Berliner Bilder/Am Kreuzwege

Textdaten
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Autor: Ernst Kossak
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Titel: Berliner Bilder/2. Am Kreuzwege
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 190-192
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Berliner Bilder.
Von E. Kossak.
2. Am Kreuzwege.

Nach dem Glauben des Mittelalters eigneten sich die Kreuzwege ganz besonders zur Vollbringung aller Werke, welche über die gewöhnliche Ordnung der Welt hinausgehen. Das gegenwärtige nüchterne Zeitalter legt zwar auch noch dem Kreuzwege eine gewisse Bedeutung bei, allein nur insofern, als von demselben aus am besten diejenigen Werke beobachtet werden können, welche wider die gewöhnliche Ordnung der Welt laufen.

Als man Hexen und Zauberer folterte und verbrannte, Geister citirte, Amulete trug, Krankheiten besprach und Freikugeln goß, hielten sich an den Kreuzwegen alle überirdischer Künste verdächtigen Personen auf und brachten diese Stellen in einen so bösen Leumund, daß Jahrhunderte dazu gehört haben, ihren gekränkten Ruf einigermaßen zu reinigen und wieder herzustellen. Heute haben an den Kreuzwegen lediglich diejenigen Personen festen Fuß gefaßt, welche mit nichts weniger als überirdischen Künsten nur den gemeinen Gang der Dinge ununterbrochen erhalten und alle unvorhergesehenen und muthwilligen Störungen desselben beseitigen wollen.

Wo in Berlin sich zwei Hauptstraßen in einem rechten, stumpfen oder spitzen Winkel durchschneiden, sieht man an einer Ecke einen ernsthaften Beamten mit langsamen Schritten auf- und abgehen oder mit achtsamen Blicken die gesammte Umgebung, die mit Pferden, Hunden oder Menschen bespannten Wagen, die vorübereilenden Personen, die spielenden Kinder, die Thüren der Häuser und offenen Geschäfte beobachten. Der Beamte trägt einen blauen, knapp militärisch anschließenden Waffenrock, darunter einen kurzen Infanteriesäbel, und bei schlechtem Wetter einen minder kriegerisch aussehenden Paletot; sein Haupt ist gleich dem Kopfe, welcher aus Macbeth’s Hexenkessel jenen magischen Polizeibericht abstattet, mit einem Helme bedeckt, dessen neusilberner Beschlag herrlich im Sonnenscheine leuchtet und selbst das Dunkel eines trüben Regentages erheitert. Der geschilderte Beamte gehört zu den Schutzmännern des Polizeireviers und hat dafür zu sorgen, daß alle Angehörigen des modernen Staates sorgfältig die zahlreichen Regeln befolgen, ohne deren Beobachtung jeder Mensch sich der Gefahr aussetzt, unter die unregelmäßigen Verba versetzt und demgemäß in einer besonderen Abtheilung der gesellschaftlichen Grammatik, Stadtvogtei genannt, conjugirt zu werden.

Die Pflicht des auf dem Polizeiposten stehenden Schutzmannes ist eine sehr ernste und verlangt eine ganz außerordentliche Aufmerksamkeit. Deshalb wird ihm von seinen Befehlshabern auch kein Schilderhaus gewährt, dessen sich sonst jeder Musketier oder Füselier erfreut; er ist angewiesen, jedem Wetter Trotz zu bieten und durch keine Strapazen in der Ausübung seines Amtes sich irre machen zu lassen. Nicht einmal für ein wasserdichtes Kleidungsstück als leibliches portatives Schilderhaus, wie es der englische Polizeimann in dem schützenden Wachstuchkragen besitzt, ist gesorgt; der Berliner Schutzmann am Kreuzwege erfreut sich bei Sturm und Regen, Hagel und Schneegestöber keines besseren Schutzes, als der erste beste Baum an der Landstraße unter ähnlichen Umständen.

