Beschreibung des Oberamts Tübingen/Kapitel B 28

« Kapitel B 27 Beschreibung des Oberamts Tübingen Kapitel B 29 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Walddorf,

Gemeinde II. Kl. Pfarrdorf mit Marktrecht, mit 1170 Einw., wor. 9 Kath. – Evang. Pfarrei; die Kath. sind nach Neuhausen auf den Fildern eingepfarrt. 31/4 St. nordöstlich von Tübingen gelegen.

Der schöne große Ort liegt auf der zwischen dem Neckar- und dem Schaichthale sich erhebenden Hochfläche in einer flachen, gegen Südwest ziehenden Seitenmulde des hier beginnenden Mühlbachthales. Das Klima ist mild und angenehm, Nebel, Frühlingsfröste und Hagelschlag sind selten, auch ist die Gegend wenig den Winden ausgesetzt. Fast die ganze Markung bietet herrliche Aussichten an die| Albkette vom Plettenberg bis zum Hohenstaufen; ein besonders schöner Punkt ist westlich vom Ort am Rande des Waldes. Auf den Fleckenwiesen kommen trichterförmige Einsenkungen, sog. Erdfälle, vor. Der meist gedrängt gebaute Ort ist hinter üppigen Obstbäumen versteckt und seine stattlichen zum Theil im städtischen Stil erbauten Häuser liegen ganz unregelmäßig an den reinlichen, gekandelten, oft engen Straßen.

Die große, der h. Ottilie und der h. Veronika geweihte Kirche steht am östlichen Saume des Dorfes und ist noch von einer Mauer umgeben, an deren nordwestlicher Ecke eine große spätgothische Grabplatte mit unleserlicher Inschrift eingemauert ist; die Platte zeigt einen Geistlichen mit dem Kelch in flacherhabener Arbeit. Im Jahre 1700 wurde der vieleckige Chor der im spätgothischen Stil erbauten Kirche abgebrochen und sie mit rechteckigem Abschlusse verlängert, wobei man die alten Spitzbogenfenster wieder benützte. Alle Fenster der Kirche sind noch jetzt spitzbogig und schön spätgothisch gefüllt, ausgenommen eines an der Südseite, das aus früher gothischer Zeit stammt. Der große Thurm, an den östlich die Kirche angebaut ist, stand, wie man wohl sieht, ehemals frei und ist ein alter Vertheidigungsthurm; seine Mauern sind 8′ dick und ringsum aus mächtigen Buckelsteinen aufgeführt. Das erste Geschoß des Thurmes hat ein flaches Tonnengewölbe, einige kleine, rundbogige, romanische Nischen und ganz schmale, tiefe, spitze Fensterchen; gegen Westen öffnet sich ein spätgothisches Portal mit geschweiftem Spitzbogen, in den das herzoglich württembergische Wappen hineingeschlungen ist, darüber steht 1500. Das zweite Geschoß hat ein hohes Tonnengewölbe und gegen Norden noch den alten frühspitzbogigen Eingang, zu dem man nur mittelst einer Leiter gelangte. Der dritte Stock ist von Holz und trägt ein sehr hohes, achtseitiges, weit überkragendes Zeltdach mit grünglasirten Ziegeln.

Das geräumige Innere hat eine flache Decke und zweistockige Emporen; an der Brüstung der untern sind biblische Geschichten aufgemalt; der Taufstein ist uralt, ein schlichter, runder Steinkessel. Die Orgel befindet sich auf der westlichen Empore, gegen Osten steht ein fast lebensgroßes Krucifix und an der Nordwand ein schön geschnitzter Betstuhl aus spätgothischer Zeit, dessen Rücklehne mit Wappen im Renaissancegeschmack übermalt ist. Von den drei Glocken ist die eine sehr groß, schön verziert und trägt die Jahreszahl 1625, die mittlere hat die hübsche Umschrift: „Aus dem Feuer floß ich nach Walddorf geher ich Gottlieb Jacob Rechlen gos mich in Stuttgardt Anno 1745; die dritte ist Anno 1778 gegossen.

| Die Baulast der Kirche ruht auf der Stiftungspflege.

Der schon 1735 angelegte, später erweiterte Begräbnißplatz liegt südlich vom Orte. Das vom Staate zu unterhaltende schöne Pfarrhaus ist etwa 140 Jahre alt.

Das hübsche, geräumige, dreistockige Rathhaus wurde 1844–45 in modernem Stil, mit einem Dachreiter auf dem First, erbaut. Das Schulhaus, ein Ende vorigen Jahrhunderts erbautes Bauernhaus, enthält zwei Lehrzimmer und die Wohnung des ersten Lehrers, der zweite Lehrer wohnt zur Miethe. Außer der Volksschule besteht hier eine Industrieanstalt und eine Kleinkinderschule, welch letztere von G. Werner in Reutlingen unterhalten wird.

