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Textdaten
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Autor: H–g.
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Titel: Amerikanische Gladiatoren
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 668, 669
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Amerikanische Gladiatoren.


Ein Beitrag zur Humanität des neunzehnten Jahrhunderts.


Es giebt im amerikanischen National-Charakter manche Punkte, die für den eingewanderten Deutschen geradezu unbegreiflich sind und die dennoch einen großen Theil des acclimatisirten Deutschthums ebenso beherrschen wie den Anglo-Amerikaner; denn wir haben es nicht selten erlebt, daß Deutsche nach ihrer Ankunft in diesem Lande diese oder jene amerikanische Sitte oder Gewohnheit mit Verachtung betrachteten und in Zeit von wenigen Jahren selbst große Bewunderer und Vertreter des früher von ihnen geschmähten Unfugs wurden.

Einer dieser tadelnswerthen Züge des amerikanischen Lebens ist das Wohlgefallen an grausamen Spielen und Kämpfen. Was jedoch unter diesen rohen Vergnügungen den Menschen am meisten entwürdigt, ist unzweifelhaft der „Faustkampf um’s Geld“.

Deutsch-Amerikaner, die dem Faustkampfe Gefallen abgewonnen haben, pflegen denselben gern mit dem Fechten und Duelliren deutscher Studenten zu vergleichen und Beides auf denselben Culturgrad zu stellen. Ein guter Deutscher aber muß sich gegen eine derartige Anschauung verwahren. Sind die Paukereien deutscher Studenten zwar auch roh und nicht mehr zeitgemäß, so haben sie doch den Vortheil, daß durch sie die akademische Jugend waffenkundig wird – eine Fähigkeit, die, wenn es Noth thut, dem Vaterlande zu Gute kommt. Ueberdies kennzeichnen diese Paukereien nur den Uebermuth einer genialen Jugend und bekunden ein Streben nach Ritterlichkeit, während sich der Faustkämpfer hier zu Lande seiner barbarischen Kunst ausschließlich zur Fristung eines nutzlosen Lebens bedient.

Bewacht von einer oft nach Tausenden zählenden Menge von Zuschauern, unter denen alle Classen der männlichen, aber nur eine der weiblichen Gesellschaft vertreten, stehen sich die beiden Faustkämpfer blutdürstig gegenüber. Mit gespannter Aufmerksamkeit ruht jedes Auge auf den Fäusten der zwei menschlichen Bestien, die sich mit Tigerblicken beliebäugeln und nur auf den Augenblick warten, wo Einer sich anschickt, dem Andern den Unterkiefer zu zerschlagen oder ihm den Augapfel in’s Gehirn zu treiben. Mit scheußlichem Geschrei begrüßt die Menge jeden Hieb und ungeheure Summen Geldes werden auf den Ausgang des Kampfes gewettet. Jeder Fetzen Fleisch, der von den Gesichtern der Kämpfer herabhängt, erzeugt ein Jubelgeheul oder auch ein Grunzen und Murren, je nachdem das Publicum für den Kämpfer Partei genommen hat.

„Aber,“ wird mancher Leser fragen, „giebt es denn kein Gesetz, das diese Rohheit verbietet?“ Natürlich! In Amerika giebt es bekanntlich gegen alle socialen Uebel unzählige Gesetze, aber leider sind die meisten für die Ausführung ganz unpraktisch, oder das Uebel erfreut sich der nationalen Sympathie, und in diesem Falle ist die Bestrafung der Missethäter beinahe unmöglich, und daß das Letztere auf den Faustkampf Anwendung findet, beweist deutlich das Verhalten der respectabeln amerikanischen Presse.

Der vor Kurzem im Staate West-Virginien stattgehabte Preiskampf zwischen Billy Edwards und Sam Collier veranlaßt mich, den Lesern der Gartenlaube dieses nationale Vergnügen zu beschreiben und ihnen zu veranschaulichen, wie überhaupt eine solche Paukerei in Scene gesetzt wird.

