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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Der Lachsfang in Wales
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 814–816
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der Lachsfang in Wales.

Die Kymry, wie einst in ihrer Größe und Blüthe die Celten genannt wurden, als sie noch das ganze westliche Europa einnahmen und mit Bildung überzogen, diese Kymry sprechen und leben im Herzen von Wales, wohin sie von den Anglo-Sachsen nach langen, blutigen Kämpfen zurückgedrängt wurden, noch heute so, wie vor Cäsar, vor Christi Geburt in England. Ihre Stammbrüder in der Bretagne, auf den Höhen Schottlands und in Irland haben sich vielfach geändert, und auch in das blaue, schieferige, felsige Wales sind Engländer mit ihrer Industrie und Sprache eingedrungen; aber unten am Meere und an Flußthälern und in einsamen Gebirgshütten findet man noch originale Abkömmlinge der alten Celten-Nation, wie sie unter ihrem großen und guten Könige Hoël Dha, dem Ritter und Dichterfreunde, ihrer Macht und Bildung froh ward. Hier sprechen sie noch ihre alte, seltsame Sprache, die von keinem andern Menschen in der Welt verstanden und ausgesprochen werden kann (ausgenommen von einigen Deutschen, wie Zeus, Siegfried u. s. w.). Selbst ihren Kindern machen Wörter von dreizehn Consonanten und gar keinem Vocale nicht die geringste Schwierigkeit. Sie sprechen, leben und fischen noch so wie vor Jahrtausenden. Als Fischer und Schiffer sind sie jedenfalls die größte Merkwürdigkeit, da sie auf die älteste, originellste und gefährlichste Weise die besten Lachse der Welt auf die englischen Märkte und die Festtafeln der Lords, Bischöfe und Banquiers liefern. Die Lachse von Wales, besonders aus den Flüssen Severn, Dee und Conway, sind die theuersten und besten in ganz England und das schmackhafteste Gericht unter allen Delicatessen, wenn es nach dem Recepte der Fischerweiber von Wales, wie es durch Jahrtausende hindurch sich erhielt, bereitet wird.

Außerdem glänzt und rauscht noch mancher dunkele See, noch mancher Bergstrom, noch mancher auf schneeigen Gebirgsspitzen geborene Teich von silbernen Blitzen gewaltiger Fische, bis sie dem wuchtigen Speere des Jägers, Fischers und Schiffers (in einer Person) zum Opfer fallen.

