Berliner Bilder/Bürgerliche Kriegsbereitschaft

Textdaten
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Autor: Ernst Kossak
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Titel: Bürgerliche Kriegsbereitschaft
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 345-347
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Berliner Bilder.
Von E. Kossak.
4. Bürgerliche Kriegsbereitschaft.

Gegen keine Gattung der Literatur beträgt sich der Mensch rücksichtsloser, als gegen die täglich erscheinenden Zeitungen. Ihre mit Bestimmtheit zu erwartende und fast bis auf die Minute zu berechnende Wiederkehr, ihr gewöhnlicher elender Habitus an schlechtem Papier und noch schlechterem Druck, ihr gemengter Inhalt vertilgen auch den letzten Rest von Scheu selbst in sittlichen Naturen und drücken nach erfolgter Lectüre diese Blätter in die Kategorie jener Geräthschaften herab, welche gleichfalls täglich gebraucht und doch mit der äußersten Geringschätzung behandelt werden, wie Strauchbesen, Strohmatten, Scheuerlappen und andere Reinigungsinstrumente. Man soll deshalb nichts, was einigermaßen der Aufbewahrung werth scheint, weil es vielleicht als Material für den Memoirenschreiber oder Culturhistoriker der Zukunft betrachtet werden kann, in andere Zeitungen schreiben, als in solche, welche mit deutlichen Lettern und guter Schwärze auf weißes, wohlgemerkt – festes Papier gedruckt zu werden pflegen. Für die Erhaltung auch des kleinsten Aufsatzes spricht die Gewohnheit der Abonnenten, dergleichen Zeitungen am Schlusse des Jahres in einen Band zu sammeln und für die Wiederholung in späteren Mußestunden in ihrer Bibliothek aufzustellen.

So legen wir in diese aus solidem Papier bestehenden Spalten, die nicht in Gefahr schweben, aus dem Andenken der Leser so leicht verwischt zu werden, einige Züge aus dem bürgerlichen Leben der letzten Tage nieder, wie es durch den Einfluß der militairischen Bewegungen, welche ganz Europa durchzittern, verändert worden ist.

Wenn man sich auf einem westlich gelegenen Bahnhofe umsieht, so entgehen einem nicht die zahlreichen Geschütze, die Pontons, die Munitionskarren, die Lazareth- und Bagagewagen, die dichtgedrängten Mannschaften, welche nach dem Orte ihrer Bestimmung befördert werden sollen, man freut sich über das Getümmel der Soldaten und Pferde, den Glanz der Waffen, und die militairische Kriegsbereitschaft macht im Ganzen durch ihren mannhaften Charakter einen guten und belebenden Eindruck. Aber man begibt sich in die Stadt, man kommt aus der soldatischen in die civile Atmosphäre und lernt nun auch die bürgerliche Kriegsbereitschaft kennen, einen der trostlosesten Zustände, welche der Retter der Gesellschaft und der Beschwörer des rothen Gespenstes über die Menschheit heraufbeschworen hat. Ein Heuchler, der seine angeblich civilisatorischen Ideen mit Stahl und Blei einimpfen will, ist nicht klüger, als jener kleine Knabe, der eine zinnerne Schüssel mit Braten auf einen glühenden eisernen Ofen setzte. Industrie und Handel der heutigen Zeit müssen bei einem Kriege alle bestimmten Formen verlieren und sich in ein gestaltloses Chaos auflösen. Es ist möglich, daß die Gewohnheit allmählich eine Besserung der Zustände herbeiführt, daß nur der erste Schrecken die Leute den Kopf verlieren ließ, allein gegenwärtig ist Lampe der Hase ein wahrer Held gegen die Kleinmüthigen der bürgerlichen Kriegsbereitschaft in Berlin.