Da der heutige Bürger, mag er immerhin die Jahre und die Weisheit Nestor’s erreichen, niemals für mündig erklärt werden kann, sondern stets einer gewissen Anleitung, Ueberwachung und Zurechtweisung bedarf, weil bekanntlich die Vorschriften der ihn leitenden Behörden zu zahlreich und eigenthümlich sind, um in ihrem Umfange und in ihrer Tiefe von dem gewöhnlichen Menschenverstande begriffen zu werden, so ist ihm der Schutzmann als Vormund gesetzt worden. Aber wie es in dem Charakter dieses schönen, herzansprechenden Amtes liegt, soll der Schutzmann ihm auch als rächender Freund, als freundlicher Gehülfe und thatkräftiger Beistand dienen, falls der unmündige Bürger mit eigenen Mitteln und Kräften nicht auszukommen vermag. Wenn die Magd des Bürgers irgend eine Ungehörigkeit sich hat zu Schulden kommen lassen, wenn ein unvorhergesehener Eindringling in seine Wohnung nicht freiwillig das Feld räumen will, oder ein Bekenner der Lehre des weisen Proudhon einen Angriff auf sein Eigenthum macht, darf er unverzüglich den Schutzmann als nächsten Vertreter der Staatsgewalt herbeirufen und seine Einmischung in Anspruch nehmen. Der Fremde erkundigt sich bei dem Schutzmanne nach der Wohnung der Leute, denen er einen Besuch abstatten will, nach den Bureaux der Stadtpost und andern amtlichen Gebäuden, der Einheimische fragt ihn in kritischen Erkrankungsfällen nach dem nächsten Arzte oder, wenn es die Beförderung eines sehr eiligen kleinen Ankömmlings in das Erdenleben gilt, nach der nächsten Hebamme. Der Schutzmann weiß das Alles und theilt es mit der größten Zuvorkommenheit mit. Als guter Mensch macht es ihm Freude, seinen Mitbürgern verbindlich sein zu können und nicht immer die scharfen Stacheln seines Polizeicharakters hervorkehren zu müssen.

Am liebenswürdigsten tritt er als Vormund kleiner verlorengegangener Kinder auf. So eben ist ein Exemplar von etwa drittehalb Jahren gefunden worden. Da steht es, die mit Pelz besetzte ruppige Kappe in entsetzlicher Todesangst tief in die Augen gedrückt, in einem abgeschabten blauen Tuchmäntelchen, unter dem aus den Höschen hinten ein Fragment des Hemdes schüchtern den Tag begrüßt; das Kind reibt mit blaugefrorenen Händchen die weinenden Augen. Eine Haufe Menschen drängt sich um das arme Knäblein und macht es mit den albernsten Fragen vollständig verwirrt. Nur ein intelligenter Schusterlehrling, der eben commandirt war, ein Paar versohlte Stiefeln auszutragen und eine Obertasse mit Syrup einzuholen, hat sofort Rath in der schwierigen Lage der christlichen Bevölkerung gewußt und auf eigene Verantwortung den Schutzmann benachrichtigt.

Der polizeiliche Soldat nähert sich bedachtsam der Gruppe, mehrere alte Weiber mit Körben voll Brod und Kartoffeln laufen ihm voraus, einige alte Junggesellen folgen ihm, begierig die abschreckenden Folgen des ehelichen Lebens in diesem flagranten Unglücksfalle kennen zu lernen. Er zertheilt den Haufen und stellt sich vor den unglücklichen Kleinen.

„Wie heißt Du denn, Kleiner?“

Wenn der Kleine seinen Namen wirklich wüßte, vermöchte er ihn doch unter dem schrecklichen Eindrucke der über ihm hangenden Obdachlosigkeit nicht zu nennen; er schweigt und heult gottesjämmerlich weiter.

„Wo wohnst Du, Kleiner?“

Natürlich kann der Kleine eine so schwierige Frage noch weit weniger beantworten. Er steht ohne alle Legitimation da.

„Nun, komme nur mit mir, Deine Mutter wird Dich schon von uns abholen. Weine nicht, weine nicht, liebes Kind; es hat nichts zu sagen.“

Mit diesen Worten ergreift der Schutzmann den Verirrten bei der Hand und schlägt den Weg nach dem Bureau des Reviercommissariats ein. Die versammelte Menge folgt schweigend und sichtlich befriedigt durch den Ausgang des Abenteuers, der Kleine aber läßt sich vertrauensvoll abführen, er stellt jetzt ein auf Zeit adoptirtes Polizeikind vor und wird als ein lebendiger Gegenstand der Registratur, als ein zweibeiniges Actenstück – etwas Werthvolleres kennt man ja in Deutschland kaum – betrachtet und vorläufig aufbewahrt. Inzwischen findet sich auch die verzweifelnde Mutter mit gesträubten Haaren ein und erhält ihren verlaufenen Sprößling mit der Ermahnung zurück, ihm durchaus keine körperliche Züchtigung angedeihen zu lassen, auf welche der erfahrene Schutzmann aus ihrem offensiven Mienenspiele schließen mag.