Am Südende des Dorfes liegt das ehemalige Schloß der Herren v. Gayern, jetzt in Privathänden, bestehend aus zwei alterthümlichen Gebäuden, die durch einen Hof getrennt sind, in den ein sehr malerisches steinernes Hofthor, ein kleiner und ein großer Rundbogen, dieser mit reichem Renaissanceaufsatze, führt. Im Scheitel des großen Rundbogens steht 1607 und ein Wappenschildchen, worauf ein Kamm. Das Hauptgebäude hat einen steinernen ersten Stock mit schöner gerader gothischer Stabwerksthüre gegen den Hof heraus, darüber die Jahreszahl 1579; die der Straße zugekehrte stumpfe Ecke ragt gegen oben weit und reich profilirt vor, um den tüchtigen Holzbau des oberen Geschosses zu tragen; am Gebälke dieses Stockwerks steht 1519. Nach dem Landbuch von 1623 war in W. ein Nonnenkloster (Beginnenhaus), in welchem 1623 ein Forstknecht wohnte; es stand am nördlichen Ende des Dorfs und noch wird ein Garten daselbst der Forstgarten genannt.

Gutes Trinkwasser liefern hinreichend 3 laufende, 9 Pump- und 18 Ziehbrunnen; das Wasser der laufenden Brunnen wird in hölzernen Deucheln, bei einem eine halbe Stunde weit, hergeleitet; auch die Markung ist reich an Quellen, die vorzüglichste fließt im sog. Bullenbank südlich vom Orte.

Der durch das Dorf fließende, in der Nähe desselben entspringende Mühlbach wird zu einigen Wetten geschwellt; früher bestand ein Weiher nördlich vom Ort in den jetzigen Weiherwiesen und einer südlich in den Baindengärten. Über die Markung fließt der schon genannte Mühlbach, und in ihrem südöstlichen Theile der Anfang des Reichenbachs.

Vicinalstraßen führen von hier nach Dettenhausen, Häßlach, Altenrieth und Gniebel. Im Dorfe sind 2 steinerne Brücken und| 1 hölzerner Steg, auf der Markung 1 Brücke und 2 Stege vorhanden; ihre Unterhaltung hat die Gemeinde.

Die Einwohner, ein gesunder kräftiger Schlag, erreichen nicht selten ein hohes Alter, gegenwärtig leben 7 über 80 Jahre alte Personen im Orte; sie sind der Mehrzahl nach sehr fleißig, betriebsam, sparsam und von kirchlichem Sinne. Ihre kleidsame ländliche Tracht haben sie zum Glücke beibehalten.

Haupterwerbsquellen sind Feldbau (besonders Flachs-, Hanf- und Obstbau) und Viehzucht; auch gewährt ein Liaskalksteinbruch und eine Lehmgrube Gelegenheit zu Verdienst.

Von den Gewerben ist die Weberei am stärksten vertreten und setzt ihre Erzeugnisse auch nach außen ab; von den hiesigen Maurern und Zimmerleuten arbeiten einzelne auswärts; ferner sind 3 Korbflechter hier, von denen zwei ihre Waren hauptsächlich nach Stuttgart verkaufen. Linnenspinnerei wird theils für den eigenen Bedarf, theils auf Bestellung und zum Verkauf betrieben. Die 3 Vieh- und Krämermärkte, die hier abgehalten werden, sind von Bedeutung.

Eine Bierbrauerei, 4 Schildwirthschaften und 3 Kauf- und Kramläden bestehen.

Die Vermögensverhältnisse gehören im allgemeinen zu den guten; der begütertste Bürger besitzt 70 Morgen Feld und 3/4 Morgen Wald; der Mittelmann 16–20 Morgen Feld, die ärmere Klasse hat 2–3 Morgen, zum Theil auch gar keinen Grundbesitz.

Die große von West nach Ost in die Länge gedehnte Markung bildet, soweit sie für den Feldbau benützt wird, eine flachwellige, leicht zu bebauende Ebene. Der Boden ist mittelfruchtbar, theils schwer (thonig), theils leicht. Der Lehm herrscht vor, welcher in unbedeutender Tiefe von einem die Feuchtigkeit nicht durchlassenden Liasmergel oder Liaskalk unterlagert wird und in Folge dessen etwas naßkalt ist.

Die Landwirthschaft wird im allgemeinen gut, und von vielen rationell betrieben; verbesserte Ackergeräthe, die eiserne Egge, Walze, die Repssämaschine, haben Eingang gefunden und der Brabanter Pflug hat alle anderen verdrängt. In zweckmäßig angelegten Düngerstätten wird die Gülle sorgfältig gesammelt und überdieß zur Besserung des Bodens Gips, Kompost, Asche und Guano verwendet. Man baut vorzugsweise Dinkel, Haber und Gerste, weniger Weizen, Emer, Roggen, sehr viel Futterkräuter, Runkelrüben, Kartoffeln, Reps, Flachs und Hanf; die beiden letzteren werden in großen Mengen nach| außen abgesetzt. Von den Getreidefrüchten werden viele auf der Schranne in Reutlingen verkauft.

Der ausgedehnte Wiesenbau liefert gutes Futter; die Wiesen, von denen etwa 80 Morgen bewässert werden können, sind größtentheils zweimähdig, etwa 1/12 einmähdig.

