Ein „vom Blatte“ spielendes Clavier

Textdaten
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Autor: C. St.
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Titel: Ein „vom Blatte“ spielendes Clavier
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Zu dem vom Blatte spielenden Klavier
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Bearbeitungsstand
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[747] Ein „vom Blatte“ spielendes Clavier, welches den bekannten Wunsch aller Mütter, daß ihre Kinder zum zehnten Geburtstage heimlich Clavier spielen lernen möchten, seiner Verwirklichung um viele Schritte näher bringt, ist die nächste Aufgabe, welche sich das Erfindungstalent des Herrn Schmöle in Philadelphia gestellt hat. Auch hier ist es lehrreich zu sehen, wie der Menschengeist von Problem zu Problem fortschreitet. Als die frommen Jesuitenpatres im siebenzehnten Jahrhundert den Bewohnern des himmlischen Reiches die Hölle heiß machten, erregten sie das größte Erstaunen der sonst hochcultivirten Zopfinhaber durch ihre Fertigkeit in der dort noch unbekannten Notenschrift, indem sie nach einmaligem Anhören irgend einer ohrzerreißenden Drachenhymne die Nationalmusik sofort in ihrer ganzen Länge wiedergeben konnten. Aber ihre Zauberei war nur Kinderspiel gegen den elektrochemischen Notenschreiber (Melograph) von Roncali und Serafini auf der Wiener Weltausstellung, der, während ein Künstler am Clavier phantasirt, dieses ganze Phantasiegemälde warm aus dem Genieschädel in wohllesbarer vierfarbiger Notenschrift druckt, sodaß die Componisten nicht mehr klagen dürfen, ihre schönsten Phantasien müßten spurlos in den Lüften verhallen. Jetzt hat nun der obengenannte Künstler eine Maschine ersonnen, welche das schwierigste Musikstück vom Blatte spielen und dabei zehnmal so viel und mehr Tasten greifen kann, als der schnellfingrigste Musiker. Natürlich muß es eine besondere Art von Notenschrift sein, die man als eine Blindenschrift bezeichnen könnte, da sie von einer vielfingerigen Metallhand gleichsam abgetastet wird, während der Notenstreifen unter ihr hinweg über eine Rolle läuft, ähnlich wie der Papierstreifen des Drucktelegraphen. Die Noten werden je nach ihrer Länge (ob es Achtel-, Viertel-, halbe etc. Noten sind) durch mehr oder weniger gestreckte Löcher ersetzt, die wie gewöhnlich in Linien übereinander liegen, sodaß der ganze Streifen eine Schablone darstellt. Auf diesem durchbrochenen Streifen liegt nun, wo er über die Metallwalze läuft, die Metallhand, einem vielzinkigen Kamme gleichend, auf, und jedes Notenloch bewirkt eine längere oder kürzere Berührung des entsprechenden Zahnes mit der Metallwalze. Letzterer empfängt dabei einen elektrischen Strom aus der Walze, den er isolirt zur Ansprache der entsprechenden Pfeife, Saite etc. fortleitet.

Der Erfinder hat zunächst ein großes Orgelwerk (mit Glocken, Trommeln, Cymbeln und dergleichen) ausgestellt, welches, durch den elektrischen Apparat, der die Größe einer Nähmaschine besitzt, gespielt, die Ouvertüren von Rossini’s „Tell“ und „Semiramis“, sowie andere Musikstücke mit höchster Präcision zum Besten giebt. Natürlich ist es ein Spiel „ohne Gefühl“, wie es allen mechanischen Musikwerken eigen ist, dafür kann es aber mit seinen zweihundert Fingern eine ungleich größere Tonfülle entwickeln, als der geschickteste Künstler, und ein Falschgreifen kann ebensowenig eintreten wie Ermüdung. Man sieht, es handelt sich im Wesentlichen um einen Ersatz der kostspieligen Musikwalzen durch billigere Notenschablonen, die zugleich weniger Raum einnehmen. Aber die Hauptsache ist, daß der Erfinder seinen Apparat nun auch auf das Clavier anwenden will, sodaß man künftig blos zu lernen braucht, den Notenstreifen richtig einzulegen, und mit ihm gleich das Virtuosenthum erwirbt. Eine andere Frage ist es, ob diese geniale, an den elektrischen Webstuhl erinnernde Erfindung eine Wohlthat für das menschliche Ohr sein wird. Wenn das Clavier schon bisher ein Werkzeug des Schreckens für ruheliebende Miether war, was soll es dann erst werden, wenn alle diese Möbel in selbstklimpernde Spieldosen verwandelt sein werden! Die Italiener, welche seit Jahr und Tag am Jubiläumsfieber deliriren, wollen im kommenden Mai auch den Erfinder des Fortepiano Barth. Christofali aus Padua (obwohl zwei deutsche Erfinder, Schröter und Silbermann, ihm zuvorgekommen waren) feiern, und hoffentlich ist Herr Schmöle bis dahin mit seiner Umwandlung des Fortepiano fertig.

C. St.