Der rothe Wander

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Titel: Der rothe Wander
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 457–460
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der rothe Wander.


Es war im wunderschönen Monat Mai. Wenigstens sagte es der Kalender. Der Berggeist Rübezahl war aber sicherlich anderer Meinung, denn er schickte von seinem Hochsitze, der Schneekoppe, einen winterkühlen Luftzug hernieder in’s liebliche Hirschberger Thal, der den vorwitzigen Wanderern rothe Ohren und blaue Nasen anhing. Und dennoch war es wonnig, hineinzuschreiten in den kühlen Maimorgen. Zur Rechten lag der mächtige Kamm des Riesengebirges, mit einer weißen Schneedecke behangen, die weit hinunterreichte, beinahe bis über die Vorberge herab; aber Frühlingsblumen sproßten am Winterschnee, und Pfingstglocken läuteten rings in den Dörfern. Munter schritt ich bergauf und bergab, meinem Ziele zu. Einen Geisteskämpen wollte ich besuchen am Pfingstfest, einen Streiter für das alte Recht, die ewige Wahrheit. Einen Greis wollte ich besuchen zur Frühlingszeit, einen Greis mit Jünglingsmuth. Gebleichtes Haar und Jugendkraft – Frühlingsblumen am Winterschnee.

Gegen Mittag langte ich in Quirl an. Es ist dies ein mäßig langes Gebirgsdorf, dessen Holzhäuschen zu beiden Seiten der Landstraße liegen. Ein munterer Gebirgsbach fließt hindurch. An Wochentagen klappern wohl die Mühlen, die das klare Wässerlein treibt. Heute ist Sonntagsstille allüberall. Kaum vermochte ich Jemand aufzutreiben, um die Wohnung des „alten Wander“ zu erfragen. Ein Mädchen war es, ein munteres Kind mit zwei langen blonden Zöpfen, in schmucker Gebirgskleidung, die mich hinführte. Sie kannte den Alten gar gut; denn war er auch, wo’s die Großen betrifft, nicht selten ein grimmiger, kurz angebundener Gesell: die Kleinen wußten ganz gut, daß bei ihnen dem Alten das Herz aufging. Es scheint das im Lehrerblut zu liegen. Wer einmal einen Blick hineingethan hat in den Himmel der Kinderseele, der kann nicht mehr davon lassen.

Ein hübsches Häuschen mit grünen Festerladen war des Alten Wohnung. Und da stand er auch schon im kleinen Vorgarten am Weinspalier, der gebückte Greis mit dem seltsam durchfurchten Gesicht, der Denkerstirn und den kampfmuthig blickenden Augen. Nicht das erste Mal war es, daß wir uns trafen. Freundlich reichte mir der Alte darum die Hand zum Willkommen, und bald saßen wir mit einander zwischen den Bücherreihen des engen Studirstübchens beim Glase Wein im traulichen Gespräch. Zum Fenster hinaus schweifte der Blick auf die ewigen Berge. Gerade vor uns erhob sich majestätisch der weißbedeckte Kegel der Schneekoppe. Seit Jahrtausenden steht er da wie heute und schaut schweigend hernieder auf das Menschengewirr zu seinen Füßen. Da wußte ich, wo der Alte seine Zähigkeit und Unbeugsamkeit, seinen Kampfesmuth und seine Lebensfreudigkeit hernahm.

„Der rothe Wander“, das war der Name, unter dem die [458] Reaction der vierziger und fünfziger Jahre unsern Kämpen kannte und verfolgte. Man weiß, daß der Rückschrittspartei jener Tage nichts so sehr ein Gräuel war, wie freisinnige Lehrer. Einer der freisinnigsten war unser Wander. Darum hat aber auch die Reaction ihn zu einem ihrer vornehmsten Opfer ausersehen. Sie hatte sich jedoch in ihrem Manne verrechnet. Fest und ungebeugt, wie seine Berge, blieb er unter all den Stürmen, die Haß und Groll auf ihn schickten. Im Kampfe wuchs ihm die Kraft. Bis zum letzten Augenblicke stand er in den Reihen der Geistesstreiter und sah seine Lebensaufgabe darin, dem Lichte Bahn zu brechen.