Gehen wir um die Blüthezeit der Promenade durch eine der besuchtesten Straßen, so fällt uns zunächst eine merkwürdige Erscheinung auf: die häufig vor ihren Thüren stehenden und mit den Nachbarn oder Vorübergehenden plaudernden Ladenbesitzer. Der Händler mit Parfümerieen und Seifen, dessen Geschäft um diese Stunde sonst stets besucht war, steht auf der obersten Stufe der Treppe und raucht an der Pforte seines duftenden Tempels eine bisher streng verpönte Cigarre und zwar einen Glimmstengel von der billigsten Sorte der Stinkadores. Er betrachtet mit einiger Melancholie den Laden seines Nachbars, der unter der Firma der „kurzen Waaren“ mit Allem handelt, was dem Format nach in eine Westen- oder Rocktasche gesteckt werden kann. Hier ist der abnehmende Verkehr noch nicht ganz ausgestorben. Zuweilen zeigt sich ein Mann, der ein neusilbernes Luntenfeuerzeug kauft, eine gute Mutter, die für ihr Kleines das friedfertige Instrument einer sogenannten Victoria-Kindertrompete ersteht, ein Dienstmädchen, welches tausend Schwefelhölzer, oder ein Lehrjunge, der eine Uhrkette für fünf Silbergroschen, den Schmuck seines nächsten freien Sonntags, erwirbt.

Der Mann der kurzen Waaren fühlt sich noch nicht vollständig blockirt, wie der Nachbar mit den neuen Sommerschirmen und französischen Umschlagetüchern, oder der Händler mit kostspieligen Galanteriewaaren. Er ist durch den häufigen Umgang mit den verschiedenartigsten Menschen ein Denker geworden und weiß, daß das äußere und innere Leben der Meisten nur auf einen Umsatz kurzer Waaren und Gedanken gegründet ist, daß der Werth derselben nicht viel ausmacht und das Geschäft deshalb ohne großen Aufwand weiter unterhalten werden kann. Einige Häuser weiter bemerken wir eine sich lebhaft unterhaltende Gruppe an dem Schaufenster eines Photographen. Sie besteht aus jungen Leuten, deren keimende Schnurrbärte auf ihre tugendhafte Absicht deuten, die Wehrkraft des Heeres zu verstärken und dem großen Regenerator der Nationalitäten zu Leibe zu gehen. Ihre sanften Mienen verkünden indessen vorläufig einen minder blutigen Vorsatz. Es gilt die Aufbewahrung ihrer martialischen Gesichtszüge durch das geheimnißvolle Phänomen der Lichtbildnerei. Die jungen Herren sind zur Reserve einberufen und wollen den jungen Damen von der Kasserolle, mit welchen sie durch die zärtlichsten Bande vereinigt sind, ein sentimentales Andenken hinterlassen, das sie begeistern soll, die künftigen fünf Dreier ihrer täglichen Ration durch Nachsendungen von einzelnen ersparten oder beim Markteinkaufe erworbenen Thalern zu vermehren. Der Photograph im Innern des Ladens bemerkt sehr wohl ihre löblichen Absichten und hängt sofort als Lockvögel mehrere vielversprechende Portraits von bärtigen klugen Herren, in stark mit Tressen beschlagenen Röcken, an die Scheiben. Unsere Reservisten können dem verführerischen Anblicke besagter Heldenbilder nicht widerstehen, sie begeben sich sämmtlich in das Atelier und ihre ausdrucksvollen Züge werden nicht allein für die geliebten Köchinnen und [336] Inhaberinnen von Sparcassenbüchern, sondem auch für den Schlachtenmaler der Zukunft fixirt und in einem zweiten, etwas mißlungenen Exemplare aufbewahrt.

Belebt hier die Andeutung eines Geschäftes die Hoffnungslosigkeit des Socialphilosophen, so muß uns der Blick, den wir durch das Schaufenster in das Innere eines zarten, aber von der ersten Secunde seines Daseins an den Keim des Todes im Busen tragenden Wechsel- und Bankiergeschäftes werfen, mit tiefem Grauen erfüllen. Als der Goldreichthum Californiens und Australiens in der Welt bekannt wurde, wollte Alles, was über seine Person frei disponiren konnte, über den Ocean schiffen und sich der Goldgräberei befleißigen; als man in dem Sande der Mark vor einigen Jahren jenen ungeheueren Reichthum an Bankactien und Agio entdeckte, wollte jeder Jüngling, welchem die Strenge des Studiums nicht munde konnte, Bankier werden. Der Insasse unseres Ladens gehört zu diesen unzeitigen Geburten eines genuß- und gewinnsüchtigen Zeitalters. Noch vor fünf Jahren ein löblicher Commis, der durch die Zinsen eines kleinen, von den Eltern ererbten Capitales sein sicheres Gehalt in einem alten Geschäfte verdoppeln konnte, machte er sich rasch selbstständig und unabhängig, ging an die Börse und hing ein Schild mit seiner Firma vor der Thür aus. Die Einrichtung des Geschäftes ist nicht ohne Eleganz, die Fächer sind mit vielen Skripturen gefüllt und oben mit Briefkasten, daran die laufenden Jahreszahlen, besetzt, allein der Anblick des Chefs kann uns nicht erfreuen. Wir bemerken einen Paß in seinen Händen und daneben ein Päckchen von Papieren, welche die anständige Haltung von Geldwerth entwickeln. Er blickt düster vor sich hin und scheint bereits an seine künftigen Unternehmungen in Nordamerika zu denken. Auf dem Zahltische bemerken wir eine Menge mit Kreide geschriebener Ziffern, die Berechnung von Ultimo, die der Ladenbesitzer in Ermangelung anderer Geschäfte zur Ausfüllung seiner Muße angestellt hat. Dicht daneben liegt ein ganz vertrockneter Schwamm, das passendste Symbol des untergehenden Bankiergeschäftes.

