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Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Der Käthelstein bei Annaberg
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 457-461
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Quelle: Google-USA* und Commons
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[457]
519) Der Käthelstein bei Annaberg.
Novell. beh. v. Fr. Gottschalk, Deutsche Volksmärchen Lpzg. 1856. Bd. II. S. 53 sq. Poetisch bearb. v. Ziehnert, Bd. I. S. 95 sq.

Im Dorfe Frohnau bei Annaberg lebte vor alter Zeit ein Steiger, Namens Günzer, ein frommer und redlicher Mann. Einst kehrte er zur Winterszeit von seinem Tagewerke in der Grube nach seiner Wohnung mitten durch den Wald zurück, da trat plötzlich ein Mann aus dem Dickicht vor ihm hin und bat ihn, er möge ihm doch gestatten, mit in sein Haus zu gehen und daselbst die Nacht hinzubringen, weil er sich nicht getraue, im tiefen Schnee und der herrschenden Finsterniß den Weg weiter zu finden. Zwar gefiel dem Steiger weder die Stimme noch das Aussehen des Bittenden, allein er hatte Mitleid mit ihm und gewährte ihm also seinen Wunsch. Sie schritten nun stumm neben [458] einander bis ins Dorf, als sie aber an das Haus Günzers gekommen waren und ihnen die Tochter desselben, Katharina die Thür geöffnet hatte, stieß diese bei dem Anblicke des fremden Gastes ein furchtbares Wehgeschrei aus, ließ vor Schreck die Lampe fallen, welche sie in der Hand trug, und als der bekümmerte Vater dieselbe wieder angezündet und seine in Ohnmacht gefallene Tochter wieder zum Leben gebracht hatte, sah er erst, daß jener verschwunden war. Er hatte nun nichts Eiligeres zu thun, als seine Tochter zu fragen, warum sie so erschrocken sei, allein diese antwortete, es sei der Teufel gewesen, der sie als Braut heimführen wolle; es habe ihr nämlich vergangene Nacht geträumt, sie liege im Walde und es komme ein Mann, ganz so wie der eben verschwundene Fremde, auf sie zu und nenne sie seine Braut, küsse sie und lasse dann bei seinem Weggehen sich durch seine Hörner, Schwanz und Pferdefuß als den Teufel erkennen. Der alte Günzer war eben daran, sie zu trösten, da erblickte er auf dem Tische ein Blatt Papier, auf welchem geschrieben stand: „in 9 Wochen werde ich um Mitternacht ans Fenster pochen und meine Braut heimführen!“ Nun war kein Zweifel mehr, daß der Traum in Erfüllung gegangen war.

Vater und Tochter verlebten nun die 9 Wochen in Angst und Sorgen, sie beteten zwar von früh bis Abends, gingen auch zum Abendmahl, allein eine innere Stimme sagte ihnen, daß der Böse nicht so leicht von ihnen lassen werde. Und so war es auch, als die Mitternachtsstunde des letzten Tages jener Frist verstrichen war, da pochte es ans Fenster und schrie mit schrecklicher Stimme: „Braut heraus, Braut heraus!“ Günzer aber rief laut Gott um Beistand an und der Gottseibeiuns verschwand unter Donner und Blitz mit den Worten: „noch 9 Tage Frist, dann bist Du meine Braut, oder Eure Hütte steht in Flammen!“

So verstrichen abermals neun Tage unter Angst und Sorgen, allein wieder kam die gefürchtete Mitternachtsstunde heran und mit dem zwölften Schlag klopfte es an das Fenster und rief: „heraus die Braut, sonst brennt das Haus!“ [459] Aber der alte Günzer schloß seine besinnungslose Tochter in seine Arme und sprach: „um Christi Wunden, hebe dich weg von uns Satanas!“ Da brüllte der Teufel: „Braut, das Haus steht in Flammen, nochmals neun Wochen Frist, und bist Du dann noch nicht mein, so wird Dein Vater elendiglich enden!“ Mit diesen Worten verschwand er zwar, allein auch das ganze Haus stand in Feuer und nur mit der größten Mühe retteten Beide ihr Leben.

