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Autor: Franz Wallner
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Titel: Bilderschau in meinem Zimmer
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 568-571
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[568]
Bilderschau in meinem Zimmer.
Erinnerungsblätter von Franz Wallner.

Ich pflege in meinem Arbeitszimmer mich gern mit Portraits von Personen zu umgeben, mit denen ich während meiner Laufbahn in freundschaftliche oder geschäftliche Berührung gekommen bin. Zu Zeiten, namentlich wenn es anfängt „schummrig“ (dämmerig) zu werden, treten die Originale näher an mich heran und es tauchen hundert und hunderte von Scenen, heiterer und ernster Natur, vor meines „Geistes Auge“, die ich in frohen und trüben Tagen mit jenen erlebt habe. Viele, ach, wie viele! ruhen bereits lange unter dem kühlen Rasen, andere sind verschollen und verkommen, wenige stehen noch auf dem Zenith ihres Ruhmes und sehen heiteren Muthes in’s frische Leben. Während ich dies schreibe, fällt mein Auge auf ein halbverblichenes, kleines Bildchen; die mit Bleistift geschriebene Widmung meines Kollegen Carl Krasnek ist halb verwischt, er selbst ist lange schon ein stiller Mann geworden, obwohl er seiner Zeit ein williger, toller und lustiger Bursche war. Für kleine komische Rollen unter Director Carl in Wien engagirt, wußte er jeder seiner Leistungen einen so originellen Anstrich zu geben, daß bald die Leiter der anderen Wiener Bühnen auf ihn aufmerksam wurden und ihn mit Engagementsanträgen überhäuften. Vergebens aber war alles Bitten um Entlassung aus seinen contractlichen Verpflichtungen oder um Verbesserung seiner Gage. Director Carl „bestand auf seinem Schein“ mit eiserner Consequenz. Nun begann zwischen dem kleinen Krasnek und dem gewaltigen Carl ein fortwährendes Plänklergefecht der ergötzlichsten Art. Ersterer wollte seinen Chef durch kleine Pflichtverletzungen, Zuspätkommen zur Probe und dergleichen mürbe zu machen suchen. Da kannte er aber seinen Mann schlecht; Strafe bezahlen, verhältnißmäßig schwere Strafe entrichten mußte er für jede Vernachlässigung, ohne daß sich das kleinste Glied der papiernen Kette löste, die ihn eisenfest an’s Theater an der Wien band.

Nun griff er zur Ironie, wozu ihm seine gedrückte Lage reichlichen Stoff bot, so z. B. brachte er, als die Lampe in der Garderobe, in welcher er sich anzukleiden hatte, tropfte und der fette Ueberfluß den Boden verunreinigte, eines Tages eine kleine Salatschüssel mit in die Probe und bat Carl vor allen Mitgliedern demüthig um die Erlaubniß, Abends die Schüssel unter die Lampe stellen zu dürfen, da seine kleine Gage ihm nicht gestatte, sich Oel zu seinem Salat zu kaufen. Eines Tages, als er wieder zu spät zur Probe kam, wurde der Tyrann wüthend, herrschte ihn mit derben Worten an und gab ihm die Versicherung, daß er durch derlei Manöver den Zweck der Entlassung nie erreichen werde.

„Verzeihen Sie, Herr Director,“ sprach mit seiner hohen Discantstimme in scheinbarer Unterwürfigkeit und wie in höchstem Schrecken der Komiker, „verzeihen Sie mir, Herr Director, ich mußte heute länger im Bette liegen bleiben; ich hatte die vergangene Nacht einen furchtbaren Schreck, der mir noch in allen Gliedern steckt.“

„Worüber sind Sie denn erschrocken?“

„Ach, als ich gestern um Mitternacht nach Hause ging, wurde ich am Glacis von zwei Räubern angepackt. Der eine hatte mir schon meinen einzigen Rock ausgezogen, als er mich frug, wer ich wäre. Schauspieler bin ich, bei Herrn Director Carl, antwortete ich. Da ergriff die beiden Spitzbuben tiefes Mitleid, sie gaben mir meinen Rock zurück, und der eine von ihnen schenkte mir noch einen Gulden.“