Nicht immer ist der Wächter am Kreuzwege solch’ ein idealer Schutzengel in Uniform; weit häufiger gleicht er einem strafenden und rächenden Genius.

Da sich die Auserwählten des Volkes, die Abgeordneten und Landboten im Parlamente, nicht einmal im geschlossenen Saale, in Gegenwart der Minister, eines hohen Adels und verehrungswürdigen Publicums zu vertragen pflegen, sondern jede Gelegenheit bei den Haaren ergreifen, einander unangenehme Dinge zu sagen, kann man es dem ungebildeten Volke auf der Straße wahrlich weit weniger verargen, wenn es mündlich, und nach Befinden der Umstände auch wohl handgreiflich, aneinander geräth. In solchen Fällen ist der Schutzmann von Amtswegen verpflichtet, die Wortwechsler oder Combattanten zur Ordnung zu rufen.

Das Pflaster ist aufgerissen und die Arbeiter bringen im Schweiße ihres Antlitzes die Straße wieder in Ordnung. Da erscheint ein [191] Müßiggänger, erlaubt sich anzügliche Bemerkungen gegen die fleißigen Steinsetzer und erhält sie in reichlichen Maße zurück. Anfangs bewegt sich die Unterhaltung noch im Style einer lebhaften Conversation; da verabreicht der Pflastertreter dem officiellen Pflastersetzer einen Backenstreich und der Krieg ist ausgebrochen. Die Werkzeuge werden fortgeworfen, der Händelsucher drückt kampfesmuthig die Mütze in den Nacken und ballt beide Fäuste gegen die wild heranstürmende Uebermacht. Er sieht eine Prügeltracht mit Bestimmtheit voraus, allein er bedarf ihrer täglich, zur Belebung seines Nervensystemes. Sie ist ihm das, was dem blasirten Elegant Abends eine Balletvorstellung, ein kleines Hazardspiel, ein Tanz mit emancipirten Frauenzimmern. Der Wasserfreund braucht eine kalte Uebergießung, der Rheumatiker eine Anzahl elektrischer Schläge; unser Raufbold läßt sich minder wissenschaftlich abfinden. Ihm genügt eine allgemeine körperliche Erschütterung, eine kräftige trockene Abwalkung des Leders.

Vom Kreuzwege aus ist glücklicher Weise sein Beginnen schon bemerkt und beobachtet worden. Der Schutzmann kennt das unverträgliche Temperament des Zänkers, und schreitet mit festem Fuße auf ihn zu. Jetzt spiegelt sich in seinen Gesichtszügen nicht das zärtliche Wohlwollen eines besorgten Kinderfreundes ab; aus seinem Auge funkelt der zornige Blitz des beleidigten Gesetzes. Auch das ihn begleitende Gefolge ist aufgelegt; man erwartet ein Ereigniß, etwas wie eine rettende That. Schon hat er die Gruppe der tragischen Helden erreicht, die defensive Partei leidlich sanft bei den Armen fortgeschoben, aber den Schuldigen packt er hart und unerbittlich, gleich dem classischen Schicksal, und zwar hinten beim Rockkragen. Der Griff ist kühn und Widerstand unmöglich. Die angewandte Kraft hat einige Aehnlichkeit mit der eines Schraubendampfschiffes, und der Unheilstifter sieht sich mit der Geschwindigkeit von zwei Meilen die Stunde auf die Polizei gewirbelt. Die Scene hinterläßt einen ernsten, nachhaltigen Eindruck. Männer, denen es nicht an Zeit gebricht, versammeln sich auf der Straße zu einem wissenschaftlichen Congreß, man bespricht die Maulschelle, wie sie gegeben worden und wie sie besser hätte gegeben werden können, man betrachtet nachdenklich die Stelle, wo der Hauptangriff stattgefunden, man erörtert die Möglichkeit der Flucht, und stellt endlich die Hypothese auf, der Angreifende werde wahrscheinlich vierundzwanzig Stunden sitzen müssen, falls nicht noch anderweitige Posten gegen ihn zur obrigkeitlichen Verrechnung kämen. So vergeht eine Stunde und der Schutzmann stellt sich wieder am Kreuzwege ein.

Man hat ihn abgelöst und der neu Ankommende ist ein ganz anderes Individuum, allein das Volk kümmert sich nicht darum; ihm gilt nur der hochwichtige Charakter des Amtes, nicht der des damit betrauten Menschen. Es gibt sogar naive Gemüther, die ihn auf seinem Posten in Permanenz glauben. Behorchen wir ein wenig Fräulein Mathilde, die jüngste Tochter eines übermüthigen Rentiers, die sich, ziemlich weit von ihrer Wohnung, an unserem Kreuzwege ein Rendezvous mit einem jungen Architekten gibt.

