Dem Verherrlicher der Madonna zu seinem Jubelfest

Textdaten
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Autor: V–s.
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Titel: Dem Verherrlicher der Madonna zu seinem Jubelfest
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 191–193
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Dem Verherrlicher der Madonna zu seinem Jubelfest.

Wem wäre wohl sein Name nicht bekannt? Wer beugte nicht sein Haupt schon bei dem bloßen Klange desselben, um dem unsterblichen Meister der Farben den verdienten Tribut der Verehrung und Bewunderung zu zollen? In die weiten Kirchenhallen, in die hellen Museen, welche seine Werke eifersüchtig bewahren, wallfahren seit Jahrhunderten unzählige Schaaren Aller, die durch Betrachtung idealer Kunstwerke ihr Herz und ihren Geist zu veredeln bestrebt sind. Sinnend bleiben wir noch heute vor seinen Bildsäulen stehen, welche die Meisterhand der Künstler an vielen Orten der civilisirten Welt ihm zu Ehren errichtet. An ihm ist wahrlich das oft täuschende Wort von der Unsterblichkeit des Ruhmes zur Wahrheit geworden, denn seit Jahrhunderten lebt sein Geist unter den Sterblichen dieser Erde; dahingegangenen Geschlechtern hat er Anerkennung abgerungen, und sicher wird er noch viele kommende in die Fesseln seines Zaubers schlagen. Sollten wir nun, da der vierhundertjährige Gedenktag der Geburt dieses Gewaltigen unter den Auserkorenen der Kunst überall glänzend gefeiert wird, stillschweigend an seinen Werken vorübergehen? Nein, wie der Todten, die wir lieben und verehren, müssen wir auch seiner gedenken, denn er ist unser, wiewohl im fernen Welschlande seine Wiege stand; die Kunst verlieh ihm das Weltbürgerrecht, und weit hinauswirkend über die engeren nationalen Grenzen, ist er der Stolz der gesammten Menschheit. –

Am 28. März 1483 erblickte Raphael Santi das Licht der Welt in der romantisch gelegenen Stadt Urbino. Sein Vater Giovanni war selbst ein nicht unbedeutender Maler und weihte frühzeitig den talentvollen Knaben in die Geheimnisse seiner Kunst ein. Der Sagenkreis, der sein Leben umrankt, beginnt schon mit wunderbaren Erzählungen über die Leistungen seiner Kinderjahre, denn sobald die Menschen von ungewöhnlich großen Männern zu berichten haben, glauben sie auch, ungewöhnliche Erscheinungen in dem Leben derselben finden zu müssen.

Das äußere Leben Raphael’s verlief indessen, wie die streng prüfende Geschichte erzählt, einfach, ohne Wunderzeichen, ohne blendende Erscheinungen. Trüb könnte man sogar seine Kindheit nennen; denn der milde und friedenspendende Glanz des Mutterauges erlosch frühzeitig für ihn, der in fernen späteren Lebensjahren das Mutterglück und die Mutterliebe so innig wahr darzustellen wußte. Sein Vater verheirathete sich bald darauf zum zweiten Male, und als auch er im Jahre 1494 gestorben war, da mußte der verwaiste Knabe schon frühzeitig den bitteren Ernst des Lebens kosten. Wie er nun in seinem zwölften Lebensjahre zu dem Meister Pietro Perugino in die Lehre kam und hier seine Mitschüler bald überflügelt hatte, brauchen wir nicht ausführlich zu berichten.

Rasch verbreitete sich sein Ruf über ganz Italien, während er Kirchenfahnen malte, für Herzöge und Fürsten arbeitete und seinen Wohnsitz bald in Perugia, bald in Florenz aufschlug. Von letzterer Stadt aus wurde er auf Veranlassung des berühmten Baumeisters Bramante nach Rom berufen, um an der Verschönerung des vaticanischen Palastes und dem Neubau der Peterskrche Theil zu nehmen.

