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Textdaten
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Autor: Friedrich Oetker
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Titel: Das unterirdische Paris
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 775-776
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das unterirdische Paris.
Von Friedrich Oetker.

„Es ist schwer, die Unterwelt zu besuchen.“ Auch in Paris werden Einem große Schwierigkeiten gemacht, wenn man die Wunder der Tiefe betrachten möchte. Bloße Neugier ist keineswegs eine genügende Einlaßkarte. Zum Glück besann ich mich, daß ich in Kassel einmal Stadtrathsmitglied gewesen war und in dieser Eigenschaft die Verpflichtung gehabt hatte, mich dann und wann mit ober- und unterirdischem Unrath zu befassen. Ich unterließ daher nicht, diesen Umstand bei der Pariser Oberbehörde gehörig hervor zu kehren, und hatte nun das Vergnügen, daß sofort meine „ernsten Ziele“ gewürdigt und die unwillfährigen Reinlichkeitsbeamten des Service de la salubrité in die artigsten und zuvorkommendsten Wegweiser umgewandelt wurden.

Es ist bekannt, daß Paris seinem uralten Namen Lutetia, oder Schmutzloch, noch vor wenigen Jahren alle Ehre machte. Die Straßen waren wahre „Kothgassen“, die Abzugsrinnen der Sammelplatz alles Unflaths; an vielen Stellen verbreiteten sich unaufhörlich, bei gutem wie bei schlechtem Wetter, die schauderhaftesten Ausdünstungen; auf Schritt und Tritt war man von der ärgerlichsten Besudelung bedroht.

Das hat sich wunderbar geändert. Nicht blos in den weiten Straßenzügen, welche die neuere und neueste Zeit geschaffen hat, herrscht spiegelblanke Sauberkeit, auch in den engen Windungen der alten Stadtheile ist mit geringen Ausnahmen eine musterhafte Reinlichkeit hergestellt worden. Trittsteine, bedeckte Abzüge, eiserne Ausgußröhren, Spühlkrähne und sonstige Vorrichtungen haben wahrhaft Erstaunliches geleistet; es gibt einzelne Gassen, die früher kaum in Stiefeln zu durchwaten waren, die aber jetzt, mit Canälen versehen und mit Asphalt gepflastert, den zartesten Seidenschuhen zugänglich sind.

In der That, die letzten Jahre haben das Ungeheuerste, das Außerordentlichste zu Wege gebracht. Es ist keine Uebertreibung, wenn man behauptet, daß die Regierungszeit Napoleons III. für die Verschönerung und Vergesünderung von Paris mehr gethan hat, als alle früheren Herrscher und Regenten zusammengenommen. Ganze Stadttheile sind weggerissen oder in ihrem engsten, winkligsten Häusergedränge durchbrochen worden, um für weite Plätze und breite, baumbepflanzte, bankbesetzte Straßen und Spaziergänge Raum zu schaffen. Die Verbindung des Louvre mit den Tuilerien, die Verlängerung der Kais und der Rivoli-Straße, die Ausschälung des Stadthauses und des St. Jakobsthurmes aus den alten Häusermassen, die Verschönerung des Boulogner Gehölzes und seine Verbindung mit der Stadt, die Anlegung der Boulevards [776] de Strasbourg und de Sebastopol, die Herstellung neuer Seine-Brücken, die Erbauung des Industriepalastes, diese und zahlreiche andere Werke sind in weniger als einem Jahrzehnt vollendet worden, und fast eben so bedeutende sind noch im Bau und im Plan.

Eine der großartigsten und merkwürdigsten Schöpfungen aber ist das neue Système des Egouts, die Einrichtung der unterirdischen Abzugsgräben zur Fortschaffung der Straßenabflüsse und sonstiger Unreinlichkeiten. Den Richtungen der Hauptstraßen entsprechend ist Paris von einem Netze von Canälen unterhöhlt; wie ein Strom mit seinen Nebenflüssen und Nebenbächen zieht sich ein meilenlanges überwölbtes Wasser- und Schlammbett unter der Stadt hin, das von allen Seiten die Abflüsse der Straßen aufnimmt und unweit Asnières, also in ziemlicher Entfernung von der eigentlichen Stadt, in die Seine ausmündet. Die ganze Länge der gesammten unterirdischen Abzugsgänge von Paris wird auf mehr als 180,000 Meter oder weit über 20 deutsche Meilen angegeben.