„Lieber Heinrich,“ flüstert die schüchterne Blüthe, „ich zittere davor, daß dieser Mann uns erkannt hat. Wir können hier vorübergehen, wann wir wollen, so steht er an der Ecke, und sieht mich mit so durchbohrenden Blicken an. Gott, wenn Papa unser Verhältniß durch ihn erführe: ich stürbe des blassen Todes!“

Zum Trost aller liebenden Herzen können wir mittheilen, daß es Heinrich gelingt, die besorgte Mathilde zu beruhigen und sie zu überreden, daß der Polizei zwar viel bewußt sei, daß sie aber zum Glück nicht Alles wisse.

In den Nachmittagsstunden tritt ein Zustand von verhältnißmäßiger Ruhe ein. Dem Schutzmann wird Muße zu leichtem Geplauder gegeben. Der beleibte Hauswirth an der Ecke öffnet das Fenster, bietet ihm eine Prise Carotten und erkundigt sich nach dem Befinden des unbekannten Herrn, der vor vier Wochen aus dem benachbarten Schlächterladen eine prächtige Hammelkeule entfremdet hatte, aber durch die Achtsamkeit des Schutzmannes dabei erwischt worden war. Dieser bedauert, daß er keine Auskunft geben könne, spricht aber die Vermuthung aus, daß der Herr sicherlich noch sitzen und keine Hammelkeule, wohl aber die unter dem Namen Kaldaunen begriffenen inneren Theile desselben Thieres in den verschwiegenen Gemächern der Stadtvogtei speisen werde. Dem dicken Hauswirth will das offenbar einleuchten, und der Schutzmann ertheilt in der Zwischenzeit einem Droschkenkutscher auf der Station des Kreuzweges einen kleinen Verweis, weil er sich einer Fahrt unter dem Vorwande, er habe noch nicht umgespannt, hatte entziehen wollen, droht zornig einem Dienstmädchen, die das Tischtuch am offenen Fenster auf die Straße ausschüttelt, und gibt zwei kleinen Jungen väterliche Ermahnungen, da sie zum bleibenden Nachtheile ihrer Stiefeln mitten im Rinnsteine spazieren gehen. So rückt die vierte Nachmittagsstunde, um welche die Jugend aus den Stadtschulen entlassen wird, allmählich heran. Während mehrere Dienstmädchen mit großen Töpfen voll blauangelaufener Milch zum Vesperbrod vorübergehen und mit dem Schutzmann schäkern, schlägt es auf dem nahen Kirchthurme vier Uhr. Einige Minuten später erschallt von dem großen düstern Gebäude aus der Mitte der Straße her ein Geschrei, als ob der bethlehemitische Kindermord zum zweiten und verbesserten Male aufgelegt werden solle, ein Geschrei, daß Jeder nach dem schwarzen eisernen Windfahnenmann auf dem hohen Schornstein der Fabrik sieht, ob er nicht vor Schreck in Ohnmacht fällt; alles Volk erschrickt, nur nicht der Schutzmann. Er weiß, daß die Stadtschule geschlossen ist, und daß Berlins „wilde verwegene Jagd“ nach Hause stürmt. Er erträgt den haarsträubenden Scandal, wie der Weise die unabwendbaren Uebel des menschlichen Daseins, z. B. den Katzenjammer. Der erfahrene Beamte hat aber seine Ausdauer überschätzt; es gibt Verknüpfungen irdischer Begebenheiten, denen nur die seltenste Heldengröße gewachsen ist.

