Berliner Bilder/Die Herren von Grün

Textdaten
<<< >>>
Autor: Ernst Kossak
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Berliner Bilder/Die Herren von Grün
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 499-501
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[499]
Berliner Bilder.
Von E. Kossak.
6. Die Herren von Grün.

Nach den Beobachtungen aller aufmerksam schwitzenden Menschen haben wir in diesem Jahre einen ausnahmsweise heißen Sommer, begleitet von einer Menge ungewöhnlicher Erscheinungen, gehabt. Zu allgemeinem Erstaunen ist in unseren gemeinen nordischen Schlendrian etwas von der Ueppigkeit des Südens gekommen. Nicht allein Pflanzen, welche in den norddeutschen Districten sonst nur zur kümmerlichen Entfaltung gelangen, wie der Oleander, prunken mit den reichlichsten Blüthen und erzeugen selbst unter unserem harten Himmelsstriche den zu dieser Gattung gehörigen seltenen Schmetterling, sondern auch unter den Menschen kommen anmuthige Gewohnheiten schönerer und wärmerer Gegenden auf, und verleihen dem Leben unbekümmerter Naturen einen sorgenfreien Anstrich. Das alte Geschlecht derer „von Grün“, welches sich ohne sonderlichen Aufwand von heraldischer Kenntniß bis auf Adam im Paradiese zurückführen läßt, florirt in diesem Sommer wieder und veranlaßt uns, seine Merkmale getreulich aufzuzeichnen, da wir schwerlich wieder solchen italienischen Sommer und eine ähnliche nochmalige Blüthezeit desselben erleben werden.

Was die Lazzaroni vorstellen, weiß jedes Kind, sobald es in der Schule sein Bilderbuch lesen gelernt hat, es weiß, daß diese harmlosen Bürger einer so schönen Stadt, daß man getrost sterben kann, nachdem man sie in Augenschein genommen, einen angeborenen Abscheu vor Arbeit, reiner Wäsche und ungeflickten Kleidungsstücken haben, daß sie leidenschaftlich Maccaroni lieben und entweder im Schatten auf der Straße schlafen, oder die Tarantelle tanzen, vorausgesetzt, daß sie nicht durch ihren Beruf: die Bettelei, von beiden abgehalten werden.

Wer die „Herren von Grün“ sind, ist minder bekannt, da Berlin von den schriftstellernden Touristen weniger beachtet wird, und das genannte Geschlecht außerdem nicht mit gleicher Deutlichkeit im öffentlichen Leben zum Vorschein kommt. Es wäre durchaus unwissenschaftlich und ungenügend, wollten wir die Herren von Grün die Lazzaroni von Berlin nennen, denn sie zeichnen sich vor den Bewohnern von Neapel durch eine ungleich größere Vielseitigkeit und Mannichfaltigkeit ihrer Sitten aus. Versuchen wir demnach, sie so vollständig als möglich zu charakterisiren.

Der Verein der Herren von Grün, diese ehrwürdige Genossenschaft, wird durch diejenigen Personen gebildet, welche im Sommer, von einem tiefen Abscheu vor der Einförmigkeit der Straßen und den Mühsalen der Arbeit erfüllt, die Stadt verlassen und eine Villeggiatur beziehen, ohne eine Villa zu besitzen oder eine Sommerwohnung gemiethet zu haben. Durchdrungen von Poesie, lassen sie die Mauern und Thore, diese traurigen Schauplätze der Accise und Wache, hinter sich und umgaukeln die Residenz wie die lieblichen Genien, deren jedes Ballet, jedes Märchenbuch eine unbegrenzte Anzahl stets zur Disposition hat. Abhold jener regelmäßigen Beschäftigung, wie sie den Stolz des fleißigen, aber leider philiströsen und pedantischen Bürgers bildet, aber gestimmt für eine kaltblütige Meditation, suchen sie ihren Lebensunterhalt auf die leichteste und angenehmste Weise zu erwerben.