Zuvor aber noch ein Wort über die Ausbildung und das Verhalten dieser Gladiatoren.

Alle Faustkämpfer werden in zwei Classen getheilt, in reguläre Boxer und in Boxer des leichten Gewichts. Zu den letzteren zählen alle, deren körperliche Schwere nicht über hundertvierzig Pfund beträgt, während das Gewicht der regulären Boxer über diese Zahl hinausgeht.

Ehe ein Faustkämpfer öffentlich in die Schranken tritt, muß er einen regulären Cursus in der Fechtkunst durchmachen, und die alten Veteranen der faustkämpferischen Brüderschaft übernehmen es gerne, einem vielversprechenden Talente unentgeltlich seine Ausbildung zu Theil werden zu lassen. Wenn ein Kampf stattfinden soll, bei dem sich das Preisgeld manchmal auf Tausende von Dollars beläuft, müssen sich selbst alte erprobte Kämpfer noch einer zwei- bis dreimonatlichen Vorbereitungszeit unterziehen. Während dieser Zeit hat sich der Boxer genau nach den folgenden Regeln zu richten. Um sechs Uhr Morgens muß er aufstehn und ein Kleibad nehmen. Nachdem der Körper mit groben Handtüchern gut abgerieben, macht er einen Spaziergang von anderthalb Meilen. Dann folgen Ruhe und Frühstück. Das letztere besteht aus bestem Beefsteak, rohem oder leicht angebratenem, aus [669] Hammelcotelettes oder derartigem, nebst Zwieback oder ungesäuertem Brode und leichtem Thee. Kein Kaffee, kein Fett, sehr wenig Gewürz und nur ein Minimum von Gemüse wird erlaubt. Dem Frühstück folgt etwas Fechtübung und hierauf ein Spaziergang von acht bis neun englischen Meilen. Nach Beendigung desselben wird der Körper wieder abgerieben, aber diesmal mit Handschuhen, die an der innern Handfläche mit den schärfsten Bürsten versehen sind. Das Reiben wird fortgesetzt, bis der Körper glüht wie ein gekochter Krebs. Das Mittagsmahl ist dem Frühstück ähnlich und besteht aus vielem Fleisch und wenigem Zubehör, wahrscheinlich nach dem Satz, daß, wenn man Hunden viel Fleisch giebt, sich die Wuth und Kraft gebenden Zellen gut entwickeln. Als Getränk wird, obgleich diese Classe von Leuten gewöhnlich stark trinkt, während der Vorbereitungszeit nur englisches Ale erlaubt, weil der Genuß von stärkeren Liqueuren den Kämpfer nervös machen könnte.

Am Nachmittage folgen einige Stunden Siesta und dann große Fechtübungen. Nach dem Abendessen wird noch ein kurzer Spaziergang gemacht, und um neun Uhr dreißig Minuten begiebt sich der Boxer zu Bett und schläft so ruhig wie irgend ein Anderer, der den ganzen Tag zum Wohle der Menschheit hart gearbeitet hat. Ein gerbsäurehaltiges Präparat, bekannt unter dem Namen „Pickle“, wird täglich mehrere Male in Anwendung gebracht, um die Außenhaut der Hände zu härten. Der hier beschriebenen Procedur unterzieht sich der Faustkämpfer einen Tag wie den andern mit solcher Pünktlichkeit und Willigkeit, als ob das Wohl und Wehe der Völker davon abhinge, und doch thut er Alles nur, um fähig zu sein, seinen Nebenmenschen der ihn nie beleidigt, kunstgerecht zum Krüppel verhauen zu können.

