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Der Untergang des amerikanischen Expeditionsschiffes „Polaris“

Textdaten
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Autor: Dr. Emil Bessels
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Titel: Der Untergang des amerikanischen Expeditionsschiffes „Polaris“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 664–666, 668
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[664]
Der Untergang des amerikanischen Expeditionsschiffes „Polaris“.*[1]


Ein Brief von Dr. Emil Bessels, wissenschaftlichem Chef der Polaris-Expedition.


Als der Dampfer, der mich bisher trug, zu Anfang Februar Southampton anlief, um neuen Kohlenvorrath sowie die Post an Bord zu nehmen und mir dadurch unerwarteter Weise das Vergnügen wurde, Ihnen vor meiner Abreise nochmals auf englischem Boden die Hand zu drücken, da mußte ich Ihnen versprechen, Ihnen einen langen Brief darüber zu schreiben, wie wir Schiffbruch gelitten und wie wir unsern zweiten Winter in der Polarregion zugebracht. Erst jetzt, nach beinahe sechs Monaten, komme ich dazu, mein Wort einzulösen. Vierwöchentliche Krankheit sowie die angestrengte Thätigkeit, welche mir die Herausgabe [665] der Resultate unserer Expedition auferlegt, machten es mir unmöglich, Ihnen früher zu schreiben.

Wie Sie wissen, wurde unsere Hoffnung, im zweiten Jahre von der Polarisbucht aus den Pol zu erreichen, mit einem Schlage vernichtet. Da wir zu unserer ersten Ueberwinterung keinen Hafen finden konnten, das Schiff aber um jeden Preis untergebracht werden mußte, gingen wir unter 81° 38′ n. Br. hinter einem großen Eisberge vor Anker, welcher, etwa eine viertel Seemeile von der Küste entfernt, auf Strand saß. Durch die fortwährende Bewegung des Eises wurde unser Fahrzeug schließlich derart beschädigt, daß es den größten Theil seines Vorderstevens verlor, und als der Hochsommer und damit die eigentliche Jahreszeit zum Vordringen herangekommen war, hatten wir ein leckes, seeuntüchtiges Schiff, dessen Zustand zu schleuniger Umkehr mahnte. Als wir demnach am Nachmittage des 12. August 1872 gegen Süden hin mehrere Meilen offenen Fahrwassers sahen, lichteten wir die Anker und dampften der Heimath zu. Aber nur zu bald gelangten wir zu einer Eisbarrière, die weder durchbrochen noch umgangen werden konnte, da dieselbe zu dicht war und sich, so weit sich ermitteln ließ, von einem Ufer des Kennedeycanals nach dem andern erstreckte. Während der nächsten drei Tage hatten wir abwechselnd, je nachdem sich die Richtung des Fluthstroms änderte, bald etwas freies Wasser, das uns kurze Strecken vorzudringen erlaubte, bald sahen wir uns von allen Seiten von Treibeis umgeben, sodaß wir bis zum Fünfzehnten nicht mehr als sechsundneunzig Seemeilen zurückgelegt hatten.

An genanntem Tage wurden wir unter 80° 2′ n. Br. von dichten Packeismassen besetzt, um nicht wieder frei zu werden, bis der definitive Verlust des Schiffes erfolgte. Langsam und ununterbrochen trieben wir den Smithsund herab, zwischen aufreibenden Zweifeln urd froher Hoffnung schwebend. Die Bedenklichkeit unserer Lage war Jedermann an Bord des kleinen Fahrzeugs klar, aber trotzdem hofften wir zuweilen noch, frei zu werden, unserem Eisgefängnisse zu entrinnen und nach der Heimath, nach den dänischen Niederlassungen Grönlands oder überhaupt nach irgend einem sichern Ankerplatze gelangen zu können.