Vor fünfundfünfzig Jahren wurde der damals zwanzigjährige Wander, der soeben das Seminar verlassen hatte, Hülfslehrer in einem ziemlich großen Dorfe bei Bunzlau in Schlesien. Es war nicht gerade eine glänzende Stellung, in die er eintrat; denn sie bot ihm wöchentlich nur zwölfeinhalb Silbergroschen Gehalt. Außerdem war der junge Lehrer als „Lämmelbruder“, will sagen als Mucker, verrufen, noch ehe er ankam, weil er dem Bauer, der seine wenigen Habseligkeiten abgeholt hatte, beim Zutrinken von Schnaps nicht Bescheid that. Dazu kam noch, daß der junge Lehrer alsbald manchen alten Schlendrian wegfegen wollte, der sich unter den lässigen Händen seiner Vorgänger aufgehäuft hatte. Da war es denn kein Wunder, daß schon nach wenigen Monaten schwere Anklagen beim Pfarrer einliefen. Vor Allem beschwerte man sich darüber, daß der neue Lehrer keinen Stock in der Schule gebrauche, daß er die Gesangbuchlieder am Anfange des Unterrichts nicht ganz singen lasse, daß die Kinder Sprüchwörter schreiben müßten, und endlich, daß er der alten Hahnfibel den Garaus machen und ein neues, nach methodischen Grundsätzen verfaßtes Lesebuch einführen wollte. Bei allen diesen Anfechtungen wurde der junge Lehrer von seinem geistlichen Schulinspector eher beargwohnt als unterstützt; aber trotz alledem ließ Wander nicht ab, seine Pflicht zu thun und auf dem als richtig erkannten Wege zu verharren. Und als er zwei Jahre darauf nach Hirschberg zog, da vergossen dieselben Leute Thränen, die ihn nach den ersten Wochen seiner Thätigkeit mit Hunden aus dem Dorfe hetzen wollten, und seine Schüler begleiteten ihn stundenweit auf dem Wege in seinen neuen Wirkungskreis.

In Hirschberg war Wander dreiundzwanzig Jahre lang als städtischer Lehrer thätig. Wie er gewirkt hat, davon giebt die Verehrung Zeugniß, die ihm seine zahlreichen Schüler noch nach einem Menschenalter entgegengebracht haben. Er war einer der Lehrer „von Gottes Gnaden“, ein Schulmann, wie er ihn selbst schildert: „Die Lehrer werden im Seminar nicht nach einer bestimmten Staatselle gemacht; sie werden, wie die Dichter, geboren. Sie werden nicht, wie Bücher und Baumwollenwaaren, verschrieben, sondern in glücklichen Augenblicken gefunden. Wenn der Himmel einen Ort, eine Jugendschaar lieb hat, dann schenkt er ihr eine solche Lehrkraft. Es ist die geheimnißvolle, Alles um sich erweckende Kraft, die vom ganzen Menschen ausgeht und den ganzen Menschen ergreift.“

Trotz seiner erfolgreichen Wirksamkeit als Lehrer, die auch seine Gegner niemals anzutasten gewagt haben, gehörte Wander doch schon in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre zu den Mißliebigen. Die Geradheit seines Charakters, die Unerschrockenheit, mit der er in Rede und That das als recht Erkannte verfocht, der beißende Hohn und die unerbittliche Logik, mit der er das Zopfthum und die Frömmelei bekämpfte: das Alles hatte längst dazu beigetragen, ihm das Wohlwollen der Behörde zu entziehen, und so konnte er denn in einer Zeit, die, besonders was die Schule anbetraf, sich aufmachte, mit vollen Segeln in das Fahrwasser der Eichhorn’schen Periode einzulenken, auch persönlich nicht unangefochten bleiben. Schon 1835 besuchte ihn unvermuthet der General-Superintendent Ribbeck und ließ ihn Religionsstunde abhalten. Als er sich verabschiedete, äußerte er: „Man hat mich förmlich mit Berichten über Sie und Ihr Wirken bestürmt, sodaß ich nicht ohne Vorurtheil gegen Sie hierhergekommen bin. Ich habe Sie in Ihrem Berufe kennen gelernt, und es ist mir ein Bedürfniß geworden, Ihnen selbst vor meiner Abreise zu sagen, daß ich in Ihnen einen andern Mann gefunden habe, als er mir in der Provinz geschildert worden ist.“

