« Kapitel B 2 Beschreibung des Oberamts Backnang Kapitel B 4 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Althütte,

Gemeinde II. Kl. mit 1022 Einw., wor. 16 Kath. a. Althütte, Pfarrdorf, 526 Einw., b. Kallenberg, Weiler, 135 Einw., c. Lutzenberg, Weiler, 104 Einw., d. Nonnenmühle, Haus, 31 Einw , e. Schöllhütte, Weiler, 162 Einw., f. Voggenhof, Weiler 64 Einw. – Ev. Pfarrei; die Kath. sind nach Ebersberg eingepfarrt. Die evang. Einwohner der Parzellen b. und c. sind nach Rudersberg, O.A Welzheim, die übrigen nach Althütte eingepfarrt. 3 Stunden südlich von der Oberamtsstadt gelegen.

Schon auf der rauhen Höhe des Welzheimer Waldes liegt samt seinen Parzellen gar weit zerstreut (vereinödet, wie man es dort nennt), der kleine Ort, sich zumeist auf dem Gehügel zwischen dem Steinbach und dem Vogelsbach ausbreitend.

Wegen der hohen Lage gewähren viele Stellen der Markung weite und schöne Aussichten; der höchste Punkt in der Nähe, die sog. Haube, liegt jedoch schon auf Mannenberger Markung. Es ist ein gar einsames und eigenthümlich klein und viel gegliedertes Land hier oben, aber diese Menge von Schluchten und Thälchen mit ihren oft felsigen Gehängen, den vielen kleinen Gewässern und Wasserfällen und den malerisch zerstreut liegenden traulichen Holzhäusern, verleiht ihm eine ganz besondere Heimlichkeit.

Die hübsche, in einfach modernem Stil gehaltene Kirche ward 1857/59 vom Staat erbaut und ist auch von ihm zu unterhalten. Die vorhandenen 2 Glocken stammen aus der gleichen Zeit wie die Kirche. Der 1852 angelegte Begräbnißplatz befindet sich an der Ostseite des Ortes.

Das freundliche Pfarrhaus ward 1860/61 ebenfalls vom Staat erbaut und ist auch von ihm zu unterhalten. Das 1841 erbaute Schulhaus enthält zugleich die Wohnung des Schulmeisters; die Kinder von Althütte, Schöllhütte, von der Nonnenmühle und dem Voggenhof besuchen dasselbe, die von Kallenberg und Lutzenberg sind derzeit noch der Schule in Mannenberg zugetheilt. Im Jahre 1860 wurde ein schon im siebenzehnten Jahrhundert erbautes Privathaus angekauft und zum Rathhaus eingerichtet.

Gutes Trinkwasser ist stets hinlänglich vorhanden, wenn auch in trockenen Jahrgängen einige Brunnen versiegen. Es gibt in Althütte 3 laufende, 31 Pump-, 1 Zieh- und 12 Schöpfbrunnen, in Schöllhütte 1 laufenden, 16 Pump- und 1 Schöpfbrunnen, in Voggenhof 3 laufende und 2 Pumpbrunnen, in Lutzenberg 8 Pump- und 1 Schöpfbrunnen, in Kallenberg 1 laufenden und 6 Pumpbrunnen; im Ganzen 8 laufende, 63 Pump-, 1 Zieh- und 14 Schöpfbrunnen. Fast jedes Haus hat seinen Brunnen. Dann fließen der sog. lange Steinbach, der zuweilen schadend austritt, der Vogelsbach und verschiedene kleinere Bäche über die Markung. Auch bestehen 14 kleine Weiher; mehrere früher vorhandene wurden eingetrocknet und werden jetzt als Wiesengrund benützt. Einige kleinere Wasserleitungen in hölzernen Deucheln sind vorhanden.

| Die Vicinalstraße von Kaisersbach nach Winnenden durchschneidet die Markung der Länge nach, auf ihr befindet sich eine steinerne Brücke über den Steinbach, die von der Gesamtgemeinde zu unterhalten ist.