Von phantastisch geformten, hoch aufgeworfenen Eismassen umschlossen, bewegte sich die „Polaris“ mit einer mittleren Geschwindigkeit von einhalb bis fünf Meilen per vierundzwanzig Stunden gegen Süden, und Tag und Nacht mußte mit den Pumpen gearbeitet werden, um das Fahrzeug lenz zu halten. Unser unfreiwilliger Weg folgte in seinen einzelnen Krümmungen beinahe vollständig der wildzerklüfteten Küste Grinnell-Lands, die, nur wenige Seemeilen entfernt, einen wunderbar schönen, malerisches Anblick darbot. Während das gegenüberliegende Ufer Grönlands mehr oder weniger Plateaucharakter trägt, sehen wir dort schneeige Spitzen, schroffe Hörner und steile, kühn in die See ragende Vorgebirge, welche Schutz versprechende Buchten flankiren. Allein so gern wir es auch gethan hätten, so waren wir doch nicht im Stande, einen dieser Häfen zu erreichen. Eine dichte Packeismasse von sechs bis acht Seemeilen Breite trennte uns von der Küste, deren blau-violette Felsschroffen von dunkelm Landwasser bespült waren, welches in den Strahlen der tiefstehenden Sonne wie ein Spiegel glänzte. Wir litten wahre Tantalusqualen. Hier lag das Wasser vor uns, aber es blieb uns unerreichbar.

Willenlos mußten wir der Strömung und der See folgen, welche uns Ende August mehr nach Osten, gegen Grönlands Westküste trieben, der wir am 2. October so nahe kamen, daß wir von Deck aus, ohne Fernrohr, jede einzelne Schlucht, jeden Schneezug des Landes in voller Deutlichkeit zu erkennen vermochten. Da wir uns keinen Augenblick in Sicherheit wähnen konnten und beständig darauf gefaßt sein mußen, das Schiff zu verlieren, hatten wir auf dem Eisfelde, an welchem wir festlagen, ein Zelt aus Bootmasten und altem Segeltuche errichtet, in welchem wir im Falle der Noth Unterkommen zu finden hofften. Nachdem wir am 9. October Rensselaer-Hafen passirt hatten, an welchen sich, als Kane’s Winterquartier, historische Bedeutung knüpft, fingen wir an, schneller zu treiben und uns der grönländischen Küste bis auf fünf Meilen zu nähern. Beinahe an derselben Stelle wie das Jahr zuvor passirten wir Cap Isabella und Cap Alexander und waren somit dem gefürchteten Eise des Smith-Sundes entronnen. Die Stimmung an Bord war eine frohe, denn wir konnten jetzt ziemlich sicher sein, das sogenannte Nordwasser der Walfischfänger zu erreichen und vielleicht einen der grönländischen Hafen anlaufen zu können.

Allein wir jubelten zu früh. Gerade als wir uns am sichersten glaubten, brach die Katastrophe über uns herein.

