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Der deutschen Jugend Weihnachtsbüchertisch

Textdaten
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Autor: Gustav Wustmann
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Titel: Der deutschen Jugend Weihnachts­büchertisch
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 48, 50, S. 793–795, 821–823
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[793]
Der deutschen Jugend Weihnachtsbüchertisch.


Von Gustav Wustmann.


I.


Unter allen Gaben, mit denen die Mutter den Weihnachtstisch ihrer Kinder schmückt, macht ihr wohl keine so viel Sorge und Kopfzerbrechen, als die bösen Bücher. Es ist nicht zu viel gesagt: die meisten Mütter stehen dieser Sorge rathlos gegenüber. Sie kaufen Bücher ein, etwa so wie sie Schnittwaaren einkaufen: sie gehen eben in den Laden, lassen sich vorlegen und suchen sich aus. Welche Mißgriffe sie dabei thun, das werden sie in der Regel viel zu spät gewahr, wochenlang nach dem Feste, manchmal auch nie. Wer in die Buchhandlung geht, der muß genau wissen, was er will. Wir meinen nicht etwa, daß die Mutter sich aus einem jener seitenlangen Verzeichnisse von Jugendschriften Raths erholen soll, die unseren „Weihnachtskatalogen“ beigegeben sind; erstens ist mit bloßen Büchertiteln gar nichts anzufangen, und sodann steht dort das Beste und das Schlechteste kunterbunt durcheinander. Auch auf Reclamen in den Zeitungen ist nicht das Allermindeste zu geben; da preist eben Jeder seine Waare an oder läßt sie anpreisen. Vielmehr kommt Alles darauf an, daß man an die ungeheure und auf den ersten Blick fast sinnverwirrende Masse von Jugendschriften nicht ganz grundsatzlos herantrete, daß man ein paar einfache und richtige Principien mitbringe, an denen man dann aber auch unverbrüchlich festhält. Möchte eine Mutter wohl die kleine Mühe scheuen, die es kostet, um diese paar Grundsätze zu gewinnen? Wenn nicht, dann folge sie uns.

Die Jugendliteratur bewegt sich, wie alle literarischen Erzeugnisse überhaupt, auf drei Gebieten: Wissenschaft, Poesie und bildende Kunst. Von der ersteren und von der letzteren wollen wir das nächste Mal reden; heute zunächst von der Poesie.

Es liegt in der Natur der Sache, daß von den drei Dichtungsarten, die es giebt, die dramatische Dichtung so gut wie gar nicht, die lyrische nur in beschränktem Maße, dagegen die epische voll und ganz der Jugend gehört. Das eigentliche poetische Lebenselement der Jugend, und zwar nicht blos des einzelnen Menschen, sondern auch ganzer Völker, so lange sie auf der Stufe der Kindheit stehen, ist die epische, das heißt die erzählende Dichtung. Ob sie in Prosa oder in Versen geschrieben sei, darauf kommt es gar nicht an; wir nehmen den Begriff hier natürlich im weitesten Sinne.

Ist die Zeit gekommen, wo die Jugend an Lyrik und Drama herangeführt werden darf, so giebt man ihr sogleich das Beste und Classischste in die Hand, das unsere Literatur besitzt. Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, den Knaben auf die Lectüre von Schiller’s „Tell“ oder das Mädchen auf den Genuß von Lessing’s „Minna“ durch besondere für Kinder gedichtete Schauspiele vorbereiten zu wollen. Die vereinzelten Versuche, die allerdings nach dieser Richtung hin gemacht worden sind – denn wo ist eine Thorheit, die nicht einmal begangen worden wäre? – sind so einfältig und abgeschmackt, daß sie gar nicht in Betracht kommen können. Noch weniger, sollte man meinen, könnte irgend ein urtheilsfähiger Mensch die Jugend zum Verständniß Goethe’scher und Uhland’scher Gedichte durch das Medium einer besonderen Kinderlyrik leiten wollen. Die beste Vorbereitung auf einen verständnißvollen Genuß unserer classischen Lyrik fließt immer und ewig aus jener Quelle, aus der unsere größten Lyriker selbst auf ihre dichterische Production sich gleichsam vorbereitet haben, aus dem Volksliede. Indeß macht man schon hier die befremdende Beobachtung, daß diese einfache und natürliche Wahrheit überaus häufig verkannt wird. Unsere Bilderbücher, und namentlich die ordinäre colorirte Waare, wimmeln ja geradezu von den albernsten und fadesten Kinderverschen, und viele Eltern sind noch obendrein einfältig genug, dieses Zeug, welches das Papier nicht werth ist, auf dem es gedruckt steht, die armen Kleinen auswendig lernen zu lassen. Ganz zu geschweigen von der jammervollen Poesie, die zum Theil jetzt in den sogenannten Kindergärten im Schwange ist, zu geschweigen von der erbaulichen Gesangbuchslyrik, mit der die Kinder vom sechsten bis zum vierzehnten Jahre massenhaft gefüttert werden, und die für Tausende unter ihnen vielleicht die einzige Lyrik bleibt, die sie je im Leben zu kosten bekommen.

So bliebe denn noch die erzählende Dichtung übrig. Aber weiß der Himmel, wie es zugeht, auf diesem Gebiete der Poesie, wo man es doch nun am allerwenigsten erwarten sollte, ist man wunderlicher Weise fast allgemein in der Ansicht befangen, daß die Jugend hier einer umfänglichen Vorbereitung für die Genüsse des reifern Alters bedürfe. Beweis dafür: die tausend und abertausend speciell für die Jugend gemachten und ausgestatteten Kindergeschichten.

Fragen wir uns einfach, ob diese Kindergeschichten berechtigt sind und ob sie nöthig sind. Berechtigt würden sie dann sein, wenn sie den Anforderungen genügen, die man an jede gute und classische Erzählung stellen darf; nöthig würden sie sein, wenn unter der allgemein für classisch geltenden Literatur sich keine erzählenden Dichtungen fänden, die für die Jugend geeignet sind.