Der beste und malerischste Lachs-Jagd-Kampfplatz streckt sich am Dee-Flusse an den Wasserfällen von Yrbistock in der Grafschaft Flintshire. Hier eilt die wilde Deva (jetzt Dee) wie eine tobwahnsinnig gewordene Nymphe zwischen schauerlichen Felsengestalten an einen Abgrund und stürzt sich schäumend, donnernd, in weißem Gischt aufbrausend hinunter in eine tiefe, schwarze Wassermasse. Kein Fluß, kein Wasser der Erde verbindet mit einer eigenthümlichen, dunkelsten Schwärze eine so heitere, transparente, diamantene Klarheit, als die Wasser der Deva, die aus Felsen geboren, durch Felsen schäumend, von Felsen auf Felsen stürzend, von keinem Sande und Schlamme getrübt und so bis in ihre ungewöhnlichen Tiefen klar und rein erhalten wird. Wie polirt-silbern glänzen die mächtigen Lachse aus dieser schwarzen Klarheit empor! Kein malerischeres, närrischeres Schauspiel, als die einzelnen droves oder „Heerden“ von Lachsen stromaufwärts zum Laichen und mit dem wüthenden Wasserfalle kämpfen zu sehen. Sie drängen sich dicht heran an den Katarakt, und suchen die Stromschnelle mit ihren breiten, muskulösen Schweifen zu hemmen und zu dämmen, sich überstürzend und über eineinander wegpurzelnd, weil Jeder der Erste und Vorderste sein will. Wie sie aufspringen in wilden und wilderen Sätzen, fallend und immer fallend, um toller und immer toller dieselben Muthsprünge zu versuchen! Das klatscht und plätschert und planscht und glitzert in der Luft wie eine silberne, lebendige [815] Fontaine von Fischen aus dem Wasserfalle empor, und klatschert und buttert das Wasser unten zu milchweißem Schaum und läßt nicht nach und wiederholt dieselben vergeblichen Sprünge immer wüthender, bis es endlich Einem nach dem Andern doch gelingt, sich oben hinaufzuschleudern und dann durch blitzschnelle, mächtige Ruderkunststücke sich in der reißenden Stromschnelle weiter aufwärts zu schieben. Aber ehe das gelingt und überwunden ist! Wie eine Bande von Luftspringern in glänzenden Rüstungen und im engsten, fleischfarbenen Tricot schleudern sie sich in die Luft, um, mehrfach überschlagend, wieder herunter zu fallen, immer elastischer und wüthender anzusetzen, sich immer höher zu schleudern, und endlich oben 50–60 Fuß vom Falle auszuruhen und die Nachzügler abzuwarten. Hier aber lauert der mit bärtigem Speer bewaffnete Feind, und spießt sie auf mit dem sichern Stoße seiner geübten Hand. Aber nicht jeder Lachs begibt sich in das Bereich dieser Speere am Lande, so daß man ihnen häufiger entgegenkommt und sie mitten auf dem Flusse zu angeln sucht. Dieses Lachs-Angeln nun ist die eigentliche Leidenschaft und heroische Kunst der männlichen Jugend von Wales, die, obgleich größtentheils in englischen Kohlen- und Eisenminen beschäftigt, doch ihre halben freien Tage mit Abzug an ihrem Lohne zu erkaufen weiß, blos um sich auf der Erde in eine andere Gefahr zu begeben, wenn sie nicht unter derselben sich den „bösen Wettern“ und sonstigen Feinden des Lebens preis gibt. Sie angelt Lachse in ihren „Coracles“.

Der Fremde, der zum ersten Male die Ufer der Deva und die Wasserfälle von Yrbistock besucht, wird über Vieles erstaunen, über nichts so sehr, als die am Ufer erscheinenden, wandernden, weißen Riesenmuscheln. Riesige, wandernde, weiße Austernschalen! Was kann es sein? Das sich neugierig schärfende Auge entdeckt unter der großen Muschel zunächst ein Paar menschliche Beine. Diese öffnet sich, und enthüllt einen ganzen Menschen unter einem Hute, der ganz mit Fliegen und Käfern, theils natürlichen, theils künstlich nachgemachten, besteckt ist. Dies und mächtige Angelwerkzeuge verrathen, was er will. Wozu aber die mächtige Austernschale von Leinwand? Das ist sein Coracle, sein Kahn.

Noch dieselben merkwürdigen Fahrzeuge, über welche die Phönicier und später Cäsar staunten, als sie die britischen Küsten besuchten, obgleich sie damals aus einem von Leder überzogenen Holzgitterwerk bestanden, während sie jetzt von Leinwand gemacht werden. Doch die Bienenkorbform hat sich erhalten durch alle Jahrtausende. Ein Gestell, früher Korbgeflecht, jetzt in der Regel ein Gitterwerk von Eschen- oder Weidenholz, wird mit Leinwand und diese mit einem wasserdichten Lack überzogen, und das Coracle ist fertig, nicht größer, als ein etwas vergrößerter Bienenkorb, und keinen gewöhnlichen Menschen, der etwa überm Wasser hineintreten sollte, nur eine Viertelminute auf dem ruhigsten Teiche duldend. Der echte wälsche Angler balancirt darin spielend auf Wassern umher, die kein anderer Wasserverständiger ungestraft mit dem vollkommensten Boote befahren würde. Es ist schon eine Kunst, das Coracle geschickt auf’s Wasser zu werfen, und dann eben hineinzutreten. Wer das nicht vollkommen gelernt hat, kippt sofort um, so daß der Leinwandkahn umgekehrt ihm auf den Kopf fällt, als wollt’ er ihm als Grabdeckel dienen.