Bis jetzt ist dieses riesige Werk nur wenig bekannt. Von den Herrlichkeiten des oberirdischen Paris weiß alle Welt zu erzählen; aber wer kennt die unterirdischen Gänge und Ströme?

Vielleicht ist es daher Manchem nicht unlieb, wenn ich ihn einen Blick in die Unterwelt thun lasse. Ja selbst zarte Leserinnen brauchen vor einem Besuche nicht zurückzuschrecken; denn „da unten“ ist’s durchaus nicht so fürchterlich, als man wohl glauben sollte. Die Hauptgänge oder die égouts collecteurs sind weit und hoch und dabei an den Seiten so reinlich und überall durch so zahlreiche Schächte gelüftet, daß eine Durchwanderung keinerlei Unbequemlichkeiten bietet. Auch Ungeziefer findet sich nicht; weder Land- noch Wasserratten sind im Stande, in den neuen Gängen sich zu nähren oder zu verbergen. Man kann kaum einen größeren Gegensatz denken, als den von den verpesteten Kloaken anderer Städte, insbesondere Londons[1], die nur für Ratten und sewer-hunters oder Canaljäger betretbar sind, und den luftigen und sauberen „Galerien“ von Paris. Zwar hat man einen eigenthümlichen, aus tausenderlei Dünsten und Düften zusammengesetzten Geruch zu bestehen, aber derselbe ist doch nicht sonderlich belästigend und auf alle Fälle gar nicht gefährlich.

Die einzige Gefahr, welche möglich bleibt, ist die des Ertrinkens, nämlich bei einem heftigen und plötzlichen Gewitter; denn alsdann brausen die Wasser und Unreinlichkeiten von allen Seiten in solcher Fülle zusammen, daß die gewöhnliche Bettung weit überfluthet wird und auch wohl Stockungen entstehen. Allein man hat in dieser Beziehung für die Arbeiter so viele Vorsichtsmaßregeln getroffen, daß bei einiger Aufmerksamkeit kein Unfall zu befürchten ist, obwohl deren doch zuweilen vorkommen. Abgesehen von Hülfsabflüssen in die Seine, innerhalb der Stadt, sind in gewissen Entfernungen Rettungsschachte mit eisernen Stufen angelegt, worin sich die Arbeiter zurückziehen können. Ja, an einigen Stellen ist der Canal von Quergängen überwölbt, wodurch man von einer Seite auf die andere gelangen kann, ohne den Strom überschreiten zu müssen. Auch an genügenden Ausgängen fehlt es nicht.

Wagen wir’s also getrost, unweit des Pont au Change in einen der Hauptgänge einzutreten. Er nimmt die Abflüsse der neuen Straßen, unweit des Stadthauses und des Boulevard von Sebastopol auf und ist selbst mit einem Ehreneingange für den Kaiser und für hohe Würdenträger versehen. Der gewöhnliche Eingang ist am Seine-Ufer unter dem Quai de Gesvres. Man wandert eine Strecke gerade aus oder im Canal des Boulevard von Sebastopol hin, dann nimmt der Hauptgang die Richtung der Rue Rivoli, wendet sich unweit der Madelaine rechts und geht in den großen Gesammtcanal über, der, wie schon erwähnt, in die Seine ausmündet und erst im Frühjahr 1859 in Thätigkeit gesetzt worden ist.

Ein Blick auf die Karte und den Plan von Paris zeigt, daß die Seine nach Durchströmung der Stadt, wobei sie bekanntlich zwei Inselstädte, die alte Cité und die Ludwigsstadt, bildet, einen weiten Bogen um das Boulogner Gehölz beschreibt und dann bei Neuilly wieder näher an die Stadt heranrückt. Früher wurden eine Menge Unreinigkeiten innerhalb der Stadt in den Fluß abgeleitet, was um so widriger war, als sein Wasser nicht bloß zum Baden, sondern, in Ermangelung von Brunnen, auch zu den meisten häuslichen Bedürfnissen verwendet wird. Neuerdings ist dies, wenn auch nicht ganz abgestellt, doch unendlich gemindert worden, indem man durch den neuen Hauptcanal den Abfluß seitwärts, also unterhalb der großen Biegung der Seine, angelegt hat. Ja man geht schon mit dem Gedanken um, auch von der linken Stadtseite, namentlich vom Quartier Latin, den Unrath mittels eines Siphon oder Heberwerks unter der Seine durch in den großen Abflußcanal zu leiten, um so die ganze ungeheuere Stadt von den bisherigen Uebelständen zu befreien.

