Zur Jubelfeier der Buchdruckerkunst

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Autor: Eduard Grosse
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Titel: Zur Jubelfeier der Buchdruckerkunst
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 492–499
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Zur Jubelfeier der Buchdruckerkunst.
Von Eduard Grosse.



Zum zweiten Male in diesen, Jahrhundert begehen wir eine Feier, welche die Theilnahme aller Gebildeten finden wird, denn sie berührt nicht nur die Angehörigen eines Landes oder Standes, sondern sie berührt die gesammte Menschheit.


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Abbildung 1. Holztafeldruck


Diese Feier gilt der Buchdruckerkunst, deren Erfindungsjahr man etwas willkürlich auf das Jahr 1440 festgesetzt, die hiernach gerechnet also 450 Jahre im Dienste der Menschheit gestanden und segensreich gewirkt hat. Es dürfte überflüssig sein, die Wohlthaten aufzuzählen, welche wir der Erfindung Gutenbergs verdanken. Jedermann weiß, daß dieselbe sofort im Dienste der Wissenschaft, Kultur und Aufklärung stand, daß sie in diesem Dienste groß ward und mächtig auf die geistige Entwicklung der Menschheit einwirkte. Ihr verdanken wir zum großen Theil unsere geistigen und gesellschaftlichen Freiheiten, den hohen Stand unserer Wissenschaften, die Blüthe unseres Industrie- und Gewerbelebens.

Die früheren Jubelfeste, die schon in den Jahren 1740 und 1840 gefeiert wurden, waren leider noch von wenig erbaulichen Streitigkeiten über den zeitlichen Vorrang der Erfindung umschwirrt, was heute und in Zukunft nicht mehr der Fall sein kann.


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Abbildung 2. Aus der Heidelberger Liederhandschrift.


Andere Nationen machten der deutschen die Ehre streitig, den Erfinder der Buchdruckerkunst zu den Ihren zählen, ihn das Kind ihres Landes nennen zu dürfen. So wurden nach und neben einander der Holländer Koster, der Italiener Castaldi und Kuttenberg der Böhme von ihren Landsleuten als Erfinder hingestellt. Dem vermeintlichen Erfinder Koster errichteten die Holländer sogar zwei öffentliche Denkmäler und begingen zu dessen Ehre im Jahre 1821 eine Gedenkfeier. Gegen diese Entstellung der geschichtlichen Wahrheit erhoben sich aber deutsche Gelehrte, und der Federkrieg ward mit den schärfsten Waffen geführt. Alle erreichbaren Urkunden wurden hervorgesucht, von leichtfertigen Männern Urkunden gefälscht, von der ehrlichen Partei die Fälschungen mit Aufwand großen Scharfsinns wieder nachgewiesen, und endlich. nach jahrelangem Ringen, ward der guten deutschen Sache ein glänzender Sieg erfochten. Nicht wenig förderte diesen Sieg ein holländischer Geschichtschreiber selbst, Dr. A. v. d. Linde, welcher mit offener Unparteilichkeit prüfte und schließlich das mit Fälschungswust umhüllte Märchen vom Erfinder Koster, Castaldi und auch vom böhmischen Kuttenberg dahin verwies, wohin es gehört, in die Welt der Hirngespinste. Doch nicht nur die Ausländer, sondern auch die Deutschen trugen möglichst zur Verwirrung der geschichtlichen Thatsachen bei. Gutenberg selbst hat sich bekanntlich auf keinem seiner Druckerzeugnisse als Erfinder der Buchdruckerkunst oder als Drucker eines Buches genannt. Dieses fast unbegreifliche Schweigen kam den Fälschern ungemein zu statten, da es aus diese Weise leicht war, dem rechtmäßigen Erfinder seinen Ruhm zu entreißen und den Ehrenkranz einem andern zuzuerkennen. Den ersten dahingehenden Versuch machte bereits ein Enkel des Gutenbergschen Geschäftstheilhabers Fust, welcher im Jahre 1509 behauptete, sein Großvater Johann Fust sei der eigentliche Erfinder der Buchdruckerkunst. Diese Lüge ging nicht nur in andere Schriften über, sondern sie reizte auch den Straßburger Drucker Johann Schott, seinen Großvater Mentel, welcher einer der ältesten Buchdrucker gewesen ist, gleichfalls als Erfinder hinzustellen. Hieraus entwickelte sich die Sage, Mentels Diener Gensfleisch sei nach Mainz entflohen und habe dort die Mentelsche Erfindung im Verein mit Gutenberg ausgebeutet.

Aus Grund dieses Mentelschen Märchens entstand ein Streit über den Vorrang zwischen den Städten Straßburg und Mainz. Den Pseudoerfinder Mentel mußten die Straßburger allerdings aufgeben, dafür suchten sie sich jedoch zu entschädigen, indem sie Ansprüche auf Gutenberg geltend machten. Dieser scheint seine Jugendjahre tatsächlich in Straßburg verlebt zu haben, vielleicht wurde er sogar da geboren, wie einige Forscher nicht abgeneigt sind, anzunehmen. Wahrscheinlich hat er in Straßburg auch schon den Gedanken seiner Erfindung gefaßt, vielleicht schon die ersten Versuche unternommen. Ob jedoch die Erfindung dort zur Reife gediehen, ist zweifelhaft.