Selbst der Respect, in welchem Carl bei den Mitgliedern seiner Bühne stand, konnte den Ausbruch eines dröhnenden Gelächters nicht verhindern. Später ergab sich Krasnek, wie ich hörte, dem Trunk, ist irgendwo „gestorben und verdorben“, und die Theaterwelt hatte ein Original weniger aufzuweisen. –

Hier blickt mich Herloßsohn mit seinen treuherzigen Augen an. Diese gutmüthigen blauen Augen, die eine ganze Welt von Wohlwollen auszuströmen schienen, bargen doch in einem kleinen Winkel ein hübsches Stückchen Schelm. Einen prächtigeren Cumpan in Ernst und Scherz, als Herloßsohn, gab es nie, selbst damals nicht in Leipzig, wo an frischen und fröhlichen Gesellen gewiß kein Mangel war. Ich brauche nur Robert Heller und Heinrich Laube zu nennen. Beide jung, voll sprühender Lebenslust, im Besitz eines gar gastfreien Hausstandes, in dem sich nach und nach Alles einfand, was in Leipzig und den angrenzenden Staaten berühmt war oder – werden wollte. Herloßsohn, der Clown dieses prächtigen Cirkels, war überall zu finden, wo es ein heiteres Gespräch und ein gut Glas Rebensaft gab, und überall wohl gelitten. Ab und zu verkehrten auch Adolph Glaßbrenner, der Stammvater des Berliner Witzes, und M. G. Saphir, der Erfinder des [569] deutschen Wortspiels, und viele lustige Leute in jenem Kreise, die meisten von ihnen sind auch schon längst „stille Menschen“ geworden. In jenen Tagen aber waren wir Alle jung, gesund, mit Glücksgütern nicht überschwenglich gesegnet, desto mehr aber voll froher Hoffnungen und frischen Muthes. Von jener schönen Leipziger Zeit und dem „guten Herloßsohn“ will ich ein Stücklein erzählen, das letzterer mit seinem alter ego, Robert Heller, gar frisch in Scene gesetzt hatte.

Der Heldenspieler R., damals Mitglied einer großen Hofbühne, hatte ein sehr erfolgreiches Gastspiel an der leipziger Bühne beendet. Naturalist, mit glänzenden Mitteln, mit vieler Gutmüthigkeit, doch ohne zu großen Verstandesüberfluß, imponirte er durch die ersteren und riß sein Publicum überall hin. Zwei seiner hervorragendsten Eigenschaften waren eine fast maßlose Eitelkeit und eine bei Künstlern seltene Oekonomie. Im Hinblick auf letztere hatten daher die hervorragenden Mitglieder der Presse Grund genug, zu erstaunen, als sie von Freund R. ganz unerwartet mit einer Einladung zu „Thee und Abendbrod“ im Hôtel de Pologne, dem Stammquartier des Mimen, überrascht wurden. Die Sache hing indeß so zusammen:

Der „gute Herloßsohn“ und Robertus Heller hatten ein kleines Complötchen geschmiedet, in Folge dessen der „große Künstler“ von einem bescheidenen Verehrer seiner genialen Leistungen ein Gedicht mit der Bitte zugeschickt erhielt, dem Verfasser im Falle huldvoller Annahme ein freundliches Zeichen der Billigung im Leipziger Tageblatt zukommen zu lassen. Diese „Billigung“ ließ auch nicht lange auf sich warten und dem „jungen, talentbegabten Autor“ – einem Candidaten der Theologie, wie er sich nannte – wurde ein öffentlicher, warmer Dank gespendet von dem „Künstlerheros“ für „wohlwollende Anerkennung“ ehrlichen Strebens.

Das Gedicht lautete:

„Du Künstlerheros, dessen Stärke
Sich zeiget im dramat’schen Werke
Fern von der Nachahmungen Spur!
In Selbsterkennung schweift ein Jeder,
Die Zeitenuhr treibt Weltenräder,
Das Schicksal jede Creatur.

In wessen Busen so die Hoheit
Erblüht, den flieht Gemeinsinns Rohheit,
Weil Phantasie stets in ihm wohnt,
Gestürzte Größe, Ideale,
Der Pyramiden todte Male,
Und drei Mal der Hervorruf lohnt.

