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Textdaten
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Autor: Hermann Gauß
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Titel: Das Observatorium auf dem Mont Blanc
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 603–604
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[603]
Das Observatorium auf dem Mont Blanc.
Von Hermann Gauß.

Die Wissenschaft, von der es eine Zeit lang schien, als habe sie ihr Auge von den Bergen abgewendet, schickt sich neuerdings wieder an, zu denselben zurückzukehren. Freilich galten früher ihre Forschungen dem Boden und seiner Gestalt und den darin aufgespeicherten organischen und anorganischen Körpern, während heute das Himmelsgewölbe es ist, das von jenen Höhen aus studiert werden soll.

Doch ist es nicht etwa der Wunsch, den Gestirnen näher gerückt zu sein, welcher den Gedanken erzeugt hat auf hohen Bergen Observatorien zu gründen. Denn selbst angenommen, daß es gelänge, eines jener Riesenfernrohre, deren sich die neuere Astronomie bedient, auf den höchsten Berggipfel der Erde zu bringen, so wollten die acht Kilometer, die man damit den Sternen näher gerückt wäre, im Vergleich zu der Entfernung, die immer noch zwischen ihnen und uns läge, nichts bedeuten; selbst der Mond, der unserer Erde doch am nächsten ist, wäre damit den Beobachtern nur um zwei Hunderttausendstel näher gebracht.


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Professor Janssen.
Direktor der Sternwarte von Meudon.


Der Grund für die Errichtung von Observatorien auf hohen Bergen ist vielmehr in dem Vortheil zu suchen, welchen die größere Reinheit und Dünne der Luft den Forschungen bietet. Es bleiben dort alle jene Hindernisse aus der Atmosphäre entfernt, welche dem Beobachter in der Tiefe der Thäler und Ebenen sich entgegenstellen; nicht, daß sich der Mensch den Gestirnen selber, sondern daß er sich dem an die Atmosphäre unseres Erdballs sich anschließenden luftleeren Raume näher befindet, ist von Wichtigkeit.

Niederere Berge sind von der Wissenschaft schon seit einiger Zeit zu meteorologischen Beobachtungsstationen ausersehen worden, da von ihnen aus die Luftströmungen, unbeeinflußt von den verschiedentlichen Einwirkungen der Tiefe, sich wahrnehmen und messen lassen. Solcher meteorologischer Stationen bis zu einer Höhe von 30000 Metern über dem Meeresspiegel giebt es in Europa und Amerika bereits viele, und ihre Zahl ist jährlich im Zunehmen begriffen; aber für astronomische Forschungen im engeren Sinne sind sie nicht eingerichtet.

Bis jetzt besaß nur Amerika zwei Hochsternwarten, welche den Wünschen der Astronomen entsprachen. Es sind dies das Observatorium auf dem 1351 Meter hohen Berg Hamilton in Californien, nach seinem Stifter dem Industriellen James Lick, häufig einfach „Licksternwarte“ genannt, und das der Harward Universität in Cambridge bei Boston, errichtet bei Arequipa in Peru auf einer Höhe von etwa 3000 Metern in außerordentlich reiner Luft. Jetzt aber soll das Beispiel von Amerika auch in Europa Nachahmung finden, und zwar ist als Ort für die erste europäische Gebirgssternwarte, welche, wenn die Witterungsverhältnisse es erlauben in diesem Jahre noch eingeweiht werden soll, kein geringerer als der höchste Berg Europas, der Mont Blanc, ausersehen.

Dieses Projekt verdankt seine Entstehung den Forschungen, welche Professor Janssen, Direktor der Sternwarte von Meudon bei Paris, seit dem Jahre 1888 über die Zusammensetzung der Sonnenatmosphäre unternommen hatte. Um festzustellen, ob gewisse Erscheinungen, welche das Sonnenspektrum von der Tiefebene aus darbietet, dem Vorhandensein von Sauerstoff in der Sonnenatmosphäre zuzuschreiben seien, ober ob sie vielmehr von Sauerstoff herrühren, welcher in unserer von den Sonnenstrahlen durchkreuzten Erdatmosphäre enthalten ist, beschloß Janssen, auf erhabenen Punkten, welche eine geringere Dichtigkeit der Luft aufweisen, Beobachtungen hierüber anzustellen. Im Oktober des Jahres 1888 schaffte er seine Instrumente bis zu der Schutzhütte auf den Grands Mulets (3050 Metern), einer der Stationen auf dem Wege von Chamonix: auf den Mont Blanc. Da er schon hier bemerkte, daß die in der Ebene wahrgenommenen Hohlstreifen, welche auf das Vorhandensein von Sauerstoff in der Sonnenatmosphäre zurückgeführt wurden, sich im Spektrum bedeutend abgeschwächt hatten, so regte sich in dem Gelehrten natürlich der Wunsch, noch höher zu steigen, um zu sehen, ob mit zunehmender Höhe des Beobachtungspostens die Streifen nicht noch mehr an Stärke abnehmen würden und damit der Beweis für die Irrigkeit der bis dahin aufrecht erhaltenen Annahme sich erbringen ließe.

