Der dumme Teufel

Textdaten
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Autor: Wiedemann
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Titel: Der dumme Teufel
Untertitel:
aus: Alterthümer, Geschichten und Sagen der Herzogthümer Bremen und Verden: Noch lebende Volkssagen und Legenden, S. 226–229
Herausgeber: Friedrich Köster
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: In Commision bei A. Pockwitz
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Erscheinungsort: Stade
Übersetzer:
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Quelle: Commons, Google
Kurzbeschreibung: Aus dem Amte Beverstedt
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[226]
4. Der dumme Teufel.

Als noch keine Stadt und kein Dorf in unserem Lande vorhanden war, und die Menschen das Eisen nicht kannten, trug es sich zu, daß auf einem Bauerhofe ein kluger Mann eine große Verbesserung an seinem Pfluge vornahm. Der Pflug war zu der Zeit bloß ein Balken [227] ohne Räder; am Hinterende hatten sie ein Loch eingebrannt, durch welches sie einen spitzen Stock steckten. Er brannte aber noch ein Loch vor den Stock und keilte darin ein Kuhhorn fest, so daß das Horn als unser Voreisen war und zuerst den Boden aufreißen mußte. Den Hinterstock machte er breiter und gab ihm eine solche Richtung, daß er die Erde umwarf. Der Mann pflügt nun mit seinem verbesserten Pfluge, und der Acker bekam ein Ansehn, wie er nie gehabt, so daß dem Manne das Herz im Leibe lachte und er seine Nachbarn herbei rief, sich mit ihm zu freuen. Die Nachbaren kamen und als sie den Acker beschaut, staunten sie und riefen: „nun wollen wir’s wol machen! nun kann Einer zweimal so viel ernten.“ Aber gerade als sie dabei waren, sich dies neue Verfahren vormachen zu lassen, kam der Teufel zu ihnen und redete sie mit harten Worten an: „Gut, daß ich Euch alle hier beisammen habe! Ich bin der Teufel, und mir gehört alles Land hier zu. Denn als Eure Vorfahren hier in’s Land kamen (sie trieben ihr Vieh über’s Eis auf der Elbe), da ließ ich sie ungestört darin wohnen, weil mein Vieh, Bären und Wölfe, Drachen, Habichte und Fliegen, nicht dabei zu kurz kamen. Nun wollt ihr aber mit dem neuen Pfluge die anmuthige Wildniß ausroden, und meine Lust vermindern: das werd’ ich nicht leiden! von Allem, was ihr auf dem Acker gewinnt, will ich die Hälfte als Zoll haben!“ Den Bauern standen die Haare zu Berge, und sie brummten: die Hälfte? Aber was half das? Sie gaben endlich nach und fragten ganz kleinmüthig: ob er das obere, oder das untere Ende des Ackers haben wollte? Der Teufel meinte, sie wollten ihn anführen, und antwortete: er wolle nicht die Hälfte des Ertrags; denn Maaß und Gewicht wären unsicher; auch nicht die eine Hälfte des Ackers, weder in der Länge noch in der Breite; denn sein Stück würden sie weniger gut düngen und pflügen; sondern er wollte haben, was über der Erde wüchse, und sie könnten nehmen, was unter der Erde stände. Damit ging der Teufel weg, und die armen Bauern beriethen sich in großer Betrübniß. Am Ende aber sprachen sie: wir woll’n ihm eine Nase drehen! Nun pflügten sie den [228] Acker und säeten Rübsaat. Die Saat ging auf; die jungen Rüben, von der Sonne angelacht, wurden immer dicker, und als das Kraut anfing gelb zu werden, riefen sie den Teufel, seinen Theil zu nehmen. Aber wie verjagte der sich, als er sah, daß er angeführt war! Doch tröstete er sich damit, daß der Klügste sich wohl Einmal über’s Ohr hauen läßt, aber nicht zum zweiten Mal. Voll Aerger rief er den Bauern zu: „über’s Jahr könnt ihr nehmen, was über der Erde steht, und ich will haben, was in dem Boden wächst.“ Nun waren die Bauern fleißig dabei, Winterrocken zu säen; und der liebe Gott gab Regen und Sonnenschein; und bald statt der braunen Windeln den ersten grünen Kinderrock, so daß der Acker grün wie eine Wiese war. Dann warf er eine weiße Decke darüber, daß Frost und Eiswind nicht schaden könnten.

Da wurde den Leuten die Zeit lang und ihr Verlangen nach Ostern immer größer. Kaum aber hatte die Sonne den Winter nach Norden verwiesen, da gingen sie frisch wieder an’s Werk und warfen in das übrige Land Gerste, Hafer und Buchweizen. Nach vollbrachter Arbeit falteten sie ihre Hände und sprachen ihr Gebet: „gebe Gott uns Seinen Segen und helfe uns gegen den unverschämten Teufel.“ Von Nacht zu Nacht, von Tage zu Tage wuchs nun das Winterkorn und das Sommerkorn in die Wette: es war, als wenn in der Nacht Engel vom Himmel mit kleinen silbernen Kneipzangen, vom Thau benetzt, jeden Halm länger zogen. Die Aehren kamen heraus; sie kuckten gen Himmel demüthig bittend, und darum bekamen sie auch in voller Maaße das Ihrige. Aus Dankbarkeit neigten sie sich immer tiefer und tiefer: einstmals kuckten sie vor Sonnen-Aufgang ihre Füße an und erkannten, daß die alle gelblich würden. Da sprachen sie zu den Menschen: „jetzt ist es Zeit: schneidet uns ab mit Jauchzen, daß wir fröhlich sterben und legen uns in Garben!“ Die Leute thaten, wie ihnen gesagt war; und wenngleich das Schneiden mit Feuersteinen, weil sie keine Sense, Sichel oder Messer von Eisen oder Kupfer hatten, nur langsam ging, so kamen sie doch damit zu Ende. Darauf stellten sich bei dem Acker alle Manns- und [229] Frauensleute auf, die halbwachsenen Kinder voran, und riefen aus vollem Halse den Teufel, den sie auslachen wollten. Er schnob herbei und als er verwegen fragte, warum sie ihn riefen? antwortete der Bauer, Namens Paul: vertragsmäßig könne er seinen Part von dem Acker nehmen, die Wurzeln in der Erde: indeß müßten sie, zukünftiger Fälle halber, auf der Bedingung bestehn, daß er die Stoppeln liegen ließe: im Falle jedoch, daß er damit seine Dönse im Winter wärmen wolle, so wollten sie ihm diese schenken. Ueber diese unendliche Güte wurde dem Teufel ganz grün und gelb vor Augen: er schnappte nach Luft und konnte doch augenblicklich keinen Laut von sich geben; denn unter allen Kornwurzeln fand er, das wußt’ er gewiß, nicht die elendeste Trostwurzel. Da brach ein kleiner flachsköpfiger Junge in die Worte aus: de dumme Düvel de! was die ganze Versammlung aufgriff und dem Teufel in’s Gesicht schrie. Der lief davon, und hat sich seit der Zeit nicht wieder bei den Bauern sehen lassen.