Wir antworten zunächst auf die Frage nach der Berechtigung. Mit dieser Berechtigung sieht es nun freilich sehr schlimm aus. Von Goethe stammt der Ausspruch, „daß für die Jugend das Beste gerade gut genug“ sei. Leider wird dies köstliche Wort so oft von Unberufenen in den Mund genommen, so oft als Aushängeschild gemißbraucht, um das Allerschlechteste damit anzupreisen, daß man sich fast scheuen möchte, es noch anzuführen. Wir führen es trotzdem an, aber wir dringen auch darauf, daß die Forderung, die darin aufgestellt ist, mit aller Tiefe erfaßt und mit aller Strenge durchgeführt werde. Wie müßten darnach unsere Jugenderzählungen, unsere Kindergeschichten beschaffen sein, und wie sind sie beschaffen?

Ein echter erzählender Stoff für die Jugend soll vor allen Dingen bedeutend sein, damit ihm das freie Interesse der Jugend entgegenkomme; er soll nicht blos einen bedeutenden, über die gemeine Wirklichkeit erhabenen Hintergrund haben, sondern es sollen sich auch bedeutende und scharf individualisirte Gestalten von diesem Hintergrunde abheben. Unsere Kindergeschichten aber sind uninteressant, unbedeutend, trivial, sie spielen auf einem höchst alltäglichen Hintergrunde, und die Gestalten, die darin vorgeführt werden, sind Dutzendmenschen des gewöhnlichsten Schlages. Die Hauptmasse aller unserer Jugenderzählungen machen ja jene völlig werthlosen und nichtsnutzigen Familiengeschichten aus, in denen irgend ein biedrer Onkel oder eine reiche Tante die Hauptfiguren [794] sind, jene Geschichten, bei denen uns immer die Worte auf der Zunge schweben, mit denen Schiller in seiner Parodie „Shakespeare’s Schatten“ die Iffland’schen Familienstücke geißelte:

„Aber ich bitte Dich, Freund, was kann denn dieser Misere
     Großes begegnen, was kann Großes durch sie denn geschehn?“

Und welcher Mißgriff ist es nun vollends, in diesen Erzählungen die liebe Jugend selbst in den Vordergrund zu stellen und sie redend und handelnd auftreten zu lassen! Wahrlich, der versteht sich schlecht auf das Kindesherz, der sich einbildet, daß Kinder sich nur im Mindesten für ihresgleichen interessiren, daß sie im Stande seien, das Leben und Treiben der Kinderwelt objectiv zu betrachten, oder gar, daß jene moralischen und unmoralischen Paradekinder, der „fleißige Anton“ und der „ehrliche Karl“ und das „naschhafte Käthchen“ und wie sie Alle heißen, dem kindlichen Gemüthe nur die geringste Theilnahme entlocken können.

Eine gute Erzählung soll weiterhin lehrreich sein; unsere Kindergeschichten aber sind aufdringlich lehrhaft. In aller Literatur sind zwischen Poesie und Wissenschaft scharfe Grenzen gezogen, und Jeder, der diese beiden Gebiete vermengen wollte, würde sich unrettbar lächerlich machen. In der Kunsttheorie nimmt die didaktische, das heißt die lehrhafte Dichtung den untersten Rang aller Poesie ein, sie ist eigentlich gar keine Poesie mehr. Blos in den Jugenderzählungen glaubt man wunder was zu thun, wenn man auf Tritt und Schritt belehrenden Stoff hineinstreut, und so werden jene zahllosen widerwärtigen Bücher fertig, mit deren Hülfe im Rahmen einer gleichgültigen Erzählung aller mögliche geschichtliche, geographische und naturwissenschaftliche Stoff der Jugend „spielend beigebracht“ werden soll. Zum Belehren sind Lehrbücher da, aber nicht die Poesie. Wer je mit Knaben oder Mädchen von sechszehn, siebzehn Jahren Goethe’s „Hermann und Dorothea“ gelesen, der wird wissen, wie unendlich lehrreich diese Dichtung für die Jugend werden kann; aber wo ist auch nur die leiseste Spur zu finden, daß der Dichter Jemanden damit habe belehren wollen?

Eine echte Jugenderzählung soll ferner der allezeit regen Phantasie des Kindes in maßvoll schönen Bildern und Vorstellungen Nahrung geben; unsere Kindergeschichten aber überbieten sich förmlich darin, die kindliche Einbildungskraft mit unwahren, aufregenden Zerrbildern anzufüllen. Man sehe nur diese Robinsonaden an, die ungeschickten, übertriebenen Nachahmungen des echten, alten Robinson, diese Indianergeschichten, diese Nordpolfahrten, diese Jagdabenteuer, diese Wüstenbilder: welche haarsträubenden, schaudererregenden Scenen drängen da einander! Ein einzelner Mensch fünf Löwen oder einer Rotte Rothhäuten oder einem ganzen Rudel Eisbären gegenüber – um ein Geringeres thun es diese Geschichten nie.

Und so ließen sich noch gar mancherlei unerfüllte Wünsche aufzählen. Eine gute Erzählung soll sittlich bildend sein, indem sie durch die vorgeführten Handlungen ganz von selbst das Urtheil der Kleinen über Gut und Böse, über Recht und Unrecht herausfordert; unsere Kindergeschichten aber wimmeln von flachen moralischen Gemeinplätzen, so daß man jeden Augenblick die Absicht merkt und verstimmt wird; sie sollen in einfacher, echt kindlicher Sprache erzählt sein, aber sie verfallen in ein kindisches Plärren und Stammeln; sie sollen von echtem Humor durchleuchtet sein, aber sie ergehen sich in platten Späßen; sie sollen voll frischer, unverfälschter Empfindung sein, aber sie sind übertrieben gefühlvoll und sentimental und, anstatt das Gefühl zu wecken, setzen sie Gefühle voraus, die das Kind, glücklicher Weise noch gar nicht hat.

„Ja ein derber und trockener Spaß, nichts geht uns darüber;
     Aber der Jammer auch, wenn er nur naß ist, gefällt,“

heißt es bei Schiller in dem erwähnten Gedichte, und auch dies paßt auf unsere Jugendschriften so gut wie auf die Iffland’schen Rührstücke.

