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Textdaten
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Autor: Jean Paul Richter
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Titel: Die römische Campagna
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aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 636–640
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die römische Campagna.

Die Blicke nach Rom zu richten, ist immer zeitgemäß; bei keiner Stadt der Welt, selbst Paris nicht ausgenommen, bedarf es so wenig einer besondern Gelegenheit, um das Interesse der Leser dorthin zu lenken, wo Alles, was Herrschaft, Glaube, Kunst, Natur und Geschichte Gewaltiges und Fesselndes zubieten vermögen, in unvergleichlichem Maße vor Aller Augen liegt. Eng zu Rom gehört die römische Campagna.[1] Unter der „Campagna di Roma“ versteht man die weitgedehnte Ebene, welche von den prächtigen Sabinerbergen, von den ausgebrannten Kratern der Albanerhügel und von den Höhen, welche die Grenzscheide des alten Etrurien bilden, auf drei Seiten eingeschlossen wird, während die vierte, die südwestliche Grenze, das Meer bildet. Nur sehr uneigentlich kann man diesen Landstrich eine Ebene nennen; denn er besteht aus einer Menge zwar niedriger, aber in verschiedenen Richtungen laufender Hügelketten, Thäler und Schluchten, durch welche in zahllosen

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Die Gartenlaube (1878) b 637.jpg

Hirt aus der Campagna.
Originalzeichnung von Louis Schulz.

[638] Krümmungen die Flüsse Tiber, Anio und Cremera ihren Weg nehmen. Die geringe Senkung der ganzen Landschaft gegen das Meer veranlaßt nicht nur das Stocken von Wassermassen, selbst in den vom Strande entlegenen Strichen, sondern auch die Versumpfung des Ufers. Das Terrain trägt besonders in den östlichen Regionen noch deutlich wahrnehmbare Spuren großer vulcanischer Revolutionen der vorhistorischen Zeit, was nicht nur durch die dort häufig anzutreffenden Steinarten: Peperin, Lava und Tuff, sondern auch durch die Bodenfiguration an den Tag tritt, in welcher sogar verschiedene Krater deutlich wiedererkannt werden können.

Wenn man in Rom auf der Kuppel der Peterskirche steht, oder die Höhen entweder des Albanergebirges oder der Sabinerberge bei Tivoli ersteigt, so überblickt das Auge die Ebene in ihrer ganzen Ausdehnung, eine kolossale Steppe, je nach den verschiedenen Jahreszeiten bald mit üppigem Grün bedeckt, bald nackt, gelb und versengt, wie ein von barbarischen Feinden durchzogenes Land. Die Campagna ist verödet, ein kolossaler Friedhof, in dessen Mitte sich wie ein Riesenmonument Rom erhebt. So wenig das Land bewohnt erscheint, so reich ist es doch mit den Trümmern mächtiger Bauwerke ausgestattet, ein Widerspruch, welcher wesentlich zu dem seltsamen poetischen Reize der ganzen Scenerie beiträgt.

Wir verlassen Rom im Süd-Osten, auf der altberühmten Via Appia. Wenn wir an den Ruinen des Forum Romanum und am Colosseum sowie an der Niederung zwischen Coelius und Palatin, endlich an dem weitgestreckten Circus Maximus, welcher jetzt von der städtischen Gasfabrik und von dem Begräbnißplatz der Juden eingenommen wird, vorüber gekommen sind und nun nach dem Stadtthor wandern, so berühren wir auf diesem annähernd halbstündigen Wege noch innerhalb der Mauern schon keine menschlichen Wohnungen mehr. Nur hier und da steht eine altersgraue Kirche am Wege. Seit Jahrhunderten ist der Mauerumfang viel weiter, als zum Schutze des bewohnten Areals nöthig ist, so daß die Campagna selbst einen großen Theil des antiken Stadtgebietes mitumfaßt.