Es gilt, ganz genau in die Mitte zu treten und den Schwerpunkt immer in der Mitte zu halten, weder rechts noch links zu balanciren, weder zu ziehen noch zu stoßen; es gilt, die feinste Kunst eines Balancirkünstlers auf gespanntem Seile zwischen Felsenzacken und wüthenden Wassermassen zu üben.

So wie der Künstler richtig in seinen Wasserschuh von Leinwand getreten ist, kauert er nieder und schiebt sich mit seinen Rudern hinaus in den tobenden Fluß, auf welchem er zwischen scharfen Felsenkanten, deren er keine ungestraft am Leben berühren darf, leicht umherspielt, oft dicht am Wasserfalle, wo keine Gewalt und kein Geschick einen gewöhnlichen Kahn steuern und halten könnte.

Groß und geheimnißvoll ist schon die Kunst, vom sichern Ufer aus die Angel so zu werfen und zu halten, daß Fische anbeißen, aber die Art, wie diese Welchmen in ihren Nußschalen mit den Wogen kämpfen und dabei lachend und singend gewaltige Lachse aus der Tiefe holen, grenzt an Zauberei. Da, wo der kühne, donnernde Bogen der Cascade den kochenden weißen Schaum unten berührt, wo Blasen auf Blasen an die Höhe schießen und prismatisch vielfarbig in der Sonne glänzen, wo in den Seiten unzählige kleinere Wasserfälle durch Felsenritzen zischen und an Spitzen und Kanten klingend und krachend zerschellen und springen wie wahnsinnige, lebendige Wesen in ihrem Schmerz – hier in dieser Hölle von tobenden Wassern angelt der moderne Kymre noch eben so und eben so furchtlos und sicher, wie zu Cäsar’s Zeiten, seine Lachse. Wie leicht und gleichsam ohne körperliche Schwere sie mit ihren Nußschalen auf rollenden Wogenströmen hinschießen! Nur mit der linken Hand rudern, steuern und balanciren sie, während die rechte mit der langen wuchtigen Angelruthe spielt und die Köderfliege bald hier, bald da in die siedende Wassermasse wirft. Ein kleiner Fehler in der Bewegung des Körpers oder der winzigen Schale von Kahn, und sie sind des Todes!

Aber sie singen dabei in ihrer vielconsonantigen alten Sprache dieselben Melodieen und Weisen, wie während der Zeit ihres dichterischen Königs Hoël Dha oder des Helden Cadwallader.

Und dann welches Leben, wenn ein gehakter Fisch in Wuth und Schmerz unten durch die Wasser peitscht und den Feind oben mit seiner Nußschale unbarmherzig mit sich zieht zwischen Felsenzacken und verwirrte Wassergewächse hin und her, auf und ab über der dunkeln wüthenden Tiefe! Ungeweihte Zuschauer zittern für sein Leben, aber er rudert und steuert und balancirt kaltblütig dem Opfer unten ganz zu willen, ohne ihn jemals locker zu lassen, bis er fühlt, daß er sich erschöpft habe. Dann müssen die Zähne den gewaltigen Angelstock halten, während er mit der rechten Hand die Leine allmählich aufzieht und den Fisch so nahe bringt, daß er ihm mit dem Handspeere den letzten Gnadenstoß versetzen kann. Das in letzten Zügen zappelnde Ungethüm wird nun ans Tageslicht und ans Ufer gebracht, wo Zuschauer beiderlei Geschlechts, Männer und Mädchen, oft unkenntlich in Flanell gewickelt, den sie von der Bleiche holten (wälscher Flanell ist seit Jahrtausenden berühmt), dem Helden ihr Lob spenden und den Fisch taxiren. Sie wissen freilich nicht, wie enorm theuer er vielleicht schon am nächsten Tage von der mit amerikanischem Eise gekühlten Marmorplatte des aristokratischen Fischhändlers im Westende von London weggekauft wird. Der Held, der sein Leben wagte, bekommt nicht ein Drittel davon, ist aber vollkommen damit zufrieden und wagt am nächsten Tage sein Leben wieder für denselben Preis, der vielleicht freilich auch oft durch den Beifall einer angebeteten Flanell-Bleicherin erhöht wird. Sie sieht für unsere Aesthetik etwas komisch aus in ihrem großen schwarzen Mannshute (alle echten Töchter von Wales tragen, wie seit Jahrtausenden, Angströhren) und der blauen Jacke, den seltsam geflochtenen Haaren und den großen Ohrringen; aber der echte Kymrier hat nur Augen und Ohren für die Reize echter Landsmänninnen und liebt und heirathet nie eine Schönheit fremden Stammes.

