Durch Neu-Mexiko

Textdaten
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Autor: Rudolf Cronau
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Titel: Durch Neu-Mexiko
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 192–195
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Straße in Alt-Albuquerque.
Originalzeichnung von Rudolf Cronau.

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Durch Neu-Mexiko.

Von Rudolf Cronau.

Unter den vielen Ländern, die der nordamerikanische Staatenbund in sich vereinigt, ist Neu-Mexiko sicherlich eines der merkwürdigsten: reich an geschichtlichen Erinnerungen, reich an landschaftlicher Pracht, reich an werthvollen Metallen und Naturerzeugnissen und voll des Interessanten und Sehenswerthen. In dem von allen fremden Einflüssen bis vor wenig Jahren fast vollständig abgeschlossenen Lande haben sich altspanische und indianische Sitten und Bräuche unverändert erhalten, und erst seitdem das Dampfroß in dieses sagenumwobene Montezumareich eingedrungen, ist dasselbe wieder mehr in den Bereich des Weltverkehrs und der Forschung gezogen worden.

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Die Kirche San Miguel in Santa Fé. Originalzeichnung von Rudolf Cronau.

Namentlich der letzteren hat sich mit der allmählichen Aufschließung dieses wunderbaren Landes eine Welt von Fragen eröffnet, und noch sind die Hypothesen keineswegs erschöpft, wer die Erbauer jener überaus merkwürdigen Ruinenstädte gewesen sein mögen, die sich auf den dürren Hochebenen und in den schwer zugänglichen Cañons von Neu-Mexiko so häufig finden und den schlagendsten Beweis liefern, daß vor Zeiten, deren Dauer sich allerdings der genaueren Bestimmung entzieht, in diesen weiten menschenleeren Landen Völkerschaften gewohnt haben, die auf einer höheren Kulturstufe standen als die heute in Neu-Mexiko lebenden Stämme.

Das Eigenartige dieser längst untergegangenen Völker – die Amerikaner nennen sie „Cliff-dwellers“, „Felsenbewohner“ – bestand in der Wahl ihrer Wohnstätten, die sie, gleich den Schwalben, an alle Felsenabhänge anklebten. Hoch über schwindelerregendem Abgrund hängen in den Schluchten des Rio Manco, San Juan, de Chelle etc. zahlreiche malerische Ruinen, manche leicht zugänglich, andere hingegen gar nicht oder nur dann erreichbar, wenn man sich an langen Seilen vom Rande der Schlucht bis zu den Höhlenwohnungen hinabließe. Einzelne dieser Häuser sind 800 Fuß über der Thalsohle gelegen und von unten aus dem unbewaffneten Auge nur als kleine Punkte erkennbar. Kein Fußsteig führt die fast lothrechten Wände hinan, ebenso wenig ist ein Zugang von oben her zu erzwingen, da die Wohnstätten unter weit überhängenden Felsensimsen liegen. Hinter mehreren dieser Luftwohnungen finden sich kleine Stallungen für Vieh, und es ist geradezu unbegreiflich, wie man Thiere in diese unwegsamen Höhen bringen und hier erhalten konnte.

An anderen Punkten Neu-Mexikos finden sich altindianische Bauten, die an Umfang alle gegenwärtigen Bauten Nordamerikas mit Ausnahme des Kapitols zu Washington hinter sich lassen. Eine dieser Ruinen, das Pueblo Chetho Kettle, ist 440 Fuß lang, 250 Fuß breit und weist vier Stockwerke auf. Das ganze Mauerwerk enthält etwa 30 Millionen Stück Bausteine. Pueblo Bonita am Rio Chacos gelegen, hatte einen Umfang von 1300 Fuß und umschloß 641 Räume, welche nach einer Schätzung 3000 Indianern Wohnung geben konnten. Noch größere Maßverhältnisse hat das Pueblo de Penasca Blanca, es weist einen Umfang von 1700 Fuß auf.

Auf die Frage, wer die Erbauer dieser merkwürdigen Ruinenstädte gewesen, hat, wie schon angedeutet, die Wissenschaft eine endgültige, befriedigende Antwort noch nicht gefunden. Daß diese Erbauer aber vor der Entdeckung Amerikas durch Columbus gelebt haben müssen, geht aus den Aufzeichnungen der spanischen Mönche und Conquistadoren hervor, welche bereits im Jahre 1540 nach Neu-Mexiko vordrangen, denn schon diesen ward von den Eingeborenen versichert, daß die „Casas Grandes“, die „großen Häuser“, mehr als 700 Jahre alt seien. Ueber die Erbauer aber wußten auch sie keinerlei Auskunft zu geben.