Das Stadtthor, durch welches wir in’s Freie treten, hat seinen stolzen Namen des Appischen, welchen es dem Censor Appius Claudius Caecus (312 vor Christus), dem Gründer der „Königin der Straßen“ verdankt, verloren an den heiligen Sebastian. Denn durch diesen Ausgang strömten im Mittelalter die Pilger nach dem außerhalb gelegenen Grabe des Märtyrers. Wenn wir vor dieses ganz mittelalterliche aus Marmorquadern errichtete Stadtthor treten, erfreut sich das Auge eines ersten freien Blickes über die weite Fläche, welche die edel geformten Linien des fernen Albanergebirges abschließen. Aber ehe wir völlig das Freie erreichen, zieht sich der Weg noch lang hin zwischen lästigen hohen Mauern, welche zur Einhegung von meist öden Grundstücken dienen.

Nur hier und da ragt vereinzelt eine thurmhohe Ruine über den Hohlweg; weiterhin begegnet man einer elenden Osterie, die den Fuhrleuten, welche hier mit ihren Schuttkarren vorüberfahren, ein kaum erträgliches Obdach bietet. Diese repräsentiren jetzt fast ausschließlich den Verkehr auf der Straße, welche ehedem die bedeutsamste Verkehrsader Roms war, denn durch sie wurde Griechenland und der Orient in die directeste Verbindung mit der Welthauptstadt gesetzt. Und jetzt? Wir befinden uns noch in der nächsten Nähe der Hauptstadt, aber was es mit dem Verkehre dort auf sich habe, wird jedem einleuchten, der die Aufschrift des daselbst befestigten Postbriefkastens eines Blickes würdigt: wöchentlich einmal werden hier Briefe abgeholt. Nebenan steht ein unansehnliches Kirchlein, „Domine, quo vadis“ genannt und dem Gedächtnisse einer Legende im frühen Mittelalter errichtet. Die Legende ist diese: Da in Rom unter Nero die erste Christenverfolgung wüthete, suchte der heilige Petrus sein Heil in der Flucht. An der bezeichneten Stelle angelangt, erscheint ihm Christus. Erschrocken fragt ihn der Apostel: „Herr, wohin gehst Du (Domine, quo vadis)?“ und erhält zur Antwort: „Ich komme, mich nochmals kreuzigen zu lassen“ – worauf der Apostel umkehrte.

Neben der kleinen Capelle theilt sich der Weg. Nach rechts zweigt sich die Via Ardeatina ab. Auf eine kurze Strecke wird sie noch als Zugang zu einer Anzahl hier gelegener Grundstücke benutzt, aber alsbald verliert sie sich in ödem Haidelande. Das am Meere gelegene Porto d’Anzio (Antium), ehedem das Biarritz von Rom, die Geburtsstätte der Kaiser Claudius und Nero und die Fundstätte weltberühmter Statuen, wie des Apollo von Belvedere und des borghesischen Fechters, ist heutigen Tages ein elendes und verkommenes Fischernest.

Auf der Via Appia, welche jetzt in der Länge vieler Miglien eine ganz gerade Linie verfolgt, erreicht man erst das Freie, nachdem man noch eine lange Strecke zwischen einförmigen Mauern weiter gewandert ist. Dann senkt sich plötzlich der Weg, und jenseits des schmalen Thales, den Abhang krönend, thront in majestätischer Einsamkeit der thurmartige Quaderbau des Grabmales der Cäcilia Metella. Man kann es das Wahrzeichen der Via Appia nennen. Ohne alle Frage gehört es zu den anziehendsten Punkten der weiten römischen Campagna; es stammt indessen weder aus der Zeit republikanischer Größe, noch feiert es eine geschichtlich bedeutende Persönlichkeit; denn diese Metella war die Gemahlin des bekannten, nicht eben durch Römertugend glänzenden Triumvirn Crassus. Die Dauerhaftigkeit des Monumentes war im Mittelalter auf eine harte Probe gestellt worden; denn das Geschlecht der Gaetan hielt das classische Bauwerk für eben gut genug, um als Festungsthurm für ihre berufsmäßigen Straßenräubereien erwünschte Dienste zu thun. Die Burg selbst, welche so angelegt war, daß die Via Appia ihren Hof passirte, liegt längst wieder in Trümmern, und nur ihre Umfassungsmauern sind noch deutlich zu erkennen; dabei befinden sich die ansehnlichen Reste einer dazu gehörigen mittelalterlichen Kirche, in der die Priester den Baronen für ihr sauberes Geschäft wohl ihren salbungsvollen Segen gaben. Die Ironie des Schicksals, welche gerade in Rom sich sehr vernehmbar macht, hat im Laufe der Jahrhunderte diese Raubschloßkirche zu einer Stätte des Friedens, zu einem wirklichen Schafstall umgewandelt, bei welchem romulische Hirten ihr Wesen treiben.