Haupterwerbsquellen der Einwohner sind Holzwarenfabrikation, Feldbau, Viehzucht, Obstbau und etwas Weinbau; letzterer nur in Lutzenberg. Viele Ortsangehörige müssen ihren Verdienst auswärts suchen als Taglöhner, Dienstboten, Fabrikarbeiter u. s. w. Die meisten Handwerker sind Maurer und Steinhauer, die den Sommer über auswärts arbeiten und während des Winters Holzwaren fertigen; diese werden in großer Menge gemacht und von ungefähr 60 Hausirhändlern innerhalb des Landes abgesetzt. Auch mit Viktualien und Häfnergeschirr wird viel Handel getrieben. Eine Korsettenweberei mit 4 Arbeitern ist im Entstehen begriffen.

Östlich vom Ort liegt am Steinbach die Nonnenmühle mit 2 Mahlgängen, 1 Gerbgang und 1 Sägmühle; im Ganzen bestehen 5 Sägmühlen auf der Gemeindemarkung, dann 6 Schildwirthschaften, 1 Kaufladen und 3 Kramläden.

Die Vermögensverhältnisse sind wenig günstig; fast drei Viertel der Einwohner haben nur geringes Besitzthum, das des größten Grundbesitzers (in Lutzenberg) beträgt etwas über 100 Morgen. Armenunterstützung erhalten mehrere Personen. In Folge des vielen Verkehrs nach außen sind die Einwohner gewandt im Umgang; nur 2 Personen sind über 80 Jahre alt.

Die mittelgroße, von West nach Ost in die Länge gedehnte Gemeindemarkung ist meist uneben, hügelig, von vielen Thälchen, Schluchten und Rinnen nach allen Richtungen durchzogen und hat im allgemeinen einen kaum mittelfruchtbaren Boden, der größtentheils aus den mageren Zersetzungen des grobkörnigen weißen Keupersandsteins besteht; an vereinzelnten Stellen erscheint ein schwerer Thonboden (Zersetzung des oberen Keupermergels der rothen Thonletten). Im grobkörnigen Keuper sind einige Sandsteinbrüche angelegt.

Das Klima ist im allgemeinen rauh, auch den Sommer über sind die Nächte zuweilen kühl und Frühlingsfröste schaden öfters der Obstblüthe; starke Winde und Stürme kommen häufig vor, dagegen ist Hagelschlag selten. In Folge der hohen Lage und der nahen ausgedehnten Nadelwaldungen ist die Luft rein und gesund.

Unter diesen ungünstigen natürlichen Verhältnissen ist es wohl erklärlich, daß die Landwirthschaft im Vergleich mit anderen Orten, besonders mit denen in den Thälern gelegenen, zurücksteht, und weniger Ertrag gewährt; ein Haupthinderniß bildet auch der Mangel an Streu und in Folge dessen eine ungenügende Düngung des ohnehin düngerbedürftigen Bodens.

Von Halmfrüchten, die immer nur einen mäßigen Ertrag gewähren, | wird hauptsächlich Dinkel, Roggen, Gerste und Haber gebaut, Weizen und Einkorn seltener. Von Brach- und Handelsgewächsen gedeihen gut und in Menge die Kartoffeln, dann Flachs und Hanf, wenig Reps und Mohn. Brotfrüchte müssen für den Bedarf in bedeutender Menge von auswärts (von Winnenden) zugekauft werden.

Der Wiesenbau ist nicht unbedeutend und liefert in nassen Jahrgängen einen ziemlich ansehnlichen, in trockenen einen unzureichenden Ertrag; ein Drittheil der Wiesen ist ein-, zwei Drittheile sind zweimähdig; etwa 30 Morgen können durch Brunnenquellen bewässert werden.

In Lutzenberg sind einige Weinberge, zu den größeren Höfen der Lutzenberger Bauern gehörig; die Reben, meist Ungar und Silvaner, etwa 2400 auf dem Morgen, werden den Winter über nicht bezogen. Der Wein ist gering und wird nicht verkauft.

Dagegen ist die Obstzucht beträchtlich und im Zunehmen; am besten gedeihen die späteren Kernobstsorten. Von Steinobst werden Spätkirschen und Zwetschgen gepflanzt. Das meiste Obst wird vermostet, einiges gedörrt, und nur in günstigen Jahren können bis 1000 Simri nach außen verkauft werden.

