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Textdaten
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Autor: Friedrich Brunold
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Titel: Der Werbellin-See
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 640-642
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Werbellin-See.

Alljährlich, wenn die Kaiserjagden in der Schorfhaide abgehalten werden, das erlegte Wild unter den Buchen liegt und die Dunkelheit des Heimweges durch den Wald bis zur Chaussee von unzähligen Haufen brennenden Kiefernscheitholzes erleuchtet wird, dann wird auch des Werbellin gedacht, an dessen Ufern der Weg hinführt und dessen Fluthen im Widerschein der Feuer glänzen.

Es ist ein eigenthümlich märchenhafter Glanz, der auf diesem Wasser ruht. Der See ist immer schön, mag die Sonne ihn bescheinen oder der Mond sich in seinen Fluthen spiegeln. Fremde, die der Zufall an seine Ufer führt, stehen erstaunt; Heimische sehen an ihm sich nimmer satt, denken sein in der schönsten, reichsten Ferne, während Weitgereiste seines Lobes voll sind und ihn mit dem Königssee des baierischen Hochlandes vergleichen. Der See liegt abseits vom Wege der allgemeinen Heerstraße – man kennt ihn nicht – und doch hat auch hier einst das Leben in so reichem Maße gefluthet; Schlösser haben an seinen Ufern, in seiner Nähe gestanden – und die Fäden der deutschen Geschichte knoteten sich hier oder wurden von hier aus gesponnen. Wir sehen ab von jener Urgeschichte, wo Pfahlbauten, deren Reste Professor Virchow auch hier gefunden, die Ufer säumten, jenen Steingräbern, die im Walde zerstreut sich noch immer zeigen – wir denken der Zeit der Askanier, jenes Fürstengeschlechts, das, über die Mark Jahrhunderte herrschend, dieselbe zu Glanz und Ehren brachte, um wie ein Nebelstreif dahin zu wallen und in Nacht zu versinken.

Dort am Grimnitzsee, jenem zuhöchstgelegenen See der Mark Brandenburg, stand das Schloß gleichen Namens, erbaut von Markgraf Johann im Jahre 1247, in welchem Jahre auch Schloß Werbellin von ihm erbaut sein soll, wenige Stunden von ersterem entfernt. Beide Seen können – der Grimnitz liegt einige fünfzig Meter höher als der Werbellin – von einzelnen Punkten aus zugleich übersehen werden. Ein drittes Schloß, Schloß Breden, stand gleichfalls höchst wahrscheinlich am Ufer des Werbellin, dort hinaus, wo jetzt das Försterhaus im Dorf Altenhof sich befindet; bei Erbauung desselben fand man tief gemauerte Keller, in deren Räumen alter Wein lagerte, dessen Flüssigkeit bereits fast zu Gallert sich verdickt hatte; auch will die Sage hier eine fest vermauerte eiserne Thür entdeckt haben, uneröffenbar, aber einen Gang verschließend, der hinabführen soll zur alten, im See versunkenen Stadt Werblo. Die Glocken der alten Stadt, heißt es, läuten noch am Johannistage aber auch sonst wohl aus der Tiefe herauf, Unheil verkündend und dem, der den Glockenklang vernehme, Verderben bringend. Es sind alte Sagen, wie es deren ähnliche ja so viele giebt. Bei keinem See aber klingen sie glaubhafter und natürlicher, als bei dem Werbellin. Liegt doch auf demselben ein Märchenzauber, ein Hauch der Sage, der unvergleichlich ist. Man lese die alten Chroniken, die Bücher der Geschichte, und man wird finden, daß die Fürsten aus dem Hause der Askanier nirgend lieber und länger verweilten, als in diesen ihren Schlössern am Grimnitz und Werbellin. Ersteres hat bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts gestanden; während letzteres bereits im Jahre 1344, wie es heißt, von den Litthauern zerstört wurde. Im Grimnitzschloß weilte Otto mit dem Pfeil, der Minnesänger, besonders gern. Hier saß er, wie ein Bild der Manessischen Sammlung der Minnelieder zeigt, mit seiner Gemahlin, der Heilwig, am Schachbrett, während die Sänger, von nah und fern herbeigekommen, ihre Harfen schlugen. Heilwig war es, die ihn mit kühnem Muthe und echter Frauenlist aus der schimpflichen Gefangenschaft der Magdeburger Bischöfe befreite, in welche er nach unglücklichem Ausgange eines Krieges mit denselben gerathen war.

