Das Denkmal für Hermann Kurz in Reutlingen

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Titel: Das Denkmal für Hermann Kurz in Reutlingen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 891–892
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das Hermann Kurz-Denkmal in Reutlingen.
Nach einer Photographie von P. Sinner in Tübingen.

Das Denkmal für Hermann Kurz in Reutlingen. Es ist noch nicht lange her, seit die Stadt Reutlingen den hundertjährigen Geburtstag ihres größten Sohnes, Friedrich Lists[1], festlich beging, und nun hat sie bereits einem zweiten ihrer Söhne gegenüber eine Schuld der Dankbarkeit und der öffentlichen Ehrung eingelöst, indem sie am 6. Oktober ein Denkmal für den Dichter von „Schillers Heimathjahren“, für Hermann Kurz, feierlich enthüllte. Wie verschieden diese beiden, einem Boden entwachsenen Männer und doch wie ähnlich wieder in ihren Anlagen, Geschicken und – Mißgeschicken! Dort der glühende, vielumhergetriebene, überall auf den praktischen Fortschritt drängende Agitator, hier der sinnige, in enge landschaftliche Kreise sich einschließende, am Romantischen hängende Dichter, aber hier wie dort derselbe unbeugsame, zäh am ergriffenen Ideale festhaltende Sinn trotz aller Enttäuschung, Noth, Kummer und Bitterniß, womit ein hartes Schicksal beider Leben belastet hatte. Hermann Kurz hat nicht wie List mit verzweifelter Hand selbst die ihm gesteckte Lebensfrist gekürzt, er hat ausgeharrt bis zuletzt. Aber die eigenthümliche Tragik seines Verhängnisses liegt darin, daß eben in dem Augenblicke, als seine äußeren Verhältnisse in bessere Wege geleitet waren, ein Herzschlag seinem Leben, am 10. Oktober 1873, ein Ende machen mußte.

Es ist fast merkwürdig, wie es kommt, daß Hermann Kurz – darin seinem Freunde Eduard Mörike gleich – so wenig über die Grenzen seiner engeren Heimath und auch innerhalb dieser nicht über eine verhältnißmäßig kleine Gemeinde hinausgedrungen ist. Paul Heyse, der dem Dichter in seinen letzten Lebensjahren sehr nahe stand und der die Herausgabe seiner gesammelten Werke (Stuttgart, A. Kröner, 1874) besorgt hat, beschäftigt sich in seiner biographischen Einleitung ebenfalls mit dieser auffallenden Erscheinung und meint, das „sorglose Einspinnen in das innigste Heimathsbewußtsein“ sei der Grund, weshalb ein so bedeutendes Talent wie Hermann Kurz im nördlichen Deutschland noch immer nicht durchgedrungen sei. Und doch sind seine beiden großen Romane „Schillers Heimathjahre“ (oder wie der Titel ursprünglich hieß „Heinrich Roller“) und „Der Sonnenwirth“ Meisterwerke nach Inhalt und Form, Arbeiten einer völlig ausgereiften Kraft.

„Nirgend wohl ist der schwäbische Volksgeist so lebendig bis in seine Tiefen durchdrungen worden wie in den einleitenden Kapiteln des ‚Sonnenwirths‘, die eine wahre Fundgrube für den Erforscher des Stammescharakters sind,“ sagt Heyse an derselben Stelle. Die Uebertragung von „Tristan und Isolde“, die Kurz mitten im Gewirre politischer Aufregungen zu Karlsruhe angefertigt hat, ist ein Muster von nachempfindendem Verständniß und ebenbürtiger Wiedergabe, den Schluß aber, den Kurz hinzugedichtet hat, darf man unter das Höchste rechnen, was je auf dem Gebiete der lyrisch-epischen Dichtweise geschaffen worden ist. Und welch köstliche Töne lieblicher Lust und heißen Schmerzes, kecken Humors und herben Ernstes in seinen Liedern, in seinen kleinen Erzählungen, in seinen Jugenderinnerungen! Wahrhaftig, dieser Mann hat es verdient, daß ihm ein Denkmal errichtet werde, nicht weil er dessen bedürfte, sondern weil eine vergeßliche, raschlebige Nachwelt dessen bedarf, damit sie sich von dem Denkmal aus Stein und Erz hinführen lasse zu jenem anderen Denkmal, das der Dichter sich selbst errichtet hat – in seinen Werken.

Seine Büste, die jetzt auf der sogenannten „Oberen Planie“ zu Reutlingen dem Blicke sich bietet und die der eigene Sohn, der Bildhauer Erwin Kurz, modellirt hat, zeigt den mächtigen Dichterkopf und die geistvollen Züge, die ihm im Leben eigen waren, „die Stirn und die glänzenden Augen, die ihm die Muse mit unsprödem Kusse berührt“, wie Mörike von dem Freunde singt. Der Sockel, welcher die in der Stotzschen Gießerei in Stuttgart hergestellte Bronzebüste trägt, ist von rothem Sandstein und nach einem Entwurfe des Bauinspektors Dolmetsch in Stuttgart [892] von dem Reutlinger Bildhauer Launer jr. gefertigt. Ueber lorbeerdurchflochtener Leier verkündigt eine Tafel den Namen und die Lebensjahre dessen, dem das Denkmal gilt und der einst an den Schluß seines Gedichtes „Nachlaß“ die Worte gesetzt hat:

„Doch was ich mir in mir gewesen,
Das hat kein Freund geseh’n, wird keine Seele lesen.“ =


  1. Vgl. Nr. 31 dieses Jahrgangs der „Gartenlaube“.