Textdaten
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Autor: August Silberstein
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Titel: Vier Musikantengräber
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aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 187–189
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Vier Musikantengräber.
Erinnerungsblatt von August Silberstein.

Der Mensch holpert und stolpert heute so vielfach auf allen Lebenswegen, daß nach dem üblichen Sprichworte: „hier liegt ein Musikant begraben“, die ganze Welt oder Erdrinde mit Musikanten unterlegt sein müßte.

Sollte diese Unterlage neuerer Zeit mit Virtuosen ausgeführt worden sein, so wäre allerdings dem Schicksale und der Weltordnung das Aufbringen der nöthigen Virtuosenmenge nicht schwer geworden, und wir würden daraus mit Recht die verderbenbringende Gefahr der modernen Virtuosen nicht nur bei ihren Lebzeiten, sondern auch für nachfolgende Zeiten erkennen.

Will der Leser aber mit mir ohne Anstoß auf und an Musikantengräber treten, so will ich ihn auf eine Stelle führen, wo ein „Quartett“ in so unmittelbarer Nähe begraben liegt, und eine tiefe Harmonie ausgezeichneter Meister hergestellt ist, wie sonst nirgends.

Die geweihte Stätte gehört zu Wien, dem klingenden und singenden Wien, das, wenn es so viel Metall in den Säcken, als in den Kehlen, so viele Kunde in allen andern Arten, als in den Tonarten, so viel Klang in den eisernen, als in den Klavierkasten, so viele ausgezeichnete Köpfe innerhalb der „Stadtlinien“, als in den Notenlinien, so viele Schlüssel zu den Bank- und diplomatischen, als zu den Musiknoten hätte – wahrhaftig die beneidenswertheste Primstimme in dein Concerte der Völker führen würde.

Die Welt weiß es, Wien ist die erste Musikstadt Deutschlands, vielleicht des Erdenrundes; hier haben die bedeutendsten Musiker gelebt, begonnen und geendet, und wenn man eigentlich wissen will, wo sie begraben sind – dürfte man nur Umschau in den fast zahllosen Vereinen, Orchestern, Chören und Aufführungen halten.

Doch betrachten wir alle diese Scherzworte als in dem Häusergewirre Wiens gesprochen, aus dem wir allmählich zur geweihten Stätte, von der ich gesprochen, hinausgepilgert, und wir sind bereits in dem angrenzenden Orte Währing angelangt, wir stehen bereits vor einem schwarzen Kirchhofgitter, durch das die Grabmäler stumm und ernst, die Bäume und Blumen wie ein milder Trost grüßen – wir schreiten den etwas aufsteigenden letzten Weg links an der Mauer hinauf – der Kies knirscht unter unsern Füßen, gleichsam grollend ob der eindringenden Störung in das Reich der Todten – wir halten bangend an, wir stehen vor einem wildbewachsenen Grabhügel und einem flachen Gruftsteine daneben, die beiden ragenden Denkmäler zu Häupten besagen: „Hier ruhen die Gebeine von Seyfried und Clement!“ Und wenn wir den Blick um wenige Schritte vorwärts, rechts nach der Mauer wenden, winkt uns ein Baum, fesselt uns sicher ein Kranz – sie gehören zu den Gräbern Beethoven’s und Schubert’s, die nur durch ein einziges fremdes getrennt sind.

Welcher Klang, welche Fülle von Sang in diesen Worten! Wer denkt nicht an die Worte des „Wanderer“, der stets und stets die Welt umkreist, des „Wanderer“ von Schubert: „Ich wandle still, bin wenig froh!“ Wer denkt nicht bei dem wehenden Strauche mit pochendem Herzen an die zitternden Laute aus Schubert-Goethe’s „Erlkönig“: „Was birgst Du so bang’ Dein Gesicht?“ Wer will die Worte vergessen aus Beethoven’s „Fidelio“: „Ich habe Dich wieder!“ Soll ich die markerschütternden Klänge „Egmonts“, die süßen Lieder Klärchens heraufbeschwören – will nicht das ganze Reich der Töne, mit aller Lieblichkeit, mit aller Gewalt und Erschütterung, von dem einfachen Sang „Adelaidens“ bis zu den donnernden Chören der Völkerschlachten, den zerschmetternden eines jüngsten Gerichtes und den thränenheischenden eines „marche funèbre“ auf uns eindringen?

Und Seyfried und Clement? – Ihr greisen Häupter, die ihr die Catalani gehört und den Congreß nach Napoleons Verderben erlebt, erhebt euch mit freudeglänzenden Augen und jugendfrischem Erinnerungslächeln bei dem Gedanken an den deutschen Paganini, Clement, dem in seiner Klangesfülle kronentragende Häupter die Noten umgeblättert; – hier liegt er nun still und stumm – bis der Himmelsbogen auf diesem hohlen Erdkasten die nie gehörte Cantate und Auflösung aller Fugen streicht!