Für die ausgedehnte Obstzucht wird sehr viel gethan und die Gemeinde hat nicht nur eine Baumschule angelegt, sondern auch einen Baumwart aufgestellt. Die vorherrschenden Sorten sind: Luiken, Fleiner, Goldparmäne, Reinetten, Palmischbirnen, Knausbirnen, deutsche Bratbirnen, Wadelbirnen und von Steinobst Zwetschgen. Das Obst geräth sehr gerne und wird theils im Ort gemostet und gebrannt, theils in großer Menge nach außen verkauft.

Die Gemeinde besitzt etwa 340 Morgen Laubwaldungen, von deren Ertrag jeder Bürger 1/4 Klafter und 6 St. Wellen erhält; etwa 40 Klafter und 2000 St. Wellen werden verkauft, was der Gemeindekasse gegen 1000 fl. jährlich einträgt.

Die vorhandenen 30 Morgen Weiden, auf denen den Sommer über etwa 400 St. Bastardschafe laufen, werden theils an Ortsbürger, theils an fremde Schäfer um 500 fl. jährlich verpachtet und die Pferchnutzung trägt der Gemeindekasse 800–1000 fl. ein. Die Wolle wird hauptsächlich nach Metzingen verkauft und der Abstoß der Schafe geschieht an Händler. Überdieß besitzt die Gemeinde noch Güterstücke, die sie um 200 fl. jährlich verpachtet.

Pferdezucht besteht nicht und auch die Pferdehaltung ist von keinem großen Belang, dagegen ist die Rindviehzucht (Simmenthaler und Landschlag) in ganz gutem Zustande und wird durch drei tüchtige Zuchtstiere, worunter ein Simmenthaler, immer noch zu verbessern gesucht. Der Handel mit Vieh ist nicht bedeutend.

Die Schweinezucht wird ausgedehnt getrieben und bildet einen besonderen Erwerbszweig, indem nicht nur viele Ferkel, sondern auch fast alle gemästete Schweine nach außen abgesetzt werden. Auch Geflügel wird viel gezogen und in Handel gebracht.

Die Bienenzucht, zu der sich die Lage des Orts nicht eignet, ist gering.

Im Ort wohnen zwei Frachtfuhrleute, von denen der eine nach Stuttgart, der andere nach Reutlingen fährt,

Der Gemeindehaushalt ist geordnet und neben dem Gemeindevermögen (s. Tabelle III) ist noch ein Stiftungsvermögen von 13.000 fl. vorhanden, darunter sind Stiftungen aus neuerer Zeit von 255 fl.| und 409 fl. 28 kr. aus früherer Zeit begriffen, von welch letzteren die Zinse zur Austheilung von Brod an Arme verwendet werden.

Von Spuren aus grauer Vorzeit sind anzuführen: ein ehemaliger Römerweg führt unter den Benennungen „Heerweg, Heerstraße, Enweg“ von Gniebel her am südlichen Ende des Orts vorüber nach Häßlach und von da auf die Römerstraße (Hochsträß), welche von Böblingen her gegen Schlaitdorf zieht (s. hier. den Abschnitt „römische Alterthümer“). Südöstlich von Walddorf kommt an dem angeführten Heerweg die Flurbenennung „zu Dietenhardt“ vor, was auf einen abgegangenen Wohnort hindeutet.

Etwa 1/4 Stunde südöstlich vom Ort soll auf der Flur „auf dem Hof“ ein Hof oder ein Schloß gestanden sein; Bruchstücke von römischen Ziegeln etc., die man hier findet, bestätigen einen abgegangenen römischen Wohnplatz.

Am sog. Nonnenhäule liegt ein altgermanischer Grabhügel.

Auf der Kappel südlich von Walddorf stand eine Kapelle.

Besonders interessant ist die Entdeckung, welche man im Jahr 1866 hier machte; bei Abhebung eines Theils des ehemaligen Kirchhofs kam man zunächst (westlich) der Kirche auf 3 Todtenbäume ausgehöhlte Eichenstämme mit menschlichen Skeletten, die leider wieder eingegraben wurden.

Der Ort gehörte den Pfalzgrafen von Tübingen, unter denen Pfalzgraf Rudolf um 1200 seine Stiftung, das Kl. Bebenhausen, mit einem hiesigen Hofe beschenkte, worüber sein Enkel, Graf Rudolf von Tübingen, der Scheerer, im Jahr 1277 Bestätigung ertheilte. (Mone Zeitschrift 3, 327.)

Mit Tübingen ist er 1342 württembergisch geworden. Die Kirche kam 1291 an das Kl. Denkendorf (s. bei Schlaitdorf) und durch die Reformation an Württemberg. Häßlach, das jetzige Filial, war früher bloß zu 2/3 hier eingepfarrt. Vor Zeiten war – mehrere Jahre über – die Tübinger Amtssuperintendenz mit der hiesigen Pfarrei verbunden.


« Kapitel B 27 Beschreibung des Oberamts Tübingen Kapitel B 29 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).