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Wankheim
mit Bläsikelter,

Gemeinde III. Kl. mit 605 Einw., wor. 43 Israeliten mit Synagoge. – Ev. Pfarrei. 1 Stunde südöstl. von Tübingen gelegen.

Auf der Hochfläche zwischen dem Neckar- und dem Steinlachthale liegt auf sanft gegen Osten geneigtem Flachrücken der freundliche, ziemlich große Ort, welcher zu den schöneren des Oberamtsbezirks gerechnet werden darf, fast rings umgeben von Obstbaumgärten,| die zwischen den zerstreut liegenden, meist stattlichen Bauernhäusern und Scheunen, als angenehme Unterbrechung, an die reinlichen wohlgekandelten Straßen herantreten. Vom Orte aus und fast auf der ganzen Markung, namentlich auf dem Hardt und auf der Buchhalde, hat man eine herrliche Aussicht an die nahe Albkette. Das Klima ist sehr gesund, eine kräftige, stets bewegte und doch nicht rauhe Luft weht hier oben; die Nächte sind nicht so kühl als in der Tiefe, auch kommen weniger Nebel und Frühlingsfröste vor, dagegen sind Stürme häufig. Hagelschlag gehört zu den Seltenheiten.

Die Kirche steht frei im südlichen Theile des Dorfes; ihr schmuckloses Schiff ist 1780–81 erbaut und hat breite gedrückte Bogenfenster, über dem westlichen Eingange liest man 1781. Der halb achteckig geschlossene Chor dagegen zeigt schlichte spätgothische Strebepfeiler und Maßwerkfenster; an seinem südöstlichen Strebepfeiler steht das Zeichen des Baumeisters und 1497, ohne Zweifel das Jahr der Erbauung.

Innen hat das Schiff eine flache mit dem großen Saint André’schen Wappen bemalte Holzdecke; der Triumphbogen ist spitz, spätgothisch, der gleich dem Schiffe jetzt weißgetünchte, netzgewölbte Chor war einst bemalt, seine Schlußsteine zeigen den Georgenschild und den der Herren von Ehingen. Die Kirche hat viele Emporen, die Kanzel ist von Holz und in einfachem Zopfstile gehalten, der Taufstein alt, hohl, achteckig. An der Nordseite des Chores befindet sich ferner ein ziemlich altes hölzernes Krucifix, dann zwei mit langen Inschriften versehene Grabplatten aus dem vorigen Jahrhundert von Angehörigen der Familie von Saint André und ein schönes Grabmal aus der Renaissancezeit mit der Inschrift: Auf den 19 martz anno ..23 (ohne Zweifel 1623) starb das edell und tugentsam junckhfrauwlin Fronica Megentzrin von feldorff deren sell bey got in Friden ruowent. amen.; sie ist mit gefalteten Händen halb lebensgroß dargestellt und trägt ein reich ornamentirtes Gewand und zierliche Hals- und Handkrausen; auf der andern Seite hängt das gutgemalte Ölbild der Sophia Maria Frau von Hohenfeld, geborenen von Stockheim, sie starb den 21. Januar 1737.

Die neue schöne gothisch gefaßte Orgel steht auf der Empore des Chors; die nördlich an dasselbe stoßende Sakristei hat im geschweiften Bogenfeld ihres Einganges das Ehingen’sche Wappen, sie wird von einem gothischen Rippenkreuzgewölbe bedeckt, auf dessen Schlußstein ein alterthümlicher, noch bemalter Christuskopf dargestellt ist; auch hier schimmert alte Bemalung noch durch die Tünche. Der| einfache, ziemlich niedere und mit vierseitiger Haube bekrönte Thurm wächst aus dem Westgiebel der Kirche heraus. Von den beiden Glocken ist die große 1860 von Kurtz in Reutlingen, die kleine 1828 von Franz Kurtz in Reutlingen gegossen.

Die Baulast ruht auf der Gemeinde.