Otto mit dem Pfeil ist hier im Grimnitzschloß gestorben und im Kloster Chorin begraben, wo ja auch bereits sein Vater, Markgraf Johann, der Erbauer Chorins, beigesetzt war. Jahrhunderte hindurch weilten die Fürsten der Mark mit ihren Gästen in Schloß Grimnitz; manche von hier aus unternommene Bären- und Wolfsjagd steht auf den Blättern der Chroniken und Geschichtswerke verzeichnet. Der Sage Epheu hat sich um die verfallenen Mauern gelegt, und in den noch vorhandenen tiefgemauerten Kellern des Schlosses glaubt man die Seufzer des Kanzlers Buch zu hören, den Waldemar hier gefangen setzen und verhungern ließ, nachdem derselbe wider seinen Willen zu Rhense den Baier zum Kaiser kürte. Die Sage erzählt es, und Männer der Geschichtsschreibung haben dieselbe als Eckstein zur späteren Geschichte des sogenannten falschen Waldemar genommen. Nicolaus von Buch hatte den Hungertod erleiden müssen, aber sein Sohn Johannes ward Hofrichter des Markgrafen Ludwig, der ein Sohn des Kaisers Ludwig war. Dieser hatte mit durch die Stimme Buch’s die Kaiserkrone erhalten und seinem Sohne die herrenlose Mark übergeben, nachdem Markgraf Waldemar plötzlich 1319 auf der Reise zu Bärwalde in der Neumark gestorben und zu Chorin beigesetzt worden war. Johannes von Buch war der einzige märkische Edelmann am Hofe des Baiern. Er hatte den von Eike von Repgow verfaßten Sachsenspiegel, das berühmte Rechtsbuch seiner Zeit, auf’s Neue glossirt und herausgegeben, und sein Wort, sein Ausspruch in Sachen des Rechts galt als maßgebend. Und als im Jahre 1348 Waldemar, der sogenannte falsche Waldemar, den uns der märkische Walter Scott, Wilibald Alexis, in seinem Romane geschildert, zurückgekehrt war, da war der Ausspruch Johann von Buch’s entscheidend; sein Ansehen gab in vielfacher Hinsicht den Ausschlag. Der Heimgekehrte, erst von Kaiser Karl dem Vierten Anerkannte, wurde als ein Fälscher, als ein Betrüger erklärt, sodaß sein Bildniß, sein Name noch heute in den Büchern der Geschichte schwankt. Unaufgeklärt wird dieses Blatt der Geschichte wohl für immer bleiben, wenn auch die neuere und neueste Forschung, nach welcher es kein Betrüger gewesen, der zurückgekehrt, mehr und mehr zur Geltung kommt.

Es ist bei dieser Annahme nur Eines auffällig. Waldemar hat, wenn er nicht im Kriege war, bis zu seinem angeblichen Tode fast regelmäßig auf Schloß Werbellin geweilt. Von hier aus sind die meisten seiner Erlasse ausgestellt. Schloß Werbellin war ihm der liebste Aufenthalt – und die Insassen des dicht am Schlosse gelegenen Dorfes Altenhof sahen ihn fast täglich. Jeder Einwohner daselbst kannte ihn. Warum berief sich der Heimgekehrte, der vom heiligen Grabe Zurückgekehrte, als man [641] seine Echtheit in Frage stellte, nicht auf die Einwohner des Alten Hofes?