Nach diesem Besuche hatte Wander einige Jahre Ruhe. Desto heftiger brach unter Eichhorn’s Schulregiment das Ungewitter über ihn los. In einer Schrift über schlesische Präparandenbildung hatte Wander die Meinung ausgesprochen, daß es gut sein möchte, wenn die Schule aus der Vormundschaft der Kirche entlassen und auf eigene Füße gestellt würde. Daneben hatte er sich durch Gründung von Lehrerlesevereinen und besonders durch Veranstaltung der damals berühmten schlesischen Lehrerfeste um die Hebung seines Standes hohe Verdienste erworben. Als er 1842 auf eine ernstliche Verwarnung seiner schriftstellerischen Thätigkeit wegen entgegnete, daß er für die Thätigkeit seiner Mußestunden nur dem Gesetze verantwortlich zu sein glaube, erhielt er den Bescheid: es sei überhaupt nur eine Vergünstigung, daß Schullehrer schreiben dürften. Dem entsprechend wurde, als er mit einer neuen Broschüre für „den geschmähten Diesterweg“ in die Schranken trat, sofort Disciplinaruntersuchung gegen ihn eröffnet. Freilich ohne Erfolg; denn ein Erkenntniß der Liegnitzer Regierung, welches ihn „wegen Ungehorsams gegen die Befehle seiner vorgesetzten Behörde, wegen Erregung von Mißvergnügen unter den Lehrern, sowie wegen Aufregung in politischer Beziehung“ zur Versetzung in eine andere Stelle, sowie „wegen Abneigung gegen das positive Christenthum und Verletzung der Ehrfurcht gegen die christliche Religion“ zur Niederlegung des Religionsunterrichtes verurtheilte, ward auf Wander’s Recurs vom Oberpräsidenten aufgehoben. Doch blieb ihm bis zum Herbst 1848 der Religionsunterricht entzogen.

Inzwischen war er auch in einen politischen Proceß verwickelt worden. Wander war nebenbei als Volkslehrer im Hirschberger Bürgerverein thätig gewesen. Man fand darin ein neues Moment dafür, ihn als Umsturzmann, als Volksaufwiegler zu betrachten. Eine sogenannte „politische Rede“ Wander’s im Bürgerverein gab die längst ersehnte Gelegenheit, wider ihn einzuschreiten. In einer Sitzung hatte er nämlich bei Gelegenheit der Besprechung einer Industrie-Ausstellungs-Medaille mit Bezug auf eine darauf abgebildete „Germania“ folgende Aeußerung gethan: „Ich will nur nachträglich in Betreff der ‚Germania’ mir mitzutheilen erlauben, daß die ‚Germania’ sitzt, daß sie ein sehr trübes Gesicht macht und daß ihre Lippen nur ein wenig geöffnet sind. Ich will mich auf die Auslegung dieser unwichtigen Symbole hier nicht weiter einlassen; es möchte nicht allgemein gewünscht werden. Aber im Stillen sich zu fragen: Warum sitzt ‚Germania’ und befindet sich nicht in fortschreitender Stellung? Warum ist ihr Mund so fest zu, daß man die Perlenreihe ihrer Zähne nicht bemerken und bewundern kann? wird uns Allen wohl gestattet sein.“ Diese Aeußerung, die ein „gutgesinnter“ Zuhörer brühwarm nach Liegnitz sandte, an den Sitz der Regierung, war genügend, eine Anklage wegen Erregung von Mißvergnügen und Unzufriedenheit“ gegen Wander zu veranlassen. Am 6. März 1845 erschienen plötzlich zwei Regierungscommissarien in seiner Wohnung und nahmen eine Haussuchung vor. Unter den mit Beschlag belegten Papieren befanden sich auch einige Hefte Ausarbeitungen für den Unterricht im lutherischen Katechismus. Unglücklicher Weise schlug der eine Regierungsrath darin die Behandlung des vierten Gebots auf und fand dort die Begriffe Staat, Landesverfassung u. dergl., natürlich blos erklärt und mit passenden Bibelsprüchen versehen.