Der ummauerte Begräbnißplatz befindet sich an der Südostecke des Dorfes; bis 1784 wurden die Todten nach Mähringen beerdigt.

Das 1820 erbaute, freundlich gelegene Pfarrhaus, zu dem eine Scheune und ein Garten gehört, ist von der Gemeinde zu unterhalten.

Schule und Rathhaus sind in einem stattlichen, 1825 errichteten Gebäude vereinigt, das neben den Gelassen für den Gemeinderath zwei große helle Schulzimmer und die Wohnungen für zwei Schulmeister und einen Lehrgehilfen enthält.

Die Synagoge wurde im Jahre 1835 in einfachem Rundbogenstil aus Holz errichtet; an sie ist die Wohnung des Kirchendieners angebaut. Der israelitische Begräbnißplatz liegt am Saume des Waldes nordwestlich vom Ort. Die israelitischen Kinder besuchen die Ortsschule und erhalten nur den Religionsunterricht von dem israelitischen Lehrer und Vorsänger.

Ein Gemeindebackhaus, erbaut 1866, und ein Armenhaus besteht.

Trotz der drei in den letzten Jahren angelegten und zwei älterer Gemeindebrunnen und vieler Privatbrunnen entsteht leicht Wassermangel im Ort und das Wasser wird dann zumeist von einem alten massiven, 1/4 Stunde unterhalb des Orts gelegenen Feldbrunnen, dem sog. Hohlbrunnen, herbeigeschafft. Im Orte befinden sich zwei laufende und 20 Pumpbrunnen, ferner hat fast jedes Haus einen Ziehbrunnen. Das Wasser ist gesund, doch nicht sehr schmackhaft und erfrischend; auch die Markung hat sehr wenig Quellen, die bedeutendste ist der schon genannte Hohlbrunnen; dann fließt der nie vertrocknende Lumpenbach hindurch.

Eine größere und eine kleinere Wette ist im Ort angelegt.

Die Staatsstraße von Tübingen nach Reutlingen durchschneidet den nördlichen Theil der Markung; eine Vicinalstraße geht von der Staatsstraße ab und durch Wankheim nach Mähringen.

Die Einwohner sind ein großer, schöner, gesunder Menschenschlag; gegenwärtig zählen zwei Ortsangehörige über 80 Jahre; ihr Charakter ist ernst und kräftig, sie sind häuslich, sparsam und sehr betriebsam, abgeschlossen, bedächtig, schweigsam und klug; die Sonntage werden still und geordnet begangen. Glücklicher Weise wird die schöne kleidsame Volkstracht noch beibehalten.

| Haupterwerbsquellen sind Feldbau, Obstbau, Viehzucht; dann sind ziemlich viele Gewerbetreibende, namentlich Weber (für Linnen und Baumwolle) und Zimmerleute hier, die auch nach außen, namentlich nach Reutlingen, arbeiten. Das Stricken von Feinhäubchen ward 1853 hier eingeführt und gibt vielen Kindern Beschäftigung und guten Verdienst.

Drei Schildwirthschaften und zwei Kramläden bestehen. Die hier befindlichen Israeliten treiben Aktivhandel mit Vieh und versorgen ferner die ganze Umgegend mit Hopfenstangen.

Die Gemeinde gehört zu den wohlhabenderen des Bezirks; der begütertste Bürger besitzt 40, der Mittelmann 15 Morgen Feld; die ärmsten besitzen nur 1/2–11/2 Morgen Allmanden; auf Tübinger Markung haben hiesige Bürger über 30 Morgen Wiesen. Nur eine Person bedarf der Unterstützung von Seiten der Gemeinde.

Die meist für den Feldbau benützte, beinahe ebene Markung ist ziemlich ausgedehnt und hat einen fruchtbaren, leichten, jedoch etwas naßkalten Lehmboden, der in einer Tiefe von 2–3′ von Letten unterlagert wird.