Drum winde Kranz und winde Kränze,
Die Lerche brütet nur im Lenze,
Und in der Dichtung haust der Schein,
Weil Alles in dem alten Gleise,
Die ernste und die heit’re Weise
In’s weite Dasein muß hinein!

Auch Geniusse sind verächtlich,
Der Vollgenuß nur ist beträchtlich,
Gefühl und Saite sind Metall;
Praxiteles war öfters Maler,
Aus Formen werden Idealer,
Und in dem Lichte wohnt der Schall.

Laß walten nur die Eumeniden
Dem Tadler ist kein Kranz beschieden,
Petrarca trank die Lethe nicht;
Im Soccus und Cothurn behende
Fügst stets den Anfang Du an’s Ende
Und flochtest Licht, wo Schatten blüht.

So strebe fort, Du kühner Adler!
Geadelt wird erst dann der Tadler,
Wenn der Begriff sein Unstern ist.
Der Pegasus wird auch geritten,
Die Wahrheit aber liegt inmitten,
Wo Beispiel sich und Abendröthe küßt!“

Da lag das schöne Gedicht, dem es, wie der Leser sofort herausfühlt, weder an Schwung noch Empfindung fehlte, da lag es auf dem Schreibtisch des großen Künstlers, zierlich mit einem rosa Seidenband umwunden, in eleganten runden Schriftzügen, die nur durch einen sonderbaren Zufall viel Aehnlichkeit mit der Handschrift des „guten Herloßsohn“ gezeigt haben sollen. Was nützt aber das schönste Gedicht, die wärmste Anerkennung dem strebenden Künstler auf einsamer Stube? Hinausgetragen auf den Flügeln der Presse muß der Ruhm des Mannes werden, dessen Leistungen anerkannt wurden, so weit die deutsche Zunge reicht. Darum die Einladung „zu Thee und Abendbrod“.

Wir finden die fröhliche Gesellschaft in den Räumen des Hôtel de Pologne beisammen. In der Mitte des Saales liegt auf einem halbbeleuchteten, runden Tische, geheimnißvoll umwunden, eine Rolle Papier, dem ein Lorbeerkranz „von unbekannter Hand“ beigefügt war. Der Festgeber, schwarz befrackt und weißbecravattet, empfängt seine Gäste mit ernster, feierlicher Miene. Man sieht, es drückt ihn Etwas; er ringt nach einer passenden Einleitung.

Endlich löst sich seine Befangenheit: „Meine Herren, meine lieben Freunde,“ beginnt er mit bescheidenem Tone, „ich benütze die Gelegenheit, um Sie auf ein namhaftes, in Ihrer Mitte aufblühendes Talent aufmerksam zu machen.“

Die Gesichter der Anwesenden wenden sich in gespannter Erwartung dem Redner zu, nur in den Mienen des guten Herloßsohn und Robert Heller’s spiegelt sich mühsam unterdrückte Heiterkeit ab.

Der Sprecher fährt fort: „Das Talent, von dem ich Ihnen soeben eine Probe vorzutragen im Begriff bin, ist zwar noch etwas wild und regellos – ungefähr wie das Schiller’s, als er seine Räuber schrieb – auch ist der Stoff, den er zum Gegenstand seiner Phantasie gewählt, kein würdiger, allein der Dichter selbst sagt ja: ,die Wahrheit liegt inmitten’, und so nehme ich Ihre freundliche Aufmerksamkeit in Anspruch für das Opus eines jungen Schriftstellers, welches mir vor kurzem in bescheidener Anspruchslosigkeit zugesandt worden ist.“

Nun begann der Künstler das Opus mit einem Schwung zu recitiren, der eines besseren Zieles würdig gewesen wäre. Schon bei der „Zeitenuhr, die Weltenräder treibt“ wurden die Physiognomien der Zuhörer immer länger, aber auch immer fröhlicher, „der Pyramiden todte Male“ und die „nur im Lenze brütende Lerche“ brachten beinahe einen Ausbruch der überhandnehmenden Lustigkeit zu Wege. Die Stelle: „Auch Geniusse sind verächtlich“ mußte der Vortragende unrecht verstanden haben, denn er las mit großem Ernst:

„Auch Genüsse sind verächtlich,
Der Vollgenuß nur ist beträchtlich“,

als er von Herloßsohn unterbrochen wurde: „Halt, mein Junge, Genüsse kann es nicht heißen, es muß stehen: ‚Auch Geniusse sind verächtlich.‘“