Eine Thatsache steht aus jeden Fall unerschütterlich fest, nämlich die, daß Gutenberg und kein anderer der Erfinder der [493] Buchdruckerkunst ist. Dies wird von vielen seiner Zeitgenossen sowohl von Deutschen wie auch Italienern und Franzosen einstimmig bestätigt; ebenso, daß die Buchdruckerkunst in Mainz erfunden würde. Alle Versuche, die Erfinderehre einem andern zuzuerkennen, haben nur zur schärferen Prüfung des Urkundenmaterials und dadurch zur unanfechtbaren Anerkennung Gutenbergs geführt.


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Abbildung 3. Anfang der 42zeiligen Bibel


Niemand wird in Zukunft mehr wagen, ihm und seinem Volke die Ehre der Erfindung streitig zu machen. Wenn als Erfindungsjahr 1440, angegeben wird, so geschieht das, wie schon angedeutet, mit einer gewissen Willkür. Die Erfindung Gutenbergs lag nicht in einem Monate, auch nicht in einem Jahre fertig vor, sondern sie erforderte zu ihrem allseitigen Ausbau eine ganze Reihe von Jahren, und man wäre demnach ebenso berechtigt, jedes andere Jahr zwischen 1440 und 1450 als Erfindungsjahr anzugeben. Thatsache ist, daß die Erfindung im Laufe dieser zehn Jahre vollendet wurde. Wie dies geschah, mit welchen Hindernissen, welchen Anstrengungen, welcher peinlichen Geldnoth Gutenberg zu kämpfen hatte, müssen wir aus den Umständen mehr errathen, als daß uns urkundliche Aufklärung würde. Es ist eine eigenthümliche Ironie des Schicksals, daß der Mann, welcher Papier und Pergament mit Hilfe des Bleibuchstabens mittheilsam machte, welcher das tausendzüngige Mittel des Weltverkehrs schuf, von tiefem Schweigen umhüllt in das Grab sank, über seine Erfindung, seine Riesenleistung selbst keinen aufklärenden Buchstaben hinterließ und der Nachwelt als ein verschleiertes Bild erscheint, umhüllt vom Nebel vierhundertjähriger Zeitferne. Doch daß er den Kampf aller Erfinder gegen die Mißgunst der Verhältnisse geführt, daß er ein sorgenschweres Leben durchmessen hat, ist ziemlich zweifellos. Er war der Vater eines großen Gedankens, der ihm zum Schmerzenskinde wurde, ihn unablässig verfolgte und zur That trieb, zur That, die ihm wohl Unsterblichkeit sicherte, ihm während seiner Lebenszeit jedoch auch manche sorgenvolle Stunde bereitete.

Ueber die eigentliche Erfindung Gutenbergs sind noch vielfach irrige Meinungen verbreitet. Er erfand nicht die Kunst des Buchdrucks, der mechanischen Schriftvervielfältigung überhaupt, sondern er erfand nur eine brauchbare, vollkommene Art dieser Vervielfältigung. Bücher und Bilder wurden schon lange vor Gutenberg gedruckt, doch nur von Holzplatten und ohne Anwendung einer geeigneten Presse. Gutenberg vervollkommnete die Technik, indem er erstens bewegliche, zusammensetzbare Lettern erfand und zweitens eine Presse, mit deren Hilfe schneller und schöner gedruckt werden konnte als mit Anwendung des alten Reibverfahrens.

Der Holztafeldruck, von dem Abbildung 1 eine Probe zeigt, bot nur ein sehr beschränktes Hilfsmittel, und umfangreiche Bücher mußten durch Abschreiben vervielfältigt werden. Diese mühsame Art der Vervielfältigung genügte wohl in der frühesten Zeit des Mittelalters, als die Nachfrage nach Büchern weniger stark war, aber sie genügte nicht mehr, als mit Anbruch des humanistischen Zeitalters ein neuer Geist durch das wissenschaftliche Leben fluthete. Das jung Geschlecht verlangte nach Belehrung, nach billigen, guten Büchern. Ein praktisches Vervielfältigungsverfahren war Bedürfniß geworden, die Erfindung desselben wurde vom Zeitgeist gefordert, und es fehlte nur noch der Mann, welcher technischen Scharfsinn mit glücklicher Erfindergabe vereinigte, um die Forderung zu erfüllen.