Während wir bisher beinahe beständig Windstillen oder nur leichte Brisen aus verschiedenen Compaßrichtungen hatten, begann es am Nachmittage des 15. October steif aus Südwest zu wehen, so daß wir statt nach Süden nordöstlich trieben. Gegen sechs Uhr des Abends – Einzelne saßen vergnügt in der Cajüte bei eine Partie Whist – wurde plötzlich Meldung gemacht, das Eis am Hintertheile des Schiffes sei im Auseinanderweichen begriffen. Wir begaben uns rasch auf Deck und bemerkten, daß das Eis von einer etwa vierzig Fuß langen Spalte durchsetzt war, die man ohne Mühe noch hätte überspringen können. Im Laufe weniger Minuten hatte die Breite derselben wohl schon um das Zehnfache zugenommen urd kurz darauf trieb die ganze Eismasse, welche an der Steuerbordseite des Schiffes festgelegen hatte, mit bedeutender Geschwindigkeit nach Osten. Es war nicht schwer zu erkennen, daß die ganze Bewegung, deren Richtung nicht mit derjenigen des Windes zusammenfiel, von dem einsetzenden Fluthstrome herbeigeführt wurde. Wir hatten Vollmond, also Springfluth, und dadurch, daß die uns schützende Eismasse von der einen Seite des Schiffes weggetrieben war, wurde unsere Lage offenbar bedenklicher, als sie seither gewesen. Plötzlich hörte das Eis auf sich ostwärts zu drängen und wurde ruhig. Aber nur wenige Minuten dauerte dieser Stillstand, denn alsbald kamen die starren Massen mit Windesschnelle wieder auf uns zu, thürmten sich bis zur Höhe der Regling empor, und nach Verlauf von wenigen Secunden holte das Fahrzeug unter einem sehr beträchtlichen Winkel nach seiner Backbordseite über. Stärker und stärker wurde die Pressung; die Masten ächzten; die Deckplanken dröhnten und krachten, und so laut heulte der Sturm, daß er das Commando völlig übertönte. Es herrschte große Verwirrung an Bord. Instinctmäßig ergriff Jedermann, was ihm am nächsten war, und warf es auf das große Eisfeld, an welchem wir festlagen und dessen scharfe Kante unser Schiff jeden Augenblick zu durchschneiden drohte. Zuerst kamen die Kleidersäcke an die Reihe, die schon längst gepackt waren, dann folgten Matratzen, Koch-Utensilien, Gewehre und Munition. An Flaschenzügen wurden größere Fässer, sowie Kohlenstücke auf die Eiskante hinabgelassen, woselbst sie von der Mannschaft, deren größerer Theil sich schon auf dem Eise befand, nach der Mitte des Feldes, in die Nähe der Nothhütte gebracht wurden. Mancher werthvolle Proviant fiel in’s Wasser und ging verloren, allein bei der wilden Hast, mit der gearbeitet wurde, war dies unvermeidlich. Eile that Noth; denn das Wasser im Schiffsraume wuchs rasch und das Fahrzeug war seinem Untergange nahe. Der Schnee wurde von dem zum Orkan gesteigerten Winde in dichten Fluthen einhergewirbelt, so daß es oft unmöglich war, auf halbe Schiffslänge zu sehen, und nur mit großer Mühe konnten die Laternen brennend erhalten werden.

Plötzlich rissen mit dumpfem Klange die beiden Leinen, die uns an dem Eisfelde festhielten. Das Fahrzeug richtete sich auf und trieb mit rasender Geschwindigkeit von der Scholle hinweg, auf welcher sich die Mannschaft, der größte Theil des Proviantes, sowie die sämmtlichen Boote befanden.

„Lebewohl, Polaris!“ rief wehmüthig einer der Leute vom Eise her.

Der Anblick, der sich uns jetzt darbot, war grauenerregend. Das scheinbare solide Eisfeld war in mehrere Stücke geborsten, auf welchen unsere Leute, laut um Hülfe rufend, zertrennt waren. Schauerlich mischten sich diese Stimmen mit dem Geheul der Hunde, dem Rauschen des Windes und dem Getöse der Brandung, die sich zischend an den Eiskanten brach, deren gigantische Formen uns aus dem Dunkel der Nacht gespensterhaft entgegenschimmerten. Im Laufe weniger Secunden hatten wir unsere armen Cameraden aus den Augen verloren und wurden von dem orkanartigen Sturme auf einem wilden, aufgeregten Meere zwischen Verderben drohenden Eisklippen umhergeworfen.

