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Autor: S.
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Titel: Der schwarze Domino
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, S. 70-71
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[70] Der schwarze Domino. Die junge Gräfin Charlotte von F., eine schöne und geistreiche Dame in Paris, war nur erst zwei Jahre verheirathet, aber schon nahm sie an ihrem eleganten Manne eine Gleichgültigkeit wahr, die sie mit Schmerz und Eifersucht erfüllte. Während der Gatte seine Klubs besuchte, wie er vorgab, blieb die Gattin, die sich sonst häufig an der Seite des Grafen gezeigt, allein in ihrem großen Hotel.

„Werden wir nächsten Donnerstag den Maskenball in der Oper besuchen, lieber Franz?“ fragte sie eines Tages bei Tische den Grafen.

„Nächsten Donnerstag? Mein liebes Kind, der Maskenball trifft mit einer Klubgesellschaft zusammen, die ich unmöglich versäumen kann, da ich zu dem Comité derselben gehöre.“

„Könntest Du Dich mir zu Liebe nicht frei machen?“

Der Graf führte so triftige Gründe an, daß die Gräfin, eine taktvolle Dame, nicht weiter in ihn drang, und schwieg. Früher hatte sie ein Opfer gebracht, wenn sie ihren Mann auf den Ball begleitete, wo die fashionable Welt von Paris sich versammelte, und jetzt weigerte er sich, ihr den kleinen Wunsch zu erfüllen. Die arme Frau nahm an, daß der Graf ohne sie den Ball besuchen würde, den er früher um keinen Preis versäumt hätte. Was die Eifersucht argwöhnte, machte Hermine von S., eine Freundin, zur Gewißheit.

„Ich wette,“ sagte Hermine, „daß Dein Mann auf dem Balle nicht fehlt! Die Klubs versammeln sich an solchen Abenden nicht, da alle Mitglieder den Maskenball besuchen.“

„Das wäre entsetzlich!“ flüsterte traurig die junge Frau. „O, hätte ich Gewißheit!“

„Diese zu erlangen, wird nicht schwer sein, meine arme Charlotte.“

„Aber wie?“

„Du kennst Deinen Mann am Gange, an seiner ganzen Haltung, wie er sich auch costümiren mag; ich besorge zwei Einlaßkarten, und wir besuchen als einfache Domino’s den Ball. Eine Stunde genügt, um den Saal zu durchspähen. Siehst Du ihn nicht, so kannst Du Dich beruhigen, er hat Dir die Wahrheit gesagt.“

„Besorge Kostüme und Einlaßkarten!“

Der verhängnißvolle Donnerstag erschien. Nach dem Diner, das um fünf Uhr eingenommen ward, küßte der Graf seine Gattin, und ging in den Klub. Charlotte trocknete eine Thräne, als sie sich in ihrem Boudoir allein befand. Die Befürchtung, den Gatten in der Oper zu treffen, schnürte ihr die Brust zusammen. Um zehn Uhr erschien Hermine; um elf Uhr verließen beide Frauen, mit Halbmasken und Domino’s versehen, das Hotel. Ein Fiaker brachte sie nach der Oper. Der Ball war ungewöhnlich zahlreich besucht. Prächtige Masken wogten im dichten Gedränge durch den glänzend erleuchteten Saal. Charlotte hing mit klopfendem Herzen an dem Arme der Freundin, in jeder Maske glaubte sie den ungetreuen [71] Gatten zu erblicken. Die beiden weiblichen Domino’s, die allein durch den Saal irrten, erregten bald Aufmerksamkeit. Ein Pascha, in strahlendem Kostüme, verfolgte sie.

„Hermine,“ flüsterte die Frau, „der Türke, der uns nicht aus den Augen läßt, scheint mein Mann zu sein. Sieh’ nur, es ist seine Gestalt, sein Gang. Vielleicht hat er mich erkannt.“

„Das kann Dir nur lieb sein,“ antwortete die Freundin; „in diesem stalle weiß er, daß Du seine heimlichen Schliche kennst. Er geht ohne Dich zu Balle, folglich hast Du das Recht, ohne ihn zu gehen. Doch sieh’ nur, jetzt nähert er sich jener Damengruppe – er redet die Türkin an – wir wollen näher gehen und ihn belauschen.“

Der Pascha ergriff die Hand der Odaliske, einer reizenden, üppigen Frauengestalt, und zog sie in die Reihen der Tänzer; sie mischten sich in die Mazurka, die so eben exekutirt ward. Charlottn hätte darauf geschworen, daß der Pascha ihr Mann sei, und daß er aus Rücksicht für seine Tänzerin das türkische Kostüm gewählt habe. Ihr Schmerz läßt sich nicht beschreiben. Je mehr sie den Pascha beobachtete, je deutlicher glaubte sie ihren Mann zu erkennen. Das waren seine Manieren beim Tanzen, das war sein braunes Haar, das sich im Nacken kräuselte, das war sein schöner Kinnbart, der unter der Halbmaske hervorquoll, das war mit einem Worte die elegante Tournüre, die ihn vor vielen Männern auszeichnete. Und wie zärtlich schlang er seinen Arm um die schlanke, elastische Taille der Odaliske, die leicht wie ein Sylph durch den Saal schwebte. Plötzlich war das Tänzerpaar verschwunden.

