Textdaten
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Autor: Capitain W. Schmidt
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Titel: See-Elephanten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 501-503
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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See-Elephanten.
Mitgeheilt vom Capitain W. Schmidt.

Im Juni 1854 unternahm ich als Capitain eines großen Wallfischfängers eine Reise nach dem südlichen indischen Ocean, um die auf den daselbst liegenden Crozett-Inseln häufig anzutreffenden Seegeschöpfe, wie Robben, See-Elephanten, Seelöwen zu jagen und zu erlegen, worauf wir im indischen Ocean in der Gegend von Madagascar nach Spermaceti-Wallfischen (Cachelots) kreuzen sollten. Ich hatte Leute genug an Bord, um einige der größeren Inseln mit ihnen zu besetzen und Hütten darauf zu bauen; gleichfalls führte ich Lebensmittel genug, diese Leute auf ein Jahr damit zu versehen, da die Inseln selbst nichts hervorbringen, und auf ihnen außer einer Unzahl von Seegeschöpfen aller Art kein Nahrungsmittel existirt.

Am 2. Juli bekamen wir des Morgens eine hohe Insel durch den dicken Nebel zu sehen, welche wir bald für die westlichste der Crozett-Gruppe erkannten. Sie wird Pig-Island von den Engländern, Isle-aux-Cochons von Crozett, ihrem ersten französischen Entdecker, genannt und liegt zwischen dem 47. und 48. Grade südlicher Breite und 49. Grad östlich von Greenwich. Die ganze Gruppe besteht aus fünf Inseln, welche in einiger Entfernung von einander liegen, von denen die drei größeren Pig-, Possession- und East-Island genannt werden; die beiden anderen, die Apostel genannt, sind nur unbedeutend, obwohl hoch und unnahbar. Ihre Küsten sind noch nie von einem menschlichen Fuße betreten worden, da sie von drohenden, noch unbekannten Felsen umgeben sind, die jeden Versuch, darauf zu landen, verbieten.

Im Juli, hier mitten im Winter, waren natürlicher Weise alle Inseln hoch mit Schnee bedeckt, und des Nachts die kleinen, dem Andrange der See nicht ausgesetzten Buchten mit einer ziemlich starken Eisdecke überzogen. Indeß fand ich nie die Temperatur unter 10° Reaumur, und an den den Sonnenstrahlen ausgesetzten Stellen thauete es in den Mittagsstunden und der geschmolzene Schnee bildete zahlreiche Cascaden, welche sich in die See ergossen.

Pig Island (Isle-aux-cochons) hat seinen Namen von der großen Anzahl wilder Schweine erhalten, welche früher darauf in völliger Freiheit umherstreiften und die von den Jungen der hier nistenden unzähligen Seevögel lebten; sie sind jedoch von den zuweilen anlaufenden Robbenjägern beinahe ausgerottet worden, so daß nur noch einige Heerden von ihnen sich vorfinden, welche sehr schlau und schwer zu erlegen sind und beim Anblicke eines landenden Bootes in das Innere flüchten. Ihre Stelle wird jetzt von wilden Kaninchen eingenommen, welche vor ungefähr zwanzig Jahren von einem Robbenfänger hier zurückgelassen worden waren und die sich dergestalt vermehrt haben, daß sie die trocken gelegenen Theile der Insel in allen Richtungen unterminirt haben. Sie dienen jetzt den Leuten, welche während der milden Jahreszeit den Robbenfang betreiben, zur ausschließlichen Nahrung, und werden leicht von diesen in Schlingen gefangen. Die hier auf den Inseln zurückbleibenden Leute werden deshalb nie mit Fleisch von den Schiffen versorgt, sondern blos mit Thee, Kaffee, Mehl, Zucker u. dergl.; denn außer den Kaninchen finden sich große Massen von jungen Seevögeln vor, welche sehr gut zu essen sind, wenn man sie fängt, ehe sie noch flügge geworden sind und Fische gefressen haben. Vorzüglich zogen wir die Albatrosse allen andern Arten vor, da sie größer und zarter sind und mehr Fleisch an sich haben.