Das Wasser im Schiffsraume war mittlerweile so hoch gestiegen, daß es die Feuer unter dem kleinen Dampfkessel zu verlöschen drohte. Wir versuchten, mit den Deckpumpen zu arbeiten. Aber vergebens! Sie waren eingefroren, und die kleine Dampfpumpe, deren wir uns vorher bedient hatten, war nicht mehr [666] genügend, um dem immer rascher eindringenden Schwall Einhalt zu gebieten. Unser Schicksal schien besiegelt. Das Fahrzeug unter unseren Füßen sank zusehends, und wir hatten nicht ein einziges Boot zu einem letzten Rettungsversuche übrig; nicht einmal ein Eisfeld, auf welches wir hätten flüchten können, war zu erblicken, als sich die Strahlen des Vollmondes kurze Zeit durch die schwarzen Wolken Bahn brachen. Nur wüste Trümmer schwammen in unserer Nähe, zu klein, um Zuflucht zu gewähren, und wären sie auch größer gewesen, so hätte dies wenig genützt, denn ohne Boote blieben sie uns unerreichbar.

Jetzt erfolgte ein zweiter Versuch, die Deckpumpen vermittelst siedenden Wassers in Gang zu bringen, was zu unserer Freude gelang. Es wurde mit beinahe übermenschlicher Anstrengung gearbeitet. Das Wasser floß in Strömen, gefror aber sofort, sobald es auf Deck gelangte, da die stark vereisten Seitenlöcher jeglichen Abzug nach außen verhinderten. Die Leute an den Pumpen standen bis zu den Knieen in dem kalten, schlüpfrigen Gemenge aus Seewasser und Eis. Allein wen kümmerte dies! Die Pumpen entfernten ebenso viel Wasser, wie durch das Leck eindrang, und wir halten Hoffnung, das Schiff noch kurze Zeit, wenn auch nur bis Tagesanbruch, zu erhalten. Da augenblicklich wenig Gefahr drohte, den Feuerraum überschwemmt zu sehen, galt es, den großen Kessel zu heizen, um mit seiner Hülfe dem Feinde zu begegnen. Um so rasch als möglich Dampf zu erhalten, zertrümmerten wir Thüren, hieben Theile der Takelage ab und Alles, nebst zwei Fässern Seehundsspeck, wanderte in den Maschinenraum, die Feuer zu nähren. Nach Verlauf einiger Stunden hatten wir die große Genugthuung, das rhythmische Klappern des Dampfwerks zu vernehmen und die Pumpen, ohne längern Verbrauch unserer eigenen Kräfte, in Gang zu sehen.

Vorerst waren wir gerettet, aber unser kleiner Kohlenvorrath mußte unter solchen Umständen in kurzer Zeit zu Ende sein. Die matte Mondscheibe trat schwach leuchtend hinter den rasch dahinjagenden Wolkenmassen hervor und ließ uns die dunkeln Umrisse der nahen Küste erblicken, deren Formen uns aber zu wenig Anhalt gaben, um den Punkt bestimmen zu können, an dem wir uns befanden. Der Sturm hatte aufgehört, und leise plätschernd und murmelnd machte das ruhiger gewordene Meer seinem rasch verrauschenden Unmuthe Luft. Wir legten uns abwechselnd nieder, um uns etwas Schlaf zu gönnen. Aber wie ganz anders war Alles, denn Tags zuvor! Neunzehn der Kojen standen leer, und Diejenigen, die noch am vergangenen Abend Ruhe in denselben gefunden, waren dem Doppeltode des Verhungerns und Erfrierens machtlos preisgegeben. Unter ihnen befanden sich zwei Frauen und ein Säugling von kaum drei Monaten. Unser kleines Häufchen an Bord des Wracks zählte, als die Musterrolle verlesen wurde, nur noch vierzehn Mann.