„Komm, komm!“ flüsterte Hermine, indem sie die Freundin mit sich fortzog.

„Wohin?“

„In die Nische dort, welche der Pascha betreten hat.“

Charlotte ließ sich willenlos fortziehen. Ehe die beiden Frauen die Nische erreichten, die sich in einem Winkel des großen Saales befand, wurden sie von einem Dutzend Polichinells und Harlequins umringt, die auf ausgelassene Weise ihre Maskenfreiheit benützten; sie schlugen mit ihren klappernden Stöcken aufeinander los, quiekten, schrieen und trieben das tollste Zeug. Ein neuer Haufen komischer Masken vergrößerte das Gedränge, und nach wenigen Minnten waren die beiden Frauen getrennt, die sich die tolle Schaar zum Gegenstand ihrer Scherze genommen zu haben schien. Die arme Charlotte befand sich allein in einem Kreise neckender Harlequins, die, Grimassen schneidend, sie umtanzten. Ein lautes Gelächter der zuschauenden Masken begleitete diese Scene, die absichtlich hervorgerufen zu sein schien. Charlotte war dem Umsinken nahe; sie fürchtete, daß man sie erkennen würde, oder vielleicht schon erkannt habe. Auf ihre bittenden Geberden antwortete man durch Lachen. Der Tumult ward immer ärger, da in diesem Augenblicke ein neuer Maskenzug im Saale erschien. Die Harlequins mußten berauscht sein. Da theilte die hohe Gestalt eines Mannen den Kreis; er trug einen eleganten schwarzen Domino, eine feine Halbmaske und ein schwarzes Barett mit weißer Feder, die über den Rücken herabwallte.

„Zurück!“ rief er mit kräftiger Stimme, und durch die Löcher der Maske sah man seine vor Entrüstung glühenden Augen. „Diese Dame steht unter meinem Schutze.“

Und zugleich schob er die Harlequins bei Seite. Ein lauten Gemurmel erhob sich. Der Domino kümmerte sich nicht darum.

„Ich bitte, reichen Sie mir Ihren Arm, Madame!“ sagte er ruhig.

„Führen Sie mich aus dem Saale, mein Herr, ich beschwöre Sie!“ flüsterte die bedrängte Frau.

Der Domino zögerte nicht. Fünf Minuten später standen Beide an dem Portale des Opernhauses. Charlotte hing ziternd an dem Arme ihres Schützers, sie vermochte kaum noch sich aufrecht zu erhalten. Ein dichtes Schneegestöber hatte sich erhoben, die Nacht war rauh und kalt.

„Einen Wagen, mein Herr!“ flüsterte die arme Frau, „Ich bin so erschöpft, daß ich nicht gehen kann!“

Der Domino rief nach einem Fiaker. Das Unglück wollte, daß in diesem Augenblicke kein Wagen auf dem Platze war. Der eiskalte Wind trieb eine Fluth von Schnee auf die leicht gekleidete Charlotte.

„Hier können wir nicht bleiben!“ murmelte mitleidig der Domino.

„Um den Himmeln willen, führen Sie mich nicht wieder in den Saal zurück.“

„Aber Sie sind krank, Madame! Wohin wenden wir uns? Ah, dort drüben ist noch ein Café offen – folgen Sie mir – ich werde einen Wagen bestellen lassen!“

Die Gräfin ließ sich führen. Ihre kleinen, mit Atlasschuhen bekleideten Füßchen mußten den Schnee durchwaten. Zitternd vor Kälte und Erschöpfung trat sie in das Kaffeehaus, wo sie bald ohnmächtig auf einen Sessel sank. Der Domino war auf das Eifrigste um seine Dame bemüht.

„Madame, in diesem Zustande können Sie den Heimweg nicht antreten. Sie müssen etwas genießen, Sie müssen sich erfrischen. Erlauben Sie mir, daß ich die Sorge für Sie übernehme. Ich bitte Sie zu Gaste. Kellner, die Speisenkarte. Zwei Flaschen Champagner!“

Charlotte wollte ablehnen; der großmüthige Protektor ließ sie nicht zu Worte kommen.

„Wir speisen zusammen, Madame,“ sagte er; „dann hole ich einen Wagen, und Sie fahrcn in Ihre Wohnung.“

Das Betragen des Domino’s war so liebenswürdig, so decent, daß Charlotte sich der freundlichen Gewalt fügte, zumal da sie annehmen durfte, der Fremde sei ein Kavalier. Man sprach über die Ausgelassenheit, die jetzt auf dem Opernballe herrschte. Der Domino war entrüstet. In seiner Entrüstung verzehrte er Trüffeln, Pasteten, gebratenes Geflügel und Kompots, kurz, das Feinste, was die Speisenkarte aufzuweisen hatte. Dazu trank er einige Flaschen Champagner. Die arme Gräfin berührte Einiges von den Speisen, um nicht undankbar zu erscheinen. Nach einer halben Stunde hatte der Domino seine Mahlzeiten vollendet.