Die Mönche des Klosters Chorin trugen den Mantel auf beiden Schultern. Die Altenhofer würden mehr der Wahrheit die Ehre gegeben haben. Oder siegte auch hier in der Brust des Heimgekehrten, der ja in früheren Jahren die Mark zu so großem und hohem Ansehen gebracht hatte, wie kein Fürst aus dem Hause der Askanier vor ihm - die Liebe zum Vaterlande, die ihn heimgeführt hatte, um das Elend desselben zu beseitigen, über das eigene Interesse, das eigene Ansehen, selbst über die eigene Ehre, sodaß er lieber die Schmach, als ein Betrüger zu gelten, auf sich nahm, als er sah, daß sein Abtreten die Noth des Landes eher mindern würde, als sein Verweilen? Waldemar war in seiner Jugend ein romantisch-hochherziger Charakter. Er trat, wie die Geschichte es verzeichnet hat, freiwillig ab. Er entsagte der Mark und entband seine Unterthanen ihres Eides. Still und unangefochten ist er zu Dessau gestorben. Spricht auch dieses nicht für die Echtheit des Heimgekehrten? Johann von Buch aber, der sich ganz dem Baier zugewendet hatte, sagte, als er die Worte vernahm: „Er ist größer im Scheiden als im Kommen – und im Entsagen herzgewinnender als im Fordern. Wer ihn für den Rechten hält, muß ihn bewundern und achten, und wer das Gegentheil glaubt, wird ihm Beides auch nicht versagen können.“

Schloß Werbellin ist längst gefallen. Der Ort, wo es gestanden, heißt bis auf den heutigen Tag noch der Schloßberg. Die Linde, die damals an der Grundmauer gestanden, ist längst dahin, aber aus der Wurzel sprossen noch heut junge Schößlinge auf. Man hat von dem Berge aus eine köstliche Aussicht über den ein und eine halbe Meile langen, meist achtunddreißig Meter

Die Gartenlaube (1878) b 641.jpg

Der Werbellin-See.
Nach der Natur aufgenommen von Wilhelm Claudius.[WS 1]

tiefen See, in dessen Fluthen sich die waldbestandenen bergigen Ufer spiegeln.

Jetzt hat, wie verlautet, Prinz Karl von Preußen den Schloßberg gekauft. Wird auf demselben ein neues Schloß entstehen? Soll auch nach dieser Richtung hin die Zeit des so lange Verkannten zu neuen Ehren gebracht werden, die Erinnerung eine Rose auf ein überwuchertes Grab legen?

Der Schimmer der Romantik liegt über der Zeit der Askanier, ihre Burgen und Schlösser sind zerfallen - aber die Sage lebt fort.

Wie ein Gottesauge glänzet,
D’rüber dunkle Brauen glüh’n,
Liegt, von Berg und Wald umkränzet,
Märchenhaft der Werbellin.

Und das Nebelkind, die Sage,
Schmücket ihn mit Blüth’ und Kranz
Längstvergess’ne schöne Tage
Steigen auf in vollem Glanz.

Aus der Fluth, in Abendfeier,
Schwimmt ein Schifflein sonder Eil’,
Braungelockten Haar’s am Steuer
Lehnet Otto mit dem Pfeil.

Heilwig, seines Herzens Minne,
Schaut ihn blauen Auges an,
Und es geht ihm durch die Sinne,
Was sie einst für ihn gethan;

Wie sie ihn aus Haft und Banden
Jüngst befreit durch Muth und List,
Fürst und Held er seinen Landen,
Dichter ihr geworden ist.

[642]

Lieder tönen; Harfen klingen,
Und ein Stern vom Himmel fällt.
Ferner, ferner schallt das Singen –
O, wie schön ist doch die Welt!

Well’ auf Welle schäumt zur Stunde,
Mond vollendet seinen Lauf.
Aus versunk’ner Stadt im Grunde
Läuten Glocken dumpf herauf.

Wie ein Gottesauge glänzet,
D’rüber dunkle Brauen glüh’n,
Liegt, von Berg und Wald umkränzet,
Märchenhaft der Werbellin.

Wald und See im Wolkendunkel!
Trägen Flugs ein Weihe dort.
Stille rings – dann Sterngefunkel –
Und die Glocken läuten fort.

F. Brunold.

Anmerkung (Wikisource)Bearbeiten

  1. Vorlage: Otto Vollrath (korrigiert nach: Berichtigung, Heft 41, Seite 688). Von Otto Vollrath stammt der Holzschnitt.