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Titel: Der Heerwurm
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 664–668
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
siehe auch: Der Heerwurm im Salon der Gartenlaube. In: Die Gartenlaube, 1871, Heft 34
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Der Heerwurm.
Zur Enthüllung eines heimischen Waldschreckens.

Unsere Leser haben den „Heerwurm im Salon der Gartenlaube“ entstehen sehen und wissen aus der Nr. 34 unseres Blattes, daß derselbe, weiter nichts, als die zusammenhängende Masse von Larven eines armseligen Mückleins ist, die nach einem Ziele vorwärts kriechen. Wir dürfen uns deshalb wohl gleich zur Geschichte dieser Erscheinung wenden.

Sie ist nicht sehr alt, die Geschichte des Heerwurms, noch nicht volle zweihundertsiebenzig Jahre, aber ihre Sagenzeit hat sie doch und der Aberglaube hat eine große Rolle in ihr gespielt, bis es endlich der Naturforschung gelang, mit ihrem Lichte auch dieser Gruseligkeit ein Ende zu machen.

Ein Wunder war es eben nicht, wenn der Heerwurm gerade

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Die Gartenlaube (1871) b 665.jpg

Der Heerwurm.
Nach der Natur gezeichnet von Emil Schmidt.

[666] zu der Zeit, wo er zuerst beobachtet oder wo wenigstens zum ersten Male über ihn berichtet wurde, zur Zeit des blühendsten Teufels-, Gespenster- und Hexenglaubens, gleich bei Beginn des siebenzehnten Jahrhunderts, einen Schrecken durch den ganzen Wald verbreitete, in welchem er sich sehen ließ. Die Art der Erscheinung selbst trug allerdings dazu ganz besonders bei. Das einzig in seiner Art dastehende geheimnißvolle, widerlich schlangenähnliche, geräuschlose und langsam gemessene, aber unaufhaltsame Dahinschleichen der Heerwurmszüge im Waldesdunkel zur Abendzeit, während der Nacht oder in der Morgenfrühe und das allmähliche spurlose Verschwinden unter der Laub- oder Nadeldecke des Bodens konnte selbst für weniger befangene Blicke eine unheimliche und für zaghafte Gemüther grauenvolle, gefürchtete Erscheinung sein, an die dann der Aberglaube seine Vorbedeutungen mehr schlimmer als guter Art knüpfte. In seiner bald ein-, bald mehrköpfigen Gestalt hielt man den Heerwurm für ein Mittelding zwischen Wurm und Drache und belegte ihn mit den Namen Heerschlange, Kriegsschlange, Kriegswurm, Wurmdrache, Drachenschlange, Schlangenwurm etc. im Thüringerwalde, im Harze, wie im Riesengebirge. Den Bewohnern der letzteren beiden war er ein Vorbote schlechter Ernte, wenn er bergan zog – daher von den Harzern auch vorzugsweise Hungerwurm genannt – gesegneter aber, wenn er thalwärts kroch. Den Thüringerwäldlern verkündete er Krieg im Bergaufziehen, Frieden im Abwärtsziehen, doch wurde er im Allgemeinen mehr als Vorbote des Krieges gefürchtet, denn als Friedensbote begrüßt. Und, nicht blos für die Geschicke ganzer Länder und Völker wurde demselben prophetische Bedeutung beigelegt, sondern selbst einzelne Personen glaubten ihr kommendes Geschick von ihm erfahren zu können. Männer und Frauen in Thüringen warfen gleich den Bewohnern Schwedens und Norwegens ihre Gewänder – Jacken oder Schürzen – der Heerschlange in den Weg, auf daß sie darüber hinwegkröche, und erachteten dies, wenn es geschah, für ein glückverheißendes Zeichen. Kinderlosen Frauen bedeutete es den gewünschten Ehesegen und den Hoffenden eine leichte und glückliche Entbindung.

