Die Truppen des italienischen Feldzugs

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Titel: Die Truppen des italienischen Feldzugs
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 341-342
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Truppen des italienischen Feldzugs.

I:


Die Gartenlaube (1859) b 341.jpg

Garibaldi’scher Volontair,
nach neuester Uniformvorschrift.
(Nach Originalabbildung aus Turin.)
Jäger von Vincennes. Bersaglière.

Vielleicht leben wir gerade jetzt in der demüthigendsten, unglückseligsten Zeit dieses Jahrhunderts. Die Völker Europa’s sind durch Arbeit und Handel, Eisenbahnen und Telegraphen, tausenderlei tägliche Beziehungen des materiellen und ideellen Verkehrs wie ein Volk geworden. Sie sind ein gesellschaftlicher Körper, der, in einem Theile gestört, verwundet oder inficirt, als Ganzes leidet. Deshalb fühlen wir trotz des bis jetzt musterhaft „localisirten“ Krieges Alle das Elend desselben. Jeder Krieg nimmt jetzt mehr oder weniger die Form und den Fluch eines Bürgerkrieges an. Jetzt kann sich’s der Philister nicht mehr loben: „an Sonn- und Feiertagen ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten weit in der Türkei die Völker auf einander schlagen.“ Auch der fernste und localisirteste Krieg geht ihm an’s Leben, an die Tasche. Kein Wunder daher, daß der kaum begonnene, hinter den Alpen gebannte Krieg, obgleich ringsum von „Neutralität“ umgeben, wie ein paar Duellanten von Zuschauern, Unparteiischen, Secundanten und Paukdoctoren, [342] uns Alle in unsern friedlichen, täglichen Beziehungen bis auf Innerste und Empfindlichste materiell und moralisch peinigt, abgesehen davon, daß wir Millionen von nützlichen, nothwendigen Arbeitscapitalen und Hunderttausende von unentbehrlichen, jungen, starken Arbeitern aus unserer blühenden Cultur und Production herausziehen müssen, damit Tag und Nacht gewacht werde, damit wir uns wehren können, wenn das aller Gesetze und Rechte spottende moderne Kriegsungeheuer über die „localisirte“ Mensur springen sollte, um vielleicht die Früchte und Hoffnungen eines Jahrhunderts in Blut und Schande zu begraben.

Wir Alle fühlen uns elend, unruhig, im Innersten gedemüthigt, daß es bei solcher heiligen Unentbehrlichkeit des Friedens, bei diesen tausendfachen Friedensgarantieen der Völker, diesen unzähligen Friedensverträgen und Grundgesetzen des von den Fürsten sorgfältig balancirten „europäischen Gleichgewichts“ zu einem Kriege kommen sollte, solchem Kriege!

Aber ein kleiner Trost ist uns geblieben. Deutschland ist nicht Kriegsschauplatz und scheint auch Muth, Mittel und Einigkeit genug in Bereitschaft zu haben, um das Ungeheuer von seinen Grenzen zurückzuschlagen, wenn es diese bedrohen sollte.

„Gott sei Dank, wir leben wenigstens nicht auf dem Kriegsschauplatze!“ können wir erleichternd aufathmend ausrufen. Vorläufig also können wir uns auch die Sache noch mit Ruhe ansehen und wir wollen das, indem wir uns die Leute anschauen, auf feindlicher und freundlicher Seite, die sich dort gegenseitig todtschlagen. Wir beginnen mit den „Kriegern der Civilisation“ und zwar mit den vielgenannten „Jägern von Vincennes“. –

Die Entstehung der Jäger und Tirailleurs von Vincennes (Fußjäger) geht auf ungefähr zwanzig Jahre zurück. Die erste Muster-Compagnie wurde vom General Grafen von Hondetot gebildet. Ein Befehl vom 28. August 1839 constituirte sie zu einem besonderen Truppen-Corps, und ihre ersten Waffenthaten vollzogen sie in Algerien gegen die Araber, welche ihnen den Beinamen „Soldaten des Todes“ gaben. Sie bestanden damals aus zehn Bataillonen von je tausend Mann, wozu jedes Infanterie-Regiment 121 kleine, gewandte und kräftige Leute, meist Corsen, Gascogner und Bearnesen, geliefert hatte. Das neue Corps wurde im Winter von 1840–41 im Lager von St. Omer in hölzernen Feldhütten mit Strohdächern untergebracht.

Unter der Leitung des Herzogs von Orleans und des Generals Rostolan hatte es eine harte Lehrzeit und schwere Proben zu bestehen. Von sieben bis neun Uhr Morgens und von zwölf bis zwei Uhr Nachmittags mußten die Soldaten, das Gepäck auf dem Rücken, in Holzschuhen und wollenen Strümpfen exerciren, und wenn sie keuchend und mit Schweiß bedeckt in ihre eisigen Hütten zurückkamen, wurden sie von den Officieren noch im Felddienste unterrichtet. Ihre einzige Erholung bestand darin, die Weinkeller zu besuchen, deren warme Atmosphäre gegen die Kälte draußen im gefährlichen Contrast stand.

Ein Verordnung vom 22. November 1853 hat die Jäger von Vincennes einer neuen Organisation unterworfen. Hiernach bilden sie zwanzig Bataillone, welche auf die Garnisonen von Paris, Lyon, Cherbourg, Douai, Besançon, Rennes, Grenoble, Vincennes, Toulon, Metz, Boulogne und Algier vertheilt sind.

