Der Sänger der „Bezauberten Rose“

Textdaten
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Autor: Gustav Karpeles
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Titel: Der Sänger der „Bezauberten Rose“
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 189–191
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Sänger der „Bezauberten Rose“.

Von Gustav Karpeles.

Wer hätte sich nicht einmal in schwärmerischen Jugendtagen des Duftes der „Bezauberten Rose“ innig erfreut und wie viele Jünglinge mögen in einer heute allerdings längst entschwundenen Stimmung für das Geschenk des kleinen goldberänderten Büchleins aus lieblichen Augen „nur noch süßere Strahlen“ empfangen haben! Noch steht mir, als wäre es gestern gewesen, die Scene lebhaft vor Augen, da meine „erste Liebe“ mir „mit Blicken, die ein trunkner Glanz belebt,“ für den Genuß dankte, den ich ihr durch dieses Gedicht bereitet hatte. Seither habe ich eine, wie ich gern zugestehen will, mehr persönliche Stimmung für den Sänger dieser [190] Dichtung beibehalten. Ob dieselbe sich auch litterarhistorisch rechtfertigen läßt, ist freilich eine andere Frage. Aber es ist immerhin eine Frage, über die sich gerade in diesen Tagen wohl reden läßt. Hat doch die Stimmung, aus der Ernst Schulzes Gedicht hervorgegangen ist, nahezu zwei Menschenalter deutschen Lebens so beherrscht, daß sie, diese Stimmung nämlich, als der getreueste Ausdruck deutscher Liebesempfindung in Glück und Leid angesehen werden darf.

Hundert Jahre sind am 22. März 1889 vergangen seit der Geburt des Dichters, zweiundsiebzig Jahre seit seinem Tode. Er hat also im ganzen nur achtundzwanzig Jahre gelebt. Er wurde in Celle geboren, lebte in Göttingen und starb in Celle. Er hat also auch nicht in verschiedenen Kreisen gelebt. Demgemäß ist sein dichterisches Schaffen eng umgrenzt. Drei romantische Dichtungen „Cäcilie“, „Psyche“, „Die bezauberte Rose“, daneben eine geringe Anzahl lyrischer Gedichte füllen dasselbe mehr als reichlich aus. Und doch bezeichnet sein Name einen Markstein in unserer Litteraturgeschichte, an dem kein Wanderer vorüber gehen darf, ohne den Manen des Dichters seine Huldigung dargebracht zu haben.

Von Hause aus ist Ernst Schulze zu einer sogenannten guten Lebenskarriere gleichsam vorherbestimmt; er ist ein kräftiger, geweckter, begabter und beliebter Knabe, der im Elternhause eine gute Erziehung und auf dem Gymnasium zu Celle eine tüchtige Fortbildung erhält. Sein Vater, der Bürgermeister von Celle, liebt den Knaben ganz besonders herzlich, und auch die Stiefmutter hat ihn früh ins Herz geschlossen. Er selbst bezeichnet sich zwar als einen unbedeutenden, linkischen, scheuen Burschen; aber man weiß ja, was es mit solchen Geständnissen auf sich hat. Daß er sich als vierzehnjähriger Knabe in seine Tante verliebte, wollen wir ihm dagegen gern glauben, da er uns mittheilt, daß diese Tante ein sehr geistreiches und gebildetes Mädchen war. So erwachte schon in jungen Tagen, durch verschiedene Freundschaftsbeziehungen, durch kleine Reisen und durch Lesen gefördert, eine poetische Welt in dem Knaben, über deren „ordnungslose Gebilde“ er aber noch nicht Herr zu werden vermochte.

Aber mit dem Tage, da er die Landesuniversität Göttingen bezieht, beginnt sein Leben eine neue und später eine wenig günstige Wendung zu nehmen. Zunächst fällt schon die Unsicherheit ins Gewicht, die Ernst Schulze über sein Berufsstudium zeigt und die ihn schließlich zur Theologie führt. Erst die Bekanntschaft mit dem Aesthetiker Professor Bouterwek erschließt ihm eine neue Gedankenwelt. Bouterwek ward und blieb ihm bis zum Tode ein väterlicher Freund und Berather. Er führt ihn in die Gesellschaft gebildeter Frauen, er liest und beurtheilt seine Gedichte, er ist es wohl auch, der seinen Uebergang von der Theologie zur Philosophie vermittelt. Wieland war damals Schulzes Ideal- und Lieblingsdichter, der ihn völlig bezaubert hat und dem er durchaus nachstreben will. Das erzählende Gedicht „Psyche“, welches in jene Lebenszeit fällt, verräth in der That sowohl dem Geiste wie der Form nach den übermächtigen Einfluß Wielands und des „französischen Hellenismus“ auf den werdenden Poeten, der hier sein erstes dichterisches Werk gab.