Die Goralen des Tatragebirges im Nordwesten der Karpathen, wo der Heerwurm in neuerer Zeit mehrfältig, aber fast ausschließlich nur in Nadelholzbeständen beobachtet ist, halten denselben für das Vorzeichen einer gesegneten Ernte. Die Landleute sammeln und trocknen ihn, lassen ihn in der Kirche weihen und streuen ihn in Scheunen, Ställen, Zimmern, Feldern etc. aus, da sie glauben, Brod und Glück halte sich an einem solchen Orte. Sie prophezeien auch für Polen Fruchtbarkeit, wenn der Heerwurm bergab gegen Norden zieht, für Ungarn aber, wenn er bergauf in südlicher Richtung gegen die ungarische Seite gleitet. Diese Bedeutung verdankt der Heerwurm der folgenden Sage. Als Polen noch ungetheilt war, ging ein Weib während einer Hungersnoth nach Ungarn, um dort Brod zu kaufen. Unverrichteter Sache heimkehrend, fand sie in der Tatra einen ziehenden Heerwurm und nahm ihn in einem Tuche mit sich. Zu Hause angelangt, warf sie den ausgehungerten Kindern den Geldsack vor die Füße und vertröstete sie, es werden gute Jahre wiederkehren, denn der Heerwurm ziehe nach Polen. Seitdem gilt der Heerwurm als Prophet von Geschlecht zu Geschlecht, und Niemand vertilgt ihn, da man weiß, daß er keinen Schaden anrichtet. In der Babia-Gora, einem Zweige der Karpathen, betrachtet man den Heerwurm als ein Vorzeichen fruchtbarer Jahre, wenn er bergan zieht, von Mißjahren hingegen, wenn er von Berg zu Thal wandert. Die Hirten nennen ihn Zyr; wer ihn findet, bringt ihn in einen neuen Topf und stellt diesen zwischen die Schafe, auf daß sie gedeihen.

Aus dieser Finsterniß des Aberglaubens bis zur vollen Klarheit der Einsicht in den Verlauf des Insectenlebens, von welchem der Heerwurm der interessanteste Theil ist, führte ein so langsam aufsteigender Pfad mit so vielen Hindernissen, daß erst vor zwei Jahren der letzte Zweifel darüber gelöst werden konnte. Die erste gedruckte Nachricht über den Heerwurm gab Caspar Schwenkfelt zu Liegnitz im Jahre 1603 in seinem jetzt sehr seltenen „Thiergarten Schlesiens“. Schwenkfelt nannte die ihn bildenden Maden oder Larven von ihrer einigermaßen an die kleinen weißen, unter dem Namen Ascariden bekannten menschlichen Eingeweidewürmer erinnernden Gestalt ascarides militares und hielt sie für wirkliche Würmer, „die zur Sommerzeit gleichsam wie Ketten zusammenhängend kröchen, wie wenn sie ein Heer bildeten“.

Zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts erwähnt M. Christian Junker, Rector der Schule zu Schleusingen, in einer Beschreibung der Grafschaft Henneberg den Heerwurm als eine sonderliche Art Waldwürmer, die der Oberförster Hans Christoph Ludwig zu Ilmenau in seinen Forsten beobachtet habe. Er sei drei Finger breit, ineinandergeschlungen wie Weiberzöpfe, und man sage, daß er ganze Berge einnehme zu fünfzehn bis zwanzig Klaftern (fünfundvierzig bis sechszig Ellen) lang.

In einigen Theilen von Deutschland, zumal am Thüringer Walde und am Harz war diese Erscheinung dem Volke schon lange genug bekannt gewesen und hatte, verschiedene Beurtheilung erfahrend, auch die Aufmerksamkeit der Fachleute auf sich gezogen, bis endlich der Professor Dr. Nowicki zu Krakau den Heerwurm in den Karpathen beim Dorfe Kopaling beobachtete, aus seinen Larven die Mücke züchtete und in ihr eine bis dahin noch nicht beschriebene Art erkannte, der Thomas-Trauermücke in ihrem schwarzen Kleide mit gelber Seitenstrieme jederseits am Leibe des Weibchens zwar ähnlich, aber doch durch ganz charakteristische Merkmale und insbesondere auch durch geringere Größe davon verschieden, die er Sciara militaris genannt hat. Diese, sowie gleichzeitige Beobachtungen auf dem Harz berechtigen nunmehr zu der endgültigen Annahme, daß alle Heerwürmer nur von Larven der Sciara militaris gebildet werden.