Es ist ein trübseliges Bild, das wir da zeichnen, aber ein Bild, das der Wirklichkeit sehr, sehr nahe kommt. Es soll nicht geleugnet werden, daß gar manche dieser erfundenen Kindergeschichten den einen oder anderen der genannten Fehler vermeidet; aber es ist ganz entschieden zu leugnen, daß es unter tausenden auch nur eine giebt, die allen den genannten Ansprüchen genügte. Denn um das zu können und um alle die angeführten Bedingungen zu erfüllen, dazu gehört freilich nicht mehr und nicht weniger, als daß man ein poetischer Genius oder mindestens ein poetisches Talent ersten Ranges sei. Das kann man aber doch von unseren Jugendschriftstellern und ‑Schriftstellerinnen schwerlich voraussetzen.

Wer sind sie denn, diese erzählenden Dichter der Jugend? Im günstigsten Falle sind es wohlmeinende Lehrer oder Pfarrer, die vielleicht wirklich der ehrlichen Ueberzeugung leben, daß sie ein gutes Werk stiften und sich eine Stufe in den Himmel erbauen, wenn sie die ungeheure Fluth überflüssiger Kindergeschichten noch um ein paar vermehren. Oder aber es sind von der Feder lebende Literaten, die, weil sie unfähig sind, für das reife und gebildete Publicum zu schreiben, ihre geistesarmen Erzeugnisse nun den Unmündigen anbieten zu dürfen glauben, oder die auf Bestellung die Kindergeschichten dutzendweise aus den Aermeln schütteln; denn aus purem dichterischem Drange und ohne Hunger zu haben schreibt ganz gewiß Niemand in einem Athem „Hundert moralische Erzählungen“. Oder endlich – und das ist das Schlimmste –, es sind schriftstellernde Blaustrümpfe, denen die Langeweile und die bodenloseste Eitelkeit die Feder in die Hand drückt. Wir begehen wohl keine Indiscretion, wenn wir hier wörtlich anführen, was uns im vorigen Jahre einer der hervorragendsten deutschen Jugendschriftenverleger schrieb: „Es ist ein in Deutschland sehr verbreiteter Irrthum, das Schreiben von Jugendschriften für leicht zu halten; so sind namentlich unzählige adelige Damen in dem Irrthume befangen, sie seien zu dieser Beschäftigung berufen. Alle Jahre erhalte ich eine ganze Menge solcher Manuscripte eingeschickt, welche meistens, nachdem ich zwei bis drei Seiten mit geringer Befriedigung durchlesen, ‚unter höflichem Danke‘ zurückwandern. Vielen dieser Sachen begegne ich dann später im Sortimentsladen wieder, ein Beweis, daß sie trotz ihres schwachen Gehaltes doch einen Verleger gefunden haben.“

So also sieht es mit der Berechtigung dieser gemachten Kindergeschichten aus. Wie aber steht es mit ihrer Nothwendigkeit?

Und wenn ein Knabe noch so viel von der freien Zeit, die ihm die Schule läßt, über den Büchern säße, er würde nicht im Stande sein, alle die Bücher zu lesen, worin jene echten und wahren Kindererzählungen niedergelegt sind, die alle die oben aufgestellten Forderungen im vollsten Maße erfüllen. Und welche Erzählungen das sind? Nun, es sind vor Allem jene ewigen und unvergänglichen, wahrhaft classischen Erzählungsstoffe, die nicht blos der Jugend, aber der Jugend vor Allem gehören: die Volksmärchen und die Volkssagen, und zwar nicht die deutschen allein, sondern die aller Zeiten und Völker.

So lange das Kind nicht selber lesen kann, muß ihm die Poesie durch „mündliche Tradition“ und natürlich am liebsten durch den Mund der Mutter vermittelt werden. Aber wie viele Mütter giebt es denn noch heutzutage, die ein echtes Volksmärchen, wie die Sternthaler, Hühnchen und Hähnchen, Rothkäppchen, Schneewittchen u. a., unverkürzt und unverfälscht ihren Kindern erzählen können? Wie viele sind es denn, die jene unendliche Fülle echter Kinderpoesie noch im Gedächtniß haben, die in an den kleinen Wiegenliedern (Schlaf’, Kindchen, schlaf’), Tanzliedern (Buko von Halberstadt), Reiterliedern (Schacke, schacke, Reiterlein), Fingerspielen (Backe, backe Kuchen, oder: Da hast en Daler), Kinderpredigten (Ihr Diener, meine Herr’n, Aeppel sind keine Bern) und Kinderräthseln (Erst weiß wie Schnee) enthalten ist? Alle diese Märchen, Lieder, Sprüche, Räthsel, in denen viel mehr Geist steckt, als in den albernen Kinderversen unserer bunten Bilderbücher, findet die Mutter beisammen in dem Buche von Dittmar, „Der Kinder Lust“ (1 Thlr.). Das mag sie sich selber bescheeren, denn sie bescheert es dann auch ihren Kindern mit.

Das erste Lesebuch, welches jedes deutsche Kind, Knabe wie Mädchen, auf seinem Weihnachtstische finden sollte, sind die Kindermärchen, die die Gebrüder Grimm gesammelt haben (Dümmler, 15 Sgr.). Reichere mögen außerdem die Auswahl daraus kaufen, welche, hübsch illustrirt, bei Thienemann in Stuttgart erschienen ist (2 Thlr.). Bechstein’s Märchenbuch enthält zwar auch echte Volksmärchen, ist aber nicht eigentlich für Kinder bestimmt, noch weniger die künstlich gemachten Märchen von Musäus und Andersen. Mädchen sind ja oft bis in’s Backfischalter hinein wahre Märchentigerinnen und verschlingen gierig Alles, was Märchen heißt; ihnen mag man denn auch, wenn sie etwas reifer sind, nach Grimm noch andere Sammlungen [795] in die Hand geben, nur lasse man des Guten nicht zu viel werden.