Dieser Mann erstand in Gutenberg. Der Grundgedanke, den er zur Ausführung brachte, lag ziemlich nahe. Neben dem Holztafeldruck war nämlich auch der Stempeldruck bekannt; man schnitt auch schon einzelne Zeilen in Holz und druckte diese als Ueberschriften; ferner ist nachgewiesen, daß die Schönschreiber einzelne Anfangsbuchstaben in die Handschriften eindruckten und dann ausmalten, ja, daß sogar gewöhnliche Schrift

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Johannes Gutenberg.
Aus „Waldow, Encyklopädie der graphischen Künste.“


mit Buchstabenstempeln gedruckt wurde Der Schritt vom Stempeldruck zum beweglichen Typensatz war kein großer, ein flüchtiger Gedankenblitz konnte dahin führen. Es war nur nöthig, die Buchstabenstempel, welche vorher einzeln gebraucht wurden, zu einem Wort, zu Zeilen, endlich zu ganzen Seiten zusammenzusetzen und dann auf einmal abzudrucken. Damit war jedoch die Buchdruckerkunst noch nicht vollständig erfunden. Im Gegenteil, die technische Ausarbeitung der Erfindung mußte erst beginnen, und diese Aufgabe, vor welcher der Erfinder jetzt stand, war viel schwieriger, als man gewöhnlich annimmt.

Die ersten Versuche mit roh zugesägten Stempeln und Holztypen hatten nur den Zweck, Gutenbergs Glauben an die Durchführbarkeit seines Gedankens zu stärken. Vollendete Druckarbeiten konnte er damit unmöglich ausführen. Wahrscheinlich ist er auch schon nach den ersten Versuchen von den Holztypen abgegangen und hat zu dem beständigeren, zweckmäßigeren Metall gegriffen. Gewiß ist, daß schon die ersten Bücher mit Metalltypen gedruckt sind.


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Abbildung 4. Das älteste Bild der Buchdruckerei.


Das Holz eignet sich überhaupt nicht zum Typendruck; es ist zu sehr der Veränderung durch Feuchtigkeit und Wärme unterworfen und verzieht sich leicht.

Außerdem hätten Holztypen ungeheure Herstellungskosten verursacht. Beim Satz der 36zeiligen Bibel waren z. B. zu einer Seite ungefähr 1800 Typen erforderlich, zu zwei Seiten 3600 bis 4000, darunter einige hundert kleine a. Wollte Gutenberg nur zwei Seiten auf einmal drucken, so brauchte er also schon einige hundert a, zu weiteren zwei Seiten, welche sich während des Druckens im Satz befanden, ebensoviel.

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Abbildung 6. Aus der 36zeiligen Bibel


Nun wird man einen Mann, welcher genügend technischen Scharfsinn besaß, um die Buchdruckerkunst zu erfinden, gewiß nicht für so einsichtslos halten, daß er die vielen hundert a alle einzeln geschnitten habe. Man wird annehmen dürfen, daß er einige a als Modell geschnitten und die anderen hiernach in Formen gegossen habe. Ferner würde es wohl auch kaum möglich sein, Holztypen von der peinlichen Gleichmäßigkeit anzufertigen, welche unbedingt nöthig ist, wenn der Satz ebenmäßig und in geraden Zeilen auslaufen soll.

Diese peinliche Gleichmäßigkeit der Typen war wohl die Hauptschwierigkeit, welche Gutenberg zu überwinden hatte und nach unendlichen Mühen auch überwand. Nur dann, wenn die Typenkegel mit geometrischer Genauigkeit zu einander stehen, ist es möglich, mit ihnen ganze Seiten gleichmäßig zu setzen. ferner erfand


Gutenberg die Druckerpresse, welche allerdings anfänglich ziemlich einfach gebaut war, wie Abbildung 4 und 5 erkennen lassen; sodann die Druckerschwärze und alle Hilfswerkzeuge. welche zur Ausübung des Setzens und Druckens dienen. Dabei arbeitete er seine Erfindung zu einer technischen Vollkommenheit aus, die in Erstaunen setzt.

Die Schrift, nach der Gutenberg seine Bibeltypen schnitt, war die sorgfältige Schönschrift des Mittelalters. welche besonders beim Schreiben von Missalen oder Meßbüchern angewendet wurde. Dabei kam Gutenberg die Form der mittelalterlichen Schrift sehr zu statten, welche sich zur typographischen Nachbildung bedeutend bester eignete als unsere jetzige Schreibschrift, wie der Faksimiledruck Abb. 2 eines Gedichtes Walters von der Vogelweide aus der Pariser, jetzt Heidelberger Liederhandschrift erkennen läßt, deren Buchstaben ziemlich senkrecht stehen. In den sorgsamer geschriebenen Missalen sowie auf Tafeldrucken wurde die Schrift noch schöner und gleichmäßiger ausgeführt, sodaß Gutenberg sie fast so benützen konnte, wie er sie geschrieben vorfand. Unser Faksimile eines Tafeldruckes (Abb. 1) zeigt denselben Schriftcharakter wie die Gutenbergschen Bibeldrucke. Mit der Schrift nahm er auch die farbige Rand- und Initialverzierung aus den Schönschriften mit in den Buchdruck herüber, welche anfangs noch durch Handmalerei, später dagegen durch Mehrfarbendruck hergestellt wurde. --

Man weiß über die Lebensgeschichte des Erfinders so wenig, daß man nicht einmal sein Geburtsjahr angeben kann. Auch über seine Kindheit und seine Jünglingsjahre ist nichts bekannt. Eine willkürliche Annahme verlegt seine Geburt in die Jahre 1396 oder 1398, doch fehlt dafür jeder geschichtliche Beweis. Die erste Nachricht über Johann Gutenberg erhalten wir 1430, in welchem Jahre seine Mutter eine Erbschaft für ihn ordnete, wahrscheinlich auf Grund einer Vollmacht Gutenbergs, der sich außer Landes befand, da er in Parteikämpfe verwickelt gewesen war und Mainz flüchtig verlassen hatte.