Ein trüber Polartag begann zu dämmern, und die Sonne stand noch tief unter dem Horizonte, als wir uns die letzten Reste eines unruhigen, wenig erquickenden Schlummers aus den Augen wischten und uns auf das Verdeck begaben. Nach und nach, als es etwas heller geworden, konnten wir uns einigermaßen orientiren, und die Karte zeigte, daß wir uns etwa vierzig Meilen nördlich von unserer letzten, mit Bestimmtheit festgelegten Position befanden. Mehrere stiegen in den Mastkorb, um sich nach unseren Gefährten umzuschauen, ohne indeß ihre Bemühungen von dem geringsten Erfolge begleitet zu sehen. Der erste Steuermann glaubte durch das Fernrohr auf einer treibenden Scholle dunkle Gegenstände wahrzunehmen, die er für Proviantsäcke hielt, allein die Ansichten hierüber waren getheilt. Da keine Hoffnung vorhanden war, die Vermißten aufzufinden, da wir nicht einmal vermuthen konnten, in welcher Richtung dieselben zu suchen seien, dachten wir zunächst an unsere eigene Sicherheit. Wir durchspähten die ganze eisumgürtete Küste, um eine Fahrstraße nach dem Lande zu entdecken, welches nicht mehr als etwa acht Meilen von uns entfernt war. Ein leichter Nordostwind brachte das uns umgebende Eis in Gang und öffnete einen schmalen Canal nach dem Ufer hin. Dieser Wendung des Schicksals verdankten wir unsere Rettung. Rasch wurden die Feuer mit frischen Kohlen beschickt, und das Schiff durch die beweglichen Packeismassen hindurchquälend, kamen wir der Küste allmählich näher. Es war ein schweres Stück Arbeit, denn manche große Scholle mußte aus dem Wege geräumt werden, und wir hatten kein einziges Boot zu Hülfe. Die dienstthuenden Matrosen sprangen auf kleine Eisstücke, die sie vermittelst eines Bootshakens von einer Stelle zur andern bewegten, und warfen auf den größeren Feldern Eisanker aus, an welchen das Schiff durch die engeren Passagen bugsirt wurde. Oft dauerte es eine Viertelstunde, ehe wir zehn Fuß Weges zurücklegen konnten, aber wir kamen vorwärts, und dieses langsame Vorwärtskommen war Sporn genug, unsere Hoffnung rege zu erhalten.

Wenige Minuten vor zwölf Uhr, als sich die Sonne zum letzten Male im Jahre 1873 über die Bergesgipfel im Süden erhob, hatten wir die Küste erreicht, und das Fahrzeug wurde auf Strand gesetzt – wir waren in Sicherheit. Sogleich machten wir uns an die Arbeit, die letzten Reste der Ladung zu löschen und das Wrack in Stücke zu hauen, welche uns als Baumaterial zu einer Hütte diesen sollten, deren Grund der Steuermann auch alsbald zu legen begann. Erst bei hereinbrechender Nacht stellten wir unsere Thätigkeit ein und suchten unsere Lagerstätten auf. Die Gefühle, die wir empfanden, lassen sich schwer in Worte fassen. Hätten wir den Rest unserer Gefährten in unserer Mitte gehabt, so wären wir völlig glücklich gewesen und hätten die schrecklichen Erlebnisse von gestern als bösen Traum betrachtet. So aber sagte uns die traurige Wirklichkeit nur zu deutlich, was geschehen war.

Am folgenden Morgen wurden wir durch den Besuch mehrerer Eskimos erfreut, die uns mit ihren Hundeschlitten behülflich waren, die Schiffstrümmer an’s Land zu bringen. Durch die Gefälligkeit dieser gutmüthigen Wilden wurde unsere Arbeit so erheblich gefördert, daß das Wohnhaus schon nach zwei Tagen fertig war und bezogen werden konnte. Aus dünnen Brettern aufgeführt und statt eines Daches mit altem Segeltuche überspannt, war dasselbe weit entfernt davon, einen wohnlichen Eindruck zu machen. Es war etwa dreißig Fuß lang und in zwei ungleich große Abtheilungen geschieden, wovon die eine, deren Thür unmittelbar in’s Freie führte, als Küche und zur Aufnahme von Proviant diente, während die andere Wohn-, Arbeits- und Schlafgemach in sich vereinigte. Um drei der Wände zogen sich in Doppelreihen vierzehn Kojen hin, während die vierte von der Thür durchsetzt war. Rechts von derselben befand sich ein rohes Gestell, zur Aufnahme unserer sehr defecten Küchen-Utensilien bestimmt, und in der linken Ecke stand mein kleines Schreibpult, auf dessen oberstem Fache die vier übrig gebliebenen Chronometer Platz fanden. Fenster anzubringen wurde als überflüssig betrachtet, denn wir hatten täglich nur noch wenige Stunden Dämmerung. Etwa hundert Schritte von der Hütte entfernt erbauten wir in der Nähe des Strandes ein kleines Observatorium, in welchem die stündlichen Beobachtungen so weit fortgesetzt wurden, wie es der mangelhafte Vorrath an Instrumenten gestattete.