Gemeindewaldungen bestehen keine, dagegen 330 Morgen Privatwaldungen.

Nur die Winterweiden sind zulässig, bei den Schäfern beliebt und werden meist mit fremden Schafen befahren. Im Durchschnitt erträgt das Weidgeld jährlich 120 fl., die Pferchnutzung 70 fl. der Gemeinde. Ferner besitzt sie einen Morgen Baumgarten und Acker beim Rathhaus, dessen Gras- und Obstertrag versteigert wird und jährlich 40 fl. abwirft.

Die Rindviehzucht ist in gutem Zustande; es bestrebt sich jeder, den größtmöglichen Nutzen aus ihr zu ziehen, soweit dies bei der geringen Ertragsfähigkeit der Güter und dem Streumangel nur immer möglich ist. Im Vergleich mit den Thalorten bleibt vieles zu wünschen übrig. Die Limpurger und Allgäuerrace herrscht vor. Zwei Farren, einer vom Limpurger und einer vom Simmenthaler Schlag, sind aufgestellt.

Vereinzelter Viehaustrieb findet nur im Herbste statt. Der Viehhandel ist stark, die Einfuhr geschieht meist aus der Gegend von Ellwangen und aus dem Bayrischen, die Ausfuhr geht in die Umgegend.

Einzelne Privaten treiben Schafzucht; es sind meist deutsche Schafe, die im Ort (in Kallenberg) überwintert werden. Den Sommer über laufen nur etwa 10 Stück (im Voggenhof), den Winter über etwa 500 Stück auf der Markung. Die Wolle geht nach Kirchheim.

| Die Fischerei beginnt erst sich zu entwickeln, seit auf dem Gustav Werner’schen Gut 3 Fischteiche angelegt worden sind. Die Bachfischerei ist ganz unbedeutend und deßhalb auch nicht verpachtet.

An Stiftungen sind vorhanden: 1) für die Gesamtgemeinde seit 1854 die David Schuler’sche Stiftung mit 800 fl. 2) für Schöllhütte, Nonnenmühle und Voggenhof die Jakob Schwarz’sche Stiftung vom Jahre 1806 mit 400 fl., jetziger Betrag pro 1. Juli 1865 1273 fl. Diese Stiftungen werden zur Armenunterstützung verwendet, und zwar die Zinsen der ersten ganz, die der zweiten hälftig, die andere Hälfte wird zum Grundstock gelegt.

Nach der Sage soll in einem Garten neben der Nonnenmühle ein Nonnenkloster gestanden sein; bei Erdgrabungen will man daselbst Bausteine und Ziegel gefunden haben. Der äußerste (südöstliche) Theil von Althütte (12 Gebäude) führt den Namen „im Klösterle“; näheres hierüber ist nicht bekannt. Auf der Markung Lutzenberg führt ein mit Wald bewachsener Hügel den Namen „Käpelesbusch“; hier stand ohne Zweifel einst eine Kapelle. In Schöllhütte am sog. Schöllbrunnen sollen der Sage nach mit einer Schelle die Einwohner zusammengerufen worden sein, und sich gegen einbrechendes Wild ihrer Feldfrüchte erwehrt haben.

Zu der Gemeinde gehören:

b. Kallenberg, liegt hoch auf einem Ausläufer des Welzheimer Waldes, 1 Stunde westlich von Althütte an der Vicinalstraße nach Winnenden.

c. Lutzenberg, hat auf dem Ausläufer des Welzheimer Walds, auf dem auch Kallenberg liegt, eine hohe freie Lage etwa 3/4 Stunden westlich von Althütte. Unter den Einwohnern befinden sich einige wohlhabende Bauern.

d. Nonnenmühle (s. oben)

e. Schöllhütte, ein ansehnlicher Weiler, der nur 1/8 Stunde nördlich von dem Mutterort an der Vicinalstraße von Winnenden nach Kaisersbach liegt.

f. Voggenhof, liegt auf einer Anhöhe 1/8 Stunde östlich von Althütte.