Das Unheil entwickelt sich aus einem benachbarten Keller, dessen Inhaber alkoholhaltige Getränke zwar nur im Detail, aber leider an Leute, die sie en Gros trinken, feilbietet und verkauft. Schon in den Mittagstunden war bei ihm einer jener kühnen Forscher, die ihr Leben auf Entdeckungsreisen nach Schnapsläden zubringen, vor Anker gegangen, und hatte Untersuchungen mit dem Senkblei seiner Gurgel angestellt. So sehr diese ihn auch wissenschaftlich befriedigt haben mögen, fand wunderbarer Weise doch der Wirth des Locals keinen Grund – ihn länger da zu behalten. Ob er nicht bezahlt, oder eine andere Unbill begangen, ist gleichgültig, es steht nur fest, daß er genau sieben Minuten nach vier Uhr aus dem Keller hinaus und in die Straße hinaufgeworfen, seine Weste aber als Pfand zurückbehalten wurde, was den galanten Wirth andererseits nicht verhinderte, ihm seinen alten Hut mitten auf die Straße nachzuschleudern. Wer wagte zu leugnen, daß das Zusammentreffen dieses Verbannten mit der Stadtschuljugend ein verhängnißvolles genannt werden muß? Nicht nur der Schutzmann, sondern auch der berauschte Kellermann, jeder in seiner besonderen Stellung zu der Oeffentlichkeit, blicken gespannt auf die kommenden Ereignisse. Letzterer lehnt sich vorsorglich mit dem Rücken gegen die Mauer des nächsten Hauses, und gedenkt die muthwillige junge Mannschaft vorübertoben zu lassen. Doch ach, er verräth unbedachtsam diese seine Hoffnung durch ein ziemlich lautes Selbstgespräch, und ein aufmerksamer Knabe bleibt stehen, um dem philosophischen Gedankengange des Monologs zu folgen. Der Kellermann fühlt sich durch den kleinen Zuhörer beleidigt und lallt ihm ein Schimpfwort entgegen. Kaum ist es aber den bebenden Lippen entflohen, so stößt der aufmerksame Knabe mit gellender Stimme das Kriegsgeschrei: „Pietsch! Pietsch!“ aus, womit der kleine Berliner einen durch beharrlichen Trunk um den Gebrauch seiner Urtheilskraft gekommenen und den Angriffen der lieblichen Kindheit nicht mehr gewachsenen Mann im reiferen Lebensalter versteht. Der Kellermann hat nicht sobald diesen schrecklichen Ruf vernommen, als er sich der ganzen Gefahr bewußt wird, denn er ist in der That der erste berühmteste Pietsch des Stadtviertels. Er versucht davonzukommen und taumelt langsam das Trottoir entlang. Doch schon stürzen zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Knaben auf ihn los, und unter einem furchtbaren Heulen und Pfeifen der Hoffnung Preußens muß der Bejammernswerthe schnell wieder eine feste Stellung einzunehmen suchen.

Jetzt schreitet der Schutzmann ein. Zunächst schreckt er durch Drohungen die Jungen zurück und diese, von düstern Schauern vor der Polizei erfüllt, flüchten zwanzig Schritte weit und ordnen sich am Gestade des Rinnsteines im Sinne des antiken Chores, bereit, die Handlung mit lyrischen Lauten zu begleiten oder auch rächend daran Theil zu nehmen, im schlimmsten Falle aber auszureißen. Der Schutzmann ermahnt den Trunkenbold, nach Hause zu gehen; dieser betheuert, daß er sich schon zu Hause befinde, und legt sich, in der Meinung, sein Bett vor sich zu haben, der Länge nach auf das Pflaster nieder. Jubelgeschrei der Jugend, neue Beschwörungen des Schutzmannes, dann einige gewaltsame, aber vergebliche Versuche, den Unglücklichen auf die Beine zu bringen; ein kecker Bube wirft nach ihm mit einer Mohrrübe und ein alter Herr, der in der Nähe wohnt und an einer Geschichte der Lacedämonier arbeitet, steckt [192] den Kopf zum Fenster hinaus und erkundigt sich, ob ein Aufstand der Heloten ausgebrochen sei. Was sollen wir weiter sagen? Die Dunkelheit bricht herein, ehe zwei christliche Männer gefunden und überredet werden, den Trunkenbold umsonst nach Hause zu schleppen; mehrere Mütter kommen und holen ihre Knaben vom Schauplatz mit Püffen nach Hause; gegen sechs Uhr Abends ist der Friede leidlich wieder hergestellt, die Frachtwagen langen an, um die zu versendenden Güter nach den Bahnhöfen zu fahren, die Droschken bringen das schaulustige Publicum in’s Theater, die unruhigeren Elemente der Straße sind sämmtlich verstummt und der Schutzmann ist von seinem Kreuzwege erlöst. Nimmt man ihn nicht noch in Anspruch, um den gordischen Knoten irgend einer verworrenen Mägdeangelegenheit zu lösen, wird nicht noch ein schon frühzeitig am Abende stehlender ungeschickter Dieb ergriffen: so hat er für heute Ruhe und darf sich aus dem stürmischen Leben in das Bureau des Revierhauptmannes zurückziehen, wo in einer dicken Tabakswolke die Schreiber in Uniform sitzen und Alles, was sich im Revier zuträgt, in der Santa Casa graueingebundene Register schreiben.