Der landwirthschaftliche Betrieb steht auf einer blühenden Stufe, wozu die Betheiligung vieler Gemeindeglieder an dem landwirthschaftlichen Bezirksverein und das Beispiel einzelner größerer Güterbesitzer vieles beiträgt. Zur Besserung des Bodens kommen außer den gewöhnlichen Düngungsmitteln, Leimkuchen, Gips, Guano und Kompost in Anwendung. Der Flander- und der Suppinger Pflug sind eingeführt, auch befinden sich Repssämaschinen und Walzen im Ort. Neben den gewöhnlichen Cerealien baut man Kartoffeln, Futterkräuter, Erbsen, Ackerbohnen, Rüben, Wicken, Kraut, und von Handelsgewächsen Reps, Flachs und Hanf. Über den eigenen Bedarf können etwa 1000 Scheffel Dinkel, 400 Scheffel Gerste und viel Reps nach außen abgesetzt werden; auch Flachs und Hanf wird auf Märkten verkauft.

Der nicht ausgedehnte Wiesenbau liefert ein gutes, nahrhaftes Futter, das übrigens für den aufgestellten Viehstand weit nicht hinreicht, daher neben starkem Futterkräuterbau noch Futter von außen bezogen werden muß.

Die sehr bedeutende, immer noch im Zunehmen begriffene Obstzucht läßt in günstigen Jahren einen Verkauf von etwa 6000 Sri. Obst zu. Man pflanzt vorzugsweise Luiken, Fleiner, Reinetten, grüne Brat-, Knaus-, Wadel- und andere Birnen, auch einiges| Tafelobst, Zwetschgen, ziemlich viel Welschnüsse und nur wenig Kirschen. Eine Gemeindebaumschule und ein Gemeindebaumwart sind vorhanden.

Die Gemeinde besitzt 450 Morgen gemischte Waldungen, deren jährlicher Ertrag zu 60–70 Klaftern und 4–5000 Stück Wellen angegeben wird; hievon erhält jeder Bürger 1/41/2 Klafter und etwa 25 Stück Wellen; das übrige Holz wird verkauft, was der Gemeindekasse 2–300 fl. einträgt.

Die Brach- und Stoppelweide wird an einen Ortsbürger, der etwa 200 St. Bastardschafe auf der Markung laufen läßt, um 100 bis 150 fl. verpachtet; die gleiche Summe liefert die Pferchnutzung. Die Wolle kommt nach Reutlingen und der Abstoß der Schafe geschieht durch Zwischenhändler nach Frankreich.

Die Pferdezucht (Landschlag) wird in neuerer Zeit etwas beschränkt, da sie verhältnißmäßig zu stark war; die Stuten kommen auf die Beschälplatte nach Tübingen und die erzogenen Pferde werden theils zum Zug verwendet, theils verkauft.

Von Bedeutung und in ganz gutem Zustande ist die Rindviehzucht, die sich mit einer Kreuzung von Neckar- und Simmenthalerschlag beschäftigt und durch zwei tüchtige Farren (Neckarschlag) nachgezüchtet wird. Der Handel mit Vieh, wie auch die Mastung ist unbedeutend.

Die Schweinezucht (halbenglische Race) ist sehr beträchtlich; es werden über den eigenen starken Bedarf viele Ferkel theils verkauft, theils zum Verkauf gemästet.

Die Geflügelzucht wird in mäßiger Ausdehnung für den eigenen Bedarf und zum Verkauf getrieben.

Die Bienenzucht ist in den letzten Jahren etwas zurück gegangen.

An wohlthätigen Stiftungen sind 2801 fl. vorhanden, deren Zinse nach dem Willen der Stifter theils zur Anschaffung von Schulbüchern, Bibeln und Gesangbüchern für arme Kinder, theils zu Armenbrod verwendet werden.

Eine Römerstraße führt vom Steinlachthal herauf unter den Benennungen „Steinstraße, Römerweg“ durch den Ort und von da nach Betzingen etc.