Über die Geschichte von Althütte und dessen Parzellen ist Folgendes zu bemerken. Althütte verdankt seinen Namen der alten Glashütte, welche bis zum Ende des 16. Jahrhunderts in der Nähe des Schulhauses gestanden hatte; es hieß früher kurzhin Glashütte, auch – wohl zum Unterschied von Schöllhütte, dessen Namen ebenfalls auf eine derartige Anstalt hinweist – Altglashütte. Bei dieser Glashütte bauten sich einzelne Hüttenarbeiter an, Grund und Boden aber blieb wenigen größeren Hofbauern und der Herrschaft; erst seit Anfang dieses Jahrhunderts vermehrte sich der Ort bedeutend an Seelenzahl. Er war ein altforstlich reichenbergischer Ort (Landbb. | von 1624 und 1736/44). – Zu Kallenberg verkauften den 29. Dec. 1408 der Edelknecht Fritz von Nippenburg und seine Gattin Anna von Venningen ein Gütlein um 3 Pfd. Heller an das Stift Backnang (St.-A.), der Ort wurde i. J. 1439 mit der Feste Reichenberg von den Grafen Ludwig und Ulrich von Württemberg an Peter und Werner Nothaft verpfändet (Steinhofer 2, 808), bildete wohl schon früher eine Zubehör von Reichenberg und erscheint auch im Landbuch von 1624 als Bestandtheil dieses Amtes. – Lutzenberg gehörte mit den benachbarten Orten des Oberamtes Welzheim: Mannenberg, Klaffenbach u. a. in älterer Zeit zur württembergischen Vogtei Waldenstein und wurde als Theil derselben von Württemberg mehrfach verpfändet; im Jahr 1407 wurde es vom Grafen Eberhard bei Ritter Werner Nothaft und seinem Bruder Hans Nothaft ausgelöst; im Jahr 1433 kam es in Pfandbesitz des Hans von Wernau, 1434 in denjenigen des Kraft von Enslingen (Steinhofer 2, 604. 776. 779). Auch dieser Ort wurde i. J. 1439 mit der Feste Reichenberg verpfändet, indem das zwischen Wattenweiler und Kallenberg genannte Lenzberg wohl als Lutzenberg gedeutet werden muß, und gehörte in der Folge zum Amte Reichenberg. Den 1. Februar 1444 verkauften Hans Alt von Winkenthal und Genossen an das Stift Backnang um 36 Pfd. Heller ihre Hälfte des Gravenhofes allda, von welchem das Stift die andere Hälfte schon besaß (St.-A.); auch noch später erscheint das Stift im Besitze eines Lehenhofes dahier. – Den 23. Februar 1459 erwarb Graf Ulrich von Württemberg unter anderem die Rechte und Güter obigen Stiftes zu Kallenberg, dagegen behielt sich dasselbe bevor die Zehenten zu Kallenberg, Lutzenberg, Althütte und Schöllhütte (O.-A.-Beschr Welzheim 236). An allen vier Orten hatte das Stift noch nach dem Lagerbuch von 1568/69 den großen und kleinen Zehenten, von einem Hofe bezog es für den Heuzehenten ein Gewisses in Geld. – Schöllhütte und Nonnenmühle gehörten zum Amt Ebersberg (Landbb. von 1624 und 1736/44).

Die heutige politische Gemeinde Althütte wurde im Jahre 1819 begründet.

Von den Bestandtheilen der jetzigen Pfarrei Althütte: Pfarrdorf Althütte, Schöllhütte, Nonnenmühle, Voggenhof, Kallenberg, Lutzenberg, Waldenweiler und Schlichenhöfle (die 2 letzten bei der Gemeinde Sechselberg) gehörten früher die 6 erstgenannten zur Pfarrei Rudersberg, die 2 letzten zur Pfarrei Unter-Weissach. Den 29. November 1853 wurde die Pfarrei Althütte, vorerst als ständige Pfarrverweserei gegründet und im Jahre 1862 eine volle Pfarrbesoldung ausgeworfen.


« Kapitel B 2 Beschreibung des Oberamts Backnang Kapitel B 4 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).