Befremdet sieht der Recitirende auf und fragt betroffen: „Woher weißt Du denn das?“

Keine Feder vermag den nicht mehr zu bannenden Ausbruch des tollsten und einstimmigsten Gelächters zu schildern, welcher dieser burlesken Scene folgte. Ein vollständig ansteckendes Gebrüll erschütterte die Wände. Betroffen sah der arme Schauspieler diesen unbezähmten Ausbruch toller Heiterkeit mit an, der sich noch steigerte, wenn überhaupt Steigerung möglich war, als er ganz naiv die Frage aufwarf: „Ihr habt Euch, wohl einen Spaß mit mir gemacht?“

Er war jedoch klug genug, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, den „theuren Abend“ nicht zu verderben und unter den lustigen Gesellen selbst einer der lustigsten zu sein.

Guter R. mögest Du noch lange ausruhen auf Deinen verdienten Lorbeeren und Deine reiche Pension in Frieden genießen! Der schmale und schaale Nachwuchs der Theaterwelt hat Deine kräftigen Leistungen noch nicht vergessen lassen, und Dein Name wird bei aller Bizarrerie, die Deinen Schöpfungen manchmal anklebte, doch ein geachteter in der Welt bleiben, welche durch die Breter repräsentirt wird. –

An einer Fensterecke hängen zwei kleine Bilder, in einem Rahmen, so wie ich dieselben einst auf dem Trödelmarkt in St. Petersburg gekauft. Ein Mann und eine Dame. Der Männerkopf trägt die weltbekannte Unterschrift: „Etatsrath von Kotzebue“; unter dem Portrait der Dame, einem kleinen aber sauber und elegant gearbeiteten Kupferstich, steht: „Madame Chevalier“. Wer war jene Madame Chevalier? Es hat mich nicht wenig Mühe gekostet, dies zu erfahren; eine Menge, zum Theil jetzt sehr selten gewordener Broschüren und Streitschriften aus jener Zeit habe ich durchflogen, um Näheres über diese Person kennen zu lernen, welche eine Zeitlang das Schicksal zahlloser Menschen in ihren feilen Händen hatte.

Madame Chevalier war die bildschöne Tochter eines Tanzmeisters in Lyon und kam als Figurantin mit ihrem Mann, einem eben so schlechten Tänzer, von Hamburg nach Rußland. Aus den vielen [570] Schriften, welcher der Frau erwähnen,[1] wird mir doch nicht ganz klar, ob ihr gewaltiger Einfluß direct ihrem Verhältniß zu Kaiser Paul entstammte, oder ob sie, als Günstlingin eines Günstlings, mit der frechen Unverschämtheit manövrirte, die ihre und ihres Mannes Laufbahn bezeichnet. Jene Broschüren aber liefern auch den Beweis, welche Unzahl erbitterter Todfeinde sich Kotzebue an allen Orten seines Wirkens zu schaffen verstand. Zu den letzteren scheint auch die Familie Chevalier gehört zu haben – ein Umstand, der vielleicht nicht ohne Einwirkung auf seine noch nicht ganz aufgeklärte unvermuthete Verbannung nach Sibirien gewesen sein mag.

Durch seine Verheirathung wurde der elende Tänzer erster Balletmeister des Kaiserlichen Hoftheaters, mit dem Titel eines Collegienassessors, und zugleich mit seiner Frau, welche sich dem Schauspiel gewidmet hatte und eine treffliche Künstlerin im naiven Fach gewesen sein soll, unumschränkter Beherrscher aller Theater in Petersburg. Allein auch außer der Bühne richtete die Courtisane durch ihre Verbindungen unglaubliches Unheil an. Kotzebue erzählt einen Fall, daß ein Italiener, der zur Schlichtung eines Processes nach Rußland gekommen, um seinen Zweck zu erreichen, das allvermögende Chevalier’sche Ehepaar, sie mit einem kostbaren Schmuck und ihn mit einer enormen Summe, bestochen habe. Da er trotzdem den Proceß verlor und über die Mittel, die er zur Gewinnung angewendet, zu laut wurde, indem er sein Eigenthum zurückforderte, erhielt er die Knute und wurde mit aufgeschlitzten Nasenlöchern in die Bergwerke von Nertschinsk geschickt.