Die Uniform besteht in einem dunkelblauen gerade geknöpften Waffenrocke mit jonquille Vorstoß an dem Kragen, den Aufschlägen und den Schößen; grünen Epauletten mit jonquille Einfassung; stahlgrauen Hosen mit jonquille Vorstoß; einem stahlgrauen Mantel mit Regenkappe; einem mit dunkelblauem Tuch überzogenen und oben mit einer jonquille Borde umgebenen Czako; einem fliegenden Stutz von grünen Federn, und in einem Koppel von schwarzem Leder. Diese Bekleidung, so elegant sie auch ist, läßt dem Körper seine volle Freiheit und begünstigt in hohem Grade die Lebhaftigkeit, welche man an dem französischen Soldaten vorzüglich rühmt. Die ungestümsten Bewegungen geschehen, ohne das Gepäck in Unordnung zu bringen, dessen Heben vermittelst zweier kleiner Riemen am Koppel angehakt sind, um welches sich die Patronentasche mit Leichtigkeit dreht.

Die Karabiner der Jäger von Vincennes sind inwendig in Schraubenlinien gereift, was dem Schusse eine kreisförmige Bewegung gibt; sie haben Percussionsschlösser und ihr Lauf wird von der Kugel, die sich unten durch einen kräftigen Stoß des Ladestockes plattdrückt, hermetisch geschlossen. Das Dolchbajonnet, welches der Artillerie-Commandant Thiéry erdacht hat, ist eine der fürchterlichsten Waffen.

Die Jager von Vincennes marschiren in vier Gliedern auf der rechten oder linken Flanke und können bei dem gymnastischen Schritte, an den sie gewöhnt sind und der nach und nach von dem Schritte auf der Stelle in den langsamen, Geschwind- und Laufschritt und zuletzt in den Breitesprung übergeht, eine und eine halbe Meile in der Stunde zurücklegen. In ihrer Geschicklichkeit im Schießen rivalisiren sie mit den tyroler Jägern und den englischen Riflemen. Sie feuern in allen Stellungen, auch wenn sie auf dem Bauche liegen oder sich über eine Grabenböschung biegen. Nach dem Commando „Legt an!“ zielen und schießen sie, ohne das Commando „Feuer!“ abzuwarten, und je ungleichzeitiger die Entladung erfolgte, um so sicherer und furchtbarer wird ihre Wirkung. Den Karabiner mit aufgestecktem Bajonnet handhaben sie, wie die blanke Waffe; sie stoßen damit, indem sie sich auf einmal umdrehen und nach rechts und links Front und doppelte Ausfälle nach hinten und vorn machen. Wenn sie als Tirailleurs vorgehen, so theilen sie sich in Gruppen von Vier ein und vereinigen sich nötigenfalls zum Carée, in welchem, wenn es in der Mitte formirt wird, das erste Glied mit dem Karabiner ficht, während das zweite den Feind niederschmettert.

Die Jäger von Vincennes lernen Oefen, Küchen und Schanzen aus Erde bauen und jede Compagnie liefert zwei Sappeure, welche mit einer Schaufel und Hacke ausgerüstet sind, die von der Schulter bis zur Hüfte herabhängen. Die Karabiner-Compagnie jedes Bataillons ist auf das Kanonenmanöver eingeübt und mit Vollbüchsen bewaffnet, welche sechshundert Meter weit tragen. In jeder Compagnie gibt es vierzehn Soldaten erster Classe, welche sich durch eine gelbe Tresse auszeichnen.

Wie sich die Jäger von Vincennes taktisch und strategisch bewährt, davon haben sie zuletzt auf dem Schlachtfelde in der Krim Zeugniß abgelegt. Ob sie den tüchtig geschulten österreichischen Truppen, die zugleich mit Begeisterung auf das Schlachtfeld ziehen, gewachsen sein werden, müssen wir noch abwarten. Die Affaire bei Montebello hat bereits bewiesen, daß die Oesterreicher wohl zu beachtende Feinde sind, die den Renommagen der „civilisirenden“ Armee doch einige bedenkliche Schwierigkeiten bereiten dürften.

Die Bersaglieri der sardinischen Armee haben wir bereits im Jahrgange 1855 dieses Blattes bei Gelegenheit des Krimkrieges geschildert. Es bleiben uns nur noch die Garibaldi’schen Freischaaren übrig, die neuerdings einer neuen Uniformirung unterworfen sind und nicht mehr in rothen, sondern in blauen Blousen mir rothen Aufschlägen, einer gezogenen Büchse und einer leichten rothgeränderten Feldmütze erscheinen. Die Augsburger Allgemeine Zeitung ist taktlos genug, diese Leute fortwährend als Räuber zu bezeichnen, während es doch allgemein bekannt ist, daß Söhne der angesehensten Familien unter dieser Fahne dienen. Vielleicht sind – dem sardinisch-französischen Schwindel gegenüber – diese Freischaaren die einzigen, die es wirklich ehrlich mit der Freiheit Italiens meinen und später einmal der napoleonisch-piemontesischen Hoffreiheit entschieden entgegentreten werden.

In einem späteren Artikel werden wir unsern Lesern die österreichischen Truppen zu schildern suchen.