An die Märchen schließen sich die Deutschen Volksbücher an, die G. Schwab für Jung und Alt in prächtiger Weise wiedererzählt hat (Bertelsmann, 31/3 Thlr.). Dieses viel zu wenig gekannte Buch enthält die Geschichten vom gehörnten Siegfried, von der schönen Magellone, dem armen Heinrich, Genovefa, Robert dem Teufel, den Schildbürgern, den Haymonskindern, der schönen Melusine, Doctor Faust, Fortunat und seinen Söhnen u. A. und ist mit 180 trefflichen Holzschnitten von O. Pletsch, W. Camphausen, Th. Grosse u. A. geziert. Wer es irgend erschwingen kann, der kaufe es; wenn es erst die Kinder haben, so werden es die Eltern selber mitlesen wollen; davon sind wir fest überzeugt. Neben den Volksbüchern ist auch der alte Raspe’sche „Münchhausen“ nicht zu verachten, wie er in der deutschen Bearbeitung von F. Hoffmann, hübsch illustrirt, vorliegt (Thienemann, 11/2 Thlr.).

Für die deutsche Heldensage verweisen wir auf die guten Bearbeitungen von Osterwald, die unter dem Titel „Erzählungen aus der alten deutschen Welt“ in der Buchhandlung des Halleschen Waisenhauses erschienen sind. Bis jetzt liegen acht Bände (à 20 bis 25 Sgr.) vor; der erste enthält die Gudrun, der zweite die Nibelungen, der fünfte und sechste den Parcival etc. Es sind schlichte, gelbcartonirte Bände ohne alles bestechende Aeußere, aber es braucht sich Niemand durch ihr einfaches Kleid abschrecken zu lassen.

Auch für die griechische Heldensage machen wir vor Allem auf die Jugendbibliothek des Halle’schen Waisenhauses aufmerksam. Dort hat erstens Masius die allbekannten Becker’schen „Erzählungen aus der alten Welt“ in drei Bänden wieder neu herausgegeben (1. Ulysses, 2. Achill, 3. Hercules und andere kleinere Erzählungen, zusammen 2 Thlr.) und sodann Osterwald den Inhalt der erhaltenen Schauspiele der drei großen griechischen Tragödiendichter Aeschylos, Sophokles und Euripides zu trefflichen Erzählungen umgestaltet. Auch von diesen liegen bis jetzt acht Bände vor (12 bis 18 Sgr.).

Außerdem aber nennen wir als gute Bearbeitungen der hellenischen Heldensage für Kleinere: Schneider’s „Heldensagen“ (Scheermesser, 20 Sgr.) und Niebuhr’s „Heroengeschichten“ (Perthes, 16 Sgr.); für Reifere: Stoll’s „Sagen des classischen Alterthums“ (Teubner, 2 Thlr. 12 Sgr.), und für fähige Köpfe, die auch größere Massen von Detail verdauen können: Schwab’s „Sagen des classischen Alterthums“ (Bertelsmann, 3 Thlr. 18 Sgr.).

Auch von orientalischen Sagen giebt es einige gute Darstellungen für die Jugend, namentlich die von L. Grimm bearbeiteten Märchen der „Tausend und einen Nacht“, vorzüglich illustrirt (Gebhardt, 23/4 Thlr.) und die „Morgenländischen Erzählungen“ von Lauckhard (Brill, 11/3 Thlr.).

Von Bearbeitungen der Thiersage endlich sei insbesondere der „Reineke Fuchs“ von Schmidt (Kastner, 1 Thlr.) und der „Froschmäusekrieg“ von Mensch (Kröner, 1 Thlr. 12 Sgr.) angelegentlichst empfohlen.

Außer diesen dem Volksepos angehörigen Stoffen ist es noch eine kleine Reihe classischer Romane und Erzählungen, deren Verwendbarkeit für die Jugend man längst erkannt hat, und die daher in guten Bearbeitungen der Jugend zugänglich gemacht worden sind. Merkwürdiger Weise gehören sie sammt und sonders nicht der deutschen, sondern der ausländischen Dichtung an. Die hervorragendste Erscheinung dieser Gruppe ist und bleibt Defoe’s „Robinson“. Ein Stück Culturgeschichte der Menschheit, welches Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende umspannt, in dem Leben eines einzelnen Menschen sich wiederholen zu lassen, den ein unseliges Geschick von allen Mitteln der Cultur entblößt den rohen, ungebändigten Naturkräften gegenüber und so noch einmal gleichsam an den Anfang aller Dinge stellt, – über die großartige pädagogische Bedeutung dieses Stoffes hat nie ein Zweifel geherrscht. Unter den neueren Bearbeitungen ist uns aus mehr als einem Grunde immer als die vorzüglichste erschienen die von Gräbner (Verlag für erziehenden Unterricht, 11/6 Thlr.). Neben dem Urrobinson verdient namentlich der alte „Schweizerische Robinson“ von J. D. Wyß Beachtung, der dadurch, daß er eine ganze Familie an Stelle des einzelnen Menschen setzt, Gelegenheit findet, wesentlich andere Motive zu entfalten, als der Urrobinson; er liegt neuerdings in einer hübschen Bearbeitung von Bonnet vor (15/6 Thlr.). Außer dem Robinson empfehlen wir noch „Gulliver’s Reisen“ von J. Swift, das Urbild aller Riesen- und Liliputergeschichten, in der gut illustrirten Bearbeitung von F. Hoffmann (Thienemann, 11/2 Thlr.), oder von Seifert (Kröner, 1 Thlr.), sodann den „Don Quixote“ des Cervantes, ebenfalls von F. Hoffmann oder von Seifert herausgegeben (Thienemann, 11/2 Thlr.; Kröner, 1 Thlr.), und endlich Cooper’s allbekannte Lederstrumpferzählungen in verschiedenen Ausgaben (Oehmigke, 1 Thlr.; Schmidt und Spring, 23/4 Thlr.; Gebhardt, 21/12 Thlr.).

So lange die Jugend nicht die genannten Erzählungsstoffe kennen gelernt hat, so lange sollte man sie mit allen künstlich gemachten und ersonnenen Kindergeschichten moderner Jugendschriftsteller verschonen. Wir sind durchaus nicht gewillt, das Kind mit dem Bade auszuschütten und alle diese erfundenen Jugenderzählungen in Bausch und Bogen zu verdammen. Es giebt schon mancherlei brauchbare darunter, um deren willen man von den oben aufgestellten Principien einmal abgeht und einen Pflock zurücksteckt; aber verhältnißmäßig ist ihre Anzahl noch immer sehr beschränkt, und daher muß man im Großen und Ganzen zur Vorsicht rathen.