Auf die geistlosen Ballete, welche der Herr Collegienassessor in Scene setzte, wurden ganz unglaubliche Summen verwendet, um das langweilige Zeug genießbar zu machen. Die Wohnung der Dame soll ein Wunder von Luxus gewesen sein und an Reichthum und Geschmack die Einrichtung des kaiserlichen Palastes übertroffen haben. Ihre Benefize brachten ungeheuere Summen ein, denn die hochgestelltesten Personen des Reiches drängten sich, bei dieser Gelegenheit sich der allvermögenden Person zu empfehlen. Einzelne Logen wurden mit Tausenden von Rubeln bezahlt, Madame Chevalier hatte nicht nöthig, sich an solchen Tagen um den Verkauf der Plätze zu bekümmern; man stürmte Haus und Casse, und was nur bei Hof in Ansehen stand oder zu solchem kommen wollte, beeilte sich, der einflußreichen Familie seine Ergebenheit klingend zu beweisen. Wer nicht genug gab, dem wurde die Summe ganz einfach zurückgeschickt, er durfte jedoch gewiß sein, daß ihn die boshafteste Rache für diese Unterlassungssünde bald genug ereilen würde. Unglaublich klingen die Summen, welche die wackere Familie in dieser Weise zusammenscharrte und in’s Ausland sandte.

Wie weit die Macht des Herrn Chevalier ging, möge der Umstand beweisen, daß er es wagte, dem Großfürsten Alexander, dem nachmaligen Kaiser von Rußland, den Besuch der Ballet-Proben ohne Weiteres zu verbieten. Bei allen Staatsministern ging der freche Bursche unangemeldet ein und aus, warf sich mit unverschämter Nonchalance auf das Sopha und redete die höchsten Würdenträger des Reiches mit „bon jour, mon ami“ an. Ganze Stunden ließ die gefeierte Madame das Publicum vor dem Vorhang ruhig warten, wenn es ihr noch nicht gefällig war, zu erscheinen, und war es ihr dann endlich genehm aufzutreten, so wurde sie, statt mit wohlverdientem Pfeifen, mit einem Sturm von Applaus von „dem dankbaren Publicum“ empfangen.

Die ganze Herrlichkeit erreichte freilich ein eben so unerwartetes, als unsanftes Ende. Zwei Stunden nach dem Tode des Kaiser Paul drangen zwei Officiere in das Schlafzimmer der schönen Phryne; ihr Mann war in Engagementsangelegenheiten in Paris abwesend war, zu deren Realisirung er eine enorme Snmme in Creditbriefen und Wechseln mitbekommen hatte. Die Officiere weckten die zarte Schläferin etwas unsanft aus dem Schlummer. Mit ironischer Höflichkeit wurde die Erschrockene bedeutet, sofort aufzustehen und einen Ring mit der Namens-Chiffre des Kaisers und eine kostbare Dose mit dem Bild desselben, auf einen Amor gelehnt, zurückzugeben. Im Nachtkleide stürzt die Heuchlerin, welche noch nicht wußte, daß ihr Beschützer todt sei, und sich in Ungnade glaubte, zu den Füßen der beiden Officiere und ruft mit thränenerstickter Stimme:

„Gnade, Gnade, nehmt Alles, was ich an Schmuck besitze, nur laßt mir diese theuren Andenken!“

Lachend erwiderten die Gesandten, daß sie keine anderen Schmuckgegenstände verlangten, als den Ring und die Dose. Mit eben nicht sehr zarten Spöttereien wurde noch die Wohnung untersucht nach einem Grafen Kutaissow, welchen man bei ihr versteckt glaubte und für den man einen Verhaftsbefehl bei sich trug, dann wurde die Verzweifelnde ihrem Schicksal überlassen, welches leider viel besser ausfiel, als die Elende verdient hatte. Der neue Kaiser ließ sie am anderen Morgen durch Graf Pahlen wissen, daß ihrer Abreise aus Rußland kein Hinderniß im Wege stehe und daß sie ihr ganzes Vermögen mitnehmen dürfe, an welchem tausend und tausend Flüche hingen.