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Aus einem Dorfe der Pueblo-Indianer.
Originalzeichnung von Rudolf Cronau.

[194] Die Annahme ist, daß es die Vorfahren der jetzt noch in Neu-Mexiko wohnenden Pueblo-Indianer waren, die namentlich in dem fruchtbaren Thal des das Land von Nord nach Süd durcheilenden Rio Grande noch eine ganze Reihe ihrer eigenthümlichen Kolonien haben, wie Taos, Laguna, Isleta, Acoma und Tesuque. Da lebt es, ein durchaus harmloses, friedliches und kindlich glückliches Völkchen, in den kleinen sonderbaren Adobegehäusen, die mit kleinen Thür- und Fensteröffnungen versehen sind.

Welche Bilder bieten sich hier dem Maler! Von der Sonne scharf beleuchtet, hebt sich der weiche graue Ton der Adobemauern bestimmt gegen den tiefblauen Himmel ab. An den Wänden der Häuser hängen Bündel blutrother Pfefferschoten, am Boden liegen goldgelbe Kürbisse von riesiger Größe. Dort an dem grellbeleuchteten Wall zäumt ein von Kopf bis zu Fuß blaß weinroth gekleideter Indianer seinen kohlschwarzen Gaul auf, während drüben eine Anzahl junger hübscher Mädchen, in farben- und ornamentenreiche Navajodecken gehüllt, in glücklichem Geplauder beisammen sitzt. Ein von breitstirnigem Ochsenpaar gezogener Erntewagen schwankt um die Ecke, und jauchzende Kinder tummeln sich in den fahlgelben Maisstauden.

Beiden Geschlechtern gemeinsam ist etwas zu eigen, was ich in gleicher Pracht bei keinem anderen Volke der Erde wiedergefunden habe, die herrlichsten Zähne und die schönsten Augen. Wie untadelhafte Perlenschnüre erglänzen die ersteren, tiefdunkel und schier unergründlich sind die letzteren. Und so sauber die Kleider, so sauber sind auch die Wohnungen. Alles hat seinen richtigen Platz. Auf den Brettern stehen in Reih und Glied die breitbauchigen, vielgestaltigen und originell bemalten Thongeschirre, in den Ecken liegen rothbäckige Aepfel aufgeschichtet, und an langen Stangen dörren kleine, dunkle, süße Trauben. Wie unbefangen, wie herzlich ist das Lachen der Mädchen und Weiber, wie bescheiden und würdevoll das Benehmen der Männer! Leider Gottes aber scheinen die Pueblos ihrem Ende entgegen zu gehen.

Wie die Indianer, so werden auch die Mexikaner langsam aber sicher verschwinden, denn die Gegensätze zwischen der kalten, rücksichtslos vordringenden Energie des Amerikaners und der schläfrig trägen Versumpftheit des romanischen Neu-Mexikaners sind eben zu groß, als daß sie sich je ausgleichen könnten. Diese Gegensätze sind klar und deutlich bemerkbar in all den entlang der Atchison-Topeka- und Santa-Fé-Eisenbahn gelegenen Ortschaften, wo Amerikaner und Mexikaner neben einander hausen. Nehmen wir z. B. den Ort Albuquerque. Neu-Albuquerque, welches der erst wenige Jahre bestehenden Eisenbahn seine Geburt verdankt, hat die alte Stadt längst überflügelt, es stellt sich dar als echte amerikanische Stadt voll geschäftigen Treibens, voller Rührigkeit und Bewegung und unterscheidet sich in keiner Weise von den übrigen aufblühenden Städten des Westens. Alt-Albuquerque, mit seiner jüngeren Rivalin durch eine Pferdebahn verbunden, hat dagegen vollständig seinen spanischen Charakter bewahrt. Da sind überall die einstöckigen aus Lehm gebauten Adobehäuser mit den flachen Dächern und dem hölzernen Vorbau, der auf Säulen ruht. In der Mitte des Ortes ist die Plaza mit der alten, zweithürmigen Kathedrale.