Unweit der Coracles steht nicht selten im charakteristischen Gegensatze zu den Wälschen ein Engländer in vulcanisirten Gummi-Wasserstiefeln bis an seine Uhrtasche herauf im reißenden Strome und hält mit beiden Händen eine 22 Fuß lange, beste Aldred’sche Lachs-Angelruthe in das tobende Gefälle und hofft, daß er für seine schweren Auslagen – Angelapparat 5 bis 8 Pfund Sterling, Stiefeln auch nicht billig – und seine lebensgefährliche Position endlich einmal durch einen „Anbiß“ belohnt werden möge. Vergebens. Er begibt sich endlich erschöpft an Kraft und Hoffnung auf’s Trockne und kauft sich von einem Coracle-Mann seinen Lachs. Mancher läßt sich auch durch alles Zureden nicht abhalten und steigt in ein Coracle, um in wälscher Manier zu angeln. Sie sind natürlich in diesem Falle gleich bei der Hand, ihn nach dem ersten Schritte an den Beinen unter dem Coracle hervor aus seiner „Bestürzung“ zu ziehen. Aber die Coracles kosten jedes Jahr mehreren Dutzenden von Engländern, größtentheils hoffnungsvollen, übermüthigen Studenten von Oxford oder Cambridge, das Leben. Sie bestechen, kaufen förmlich echte Coracle-Männer, damit sie sie mit in ihr Leinwandboot nehmen. Diese sind nicht für zwei Mann gemacht, aber mit der feinsten Balancirkunst können sich zwei echte Wälschmänner wohl darin halten, nur nicht ein Wälschmann mit einem Anglo-Sachsen. Beide fallen natürlich in’s Wasser. Beide haben sich darauf gefaßt gemacht und sich auf ihre Schwimmkunst verlassen. Aber nur der Wälschmann rettet sich, der Engländer ertrinkt unter der umgekippten Nußschale und wird vom Strome fortgerissen, ehe ihm Jemand zu Hülfe kommen kann.

Die Coracles sind einmal ein altes Privilegium für die echten Söhne St. Davids. Nur die, welche am St. Davids-Tage Schnittlauch am Hute tragen, „Ap“ hinter ihre Namen schreiben und 10–13 Consonanten hinter einander ohne Vocal-Hülfe [816] aussprechen können und sich dabei die Kinnladen nicht verrenken, nur diese dürfen ungestraft in den alten Coracles angeln, nachdem sie ihre zwei Jahre gelernt und 30 bis 50 Mal aus dem Wasser gezogen wurden. Die Wälschleute essen natürlich auch viele Lachse selber, aber besser, als der reichste Lucullus oder Crösus mit dem besten französischen Koche. Ihre Zubereitungsart ist seit Jahrtausenden ein Geheimniß und noch niemals verrathen worden.