In kurzer Zeit errichteten wir auf allen Inseln an geschützten Orten Hütten von in der Form von Mauersteinen ausgeschnittenem Rasen; die Wände machten wir drei Fuß dick, damit sie dem Winde und Regen widerständen, das Dach wurde hoch gebaut und steil, damit sich nicht während des Winters zu viel Schnee darauf sammle und das Innere mit alten Segeln ausgeschlagen. Der transportable Ofen kam in die Mitte, und rings herum wurden die Betten aufgestellt, welche die Gestalt von länglichen, viereckigen Kisten mit einer kleinen, auch noch durch einen Schieber verschließbaren Oeffnung hatten, in welchen sich ein Mann mit Bequemlichkeit ausstrecken und schlafen konnte und vor der grimmigen Kälte geschützt war. So eingerichtet, bildete das Ganze ein ziemlich bewohnbares Obdach, worin die Leute im Winter behaglich trocken und warm sitzen konnten. Wir ließen zehn Mann auf jeder Insel zurück, mit einer Anzahl von Fässern, großen eisernen Kesseln, um den Thran der getödteten Thiere auszuschmelzen, und hinreichendem Proviant auf ein Jahr.

[502] Da die Zeit zur Erlegung der Thiere noch nicht gekommen war, obwohl wir Schaaren von ihnen an den Küsten umherliegen sahen, so war Zeit genug für die Leute vorhanden, sich bequem einzurichten und Alles zum Fange bereit zu machen. Flinten wurden gereinigt, Lanzen geschliffen, Keulen zugeschnitten und die Böte ausgerüstet, um Expeditionen nach entfernt liegenden Theilen der Insel zu machen und den abgezogenen Speck der getödteten Thiere nach ihrem Hauptplatze hinzuschaffen. Im Vorderteile jedes Bootes ist eine kleine, einpfündige Kanone befestigt, aus welcher bei schlechtem Wetter und heftiger Brandung eine Leine an’s Land geschossen wird, vermittelst welcher sodann die am Lande befindlichen Leuten das Boot schnell durch die mächtigen Wellen hoch auf das trockene Land ziehen. Ohne diese Vorkehrung dürfte es den Böten oft unmöglich sein zu landen, da sich hier das schönste Wetter in wenigen Stunden rasch zum heftigsten Sturm umwandelt.

Robben verschiedener Art gibt es das ganze Jahr hindurch auf diesen Inseln, während der milden Jahreszeit sind sie jedoch in

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Die See-Elephanten.

größter Anzahl vorhanden und viel fetter, als im Winter. Die kleinern Arten werden mit Keulen erschlagen , die größern mit Lanzen oder Flinten erlegt, da sie den stärksten Schlägen widerstehen.

Die größte der hier vorkommenden Species von Robben ist der sogenannte See-Elephant oder Rüssel-Seehund (Phoca proboscida), welcher oft die Länge von 23 -25 Fuß und ebenso viel im Umfange erreicht. Er gleicht an Gestalt dem gemeinen Seehunde, ist aber nicht so schlank wie dieser und ausgewachsen von bräunlich-grauer Farbe, mit schwarzen Füßen. Bis zum Alter von 2–3 Jahren ist er silbergrau und sein Haar hat einen feinen, seidenartigen Glanz, er ist dann 8–10 Fuß lang und wurde von uns in dieser Größe getödtet, damit uns sein noch feiner Speck als Brennmaterial diene. Das Thier bewegt sich nur höchst mühsam auf dem Lande fort, indem es sich auf den Füßen, welche sehr einer mit Schwimmhaut versehenen Hand gleichen, erhebt, sodann den ganzen Körper vorwärts wirft und die Füße nachzieht. Durch Wiederholung dieser Bewegung gelingt es ihm, sich langsam entlang zu ziehen. Das Hintertheil des Thieres gleicht dem des Seehundes; die Hinterfüße jedoch haben eine sonderbare Gestalt und stehen an der Stelle des Schwanzes. Im Wasser gebraucht sie das Thier nach Art der Schraube des Dampfschiffen, indem es ihnen eine kreisförmige Bewegung gibt, welche dem Körper mit Hülfe der Vorderfüße eine sehr schnelle Fahrt durch das Wasser mittheilt. Die Nase ist bei den Männchen (Bullen genannt) sehr verlängert und hängt ihnen in der Gestalt eines Rüssels zwei Fuß lang über dem Maule herunter; werden sie gestört oder angegriffen, so richten sie diesen Anhängsel steif in die Höhe und stoßen einen starken, trompetenartigen Ton aus, welcher in weiter Entfernung zu hören ist; überhaupt haben beide Geschlechter, Männchen wie Weibchen (Kühe), eine lautem brüllende Stimme, welche der des Löwen an Rauhheit und Tiefe sehr ähnlich ist. Man hört das Gebrüll der sich gegenseitig bekämpfenden Männchen bei ruhigem Wetter auf die Entfernung einer halben Meile.