An den Straßenecken hocken runzelige, uralte, häßlichbraune Weiber vor kleinen Obstständen mit wenig einladenden Früchten. Durch den sonnendurchglühten Staub kommt auf häßlichem Pony ein Mexikaner dahergesprengt, den abgegriffenen silberbestickten Hut auf das krause, kohlschwarze Haar gedrückt. Im Gurt stecken zwei blanke Revolver und an den langen Stiefeln klirren die mächtigen Radsporen. Hart hält er den Gaul im Zügel und ruft einige schelmische Worte der Duenna zu, die, ihr Gesicht bis an die feurigen Augen mit dem unerläßlichen schwarzen Schleier verhüllend, an der kleinen Fensteröffnung lehnt. Eine Unzahl jener kleinen, das Dasein von Märtyrern führenden Burros oder mexikanischen Esel, die schwerbepackt und vielgeschlagen durch die Straßen ziehen, vollenden die lebendige Seite des Bildes.

Verlieren wir uns in die äußerst engen Seitengäßchen, so ist es stille um uns wie in einer ausgestorbenen Stadt. Wollen wir unsere Leser in die Kunst, Lehmgebäude nach dem Muster derer von Albuquerque zu errichten, einweihen, so geben wir ihnen am besten nachstehend das Adobebau-Rezept wie es ein den Südwesten bereisender Korrespondent seiner Zeitung schickte. Es lautet also: „Sucht der Land-Mexikaner die Nähe des Wassers, so hingegen der Stadt-Mexikaner die dürrsten Kämme und Hügel. Auf diesen letzteren findet er den besten Boden zu seiner Adobepflanzung. Derselbe besteht aus einem grobem, sandigen Lehm, in welchem sich, mit liberaler Hand eingestreut, Steine bis zur Größe einer fünfzigpfündigen Geschützkugel finden. Es ist wünschenswerth, ja nach der Meinung besonders anspruchsvoller Adobebauern unerläßlich, daß sich in der Nähe auch nicht die geringste Spur einer Vegetation zeige, kein Strauch, keine Blume, kein Grashalm, kein Moos. Auf diesem festen, dürren Grunde gedeiht das viereckige „Schmutzhaus“ am besten. Denn das und nichts anderes ist das Adobehaus. Es besteht ganz und gar aus getrocknetem Schmutz, mit Ausnahme der Thüre, der Fenster und der Pfosten, welche das Dach zusammenhalten und zugleich den zur Regenzeit höchst wichtigen Dachrinnen zur Stütze dienen. Aber nicht genug, daß es Schmutz ist, es ist auch nothwendig, daß es eine besonders häßliche Art Schmutz sei. Zu diesem Zweck wird behufs der Herstellung von Adobeziegeln und Adobekuchen die Erde in möglichster Nähe des beabsichtigten Hauses aufgegraben und das Ganze, wie es da ist, Erde, Kies und kleine Steine, mit Wasser vermischt. Die Folge ist, daß die Wände des neuen Baues allerlei Dinge aufweisen, die gar nicht hinein gehören, und die, wenn sie bei zunehmender Sonnentrocknung herausfallen, noch viel weniger hinein gehörige Löcher, Höhlungen, Risse und Schrammen zurücklassen. Vor dem Hause wird zum Schluß dann noch ein runder Ofen nach indianischem Muster aus etwas sorgfältiger sortirtem Schmutz zusammengebacken. Ist dies geschehen, so ist das Etablissement fertig. Es erübrigt nur noch, einige der häßlichen Hunde, die sich in diesem Lande so trefflich groß zu hungern verstehen, um das trotz seiner Neuheit schon am ersten Tage wie ein hundertjähriges vergessenes Stück Erdwerk aussehende Haus herum auszustreuen, in sein Inneres aber eine Anzahl Männer, Frauen und namentlich Kinder hineinzustecken, um ihm die letzte Weihe der Vollendung zu geben. Wo es etwas vornehmer zugeht, pflegt man das Adobehaus vierflügelig einzurichten und um einen offenen Hofraum herumzubauen. Da aber in den nördlichen Vorpostenorten der altspanischen Besiedelung die Mittel, sich so viel Haus auf einmal zu gestatten, ziemlich selten sind, so pflegen sich verschiedene Hausgründer zu einem regelrechten Verband zusammenzuthun und den von ihren Häusern eingeschlossenen Hofraum gemeinsam zu benutzen und mit so viel Menschen und Thieren zu bevölkern, wie sie nur aufzubringen vermögen.“

Eine gleiche, nur etwas vornehmere Adobestadt wie Alt-Albuquerque ist auch la Villa Real de Santa Fé, die älteste Stadt der Vereinigten Staaten und die „Capitale“ von Neu-Mexiko. Hier war bereits ein volkreicher Ort, als Columbus die Neue Welt entdeckte, und wo jetzt der langgestreckte „Palacio del Gobernador“ sich erhebt, war vor undenklichen Zeiten der Regierungssitz eines aztekischen Kaziken.