Von solchen Bestrebungen und Vorbildern wurde Schulze natürlich zum Studium der Antike geführt, dem er sich aber nicht etwa bloß mit dichterischer Freiheit, sondern mit grammatischer Genauigkeit ergab. Die Philologie ward bald sein Hauptstudium, und Horaz, Virgil, Aristophanes und Lucian wurden seine Lieblingsschriftsteller. Daneben war er heiter, mit seinem bescheidenen Lose zufrieden, fröhlich im Kreise zechender Genossen, ein lustiger Bruder Studio, der sich gern ein Stückchen Rinde vom Lebensbaum abschnitt und manchen harmlosen Liebeshandel anknüpfte. Vielleicht waren die ersten Göttinger Jahre die glücklichsten seines Lebens; jedenfalls war es die einzige Zeit, auf die des Dichters eigenes Bekenntniß in seinen „Elegien“ paßt:

„Wahrlich, ich habe gelebt! Nicht reut mich die fröhliche Wildheit,
     Fest an die feurige Brust drückt’ ich das blühende Sein,
Küßte die scheidende Lust, und der nahenden lacht’ ich entgegen,
     Und zur geliebtesten Braut ward die Minute mir stets.“

In diese Zeit fällt Schulzes Harzreise und seine Liebe zu jenem Brockenmädchen, dem einige seiner schönsten Elegien und Gedichte gewidmet sind. Aus seinen Briefen und Tagebuchblättern in jenem Lebens- und Liebesfrühling (im April 1810) strömt uns förmlich ein frischer Harzgeruch entgegen, und über der ganzen Liebesepisode ruht etwas wie der unsagbar anheimelnde Duft der Landschaft selbst. Wie Heine, so unternimmt auch Ernst Schulze seine Harzreise, weil ihm der trockene Gelehrtenstolz der Georgia Augusta, die Studentenhändel und das Philistertreiben zuwider sind; auch er hat sich im romantischen Mondschein umhergetummelt und Zauberschlösser der Phantasie aufgebaut; auch sein Herz sehnt sich nun aus dem schönen Nebel der Dichtung in die heitere Wirklichkeit zurück. Da begegnet ihm Adelheid, des Försters Pflegetöchterlein, und macht einen tiefen Eindruck auf seine empfängliche Seele. Es ist kein flüchtiger Liebeshandel und mehr als eine sentimentale Liebesepisode, was ihn mit dem anmuthigen Harzkinde verbindet. Er gedenkt ihrer oft und gern, er feiert sie in vertrauten Briefen an seinen Freund v. Bergmann und in schwungvollen Gedichten, ja er gesteht selbst zu, daß er durch dieses Mädchen besser geworden sei.

Mit dem Geständniß, daß diese „letzte romantische und sentimentale Episode in seinem Leben“ ihm gewiß „ewig theuer“ bleiben werde, und mit der Einbildung einer gesunden Lebensphilosophie trennt sich Ernst Schulze von seinen Erinnerungen, um wieder nach Göttingen und zur Arbeit zurückzukehren. Vielerlei Pläne beschäftigen seinen regen Geist: er will eine griechische Litteraturgeschichte schreiben, er arbeitet an einem romantischen Epos, zugleich aber auch an seiner Doktordissertation. Daneben verstrickt er sich in einen neuen Liebeshandel mit einer verheiratheten adeligen Dame, wie er selbst ehrlich genug eingesteht: hauptsächlich aus Eitelkeit; und Ueberdruß, innere Aufregung, Unbefriedigung mit dem eigenen Thun und dem Lauf der Welt wachsen immer mehr, um schließlich eine dämonische Lebensstimmung hervorzubringen, in welcher der junge Poet zwischen weicher Sentimentalität und wildem Sarkasmus hin- und herschwankt.