Gegen Ende October war die Dämmerung bereits so schwach geworden, daß zur Mittagszeit Sterne von geringer Größe deutlich wahrgenommen werden konnten. Der Winter war über uns hereingebrochen, ehe wir es uns versahen. – Ein überwältigendes Gefühl beschleicht uns, wenn wir am Vorabende einer viermonatlichen Nacht stehen. Das Fremdartige der Situation wirkt drückend; wir fühlen tief in unserm Innern, daß wir nicht in diese Welt gehören, in die wir uns gewaltsam hineingedrängt, und deren starre, kolossale Großartigkeit mit einem anderen Maßstabe gemessen werden muß, als mit demjenigen, den wir gewohnt sind an gewöhnliche Verhältnisse anzulegen. Aber selbst noch jetzt versucht sie es, ihre düsteren Reize zu entfalten, diese dämonisch geheimnißvolle Welt, wenn der Winter die letzten kärglichen Schmucksachen von ihren stiefmütterlichen Brüsten hinweggerissen hat, wenn selbst die Sonne es verschmäht, diese starren Gebilde eines liebenden Blickes zu würdigen, und sich die Nacht finster und kalt auf sie herabsenkt, um monatelang eisig, undurchdringlich auf ihr zu lasten. Schließlich muß sie doch erliegen. Unwillig unterwirft sie sich dem Zwange der dunklen Herrscherin; schwächer und schwächer werden ihre Pulse, und

„Gleich dem todten Schlag der Pendeluhr,
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,
Die entgötterte Natur.“

Alles, Alles wendet sich von ihr ab. Das Meer hat der ersterbenden, kümmerlichen Pflanzenwelt noch ein letztes wehmüthig brausendes Schlummerlied gesungen und ist dann selbst entschlafen. Was zu fliehen vermochte, hat das Weite gesucht. [668] Angespornt von Sehnsuchtsgefühlen folgten die befiederten Gäste ihrem Wandertriebe und zogen nach wirthlicheren Regionen. Lummen und Alken putzten sich auf ihren alten Nistplätzen nochmals das weiche Fiederkleid und eröffneten den Zug. Ihnen schloß sich lärmend das Heer der Gänse an, nach den Geschlechtern in dichte, die Luft verfinsternde Schaaren geordnet. Der Sturmvogel umkreist nochmals die Klippe, auf der er das Licht der Welt erblickt, und nimmt dann kreischend Abschied. Das sanfte Gezwitscher des Schneefinken ist längst verstummt, und wenn sich die wenigen offenen Stellen des Meeres gleichfalls mit einer Eiskruste überziehen, dann hält es selbst die genügsame Möve nicht länger aus; auch sie zieht südwärts.

Dem Beispiele der Vögel folgen die Vierfüßer. Nur selten noch hört man das heisere Bellen einzelner Polarfüchse oder das wilde Schnauben und Blöken des Walrosses. Rennthiere sowie Moschusochsen sind entflohen, und der Eisbär hat die nahen Felsenhöhlen aufgesucht, um in todesähnlichem Schlummer die Zeit der Finsterniß zu überleben. Der Mensch allein ist geblieben; er will es versuchen, den Unbilden des Winters Trotz zu bieten.