„Wie ich sehe,“ äußerte er, „kommt Politik darin vor, und da ich eben hier bin, will ich doch dergleichen Sachen mitnehmen, damit wir sehen, womit Sie sich so nebenbei beschäftigen.“

Wander bemerkt hierzu: „Welches Papier hat man in seiner Stube noch sicher, wenn sogar der lutherische Katechismus verdächtig ist und einer Untersuchung vom 6. März bis zum 19. December, an welchem Tage mir das Manuscript zurückgegeben wurde, unterliegen muß?“

Das war aber nur ein Vorspiel zu dem großen Ungewitter, das sich inzwischen über Wander’s Haupte zusammenzog. Von dem Superintendenten Roth in Erdmannsdorf war nach Berlin berichtet worden, daß sich im Hirschberger Thale eine communistische Verschwörung gebildet habe, die den Umsturz alles Bestehenden anstrebe. Kurze Zeit darauf erschien im Gebirge ein harmloser Vergnügungsreisender, ein sogenannter „Maler Schmidt“ aus Berlin. Unter dieser Maske verbarg sich aber kein Anderer als der bekannte Polizeiagent Stieber. Sein Zweck war, die Verschwörung zu entdecken. Er konnte indessen nichts Anderes herausbringen, als daß ein halbverrückter Tischler in Warmbrunn hier und da für seine überspannten Ideen Anhänger zu werben versucht hatte. Natürlich genügte das dem scharfsinnigen Polizeiagenten nicht. Er suchte nach den „intellectuellen Urhebern“ der Verschwörung. Als [459] einen solchen bezeichnete er frischweg den bekannten Demokraten und späteren Parlamentsabgeordneten Schlöffel aus Eichberg bei Hirschberg. Bei diesem und seinen Freunden wurde Haussuchung abgehalten. Am 14. März 1846 Abends 6 Uhr erschien Stieber auch in Wander’s Wohnung, die er genau durchsuchte. Seine Mühe wurde auch sogleich belohnt, indem er einen Streifen von einem Briefe Schlöffel’s und endlich sogar ein ganzes Billet desselben entdeckte. Natürlich wurde darauf die Haussuchung mit verdoppeltem Eifer fortgesetzt; aber es fand sich weiter Nichts.

Eine halbe Stunde nach der Haussuchung wurde Wander verhaftet und in das Bürgergefängniß im Rathsthurm gebracht. Die Kunde davon erregte in Hirschberg das größte Aufsehen. Eine Deputation angesehener Bürger verwandte sich für ihn, aber vergeblich. Zum Mittagsmahl sandten ihm Freunde einige Flaschen Wein in den Thurm. „Sonderbar,“ schreibt Wander, „daß man erst auf dem Hirschberger Rathhause eingesperrt werden muß, um einmal Wein zu trinken.“ Am dritten Tage ward er vernommen und natürlich, da nichts Gravirendes gegen ihn vorlag, entlassen, jedoch von Stund’ an von seinem Amte suspendirt. Zwei Petitionen Hirschberger Bürger, die seine Wiedereinsetzung erbaten, wurden abschlägig beschieden. Unterdessen war gegen ihn die von Stieber ausgearbeitete Anklage erhoben worden, er habe „durch frechen, unehrerbietigen Tadel und Verspottung der Landesgesetze und Anordnungen im Staate, insbesondere bei Gelegenheit der in den Versammlungen des in Hirschberg bestandenen Vereins zu gemeinnützigen Zwecken gehaltenen Vorträge, Mißvergnügen gegen die Regierung“ erregt. Nach einer glänzenden Vertheidigung durch den Justizrath Robe wurde Wander vom Hirschberger Landgericht freigesprochen zum Aerger Stieber’s und aller „Wohlgesinnten“. Der Jubel der Hirschberger war groß. Wander und seinem wackeren Vertheidiger wurden Ständchen gebracht. Trotz des freisprechenden Erkenntnisses wurde aber die Amtssuspension noch immer aufrecht erhalten, und erst nachdem das Breslauer Oberlandesgericht das erste Urtheil bestätigt hatte, erfolgte im Januar 1847 Wander’s Wiedereinführung als Lehrer.