Aber den 84jährigen und an die Strapazen des Bergsteigens nicht gewöhnten Gelehrten hatte die Besteigung der Grands Mulets, obgleich er, wo es anging, sich einer Art Sänfte bediente, schon so sehr mitgenommen und seine körperlichen Kräfte so geschwächt, daß auch die geistige Arbeit ihm äußerst mühselig wurde. Er sah daher die Unmöglichkeit ein, noch den Gipfel des Mont Blanc, der 1800 Meter höher ist als die Grands Mulets, zu erreichen zumal da er die Sänfte längs der fürchterlich steilen Abhänge, welche im letzten Theil des Anstiegs zu überwinden sind, nicht mehr hätte benutzen können.

War aber auch bei diesem ersten Versuch seine Körperkraft erlahmt, so erlahmte deswegen seine geistige Thatkraft noch nicht. Während des darauffolgenden Winters ließ er sich nach dem Modell der Grönländer eine Art Schlitten aber ziemlich länger, bauen, der seitwärts mit einem dauerhaften Geländer versehen wurde. Vorn an demselben befand sich eine Strickleiter mit hölzernen Sprossen, an denen die Bergführer das wundersame Fahrzeug hinter sich her in die Höhe ziehen sollten.

Am 17. August 1899 begann der Aufstieg von Chamonix. Die Strecke bis zu den Grands Mulets wurde wiederum in einer Sänfte von Janssen zurückgelegt; doch war sie diesmal zwischen längeren Traghebeln und so befestigst daß sie immer in senkrechter Lage verblieb.

Von den Grands Mulets an ging es im Schlitten weiter, der, von 22 Führern und Trägern gehoben und gezogen, ausgezeichnet sich bewährte. Ging es an stellen Abhängen hin, so wurde der Schlitten von einigen Männern, welche etwas tiefer sich aufstellten und das Seitengeländer unterstützten, in wagrechter Lage erhalten; auf den schmalen Kämmen wurde sein Gleichgewicht in ähnlicher Weise erzielt; ging es an den abschüssigen Wänden hinauf, so hieben die Führer ihre Aexte in das Eis ein und befestigten daran das Seil, welches das Ende der Strickleiter bildete.

So gelangte die Karawane wohlbehalten bis zu der Schutzhütte auf den Bosses (4367 Meter). Hier mußten sie vier Tage Rast machen, da ein fürchterlicher Sturmwind über die Alpen hinbrauste, der an Stärke demjenigen nichts nachzugeben schien, den [604] Janssen im Jahre 1874 an den Küsten Chinas miterlebt hatte und der einen Theil von Hongkong zerstörte. Am selben Tage fanden in nur geringer Entfernung von der Karawane Janssens drei Touristen, der Graf von Villanova mit zwei Führern, welche den Aufstieg von der Ostseite her unternommen hatten, in den Abgründen des Mont Blanc ihr eisiges Grab.

Auf dem Gipfel des Mont Blanc (4810 Meter) den Janssen am Morgen des 22. August endlich erreichte, konnte er einige Beobachtungen machen und zunächst feststellen daß die absolute körperliche Ruhe, in welcher er während des ganzen gewiß auch für ihn nicht ungefährlichen Aufstiegs verharrt hatte, ihm die Arbeit außerordentlich erleichterte. Aber die kurze Frist, die ihm für den Aufenthalt dort oben vergönnt war, und die Gewißheit, daß bei längerem Verweilen auf dieser Höhe Fragen von der höchsten Wichtigkeit ihrer Lösung näher gebracht werden könnten, reiften in ihm vollends die Ueberzeugung, daß hier ein dauerhaftes Gebäude errichtet werden sollte, in welchem Forscher und Instrumente Unterkommen finden könnten.


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Das für den Mont Blanc bestimmte Observatorium.


Der Kostenpunkt machte keine Schwierigkeit. Nach Paris zurückgekehrt, fand er sofort bei verschiedenen reichen Gönnern der Wissenschaft offenes Gehör, so bei Prinz Roland Bonaparte, bei Bischoffsheim, dem Gründer der Sternwarte von Nizza, bei dem Ingenieur Eiffel und bei Baron Rothschild.

Im Jahre 1891 suchte man nun zunächst unter der Schneedecke des Berggipfels den harten Felsen, auf welchem die Grundlagen des Gebäudes ruhen sollten. Man grub 15 Meter unterhalb des Gipfels zwei Tunnel aus, die wagrecht gegen Südosten fortgeführt wurden, aber man fand keinen Felsen, sondern nur körnigen Schnee. Noch tiefer in die Eisdecke einzudringen, schien unnöthig; denn wenn man auch schließlich den Felsgrund gefunden hätte, so wäre derselbe doch zu tief gelegen gewesen, um ohne ganz außerordentliche Kosten das Gebäude von ihm aus durch den Schnee und das Eis hindurch bis an die Oberfläche und über dieselbe hinaus zu führen Janssen dachte deshalb daran, dasselbe einfach auf der Schneekruste selber zu erbauen, Zumal da die verschiedenen Beschreibungen des Gipfels, welche bis zur ersten Besteigung zurückreichen, erkennen ließen, daß dessen Schnee- und Eisdecke nur ganz unbedeutenden Verschiebungen unterliegt.