Sobald ein Faustkämpfer irgend ein hervorragendes Mitglied der Gesellschaft gefordert hat, sich zu einer bestimmten Zeit mit ihm zu schlagen, was gewöhnlich durch Veröffentlichung in dem Blatte „New-York Clipper“, einem Organ für Preisfechter, geschieht, geräth das halbe Land sofort in eine fieberische Aufregung. Fast alle englischen Blätter beeilen sich, die Forderung und den Accept sogleich zu copiren, und keine würde es sich je verzeihen, mit dieser höchstwichtigen Neuigkeit auch nur um einen Tag zu spät zu kommen. Berichterstatter werden abgesandt, die Gladiatoren, sowie auch die Verhältnisse, unter denen sie ihre Vorbereitung durchmachen, selbst in Augenschein zu nehmen, um dem Publicum eine genaue Schilderung der beiden Kämpfer liefern zu können. Nach dieser Schilderung bildet sich dann die Bevölkerung ein Urtheil, und sofort beginnt das Wetten. Unzählige einleitende Prügeleien kommen vor, die häufig von Messerstichen und Revolverschüssen begleitet sind. Ein Verehrer Tom Allen’s, der vor einem Jahre Mike Mc Coole im Faustkampf besiegte, wagte es, den Letzteren zu verhöhnen, wofür ihn Mc Coole durch einen Schuß über den Acheron beförderte. Der Mörder befindet sich noch jetzt in Untersuchungshaft (oder genießt vielmehr gegen einige hundert Dollars Bürgschaft die Freiheit), ein Zeichen, daß er schließlich freigesprochen werden, oder doch mit einer gelinden Strafe davon kommen wird. Eine englische Zeitung bringt über den vor Kurzem stattgehabten und schon oben erwähnten Preiskampf folgende charakteristische Mittheilung, die hier in einer Uebersetzung einen Platz finden möge:

„Beim Einschiffen der Zuschauer ereignete es sich, daß durch Meinungsverschiedenheit in Bezug auf die Kämpfer auf dem Dampfboote eine allgemeine Schlägerei ausbrach, wobei ein Unbekannter erschossen und B. Aaron, einer der Secundanten von Edwards, gefährlich verwundet wurde. Im Uebrigen ging Alles herrlich von Statten.“

Ist die Vorbereitung vorbei, so wird der Ort des Kampfes bestimmt, jedoch nur annähernd. Es ist dies ein nothwendiges Manöver zur Umgehung etwaiger „naseweiser Polizeibeamten“, die sich durch „lächerlichen Diensteifer“ veranlaßt fühlen könnten, den Kampf zu verhindern. Sobald der Kampfplatz bestimmt, machen sich die Kampfliebhaber aus allen Theilen der Union auf, um ja zur rechten Zeit die Boote zu erreichen, die zuvor schon von den Agenten der Preisfechter gemiethet worden sind. Der Preis für ein Billet beträgt gewöhnlich fünf bis zehn Dollars, ein Umstand, der es verhindert, viel Polizei mit einzuschiffen, denn keine Autorität will das Fahrgeld für dieselbe bezahlen. Die Boote vorher mit Beschlag zu belegen, ist nicht möglich, denn der Capitain giebt an, daß die Boote zu einem gewöhnlichen Ausfluge gemiethet sind, und so lange kein Kampf stattgefunden, ist natürlich auch kein Grund zur Beschlagnahme vorhanden.

Gewöhnlich findet der Kampf in einer Gegend statt, wo zwei Staaten durch einen großen Fluß getrennt sind. Es wird dann, wenn sich die Boote außer dem Bereiche der Polizei glauben, schnell gelandet; der Kampf geht vor sich; eiligst erfolgt die Einschiffung, und im Jubel geht es nach dem gegenüberliegenden Ufer. Der Staat, in welchem die Boxer landen, hat nichts zu rügen, denn es wurde nicht innerhalb seiner Grenzen gefochten; bis aber der andere Staat die nöthigen Schritte zur Verhaftung thut (was niemals geschieht), sind die Uebelthäter längst nach allen Gegenden des Landes entflohen; oder es wird auf einer der vielen unbewohnten Inseln unserer großen Flüsse gefochten (wie zuletzt geschehen), von denen keiner der angrenzenden Staaten eigentlich weiß oder wissen will, wer die Gerichtsbarkeit über dieselbe hat.

