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Textdaten
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Autor: Robert Keil
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Titel: Der Nestor der deutschen Kupferstecher
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 747–748
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[747] Der Nestor der deutschen Kupferstecher. So nannte schon im Jahre 1860 die Gartenlaube den allbekannten Karl August Schwerdgeburth in Weimar. Sie hatte Recht, denn der Künstler hatte damals bereits das hohe Alter von fünfundsiebenzig Jahren erreicht. Aber fünfzehn Jahre sind seitdem verflossen, und der geniale Meister lebt noch und wirkt noch immer geistesfrisch für seine Kunst, nachdem er am 5. August seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert hat. Dieses seltene Lebensfest eines so hochverdienten und verehrten Mannes lenkt von selbst die allgemeine Theilnahme abermals auf ihn und veranlaßt uns, ihm einen herzlichen Spätabendgruß zuzurufen. Bekanntlich Sohn und Schüler eines Dresdener Malers, kam er als zwanzigjähriger Jüngling nach Weimar, wo er durch die junge Erbprinzessin von Weimar, die russische Großfürstin Maria Paulowna, Empfehlungen nach Rußland zu erhalten hoffte. Durch den Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Oesterreich (es war im Herbste 1805) an der Ausführung seines russischen Reiseplanes verhindert, blieb er in Weimar und ward von dem Begründer des Weimarischen Landesindustriecomptoirs, Friedrich Justin Bertuch, bewogen, sich im Kupferstiche zu versuchen. Ohne jede technische Vorbildung, nur selbst experimentirend und den besten Mustern folgend, bildete er sich bis zur Meisterschaft in seiner Kunst aus. Zwei Bilder zu Goethe’s Wahlverwandtschaften, für das Taschenbuch Urania von ihm componirt und gestochen, mochten genügen, um ihm in weiten Kreisen sofort einen geachteten Namen zu erwerben. Zahllose größere und kleinere Bilder folgten. Im Jahre 1824 entstand sein allbekanntes, auch von der Gartenlaube wiedergegebenes Bild, das den Großherzog Karl August unweit des Tempelherrnhauses (Salon) mit seinen beiden großen Hunden darstellt.

Von gleichem Werthe in der Kunst treuester Wiedergabe des Originals ist aus dem Jahre 1832 das Brustbild Goethe’s. Der Dichter sollte noch die Zeichnung davon sehen und sie fand seinen ganzen Beifall, doch noch ehe das Bild gestochen war, war er entschlafen. Diesen Portraits aus [748] Weimars Glanzzeit, zu denen auch der 1860 von der „Gartenlaube“ besprochene charakteristische Kupferstich „Karl August bei Goethe“ (im Urbinozimmer des Goethe-Hauses, in Betrachtung einer Victoria-Statuette) gehört, folgten jene sinnig und mit historischer Genauigkeit componirten, mit virtuoser Meisterschaft gestochenen Luther-Bilder, welche ihn weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt und beliebt machten. Wie viel tausend Augen und Herzen haben sich an dem traulichen Weihnachtsbilde „Dr. Luther im Kreise seiner Familie zu Wittenberg am Christabend 1536“, an „Luther’s Ankunft auf der Wartburg, 4. Mai 1521“, an „Luther’s Vermählung, 13. Juni 1525“, an „Luther’s (letztem) Abschiede, 23. Januar 1546“ etc., und vor allem an dem größeren figuren- und portraitreichen Bilde „Luther vor dem Reichstage in Worms“ erfreut!

Im Jahre 1866 sollte ein schwerer, unersetzlicher Verlust ihn treffen. Sein einziges Kind, den talentvollen jungen Maler Otto Schwerdgeburth, dessen vorzügliche Gemälde in Kunstkreisen Aufsehen erregten, riß in voller frischer Jugendblüthe der Tod hinweg. Aller Frohsinn, alle Heiterkeit schien seitdem aus dem Leben des greisen Künstlers geschwunden. Aber mit der ihm eigenthümlichen Lebenszähigkeit und Kernnatur überstand er auch diese furchtbare Katastrophe. Die fleißige Uebung seiner Kunst, das innige Zusammenleben mit seiner wackeren Gattin und der gemüthliche Verkehr in gesellschaftlichem Kreise füllten die folgenden Jahre aus. Jetzt freilich hält den Alten mehr als sonst die Stube gebannt, aber selbst jetzt noch lebt er nicht nur seinen reichen Lebenserinnerungen, nicht nur seiner treuen hochbetagten Lebensgefährtin und der wehmüthigen Erinnerung an den geliebten jungen Mann, der in schönem Abbilde über dem Sopha hängt und so noch immer der Dritte im trauten Familienbunde ist, sondern auch der Kunst. Trotz der zunehmenden Augenschwäche arbeitet er wieder an einem der Reformationsgeschichte angehörenden, gerade in der Gegenwart, der Zeit des Kampfes gegen pfäffische Ueberhebung und römische Frechheit, doppelt bedeutsamen Bilde: der Verbrennung der päpstlichen Bulle durch Luther. – Möge dem greisen Meister, in warmer Verehrung von Kunstgenossen und Kunstfreunden, noch ein heiterer, schöner Lebensabend beschieden sein!
Robert Keil.