Den Namen Seyfried werden wohl nur ganz Musikunkundige und Literaturnovizen mit fragender Miene begleiten. Wollte ich ihnen den Mann näher bringen, müßte und könnte ich den ganzen Raum dieser Blätter mit der Aufzählung seiner Werke und seines Wirkens in der „Musikperiode“ füllen. Erstere allein bilden eine ganze Bibliothek. Möge man lachen oder weinen, Oper oder Posse, Kinderlied oder Grabgesang, Hymnen oder Requiem – Seyfried hat deren eine Menge geschrieben. „Der Löwenbrunnen“, „Zemire und Azor“, „Cyrus“, „Roderich und Kunigunde“, die stets beachenswerthe Parodie, erinnern an seinen Namen. Es ist ein ergreifendes Memento des Schicksals, daß er wenige Schritte von dem Manne begraben liegt – Beethoven – dem er die Leichenmusik geschrieben, den er mit neuen Klagelauten der Phantasie zur letzten Stätte und gerade hierher geleitet. Seine eigene berühmte Grabmusik hat sich Seyfried später selbst geschrieben.

Nun wohl – ein solches Quartett, eine solche harmonirende, an Tönen überreiche und doch stille Gesellschaft findet sich in so engem Kreise doch nicht wieder beisammen!

Wenn das jüngste Gericht in die Posaune stößt – sollte man nicht etwa meinen, daß es von hier aus die Stimmung und Noten verlangt, oder etwa wegen falschen Blasens corrigirt werden wird? Wenn die Vögelein irgendwo auf nächtlichen Zauberbäumen und in geheimnißvollen Halmen ihre Melodien lernen, gewiß hier, und von hier aus fliegen sie und verbreiten herzerquickende Gesänge.

Mein treu begleitender Leser denkt gewiß bei diesen Worten vor Allen an Beethoven! Wir Deutsche dürfen ihn auch niemals vergessen, als einen deutschen Mann. Er ist dreifach theuer, als Meister, als Mann der Heimath und als – ein Unglücklicher!

Ueber seinem Grabe grünt das Andenken seiner Ehre und seines Wehes; jedes Blatt auf seinem Baume spricht rastlos sich regend davon. Er, der Meister der Töne, war taub – ihm, der das Reich des zaubervollsten Sanges und Klanges einer horchenden, entzückten Welt erschloß, ihm drang kein einziger Ton mehr in das lebend verschlossene Ohr! Er, der den umringenden Hunderten von Musikern Gesetze gab, schritt mitten unter ihnen und seinen Werken umher, und die klangvoll sich regenden Hände und Instrumente waren ihm gleich den Bewegungen eines stummen Ameisenhaufens – nicht mehr!

Beethoven – taub! Der Meister der Töne, der fast zauberisch über sie gebietet, keinen einzigen zu seiner Erquickung; – es ist der König, der im goldenen Palaste darbend vergeht – es ist der sterbende Moses, dem das gelobte Land offen – er darf seinen Fuß nicht darein setzen!

Der schmerzenreiche, siechende Beethoven war aber ein vollkräftiger Mann der Despotie gegenüber! Er, der von Napoleon im Anfange schwärmerisch den Schutz der Freiheit und des Glückes gehofft, faßte das ganze Reich seiner Empfindungen und die angestaunte Größe des Andern zu einer „Symphonie Napoleon“ zusammen, in der Absicht, sie dem Gewaltigen huldigend zu reichen; als er aber den „Empereur“ in voller Entfaltung kennen lernte, schleuderte er zornig die Symphonie zur Erde, zerriß und zerstampfte den Titel. – Würde und Lohn waren vergeudet; als „Symphonia eroica“ staunt die Welt das Werk an, und als der Held auf [188] Helena saß, sagte Beethoven, auf den Schluß-Trauermarsch deutend: „Ich hab’s ihm vorher gesagt!“

Will man etwas Drolliges und Treffliches von ihm hören, das sich zugleich alle Künstler vorzüglich merken, und wodurch sie ihn zum Patron erwählen können? – Sein Bruder war ein reich gewordener geldstolzer Bet..... (nicht mehr!). Am Neujahrstage sendete derselbe an den Meister eine Karte: „Johann van Beethoven, Gutsbesitzer“; Ersterer nahm sofort ein Stück Papier, schrieb darauf: „Ludwig Beethoven, Gehirnbesitzer“, und sendete dasselben dem Herrn Bruder. – Gutsbesitzer! welcher stolze, erhebende, permanente Titel! Freilich langt er weder für den Gothaer Hof-, noch für den Adelskalender aus. Aber Beethoven strebte nicht ernstlich hinein, trotz seiner Dankbarkeit für die hohen Gönner, die ihn schützten und stützten. – Als die Wiener Adelskammer in der berüchtigten Proceßangelegenheit wegen seines Neffen um den Adelsbrief fragen ließ und wo er ihn habe, deutete er auf Kopf und Herz und rief! „Hier!“ Kraft dieser trefflichen Urkunde verschmähte er einst auch einen Orden für eine dem König von Preußen gesendete Symphonie. Als der Gesandte, Graf von Hatzfeld, undiplomatischer Weise anfragen ließ, was er vorziehe, einen Orden oder 50 Ducaten, rief Beethoven, daß es der Graf im Nebenzimmer hören konnte, rasch und laut: „Fünfzig Ducaten!