Der Geschmack an der echten und wahren Poesie wird, wenn man die Kinder mit schlechten Fabrikaten füttert, unglaublich rasch ruinirt. Die naturgemäße und unausbleibliche Fortsetzung dieser schlechten Jugenderzählungen bildet dann, wenn die Kinder herangewachsen sind, die schlechte, seichte und künstlich aufregende Romanliteratur; die Fortsetzung der guten dagegen bilden ganz von selbst die Werke unserer classischen Dichter. Leider ist es eine Thatsache, daß die Popularität unserer classischen Dichter durchaus nicht mit der Wohlfeilheit ihrer Schriften gewachsen ist. Seitdem Lessing, Goethe, Schiller für wenige Groschen zu haben sind, seitdem werden sie zwar mehr gekauft, aber ganz entschieden weniger gelesen, als früher.

So viel von der Poesie. Das nächste Mal von der Wissenschaft und der bildenden Kunst und – noch von etwas ganz Anderem.


[821]
II.


Was man als Kind schlechtweg Lesebücher nennt, darin haben wir die poetische Literatur der Jugend wiedererkannt. Wir werfen nun zunächst einen Blick auf ihre wissenschaftliche Literatur, also auf die Lehrbücher, und beginnen hier mit der Geschichte. Eine genaue Detailkenntniß, einen klaren Einblick in den ursachlichen Zusammenhang der Ereignisse, eine plastische Anschauung von Personen und Sachen wird man, wie die menschliche Fassungskraft einmal beschaffen ist, immer nur von einzelnen Abschnitten der Geschichte sich aneignen können. Diese einfache Wahrheit hat sich mehr und mehr auch beim Geschichtsunterrichte der Jugend Geltung verschafft. Auch die Jugend schon soll aus dem großen Nebelgrau, als welches ihr die Weltgeschichte zunächst erscheinen muß, wenigstens eine Anzahl starkbeleuchteter Bergkuppen hervorragen sehen; auch sie soll nicht mit einem fleischlosen Gerippe von Namen und Zahlen abgespeist werden, sondern sie soll sich zuerst in eine Reihe besonders glänzender und hervorragender Partieen der Geschichte völlig hineinleben und darin heimisch werden, und später erst sollen zwischen diese farbenglänzenden Bilder die mangelnden Bindeglieder eingeschoben werden, die immerhin dann matter gezeichnet sein mögen. Dies erreicht man aber nicht, wie man sich gewöhnlich einbildet, indem man die Vorgänge der Geschichte lediglich um hervorragende Personen gruppirt und so die ganze Darstellung in künstlichster Weise und oft mit größter Mühe und Noth in die biographische Form hineinzwängt, sondern dadurch, daß man auch die Jugend schon geraden Weges an die sogenannten Geschichtsquellen hinanführt. So frisch und anschaulich, mit einer solchen Fülle belebenden Details zu erzählen, so mitten in die Dinge hineinzuversetzen, daß man sie Schritt für Schritt mit zu durchleben meint, das vermag nimmermehr die straff concentrirte Biographie, noch weniger ein systematisches Lehrbuch der Geschichte, dessen Aufgabe es ist, eine abgerundete, zusammenfassende, in allen Partien möglichst sorgfältig ausgeführte Darstellung zu geben, sondern einzig und allein die Geschichtsquelle. Nicht den modernen Biographen oder Historiker darf die Jugend erzählen hören, sondern jene Alten, die die Ereignisse selbst mit durchlebt und sie in schlichter, treuherziger, naiver Weise mit behaglichster Ausführlichkeit aufgezeichnet haben.

Auf diesem Felde hat sich wieder die Buchhandlung des Halle’schen Waisenhauses Verdienste erworben. Dort erscheinen schon seit einer Reihe von Jahren gute Bearbeitungen von Quellenschriftstellern zur Geschichte des classischen (d. h. des griechischen und römischen) Alterthums, und auch mit der deutschen Geschichte ist wenigstens ein guter Anfang gemacht, bei dem es hoffentlich nicht bleiben wird. Da liegt die Geschichte Karl’s des Großen vor, nach Einhardt, dem Mönch von St. Gallen, wiedererzählt, die Geschichte Heinrich’s des „Städtegründers“ und Otto’s des Großen nach Widukind von Corvey und manches Andere. Jede Buchhandlung kann ein Verzeichniß der bisher erschienenen Bände, deren Preis je nach ihrer Stärke sehr verschieden ist, zur Auswahl vorlegen; daher können wir uns auf diese Andeutungen beschränken. Natürlich ist auch außerhalb des genannten Verlags mancherlei Gutes in dieser Richtung geleistet worden; wir nennen nur noch für die deutsche Geschichte ein viel zu wenig bekanntes Buch und wieder ein solches, das die Eltern wahrscheinlich mit Interesse mitlesen werden, wenn es die Kinder nur erst besitzen, nämlich O. Klopp’s „Geschichten charakteristischer Züge und Sagen der deutschen Volksstämme aus der Zeit der Völkerwanderung“ (Weidmann, 21/4 Thlr.).

