre diese Strophe gerade nicht zu tadeln, aber als tirolischer Naturgesang klingt sie höchst absonderlich.

Zuweilen kommt es auch vor, daß die Natursänger, um ihren Vorrath zu vermehren, irgend einen Dichterling bitten, er möge sich begeistern und ihnen ein schönes, möglichst tirolisches Lied herdichten. Die Verse dieser Herren pflegen aber stets zu mißlingen und an poetischer Kraft so schwach und kümmerlich zu sein, als wenn sie eben aus dem Spital entlassen wären.

Ach, du lieber Gott, wird er vielleicht seufzen, nämlich der unbefangene tirolische Leser, der bis hierher gekommen, ach, was haben doch die guten Rainer den Engländern und den europäischen Potentaten für einen Schmarren vorgesungen! Allerdings, kann man zustimmend sagen, allerdings, aber es ist im Grunde heute noch dasselbe Gebrodel! Blättert man da und dort durch die Liederbücher, wie sie Kellnerinnen, Bauerntöchter, Wirthssöhne sich eigenhändig zusammenschreiben, oder lieft man die gedruckten Programme der reisenden „Natursänger“, der wahren und falschen Tiroler, so zeigt sich dieselbe geschmacklose Mixtur von längst verkrüppelten und durcheinandergeworfenen Almenliedern, von halbgelungenen städtischen Versuchen, von Stücklein aus den Wiener Possen etc. Gedruckte Texte oder Liederbücher gehen schwer in’s Volk ein, und auch die oberbairischen Lieder, welche im Auftrag König Max des Zweiten Franz von Kobell (mit Bildern von A. v. Ramberg) herausgab (zweite Auflage 1871), auch diese scheinen in Tirol keine Verbreitung gefunden zu haben, obgleich sie gerade dem Alpengesang zur Aufmunterung dienen sollten.

Das Büchlein ist wohl auch zu theuer, denn einen Thaler preußisch kann eine Almerin, oder vielmehr, da es in Tirol keine Almerinnen mehr giebt, kann eine liedersüchtige Bauerntochter nicht spendiren. Es fehlt eine liebende Hand und wenn es auch nur die eines speculativen Buchhändlers wäre, eine Hand, die das Beste, was noch aufzufinden, um etliche Groschen gedruckt herausgäbe. Allerdings müßte dahinter ein sachverständiger Mensch stehen, eine poetische Seele, welche die alten echten Texte wieder vorsuchen, das Vorhandene richtig zusammenstellen, das Fehlende in der rechten Weise ergänzen, aber der ländlichen Muse nie ein Wort in den Mund legen würde, das sie nicht verantworten könnte.

Um aber wieder nach Fügen und zu den Rainern zurückzukommen, so bricht Herrn Ball’s Erzählung, wie wir gesehen, im Juni 1827 ab. Aus andern Quellen wissen wir, daß sie damals glücklich wieder heimgekehrt und nach ihrer Rückkunft sämmtlich in den heiligen Stand der Ehe getreten sind. Später gingen sie noch zwei Male nach England, das letzte Mal 1838 zur Krönung der Königin, erlebten aber dieses letzte Mal wenig Freude, da die vielen falschen Tiroler, welche ebenfalls auf Lieder reisten, die Neugierde der Engländer längst befriedigt und das Geschäft schon zu sehr verdorben hatten.

Hiermit mag diese Abhandlung ihrem Ende zugehen. Der Auszug aus Herrn Ball’s Bericht ist vielleicht etwas trocken ausgefallen, und doch – wie heiter müßte sich die Erzählung darstellen lassen, wenn die rechten Quellen noch nicht versiecht wären! Wie die Rainer in ihrer naturwüchsigen Jugendlichkeit, treuherzig und schlau, schüchtern und keck zugleich, so in fremde Lande und bald gar in England einbrachen, welche komischen Geschichten, welche lustigen Anekdoten, welche spaßhaften Abenteuer sie da erlebt, welche Prüfungen sie überstanden, bis sie hieb- und stichfest in der großen Welt geworden, das weiß Niemand mehr zu sagen. Ich mache mir fast Vorwürfe, daß ich Anno 1842, wo ich zum ersten Male nach Schwaz und Fügen kam und wo sie noch sämmtlich lebten, nicht die Bekanntschaft der ganzen Gesellschaft gesucht, ihre Erinnerungen nicht erweckt und gesammelt habe. Es wäre ein beneidenswerther Stoff gewesen.