Der Hergang des Preiskampfes ist etwa folgender: sobald die Boote gelandet, wird auf einem dazu geeigneten Platze durch ein über rohe Pfähle gespanntes Tau ein Kreis gebildet. Dieser Kreis heißt „der Preisring“. Schon während der Bildung des Preisrings drängen, hauen und balgen sich die Zuschauer, um so nahe wie möglich an den Ring zu kommen. Dieser allgemeine Kampf wird als Vorspiel zur eigentlichen Vorstellung betrachtet. Wenn Jeder seinen Platz erobert hat und die Ruhe einigermaßen hergestellt worden ist, betreten die Faustkämpfer nebst ihren Secundanten (welcher Letzteren gewöhnlich vier sind) den Preisring. Die Kämpfer sind mit leichten Kniehosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen bekleidet; der ganze Oberkörper ist entblößt. Nachdem Alles in Ordnung, schreiten die vier Secundanten in Quadrilleform vorwärts bis an das Centrum des Ringes, geben sich dort kreuzweis die männliche Rechte und treten mit effectvoller Grazie zurück bis an die Schranken des Kreises. Nun treten die Kämpfer vor, schütteln sich zuerst äußerst freundlich die Hände und treten dann in Stellung. Lautlose Stille rings umher. Der Vorsitzende ruft nun mit lauter, vernehmlicher Stimme: „Time“ (es ist Zeit), und Beide legen aus. Erst werden eine Zeitlang graziöse Boxfiguren gemacht; auf einmal läßt Einer einen Hieb sitzen, der sofort erwidert wird. Das Blut rieselt in Strömen über die nackten Schultern, und die Menge heult und jauchzt vor Vergnügen. Die Wetten gehen hoch; die Aufregung ist kolossal, bis der eine der Kämpfer von seinem Gegner zu Boden gefällt wird. Dies beendigt den ersten Gang. Während der nun eintretenden Pause werden die Kämpfer von den Secundanten mit in Essig getauchten Schwämmen gewaschen. Branntwein wird ihnen eingeflößt, und wenn sich die „Menschen“ etwas erholt haben, so wird der zweite Gang in derselben Weise wie der erste in Scene gesetzt. Solcher Gänge werden manchmal dreißig bis vierzig aufgeführt, bis die Gesichter der Kämpfer mehr einem Hamburger Beefsteak als dem Ebenbilde Gottes ähnlich sehen. Aber selbst wenn die Gegner vor Ermattung und Wunden nicht mehr aufrecht stehen können und von den Secundanten gehalten werden müssen, wird noch gefochten, bis schließlich der Eine mit zerschmetterter Kinnlade und heraushängendem Auge niedersinkt. Erst dann wird seinem Gegner der Preis und der Sieg zugesprochen. Eigentlich sind Beide besiegt, denn Keiner ist nach so einem Kampfe Monate lang zu etwas tauglich.

In den nächsten Tagen strotzen die Zeitungen von spaltenlangen glühenden Berichten über den „Prize-Fight“ (Preiskampf): wie sich das Ganze entwickelt, wie sich das Publicum so herrlich amüsirt hat, wie schön und angenehm die Kämpfer aussahen, und wie sie glänzend gefochten. Jeder Faustschlag und sein gräßliches Resultat werden haarklein beschrieben; dem Sieger zu Ehren wird ein Bankett veranstaltet (wie es heute hier in St. Louis zu Ehren Edwards’ abgehalten wird), und alle Welt freut sich, daß die Geschichte bald wieder losgehen kann.

Wir Deutsche aber, die wir uns zu einem großen Theile von diesem rohen Halbmord mit Abscheu erfüllt fühlen, wir wollen hoffen, daß wir durch eigenes Bemühen und durch den Einfluß unsrer Presse im Stande sein werden, nach und nach in dem betreffenden Theil der amerikanischen Gesellschaft den herrschenden Geschmack zu veredeln, damit so der stets nach Aufregung haschende Amerikaner lernt, sich mit weniger unmenschlichen Belustigungen zu begnügen.

H–g.