Textdaten
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Autor: Adolf und Karl Müller
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Titel: Originalgestalten der heimischen Vogelwelt. 4. Deutsche Hinterwäldler a. Waldschnepfe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[485]

Waldschnepfe.
Zeichnung von F. Specht.

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Originalgestalten der heimischen Vogelwelt.[1]

Thiercharakterzeichnungen von Adolf und Karl Müller.
4. Deutsche Hinterwäldler.
a. Waldschnepfe. (Mit Abbildung Seite 485.)

Die Jagd ist eine gute Schule für die Beobachtung des Lebens der Thiere, und wir verdanken diesen Sport die Entdeckung vieler verborgenen Züge. Bon unseren braven Hühnerhunden war es die leichtfüßige, gewandt schleichende Bella. die uns gar oft vor die Werkkammer der Schnepfe, dieses Waldvogels mit dem versteckten Wesen und Wandel, brachte. Bella überraschte manchmal die Schnepfe so sehr, daß diese sich mit gesträubten Federn, aufgerichtetem Schwanze, hängenden Flügeln und mit aufgesperrtem Schnabel zischend wie eine erboste Ente dem Hunde entgegenstellte. Gewöhnlich aber schlich sich der Hund, von der Schnepfe unbemerkt, an den Lagerplatz. Wir, denen an der Beobachtung des Wandels der geheimnißvollen Waldschwester viel gelegen war, nahten uns, wenn der Hund vorstand, mit der größten Behutsamkeit und forschten bald den Gegenstand unseres Interesses aus.

Da lag nun oft die Entdeckte, im Gefieder täuschend ähnlich dem Waldbodenlaube, wie ein todtes Wesen an der Erde, den Schnabel seitwärts nach dem Boden gedrückt, mit schlaff herabhängendem Kopfe. Das war die Lage der Ruhe. Oder der Vogel war dem Ernährungsgeschäfte, dem sogen. Bohren, so emsig hingegeben, daß er nichts zu hören und zu sehen schien.

Den langen Tastschnabel bei jedem wackeligen Schritte auf den Boden vorstoßend, macht die Schnepfe mit gekrümmtem Rücken und losem Federkleide lebhaft den Eindruck eines am Stabe sich bewegenden alten Weibchens. Dabei stechen die großen dunklen Augen des viereckigen Kopfes, der halb nickend, halb vorstoßend sich bewegt, hervor. Plötzlich biegt sich die obere Kinnlade zangenartig und der Schnabel schickt sich an, Blätter und Geniste des Waldbodens emsig und behende umzuwenden. So thut die Schnepfe, wenn sie Kerfen in jeder Form und Gewürm über dem Boden sucht. Doch nun senkt sich auf einmal das rührige Tastwerk tiefer und tiefer in die Erde, um sodann mit den Sehnen des Oberkiefers ein ruckweises Zittern zu beginnen. Dies scheucht hier und dort einen Regenwurm aus den Gängen empor, der, blitzschnell von den leuchtenden, wachen Augen der Schnepfe entdeckt, mit der lebendigen Greifzange gepackt und verschlungen wird. Doch gleich darauf bereitet das Thier uns noch einen viel merkwürdigeren Anblick seiner Ernährungsart. Tief bis zur äußersten Ecke der Mundspalte ist wieder der Schnabel in den Boden gebohrt, und der Vogel arbeitet mit sichtlicher Anstrengung in der Erde. Mit einem Mal fährt er rückwärts und schnellt den Schnabel mit solcher Heftigkeit heraus, daß das Thier sich förmlich überschlägt und auf den Rücken fällt. In dem Schnabel unter dem Bohrknopfe der oberen überstehenden Kinnlade zappelt ein Regenwurm, die Beute des Erdbohrens, die sogleich verschlungen wird.