Es versteht sich von selbst, daß es mit diesen Geschichtsdarstellungen an der Hand der Quellen nicht abgethan ist. Zusammenfassende systematische Lehrbücher müssen sich daran anschließen. Und da wüßten wir denn für die alte Geschichte nichts besseres als Jäger’s „Griechische“ und „Römische Geschichte“ (Bertelsmann, 2 Thlr. 8 Sgr. und 2 Thlr. 4 Sgr.) und für die vaterländische Geschichte ein prächtiges Buch, das wir nicht [822] warm genug empfehlen können, David Müller’s „Geschichte des deutschen Volkes“ (Vahlen, 11/3 Thlr.). Es giebt wenigstens keine populäre deutsche Geschichte, die auf so knappem Raume eine so reiche Menge namentlich auch culturhistorischen Details in so klarer und lichtvoller Gruppirung und so frischer Darstellung enthielte und dabei von so gesunden politischen Anschauungen über den Gang unserer nationalen Entwickelung durchdrungen wäre, wie das Buch von David Müller. Zur Einführung in die allgemeine Weltgeschichte eignen sich die „Geschichtserzählungen“ von Stacke, namentlich die Darstellungen aus dem Mittelalter, der neuen und der neuesten Geschichte (Stalling, 15, 25 Sgr. und 1 Thlr.). Außerdem sind empfehlenswerth die „Charakterbilder aus der Weltgeschichte“ von Grube (Brandstetter, 3 Thlr.). Von brauchbaren Einzeldarstellungen nennen wir Hoffmann, „Columbus, Cortez und Pizarro“ (Trewendt, 21/4 Thlr.); Weidinger, „Friedrich der Große“ (Teubner, 1 Thlr.); Reiser, „Deutschlands Schmach und Ehre“ (Koch, 1/2 Thlr.).

Nächst der Geschichte wollen wir für die Geographie und die Naturwissenschaften einige empfehlenswerthe Bücher bezeichnen, welche den Unterricht der Schule in aller nur wünschenswerthen Weise fördern und beleben können. Eine gute Ergänzung jedes geographischen Unterrichts werden die „Geographischen Charakterbilder“ von Grube abgeben (Brandstetter, 3 Thlr. 121/2 Sgr.). In den Naturwissenschaften empfehlen wir vor Allem zur anregenden Anschauung für Kleinere die Zonenbilder von Leutemann (Thienemann, 2 Thlr.). Für die Naturbeschreibung schlagen wir vor: Wagner’s „Naturgeschichte“ (Thienemann, 1 Thlr.) oder Martin’s „Naturgeschichte“ (Schmidt und Spring, 11/2 Thlr.), für Wohlhabendere die reichhaltige und gut illustrirte große „Naturgeschichte“ von Rebau (Thienemann, 4 Thlr.). Insectensammlern wird man eine Freude machen mit Rebau’s „Käferbüchlein“ (Fleischhauer und Sp., 1 Thlr.) oder Hermann’s „Schmetterlingsjäger“ (Gräbner, 11/2 Thlr.), und wer’s bezahlen kann, der kaufe das prachtvolle „Schmetterlingsbuch“ von Berge (Thienemann 53/5 Thlr.). Für Reifere empfehlen wir noch Schödler’s „Buch der Natur“ (Vieweg und Sohn, 23/4 Thlr.); Stöckhardt’s „Schule der Chemie“ (ebend., 2 Thlr.); Weinhold’s „Vorschule der Experimentalphysik“ (Quandt u. Händel, 31/3 Thlr.); Benthin’s „Lehrbuch der Sternkunde“ (E. Fleischer, 22/3 Thlr.) und ganz besonders auch die bis jetzt in neun Bänden vorliegende „Naturwissenschaftliche Volksbibliothek“ (Oldenb., à Bd. 24 Sgr.).

Haben wir die Lesebücher mit dem vornehmen, aber durchaus zutreffende Namen der poetischen Literatur der Jugend bezeichnet, so ist es nun auch nicht schwer zu errathen, wie es gemeint war, wenn wir sagten, ein Theil der Jugendliteratur bewege sich auf dem Gebiete der bildenden Kunst: es sind die Bilderbücher! Fast alle Jugendschriften sind mehr oder weniger Bilderbücher. Es giebt nur wenige, die, wie die Halle’sche Jugendbibliothek, so enthaltsam sind, auf jeden bildnerischen Schmuck zu verzichten. Wir möchten diese Enthaltsamkeit auch keineswegs als einen Vorzug hinstellen. Gute Illustrationen sind in jedem Buche willkommen, und in Jugendschriften doppelt. Ohne Anschauung steht die kindliche Einbildungskraft entweder rathlos da, oder sie verliert sich in die wunderlichsten Irrwege. Ein großer Theil der von uns genannten Bücher ist denn auch mit Abbildungen versehen, bald mehr, bald weniger guten. Mit diesen haben wir es aber hier nicht zu thun, sondern mit solchen Büchern, die weiter nichts sind und sein wollen als „Bilderbücher“.

Da stehen wir nun freilich vor dem bösesten Capitel der ganzen Jugendliteratur. In keinem Zweige des Buchhandels wird eine solche Unmasse des schofelsten Zeuges hergestellt, als unter den Bilderbüchern. Den meisten thut man eine viel zu große Ehre an, wenn man sie überhaupt noch zu den literarischen Erzeugnissen zählt. Sie werden genau so fabricirt und dutzend- oder hundertweise in Schachteln verpackt und versandt wie die Spielwaaren; in den Spielwaarenläden sind sie auch zu haben, so gut wie in den Buchhandlungen. Von dieser ordinären kleinen Dutzend- und Groschenwaare sehen wir gänzlich ab. Wir sehen aber auch ab von der großen und höchst anspruchsvoll auftretenden Kategorie jener trivialen Fabrikate, zu denen „Der Struwwelpeter“, „Der Stapelmatz“, „Der Daumenlutscher“, „Der Suppenkaspar“ und viele ähnliche Producte gehören. Wenn Bilderbücher außer der Anschauung, die sie gewähren, noch irgend einen Zweck haben, so kann es doch nur der sein, schon in der Kindesseele den Sinn für Schönheit zu wecken. Das wird aber doch Niemand auf dem Wege erreichen wollen, daß er, mit einer Art Abschreckungstheorie, dem Kinde das absolut Häßliche und Gemeine vorführt.

Was die technische Ausführung der Bilder betrifft, so rathen wir vor Allem zur größten Vorsicht bei colorirten Bilderbüchern. Man weiß ja, was es heißt, dieses „Coloriren“. Die einfachste Lithographie, der schlichteste Holzschnitt ist künstlerisch werthvoller und für das Kindesauge bildender, als alle jene grobsinnliche Klexerei, alle jene auffälligen, schreienden und unvermittelten Farben, wie man sie in unseren Bilderbüchern findet. Nur bei Bildern für das ganz kleine Volk würden wir ein Auge zudrücken; hier kann die Farbe vielleicht im Anfange das Unterscheidungsvermögen etwas unterstützen.