Wenn man bedenkt, wie viel Spülicht und Ausguß in einer Stadt wie Paris vorkommt, so kann man sich eine Vorstellung von der Ausdehnung machen, welche der Hauptcanal haben muß. In der That ist das Auszugsbett wie ein kleiner Strom anzusehen. Zu beiden Seiten sind breite mit Cement überzogene Bänke; ebenso ist das weite, über zwölf Fuß hohe Gewölbe mit Cement bekleidet. An den Seiten sind in allen Gängen aus weißen Porcellanplatten die Namen der Straßen, unter denen man sich befindet, angebracht, sodaß Jeder, der mit einer Laterne versehen ist, sich unten so gut wie oben zurecht finden kann. Zugleich dienen die mächtigen Gewölbzüge dazu, die Stadt mit frischem Wasser zu versehen. Während im Schlammbett der Mitte der Unrath davon zieht, strömt zur Seite in gewaltigen gußeisernen Röhren, durch Dampfkraft gefüllt, das reine Wasser, um überall die Springbrunnen, die Spülstöcke, die Begießhähne und sonstigen Bewässerungsvorrichtungen der Stadt zu nähren.

Am bemerkenswerthesten ist die Art, wie die Abzugsbetten, die bei der Lage von Paris keinen bedeutenden Fall haben können, vor dem Verschlammen und Verstopfen geschützt werden. In den engern Gängen hilft man durch Stauungen, durch Schieber etc. nach; für die breitern aber hat man eigenthümliche Reinigungsmaschinen erfunden, nämlich Wagen, deren Räder auf den Seitenbänken der Abzugsrinnen wie auf Eisenbahnschienen laufen und durch die Triebkraft des abfließenden Wassers in Bewegung gesetzt werden. Hinten am Wagen ist nämlich ein Stau- oder Stoßbret angebracht, welches in das überall gleich- und ebenmäßig geformte Auszugsbett hinabreicht und so von dem Strome erfaßt und fortgetrieben wird. Vorn dagegen ist die Maschinerie, welche den Schlamm aufwühlt und weiterschiebt und je nach den zu bewältigenden Massen von oben gestellt und gelenkt wird.

„Nehmen Sie gefälligst Platz,“ sagte mir der Steuermann dieses wunderlichen Fahrzeugs, nachdem wir eine Strecke zu Fuß gegangen waren, „wir wollen nun, wenn’s Ihnen beliebt, eine kleine Spazierfahrt machen.“ In der That schien der Wagen zu solchen tours de plaisir eigens eingerichtet zu sein. Außer dem Sitze des Lenkers, der rückwärts fuhr, war noch eine bequeme Bank für ein paar Mitfahrende vorhanden. Ich stieg auf, der Beamte, welcher mich geleitete, ebenfalls, und so kutschirten wir in der Galerie de Rivoli, wie dieser Hauptcanal gewöhnlich genannt wird, davon, nachdem man noch ein paar Laternen angezündet hatte, um mich Alles in reichlicher Klarheit betrachten zu lassen.

Ich muß gestehen, daß ich niemals eine eigenthümlichere Fahrt gemacht habe. Während oben die leichten Carossen und schweren Omnibusse im brennenden Lichte der Junisonne donnernd über die eisenbedeckten Luftschachte flogen, fuhren wir unten bei Laternenschein durch die kühlen Gewölbe, rings von einfallenden Wassergüssen umrauscht und von Nichts als von dem langsam ziehenden Schmutzstrome getrieben. Natürlich ging unsere Fahrt nicht immer schnell; allein je weiter wir vorrückten, desto stärker ward der Strom und desto rascher rollte unser Fuhrwerk. Mitunter, vor ungewöhnlichen Sand- und Steinmassen. stockte es auch wohl einige Secunden. Dann stauete aber das nachströmende Wasser, bis es, höher und kräftiger werdend, das Hinderniß überwältigte und den Wagen nun um so schneller vorwärts trieb.

So zogen wir gegen eine Stunde lang unter der Erde hin. Dann stiegen wir ab und betraten den großen Gesammtcanal, der unmittelbar mit der Seine in Verbindung steht. Auf diesem verrichtet ein Schiff dieselben Dienste, wie anderwärts die Wagen. Es ist flach und ziemlich geräumig und gleitet wie ein Charonsnachen, in schweigender Düsterheit, auf dem unterirdischen Schlammstrome dahin.

Die Dienstmannschaft in dieser Unterwelt besteht etwa aus anderthalbhundert Köpfen für ganz Paris.