In der „ewigen Stadt“, wo bald die berühmtesten Männer mit ihm in vertraute Verbindung traten und die Päpste Julius der Zweite und Leo der Zehnte ihn mit Auszeichnung behandelten, eröffnete sich ihm ein großartiger Wirkungskreis. Eine Schaar begeisterter Schüler umgab den jungen Meister, und selbst ältere Künstler strömten von fern her nach Rom, um Raphael zu bewundern und von seinen Werken zu lernen. Wie ein Fürst lebte er in Rom. Wenn der Meister zu Hof ging, war er gewöhnlich von seinen Schülern begleitet, sodaß er wie im feierlichen Zuge auf dem Vatican ankam, während sein großer Nebenbuhler Michel Angelo meist einsam umherwandelte, Einmal begegneten sich die beiden Künstler in den Straßen Roms und Michel Angelo soll ausgerufen haben: „Ihr geht ja im großen Gefolge, wie ein Anführer der Sbirren!“ worauf Raphael erwiderte: „Und Ihr geht allein, gleich einem Scharfrichter!“ Trotzalledem wußte die Liebenswürdigkeit Raphael’s jedes feindselige Verhältniß zwischen Beiden zu verhindern.

Raphael war nie verheirathet. Seine Braut Maria da Bibiena, die Nichte des Cardinals Bibiena, starb frühzeitig, und wie man behauptet, hatte Raphael diese Braut nicht aus vollem Herzen geliebt. [192] Einer Anderen schenkte er seine glühende Zuneigung, der schönen Fornarina, deren Bildniß in manchem seiner Madonnenköpfe wieder zu erkennen war. Ueber sein Verhältniß zu dieser Töpferstochter aus Urbino darf man schwerlich nach den heutigen Begriffen urtheilen. Das damalige Rom war nicht der Hort der Sittlichkeit.

Wie die meisten Künstler jener Zeit, widmete sich Raphael auch der Baukunst und hat auf diesem Gebiete Großes geleistet. Von Bramante wurde er zum Architekten der Peters-Kirche in Rom empfohlen und reichte in Folge dessen der Bauverwaltung einen Plan und ein Modell ein, die so allgemeine Bewunderung erregten, daß Raphael im Jahre 1514 zum Ober-Intendanten des gewaltigen und kunstreichen Baues ernannt wurde.

Mitten in der vollsten Blüthe seiner rastlosen Thätigkeit raffte der Tod den berühmten Künstler hinweg. Am Charfreitag des Jahres 1520 schloß er seine Augen, vor welchen die göttliche Begabung die geheimnißvolle Welt der wahren und unvergänglichen Schönheit enthüllt hatte. Zeitgenossen behaupten, daß ein unrichtig angewandter Aderlaß den Tod des erst siebenunddreißigjährigen Mannes beschleunigt oder gar verschuldet habe. – Hinter dem schwarzumflorten Katafalk, an dessen Stufen das ganze Rom trauerte, stand das letzte unvollendete Gemälde des Meisters: „Die Verklärung Christi“. Im Pantheon zu Rom ruhen seine Gebeine, und das fromme Volk glaubt bis an den heutigen Tag, daß die marmorne Madonna, welche den Altar über dem Grabgewölbe schmückt, Wunder verrichte.

Raphael Santi.0 Bildsäule von Professor E. Hähnel.
Photographie im Verlage von F. u. C. Brockmann’s Nachfolger in Dresden.