Sehen wir uns aber unter den Holzschnitten wiederum gleich nach dem Besten um, so bleiben wir vor zwei Namen stehen: O. Pletsch und P. Konewka. Diese beiden Künstler haben im letzten Jahrzehnt der deutschen Kinderwelt eine Reihe der köstlichsten Bilderbücher bescheert. In den anmuthigen Zeichnungen von Pletsch, wie in den wunderbar lebensvollen Silhouetten Konewka’s ist Alles von tadellosester Correctheit, von reinster und edelster Schönheit. Wir wüßten nichts in der ganzen Jugendliteratur, was wir diesen Schöpfungen an die Seite setzen sollten. Was den Stoff dieser Bilder betrifft, so sind diese liebenswürdigen Meister freilich in derselben Täuschung befangen, wie die meisten unserer Jugendscribenten und Bilderbücherfabrikanten. Was sie geben, sind Genrebilder aus der Kinderwelt. Nun ist das Kind aber schon völlig unempfänglich für das Genre; es verlangt stets etwas Individuelles. Einer Mutter, die mit ihren Kleinen die Bilder von Pletsch durchblättert, bleibt daher gar nichts weiter übrig, als alle Gestalten zu individualisiren, wenn sie das Interesse der Kinder dafür erwecken will: Der kleine Bursche da mit dem papiernen Dreimaster, das ist „Fritz“, und der freundliche Herr im Schlafrock und im Käppchen, das ist „der Onkel Ludwig“. Ebensowenig interessirt sich aber das Kind für die Kinderwelt. Wir haben das schon im vorigen Artikel auseinandergesetzt und brauchen es hier nicht zu wiederholen. R. Reichenau hat in seinem Buche „Aus unseren vier Wänden“ äußerst poesievolle und lebenswahre Bilder aus der Kinderwelt geschildert, R. Schumann in seinen „Kinderscenen“ dieselbe Kinderwelt in der duftigsten und poetischsten Weise in Musik gesetzt; aber welche Mutter oder welcher Lehrer wird so thöricht sein, Kindern Reichenau zu lesen zu geben oder Schumann auf dem Clavier spielen zu lassen? Nun, Pletsch und Konewka haben das gezeichnet, was jene Beiden in Worten und Tönen gesagt haben. Der Erwachsene kann sich an diesen Bildern wahrhaft erbauen, weil er sich in die holde Poesie des Kinderlebens versenken kann; das Kind aber will alles Andere eher und lieber gemalt sehen, als sein eigenes Thun und Treiben. Ein weiterer Fehler aber, den diese schönen Bilderbücher leider mit den Bilderbüchern gewöhnlichen Schlags noch theilen, sind die darunterstehenden Reime. Wozu bedarf es dieser? Sprechen diese Bilder nicht von selbst? Liegt nicht im harmlosesten Schooßliedchen, das von Mund zu Munde geht, mehr wahre Poesie, als in diesen mühselig gemachten, unkindlichen Verslein, die irgend ein beliebiger Versifex auf Bestellung geliefert hat? Wenn doch endlich unsere besseren Bilderbücher wenigstens diese jammervolle Kinderlyrik über Bord werfen wollten! Das hat aber wahrscheinlich noch gute Weile, ’s ist einmal so hergebracht, und so geht es auch ruhig im alten Schlendrian weiter. Trotz alledem muß man, wenn irgend etwas, diese Bilderbücher empfehlen, wenn nicht um des Was, so doch um des Wie willen; es waltet echte, reine Kunst darin, und diese auch dem Kindesauge schon so früh als möglich zu zeigen, darauf kommt es an. Von den schönen Silhouetten Konewka’s nennen wir den „Schwarzen Peter“ (Thienemann, 11/4 Thaler) und die „Schattenbilder“ (ebd. 1 Thlr.). Die Bilderbücher von Pletsch, die fast sämmtlich bei A. Dürr erschienen sind, findet man in jeder Buchhandlung in reicher Auswahl vorräthig. Vor dem achten oder neunten Jahre aber würden wir keinem Kinde diese Bücher in die Hand geben. Für Kleinere rathen wir, sich in der Buchhandlung einen Stoß „Münchener Bilderbogen“ oder noch lieber „Deutsche Bilderbogen“ vorlegen zu lassen und daraus eine gute Auswahl zu treffen. Doch greife man nicht zu den bekannten Carricaturen, wie „Diogenes und die bösen Buben von Korinth“, der „Schnuller“, [823] das „Rabennest“ und Aehnliches. Die drastische Komik dieser Bilder gleitet am Kinde völlig wirkungslos ab; es glotzt uns verwundert an, wenn es sieht, wie wir uns vor Lachen darüber ausschütten. Unter den „deutschen“ Bilderbogen namentlich sind eine Reihe wahrhaft künstlerischer Blätter – und um was für einen billigen Preis! Der ärmste Mann, der seinem Kinde drei solche Bilderbogen à 1 Sgr. auf den Weihnachtstisch legt, erzeigt ihm eine größere Wohlthat, als wenn er ihm solch ein buntbeklextes „schönes Bilderbuch“ für 3 Sgr. kauft. Halbwegs bemittelte Eltern machen wir aufmerksam auf die ganz vorzüglichen gut colorirten „Bilder für den Anschauungsunterricht“ (Eßlingen, Schreiber), namentlich auf die ersten drei Hefte: 1. Gegenstände des täglichen Lebens; 2. Gift- und Culturpflanzen; 3. Naturgegenstände (à 15/6 Thlr.). Für das ganz kleine Gesindel aber, für die Leutchen, deren Zergliederungstrieb noch nicht in die gehörigen Schranken gewiesen ist, giebt es nichts Besseres als die sogenannten „unzerreißbaren“ Bilderbücher. Sie sind zwar, was die Ausführung der Bilder betrifft, nicht besser als ihres Gleichen, aber sie bieten in buntem Wechsel eine Menge brauchbaren Anschauungsstoffes und enthalten sich aller Lyrik.

