Das Märchen von der Geiß und ihren Zicklein

Textdaten
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Autor: a) Gg. Maurer
b) F. Beyschlag
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Titel: Das Märchen von der Geiß (Ziege) und ihren Zicklein
Untertitel:
aus: Märchen aus Bayern, S. 20-22
Herausgeber: Karl Spiegel
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: a) 1898 b) 1896
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Selbstverlag des Vereins für bayrische Volkskunde und Mundartforschung
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Erscheinungsort: Würzburg
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13. Das Märchen von der Geiß (Ziege) und ihren Zicklein.
a) Die Geiß und der Bär.
(Niederbayern: Hutthurm, B.-A. Passau.)
* Die Aufschreibung in der Mundart.

Amoi is a goas gwen und dö had dro kitzl ghad und da iß hoid oft füa d’ kitzl ös lauwad ganga. amoi iß a wida fuat und had an kitzln recht aftragn. „manö hewein“, hads gsoad, „spiads enk guad zua und loßts neamt ei, und wann i kimm, afft klopf i und sag: manö hewein, mochts af, i han enk a lauwad und a dütei draf,“ und aso iß fuat. dös ding is recht; dawei(l) is da beafoan feuschta auscht gschtandn und had glust und had oiß ghead. na an hübschn zeidl klopft ea in d’ tüa. na, und wea auscht is, habmt d’ kitzl gschrian. na, had da bea gsoad und had a raungatsadö stimm antnumma: „enka muada iß; mochts af, i han enk a lauwad und a dütei draf!“ da habmt eam d’ Kitzl volla freidn aftmocht, aba da bea hads ollö droi grad af da stöi gschlickt, aft had a sö nina gload und is schloffad woan. dawei is d’ goas hoam kema und wia s n bean lign siagt und d’ kitzl hand hi, denkts eam glei, das sö ebbs gschickt had, aba is deaf eam niks ankenna lossn. „o mei goas“, had da da bea gsoad, wiar as gsegn had, „miar is goa nöd guad und d’ läus beißnt mö so vi(l), wennst ma na grad a weng suachatst!“ da had eam d’ goas läus gsuacht, und wia s a wei(l) suacht, is da bea wida schloffad woan. iatz had eam nacha d’ goas n bau afgschnin und d’ hewein hand ausa gesprunga. afft hads eam an bau voi stui anta(n) und had wida zuatnad, neta koan knopf hads nöd tmocht. wia da bea afkimmt, jammad a hoid na bössa. „o, mei goas,“ soad a, „i ka s frei nima aushoin, so we tuad mia da bau!“ „ge,“ had d’goas gsoad, „wannst as probiaratst und kuglatst dö an öttlas moi übas bahafada aba, ebba wuas bössa“. da wi(ll) sö da bea übas bahafada abakugln, aba ön wearadn kugln is eam da bau afbrocha und d’ stui hand eam ausa gfoi(ll)n und da bea is dond gwen.


Aufgeschrieben durch Herrn Gymnasiallehrer Gg. Maurer in Neustadt a. H., gestorben 1913 als Professor in Münnerstadt. Dem Verein übergeben 1898. (Urschrift.)


** Die wörtliche Übertragung ins Schriftdeutsche.

Einmal ist eine Geiß gewesen und die hat drei Kitzlein (Kitzel) gehabt und da ist sie halt oft für die Kitzlein ins Laub gegangen (ins Futterholen). Einmal ist sie auch wieder fort und hat ihren Kitzlein recht aufgetragen (gut anbefohlen): „Meine Heweln (Heppeln),“ hat sie gesagt, „sperrt euch gut zu und laßt niemand ein, und wenn ich komme, dann klopfe ich und sage: meine Heweln, macht auf, ich hab [für] euch ein Laub und ein Euter voll Milch darauf“ (darnach, hernach), und noch im Reden („aso“ = so sprechend) ist sie fort. Das Ding ist recht. Derweil ist der Bär vorm (vor dem) Fenster außen gestanden und hat gelust (gelauscht) und hat alles gehört. Nach einer hübschen Zeit klopft er in die Tür. Na (na nun), und wer außen ist! haben die Kitzlein geschrien. Na, hat der Bär gesagt und hat eine hohe krächzende Stimme [21] angenommen: „Eure Mutter ist es, macht auf, ich hab’ [für] euch ein Laub und ein Dittel darauf!“ Da haben ihm die Kitzlein voller Freuden aufgemacht, aber der Bär hat sie alle drei gerade auf der Stelle (gleich darauf) geschluckt. Dann hat er sich nieder gelegt und ist schlafend geworden. Derweil ist die Geiß heim gekommen, und wie sie den Bären liegen sieht und die Kitzlein sind hin (fort), denkt sie sich gleich, daß etwas vorgekommen ist („daß sich etwas geschickt hat“), aber sie darf sich nichts ankennen (anmerken) lassen. „O, meine Geiß,“ hat da der Bär gesagt, wie er sie gesehen hat, „mir ist gar nicht gut und die Läuse beißen mich so viel, wenn du mir nur grad ein wenig suchtest!“ Da hat ihm die Geiß Läuse gesucht, und wie sie eine Weile sucht, ist der Bär wieder schlafend geworden. Jetzt hat ihm nachher die Geiß den Bauch aufgeschnitten und die Heweln sind außer gesprungen. Dann (daraufhin, hintennach) hat sie ihm den Bauch voll Steinen eingetan und hat wieder zugenäht, nur keinen Knopf hat sie nicht gemacht [an den Faden]. Wie der Bär aufkommt (aufsteht), jammert er halt noch besser: „O, meine Geiß“, sagt er, „ich kann es frei nimmer aushalten, so weh tut mir der Bauch!“ „Geh’!“ (fränkisch: ei! gelt!) hat die Geiß gesagt, „wenn du es probierest und kugelest dich etliche mal über das Backofendach hinunter, etwa (vielleicht) wird es besser.“ Da will sich der Bär über das Backofendach hinabkugeln, aber im Kugln ist ihm der Bauch aufgebrochen und die Steine sind ihm herausgefallen und der Bär ist tot gewesen.