In dieser überaus gefährlichen, ja für einen Dichter geradezu verhängnißvollen Lebensstimmung, in der er alle Frauen für kokett, selbstgefällig und selbstsüchtig halten zu dürfen glaubt, in der er erklärt, daß es unter dem weiblichen Geschlecht doch mehr Karikaturen gebe als unter dem männlichen und daß es ihm leichter sein würde, den Chimborasso zum Frühstück zu verzehren, als eine Satire auf alle Untugenden des weiblichen Geschlechts zu machen, in dieser Stimmung lernt Ernst Schulze ein Mädchen kennen, das bald von entscheidendem Einfluß auf sein Leben werden und seinen Anschauungen über die Würde der Frauen eine ernste, aber tiefschmerzliche Richtigstellung angedeihen lassen sollte. Cäcilie Tychsen, so lautete ihr Name, wurde das Verhängniß seines Lebens. Sie war die Tochter eines Göttinger Professors, und der junge Dichter lernte sie in einer jener langweiligen Theegesellschaften kennen, die er in seinen Tagebüchern so unnachahmlich geschildert hat. Der erste Eindruck war kein sonderlich günstiger. Cäcilie, die viele Verehrer hatte, deren Ruf aber untadelig war, zu erobern, meinte er zuerst, würde ihm nicht wenig Ehre eintragen. Ueberkühn spielte der junge Poet mit dem Feuer, das ihn nur zu bald verzehren sollte. Das leichte, vielleicht sogar frivole Spiel verwandelte sich rasch in tiefen, schmerzlichen Ernst und der Flüchtling wurde in den Banden einer heißen Liebesgluth gefesselt, die ihm bis dahin völlig fremd gewesen.

Cäcilie gehörte, nach der Schilderung des Biographen Schulzes, zu den seltenen, hochbegabten Frauennaturen, in denen die Psyche so übermächtig ist, daß sie das Körperliche noch vor dessen Vollreife in seiner zartesten Jugendblüthe aufzehrt. Reizend vor vielen ihres Geschlechts, war sie empfänglich für alles Schöne, begeistert für alles Gute und erfüllt von Wissen und Kunstsinn. Sie war glühende Patriotin, die die deutsche Schmach jener Jahre tief empfand, und eine echt poetische Natur, in der Dichtung und Musik sich zum harmonischen Bunde vereinigt hatten. Was Wunder, daß sie den für weibliche Einflüsse überaus empfänglichen Dichter in den Heerbann ihrer Verehrer zog!

Hat aber Cäcilie seine Liebe auch erwidert? Es scheint dies nicht der Fall gewesen zu sein. Die Zeitgenossen sprechen nur von dem „freundlichen Wohlwollen“, das sie seiner schwärmerischen Neigung entgegenbrachte. Indeß scheint sich ja Ernst Schulze thatsächlich mit diesem Wohlwollen begnügt zu haben. Er selbst gesteht schon nach kurzer Zeit, daß er dieser Liebe unendlich viel Dank schuldig sei und daß sie eine vollständige Umwandlung seines Wesens bewirkt habe. Seine religiöse und seine patriotische Gesinnung verdankte er dieser Liebe, die Vertiefung seines Charakters und die Erhebung seines Geistes zugleich. Seine Tagebuchblätter aus dem Jahre 1812 gewähren einen tiefen Einblick ist das Werden und Wachsen dieser Neigung bis zu ihrem Höhepunkte. [191] Auf diesem Höhepunkt angelangt, erwies sich seine Liebe allerdings als völlig hoffnungslos, denn Cäcilie war unheilbar krank.

Was nun folgt, bedarf keiner Erläuterung mehr. Das geliebte Wesen von Tag zu Tag dem Tode entgegenwelken zu sehen, das ist ein Schmerz, der auch die stärkste Natur aufreiben kann. Ernst Schulze war aber eine zu zartbesaitete Natur, die den Schlägen des Schicksals nur eine geringe innere Lebenskraft entgegenzusetzen hatte. So wankte er zwischen Schmerz und Hoffnung unruhig hin und her, bis ein rauher Dezembermorgen ihm die entsetzliche Gewißheit brachte. Im Tagebuch des Dichters heißt es an jenem Tage: „Holde Laura, ich will Dein Petrarca sein! Einst zweifelte ich an einer solchen Liebe und Du sagtest mit stillem Vertrauen: ‚Warum glauben Sie nicht, daß die Liebe so geistig, so dauernd sein könne?‘ O Du beschämtest mich damals, aber ich werde halten, was Du versprachst. So lange meine Lieder leben, sollst auch Du nicht sterben!

