Der Urahn des deutschen Weinstockes

Textdaten
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Titel: Der Urahn des deutschen Weinstockes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 70-71
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[71] Der Urahn des deutschen Weinstockes. Es ist eitel Verleumdung, wenn man, des feurigen Syracusers voll, dem deutschen Boden die Berechtigung des Weinbaues absprechen will. Da soll unser Klima für den fremden Südländer zu frostig sein und unser Herbst zu wenig Macht haben, sich gegen den Dränger, den eisigstarren Winter, zu behaupten. Es ist Alles eitel Verleumdung – denn der Weinstock ist ein alter echter deutscher Urbewohner.

In der neunundzwanzigsten Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte hat es der jeder verdächtigen Deutschthümelei abholde Herr Professor Alexander Braun in Berlin bewiesen, daß der Weinstock eher ein Recht hat, uns alle mit einander Einwanderer in sein ihm ureigenes deutsches Vaterland zu nennen, als wir ihn. Ja das Geschlecht des Weinstockes war vielleicht aus Bekümmerniß darüber wieder ausgestorben, daß es in Deutschland noch kein Menschengeschlecht vorfand, welches seine süßen Trauben zu perlendem Weine hätte keltern können. Den letzten Sproß seines edeln Geschlechtes hat der genannte Gelehrte aus seinem Grabe hervorgezogen, in welchem er ohne Zweifel Hunderttausende von Jahren geschlafen hat. Bei Salzhausen, in der Nähe des oberhessischen Städtchens Nidda, lag die braune Mumie des ältesten deutschen Weinstockes mitten unter Braunkohlen, mit denen vielleicht schon manche Rebe der grauen Vorzeit die Kachelöfen geheizt haben mag. Der Weinstock ist also sicher ein Zeitgenosse jener Pflanzenwelt, weiche uns die mächtigen Braunkohlenlager hinterlassen hat. Wer Braunkohlenversteinerungen gesehen hat, der wird wissen, daß es mit obiger Bezeichnung Mumie seine buchstäbliche Richtigkeit hat.

[72] Eine Täuschung ist dem Entdecker nicht widerfahren, denn er fand, und zeigte sie in jener Versammlung vor, rosinenartig verschrumpfte Beeren, Kerne, Stengel und Blätter, die von den Anwesenden als unzweifelhafte Abkömmlinge des Weinstockes anerkannt wurden. Die sterblichen Reste des edeln Sorgenbrechers waren nicht allein gefunden worden, sondern vermischt mit anderen Gebeinen, will sagen mit versteinerten oder besser verbraunkohlten Samen untergegangener Pflanzengeschlechter, welche schon von früheren Funden her bekannt waren.

Bedeutungsvoll – dieser Fund wurde gemacht in der Nähe des weintriefenden Rheingaues und die Kunde davon ertönte in Wiesbaden – wo jene Versammlung stattfand – an der Pforte in jenes gelobte Land der Bacchus-Priester.

Sind nun die Millionen Reben unserer Weinberge die direkten Descendenten jener Vitis teutonica, wie Herr Al. Braun seine Entdeckung genannt hat? Viele werden geneigt sein, es anzunehmen, und zu ihnen müßte nach dem scherzhaften Eingang meiner Mittheilung auch ich gehören. Bejahung und Verneinung sind jedoch gleich unmöglich, denn die Zeit, aus welcher jene versteinerten Ueberreste stammen, liegt weit hinter dem Anfange aller Geschichte. Ob des Varus Kriegerschaaren den Weinstock in Deutschland vorfanden ist nicht bekannt, und Tacitus, der doch manches Ehrenrührige von unseren Altvordern erzählt, gibt ihnen wenigstens Leidenschaft für den Wein nicht Schuld. Am Rhein und an der Mosel ließ um 280 n. Chr. der Kaiser Probus Weinberge anlegen; (darum ist das Sprüchlein probatum est beim Wein doppelt an seinem Platze.) Es wäre aber wunderbar, wenn nicht schon die 14. Legion, welche unter Drusus Germanicus im J. 13 v. Chr. durch das castrum maguntiacum den Grund zur Stadt Mainz legte, die günstige Lage des nahen Rheingaues erkannt und die Rebe dort angepflanzt hätte, da sie zumal, nachher von der 22. Legion abgelöst, beinahe ein Jahrhundert dort lagerte.

Ueber die Verwandtschaft des aufgefundenen Stammvaters der deutschen Rebe mit dem Meißner, dem Naumburger und nun gar dem Grüneberger Gewächs wollen wir uns in Vermuthungen erst recht nicht einlassen. Wohl aber muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß jener Urwein wahrscheinlich ein noch viel besseres Glas gegeben haben würde als unsere Liebfrauenmilch und Steinberger Cabinet sind, wenn, was zu bezweifeln ist, damals schon Weintrinker gelebt hätten. Meine Leser werden sich vielleicht über diese kühne Hypothese verwundern; und doch ist sie nicht so kühn, wie sie aussieht. Zur Braunkohlenzeit, oder vielmehr in jener Zeit, wo sich die Braunkohlen aus abgestorbenen Pflanzenwelten zu bilden anfingen, gediehen am Fuße des rauhen sächsisch-böhmischen Grenzgebirges – Palmen und dem Zimmtbaume nahe verwandte Bäume, wie man dies mit voller Bestimmtheit nach daselbst aufgefundenen versteinerten Ueberresten behaupten kann. Dies läßt auf eine Wärme schließen, die Deutschland längst verlassen hat, und welche jenen teutonischen Wein viel zuckerreicher machen mußte, als es jetzt die deutsche Sonne vermag, wenn anders das Salzhausener Braunkohlenbecken nicht ein viel jüngeres ist, als jenes böhmische.

Doch lassen wir uns den Mund nicht wässern nach den ungetrunken gebliebenen Jahrgängen der Vorwelt, welche sich wahrscheinlich, wie jetzt noch im heißblütigen Süden, in beinahe ununterbrochener Folge aneinander reihten und nicht auf Kometen und andere Zeichen und Wunder warten mußten, um trinkbar zu werden. Begnügen wir uns mit Dem, was uns beschieden, und dessen Veredelung uns ein Gott gelehrt hat; und vor Allem freuen wir uns, daß wir den Weinstock mit urdeutscher Vaterlandsliebe den unseren nennen können, den unseren von Anbeginn. Aber wer hat vor Allen sich über den Salzhausener Fund zu freuen? Unsere längst um neue Gedanken verlegenen Dichter. Ihre Weinpoesie hat dadurch einen neuen Gedanken gewonnen; und da unter den vielen tausenden Abonnenten der Gartenlaube doch mindestens 1000 lyrische Dichter sind, für welche ich diesen Schatz aus den Schachten der Wissenschaft gehoben habe, so wird sicher Mancher bei Verwendung dieses neuen Gedankens sich dankbar und – trinkbar meiner erinnern.

R–r.