Das Mainzer Patriziergeschlecht der Gensfleisch, dem Gutenberg entstammt, gehörte zu den geldprägenden Münzgenossen der Stadt Mainz. Gutenbergs Großvater war Bürgermeister gewesen, sein Vater wird 1410 in den Einnahme- und Ausgabebüchern als Rechnenmeister genannt, scheint sich jedoch mit der Bürgerpartei verfeindet zu haben und befand sich mit fernen Verwandten 1420 an der Spitze der Patrizier, welche der Bürgerpartei im offenen Kampfe gegenüberstanden. Die Patrizier [495] unterlagen und wurden gezwungen, die Stadt zu verlassen, mit ihnen auch die Familie Gutenberg. Im Jahre 1430 erhielt Johann Gutenberg die Erlaubniß zur Rückkehr, scheint davon aber keinen Gebrauch gemacht zu haben, denn 1434 befand er sich in Straßburg, verwickelt in einen Prozeß gegen seine Vaterstadt. Diese hatte die Verpflichtung, an Gutenberg eine jährliche Rente zu zahlen, kam ihrer Verpflichtung jedoch nicht nach, weshalb jener klagbar wurde.

Bereits um diese Zeit muß sich Gutenberg mit technischen Arbeiten beschäftigt haben und ein angesehener Künstler und Erfinder gewesen sein, dessen Kenntnisse von seinen Mitbürgern geschätzt waren. So viel geht wenigstens aus den Straßburger Prozeßakten hervor, welche 1740 aufgefunden und 1760 veröffentlicht wurden, leider aber 1870 bei der Beschießung Straßburgs zu Grunde gingen. Der Inhalt des am 12. Dezember 1439 entschiedenen Prozesses bezieht sich auf einen Rechtsstreit, welchen die Brüder Klaus und Georg Dritzehn als Erben ihres verstorbenen Bruders Andreas Dritzehn gegen Gutenberg angestrengt hatten.

Angenommen, daß der Johann Gutenberg des Straßburger Prozesses derselbe ist, welcher die Buchdruckerkunst erfand, so läßt sich doch aus den Akten kein sicherer Schluß darauf ziehen, daß die „Kunst und Afentur“ (Künste und Unternehmungen), um welche der Prozeß sich dreht, wirklich mit der Buchdruckerkunst zusammenhängen, da die Beteiligten während der Verhandlungen offenbar bestrebt waren, das geschäftliche Geheimniß nicht zu verraten. Doch kommen in den Zeugenaussagen Worte wie „Blei“, „Drucken“, „Presse“ und „Form“ vor, woraus einzelne Forscher schließen , daß man es mit typographischen Arbeiten zu thun habe, während andere dieser Annahme widersprechen und überhaupt die Echtheit der Gerichtsakten anfechten. Wahrscheinlich wird die ganze Sache nie aufgeklärt werden, besonders da die Akten selbst seit 1870 nicht mehr vorhanden sind, fernere Prüfungen derselben auf ihre Echtheit also nicht stattfinden können.

Von 1439 an verstummen die Nachrichten über Gutenbergs Tätigkeit eine Zeitlang gänzlich. Was über seinen Aufenthalt ferner Auskunft giebt, sind nur noch Aktenstücke, die sich aus Geldangelegenheiten beziehen; so eine Urkunde von 1441, in welcher Gutenberg als Mitbürge für eine verlauste Rente genannt ist; dann eine Urkunde von 1442, aus welcher hervorgeht, daß Gutenberg gegen ein Darlehn von 80 Pfund Straßburger Pfennigen seine jährliche Rente von 10 Gulden verpfändete.

Im Jahre 1448 tritt Gutenberg wieder in Mainz auf. Am 6. Oktober 1448 erhält er von Reinhard Brömser v. Rüdesheim und Henne v. Rodenstein wieder ein Darlehn von 150 Gulden, für welches ein Verwandter von ihm Bürgschaft leistet. Dieses öftere Aufnehmen von Darlehen könnte wohl beweisen, daß der von Haus aus begüterte Gutenberg inmitten seiner Erfinderthätigkeit stand, die Geldsummen wahrscheinlich für technische Versuche verausgabte und vielleicht schon sein ererbtes Vermögen zu demselben Zweck geopfert hatte. Dies wird auch von alten Schriftstellern bestätigt. So erzählt z. B. der Graf v. Zimmern in der Chronik über die Mainzer Erzbischöfe: „Unter der Regierung dieses Erzbischofs (1435 bis 1459) war die edele Buchdruckerkunst zu Mainz in der Stadt erfunden durch einen habehaften reichen Bürger daselbst, Hannes Gudenberger genannt, der alle seine Güter und sein Vermögen darauf verwenden that, bis er es zu wegen bracht.“

Ohne Zweifel wird um jene Zeit, d. h. um 1448 bis 1450, Gutenbergs Erfindung in den Haupttheilen bereits ausgebildet vorgelegen und greifbare Ergebnisse geliefert haben, denn nur so ist es erklärlich, daß der Erfinder einen Geldmann zu gewinnen vermochte, welcher ihm ein für jene Zeit sehr bedeutendes Kapital zur Verfügung stellte. Dieser Geldmann war der Mainzer Bürger Johann Fust, angeblich ein Goldschmied.