Die Jäger und Fischer unter ihnen bilden zuerst eine noch leidlich achtbare Classe und erhalten durch die Beschäftigung mit diesen noblen Passionen einen ritterschaftlichen Anstrich. Im Leben höher gestellt und durch Geburt ausgezeichnet, würden sie die Bewunderung ihrer Nebenmenschen erregen. Die Herren von Grün, insofern sie Jäger sind, suchen Vogelnester auf, fangen Nachtigallen weg, obgleich darauf eine empfindliche Strafe steht, und stellen den Eichhörnchen nach. Später im Herbste machen sie sich kein Gewissen daraus, den etwas verwilderten und der städtischen Häuslichkeit entfremdeten Katzen in den Obst- und Gemüsegärten vor den Thoren heimlich nachzuschleichen und sie ihrer Felle zu entkleiden. Es hat unter ihnen solche gegeben, die auf hübsche kleine Hunde, welche ohne Maulkorb und Halsband unbedachtsam vor die Landhäuser ihrer Gebieter gingen und mit gemeinen Kötern spielten, ihr Augenmerk richteten, sie unter ihre Obhut nahmen und in der Stadt an Liebhaber feiner Hündchen verkauften.

Noch unschuldiger in ihrer Denkungsart und ihrem Treiben sind die Fischer. Schon in den frühen Morgenstunden ziehen sie mit der Angelruthe und einem kleinen Eimer vor die Stadt hinaus und suchen im Schatten der Erlen und Weiden auf dem Floßholz ein behagliches Plätzchen, um ihrer Liebhaberei zu fröhnen. Es kommt ihnen minder darauf an, wenige und große, als viele und kleine Fische zu fangen. Selbst wenn ihre Mühen ohne Ertrag bleiben, fühlen sie sich durch das süße Nichtsthun und die träumerische Stimmung, in welche der Angler beim Anblick des flimmernden Wasserspiegels und der leisen Töne, die aus dem Schilf aufsteigen, versinkt, gar seltsam befriedigt. Fast scheint es, als lebten sie allein von Fischen und verdienten so den Namen von Ichthyophagen. Ihre natürlichen Feinde sind die Fischer von Fach, welche die Gewässer gepachtet haben, und auf sie als muthwillige Störer ihres Gewerbes fahnden. Die fischenden Herrn von Grün suchen sich deshalb meistens unnahbare Stellen für Böte aus, und einige Furchtsame unter ihnen ziehen es sogar vor, nur zur Nachtzeit zu fischen, um den beängstigenden Nachstellungen ihrer erbitterten Gegner [500] zu entgehen. Außer Fischen pflegen sie auch noch in der Umgegend Krebse zu fangen und den Taugenichtsen, welche aus irgend welchen Gründen nicht an den polizeilich bezeichneten Stellen baden wollen, seichte und sichre Ufer zu zeigen.

Zwischen diesen im Ganzen genommen noch harmlosen Gentlemen und den eigentlichen Herren von Grün besteht ein großer Unterschied. Wir begegnen bei den Jägern und Fischern immer noch einer gewissen schwachen Thätigkeit, wenigstens einem Kraftaufwande; der Leser muß uns jetzt seitab von der Straße der bürgerlichen Wohlanständigkeit folgen, dorthin, wo die Wirklichkeit sich den spähenden Augen der Schutzmannschaft entzieht und höchstens ein reitender Gensd’arm die freie Kunst unserer Studienobjecte beeinträchtigt.