Es giebt an der Via Appia kaum einen zweiten gleich angenehmen Ruheplatz als hier am Fuße des Grabmales der Cäcilia Metella, wo sich vor dem Auge landschaftliche Scenerien in ungewöhnlicher Mannigfaltigkeit ausbreiten: in der Ferne die finsteren Mauern der Stadt, zu den Füßen ein einförmiges, aber im Schmucke des Frühlings um so anziehenderes Thal. Langgestreckte Mauerreste kennzeichnen deutlich die Anlage eines antiken Circus. Tausende harrten hier ehedem in fieberhafter Aufregung der Entscheidung bei den öffentlichen Wettfahrten, aber heutigen Tages ist es höchstens eine Heerde Büffel, von einem Campagnolen gehütet, welche hier in träger Rast den Tag verbringt. Die Niederung führte im Alterthume den halb griechischen, halb lateinischen Namen „ad catacumbas“. Daraus hat man später das Wort „Katakombe“ gebildet, womit allgemein die Begräbnißplätze der ersten Christen bezeichnet werden.

Man berechnet die Ausdehnung dieser oft in drei bis vier Reihen übereinander liegenden Höhlengänge auf nicht weniger als hundert geographische Meilen. Als Grabstätte benutzte man die verticalen Wände der Gänge, in die man viereckige Nischen von der Tiefe der Körperlänge eingrub, die, sobald sie die Leichname aufgenommen, mit Marmor- oder Ziegelplatten, welche die Namen des Todten trugen, geschlossen und dann hermetisch verkittet wurden. Eine Verpestung der Luft war auf diese Weise unmöglich gemacht; neuerdings hat man sogar eine Wiederaufnahme dieses Bestattungsverfahrens empfohlen und darin einen glücklichen Mittelweg in der Streitfrage zwischen Beerdigung und Verbrennung der Leichen zu finden geglaubt. In der Geschichte der katholischen Kirche des Mittelalters spielt das Beinhaus der Katakomben eine bedeutende Rolle, und man kann sie geradezu das Arsenal ihrer Bekehrungsfeldzüge nennen; denn Knochen der Märtyrer wanderten von hier in alle Welt. Bar des Gefühles der rein menschlichen Pietät gegen die Todten, plünderte man schonungslos diese Stätten, um im Eifer frommen Betruges Propagandageschäfte zu machen. Wandert man jetzt in diesen wüsten Gängen, so stößt wohl der Fuß an die Grabplatte einer obscuren Magd oder eines Sclaven mit völlig unbekannten Namen, deren Gebeine sicher in irgend welcher Kathedrale Frankreichs oder Spaniens als angebliche Reliquie einer heiligen Katharina oder eines heiligen Blasius göttlich verehrt werden. Jenseits des Thales „ad catacumbas“ erblicken wir das berühmte Kirchlein des heiligen Sebastian von dem aus man in eine der berühmtesten Katakomben gelangt. Hier ist unter mehreren Tausenden von Gräbern auch nicht ein einziges, nicht einmal ein [639] Kindergrab unzerstört erhalten, aber der päpstliche Permiß, welcher dem gewöhnlichen Sterblichen jetzt den Zutritt zu dieser geheiligten Stätte zu erlauben hat, bedroht jeden mit Excommunication, welcher es wagen würde, hier ein Steinchen aufzuheben. Auf der entgegengesetzten Seite desselben Thales leuchtet uns ein erfreulicheres Bild entgegen. Dort krönt ein kleiner Olivenwald die Kuppe eines Hügels – in der sonst fast baumlosen römischen Campagna ein seltsamer und befremdlicher Anblick.