Die tirolischen Schriftsteller scheinen diesem ländlichen Gestirn allerdings geringe Aufmerksamkeit zu schenken – wenigstens wußte man weder in Schwaz noch in Fügen etwas von literarischen Arbeiten über die Geschichte der Väter. Auch Dr. Staffler in seinem umfassenden Werke über Tirol und Vorarlberg erwähnt am treffenden Orte, nämlich im zweiten Theil, der 1842 erschien, nur ganz kurz die reisenden „Natursänger“, würdigt sie aber nicht einmal ihren Namen zu nennen.

Und doch, wenn man bedenkt, wie diese fünf Bauernkinder in jungen Jahren vor dem Kaiser aller Reußen singen, von diesem in seine Hauptstadt eingeladen werden, dafür aber nach England gerathen, überall auf dem Festland und den britischen Inseln vor Königen und Königinnen, Herzogen, Fürsten und Grafen ihre Jodler erschallen lassen, überall beklatscht, gefeiert und von der Presse mit Enthusiasmus begleitet werden, wie sie dann mit vollen Truhen wieder heimkehren und allen Tand der großen Welt, den Hermelin und die seidenen Spitzen von sich werfen, mit den ersungenen Schätzen sich Wirths- und Posthäuser kaufen, ganz zufrieden, von ihren Bewunderern wieder vergessen und dafür tüchtige und wichtige Leute in Fügen zu werden, wie sie auch ihren Kindern keine „höhere“, sondern eine einfach bürgerliche Erziehung geben, so daß diese wieder ganz verzillerthalern und in der Familie selbst die Kenntniß der englischen Sprache, welche die alten Rainer alle mitgebracht, sich wieder verliert; wer dies Alles betrachtet und erwägt, der wird das ganze Vorkommniß ohne Zweifel ungewöhnlich finden und vielleicht wünschen, daß ein junger strebsamer Zillerthaler darübergehen und die Geschichte der fünf Geschwister – zwar nicht in fünf Bänden, aber doch in einem einzigen anmuthig beschreiben sollte. Bei tieferem Eindringen müßten sich wohl doch noch andere Quellen finden, als die von Mr. Ball verfaßte Lebensskizze. Es giebt schon noch bedeutendere Leute als die Rainer. Mit Bismarck, Moltke, Roon hätten sie sich wohl selbst nicht verglichen, aber im Zillerthale waren sie zu ihrer Zeit unbestritten die Ersten, und dort wird ihr Angedenken und ihr Ruhm auch immerdar unverwelklich blühen.

Die nächsten Nachfolger der Rainer waren die Geschwister Leo. Diese kamen im Jahre 1828 zu Weimar mit Goethe zusammen, der ihnen viele Freundschaft bezeigte und sie auf sein Schweizerlied: „Af’m Bergli bin i gesässe“, dessen Schweizerdeutsch allerdings etwas frankfurterisch klingt, aufmerksam machte. Sie übten es auf seinen Wunsch sogleich ein und sangen es dann aller Orten, wo sie hinkamen. Der Altmeister stellte ihnen auch ein sehr schönes Zeugniß unter seinem Siegel aus. Die Geschwister Leo brachten überhaupt ein ganzes Buch voll der ehrendsten Urkunden mit nach Hause. Es befindet sich jetzt zu Magdeburg bei Herrn Director Paulsieck, der die Fahrten der Leo beschreiben will. Auch die Rainer hatten sich, wie Herr Ball bemerkt, ein solches angelegt, doch habe ich nicht erfragen können, wo es jetzt zu finden sein möchte.