Mit ihm schloß Gutenberg 1.450 einen Vertrag, nach welchem sich Fust verpflichtete, gegen 6% Zinsen 800 Gulden zur Herstellung der Typen, der Pressen und des Werkzeuges herzuleihen, sowie ferner jährlich noch 300 Gulden für Lohn, Miethe etc. zu zahlen, wogegen er Miteigentümer aller hergestellten Drucksachen war. Als Deckung für sein Kapital erhielt er die Typen und Werkzeuge zum Pfand. Der Vertrag wurde am 22. August 1450 geschlossen; mit diesem Tage beginnt also die praktische Ausübung der Buchdruckkunst und damit deren eigentliche Geschichte.

Jahre mögen vergangen sein, bevor Gutenberg mit seinen Gehilfen die vielen Bleitypen und all die anderen Hilfsmittel in derjenigen Vollkommenheit hergestellt hatte, welche sie zeigen mußten, um so vollendet schöne Druckwerke damit hervorbringen zu können, wie die Gutenbergbibeln sind, besonders die 42-zeilige. Auch können die 800 Goldgulden nicht entfernt zur Beschaffung der Werkzeuge genügt haben, denn wir wissen von Zeitgenossen, daß schon damals Buchdruckereieinrichtungen sehr kostspielig waren. In der That schoß Fust schon nach zwei Jahren zu der ersten Summe weitere 800 Gulden vor, unterließ es dagegen, jährlich die vertragsmäßig festgesetzte Summe von 300 Gulden zu zahlen.

Nachdem das Werkzeug fertiggestellt war, begann der Druck des ersten Buches. Man nimmt an, daß dies ein Donat, d. h. eine lateinische Grammatik, gewesen sei, was nicht unwahrscheinlich ist, da der Erfinder gewiß einen geringwertigen Druck als Gegenstand des ersten Versuchs auswählte. Ob er diesen Donat jedoch mit Fust zusammen druckte, ob vielleicht schon vor seiner Verbindung mit Fust, ist unbestimmt. Dagegen ist gewiß, daß er mit Fust den Druck einer Bibel begann, des ersten nachweislichen Druckwerkes. „Und im Jahre unseres Herrn, da man schrieb 1450, welches ein goldenes Jahr war, begann man zu drucken, und das erste Buch, welches man druckte, war die lateinische Bibel, und sie ward mit einer groben Schrift gedruckt wie die, mit welcher man jetzt Meßbücher druckt;“ so erzählt die im Jahre 1499 gedruckte Chronik der Stadt Köln, so bestätigen auch andere gleichzeitige Nachrichten.

Nun kennt man jedoch zwei Bibeln, deren Druck man Gutenberg zuschreiben könnte. Das thun auch einige Forscher, während andere annehmen, daß nur die eine, die sogenannte 42zeilige Bibel, von Gutenberg gedruckt sei, dagegen die andere, die 36zeilige, von seinem ehemaligen Gehilfen Pfister, welcher sich in Bamberg als selbständiger Drucker niedergelassen hatte. Keine der beiden Bibeln enthält eine Angabe des Druckers oder des Druckjahres, und man kann daher nur von der Schrifteigenthümlichkeit und anderen Umständen auf ihre Urheber schließen. Die 42zeilige Bibel wird fast einstimmig Gutenberg zugeschrieben. Dagegen ist über den Urheber der 36zeiligen (vgl. Abbildung 6) viel gestritten worden, doch neigen die neuesten Forscher bereits der Ansicht zu, daß dieselbe, als die ältere der beiden Bibeln, gleichfalls aus der Werkstatt Gutenbergs hervorgegangen sei.

Die von Gutenberg und dem Geldmann Fust gedruckte 42zeilige Bibel (Abbildung 3) gilt als Meisterstuck vollendeter Druckkunst und liefert den Beweis, daß die Buchdruckerkunst sofort in mustergültiger Reife und Abrundung vor die Welt trat.[1] Die Bibel sollte auf Pergament gedruckt werden, daneben wurden jedoch auch Papierexemplare mit hergestellt, denn solche finden sich 21 unter den noch vorhandenen 30 Gutenbergbibeln. Nach zeitgenössischen Aussagen druckten Gutenberg und Fust täglich 300 Bogen, wahrscheinlich die Höhe einer Auflage. Da nun um jene Zeit von gutem Papier, auf welches die Bibel gedruckt ist, das Ries 6 Pfund 8 Schillinge kostete, so würde zur Bibel bei 300 Exemplaren Auflage allein für 1200 Gulden Papier nötig gewesen sein. Unmöglich konnten die Druckausgaben von dem Fustschen Gelde mit bestritten werden, und man kann daher nur annehmen, daß Gutenberg die Pergament- und Druckkosten zum großen Theile selbst getragen habe. Auf jeden Fall wuchsen die Ausgaben im Laufe der Zeit zu bedenklicher Höhe an, ohne daß irgendwelche geschäftliche Einnahme erzielt wurde.