Da kam das Sturmjahr 1848, jene hoffnungsselige Zeit, in der die kühnsten Wünsche des deutschen Volkes ihrer Erfüllung nahe schienen. Es ist wohl selbstverständlich, daß auch Wander an dieser Bewegung theilnahm. Er hielt es jedoch nicht für seine Aufgabe, wie andere Clubredner jener Zeit, die Leidenschaften der Menge aufzustacheln. Sein Wirken in Bürgervereinen und Volksversammlungen war einzig und allein darauf gerichtet, ein Verständniß der Zeit und ihrer Aufgaben in seinen Mitbürgern zu erwecken. Auch jetzt trat er nicht als Volksführer auf, sondern begnügte sich damit, Volkslehrer zu sein.

In der Pfingstwoche jenes Jahres fand in Eisenach eine allgemeine Versammlung deutscher Lehrer statt. Dort vertrat Wander einen Antrag auf Gründung eines deutschen Lehrervereins. Mit Begeisterung wurde sein Vorschlag angenommen. Als aber dann nach dem vorzeitigen Frühlinge die Aprilfröste der Reaction eintraten, als alle die üppig aufgesproßten Blüthen, vom eisigen Hauche berührt, verwelkten und dahinstarben: da trug man auch den deutschen Lehrerverein zu Grabe. Er wurde verboten, und die an seine Stelle tretende allgemeine deutsche Lehrerversammlung fristete jahrelang nur kümmerlich ihr Dasein.

Daß die Reaction Wander’s nicht vergessen würde, war vorauszusehen. Man suchte auch jetzt wieder lange nach einem Vorwande, um gegen ihn vorzugehen, und fand ihn endlich. Am 3. September 1849 hatte Wander in Hirschberg bei einem Schulfest ein Lebehoch auf „das glückliche Vaterland der Zukunft, in dem die Wahrheit frei, und die Freiheit wahr ist, das wir bauen, und das unsere Jugend bauen soll,“ ausgebracht. Schon am nächsten Tage war eine „sorgfältig verbesserte und stark vermehrte“ Nachschrift dieser Rede in den Händen des Superintendenten. Der Denunciant war ein Amtsgenosse Wander’s, ein Landschullehrer, der später zum Lohne für seine „Gesinnungstüchtigkeit“ mit einem Orden bedacht wurde.

Bereits am 21. September ward Wander zum zweiten Male von seinem Amte suspendirt und „wegen feindseliger Parteinahme gegen die Staatsregierung“ in Untersuchung genommen. Daß man jetzt das Möglichste that, dem unerschrockenen Lehrer endlich den Proceß zu machen, versteht sich von selbst. Der Superintendent Roth schrieb in seinem an die Regierung eingesandten Bericht: „Nicht unterlassen kann ich es, beizufügen, daß die allerbitterste Verlegenheit entstehen würde, wenn auch diese zweite Suspension nicht mit Amtsentsetzung endigen sollte. Der überaus geschickte Lehrer darf (wenigstens in Hirschberg) nicht Lehrer bleiben.“ Dennoch brauchte man ein halbes Jahr, um darzuthun, daß Wander sich „einer der bestehenden Staatsregierung, dem positiven Christenthum und der christlichen Kirche feindlichen, auf Untergrabung dieser Autoritäten grundsätzlich bedachten Gesinnung“ ergeben habe, dann aber verurtheilte ihn die Liegnitzer Regierung mit zwanzig Bogen voll Gründen in contumaciam zur Amtsentsetzung.

Die Luft im deutschen Vaterlande war nun doch unserem Wander nachgerade zu schwül geworden. Er sehnte sich nach einem Athemzuge auf freier Erde. Auf den Rath seines Arztes unternahm er eine Reise nach Nordamerika. Er verbrachte einen Winter in Baltimore, einen Frühling in Washington und Virginien. Dann reiste er durch die Alleghanies nach Pittsburg, auf dem Ohio nach Cincinnati, über die Seen zum Niagara, auf dem Hudson nach New-York und später über Philadelphia zurück nach Baltimore, wo er sich wieder nach der Heimath einschiffte. Während seiner Abwesenheit war er wegen eines gegen den Hirschberger Landrath gerichteten Zeitungsartikels zu einer mehrwöchentlichen Gefängnißstrafe verurtheilt worden, zu deren Abbüßung er unmittelbar nach seiner Rückkehr abgeholt wurde.