Kaum eine Stadt der Union hat eine so wildbewegte, blutige Vergangenheit wie Santa Fé, kaum eine ist der Schauplatz so schrecklicher Kriegsstürme, Verbrechen und entsetzlicher Geheimnisse gewesen wie die „Stadt des heiligen Glaubens“. Erst seitdem Neu-Mexiko durch den Vertrag von Guadalupe im Jahre 1848 an die Vereinigten Staaten fiel, ist Ruhe eingetreten und Neu-Mexiko der Kultur und Civilisation wiedergegeben worden.

In einer eintönigen, 7000 Fuß über dem Meeresspiegel gelegenen Steppe liegen reizlos, wie in der Sonne zum Trocknen ausgebreitete Lehmziegel, die elenden grauen Adobegebäude von Santa Fé, von einigen Kirchthürmen überragt. Der öffentliche Platz befindet sich in dem Mittelpunkte der Stadt, an ihm liegen das Gouvernementsgebäude und der erzbischöfliche Palast. Die meisten Häuser haben einen überdachten, nach vorne offenen Vorsprung, eine Veranda, wodurch die Straße bis auf 25 Fuß verengt wird. Von Baumanlagen oder Gärten findet sich keine Spur, nur die mit einem Denkmal zum Andenken an die in der Schlacht zu Valverde gefallenen Bundessoldaten geschmückte Plaza ist mit Blumenbeeten versehen und mit Bäumen bepflanzt.

Daß es in der „Stadt des heiligen Glaubens“ nicht an kirchlichen Bauten fehlt, ist selbstverständlich; geschichtlich am merkwürdigsten ist das allmählich verfallende Adobekirchlein San Miguel, dessen Erbauung bereits in das Jahr 1582 fallen soll.

Zwischen die uralten mexikanischen Lehmgehäuse schieben sich nun von Jahr zu Jahr immer mehr Backsteinwohnungen der [195] „los Americanos“, und zweifelsohne wird gar bald die thätig schaffende angelsächstsche Rasse der Stadt Santa Fé ein anderes, ein amerikanisches Gepräge verliehen haben.

Unter den Handelsfirmen der Stadt befinden sich auch einige deutschen; so unterhalten die Gebrüder Spiegelberg, die Häuser Z. Staad, Ilfeld und Komp. reiche Waarenlager, während bei Lucas und Komp. wahre Prachtstücke jener herrlichen Gold- und Silberfiligranarbeiten zu finden sind, die vornehmlich in Santa Fé, Las Vegas und Chihuahua angefertigt und von den Besuchern der Stadt viel gekauft werden. Auch die hier in Massen aufgestapelten, originell geformten und grellbemalten Thongefäße der Pueblo-Indianer, welche vielfach Thier-, Menschen- und Göttergestalten nachbilden, finden viele Abnehmer.

Von je her war Santa Fé die „Capitale“ des südwestlichen Nordamerika und der Hauptstapelplatz des Handels mit dem alten Mexiko, Arizona, Texas und Kalifornien.

Von den Ufern des Missouri her führte jener wunderbare, über 800 Meilen lange „Santa-Fé-Trail“, eine von blutiger Romantik umwobene Handelsstraße, die gar oft der Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen Händlern und Grenzstrolchen, zwischen Ansiedlern, Wegelagerern und Indianern war. Hunderte von „Prairieschooners“, hochbeladenen Frachtwagen, bildeten eine Karawane, deren Eintreffen nach monatelanger Wanderfahrt ein Ereigniß für die Bewohnerschaft von Santa Fé bedeutete.

Bis vor wenig Jahren bestand der „Santa-Fé-Trail“, bis zum Jahre 1880, wo die erste Lokomotive in die alte Bergstadt einfuhr, die bisherigen Verkehrsmittel ablöste und dem Handel neue Bahnen öffnete.