Wir spazieren gemüthlich in einem Baumgange neben der Chaussee, der Himmel strahlt in köstlicher Bläue, die Vögel, die im August noch nicht die Stimme verloren haben, singen einstimmig, ein kühler Lufthauch flattert aus dem Parkdickicht an die sonnenhelle warme Landstraße; wir fühlen uns zu allerlei poetischen Scherzen aufgelegt. Da tritt hinter einer dicken Eiche ein Mann hervor und nähert sich uns mit dem Gebehrdenspiele eines Fechters um klingende Münze. Sein Haupt ist mit einem Filzhute bedeckt, der in seinen Mußestunden ihm als Kopfkissen dient, aber seine Füße werden weder durch Schuhe, noch durch Strümpfe behelligt. Er trägt einen Rock, der im Drange der Ereignisse die unbestimmte Farbe vielfach umhergeworfener politischer Charaktere angenommen hat. Der Rock kann roth, aber auch weiß und schwarz gewesen sein; wer wagte es dreist zu behaupten? Von einem Hemde oder anderweitigen Andeutungen von Wäsche ist keine Spur zu entdecken. Als Luxusgegenstand hält der Unbekannte nur einen jungen Baumstamm von zwei Zoll Dicke mit dem Anstande eines wilden Mannes auf alten preußischen Thalern in der Rechten. Wir erschrecken keinesweges vor diesem echten Herrn Grün. Er bittet mit etwas lallender Stimme um Brod, aber wenn wir ihm folgen wollten, würden wir sehr bald entdecken, daß er nur nach „Brod in tropfbarer Gestalt“ strebt, wie die modernen Herren Chemiker den Branntewein scherzhafter Weise nennen. Dieser ist ein echter Sprößling aus dem Hause derer von Grün. Im bürgerlichen Leben zu den wildwachsenden Pflanzen gehörig, oder doch nahe am Zaune der Gesetzgebung emporschießend, wird er von einem unwiderstehlichen Drange hinausgetrieben in den Wald, in die Fluren, an die Landstraßen. In die regelrecht zugestutzte Wirklichkeit ist er auf keine Weise zu fügen, es sei denn, man finge noch einmal mit seiner Erziehung im Arbeitshause oder einem ähnlichen Institute für die Heranbildung vernachlässigter Staatsbürger an. Frei wie der Vogel in der Luft, vorausgesetzt, daß er sich immer rechtzeitig in den Chausseegraben niederducken oder im Korn und in Gebüschen verstecken kann, wenn ein mit der Absuchung der Chausseen beauftragter Schutzmann vorüberreitet, blüht er den Sommer über zwischen den Mauern Berlins und den Dörfern, innerhalb des zweimeiligen Belagerungskreises, dieser einzigen Glorie großer Städte. Niemand hat ihn essen, viele trinken und trunken gesehen. Der Umgang mit der Natur versetzt ihn in einen Zustand der Begeisterung, dem er gern durch künstliche Mittel nachhilft. Zu den producirenden Naturen können jedoch diese Herren von Grün nicht gerechnet werden, von Papieren führen sie nur die zu ihrer Legitimation nothwendigen bei sich, und oft selbst diese nicht, da die Actenstücke ihres Lebens von den Kinderjahren an selten vollständig, häufig durch Ereignisse in Unordnung gebracht, und zuweilen sogar wegen entscheidender Thaten durch amtlich untersiegelte und im Namen des Königs ausgestellte Papiere bereichert sind, welche die rechtmäßigen Besitzer derselben nichtsdestoweniger Niemandem gern zu zeigen, sondern meistens ganz zu verheimlichen lieben. Sie besitzen dennoch ein gewisses löbliches Selbstgefühl und tragen ihre Gesuche nur im Tone einer sanften Ansprache vor. Selten kommt es vor, daß sie mit einiger Zuversicht aus dem Gebüsch treten, sich einer einzeln gehenden Dame anschließen, und nicht eher mit rhetorischen Uebungen und ausdrucksvoller Mimik aufhören, bis die Dame ihnen ihr Portemonnaie gegeben hat, oder ein Herr mit einem Rosse sich nähert. Eigentlich stellt dieser Mann mir den Flaneur unter den Herren von Grün vor.