Wohl hätte man nun meinen können, daß die Reaction ihr Müthchen gekühlt habe, aber nein, sie suchte ihr Opfer vollständig zu vernichten. Der Lehrer Wander war unschädlich geworden; jetzt galt es, auch den Schriftsteller, den Volksmann mundtodt zu machen. Es begann eine Hetzjagd auf den Verhaßten, wie selbst die Geschichte jener Tage nur wenige ihres Gleichen aufzuweisen hat.

Zu Anfang des Jahres 1852 zog Wander nach Löwenberg, wo er ein kaufmännisches Geschäft einzurichten gedachte. Aber der Magistrat verweigerte die Aufnahme, da Wander, weil er in Amerika gewesen, nicht mehr preußischer Staatsbürger sei. Und als er auch seine Zugehörigkeit zum preußischen Staate zu begründen im Stande war, da verlangte man von ihm noch ein Sittenzeugniß und einen Vermögensnachweis. In dem ersteren erklärte der Hirschberger Magistrat Wander’s sittlichen Lebenswandel für vorwurfsfrei, fügte aber hinzu, daß sein politisches Verhalten zur Amtsentsetzung und zu einer gerichtlichen Bestrafung geführt habe. Auf Grund dieses Attestes wurde ihm die Niederlassung in Löwenberg versagt, und auf eine Beschwerde bei der Liegnitzer Regierung eröffnete ihm diese, daß nach § 2 ad 2 des Gesetzes vom 21. December 1842 der Magistrat im Rechte sei. Dieser Paragraph gab nämlich der Landesbehörde das Recht, „einen entlassenen Sträfling“ von dem Aufenthalte an gewissen Orten auszuschließen.

Wander übergab das bereits gegründete Geschäft seinem ältesten Sohne und zog nach Bunzlau, wo er einige Zeit unangefochten lebte. Plötzlich wurde ihm jedoch von der dortigen Polizeibehörde die Ausweisungsordre zugestellt, und als er sich wieder nach Löwenberg begab, wiederholte sich dort derselbe Vorgang. Wander ging nach Hirschberg zurück und ließ sich endlich 1853 am Fuße des Kynast im freundlichen Hermsdorf nieder. Kaum angekommen, ward ihm eine neue Haussuchung zu Theil. Der Landrathamtsverweser von Zedlitz erschien mit mehreren Gensd’armen. Thüren und Fenster wurden geschlossen und sämmtliche Schränke, Kommoden und Schubladen geöffnet; selbst die Schübe des neu eingerichteten Ladens wurden durchwühlt. Man suchte nach einem Manuscripte, das aber nicht aufgefunden wurde. Dafür belegte man eine ganze Reihe anderer Schriften mit Beschlag. Als Wander vorstellte, daß man sich doch auf das beschränken möchte, worauf der Antrag laute, ward ihm der Bescheid: „Ich habe die Gewalt; wer die Gewalt hat, übt sie, und der Gewalt muß man sich fügen; ich nehme, was ich Lust habe, und was ich nicht brauchen kann, bekommen Sie wieder.“

Der Hauptzweck der Haussuchung war wohl nur der gewesen, Wander und die Seinen als gefährliche Leute darzustellen und die Bewohner des Ortes vor dem Umgange mit ihnen zu warnen. Der Zweck war auch zum Theil erreicht worden.

Einige Wochen nach der Haussuchung wurde der Frau Wander’s durch landräthlichen Befehl der Fortbetrieb des kaufmännischen Gewerbes untersagt, auf Grund einer Verfügung, die sich auf die Ehefrauen solcher „Verbrecher“ bezog, die wegen eines [460] von ehrloser Gesinnung zeugenden Verbrechens, insbesondere „wegen Meineids, Raubes, Diebstahls oder Betruges verurtheilt worden“, und die das Gewerbe „zur Gefährdung der öffentlichen Sicherheit benutzen könnten.“ Wander beschwerte sich bei der Regierung, die aber nach acht Monaten dem Hirschberger Landrath Recht gab. Trotz dieser Verfügung betrieb Wander, der sich in seinem Rechte wußte, das Geschäft weiter. Mehrere gegen ihn eingeleiteten Untersuchungen „wegen unbefugten Gewerbebetriebes“ blieben erfolglos, und nach drei Jahren erlebte er die Genugthuung, daß seine Frau doch den Berechtigungsschein erhielt.