Die vielbewunderten Heerwurmsprocessionen geschehen in folgender Weise: die nicht ganz einen halben Zoll langen, schlanken, weißlichen, glasglänzenden, wässerig durchscheinenden, fußlosen Maden mit schwarzbraun erscheinendem Inhalte des den Körper fast seiner ganzen Länge nach durchziehenden Darmes und mit glänzend schwarzem kleinen Kopfe kriechen neben-, über- und hintereinander genau nach derselben Richtung hin und bilden, durch die klebrige Beschaffenheit ihres Körpers zusammengehalten, einen bald breiteren, bald schmaleren, bis zu dreißig Fuß und darüber langen, seilähnlichen oder schlangenförmigen, meist aus tausenden von Individuen zusammengesetzten, innig vereinten Zug, der gewöhnlich vorne am breitesten ist, sich nach hinten allmählich verschmälert und schließlich nur noch von einzelnen bindfadenartig hintereinander herziehenden Larven formirt wird. Die emsige Bewegung aller der eng aneinander geschlossenen Larven nach demselben Ziele hin läßt die Procession als ein einziges, in sich abgeschlossenes Individuum erscheinen, und die durch die glänzenden schwarzen Köpfe und den schwarzbraun durchscheinenden Darminhalt hervorgerufene bräunlichgraue Färbung des Ganzen erinnert einigermaßen an eine Kreuzotter.

Mitunter und namentlich bei einem im Wege stehenden Hindernisse theilt sich das vordere, den Kopf des Wurmes darstellende Ende in zwei oder mehrere Stränge, die sich gelegentlich wieder vereinigen. Die Wanderung, die, wie bereits bemerkt, in der Regel zur Abendzeit und die Nacht hindurch bis zum Morgen geschieht, ist nicht, wie man lange gefabelt hat, an eine bestimmte Richtung – von Süd nach Nord – gebunden, sondern folgt den verschiedensten Himmelsgegenden. Durch starken, den Boden anfeuchtenden Thau oder durch Regen wird die Fortbewegung der Larven begünstigt oder ermöglicht und deshalb bewegen sich die Züge, deren in der Regel mehrere oder viele in der Nähe bei einander gefunden werden, an regnigen Tagen auch wohl bis zum Mittage und länger auf dem Boden umher; dann verschwinden sie wieder spurlos für längere oder kürzere Zeit unter der Laub-, Nadel- oder Moosdecke des Waldes. Sonnenschein vertragen die Larven nicht und schon helleres Tageslicht ist ihnen zuwider.

Wird ihr Zug unterbrochen, so suchen sie sich immer wieder möglichst rasch zu einem solchen zu vereinigen. Eine Thüringerwäldlerin sah einst am frühen Morgen den Heerwurm als eine entsetzlich lange Schlange quer über die Straße kriechen, deren Breite nicht hinreichte, daß man Kopf und Schwanz der Schlange hätte sehen können. Die Frau faßte sich ein Herz und zertrat die Schlange an mehreren Stellen, allein zu ihrem großen Schreck wuchs dieselbe bald wieder zusammen. Da gerieth die Frau plötzlich in Furcht und Angst, sie ergriff die Flucht und betrat denselben Weg lange nicht wieder, denn, meinte sie, eine zertretene Schlange, die so schnell wieder zusammenwachse, was nicht mit rechten Dingen zugehe, könne Unglück bringen über Menschen und über Vieh.

Was nun den Zweck dieser regelmäßigen Wanderungen betrifft, so meinte man früher, die Veranlassung dazu sei, einen in Verwesung begriffenen thierischen Leichnam oder Mist von Wild und [667] anderem Vieh zur Nahrung aufzusuchen. Erst 1867 ist ermittelt worden, daß sich die Heerwurmslarven im Laubholzwalde ausschließlich oder doch vorzugsweise von der auf der Erde liegenden Laubschicht in der Weise nähren, daß sie das Zellengewebe mit mehr oder weniger vollständiger Verschonung sämmtlicher, auch der kleinsten und zartesten Rippen und Adern, verzehren, so daß ein mehr oder weniger vollständig über das ganze Blatt hin sich erstreckendes Skelet entsteht, und dies rechtfertigt nunmehr die Annahme, daß die Züge der Heerwurmslarven keinen anderen Zweck haben, als den, eine neue passende Fraßstelle aufzusuchen. Betrachten wir aufmerksamer die Laubdecke des Waldbodens, so finden wir, daß dieselbe im Frühjahr und Sommer niemals mehr eine so gleichförmige ist, wie der herbstliche Blätterabfall bei ruhiger Luft sie bildete; denn Wind und Stürme bleiben nicht aus und vertreiben das auf den Boden herabgefallene Laub von manchen Stellen vollständig, von anderen größtenteils, um es in Gräben, in Vertiefungen oder auf sonstigen geschützten Räumen hoch und höher anzuhäufen. Sodann wissen wir aber auch, daß die Feuchtigkeit oder Frische des Bodens und der darüber lagernden Laubdecke eine sehr verschiedene ist je nach der Gebirgsformation, nach der Geschlossenheit des Holzbestandes, nach der Himmelsgegend, wohin im Gebirge der Abhang sich senkt, nach dem Vorhandensein von Quellen und Bächen in der Nähe etc. Da nun, wie jetzt als unzweifelhaft erkannt ist, die untere, schon mehr oder weniger in Verwesung begriffene Lage einer mehrere Zoll hohen, nicht zu trockenen Laubschicht, in welcher aber keine Schimmelbildung eingetreten sein darf,