In der Nähe des sog. Hohlbrunnens stand ein römischer Wohnplatz, von dem man schon mehreremale Grundmauern, römische Ziegel etc. ausgegraben hat; hier soll nach der Sage eine Stadt gestanden sein.

Etwa 1/4 Stunde westlich vom Ort liegt im Aspenwald ein altgermanischer Grabhügel.

Benennungen, die auf abgegangene Gebäude schließen lassen,| kommen im Ort und auf der Markung folgende vor: „Bürg, Bürgäcker, Maueräcker,“ ein Ortstheil „Käppele“ und eine große Baumwiese im Ort „Spittel.“

Zur Gemeinde gehört:

b. Bläsikelter, ein einzelnes Haus, das 1/4 Stunde westlich vom Mutterort an der Straße nach Bläsiberg steht.

W. ist ursprünglich ein gräflich tübingisches Dorf.

Hiesige Güter erwarb schon im 12. Jahrhundert das Kloster Blaubeuren, eine gräflich tübingische Stiftung. Im Jahr 1296 verkauften den Ort die Grafen Eberhard und Rudolf von Tübingen an Albrecht Bächten, Bürgermeister in Reutlingen (Schmid Pfalzgr. Urk. 57); ein Friedrich Bächt erhielt 1323 von Abt Gottfried von Blaubeuren den Blaubeurer „Hof halben zu Wangheim“ geliehen (eb. 244).

Im 14. Jahrhundert treten die Lescher von Kirchberg hier auf; zwischen Rüdiger dem Lescher und Genossen und Klaus von „Wanken uf Härdern gelegen“, war wegen des Ortszehnten ein Streit entstanden, worüber 1370 Graf Rudolf von Hohenberg und Wilhelm der Schenk von dem Stein, Ritter, eine Richtung zu Stande brachten. (Schmid Mon. Hohenb. 573).

Darauf erscheinen die Herren von Ehingen, bei deren Theilung vom 28. Febr. 1577 der Ort mit Zugehör an Georg von Ehingen gelangte. Einige Zeit darauf überkam ihn Hans Urban von Closen, Gemahl Magdalenens von Ehingen; von den von Closen kam W. 1721 an die Herren von Leutrum und durch die Töchter Ernst Friedrichs von Leutrum, Charlotte und Friederike, an ihre Gatten, die Brüder Friedrich Daniel und Alexander Magnus von St. André, zugleich mit Eck und Cresbach (1760. 1765), deren Erben bis in die neueren Zeiten Grundherren waren, während auf der Parzelle B. dem Freih. v. Hopfer genannt Schott von Schottenstein die Grundherrschaft zustund.

W. gehörte zum ritterschaftlichen Kanton Neckarschwarzwald und war weder dem württembergischen Stab noch der württembergischen Steuer unterworfen, wenn gleich Württemberg hiesige Leute hatte, wie denn Graf Eberhard im Bart sich am 2. Jan. 1466 mit Reutlingen verglich, daß er seine Leibeigene in W. und Wannweil ohne der Stadt Hinderniß schätzen dürfe.

Eine hiesige Kapelle stiftete mit Gutheißen des Abts von Bebenhausen im J. 1489 der Ritter Jörg von Ehingen.

Die Reformation wurde hier wahrscheinlich zu gleicher Zeit mit| den benachbarten württembergischen Orten eingeführt; von 1535 beginnt die Reihe der evangelischen Pfarrer. Die Patronats- und Nominationsrechte stehen den Herrn von St. André, welche Theil am Zehnten hatten, zu, die Konfirmation der Krone Württemberg.

Allhier ist geboren den 3. Nov. 1782 Christian Friedr. Klaiber, Sohn des Pfarrers, ein vielfältiger, ausgezeichneter Professor des Gymnasiums in Stuttgart, 1829 Oberkonsistorial- und Oberstudienrath, 1844 mit dem Titel und Rang eines Prälaten, † 8. Nov. 1850.


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