Sorgfältige Forscher haben die Anzahl der Raphael’schen Werke genau feststellen wollen, und ihre Kataloge weisen die stattliche Zahl von über 1200 Nummern auf. Viele von diesen Gemälden haben im Laufe der Zeit wunderbare Schicksale erlebt. So erzählt man z. B., daß Raphael um das Jahr 1510 von den Mönchen des Olivetanerklosters S. Maria della Spasimo zu Palermo den Auftrag angenommen hatte, eine Tafel für ihren Hauptaltar zu malen. Als Gegenstand des Gemäldes wählte er die „Kreuztragung Christi“. Die ergreifende Composition wurde bald nach ihrer Vollendung nach Sicilien geschickt. Unterwegs aber ward das Schiff mit Allem, was es an Menschen und Gütern an Bord hatte von dem Meere verschlungen. Nur Raphael’s „Kreuztragung“ wurde durch einen Zufall, der einem Wunder gleichkommt, gerettet. Die aufgeregten Wogen trugen die Kiste mit dem Bilde in den Hafen von Genua, wo es die freudigste Aufnahme fand. Die biederen Genueser machten aber ihr Strandrecht geltend und verweigerten standhaft die Auslieferung des ihnen vom Glück zugetragenen Schatzes. Erst durch die beredte Vermittelung Raphael’s und das energische Einschreiten des Papstes ließen sie sich bestimmen, den Olivetanern ihr Eigenthum zurückzugeben.

Von allen Raphael’schen Gemälden ist in Deutschland die „Sixtinische Madonna“ am bekanntesten. Sie ist die letzte der Madonnen, welche der Meister gemalt hatte, und überhaupt sein vollendetstes Madonnenbild. Das 63 Quadratfuß große auf Leinwand gemalte Bild war für den Hauptaltar der „schwarzen Brüder von S. Sisto“ bestimmt, und über diesem Altare blieb es bis zum Jahre 1753, in welchem es durch Vermittelung des Malers Carlo Cesare Giovannini in Bologna für den Preis von 20,000 Ducaten für den Kurfürst Friedrich August den Zweiten von Sachsen (König von Polen) erworben wurde. Seit jener Zeit bildet es den größten Schatz der überaus reichen Gemäldesammlung in Dresden. Der fürstliche Erwerber äußerte seine Freude über die glücklich gelungene Erstehung des Meisterwerkes auf eigenthümliche Weise. Als das Bild zum ersten Male in seinem Thronsaal aufgestellt werden sollte, schob der Kurfürst eigenhändig den Thronsessel bei Seite mit den Worten: „Platz für den großen Raphael!“

Im Jahre 1826 wurde das Gemälde durch den berühmten Italiener Palmaroli restaurirt, was jedoch nach dem Urtheil einiger Sachverständigen die ursprüngliche Wirkung der Meisterschöpfung beeinträchtigt haben soll. Vortheilhafter für das Bild hat sich, wie Ernst Förster in seinem beachtenswerthen Werke „Raphael“ erzählt, eine später vorgenommene Restauration erwiesen, die den taub gewordenen Farben neues Leben gab. Nach vorsichtig angestellten Versuchen überzog man das Gemälde an der Rückseite mit neuer Leinwand und tränkte diese mit Kopaiva-Balsam, der, von rückwärts in die Farben eindringend, diesen die ursprügliche Kraft und Frische wieder verlieh.

[193] Leider gestattet uns der engbemessene Raum nicht, Näheres über die anderen berühmten Werke des unsterblichen Meisters zu berichten. Rom darf sich des Besitzes der meisten von ihnen rühmen. In Deutschland findet man außer in Dresden noch in Berlin, München und Wien werthvolle Gemälde Raphael’s.

Die edlen durchgeistigten Züge des großen Künstlers hat einer der idealsten Meister der modernen Bildhauerkunst, Professor Ernst Hähnel, in seiner vollendeten Statue wiederzugeben gewußt. Die Bildsäule, welche unser heutiger Holzschnitt auf S. 192 wiedergiebt, schmückt die herrliche Façade des Dresdener Museums. Denselben Entwurf hat Hähnel zu wiederholten Malen geschaffen, und am vollendetsten ist ihm die Ausführung desselben in der Marmorstatue gelungen, welche das Leipziger Museum ziert.V-s.