Die merkwürdige Einrichtung dieses Tast- und Greifschnabels erweckte zuerst unsere Aufmerksamkeit, als wir an einigen geschossenen Schnepfen wiederholt sahen, daß sich die obere Kinnlade beim Todeskrampfe in einem starken Bogen nach oben krümmte. Der Schnabel besteht aus vielen großen langgestreckten Knochenzellen; von der Mitte an bis zur Spitze kann der Oberkiefer mittels eines starken Muskelpaares nach oben und das knopfartig übergreifende Ende etwas nach unten gebogen werden, so daß der ganze Schnabel in der oben beschriebenen Form einer Greifzange erscheint. Die Kinnladen führen viele feine Nerven, welche sich in der Schnabelhaut verzweigen und hierdurch den Schnabel zum vorzüglichen Tastwerkzeuge gestalten. Mit diesem untersucht, wie beschrieben, das Thier den moderigen Waldboden nach den Gängen und Kammern der Würmer und Kerfe, findet dieselben kraft eines seinen Gefühls und ergreift den gefundenen Gegenstand, so daß er hinter den vergreisenden Bohrknopf der Spitze des Oberschnabels zu liegen kommt. Nachdem die Muskelvorrichtung diesen sodann gewaltsam in dem weichen Boden gehoben und dadurch den Bohrgang erweitert hat, schnellt der Vogel sich mit um so größerer Kraft rückwärts, je tiefer im Erdreich er die Beute gepackt hat.

Aber wenden wir weiter unsere Blicke der eigentümlichen Leibesbildung des Vogels zu! Zuerst fällt die Gestaltung seines Kopfes auf. Das Auge hat eine ungewöhnlich hohe Stellung weit zurück am Hinterkopfe. Dies rührt von der sonderbaren Verschiebung des Kopfknochengerüstes her, infolge deren die Stirn sehr hoch erscheint und auch die Ohren nicht wie bei den übrigen Vögeln hinter den Augen, sondern dicht unter denselben stehen. Auch auf die Stellung des Genicks wirkt diese Verschiebung, indem [500] der Hinterkopf mit dem Halswirbelgerüste einen spitzen Winkel bildet, wonach die Richtung des Schnabels mehr nach unten als gerade aus geht. Ein so sonderbares, auffallendes Aussehen diese Einrichtung der Schnepfe verleiht, insofern der Schnabel beim Gang und Fluge senkrecht nach unten gerichtet ist, ein so großer Vortheil bei dem Ernährungsgeschäfte ist damit verbunden, denn der Vogel kann den Schnabel mit dem Hebel des Halses vermöge der senkrechten Stellung zum Boden um so leichter und nachhaltiger anwenden.

Einer eingehenden Beschreibung der Färbung bedarf es nicht. Es genügt, wenn wir uns die Zeichnung des Federkleides in seinen dunkelsten Stellen schwarz, in den mittelstarken und feineren Wellenformen mehr oder weniger dunkelbraun, in den helleren Schattirungen braun- und graugelb denken. Der in der Größe einer Haustaube gleichende Vogel erscheint wegen seines kurzen, von den Flügelspitzen fast ganz bedeckten Schwanzes kürzer, als er in Wirklichkeit ist, ein Umstand, der dem Vordertheile mit dem 7 cm langen Schnabel und dem großen, eckigen Kopfe noch mehr Auffallendes verleiht.

Und in Wahrheit, das Aeußere sowohl als das Betragen geben dem Vogel ein eigenthümliches Gepräge, das an Anziehungskraft noch gewinnt durch die Heimlichkeit und Abgeschiedenheit seines Lebens. „Hinterwäldler“ haben wir die Schnepfe benannt, und ein solcher ist sie in der That. In ihrem über fast ganz Europa, den hohen Norden ausgenommen, über Mittelasien und Nordafrika sich erstreckenden Verbreitungsgebiet erweist sie sich als echter Waldvogel. Die tiefen, einsamen Gebirgswaldungen in unserem Vaterlande zieht sie jedem anderen Aufenthalte vor. Hier ist sie das im dämmerigen Verstecke der Dickichte oder des Unterholzes vereinsamt ein geheimnißvolles Wesen treibende Thier, der unbestritten interessanteste Gegenstand der sogenannten niederen Jagd, ja für uns Weidmänner das anregendste Wildgeflügel. Sie eröffnet nach der Einförmigkeit des Winters den Reigen der Frühlingsjagd. Ein unbeschreiblich süßer Zauber überkommt den Jäger beim ersten Ruf der Singdrossel, die sich im Wehen der erwachenden Natur in den heimischen Forst geschwungen, oder bei den jauchzenden Rufen eines Kranichzuges hoch in den Lüften; denn mit den ersten Klängen dieser Frühlingsboten mischt sich die Erinnerung an den romantischen Reiz der Schnepfenjagd, und in der Brust jedes echten deutschen Jägers ertönt es lebhaft. „Oculi – da kommen sie!“