Sie starb in hohem Alter, als Millionärin in Berlin, nachdem sie sich, wie Kotzebue sagt, sehr gelangweilt hatte und sehr fett geworden war.

Unter vielem bombastischen Geschwätz versteckt, geben die erwähnten Broschüren doch ein überaus lebendiges Bild der Schreckenszeit unter Kaiser Paul. Man weiß kaum, wer sich mehr vor dem Andern gefürchtet, ob der Kaiser vor dem Volke, oder das Volk vor dem gewaltigen Tyrannen. „Aus einem sumpfigen Moraste stieg,“ schreibt Kotzebue, „jener blutrothe Palast empor, den Paul bewohnte, rings von tiefen Gräben umgeben und mit Kanonenschlünden bepflanzt; jeder Zugang führte durch ein Wachthaus. In den dunklen, labyrinthischen Gängen standen, düster vom Lampenlicht beleuchtet, schwer bewaffnet, Posten an Posten. Hinter dem fest verschanzten Cabinet des Monarchen war eine kleine Küche angebracht, worin er sich seine Speisen von einer deutschen Köchin bereiten ließ, die er zu seiner Geliebten erhoben hatte. Ueber dem Bette des Kaisers hing ein Engel – kein Schutzengel.“

Soweit Kotzebue! Allein auch schon diese überaus zahme Andeutung auf die verhängnißvolle Todesart des Kaisers erregte die Wuth eines dortigen Correspondenten, der mit frecher Stirn folgende Berichtigung drucken ließ:

„Was Herr von Kotzebue mit diesen mysteriösen Worten – ‚ein Engel – kein Schutzengel‘ – sagen wollte, ist uns wirklich unverständlich und klingt in unseren Ohren seltsam. Von dem plötzlichen Tode des Monarchen weiß man nur so viel, daß die giftigen Dünste einer Alles verheerenden Feuchtigkeit schon lange seiner sonst so starken Gesundheit drohten, allein Niemand durfte es, ohne den Monarchen zu erzürnen, wagen, ihn auf die drohende Gefahr der mephitischen Dünste aufmerksam zu machen, da das Palais gewissermaßen sein Steckenpferd war. So vermehrte sich sein übler Zustand von Tag zu Tag zusehends, ein Stickhusten raubte ihm schon einige Nächte vor seinem Tode Schlaf und Ruhe! Bei Tage und in freier Luft fühlte er sich zwar leichter und er war dann bei munterer Laune, allein dies konnte doch die Gefahr nicht tilgen, die seine Gesundheit untergrub. Am 11. März, als er sich kaum zur Ruhe gelegt, fand sich der fatale Stickhusten auf’s Neue wieder ein, und ehe noch der schnell herbeigerufene Leibarzt erschien, machte ein plötzlicher Stickfluß seinem Leben ein Ende. So ruhe denn sanft, guter, biederer verkannter, wahrlich verkannter Mann! Die Schuld alles des Bösen, dessen man Dich angeklagt, tragen diejenigen, die Dich umgeben und die Dein vortrefflicher Sohn nach dem Wunsche der ganzen Nation von sich und den Stellen, die sie bekleideten, entfernte. Ruhe sanft! und einst beim Erwachen, beim Wiedersehen, reichen Alle, die Dich verkannt, Dir brüderlich zur Versöhnung die Hände, treten mit Dir vor den Richter Aller und werden laut ausrufen: ‚Herr, er ist nicht schuld, er wollte immer nur das Gute, das Gerechte! Strafe die, so seine Gewalt mißbrauchten!‘“

Klingt diese Grabrede nicht wie Ironie auf einen Mann, der in tyrannischer Willkür Tausende knuten und nach Sibirien schleppen ließ, der mit Menschenschicksal und Menschenwohl spielte, wie es ihm seine blutige Laune eingab, der z. B. einen Unglücklichen auf die Festung schleppen ließ, weil er, unbekannt mit den neuen Verordnungen über die Kleidertracht, derselben entgegen, dem Kaiser in den Weg trat? Nach vier Jahren, in denen er vollkommen im Kerker vergessen worden war, wurde der Arme entlassen und seiner Familie, welche ihn längst todt glaubte, zurückgegeben! Niemand wußte ihm auch nur zu sagen, warum er arretirt worden sei.