Fust als rechnender Geschäftsmann mochte daher wohl mißtrauisch gegen Gutenbergs Erfindung werden und das ganze Unternehmen bedenklich finden. Er hatte sich ohne Zweifel nur daran betheiligt, um Geld zu verdienen, und jetzt hatte er bereits 1000 Gulden in das Geschäft gesteckt, ohne Hoffnung auf baldige Einnahmen zu haben, ohne nur Zinsen für das Kapital zu erhalten. Fünf Jahre lang hatte Gutenberg mit seinen Gehilfen gearbeitet, und noch war kein Exemplar der Bibel fertiggestellt.

Endlich wurde Fust ungeduldig, verlangte sein Kapital mit dazu berechneten Zinsen und Zinseszinsen in Höhe von 2020 Gulden [498] zurück und strengte im November 1455 gegen Gutenberg gerichtliche Klage an. Dieser wendete gegen Fusts Klage ein, daß die Zinszahlung wohl im schriftlichen Vertrage festgesetzt, ihm später aber durch mündliches Besprechen von Fast erlassen worden sei. und daß letzterer überdies den Vertrag selbst schon gebrochen, da er ihm die ausbedungenen 300 Gulden jährlich nicht gezahlt habe. Der Prozeß endete schließlich damit, daß Fust wohl mit seiner Forderung der Zinsen abgewiesen, Gutenberg aber verurtheilt wurde, Rechnung abzulegen und das Kapital zurückzuzahlen.

Was nun weiter geschehen ist, berichtet das „Helmaspergersche Instrument“, welches die Einzelheiten des Prozesses enthält, nicht mehr. Man nimmt an, daß Fust von seinem Pfandrechte Gebrauch gemacht und die verpfändete Buchdruckerei an sich genommen habe. Ob er jedoch auch den theilweise fertigen Bibeldruck mit pfänden konnte, oder ob er sich vielleicht mit Gutenberg hierüber gütlich geeinigt hat, ist mindestens sehr zweifelhaft. So viel steht fest, daß Fust mit dem Gutenbergscheu Gehilfen Peter Schöffer, den er als technischen Leiter weiter beibehielt, die Buchdruckerei weiterführte, das angefangene Bibelwerk beendete und das Geschäft im Laufe der Zeit mit großem Glück und Geschick vergrößerte und zum bedeutendsten seiner Zeit erhob. Peter Schöffer erwies sich sowohl als tüchtiger Buchdrucker, wie auch als begabter Zeichner und gewandter Schriftschneider.


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Abbildung 7. Aus der Mentelschen Bibel.


Gutenberg hatte die Typen noch in Bleimatrizen gegossen, Schöffer dagegen führte im Jahre 1459, eine Verbesserung ein. Er schnitt oder stach die Buchstaben auf Stahlstempel, schlug diese vertieft in Kupferplatten und goß die Typen in diese Kupfermatrizen ab, wodurch ein schärferes Schriftbild entstand. Fust erkannte bald, weiche technische Kraft er an Schöffer besaß, und um ihn ganz an sein Geschäft zu fesseln, nahm er ihn als Theilhaber auf und gab ihm seine Tochter zur Frau.

Aus der Fust-Schöfferschen Druckerei ging im Jahre 1457 das „Psalterium“ hervor, ein Druckwerk von seltener Vollendung und Schönheit, in welchem zuerst der Mehrfarbendruck angewendet wurde. Denn in den Bibeldrucken waren die farbigen Anfangsbuchstaben und Verzierungen noch mit der Hand gemalt. Außerdem ist das Psalterium noch insofern merkwürdig, als es das erste Druckwerk ist, welches die Angabe des Druckers und Druckjahres enthält. Der Schluß desselben lautet in deutscher Uebersetzung.

„Vorliegendes Buch, der Psalmen, durch die Schönheit der Hauptbuchstaben geschmückt und mit unterscheidenden Rubriken hinlänglich versehen, ist durch die kunstreiche Erfindung des Druckens und der Buchstabenerzeugung ohne Feder so ausgeführt und zur Ehre Gottes mit Fleiß zustande gebracht worden durch Johann Fust, Bürger zu Mainz, und Peter Schöffer aus Gernsheim im Jahre des Herrn 1457, am Vorabende des Mariä- Himmelfahrtstages.“ -

Ueber Gutenbergs weitere Schicksale finden sich in den nächsten Jahren keine urkundlichen Nachrichten vor. Es ist möglich, daß er Mainz verließ und sich wieder nach Straßburg wendete, vielleicht daß er auch durch Versprechungen des Straßburger Bürgers Johann Mentel dahin gezogen wurde, um diesem eine Druckerei einzurichten. Mentel that sich später als unternehmender Buchdrucker hervor und machte Fust empfindliche Konkurrenz. Er war auch der erste, welcher eine vollständig ausgebildete Antiquaschrift in den Buchdruck einführte. Mit dieser druckte er seine Bibel von 1463, von welcher Abbildung 7 eine Probe zeigt.

