Textdaten
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Autor: Heinrich Pröhle
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Titel: Der Mäuseturm
Untertitel:
aus: Rheinlands schönste Sagen und Geschichten, S. 96–99
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Tonger & Greven
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans eines Exemplares der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin, Signatur 19 H 104 auf Commons; E-Text nach Deutsche Märchen und Sagen
Kurzbeschreibung:
Siehe auch Friedrich Gottschalck: Der Mäusethurm, 1814
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Bingen Mäuseturm.jpg
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Der Mäuseturm.

Im zehnten Jahrhundert nach Christi Geburt lebte der Erzbischof Hatto von Mainz. Er hatte nicht den Grundsatz „Geben ist seliger denn nehmen“, gehörte im Gegenteil zu jenen vornehmen und reichen geistlichen Herren, von denen man sagte, daß sie Jeden, der bei ihnen eintrat, nur fragten „Was bringen Sie?“ weil sie nur an das Eintreiben von Zehnten und Sporteln gewöhnt waren und die Gebote des Herrn, die Gebote der Liebe und Barmherzigkeit, selbst nicht hielten.

Zu den Zeiten dieses Bischofes Hattonis nun geschahe es, daß eine große Hungersnot am Maine und am Rheine ausbrach. Hatto hatte viel Korn in Mainz aufgespeichert, das er als Zehnten von den Feldern weit um Mainz her hatte abholen lassen. Denn auch für ihn wie für die andern Erzbischöfe galt der Spruch: „Von der Huf’ ein Wispel, von der Huf’ ein Wispel.“ Und alle die Wispel hatte er nach Mainz fahren lassen und da lagen sie in seinem Magazine bis die Preise in die Höhe gingen, dann aber „schlug er los“, wie der Geschäftsausdruck lautet, trotz seiner erzbischöflichen Würde immer zu den höchsten Preisen, und mit Korn beladen gingen seine Schiffe rheinauf und rheinab.

Die Hungersnot am Rhein war entstanden wie die Hungersnot gewöhnlich [97] entsteht. Im Frühling hatten lange Zeit die Nachtfröste Schaden gethan, im Sommer aber hatte es fast täglich geregnet, das Getreide hatte sich gelagert und mußte an vielen Stellen wie Gras als Futter für das liebe Vieh abgemäht werden.

Die Obsternte der Mainzer und die Weinernte der Winzer war auch mißraten. Da holten die Kellermeister des Erzbischofs die alten Jahrgänge des Weins hervor, und das Volk hörte auf der Straße, daß es im erzbischöflichen Palaste alle Tage herrlich und in Freuden herging. „Hoch, hoch, Erzbischof Hatto!“ hörte man seine Gäste an brechenden Tafeln rufen. Und es war richtig, Erzbischof Hatto war ein vortrefflicher Wirt, nur ein Diener des Herrn nach dem Herzen Jesu war er nicht.

Vergebens versammelten sich die Hungernden um die Burg zu Mainz und schrieen nach Brot. Er ließ sie abweisen und als sie wieder kamen und nur verlangten, daß er das Korn zu einem billigeren Preise verkaufen solle, verweigerte er ihnen auch das. Endlich kam das Volk noch einmal wieder, wollte den vollen Preis entrichten und verlangte nur, daß ihm Teilzahlungen gestattet würden. „Erst Geld, dann Waare!“ rief aber der Bischof und dabei blieb er.

Aber das Volk kam immer wieder, selbst als Hatto die Leute durch bewaffnete Knechte hatte vom Schloßhofe treiben lassen.

Da gab der harte Mann einem Verwalter Befehl, die Leute in eine der Scheunen eintreten zu lassen, wo sie mit wahrer Gier etwas Korn auf der Tenne betrachteten. Sie ahnten nichts Schlimmes, als sich die Scheune gleich darauf wieder hinter ihnen schloß. Sie glaubten nur, daß sie etwas warten sollten, um einen günstigen Bescheid von dem Erzbischof zu erhalten oder wenigstens in Unterhandlungen mit demselben eintreten zu dürfen. Allein der Erzbischof hatte beschlossen, sich nun seiner Dränger ein für allemal zu entledigen. Er ließ die Scheune an vier Ecken anzünden.

Als nun die unglücklichen Opfer des Geizes und der Roheit des Bischofs ein Klagegeschrei erhoben, sagte dieser wohlgefällig zu seinen erschrockenen Gästen: „Hört nur, wie die Mäuse in der Scheune piepen!“ wie es denn in der That in einer wohlgefüllten Scheune nicht leicht an [98] Mäusen zu fehlen pflegt, so daß das Piepen der Mäuse in einer wohlgefüllten Scheune sonst für den Erntesegen des Jahres wohl das beste Zeugnis ablegt.

Als aber die Scheuer soeben geschlossen worden war, hinkte noch eine alte Frau am Stocke daher, die um etwas Mehl bitten wollte. Sie hörte diese Worte des Bischofs und wünschte ihm dafür, daß die Mäuse all sein Mehl und sein Korn und dann ihn selbst fressen sollten.

Ihre Verwünschung wurde erfüllt. In der Scheune, wo der Bischof die Menschen hatte verbrennen lassen, zeigten sich während der Nacht Scharen von Mäusen, die sich bald über alle Scheunen, Kornspeicher, Mühlen und Mehlkammern verbreiteten. Der Bischof selbst konnte sich ihrer nicht erwehren, denn sie drangen in sein Schlafgemach ein, ließen ihm durch ihr Geknusper in der Nacht keine Ruhe und hüpften bald auch im Speisezimmer auf seiner fürstlichen Tafel umher.

Bischof Hatto erinnerte sich jetzt an die Verwünschung der Alten und es ward ihm bange für sein Leben. Er ließ seinen Baumeister kommen und befahl ihm den Mäuseturm mit mehreren Gemächern und einer Schlafkammer ganz freistehend in die Wellen des Rheins bei Bingen zu bauen, wo der Rhein am wildesten flutet. Durch keinerlei Brücke sollte er mit dem Lande verbunden sein. Wollten die Mäuse ihn dann nach dem Mäuseturme verfolgen, so sollten sie alle im Rheine ertrinken. Mit Vergnügen beobachtete er nun die Mäuse, welche seine Diener in der Mausefalle fingen und in einen Eimer mit Wasser warfen. Eine Zeit lang schwammen sie aufgerichtet wie die Tanzbären im Wasser hin und her, sperrten den Mund auf wie eine Karpfenschnauze und versanken bald darauf tot im Wasser. So sollte es seinen Feinden, den Mäusen, auch im Rheine ergehen, wenn sie ihm nach dem Mäuseturme folgen wollten.

Als der Mäuseturm fertig war, ließ er sich an einem schönen Sommerabende hinüberschaffen. Er schaute bei Sonnenuntergang hinaus auf den Rhein und freute sich über seine Schiffe, die noch mit Korn oder Mehl beladen nach den nächsten Städten vorbeifuhren, damit die Bäcker, die ihm schweres Geld für die Ladung bezahlten, am andern Morgen die Binger mit Gebäck versehen konnten. Zufrieden schaute er auf die großen Wellen, welche den Mäuseturm umspielten und jede Woge kam ihm wie ein Panzer [99] gegen die Mäuse vor. Er dachte einen recht langen und ruhigen Schlaf zu thun. Seine Dienerschaft schickte er fort. Als sie aber am andern Morgen wiederkam, fand sie nur noch das Skelett des Erzbischofs. Das Übrige hatten die Mäuse gefressen. Sie waren ihm durch den Rhein gefolgt.