Um jedoch noch sicherer zu gehen und festzustellen ob der schneeige Untergrund unter dem Gewicht des zu errichtenden Gebäudes nicht weichen werde, machte Janssen während des Winters in Meudon folgenden Versuch: er schichtete Schnee so auf, daß derselbe die Dichtigkeit des aus dem Mont Blanc befindlichen bekam, und da ergab sich nun, daß der Schnee dem Druck einen ganz ungewöhnlichen Widerstand leistet. Eine Bleisäule mit 35 Centimeter Durchmesser und 880 Kilogramm Gewicht, aufrecht auf den Schnee gestellt, hinterließ auf dessen Oberfläche eine nur 7 bis 8 Millimeter tiefe Spur. Der Schnee erträgt also aus jeden Quadratmeter eine Belastung von 3740 Kilogramm, fast ohne darunter zu weichen,

Die Frage der Festigkeit des Untergrundes war damit gelöst, und es blieb nur noch übrig, die gehörige Widerstandsfähigkeit des Gebäudes gegenüber den Windstößen zu erreichen. Diese sollte dadurch angestrebt werden, daß man den Wänden eine leichte Neigung nach einwärts gab, so daß das Gebäude die Form einer stumpfen Pyramide bekam, und indem man außerdem die Basis, den Unterstock des Hauses, tief in den Schnee eingrub, so daß es schwerlich, selbst nicht von starkem Winde, aus seiner Grundlage herausgerissen werden konnte.

Nachdem so die Vorbedingungen für den Bau genügend geklärt waren, ward im Jahre 1891 ein kleines Modell konstruiert und auf die Spitze des Mont Blanc gebracht, wo es sich voriges Jahr in gutem Zustand und gewissermaßen unverrückt noch vorfand.

Unterdessen ward an dem richtigen Observatoriumsgebäude rüstig gearbeitet. Schon im vorigen Sommer war es fertig und wurde sofort nach den Grands Mulets gebracht. Von dort wird es nun vollends auf die Höhe befördert, um endgültig in dem ewigen Schnee aufgeschlagen zu werden. Unser Bild stellt das Gebäude so dar, wie es, noch ohne Verkleidung der Wände, in Meudon aufgeschlagen war, ehe es nach Chamonix gebracht wurde.

In einem Berichte an die Pariser Akademie der Wissenschaften giebt Professor Janssen davon folgende Beschreibung: „Das Gebäude besteht aus zwei Stockwerken mit einer Terrasse und einem Balkone. Es hat die Form einer stumpfen Pyramide, deren Grundfläche, die in den harten Schnee eingelassen werden soll, 10 Meter in die Länge und 5 Meter in die Breite mißt. Die Zimmer des Erdgeschosses werden durch niedere, aber breite Fenster erhellt, welche über den Schnee zu liegen kommen. Der Oberstock wird für Beobachtungszwecke dienen. Die Mitte des Gebäudes nimmt eine Wendeltreppe ein, welche über die Terrasse hinausgeht und aus eine kleine zu meteorologische Beobachtungen bestimmte Plattform führt. Das Gebäude hat doppelte Wandungen zum Schutze vor der Kälte; ebenso besitzt es besondere Vorsatzfenster, die hermetisch schließen. In dem Erdgeschoß mit gleichfalls doppelten Wänden befinden sich Fallthüren, welche es ermögliche, in die darunter liegende Schneemasse hinabzudringen und, falls eine Verschiebung der Grundpfeiler sich ergeben sollte, die nöthigen Verbesserungen auszuführen. Das Observatorium wird mit Heizapparaten und dem nöthigen Mobiliar ausgestattet werden, um es bewohnbar Zu machen. Es wird einen internationalen Charakter hoben und allen offenstehen, welche daraus für ihre Beobachtungen Nutzen ziehen wollen.“

Diese letztere Versicherung ist dieser wahrhaft glänzenden Unternehmung würdig. Es ist ein schöner Gedanke, daß es hoch über den verschiedenen Staaten Europas und allem, was sie trennst ein Hüttchen geben soll, wo ihre Söhne als reine Vertreter des ganzen Menschengeschlechts im Suchen nach der Wahrheit sich brüderlich die Hand reichen können, und daß dieses Hüttchen auf dem unbefleckten Gipfel erstehen soll, welcher mit der uns alle gleichermaßen bescheinenden Sonne den ersten Morgen- und den letzten Abendgruß tauscht!