Eine sehr anziehende Species sind die Reisenden. Wir sagen absichtlich nicht: der Reisende, da sie, wenn auch nicht in Heerden, doch immer in kleinen Trupps leben. Die Reisenden isoliren sich nicht in einer gleich poetischen Weise, sie entfernen sich niemals so weit von den Wohnungen der Menschen; sie suchen nur einsamere Partieen stiller Parkgegenden und poetische Kreuzwege in der Gegend von Orten auf, wo lediglich ein wohlhabendes Publicum verkehrt. Die Umgebung des zoologischen Gartens ist ihnen aus diesem Grunde besonders lieb und werth. Ganz in der Nähe ihres Aufenthaltes muß immer ein anmuthiger Versteck vorhanden sein, um sich nach Umständen den Augen der Polizei entziehen zu können. Auch lieben sie einen weichen Rasen, auf welchen die Sonne durch Zweige und Land ihre Schattengitter wirft. Wenn man vorübergeht oder in einem Wagen vorüberfährt, findet man gewöhnlich die Reisenden ausgestreckt, und anscheinend von Erschöpfung überwältigt, am Boden liegen. Ihre Stiefeln sind dick mit Staub bedeckt, ihre Gesichter erhitzt und von Schweißtropfen glänzend, sie haben ihre Tornister und Taschen abgelegt, und scheinen vor ihrem Einzuge in Berlin noch einer nothwendigen Ruhe zu pflegen. Nur Einer springt mühselig auf, zieht die Mütze und humpelt neben dem Wagen oder dem raschen Fußgänger her, indem er um eine kleine Gabe für die armen Reisenden bittet. Die Berliner Herzen sind nicht von Kieselstein, fast immer wird die Börse gezogen und eine reichlichere Spende gereicht, wie man sie nach der Ermahnung Vater Goethe’s gern den armen Handwerksburschen unterwegs zuzuwenden pflegt. Mit tausend Danksagungen entfernt sich der Empfänger wieder zu seinen Genossen, und der Geber zieht mit befriedigtem Herzen seines Weges weiter. Will er aber nicht um eine anmuthige Selbsttäuschung ärmer sein, so hüte er sich, jemals wieder diesen Weg zu machen. Er würde die unglücklichen Reisenden morgen, in acht Tagen, in vier Wochen mit denselben bestäubten Stiefeln, den abgelegten Tornistern und Taschen, an der Straße lagernd wiederfinden und nach derselben Melodie angesprochen werden. Wie der Leser sieht, gehören sie unter die ewigen Reisenden oder künstlichen Handwerksburschen, und ernähren sich vortrefflich bei diesem nicht zünftigen Gewerbe. Ihr Gepäck besteht nur in einigen mit Wachsleinwand umwickelten Feldsteinen, ihr Wanderbuch in einem auf diese oder jene entfernte Provinzialstadt ausgestellten Zwangspaß. Meistens werden sie aber erst mit dem Eintritt des Altweibersommers entlarvt und erwischt, weil alsdann die Promenaden und Spazierfahrten durch die einsameren Partien des Thiergartens aufhören, und sie gezwungen sind, ihr Geschäft an der großen Landstraße fortzusetzen. Selten gelingt es ihnen jedoch, länger als drei bis vier Tage ungestört zu bleiben; das anmuthige Spiel endet stets mit einer Abführung in die Winterquartiere am Molkenmarkt.

Der Auswanderer würden wir gern ausführlich erwähnen, wenn wir unserer Sache ganz gewiß wären, und diese blassen Familien mit ihren verhungerten Kindern, in elenden, mit Sackleinwand überzogenen Handwagen, nicht der Wohlthätigkeit ihrer Mitmenschen wirklich bedürftig sein könnten. Als Thatsache sei nur bemerkt, daß auch sie Wochen lang durch Berlin „auswandern“; aber wir wollen dieses arme Volk mit jeder scherzhaften Bemerkung verschonen und ihm lieber so heimlich als möglich, damit die Polizei nicht aufmerksam wird, ein blankes Stück Geld in die Hand drücken.

Wir kommen jetzt zu einer herrlichen, wahrhaft poetischen Classe der Herren von Grün. Dicht vor dem Brandenburger und Potsdamer Thore liegt der Thiergarten, ein wundervoller Park, der nur in seinen nahe an die Stadt grenzenden Theilen etwas gelichtet worden und wenig Unterholz besitzt, zum größeren Theile aber sehr dicht bewachsen ist, und kräftige Constitutionen zu einem dauernden Aufenthalt im Freien einladet. In diesen Dickichten halten sich die Berliner Indianer auf, keine echten Autochthonen, aber kühne Einwanderer. Der Thiergarten ist kein Urwald und außer Singvögeln, Maulwürfen und Eichhörnchen bietet er schwerlich Wild dar; unsere Indianer sind deshalb gezwungen, auf das edle Waidwerk zu verzichten und eine andere Lebensweise zu ergreifen. Längs des Thiergartens zieht sich eine schmale Prairie hin, in welcher sich unter dem bekannten Namen der Thiergartenstraße eine dichte Reihe von Ansiedlungen befindet. Im Sommer wird dieselbe durch Zuzügler vermehrt, und dem geistreichen Bettel oder dem eleganten Diebstahl unserer Indianer ein ziemlich weiter Spielraum eröffnet. Den Tag über streifen sie umher und geben Gastrollen, als arbeitslose Familienväter mit sechs oder sieben kleinen Würmern, apoplektische oder mit den Gliedern zitternde Patienten, und wie die üblichen Masken sonst heißen mögen; von Sonnenuntergang an werden sie jedoch Raubthiere minder gefährlicher Art. Mord und Raub nebst Brandstiftung [501] können ihnen allerdings nicht zur Last gelegt werken, allein die Entfremdung silberner Theekannen, Löffel, Uhren, Kleidungsstücke und Pretiosen, durch kunstgerechte Oeffnung von Fensterläden und Anlegung von Leitern, die sie gern aus dem bestohlenen Local selbst zu entlehnen pflegen, gehört zu ihren kleinen Liebhabereien. Was sie uns als „Herren von Grün“ besonders interessant macht, ist ihre gänzliche Obdachlosigkeit und ihre Gewohnheit, im Freien zu schlafen. Begeben wir uns also auf den Schauplatz ihrer Thaten hinaus. Am Ende des Thiergartens liegt Albrechtshof, ein allerliebster Inbegriff von vielen Sommerwohnungen. In einiger Entfernung von diesen freundlichen Landhäuschen fließt ein Graben, dessen Ufer mit sehr dichtem Gebüsch, Kartoffel- und Getreidefeldern bedeckt sind. Da die polizeilichen Recherchen sich höchstens bis an den Graben zu erstrecken pflegen, und jenseits desselben das Gebiet der Nachbarstadt Charlottenburg beginnt, betten sich die, Indianer gern in diese stillen neutralen Buchten. Abends, wenn Alles in der Umgegend schläft, machen sie sich, mit den Fledermäusen um die Wette, auf und untersuchen die Nachbarschaft.