Der See-Elephant, wenn er in der Nähe des Wassers an gegriffen wird, setzt sich tapfer zur Wehr und sucht seinen Gegner durch Daraufstürzen zu erdrücken, macht aber auch oft von seinen Zähnen Gebrauch. Er ist Mit solchen wohl versehen, und sie sind von solcher Härte und die Kraft der Maulmuskeln des Thieres ist so groß, daß ich oft gesehen habe, daß ein wüthender verwundeter See-Elephant einen Stein von der Größe einer Mannsfaust mit den Zähnen ergriff und zermalmte. Durch sein ungeheures Gewicht und die Schnelligkeit seines Sturzes ist er im Stande, einen ungeschickten Jäger augenblicklich zu erdrücken. Zur Tödtung, wenn der Elephant nicht zu groß ist, bedient man sich einer Lanze, bei ausgewachsenen Thieren aber, wo die Jagd schon gefährlicher wird, nimmt man seine Zuflucht zur Kugel, die durch den Kopf des mächtigen Ungethüms gejagt, augenblicklich tödtet.

Die Lanze, welche zum Erlegen dieser unförmlichen Thiere angewandt wird, trägt eine sechs Zoll lange, lanzettförmige, sehr scharfe Stahlspitze an einen, drei Fuß langen eisernen Stiele, [503] in welchem wiederum ein vier Fuß langer Griff aus hartem Holze steckt; die Spitze schneidet nach allen Richtungen und der Jäger ist leicht im Stande, die Lebensorgane des Thieres damit tödtlich zu verwunden, indem er ihm dieselbe zwischen den Vorderfüßen in die Brust stößt und schnell einige Male hin- und herbewegt. Es gehört jedoch große Gewandtheit und Geistesgegenwart dazu, sich vor dem Angriffe des 7–8 Fuß über den Kopf des Jägers emporragenden Thieres zu schützen, welches sich mit unwiderstehlicher Kraft vorwärts wirft, um seinen Feind zu erdrücken und mit seinen Zähnen zu ergreifen. Der Jäger ist genöthigt, der fallenden Masse schnell auszuweichen, indem er die Lanze mit sich zurückzieht; im Falle er jedoch vermuthet, ein Lebensorgan des Thieres getroffen zu haben, so springt er, die Lanze zurücklassend, schnell bei Seite, und das Thier stößt sich in seiner Wuth durch wiederholtes Fallen die Lanze immer tiefer in die Brust und verendet in kurzer Zeit.

In den Monaten vom November bis Januar ziehen sie sich vom Wasser zurück und suchen hohe, trockene und den Sonnenstrahlen ausgesetzte Theile der Inseln, um ihr Haar abzuwerfen und neues zu bekommen; man findet sie sodann an so hohen Orten, daß es unbegreiflich scheint, auf welche Weise das unbehülfliche Thier hinaufgelangt ist. Hinunter kommen sie sehr schnell, denn sie werfen sich von bedeutenden Erhöhungen ohne weitere Umstände senkrecht hinab und leiden davon nicht den geringsten Schaden. Sie sind zur Zeit ihres Haarwechsels sehr träge; sodaß man unter einer Heerde umhergehen kann, ohne daß diese die Flucht ergriffe oder den Störer anzugreifen drohte. Sie sind alsdann auch sehr empfindlich gegen Kälte und Regen und verkriechen sich unter dem Schutze von Felsen u. dergl. Ich habe Junge gesehen, welche, von der Wärme unserer Hütten angelockt, durch die Thür einkriechend plötzlich mitten unter uns erschienen; mit der Zeit wurden sie ganz zahm.

Während der Paarungszeit bekämpfen sich die Männchen unter einander, wobei die Weibchen die ruhigen Zuschauer spielen. Die Wuth, mit der sich die erstern angreifen, ist unbeschreiblich, und viele verenden, gänzlich in Stücke zerrissen, ihr Leben, die meisten tragen weit klaffende Wunden davon. Die aus der Schlacht siegreich hervorgehenden suchen sich jeder eine Heerde Weibchen aus und leben dann ohne weitere Streitigkeiten bei einander. Während ihrer Kämpfe ist ihnen leicht beizukommen, da sie zu dieser Zeit den sich nähernden Jägern keine Aufmerksamkeit schenken. Ein ausgewachsener See-Elephant gibt oft 80–100 Gallonen Oel von ausgezeichneter Güte, fein Fell ist jedoch von keinem erheblichen Nutzen und im Vergleich weniger stark, als das des Seehunds.