Jetzt liegst Du da im heil’gen Schoß der Stille,
Noch glänzt die Stirn, die Wange noch so mild,
Noch schwebt der Geist um seine theure Hülle
Und schmückt mit ernstem Reiz das theure Bild.

Doch ich muß trüb und weinend fort mich wenden,
Denn ach, der Ruf der kalten Wahrheit spricht:
Es war ein Traum, und jeder Traum muß enden,
Was sterblich ist, das hoff’ und zage nicht!“

Als man Cäcilie Tychsen begrub, senkte man auch des Dichters bestes Lebenstheil, sein Hoffen und Sehnen, in die kühle Erde hinab. Ungemessener Schmerz und finstere Verzweiflung bemächtigen sich seiner in der ersten Zeit. Erst nachdem er die Idee erfaßt, der theuren Todten ein poetisches Denkmal zu setzen, wird er gefaßter, ruhiger. „Ich will ein Werk dichten,“ schreibt er einem Freunde, „worin Cäciliens Charakter bis in seine kleinsten Feinheiten dargestellt werden soll … In Cäcilien soll die christliche Sehnsucht nach dem Himmlischen und Ewigen dargestellt werden, und ich selbst will in demüthiger Entfernung als die irdische Liebe neben ihr stehen.“

Die Idee dieses Gedichtes und die Arbeit an demselben war nun lange Zeit seine einzige Freude und sein Trost. Die große Wandlung, die sein Geist durchgemacht, kam jetzt erst zur charakteristischen Aeußerung. „Der Uebergang vom schwärmerischen Glück zu einem Schmerz, von dem er sich bis dahin keine Vorstellung machen konnte, hatte allen seinen Gedanken eine andere Richtung gegeben.“

In dieser Stimmung schrieb er sein Gedicht. Binnen Jahresfrist waren nahezu zwölf Gesänge fertig, aber die befreiende Stimmung, die es dem Dichter bringen sollte, wollte sich nicht einstellen. Ja, seine Melancholie wurde noch vermehrt durch neue Irrungen und Wirrungen des Herzens, die ihn zu der liebenswürdigen Schwester der Dahingeschiedenen führten. Die Episode des fünften Gesanges der „Cäcilie“ enthält auch die Geschichte dieser neuen Neigung, die aber nicht von so kurzer Dauer war, wie der Dichter dort sie schildert. Das Schicksal wollte seinen süßen Traum nicht wahr machen, und der Gemüthszustand Ernst Schulzes wurde durch diese neue Enttäuschung noch mehr verdüstert.

Erst der Kriegslärm, der im Herbst 1813 sich immer näher an sein Heimathland zog, weckte ihn aus seinem dumpfen Traumleben auf. Er erinnert sich der heiligen Erbschaft patriotischer Gesinnung, die ihm Cäcilie hinterlassen, und schließt sich der allgemeinen Bewegung an, welche damals alle Deutschen erfaßt hatte. Er trat in die Reihen der Freiwilligen ein, die 1814 gegen Frankreich auszogen, um der heiligen Sache des Vaterlandes zu dienen. Unter den Beschwerden und Entbehrungen des Soldatenlebens kräftigte sich seine schwankende Gesundheit wieder, sein Geist aber verharrte in jener trüben Stimmung, die ihn zwischen Unmuth und Verzweiflung fast willenlos hin- und hertrieb. Mancherlei Mißverhältnisse, die erfolglosen Bemühungen um eine ihm zusagende Stelle, die geringen Erfolge, die Schulze als akademischer Lehrer zu erreichen vermochte, endlich der volle Bruch mit dem Tychsenschen Hause kamen dazu, um des jungen Dichters Lebensstimmung immer mehr zu verbittern. Der trostlos nüchterne Ausgang, den seine Neigung für Adelheid Tychsen hatte, raubte ihm allen Muth; ja es scheint, als ob er einen schmerzlicheren Eindruck hinterlassen hätte als der Tod Cäciliens, der zwar in der Seele des Dichters einen unvertilgbaren tiefschmerzlichen Riß verursacht, zugleich aber seinem ganzen Wesen einen höheren Schwung und seinem dichterischen Vermögen eine gehobene Stimmung verliehen hatte. Sein Charakter war den Mißverhältnissen, die aus dieser schwärmerischen Doppelneigung entstanden, nicht gewachsen; an Leib und Seele zehrten schmerzliche Erinnerungen und getäuschte Hoffnungen. Italien ward nun das Ziel seiner Wüusche. Um den trüben Gedanken zu entgehen, die der Aufenthalt in Göttingen täglich neu hervorbrachte, machte der Dichter zunächst 1816 eine Rheinreise, dann kehrte er in seine Vaterstadt Celle wieder zurück, immer noch mit Plänen und Hoffnungen sich tragend und stets von neuem gegen den Dämon der Schwermuth ankämpfend, indem er sich „zur Mannheit und zur That“ aufzuraffen suchte.