So wären wir denn mit unseren Vorschlägen für den Weihnachtstisch zu Ende – und doch noch nicht zu Ende. Noch haben wir einer Gattung von Jugendschriften nicht gedacht, die sich einer ganz besondern Beliebtheit erfreuen, die Jahr für Jahr in neuer Gestalt sich einstellen und immer wieder die bereitwilligsten Käufer finden; wir meinen die sogenannten „Jugendalbums“, „Jugendfreunde“, „Jugendblätter“, „Töchteralbums“ und wie sie sonst noch heißen. Was bezwecken diese eigentlich? Sie bringen in buntestem Durcheinander bald gemachte Kindergeschichten und Kindergedichte, bald kleine belehrende Aufsätze aus der Geschichte, Geographie und den Naturwissenschaften, bald Reisebilder, Jagdskizzen, Sprüche und Räthsel, und das Alles illustrirt durch Lithographie, Holzschnitte und colorirte Bilder; sie sind also, um es kurz zu sagen, Potpourris, Sammelsurien aus allen drei Gebieten der Jugendliteratur.

Man kommt angesichts solcher Bücher nie über die zweifelnde Frage hinaus: Ist es wirklich arglose Thorheit, oder ist es arge Dreistigkeit, die solch einen Mischmasch zusammenbraut und unserer Jugend als geistige Kost vorsetzt? Wir wollen annehmen, daß Alle, die zur Herstellung eines solchen Machwerks ihre Hand bieten, in gutem Glauben handeln, und daß sie nicht um bloßen Geldgewinnes willen daran mitarbeiten helfen. Man frage sich aber doch einmal ernstlich und ruhig, was bei diesen Büchern herauskommt. Meist fehlen den darin behandelten Gegenständen alle Anknüpfungspunkte an die jeweiligen Kenntnisse des Kindes; so stehen sie unvermittelt da und gehen ebenso rasch wieder verloren, wie sie aufgenommen wurden. Das Kind gewinnt nicht nur nichts bei dieser Beschäftigung, sondern es verliert sogar dabei. Unsere ganze moderne Pädagogik drängt nach „Concentration“ des Unterrichts, sie sucht die Lehrstoffe möglichst mit einander zu verbinden, zu einander in Beziehung zu setzen, damit sie sich gegenseitig stützen und befestigen; diese Bestrebungen werden durch solche Erzeugnisse der Jugendliteratur durchaus wieder in Frage gestellt, ja, es wird ihnen in der unbesonnensten Weise entgegengearbeitet. Was hat das Kind davon, wenn es in der einen Viertelstunde etwas von einem italienischen Maler, in der nächsten eine Geschichte vom „Onkel Martin“, in der dritten etwas über den „alten Fritz“, dann wieder über die Buschmänner, über den Fabeldichter Aesop, über das Känguruh und über einen beliebigen Seesturm liest? Sittliches Unheil freilich wird bei diesem Kunterbunt nicht angerichtet; mitunter bleibt vielleicht sogar diese oder jene Notiz verlorener Weise im Gedächtniß hängen, und das würde ja sogar ein kleiner Gewinn sein; daß aber durch dieses unaufhörliche Herumflattern von einem Gegenstande zum andern die geistige Kraft zersplittert, die jugendliche Phantasie, dieses köstliche Gut, das, verständig geleitet, einen der mächtigsten Factoren der Erziehung abgeben kann, gemißbraucht und vergeudet wird, das ist doch sonnenklar. Die Kinder gewöhnen sich nicht, einen umfangreichen, zusammenhängenden Stoff zu übersehen und zu bewältigen, sie jagen nippend und naschend von einem zum andern. Wo soll dann im späteren Leben die Fähigkeit herkommen, sich mit Ernst und Liebe in einen Gegenstand zu vertiefen, wenn man die Kinder systematisch zu oberflächlicher Halbwisserei erzieht? Mehr und mehr empfindet man in unserer Zeit die Nothwendigkeit, Fortbildungsschulen zu errichten und die Schulzeit bis zum sechszehnten Jahre auszudehnen, weil die erhöhten Bildungsziele in der bisherigen Frist nicht mehr zu erreichen sind. Und doch erschwert man unüberlegter Weise auf der anderen Seite die Erreichung dieser Ziele, indem man schon die Kinder zu einem plan- und zwecklosen Aufschnappen aller möglichen gleichgültigen Dinge anleitet.

Im vorigen Artikel haben wir die Anforderungen zusammengestellt, die eine wahrhaft gute Jugendschrift zu erfüllen hat. Eine haben wir dabei absichtlich übergangen, um sie hier am Schlusse auszusprechen, nicht weil sie die unwichtigste, sondern gerade weil sie die oberste und wichtigste von allen ist; sie ergiebt sich aus dem eben Entwickelten von selbst und lautet: Der Stoff soll jederzeit ein ganzer und einheitlicher sein.

Wir bilden uns nicht ein, in dem Vorstehenden auch nur einen annähernd erschöpfenden Ueberblick über die gute Jugendliteratur gegeben zu haben. Es kam uns viel mehr darauf an, die Principien der Auswahl zu erörtern, als einzelne Vorschläge zu machen. Zwischen Knaben und Mädchen haben wir absichtlich nicht unterschieden; giebt es denn eine besondere Poesie, Wissenschaft und Kunst für Frauen? Ebenso haben wir Altersunterschiede in der Regel nicht ausdrücklich berücksichtigt. Es ist thöricht zu sagen, das eine Buch sei für Kinder von acht bis zehn, das andere für Kinder von zehn bis zwölf Jahren. Die Eltern müssen am besten wissen, was sie ihren Kindern bieten können. Hier kommt es nicht auf die Jahre, sondern auf geistige Befähigung, auf den Bildungsgrad des Elternhauses und auf den genossenen Unterricht an. Endlich möchten wir noch den Vorwurf zurückweisen, daß wir nur lauter ziemlich theure Sachen aufgeführt haben. Gute Artikel sind noch auf allen Gebieten menschlicher Thätigkeit theurer gewesen als schlechte; das kann auch bei den Büchern nicht anders sein.