Das kleine Fleischwaarengeschäft im Kellergeschoß scheint von dem europäischen Kriegslärme weniger zu leiden. Die an den Fenstern hängenden, allen unverdorbenen Magen und Gemüthern imponirenden Riesenwürste, und der Duft der gekochten Zungen und Schinken stimmt die vorübergehende Menschheit versöhnlich. Nicht Gedanken an Zerstörung, sondern an Erhaltung werden in allen Geistern wach, wenn sie sich entschließen, ein wenig zu verziehen, und der dicke, von Weißbier und kleinen Kümmeln erglühende Wirth sieht entschieden wie ein respektabler Mann aus, der auf einer höheren Warte, als auf den Zinnen der politischen, Partei, steht. Die gemeinen Zwistigkeiten der Cabinete, der Ehrgeiz der Könige, die Ruhmsucht der Soldaten kümmern diesen Edlen nicht; er verkauft Wurst an Feind und Freund, noch ist ihre Ausfuhr nicht verboten, und selbst die tönende Proklamation des Kaisers ist ihm nur Wurst. Durch die offenbleibende Thür entdecken wir, daß sich nicht allein der zum Ausrücken befehligte Soldat, sondern auch der zum Bleiben und Aushalten bestimmte Kleinbürger an den feilgebotenen geräucherten Lebensmitteln stärken und einen mündlichen Senf dazu geben, dessen löbliche Schärfe uns wünschen läßt, der französische Gesandte möchte sich nicht in unmittelbarer Nähe der antinapoleonistischen Keller- und Wurstpolitiker befinden, um nicht durch den nach Paris gesandten Bericht über norddeutsche Stimmung ein kleines Cayennegelüste in dem großen Manne zu erwecken.

Im Tabaksladen nebenbei wird unentgeltlich aus der großen, auf den Tisch genagelten Dose geschnupft und die Volkszeitung vorgelesen. Als ein Herr den Laden betritt und ein halbes Dutzend Cigarren für sieben Silbergroschen und sechs Pfennige fordert, entsteht eine Bewegung des Staunens über diesen frechen Luxus. Die auf durchgesessenen Rohrstühlen sitzende Gruppe, bestehend aus einem Colporteur, einem Barbiergehülfen, einem Droschkenkutscher und dem Tabaksbändiger selber, betrachtet den Herrn als einen Empörer gegen die augenblicklich in Berlin herrschende sittliche Ordnung, als einen die heiligsten Gefühle einer kriegerischen aber sparsamen Nation verhöhnenden Buben. Als er das geforderte, für kostbar gehaltene Kraut empfangen hat, stellt der Barbiergehülfe einige mit vielem Beifall aufgenommene Betrachtungen über die um sich greifende Verderbniß der Welt an, nebst Glossen über die unnatürliche Vorliebe für theuere und feine Cigarren.