Ein Freund, der an dem genannten Orte wohnt, wußte viel von dem nächtlichen Pfeifen und den dunklen Gestalten zu erzählen, die spät Abends, wenn die Bewohner der Sommerwohnungen das Bett suchten oder aus der Stadt nach Hause kamen, über den Weg huschten. Als ich ihn neulich um die Kaffeestunde besuchte, trat ein hochgewachsener, aber etwas zweifelhaft aussehender Herr zu uns in den Vorgarten und bat um eine milde Spende.

„Wie heißen Sie?“ fragte der Freund mit entschlossener Stimme.

„Portz,“ lautete die Antwort.

„Wo schlafen Sie?“ Diese eigenthümliche Frage schien den Fremden zu verblüffen, und ihm eine ungemein vortheilhafte Meinung über die Menschenkenntniß des Fragestellers einzuflößen. Warum wollte der Herr wissen, wo Portz schlief? was für Folgerungen konnte er daraus ziehen?

Mit einigem Zögern antwortete der Eindringling: „Nun, wo anders soll ich schlafen, als bei Mutter Grün?“

„Nun, dann werden Sie doch wissen –?“ sagte der Freund.

„Ja wohl – ja wohl!“ fügte der Indianer Portz hinzu, kratzte sich hinter den Ohren und verschwand in den Gebüschen. Man erklärte mir hierauf, daß Portz sehr gut gefühlt oder gewußt habe, wie ein am Busen der Natur Schlummernder nicht wohl Ansprüche an die Hülfe der Gesellschaft erheben könne. Wir lachten, aber nach drei Tagen war der Kleiderschrank eines Nachbarn rattenkahl ausgeräumt. Die Herren von Grün hatten sich gerächt. Nun thaten sich die Sommerbewohner zusammen, wenn es Abends in den Gebüschen rauschte und pfiff, rückten sie in einem geschlossenen Haufen aus und begannen Nachsuchungen. Niemand erwischte jedoch ein Kind der guten Mutter Grün, selbst die mitgenommenen Hunde waren mit ihnen befreundet und blafften nicht einmal, obwohl unfehlbar einige Buschklepper im nahen Busch versteckt waren. Erst nach drei Nächten erwischte der Wächter einen alten Indianer, führte ihn von dannen und legte ihn inzwischen in einen kleinen, zur Zeit nicht besetzten Schweinestall. So erheitern wir uns während der guten Jahreszeit.

Werden die Tage kürzer, vergilbt und fällt das Laub, dann machen sich auch die Beamten der hohen Obrigkeit zur Jagd auf und veranstalten abendlich große Treibjagden. Eine Reihe Constabler durchzieht vom Brandenburger Thor aus, nach dem erwähnten Graben hin, den Thiergarten und bemächtigt sich so der letzten Herren von Grün, welche noch nicht, eingedenk des unvermeidlichen Wechsels der Dinge, weislich ein heimliches Obdach im Weichbilde Berlins gesucht haben.