Vergeblich! Der Keim eines innerm Leidens hatte bereits zu tief seinen Körper erfaßt; aber je tiefer die Schatten seines Lebens fielen, desto höher schwang sich sein poetischer Genius. Wie in einem Wurf hatte er in schmerzfreien Stunden ein Gedicht vollendet, das er für das Preisausschreiben des Leipziger Buchhändlers Brockhaus bestimmt hatte und das in der That auch den Preis erhielt. Es war „Die bezauberte Rose“, Ernst Schulzes Schwanengesang, das Reifste und Reinste aber auch, was seine Muse geschaffen. Als er die Nachricht von dem ihm zuerkannten Preise erhielt, war seine Empfänglichkeit für freudige Eindrücke schon zu sehr gesunken, indessen erregte die Anerkennung seines poetischen Talents auch jetzt noch seine innige Theilnahme. Allerdings hätte er den Hauch, der so süß durch die Stanzen seines Gedichtes weht, jetzt lieber für einen freien Hauch aus seiner todwunden Brust vertauscht. Aber es war zu spät. Am 29. Juni 1817 starb er still und schmerzlos im Vaterhause.

Die Erinnerung an Cäcilie begleitet den Dichter bis zum Grabe. Sein ganzes poetisches Schaffen ist von diesem Bilde erfüllt und seine beiden großen Dichtungen sind ihr geweiht. Die letzten Strophen der „Bezauberten Rose“ sprechen dies in einer sinnigen und warmen Huldigung aus:

„Dies sang ich Dir, als mit der ersten Rose
Auch mir ein Lenz der neuen Freud’ erschien;
Doch tückisch mischt das Schicksal seine Lose,
Ein weißes zeigt’s, wenn wir ein schwarzes ziehn.
So ruht auch setzt schon unter kühlem Moose,
Die freundlich mir die kurze Lust verliehn,
Und mir ist nichts aus jener Zeit geblieben,
Als nur dies Lied, mein Leiden und mein Lieben.“

Es ist nicht leicht, Ernst Schulze eine bestimmte Stellung in der Geschichte der deutschen Poesie zuzuweisen. Er geht von der Romantik aus und ist eigentlich zeitlebens nicht aus ihrem Feenschloß herausgekommen. Und dennoch darf man ihn nicht zu der romantischen Schule zählen. Sein gesunder Sinn hat ihn vor den phantastischen Verirrungen der Romantiker bewahrt, seine klassische Klarheit hat ihn vor ihren Fehlern behütet. Aber er bleibt darum doch ein romantischer Poet in seinen Stoffen in seinen Formen, in seinen Vorbildern und in seiner Art zu dichten. In der „Cäcilie“ behandelt er die Bekehrung des heidnischen Nordens zum Christenthum, in der „Bezauberten Rose“ die Erlösung der Königstochter, die in eine Rose verzaubert worden war. Das sind gewiß romantische Stoffe. Seine Vorbilder waren Wieland und Ariost. Ihnen strebte er auch in der Form nach. Aber man ist schuldig, zu gestehen, daß er in dieser Richtung seine Meister oft übertroffen hat. Seine Verse athmen einen Wohllaut der Sprache und eine poetische Anmuth, die in der deutschen Dichtung nur selten zu finden sind. Etwas von der „Süße des Minnesangs“ lebt in seinen Gedichten, in denen sich Weichheit und Innigkeit der Empfindung mit dem melodischen Vollklang des Verses, der selbst schon Musik ist, vereinigt. Ein Freund nannte ihn nicht ohne Berechtigung „den wärmsten Dichter unserer nördlichen Zone“. Und alle, die in seine Eigenart sich vertieft, gestehen bereitwillig zu, daß er bei weiterer Reife vielleicht das Höchste zu schaffen berufen gewesen wäre. Aber er ist in der Blüthe seiner Jahre dahingegangen, das gelobte Eiland seiner Poesie vor Augen, ohne daß er es hätte betreten dürfen.