„Wie fühlen sie sich, Madame?“ fragte er.

„Mir ist besser.“

„Gut, so hole ich auf der Stellt einen Wagen.“

„Aber wie soll ich Ihnen danken, mein Herr?“

„Dadurch, daß sie annehmen, ich habe Ihnen auch nicht den geringsten Dienst geleistet. Was ich that, würde ein jeder Kavalier an meiner Stelle gethan haben.“

„O, so krönen Sie das Werk Ihrer Großmuth dadurch, daß Sie mir rasch einen Wagen besorgen.“

„Ehe Sie noch eine Tasse Thee getrunken haben, werde ich zurückgekehrt sein. Garçon, eine Tasse Thee mit Biscuit!“

Der Domino wischte sich den Mund mit der Serviette, und verließ hastig den Saal. Charlotte wartete zehn, zwanzig Minuten, eine halbe Stunde – der Schützer blieb aus. Einige Masken traten ein und ließen sich Erfrischungen geben. Die Befürchtung, ihr Mann könne früher zurückkehren, als sie, trieb die Gräfin, den Heimweg anzutreten.“

„Der Fremde wird keinen Wagen finden können,“ dachte sie; „er verzeiht mir sicherlich, wenn er mich nicht mehr antrifft.“

Sie hüllte sich in ihren Domino, um sich zu entfernen. Der Kellner trat ihr entgegen.

„Mein Freund,“ flüsterte Charlotte, „wenn der Herr im Domino zurückkehrt, so sagen Sie ihm, ich lasse wegen meiner Entfernung um Entschuldigung bitten.

„Soll geschehen,“ war die Antwort; „doch zuvor bezahlen Sie.“

Die Gräfin erschrak; sie erinnerte sich, daß sie kein Geld zu sich gesteckt, da Hermine für Alles gesorgt hatte.

„Hier ist die Rechnung,“ fuhr der Kellner fort; „jener Herr hat mich an Sie gewiesen, als er sich entfernte.“

„An mich?“

„Meine Frau wird bezahlen, hat er mir gesagt.“

Hätte die Maske nicht das niedliche Gesicht der Gräfin bedeckt, so würde der Kellner geseben haben, wie sie vor Scham erröthete, denn sie begriff, daß sie einem Abenteurer in die Hände gefallen war, der auf ihre Kosten ein vortreffliches Nachtessen zu sich genommen hatte. Die Rechnung betrug 65 Francs. Es erschienen immer mehr Masken. Der Kellner sah die Dame mit argwöhnischen Blicken an.

„Nehmen Sie, nehmen Sie!“ sagte die Gräfin, indem sie mit zitternder Hand eines ihrer Armbänder löste. „Morgen früh werde ich die Rechnung bezahlen und den Schmuck zurückfordern.“

Charlotte athmete auf, als sie in das Freie trat. Eine große Gruppe Fiaker hielt vor dem Opernhause, in dem die Ballmusik rauschte. Sie bestieg einen Wagen, und ließ sich nach ihrer Wohnung fahren, wo der Thürsteher den Kutscher bezahlte. Kaum hatte sie ihr Zimmer betreten, als auch der Graf nach Hause kam; sie hörte es an dem Schließen und Oeffnen der Thüren. Wußte sie nun, ob er auf dem Opernballe gewesen war? Sie verbrachte eine traurige Nacht, schon früh am nächsten Morgen kam Hermine, um sich nach der Freundin zu erkundigen. Charlotte erzählte ihr Abenteuer, und bat die junge Dame, da sie sich einer dritten Person nicht anvertrauen könne, das Armband zurückzuholen. Hermine nahm die Rechnung und fuhr ab. Nach kaum einer Stunde trat sie wieder zu der harrenden Charlotte in das Zimmer.

„Wo ist mein Schmuck?“

„Der Kellner sagte mir verwundert, daß der Herr, der diese Nacht die Zeche gemacht, den Schmuck für seine Frau schon vor einer Stunde mit 65 Francs eingelöst habe.“

Die Gräfin ward bleich; sie hatte ein Armband verloren, das einen Werth von fünfzehntausend Francs hatte. Damit das Abenteuer der Ballnacht nicht bekannt wurde, mußte sie den Verlust ruhig erleiden.

„Das sind die Folgen der Eifersucht!“ rief sie aus.

Einige Tage später erfuhr sie, daß der Graf zehntausend Francs in derselben Nacht im Klub verspielt hatte.

„Das war eine theure Nacht!“ sagte Hermine, welche die Nachricht überbrachte.

„Ich bezahle sie gern,“ antwortete Charlotte lächelnd, „denn ich habe nun die Gewißheit, daß der schöne Pascha eine fremde Person war.“

Von dem schwarzen Domino hat man nie wieder etwas gehört.

S.