Biegen wir um die nächste Ecke und schlagen wir einen kurzen Bivouac in dem dort vielbesuchten Wein- und Delicatessenlocale auf, so erschrecken wir über die torricellische Leere in demselben. Die Abgeordneten des Herrenhauses waren die Letzten, welche das Banner des schwarzweiß-neupreußischen Wirthes aufrecht erhielten. Seit sie durch die Beendigung der parlamentarischen Saison auf ihre Provinzialschlösser, Präsidentenstühle, Katheder und Bürgermeistereien auseinander gesprengt sind, ist der arme Mann fast vereinsamt. Die goldene Börsenjugend, die Vormittags bei ihm Stärkung und Labung suchte, ist durch den niedrigen Stand der Course längst fortgescheucht, die Garde hat bei ihm niemals sonderlich verkehrt, und höchstens spricht ein umherspähender Beobachter, wie unsereiner, bei ihm vor und trinkt einen Curiositätsschoppen zu zehn Silbergroschen, denn der Medoc für diesen Preis ist das einzige Juste Milieu, welches der rothloyale Wirth in seiner Reactionsbude duldet. Auf dem zierlich servirten Schenktische starren gebratene Hamburger Hühner, Rheinlachs, Spargel und Aal trostlos in’s Leere, auf den Rand des ziemlich unversehrt erhaltenen Kladderadatsch ist noch keine anzügliche Bemerkung mit Bleistift geschrieben, und die Kellner, die schon seit geraumer Zeit kein Trinkgeld mehr erhalten zu haben scheinen, gleichen angehenden Asceten, die sich noch nicht von der Richtigkeit der Grundsätze dieser mystischen Schule überzeugen können. Lassen wir die Bartneige in der Flasche stehen und entfernen wir uns eilig; der Anblick dieser erzwungenen Kriegsbereitschaft ist gar zu traurig. Sicherlich sähe unser guter Patriot statt dieser Einsamkeit lieber einen Haufen französischer Officiere mit Taschen voll Beute an seinen Tischen.

Vor jener eleganten Conditorei sitzt draußen zwischen den Fenstern und dem eisernen Geländer ein schmaler Streifen von mannichfaltigen Menschen, Alle unzufrieden und düster, wie ein hartnäckiger Regentag. Die Hauptfigur unter ihnen ist der Doctor, der die Hypochonder und faulen Friedenshämorrhoidarier mit theuren Pülverchen curirt. Louis Napoleon, der Pariser Wunderdoctor, hat schon am Neujahrstage alle diese Patienten besprochen und sie sämmtlich gesund gemacht. Die eingebildeten Sorgen sind den wirklichen gewichen, die Kranken halten das Geld für die Pülverchen an sich, grübeln nicht mehr über den Zustand unter ihren kurzen Rippen und werden vor lauter politischem Kummer von Herzen gesund; der Doctor aber läßt sich ein Glas Eiswasser auf seinen Absynth gießen und grübelt über die mögliche Erfindung einer neuen Krankheit nach, die von Krieg oder Frieden nicht afficirt wird und sich gleichfalls durch ein Geheimmittelchen behandeln läßt.