Wir setzen unsern Weg auf der Via Appia fort. Von dem Grabmal der Cäcilia Metella an mehren sich auf beiden Seiten die Trümmer heidnischer Grabdenkmäler. Die Straße selbst, deren antikes Pflaster hier zu Tage tritt, ist so schmal, daß auf ihr kaum zwei Wagen einander auszuweichen vermögen. Von den meisten der dicht an der Straße stehenden Bauwerke ist nur noch der rohe Mauerkern erhalten, aber der wegen seiner Vortrefflichkeit berühmte römische Mörtel hat ihnen eine solche Festigkeit verliehen, daß sie oft Ihre ursprüngliche Höhe noch einnehmen, während ihre grotesken Formen ihnen das Ansehen wilder in die Luft starrender Felszacken geben.

Welchen Anblick die Campagna in der römischen Kaiserzeit geboten haben mag, als noch zu beiden Seiten der Heerstraßen die Villen der Großen im buntem Gemisch sich ausdehnten, davon können wir uns heute kaum eine Vorstellung machen. Das Geröll der Schutthaufen weist wohl manches Stück kostbaren Marmors auf, mit welchem die Gemächer jetzt völlig verschwundener Paläste ausgelegt waren, und hin und wieder findet auch ein Hirt eine Münze, ein altes Blech oder eine Scherbe mit alten Buchstaben, deren Deutungen das Entzücken der Archäologen bilden.

Ueberblickt man die ganze Campagna von einem höher gelegenen Standpunkte, so wirkt die Uncultur des Landes um so ergreifender, als dann die verstreuten elenden Wohnhäuser meist verborgen bleiben. In der breitgestreckten Fläche sucht das Auge unwillkürlich nach einem Ruhepunkte, und da bemerkt es denn eine größere oder geringere Anzahl gerader, die Landschaft durchstreichender Linien, welche insgesammt von einem Mittelpunkt, der in der Ferne undeutlich wahrnehmbaren Stadt, auslaufen. In den einen erkennen wir die Gräberstraßen wieder. Die anderen, aus dicht an einander gereihten, durch Bogen verbundenen Pfeilern bestehend, sind die Aquäducte, die Wasserstraßen des alten Rom. Noch heute sind einige dieser Aquäducte zum Segen der Stadt erhalten.

Den Eindruck, den die Scenerie der Campagna auf das Gemüth macht, kann man wohl nur mit der Empfindung vergleichen, welche uns erfüllt, wenn wir die Trümmerfelder der classischen Antike im Orient betreten. Ephesus, Sardes, Baalbek, Palmyra, jene in eine Wüstenei umgewandelten Stätten einer Cultur, von deren Früchten wir noch zehren, sie üben auf unsere Seele denselben tiefen Eindruck aus. Während aber diese denkwürdigen Ruinenfelder des Orients ganz im Einklange mit dem landschaftlichen Charakter der antiken Culturländer überhaupt stehen, umgiebt die römische Campagna eine Stadt, welche nicht nur den nationalen Mittelpunkt des schönsten Landes von Europa bildet, sondern auch, in sich selbst unabhängig, die Stätte regsten Verkehres geblieben ist. Wie es möglich ist, daß Italien, der Garten Europas, zu seinem Mittelpunkte eine Stadt hat, deren nächste Umgebung auf die Dauer von Jahrhunderten und, wie es scheint, auch noch für eine lange Zukunft von einer durch Fieber verpesteten Einöde rings umschlossen ist – für diese unmöglich scheinende Thatsache kann nur die Geschichte eine Erklärung geben. Es offenbaren sich darin die tragischen Consequenzen des Falles der Welthauptstadt im Mittelalter. So mächtig ist jene Katastrophe gewesen, daß ihre Spuren unvermischt bleiben.

Die Campagna ist bekanntlich der Schauplatz der ersten Kämpfe der Römer. Gegen 350 Jahre brauchten sie, um all die Städte und Völkerschaften zu unterwerfen, welche darin ansässig waren, und in ebenso viel Jahren, von da an gerechnet, machten sie den ganzen Weltkreis sich unterthänig. In der Zeit des höchsten Glanzes der Hauptstadt war die Campagna nicht mehr der Sitz jener Bevölkerung, welche in der ersten Geschichte der Republik eine so wichtige Rolle spielte, und die Mehrzahl der in den Urzeiten berühmten Ortschaften war unter der Herrschaft der Kaiser kaum noch dem Namen nach bekannt. Als die germanischen Völkerschaften in das Tiberthal herabstiegen und Gothen und Byzantiner in nur zu häufigem Wechsel um die Mauern Aurelian’s beutegierig lagerten und gegen dieselben Sturm liefen, da war natürlich aller Reichthum der Campagna, die zahllosen Villen der Großen, die das Land bedeckten, einer schonungslosen Vernichtung preisgegeben, und da die Stadt selbst Jahrhunderte hindurch nicht im Stande war, von den furchtbaren Schlägen sich zu erheben, um wie viel weniger die Campagna! Mittelalter und Renaissance haben wohl die Stadt wieder emporgehoben, aber die Campagna ist dieselbe geblieben, öde und traurig.