b) Die Geiß und der Wolf.
(Unterfranken: Schweinfurt.)

Vom Wolf und di siebn Geißli. Es war emal e alte Geiß, di hat 7 junge Geißli ghabt. Un da is se fort un hat gsagt: „Kinderli, ich geh jetz fort un bring euch grüns Gras un gelbs Gras un en dickn, dickn Milchsack; aber macht die Tür schön zu un laßt niemand rein.“

Un nach ere Weil is der Wolf komme un hat gsagt: „Kinderli, macht auf, euer Mutter is da und bringt euch grüns Gras un gelbs Gras un en dickn, dickn Milchsack!“ Aber di Geißli habn gsagt: „Nee, du bist unser Mutter nit; unser Mutter hat kei so e grobe Stimm.“

Da is der Wolf widder in n Wald getrappt un hat Honig gfressn, damit sei Stimm sanfter worden is. Un danoch is er wieder zum Haus un hat wieder gerufen: „Kinderli, macht auf, euer Mutter is da und bringt euch grüns Gras un gelbs Gras un en dickn, dickn Milchsack!“ Aber die Geißli habn gsagt: „Lang emal dei Pfoten rein!“ Und wie se se gsehn habn, habn se gesagt: „Nee, du bist unser Mutter nit; unser Mutter hat kei so schwarze Pfotn.“ Da is der Wolf zum Müller getrappt un hat sei Pfotn ins Mehl getaucht, damit se weiß worden is. Und danoch is er wieder zum Haus un hat wieder gerufn: „Kinderli, macht auf, euer Mutter is da un bringt euch grüns Gras un gelbs Gras un en dickn, dickn Milchsack!“ Un da habn di Geißli sich die Pfotn zeich laß; un doch habn se gsagt: „Ach nee, ach nee, mer machn nit auf!“ Aber s Kleine war es vorwitzige, das hat aufgemacht. Un da is auch [22] glei der Wolf rei un hats mit Haut un Haar verschlunge. Un di andre haba sich versteckelt: eins is ins Bett rei, s andere in offene Schrank, s dritte is ins Ofeloch, s vierte untern Kommod, s fünfte in n Tischkastn, s sechste, das war klein, des is neis Uhrkästle gekrochen. Un der Wolf is widder fortgetrappt. Un e Weil drauf is di Mutter komme. Di hat glei gemerkt, daß was los is, weil di Tür auf war un die Geißli nit zu sehn warn. Un da hat se geweint un hat gsagt: „Kinderli, wo seid er denn? euer Mutter is da un bringt euch grüns Gras un gelbs Gras un en dickn, dickn Milchsack.“ Un erscht habn sich die Geißli nit raus gedraut; aber endlich sin se nachenander komme: eins ausm Bett raus, s andere ausm Schrank, s dritte ausm Ofeloch, s vierte unterm Kommod vor, s fünfte ausm Tischkasten, s sechste ausm Uhrkästle. Un nacher habn ses der Mutter erzehlt un habn alle recht geweint. Da is grad der Jäger am Haus vorbei un hats ghört un hat gfragt: „Was habt ihr denn, Frau Geiß?“ Un da hat se ne ihr Leid geklagt. Un da is er in Wald gange; da hat er en Wolf scho von weitem schnarchen hörn. Da is er bei un hat sei groß Messer genomme un hat em den Bauch aufgschnittn. Da is es Geißle gsund un munter rausghüpft. Un danach is di Geiß heim un hat Nadel un Faden gholt un da habn se den Bauch widder zugflickt un Kieselstein un Strohwisch neigsteckt. Danach sin se widder fort.

Nach ere Weil is der Wolf aufgewacht un hat Duerst ghabt un wollt zum Brunne geh. Un beim Gehn sin di Stein aneinander gschlagn. Da hat er gsagt: „Was rumpelt un bumpelt in meinem Bauch, hab i doch e jungs Geißle verschluckt un jetz is mersch, als ob i lauter Kieselstein un Strohwisch drin hett.“ Un da hat er si gebückt un wollt drink un er hats Gleichgewicht verlorn, weil di Stein nach vorn gekugelt sin, un is in Brunne gfalln un ertrunken.

Un der Jäger un di alte Geiß un di siebn junge Geißli habn von fern zugsehn un habe nacher am Brunne rumgetanzt.

Un wen se no net gstorbn sin, so lebn se heut no.


Aufgeschrieben durch Herrn F. Beyschlag aus Schweinfurt, (damals) stud. philol., nun Gymn.-Rektor in Kusel, Pf.; dem Verein übergeben am 23. 9. 1896. (Urschrift.)