Sie flohen nun zuerst zu Verwandten, allein bald bauten ihnen mitleidige Menschen eine andere Hütte am Rande des Waldes, denn ihre frühere war zu einem stinkenden Schwefelpfuhl geworden. Allein auch hier ward es nicht besser; schon kam wieder die neunte Woche heran, da übermannte einst am hellen Mittage Käthchen der Schlaf, und es träumte ihr, der Teufel mit seinem Gefolge schaue zu ihrem Fenster herein und wolle sie in seine höllische Residenz entführen, und als sie unter einem furchtbaren Schrei aus dem Schlafe auffuhr, da that sich auf einmal die Thüre auf und ein Engel, umstrahlt von Rosenlicht, schwebte herein, ein Crucifix hoch in der Hand tragend, winkte ihr und sprach: „folge mir, ich bringe Dir Frieden.“ Er führte sie nun mitten durch den Wald auf einem ihr gänzlich unbekannten Wege, bis sie an einen Felsen kamen, der öffnete sich, als der Engel ihn mit dem Kreuze berührte, und nun schritten sie durch eine Felsenspalte, bis sie an ein hohes Thor kamen, was wie Silber glänzte: vor diesem saßen sieben Greise mit spitzen Mützen und langen Bärten. Als diese aber das Crucifix erblickten, da neigten sie sich tief und das Knäblein und die Jungfrau traten in einen hohen Saal, der mit lauter Edelsteinen verziert war und durch deren Glanz sein Licht empfing; in diesem lag auf kostbarem Lager unter einem prächtigen Baldachin eine wunderschöne Frau, umstrahlt von einem Sternenkranz und zu ihren Füßen lagen 7 Zwerge betend auf den Knieen. Als diese den Engel erblickte, fragte sie ihn, was ihn herführe, dieser aber erzählte ihr die furchtbare Gefahr des unglücklichen Mägdleins und bat sie um Hilfe. [460] Hierauf gebot die Fürstin der Berge – denn das war sie – einem der Zwerge, ihr eine Urne von Sardonyx aus einem Krystallschränkchen zu bringen, nahm daraus ein Kreuz von blitzenden Diamanten und sprach: „Käthchen, trage dieses Kreuz stets auf Deiner Brust und der Böse wird Dir nichts anhaben können!“ Bei diesen Worten nahm der Zwerg eine Schnur Perlen aus der Urne, knüpfte daran das Kreuz und hing es ihr um den Nacken. Damit nahm er Käthchen wieder bei der Hand und führte sie denselben Weg wieder zurück, den sie gekommen waren, und als er den Felsen wieder mit Hilfe des Crucifixes geöffnet, da nahm er Abschied von ihr und sprach, sie solle ruhig sein, denn sie stehe in Gottes Schutz. Als Käthchen nach Hause kam, fand sie ihren Vater daheim und erzählte ihm, was ihr begegnet war, zeigte ihm auch das Kreuz als Beweis der Wahrheit ihrer Erzählung. Da erwiderte ihr derselbe, daß auch ihm etwas Aehnliches widerfahren, denn er habe im Schachte beim Graben ein goldnes Jesuskreuz gefunden. Als sie es näher betrachteten, um vielleicht ein Merkmal zu finden, an welchem sie den rechten Besitzer erkennen könnten, sahen sie den Namen des Steigers darauf geschnitten, mit den Worten: „Dem Gläubigen hilft Jesus Christus.“

So erwarteten sie voll guten Muths das Ende der Woche und die früher so gefürchtete Mitternachtsstunde. Endlich schlug sie, und kaum war der letzte Schlag verklungen, da pochte es an das Fenster und brüllte: „heraus die Braut, heraus die Braut!“ Da öffnete Käthchen selbst das Fenster und hielt dem Bösen ihr schimmerndes Kreuz entgegen und unter furchtbarem Wehgeschrei wich er zurück, zuvor aber rief er: „Käthchen, Dich schützt Gottes Macht, ich habe keinen Theil an Dir, aber jetzt ist die Reihe an Dir, Günzer, mir in die Hölle zu folgen, komm heraus, daß ich Dich packen kann!“ Allein auch hier mußte er weichen, denn Günzer hielt ihm sein goldnes Jesuskreuz entgegen, allein diesmal verschwand er nicht so ruhig, wie die frühern Male. Ein furchtbares Gewitter begann sich zu entladen, ein Orkan warf die [461] stärksten Bäume nieder und erschütterte das Häuschen in seinen Grundfesten, der zum Strom angeschwollene Waldbach drohte dasselbe wegzureißen, allein kaum schlug es Eins, so war Alles wieder still und der Mond leuchtete silberhell durch die finstern Wolken.

So ward nun Käthchen ihres höllischen Bräutigams ledig, und nach zwei Jahren ehelichte sie ein wackerer Bergmann aus Frohnau, der ihr schon längst sein Herz geschenkt hatte. Der Bergmeister aber verlieh demselben die Stelle des alten Günzer, der sich nunmehr zur Ruhe setzte und den Rest seines Lebens bei seinen Kindern zu verleben dachte. Noch schenkte ihm Gott zehn Jahre und er hatte die Freude, innerhalb dieser Zeit drei Enkel auf seinen Armen zu wiegen. Als ihn aber Gott abrief, da vergaß sein Käthchen nicht, welches Loos er mit ihr getheilt hatte und wie die Fürstin der Berge sie herrlich geführt hatte. Darum ließ sie ihren Vater an jener Stelle am Felsen bestatten, wo der Engel denselben gespalten hatte, und nun ging sie jeden Tag hin, um dort für das Seelenheil des geliebten Verstorbenen zu beten. Dieß that sie lange Jahre, bis sie selbst eine Greisin war. Einst aber ging sie auch, um an dem Grabe ihres Vaters zu beten und kehrte nicht zurück, und als ihr Mann und ihre Kinder hinausgingen, um sie zu suchen, da fanden sie nur ihre Leiche, aus dem Felsen trat aber der Engel im Rosenlicht, küßte die Entseelte auf die Stirne, nahm ihr das Demantkreuz ab und schwang sich damit zum Himmel auf. Der tiefbetrübte Gatte aber rief einige seiner Kameraden herbei und brach ihr ein Grab in den Felsen ein, und als Raum genug vorhanden war, um den Sarg hineinzusetzen, und die Leidtragenden eben damit beschäftigt waren, denselben an seinen Ort zu stellen, da schwebten zwei Engel herab, hoben ihn von der Bahre, stellten ihn in den Felsen und schlossen denselben wieder mit einem großen Quadersteine so geschickt, daß Niemand mehr sehen konnte, wo die Oeffnung gewesen war. Seit jener Zeit aber nennt man jenen Felsen, wo Käthchen den ewigen Schlaf schläft, den Käthelstein.