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Der siebenzigste Geburtstag eines Meisters deutscher Kunst

Textdaten
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Titel: Der siebenzigste Geburtstag eines Meisters deutscher Kunst
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 125
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1878) b 117.jpg

Karl Friedrich Lessing.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

[126] Der siebenzigste Geburtstag eines Meisters deutscher Kunst. Die „Gartenlaube“ schmückt ihre heute erscheinende Nummer (Seite 117) mit dem Bildnisse des Künstlers, dessen siebenzigsten Geburtstag die gesammte deutsche Kunstwelt feiert, denn der Karl Friedrich Lessing, welcher am 15. Februar 1808 geboren worden, steht heute als ein Meister da, der auf dem Gebiete der Landschaft- wie der Historienmalerei gleich Großes leistet.

Die Leiter, auf welcher er zu der Höhe, die er nunmehr erreicht hat, aufstieg, hat er sich selbst gestellt, und seine innere Kraft war es, die ihn von Stufe zu Stufe emportrieb. Es ist ein Weg der Künstlerentwickelung, auf welchen man nur mit Wohlgefallen zurückblicken kann. Die Pflanzenkunde, in welcher der sorgfältige Vater ihn unterrichtete, bildete frühzeitig seinen Sinn für Form und Farbe aus, und da der Knabe später, auf dem katholischen Gymnasium zu Breslau, der Mineralogie sich mit demselben Eifer, wie früher der Botanik zuwandte, so erschien er dem Vater als besonders für das Baufach geeignet. Ein Ausflug von der Berliner Bauakademie nach Rügen entschied einen neuen Schritt des Kunstjüngers. Die herrliche Natur der Insel verführte ihn zur Landschaftsmalerei, der er sich nun mit solchem Eifer widmete, daß sein strenger Vater sich in dieses „Umsatteln“ des Sohnes ergab. Da wanderte Schadow nach Düsseldorf aus, und Lessing folgte ihm nach, auch in dessen Schule. Mit demselben Ernste, mit dem er bisher die Landschaft behandelt hatte, ging er an die Darstellung des Menschen, und aus seinen anfangs fast zu üppig hervorwuchernden Compositionsskizzen wuchsen endlich Werke heraus, die auch auf dem neuen Felde bald den Meister erkennen ließen. Treu der Schule, wandelte auch er eine Strecke ihre von Uhland’schem Geiste geweihte romantische Bahn, bis er, auch hier zu seiner Eigenart durchbrechend, der künstlerische Darsteller der großen mittelalterlichen Conflicte zwischen geistlicher und weltlicher Macht und der Verherrlicher der Bahnbrecher der Reformation und ihrer Helden selbst, eines Huß und Luther, wurde. Die allgemeinste Verbreitung und Bewunderung fand sein jetzt die Berliner Nationalgalerie schmückendes großes Bild, das Huß auf dem Gange zum Scheiterhaufen darstellt.

Wir können hier keine weitere Aufzählung und Würdigung seiner Werke geben, dies mag einer anderen Feder vorbehalten bleiben. Aber das muß hier zum Schlusse ausgesprochen werden, daß Karl Friedrich Lessing in der tiefpoetischen Auffassung der von ihm gewählten Stoffe, in dem Ernst seiner Studien, der Strenge seiner Charakteristik und dem Ringen nach Wahrheit der echte Erbe seines Großoheims, des großen Geisteshelden Gotthold Ephraim Lessing, ist. Ihm, dem gefeierten Künstler, sei heute unser ehrfurchtsvoller Gruß gesandt. Im Geiste nehmen wir Theil an den Ehrenfesten, die, mit allem Eifer der Liebe und Verehrung in Karlsruhe, der Stätte seiner amtlichen Wirksamkeit seit zwanzig Jahren, vorbereitet, gewiß mit einer des großen Künstlers und edlen Mannes würdigen Begeisterung heute begangen werden.