[571] Kotzebue selbst, später beim Kaiser in hoher Gunst stehend, legt das Geständniß ab, daß er sich „jeden Abend mit bangen Ahnungen zu Bett gelegt, zitternd auf jedes Geräusch der Straße, auf das Rollen jedes Wagens gehorcht habe, der in der Nähe seiner Wohnung gehalten habe. Zu neuen Sorgen,“ fährt er fort, „erwachte ich, wie ich diesen Tag ein Unglück vermeiden wolle; ängstlich fuhr ich durch die Straßen, um ja, wenn ich dem Kaiser begegnen sollte, zur rechten Zeit auszusteigen; mit peinlicher Sorgfalt wachte ich über jedes meiner Kleidungsstücke und über die Art, sie zu tragen; so oft meine Frau mit den Kindern spazieren fuhr und nur einige Minuten über die bestimmte Zeit ausblieb, zitterte ich, zu erfahren, daß sie nicht schnell genug ausgestiegen und deshalb, wie die Frau des Gastwirths Demuth, in’s Gefängniß geworfen worden sei. Nie konnte ich meinen Kummer in dem Busen eines Freundes ausschütten, denn alle Wände hatten Ohren, und der Bruder traute dem Bruder nicht! Der harmloseste Spaziergang gewährte keine Zerstreuung, denn täglich begegnete man Unglücklichen, die arretirt und zur Knute geführt wurden etc. etc.“

Welch ein Zustand! Welche Existenz! Und Kotzebue war feig genug, die Stellung zu ertragen, weil sie – einträglich war! Freilich brachte ihm dieselbe ungefähr zwanzigtausend Rubel jährlichen Einkommens, und damit glaubte der Herr Etatsrath seine „schreckensvollen Nächte“ und seine „qualerfüllten Tage“ wohl aufgewogen! Wie mögen die Bewohner Rußlands aufgeathmet haben bei der ersten Ukase des jungen Kaisers Alexander, die wir, durch den uns zugewiesenen Raum beschränkt, leider nur im beschränkten Auszug als ehrendes Document wahrhaft großer Gesinnung hier wiedergeben. In dieser Ukase befiehlt der Kaiser dem dirigirenden Senat, „mit aller Strenge der Gesetze und ohne Ansehen der Person alle diejenigen, welche sich des Mißbrauchs der Gewalt, der Spuren der Parteilichkeit schuldig gemacht, von ihren Posten zu entsetzen und zur Besetzung der Stellen, welche nur von seiner Bestätigung abhängen sollen, blos Candidaten vorzuschlagen, die den Staat mit würdigen Beamten besetzen.“

„Da der dirigirende Senat,“ heißt es ferner, „die ganze Wichtigkeit dieses Mißbrauches kennt und weiß, in was für einem Grade derselbe sogar den ersten Grundsätzen der Gerechtigkeit zuwiderlaufend und wie drückend er allen bürgerlichen Rechten ist, so können wir nicht unterlassen, überall im ganzen Reiche auf das Strengste zu bekräftigen, daß sich nirgend und auf keine Art weder in den höheren, noch niederen Regierungen und Gerichten jemand bei unvermeidlicher Bestrafung unterstehe, weder ein peinliches Verhör anzustellen, noch zuzulassen, noch zu vollziehen; daß alle Gerichtsbehörden, denen durch die Gesetze die Revision aller Criminalsachen vorbehalten ist, nur das persönliche Bekenntniß des Angeklagten vor dem Gerichte zur Grundlage ihres Urtheils nehmen dürfen, damit sie nicht im Laufe des Processes zu irgend einem parteiischen Verhöre hingerissen werden, und daß endlich selbst der Name ‚Folter‘, welcher der Menschheit Schande und Vorwürfe bringt, für immer aus dem Andenken des Volkes gelöscht werde.“



  1. Briefe eines Franzosen an einen Deutschen etc. Von Masson. Basel 1802. – Nöthige Erläuterungen etc. von einem Freunde der Wahrheit. Leipzig 1802. – Geheime Nachrichten über Rußland. Coblenz 1802. – Kurze und gelassene Antwort des Herrn von Kotzebue auf eine lange und heftige Schmähschrift des Herrn von Masson. – Das merkwürdigste Jahr meines Lebens, von Kotzebue etc. etc. etc.