Und ein harter, freudenleerer Winter war es, den wir durchlebten, in einem elenden, von einer rußenden Thranlampe schwach beleuchteten Gemache zusammengepfercht, an dessen Decke sich große Eiszapfen bildeten, von welchen beständig Wasser herabtroff, sobald bei Windstille die Temperatur im Innern der Hütte etwas höher stieg als gewöhnlich. Am 2. März sahen wir zum ersten Male die Sonne wieder, deren Anblick wir hundertfünfunddreißig Tage hatten entbehren müssen. Lauter Jubelruf begrüßte das Erscheinen der Himmelskönigin, als sie sich langsam, fast zaghaft, über die nahen Gebirgsrücken erhob, zuerst ein kleines Kreissegment darstellend, dann aber bis zum stattlichen Halbkreis wachsend, bis wir schließlich die ganze Scheibe zu Gesicht bekamen, deren unterer Rand auf einer anmuthig beleuchteten Stratuswolke ruhte. Beinahe fremdartig erschien es, die alte Freundin wiederzusehen, deren Strahlen sich allmählich über die öde weiße Landschaft stahlen, das Dach unserer Hütte vergoldeten und ihr Licht durch das mittlerweile angebrachte kleine Fensterchen in unser Zimmer sandten. Aber nicht lange dauerte der Genuß. Rastlos ihre Bahn verfolgend, nahm sie schon nach wenigen Minuten wieder Abschied von uns, um andere Stellen in Licht und Schatten spielen zu lassen.

Obschon es noch grimmig kalt und das Quecksilber oft noch tagelang gefroren war, begann der energische Steuermann, ohne dessen Hülfe es schlecht um uns bestellt gewesen wäre, dennoch das Zimmern der Boote. Es wurden Jagdpartieen ausgeschickt, die den Tisch mit Wild versorgten, und das Leben nahm eine etwas freundlichere Färbung an. Mitte April fand ein erneuter Versuch zu Schlitten statt, um womöglich eine höhere Breite zu erreichen, als das Jahr zuvor, aber derselbe scheiterte an der Ungunst der Verhältnisse.

Als es nach und nach etwas wärmer wurde und sich auf den dunkeln Felsen der Umgebung kleine Rinnsale zu bilden begannen, so daß wir nicht mehr nöthig hatten, Eis zu schmelzen, um Trinkwasser zu erhalten, waren unsere Boote nahezu fertig. Um dieselben völlig in Stand zu setzen, mußte die Hütte theilweise abgebrochen werden, da es an Holz fehlte. Willig gaben wir die Bretter unserer Kojen hin, um Böden für die Fahrzeuge zu liefern, denn eine süße Stimme flüsterte: Es geht der Heimath zu. Am 3. Juni sagten wir dem öden Felsgestade Lebewohl und stachen auf unseren gebrechlichen Kähnen in See. Nach Mißgeschicken aller Art wurden wir drei Wochen später von einem wohlwollenden Walfischfänger aufgenommen, der uns Ende September in Schottland landete – und diese in ihrer Art denkwürdige Reise gehörte dem Reiche der Erinnerung an.



  1. * Bei dem erhöhten Interesse, welches in Folge der österreichischen Expedition jetzt die Polargegenden und ihre Erforschung in Anspruch nehmen, gewährt es uns eine besondere Freude, unseren Lesern den obigen Brief des wissenschaftlichen Leiters der im Jahre 1872 von Amerika ausgegangenen Halls’schen Polar-Expedition mittheilen zu können. Es geschieht dies mit Genehmigung des Briefschreibers, welcher augenblicklich als Mitglied der bekannten Smithsonian Institution in Washington mit den Ausrüstungen zu einer kurzen Recognoscirungsfahrt nach den Polargegenden beschäftigt ist, die er im nächsten März zu unternehmen gedenkt.
    D. Red.