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Der Heerwurm als a. Larve. b. Puppe. c. Weibliche Heerwurmfliege. d. Natürliche Größe derselben. e. Hinterleibende des Männchens. f. Ein vergrößerter Theil des Fühlers.

die naturgemäße Nahrung der Heerwurmslarven im Laubholzwalde liefert, so ist es begreiflich, daß jene Larven, welche bei ihrem massenhaften Zusammenleben und der großen Gefräßigkeit, die ihnen wie fast allen anderen Insectenlarven eigen ist, einer großen Menge Laub zur Ernährung bedürfen, gleich den Raupen des Processionspinners nach neuen Weideplätzen ausziehen müssen, sobald sie an einer Stelle die ihnen zusagende Nahrung aufgezehrt haben. Dabei scheinen jedoch Witterungsverhältnisse in der Weise eine nicht unwichtige und vielleicht die hauptsächlichste Rolle zu spielen, daß die Larven auch dann eine andere, mehr oder weniger entfernt liegende Fraßstelle aufzusuchen sich veranlaßt fühlen, wenn anhaltende Dürre die Laubschicht, unter der sie leben, zu sehr austrocknet oder ungewöhnlich viel Regen dieselbe zu naß und den Aufenthalt unter derselben unangenehm macht. In letzterem Falle kommen sie in der Regel auf die Oberfläche und zehren von den obersten erweichten Blättern, verkriechen sich aber wieder unter die Laubdecke, sobald diese obenher zu trocken werden.

Die wunderbaren Processionen beginnen vielleicht schon, wenn die Larven noch ganz klein sind und möglicherweise unter Umständen gleich nach dem Ausschlüpfen aus dem Eie, wenigstens haben die Harzer Beobachtungen des Sommers 1868 ergeben, daß den Larven die Tendenz zur Bildung von Zügen gleich von der Geburt an beiwohne. Denn am 22. Mai jenes Jahres unterhalb der Laubschicht aufgesuchte, wenig über eine halbe Linie lange Lärvchen, die auf ein feuchtes Buchenstreulaubblatt gesetzt wurden, begannen daselbst allsobald Umherzuziehen gleich den erwachsenen Larven. Bemerkt im Walde sind die Züge innerhalb Deutschlands seither immer erst von den letzten Tagen des Juni an bis zu der in der Regel im Monat August eintretenden Verpuppung, welche letztere unterhalb der Laubschicht des Waldes, gern in den von Mäusen herrührenden Gängen oder sonstigen Höhlungen, geschieht. Die Puppen liegen in größeren oder kleineren, meist lang gedehnten Häufchen ohne ein eigentliches Gespinnst beisammen und werden nur ganz locker durch einzelne feine, spinnewebartige Fäden, sowie auch die am Hintertheile hängengebliebenen, zusammengeschrumpften, braungewordenen, fettglänzenden Larvenbälge und die grobkörnigen braunen Darmausleerungen, deren sich die Larven vor der Verpuppung entledigten, unter einander verbunden.