Nimmt man die wenigen Villen der Großen, der Albani, Pamfili, Borghese, Patrizi aus, so darf man wohl annehmen, daß die Landschaft wesentlich denselben Charakter noch bewahrt, wie einige Jahrzehnte nach ihrer Verheerung im Beginn des Mittelalters. Ja noch weiter zurück, in die Zeiten der frühesten Geschichte Roms, müssen wir uns versetzt fühlen angesichts der in elenden Hütten wohnenden Bevölkerung, welche der urrömischen nicht nur an Anspruchslosigkeit und Einfachheit der Sitten nahe kommt; nein selbst in der persönlichen Erscheinung, sogar in der Bekleidung, scheinen hier Erinnerungen an die Antike sich fortzupflanzen. Bei rauhem Wetter wirft der Campagnole den togaartigen Tuchmantel um seine Schultern, und als Fußbekleidung dient ein einfaches Stück Leder, welches durch kreuzweis um die Unterschenkel gewundene Riemen festgehalten wird, wie wir es ähnlich in den Darstellungen von Hirten auf altrömischen und pompejanischen Fresken sehen. Die Oberschenkel tragen die Bewohner der Campagna in Ziegenfelle gehüllt, die langen Zotten nach außen gewandt; selbst im Sommer legen sie dieses scheinbar sehr entbehrliche Bekleidungsstück nicht ab, welches uns unwillkürlich an den mythischen Pan-Typus erinnert.

Ein träges, aber entbehrungsvolles Dasein führend, leben die Campagnolen als Hirten ihrem eintönigen Beruf. In großen Schaaren kann man sie Sonntags auch in Rom antreffen, denn so arm ist das Land im Umkreise der Stadt, daß seine Bewohner genöthigt sind allwöchentlich zur Stadt zu gehen, um den Brodvorrath einzukaufen. Man sieht sie dann an den Nachmittagen in großen Schaaren auf dem Heimwege nach ihren oft meilenweit entfernten Hütten, auf dem Rücken eines Jeden an eine Schnur gereiht sieben Laibe Brod, welche ihnen dann für die Woche mit Milch und Käse als Nahrung dienen. Fleisch bleibt ihnen unbekannt; sie leben wie die Senner in den Hochalpen, denen sie übrigens in ihrer kräftigen und gesunden Erscheinung nicht nachstehen. Doch begegnet man wohl auch Gestalten, welchen nur zu deutlich die alle Lebenskraft zerrüttenden Folgen der römischen Malaria auf der Stirn geschrieben stehen. Die harten Entbehrungen ihrer Existenz verleiten wohl auch manchmal diese Natursöhne, einen verwegenen Streich gegen den Fremdling auszuführen, welcher so ohne jeden für sie plausiblen praktischen Zweck ihr Gebiet durchstreift, und ihre nicht leicht abzuwehrenden Hunde leisten ihnen bei solchen Ueberfällen treffliche Dienste. Doch sind’s im Großen und Ganzen gutmüthige Charaktere, und auch da, wo sie begehrlich auftreten, sind sie leicht zu befriedigen, sobald man nur zu ihnen „auf römisch“ spricht und vor allen Dingen das ständige Bedürfniß nach Tabak und Cigarren reichlich stillt. Ist es doch allgemeiner Glaube unter ihnen, daß mit dem Rauchen die Schädlichkeit der Fieberluft aufgehoben werde.