Gutenberg scheint sich bald wieder nach Mainz gewendet zu haben, wo er eine neue Buchdruckerei einrichtete und mehrere Jahre betrieb. Das hierzu nöthige Geld soll ihm ein vermögender Mainzer, Dr. Konrad Humery, gegen Sicherstellung durch die Schriften und Pressen vorgeschossen haben. Aus dieser Druckerei ging neben mehreren kleinen Drucken 1460 ein Riesenwerk hervor, das „Katholicon“, ein damals beliebtes, eigenartiges grammatikalisches Wörterbuch, man könnte sagen ein Konversationslexikon des Mittelalters, verfaßt von Johannes Balbus aus Genua. Dieses Werk umfaßt zwei Bände groß Folio, 373 Blätter, von denen jedes zweispaltig mit kleiner Schrift gedruckt ist. Am Ende ist gleichfalls ein Schlußwort angefügt, ähnlich wie bei Schöffers Psalter, jedoch ohne Nennung des Druckers; es lautet auf deutsch:

„Unter dem Beistand des Allerhöchsten, aus dessen Wink die Zungen der Kinder beredt werden, und der oft den Kleinen offenbart, was er den Weisen verbirgt, ist dieses treffliche Buch Katholicon im Jahre der Menschenwerdung des Herren 1460 in der guten Stadt Mainz, angehörig dem ruhmreichen deutschen Volke, welches die Gnade Gottes mit so hohem Geisteslichte und freiem Gnadengeschenk den andern Völkern vorzuziehen und berühmt zu machen für würdig gehalten hat, nicht vermittelst des Rohrs, Griffels oder der Feder, sondern durch der Formen wundervolles Zusammenpassen, Verhältniß und Ebenmaß der Patronen gedruckt und vollendet worden.“

Einige Jahre nach der Herausgabe des Katholicon kam über Mainz eine böse Zeit der Verwüstung. Zwischen Adolf von Nassau und Erzbischof Diether brach offener Kampf aus, ersterer besiegte letzteren, erstürmte am 28. Oktober 1462 die Stadt Mainz und ließ sie durch seine Scharen plündern. In diesem Kriegstrubel wurde die Fust-Schöffersche Druckerei zerstört und konnte erst nach zwei Jahren wieder in Betrieb gesetzt werden. Die arbeitslosen Gehilfen wanderten zum Theil aus und trugen die neue Kunst in alle Länder. Die Gutenbergsche Druckerei dagegen blieb so ziemlich verschont. Dennoch verließ Gutenberg Mainz und siedelte nach Eltville über, der Residenz des neuen Erzbischofs Adolfs von Nassau. Dieser ernannte Gutenberg 1465 „für die ihm und seinem Stift geleisteten willigen Dienste“ zum Hofdienstmann und schützte ihn durch die karge Besoldung von 20 Maltern Korn, zwei Fudern Wein und jährlich einem neuen Kleid vor den äußersten Nahrungssorgen. Welcher Art die Dienste gewesen sind, die Gutenberg dem Erzbischof geleistet hat, wissen wir nicht, doch scheint sich die Belohnung keineswegs aus die Erfindung der Buchdruckerkunst zu beziehen, sondern aus persönliche Dienstleistungen.

Nun war auch die irdische Pilgerzeit des vielgeprüften, rastlosen Erfinders bald abgelaufen. Ein letztes Schriftstück vom 24. Februar 1468 enthält die Erklärung, daß der Erzbischof den Dr. Konrad Humery im Besitz der Druckerei des verstorbenen Johann Gutenberg gelassen habe. Auf Grund dieser Urkunde nimmt man 1468 als das Todesjahr Gutenbergs an, allerdings wieder mit dem Vorbehalt, daß die fragliche Urkunde echt ist. Die Ueberlieferung erzählt ferner, daß Gutenberg in seinen letzten Lebensjahren infolge der Ueberanstrengung seiner Augen erblindet gewesen sei; doch ist auch diese Nachricht nicht erwiesen.