Unweit von diesem Kaffeeborn und kastalischen Quell magenstärkender Liqueure hat sich ein Sclavenhändler angesiedelt. Unter dem Namen eines Modemagazines für Herrenartikel beherrscht er eine weitläufige Kleiderplantage, in welcher eine Menge armer kleiner Schneidermeister und Gesellen Hosen, Röcke und Westen für das In- und Ausland nähen müssen. Die vornehme und eigentlich elegante Gesellschaft läßt in solchen Geschäften ihren Bedarf an Garderobe nicht anfertigen, allein der männliche Demi-monde, der für wenige Thaler einen gut geschniegelten Rock haben will, fühlt sich hier zu Hause, und der wohlhabende Gast vom Lande und aus der Provinz versieht sich hier mit dem nothwendigen Costüm. Machen wir uns ein kleines Gewerbe und treten wir ein, um eine leichte Halsbinde zu kaufen und so den qualvollen Zustand der Neutralität kennen zu lernen. Die sonst so gefüllten prächtigen Räume sind leer, nur etwa zwanzig Angestellte, lauter Vettern des klassischen Antinous, irren umher und fahren auf den Eintretenden los, wie zwanzig Spinnen auf eine arme Fliege. Wir fordern die Halsbinde. Sie wird gebracht und uns vor einem hohen Trümeau mit einer Feierlichkeit angelegt, als gelte es den bekannten Toilettenact der Justiz und als sollte sie den Lohn für alle unsere satirischen Unthaten bilden. Sämmtliche Angestellte umgeben uns in einem Kreise und lassen ihr ästhetisches Gutachten über die Halsbinde laut werden. Gleich das erste Exemplar sitzt ganz gut, allein nur um einen Zeitraum der schrecklichsten Langeweile auszufüllen, zeigen sich die Jünglinge höchst unzufrieden mit ihrem Schnitt und holen noch ein halbes Hundert anderer Cravatten herbei, die uns der Reihe nach um den Hals gebunden werden. Man behandelt uns, wie eine Gesellschaft Backfische eine Weihnachtspuppe. Am liebsten entkleideten uns die unbeschäftigten Künstler bis auf die neunte Haut und probirten uns der Reihe nach alle Stücke des Magazines an. Die Sache beginnt leider bedenklich zu werden, und ein besonders kecker Jüngling legt schon Hand an die Hosenträger, als ein Herr, der nach seinem Kleiderschnitt nur vom Lande sein kann, in Begleitung zweier ältlichen Damen in das Local tritt. [347] Jetzt verlassen uns alle Angestellte und umringen den Herrn, der kleinlaut einen fertigen Frack fordert. Wir trauen kaum unseren Ohren! In dieser Zeit verlangt ein Mensch einen neuen Frack! Wie weit entfernt von den Mittelpunkten des Verkehrs muß dieser Unglückliche wohnen, wie weit zurückgeblieben sein in der Lectüre der Zeitungen, wenn er jetzt, wo Louis der ganzen Welt das Fell über die Ohren zu ziehen sucht, ein Luxuskleid, einen „neuen Frack“ verlangt! Die zwanzig Angestellten scheinen derselben Meinung zu sein, die furchtbare Forderung erschüttert, verwirrt sie, und in der Aufregung des Augenblickes schleppen sie nicht allein einen Haufen Fracks herbei, sondern Alles, was ihnen unter die Hände fällt, Paletots, Hosen, Westen, Plaids, Regenröcke, Panamahüte; es sieht aus, als sollte diesem außerordentlichen Manne der ganze unermeßliche Vorrath zu Füßen gelegt werden. Ein Antinous reißt ihm den Rock vom Leibe, ein Anderer wird nur mit Mühe abgehalten, die Frau Gemahlin zu ergreifen und ihr gleichfalls einen Rock anzupassen. Einige halten den Herren vom Lande fest, zwei stopfen ihn gewaltsam in den Frack, denn der gute Mann trägt eine dicke wollene Unterjacke und auf dem Rücken das, was man in wohlwollender Redeweise einen „kleinen Verdruß“ nennt.

„Na, wie sitzt der Rock?“ fragt der Herr vom Lande die beiden Frauenzimmer, „mir kommt er ein bischen knapp und unbequem vor.“

Die verdutzten Frauenzimmer schweigen, aber der Chor der Angestellten ruft unisono: „Knapp? unbequem? dieser Frack?“

Ein Jüngling knöpft ihn vorn zu, zwei Andere ziehen gewaltsam an den Schößen und so zerren sie die Falten über dem „kleinen Verdruß“ glatt, der Herr vom Lande knackt in allen Fugen seines Leibes, aber der Frack sitzt und das Opfer wird unverzüglich vor den Spiegel geschleppt, um sich von der Entwickelung seiner Schönheit zu überzeugen.

Jetzt zieht der Herr die Brieftasche, um zu bezahlen, allein alle Jünglinge schreien wieder:

„Nein, mein Herr, zu solchem Fracke dürfen Sie diese Beinkleider nicht tragen! – was für eine Weste! – fort mit der Cravatte! – Sie müssen noch einen neuen Pariser Hut haben!“

Was sollen wir mehr sagen? der Herr wird um fünfzig Thaler erleichtert und von Kopf bis zu Fuß neu bekleidet. Dann führt ihn die Gesellschaft im Triumph zum Laden hinaus und blickt ihm mit unverwandten Blicken nach, während die guten Landleute die alten abgelegten Kleider in der Verwirrung ganz vergessen haben. Wir sind in dem heutigen Tumult vollständig übersehen worden. Da nähert sich uns ein ernster Jüngling von gemessenen Manieren, der bisher in einem Hinteren Zimmer über einem Zeitungsblatte brütend gesessen hat. Er ist der Secretair des Geschäfts und verfaßt die Kleiderproclamationen in den Journalen, die Manifeste an die deutsche Nation. Er tritt mit diplomatischer Feierlichkeit an uns heran und flüstert uns in’s Ohr: „Die Oesterreicher sind wirklich über den Tessin gegangen!“ Dann verstummt er und verschwindet spurlos, wie der betrübte Genius des Friedens.