Es giebt wohl kaum eine Stadt in der Welt, wo Künstler, insbesondere Maler, so heimisch wären, wie gerade in Rom. Unter diesen sind natürlich die Landschaftler vor allen Dingen auf die römische Campagna angewiesen, und ihre Productivität hat es veranlaßt, daß die bildlichen Darstellungen derselben uns ziemlich vertraut sind. Die treffliche Composition von der Hand des eine Reihe von Jahren in Rom thätigen Künstlers Louis Schulz, welche uns beistehender Holzschnitt vorführt, gewährt uns einen Blick auf die der Via Appia nahe gelegenen Theile der Campagna. Neben der Bogenreihe einer alten zerfallenen Wasserleitung erblicken wir rechts einen großen unter dem Namen Roma Vecchia bekannten Ruinencomplex, ehedem eine ausgedehnte Villenanlage, und die Tenuta oder das Gehöft auf der andern Seite des Bildes darf als ein nicht minder charakteristisches Wahrzeichen der römischen Campagna gelten; denn da weitaus der größte Theil des Terrains in der Hand großer Grundbesitzer liegt und an große Unternehmer verpachtet wird, so wird die Bewirthschaftung Verwaltern übergeben, welche mit ihren Leuten diese Gehöfte (tenuta, casale) bewohnen.

Nicht blos die Campagna, sondern auch die Landschaftsmalerei [640] derselben hat ihre interessante Geschichte. Sie ist freilich noch nicht geschrieben worden, obwohl sie ein sehr wichtiges Glied im großen allgemeinen Entwickelungsgang der modernen Malerei bildet. Da aber dieser Gegenstand einer besondern Darstellung würdig ist, so wollen wir uns hier nur die Bemerkung erlauben, daß es wunderbarer Weise nicht die Italiener, sondern Nordländer, insbesondere die Niederländer, waren, welche, auf Grund ihrer Studien in der Campagna, von der Blüthezeit der Früh-Renaissance an, die Landschaftsmalerei zu einer selbstständigen Kunst erhoben. Bis dahin hatte die Landschaft nur als Hintergrund der Staffage Geltung, und diese mußte sogar noch ein Claude Lorrain ausschließlich aus der biblischen Geschichte oder der Mythologie wählen, um gleichsam seine einzig werthvollen und großartigen landschaftlichen Schilderungen vor dem Publicum – zu entschuldigen. In der italienischen Kunst mit ihren einseitig idealen Tendenzen wäre niemals die Abtrennung der Landschaftsmalerei als eines eigenen selbstständigen Kunstzweiges möglich gewesen, hätten nicht die holländischen Eindringlinge in der Naivetät ihres kerngesunden Naturalismus die Verantwortung für diese Neuerung unbedenklich auf sich genommen. Später sind auch italienische Maler, wie Pannini am Anfange des vorigen Jahrhunderts, in ihren Schilderungen der römischen Campagna darauf ohne weiteres eingegangen, und heutigen Tages, wo diese Auffassung in der Malerei die allgemein herrschende ist, scheint es uns wohl befremdlich, daß die Landschaftsmalerei nach naturalistischen Grundsätzen nicht schon längst zu ihrem Rechte gelangen konnte. Wir feiern in ihr eine der schönsten ästhetischen Errungenschaften der Neuzeit, aber das Schlachtfeld, auf dem sie ihre Siege erfochten hat, ist der classische Boden der römischen Campagna gewesen.

Jean Paul Richter.



  1. Bekanntlich liegt dieses ehemalige Parkgefilde Roms nicht blos in Folge der Kriegszerstörungen jener Gegenden, sondern auch deshalb in weitesten Strecken öde und wüst, weil der größte Theil der Ländereien Eigenthum der Kirche, etwa ein Drittel im Besitz von einundsiebenzig fürstlichen Familien und nur der geringe Rest das Besitzthum von ungefähr siebenzehnhundert Bewohnern ist. Seitdem das Mißregiment des Kirchenstaats aufgehört hat, erheben sich in ganz Italien die Stimmen dafür, daß die Campagna der „todten Hand“ und damit seinem Wüstenzustand entrissen werden müsse. Da dieser Gegenstand jetzt häufiger zur Besprechung kommen dürfte, halten wir es für unsere Pflicht, unsere Leser schon jetzt mit Wort und Bild in jenes verlorene und so schwer wieder zu gewinnende Paradies zu führen.
    D. Red.