Nach acht bis zehn oder zwölf Tagen geht aus der anderthalb bis zweieinhalb Linien langen, anfangs milchweißen, später bräunlichgelben und zuletzt im vorderen Theile, so weit die Flügelscheiden reichen, schwärzlich gefärbten, bei den weiblichen Individuen längs des Hinterleibes und der Mittellinie des Unterleibes mit je einer Reihe citronengelber Flecken versehenen Puppe das fertige Insect hervor, die kleine, wenig über zwei Linien lange Trauermücke, welche sehr träge ist und sich mehr auf ein Umherkriechen beschränkt, als mit Fliegen befaßt. Ihre Thätigkeit ist lediglich auf Erhaltung der Art gerichtet und im Walde kommt die Mücke häufig gar nicht unter der Laubdecke weg zum Vorschein, legt vielmehr an der Stelle, wo sie der Puppenhülle entschlüpfte, ihre Eier ab und stirbt dabei oder unmittelbar nachher, nachdem sie ihr Leben höchstens auf drei Tage gebracht hat. Die etwa hundert Eier eines jeden Weibchens bilden einen rundlichen Haufen, sind sehr klein, fünfzehn bis zwanzig zusammengenommen von der Größe eines Mohnkornes, etwas länglich, ellipsoidisch, durchscheinend, glänzend und nach dem Ablegen zuerst milchweiß, färben sich aber innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Stunden bräunlich und überwintern unter der Laub- oder Nadeldecke des Waldes. Die aus denselben im nächsten Jahre und zwar in der Regel wohl im Monat Mai hervorgehenden Larven bilden gewissermaßen zusammengehörige Familien oder Gesellschaften und halten wiederum, sobald die Umstände danach angethan sind, ihre Processionen. In welcher Menge und Ausdehnung die Heerwurmszüge und deren Larven zuweilen vorkommen, ergeben folgende Beispiele: Am 24. Juli 1864 zog im Leinewalde unweit Altenburg bis nach sechs Uhr Morgens ein Heerwurm in gerader Linie von Süden nach Norden, welcher sechsundzwanzig Ellen lang war und die Breite einer mittleren Hand hatte. Siebenzehn Ellen waren gleich breit und neun Ellen gingen allmählich nach dem Schwanze spitz zu. Diese Ausdehnung erscheint um so überraschender, als der Heerwurm daselbst schon vierzehn Tage vorher aufgefunden war und die vielen Beobachter und Beschauer desselben namhafte Quantitäten Larven mit fortgenommen hatten.

Am 17. August 1867 Vormittags wurden bei bewölktem Himmel und nachdem es in den Tagen vorher viel und noch Morgens früh gelinde geregnet hatte, unweit Hahausen am Harze sechsundvierzig ein bis zehn Fuß lange Heerwurmzüge, von denen die meisten vorn handbreit waren, alle aber nach hinten allmählich spitz zuliefen, auf der etwa einhundert Schritt im Geviert haltenden nassen Laubdecke eines geschlossenen Buchenbestandes nach den verschiedensten Himmelsrichtungen hin- und herziehend beobachtet. Es konnten auf diese sechsundvierzig Züge durchschnittlich mindestens fünf Fuß Länge und ein Zoll Breite gerechnet werden, und da sich bei vorgenommener Zählung auf ein Zoll Länge und ein Zoll Breite etwa zweihundert ziehende Larven fanden, so ergab dies auf jene sechsundvierzig Züge über eine halbe Million zweiundfünfzigtausend Stück Larven. Die sechsundvierzig Züge vereinigt gedacht hätten ein zweihundertdreißig Fuß langes, ein Zoll breites oder ein nahe an sechszig Fuß langes, handbreites Heer bilden können.

In Deutschland ist der Heerwurm vorzugsweise im Thüringerwalde und am Harze, weit seltener in feuchten Waldungen der Ebene und fast ohne Ausnahme nur in Laubholzbeständen beobachtet. Bei dem Aufsehen, welches sein Erscheinen in engeren oder weiteren Kreisen jedesmal machte, haben die Jahre, in denen er sich zeigte, für die Naturgeschichte mehr als gewöhnliche Bedeutung erhalten und mögen solche deshalb hier Erwähnung finden, so weit sie bekannt geworden sind. Im Thüringerwalde beobachtete man den Heerwurm von 1698 bis 1867 siebenzehn Mal, und zwar in weitaus den meisten Fällen bei Eisenach. Am Harze zeigte sich derselbe von 1804 bis 1871 einundzwanzig Mal. Ferner bei Tilsit in der Jacobsruhe 1845 und 1856; bei Hannover in der Eilenriede 1853; unweit Herrnhut in der Oberlausitz 1853 und [668] 1854; zu Sarquitten bei Rastenburg 1854; bei Buchholz im sächsischen Erzgebirge 1860; im Laubwalde Leine bei Altenburg 1864. Außerhalb Deutschlands ist der Heerwurm, abgesehen von Schweden und Norwegen, noch in Litthauen, in der Schweiz unweit der Tarasper Salzquelle (1851) und, wie schon bemerkt, im Tatra- und Karpathengebirge aufgefunden. Diesem nach sind die Heerwurmerscheinungen bislang immer noch selten genug gewesen, um darauf die Worte des Dichters Anwendung finden zu lassen:

Das ist ein seltsam wunderbares Zeichen,
Es leben Viele, die das nicht geseh’n.