Im ganzen schwebt das Bild des Mannes, dem die Welt eine der größten Erfindungen verdankt, in nebelhafter Ferne. Hätte er seinen Namen auf einem Druckwerke genannt, so wäre aller Streit und aller Zweifel gehoben. Warum er dies nicht that, ist und bleibt eins der großen Räthsel, die den merkwürdigen Mann in seinem ganzen Thun umgeben. Man hat nach Erklärungen für sein räthselhaftes Schweigen gesucht und glaubt annehmen zu können, daß er sich deshalb nicht als Drucker und Verleger nannte, weil er tief verschuldet war und seinen Gläubigern durch Namensnennung keine Handhabe zu Pfändungen bieten wollte. Ist diese Annahme richtig, so hat Gutenberg allerdings eines der herbsten Erfinderlose gezogen. Nachdem er sein Vermögen dem großen Gedanken geopfert hatte, um ihn zur That zu machen durfte er sich nicht einmal als Vater dieser That, nicht einmal als Schöpfer eines Druckwerkes und als Erfinder der vielgepriesenen Buchdruckerkunst nennen. Seine Nachahmer sonnten sich in den Erfolgen, welche dem Meister gebührten, und er, der verschuldete, von seinen Gläubigern verfolgte Gutenberg, mußte seinen eigenen Namen verleugnen, mußte den Aufdruck desselben auf seine Druckwerke unterlassen, um diese nicht als Pfandgut an die Gläubiger ausliefern zu müssen! Und dabei pries ihn sein Zeitgenosse Wimpheling als den „glücklichen Johannes, durch dessen Erfindung Deutschland in allen Ländern Preis und Lob erntet!“ -

Die Erstürmung von Mainz durch Adolf von Nassau hatte, wie oben schon gesagt, die Zerstreuung der dortigen Druckergehilfen zur Folge. Gewaltsam aus der Stadt vertrieben, [494] fühlten sich diese zugleich ihres Eides der Verschwiegenheit entbunden, und ohne Rücksicht auf ihre früheren Arbeitgeber unternahmen sie in allen Ländern, wohin sie das Schicksal geworfen hatte, die Gründung von Buchdruckereien. So verbreitete sich die junge Kunst im Fluge durch ganz Europa. Bereits 1465 wurde sie in Italien eingeführt, 1648 in der Schweiz, 1470 in Frankreich, 1474 in den Niederlanden, 1475 in Spanien, 1477 in England, 1483 in Skandinavien, 1490 in Dänemark etc. Am Ende des Jahrhunderts gab es nicht weniger als 910 Buchdruckereien.

Die Druckwerke, welche von der Erfindung der Buchdruckerkunst bis zum Jahre 1500 hergestellt wurden, pflegt man „Inkunabeln“ oder „Wiegendrucke“ zu nennen. Die Zahl derselben ist größer, als man vielfach annimmt. Van d. Linde berechnet die noch vorhandenen Bücher und Flugschriften auf mehr als 30 000 selbständige Werke, wozu noch eine große Zahl kommt, die uns nicht erhalten geblieben sind. Rechnet man eine durchschnittliche Auflagehöhe von 500 Exemplaren. so kann man annehmen, daß bis zum Jahre 1500 mindestens insgesammt 15 Millionen Bücher mit Hilfe der neuerfundenen Buchdruckerkunst hergestellt und wohl auch verbreitet waren. Die antiquarisch werthvollsten derselben sind natürlich die von Gutenberg herrührenden, vor allem die 36- und die 42zeilige Bibel. Von ersterer sind bis jetzt 9, von letzterer etwa 30 mehr oder minder vollständige Exemplare bekannt, die in verschiedenen Bibliotheken aufbewahrt werden. So Exemplare der 36zeiligen Bibel in Wolfenbüttel, Jena, Leipzig, Stuttgart, Wien, Paris, Althorp (Lord Spencer), London, Antwerpen. Exemplare der 42zeiligen Bibel liegen in Aschaffenburg, Klein-Bautzen, Berlin. St. Blasien (Schwarzwald), Leipzig, Erfurt, Frankfurt a. M., Fulda, Mannheim, München, Rebdorf an der Altmühl, Trier, Wien, London, Althorp, Paris, Petersburg und Rom.

Die Preise, welche heute für Gutenbergbibeln gezahlt werden, schwanken je nach dem Schmuck der Anfangsbuchstaben und der Sauberkeit der Exemplare zwischen 50 000 bis 80 000 Mark. Das Pergamentexemplar der Klemmschen Sammlung - setzt Buchgewerbemuseum in Leipzig - kostete 66 000 Mark; ein Papierexemplar der heiligen Bibel wurde 1868 in London für 52960 Mark verkauft, ein Pergamentexemplar des Brauers Perkins in London 1873 für 78 000 Mark. Hätte Gutenberg vor 450 Jahren das Kapital zur Verfügung gehabt, welches jetzt die Bücherliebhaber für ein einziges seiner Druckwerke bezahlen, so hätte er seine Erfindung sorgenlos zur höchsten Vollkommenheit ausbauen können und wäre nicht gezwungen gewesen, um die Theilnahme engherziger Geldleute zu betteln und schließlich von den Almosen eines Bischofs zu leben.




  1. * Um aus unserer Abbildung 8 ein richtiges Bild von dem wirklichen Aussehen des dargestellten Abschnittes zu gewinnen, muß man sich die farbige Ausmalung hinzudenken. Die Umrandung ist in den Farben Grün, Blau, Roth und Gold ausgeführt, das Anfangs F zeigt außerdem noch eine Lilafüllung. Die drei über dem letzteren stehenden Zeilen sind roth