Die Kenntniß des Familienlebens unseres Vogels liegt noch sehr im Dunkel. Verbände der Jäger und der Forstmann mit seinem Jagdeifer gleichzeitig auch stets einen regen Trieb nach Erforschung des Lebens unserer Waldthiere, dann wäre schon das Dunkel mehr gelichtet. Offenbar ist es, daß die Schnepfe im Vergleich mit anderen nahestehenden Vögeln beim „Atzen“ ihrer Brut eigenartig genug verfährt. Sie füttert die zartbeflaumten Kleinen anfangs aus dem Schnabel, erst später wirft sie die Atzung den Jungen, wie der Storch und Reiher, vor. Ebenso eigentümlich weiß das Schnepfenpaar die Brut aus dem Bereiche drohender Gefahr zu entführen. Die unselbständigen Jungen trägt die alte Schnepfe fliegend im Schnabel davon, größere, aber noch nicht flügge Nachkommenschaft wird zwischen die „Ständer“ (Beine) geklemmt und so durch die Luft getragen. Dabei lassen die Alten durchdringende pfeifende Angstrufe hören, die man sonst nicht vernimmt.

Neuerdings begegnet man der Angabe, die Schnepfe verbände sich selbst zerschossene Gliedmaßen, besonders die Füße. Thatsächlich verhält sich die Sache aber, wie wir in unserem Werke „Thiere der Heimath“ näher ausgeführt haben, folgendermaßen: Der verletzte Vogel hebt den kranken Fuß und zieht ihn am Leibe unter die Bauchfedern ein oder legt sich ausruhend nieder, wobei der Fuß unter die Federn kommt. Diese kleben fest, der „Schweiß“ (das Blut) gerinnt und beim Aufstehen oder bei der Trennung des Fußes vom Leibe gehen die anklebenden Federn los und legen sich allmählich rund um die Umgebung der Wunde. Bei den leicht vorkommenden Anstößen schweißt die Wunde nach, und neue Wundfedern gesellen sich zu den alten, und zwar in verschiedener Lage, so daß eine Art Geflecht entsteht. Zur Bildung eines solchen natürlichen Verbandes ist gar keine Schnabelhilfe nöthig, es formt sich alles von selbst. Eine Baumlerche (Alauda arborea) und neuerdings ein Kanarienvogel, der das eine Bein gebrochen hatte, haben uns dies in der Gefangenschaft zur Genüge klar gemacht. Also zu einem geschickten Chirurgen können wir doch unsere Waldschnepfe nicht stempeln.

Die Schnepfe brütet in einer flachen Mulde frei im Bodenlaube des Waldes, ohne immer auf eine leichte Bedeckung durch Gestrüpp und Farnkraut Bedacht zu nehmen, so hingebend und fest, daß man sie fast berühren kann. Schon anfangs Juni sind die jungen Schnepfen flügge. Dann „streichen“ sie bis Ende Juli mit der Alten in der Morgen- und Abenddämmerung auf den Brutplätzen in Gebirgswaldungen umher, bei welchen Ausflügen die alten Männchen laut balzen. Diese Balzlaute – die wie „Pst – Quak“ klingen – kündigen eine zweite Brut an, aus welcher wahrscheinlich die thatsächlich in Menge vorkommenden kleineren und etwas abweichend von den größeren Exemplaren gefärbten, sogenannten „Dorn“- oder „Steinschnepfen“ hervorgehen. Die männlichen Schnepfen allein lassen diese Balzrufe in der Luft hören, während die Weibchen in der Regel still im Holze liegen und den vorbeistreichenden Männchen nur mit pfeifenden Lauten antworten, zuweilen aber auch fliegend, von den hitzigen Männchen verfolgt, zwitschernde Töne vernehmen lassen. Die in der Luft beim Striche vorfallenden Kämpfe – das sogenannte „Stechen“ – sind Raufereien der eifersüchtigen Männchen, die sich mit Schnäbeln und Zehen unter Pfeiflauten oft stark zusetzen, so daß die Federn stieben.

Es liegt ein romantischer Zauber in dem Jagen der Schnepfen im Frühjahr, und leidenschaftlich folgt der deutsche Jäger seinem erwachenden Jagdeifer in das rauschende Waldrevier, das von dem melodischen Rufen der heimgekehrten Drosseln und dem glöckchenhellen Liede des Rothkehlchens erschallt.



  1. Vergl. „Gartenlaube“ 1890, Halbheft 8.