Inzwischen hatte er alle ihm möglichen Schritte gethan, um für die erlittene Behandlung auf dem gesetzlichen Wege Genugthuung zu erlangen. Vom Ministerium wurde er abgewiesen. Das Abgeordnetenhaus ging über seine Petition, die er alljährlich erneuerte, zur Tagesordnung über. Erst 1859 kam, Dank der Unterstützung Diesterweg’s, seine Sache zur Verhandlung. Das Abgeordnetenhaus erklärte das ganze Verfahren gegen Wander für ungesetzlich, aber über dessen Entschädigungsansprüche beschloß es abermals zur Tagesordnung überzugehen.

Seitdem lebte Wander still daheim, in Hermsdorf und seit 1874 in Quirl bei Schmiedeberg. Seine Hauptthätigkeit widmete er seinem Riesenwerke, dem bei Brockhaus erscheinenden „Deutschen Sprichwörterlexikon“. Im Jahre 1862 erschienen die ersten Lieferungen des Werkes, das jetzt in fünf sehr starken Bänden bis auf die Nachträge vollendet vorliegt. Es enthält gegen eine Viertelmillion Sprüchwörter. Sicherlich wird dieses Werk, das außer Grimm’s „Wörterbuch“ in der deutschen Literatur wohl kaum seines Gleichen hat, Wander’s Namen auch der späten Nachwelt übermitteln. Neben dieser wissenschaftlichen Arbeit gab Wander seit mehreren Jahren den „Schmiedeberger Sprecher“, ein Volksblatt, heraus, das seiner ganzen Anlage nach und besonders seiner kräftigen und gemeinverständlichen Schreibweise wegen ein Muster seiner Art genannt zu werden verdiente.

Leider sollte der alte Kämpfer und „Pflüger mit dem Geiste“ die Vollendung des Drucks der Nachträge seines großen Werks nicht erleben. Während wir uns im Stillen darauf freuten, den wettergrauen Einsiedler von Quirl mit diesem Blatt der „Gartenlaube“ zu überraschen, ist er rasch, ohne jeden Vorboten der Krankheit, von dannen gegangen. Ein Herzschlag machte am 4. Juni seinem Leben ein Ende. Wir brauchen an seinem Grabe nicht zu verschweigen, daß er im Anstürmen gegen die Burgen des Zopfthums und der Thorheit manchmal etwas mehr einriß, als gerade nöthig war, daß er in der Kampfeshitze auch Dem oder Jenem einen Streich versetzte, den ein Anderer bei ruhiger Ueberlegung hätte laufen lassen: anzuerkennen bleibt aber, daß das treibende Element seines Kämpfens und Streitens niemals ein subjectives Vorurtheil, sondern lediglich der Wunsch gewesen ist, durch Volksbildung die Volksfreiheit zu fördern. Dies ist wohl auch der Grund, warum Wander nicht, wie mancher Andere, dem das Sturmjahr 1848 eine Wunde geschlagen, sich mürrisch in den Schmollwinkel zurückzog oder vom sicheren Hinterhalt aus Giftpfeile gegen das neue Reich schleuderte, sondern daß er, allen alten Groll vergessend, voll und ganz zu Kaiser und Reich stand. Entsprach auch dieses Reich noch lange nicht seinem Ideale, jenem Reich, „in dem die Wahrheit frei und die Freiheit wahr ist“, und war er darum weit entfernt davon, in die Lobhudeleien und in den nationalen Cultus gewisser Optimisten und Genügsamen einzustimmen, so war ihm doch das neue Reich der Grundstein, auf dem allein sich das „Vaterland der Zukunft“ erheben kann, und deshalb war er auch in seinem engen Kreise bemüht, diese Errungenschaft der Neuzeit gegen alle Feinde von rechts oder links zu vertheidigen.

Man macht dem gegenwärtigen Geschlechte nicht selten den Vorwurf, daß es ihm an unbeugsamen Charakteren mangele und daß man über Recht und Freiheit zwar viel theoretisire, dabei aber den Kampf scheue, wenn es darauf ankomme, diese Güter zu vertheidigen. Vielleicht war es darum nicht überflüssig, unserer Zeit wieder einmal das Lebensbild eines ungebeugten Kämpfers für Recht und Freiheit vom alten Schlage vor die Augen zu führen.