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Das war ein Mann, der den Werth seiner selbst und die Würde eines Ehrenzeichens zu schätzen wußte. Wo er seinen Adelsbrief trug, dort war er auch mit Orden geschmückt! Seine „Vittoria-Schlacht“ zum Besten der deutschen Krieger bei Hanau wurde von Meistern, wie noch kein musikalisches Werk zuvor, aufgeführt. Schuppanzigh spielte die erste Violine, Spohr die zweite und Maiseder die dritte. Saliere leitete die Pauken und Kanonaden, Hummel führte die Trommel. Das war eine Schlacht voll Sieg und Eichenlaub! Er war eine Größe für die Welt, er war aber auch, mitten in seiner Größe, ein schlichter, bescheidener Sohn! Die Welt vergnügte sich damit, sein Genie mit einer hohen Geburt zu verbinden, man nannte ihn einen natürlichen Sohn Friedrich Wilhelm’s II. – Beethoven, anstatt hieraus Vortheil ziehen zu wollen, gab sich die erdenklichste Mühe, um Gegenbeweise herbeizuschaffen und nach seinen eigenen rührend-zärtlichen Worten „die Rechtlichkeit seiner Mutter“ herzustellen.

Denken Sie an St. Marc-Girardin, den Franzosen und Feder-Virtuosen der Neuzeit, der öffentlich seinen Vater auf der Höhe suchte und seine Mutter in die Tiefe des Schlammes drängte! Denken Sie an den armen deutschen Künstler gegenüber der heiligen Gestalt seiner Mutter!

Sie ruht in Frieden zu Bonn bei ihrem Gemahl, dem kurfürstlichen Tenoristen, begraben, zu Bonn, wo der erzene Beethoven auf dem Markte prangt, wo der Unsterbliche 1770 wie ein schwacher Morgenschimmer auftauchte, emporwachsend zur lichterfüllenden, strahlenreichen Sonne, die im vollsten Schmucke unterging und gleich einem versengten Baume im Walde das Gerippe zurückließ, das hier unter dem Steine mit der Überschrift „Beethoven“ liegt.

Wie „Vittoria!“ weht es um den Namen und liebend hat sich die Seele oben sicherlich jenen geeint, die in reizender Gestalt, mit Sehnen und Unerreichbarkeit verbunden, auf Erden wandelten!

Der liebenswürdige Bruder, der dem sterbenskranken das Bündel Heu versagte, ist sicher nicht darunter. Es handelte sich um ein Heu-Bad. „Mein Heu ist nicht kräftig genug!“ lautete die Antwort. – Welcher Heukenner! – Buridans Genosse hätte nicht scrupulöser sein können!

Weniger tragisch und weniger komisch, weniger hoch und tief war Schubert’s Leben. Wie eines seiner kurzen anmuthigen und bewegenden Lieder war es. Er war der Sohn eines Wiener Schullehrers. Er lebte, wirkte und starb. Das Trefflichste und Schmerzlichste sagt die Inschrift seines Grabdenkmales:

Die Tonkunst begrub hier einen reichen Besitz,
Aber noch viel schönere Hoffnungen.
 Franz Schubert liegt hier!
Geboren 31. Jänner 1797, gestorben 18. November 1828.
 31. Jahre alt.

Einunddreißig Jahre alt! In diesen Worten liegt das Bewältigendste der ganzen Kunde. Diesem Manne stand kein Hof, kein Potentat, kein weltbewegendes Ereigniß, keine Neuerung zur Seite, – so jung, so hülflos, so schlicht war er, und er zieht ein Sieger durch die ganze Welt!

Das ist die Kraft der Weihe, die Gewalt der Empfindung, das Göttliche der wahren Kunst, was uns vor dieser erzenen Büste beugen macht und jedes Hälmlein an den Kränzen, die Verehrer an sie hängen, heilig erscheinen läßt!

Wem die Thräne der Wehmuth an dieser Stelle über die Wange rieselt, der braucht sich nicht zu schämen, diese sofort unter der Thräne zum Lächeln zu verziehen. Wir wenden uns rasch zu dem Grabe eines andern Musikanten, und das Wort „Musikant“ liegt so nahe dem Begriffe „Durst“, daß man durchaus diese alte Verbindung hier nicht zu stören braucht.

Der alte Clement würde sofort aufstehen, uns eine Prise aus einer goldenen Potentatendose schenken, die er so oft „versetzt“, und über die Sonderbarkeit des Zusammenhanges zwischen Durst und Musik mit uns lachen!

Wenn Bläser ihr „Mundstück“ statt an Metall zur Abwechselung an Gläser zu setzen versuchen, darf uns dies nicht wundern, wie kommen aber die Geiger dazu? – Das muß der Baum, der noch vor-geigen-zeitig sog und Flüssigkeit verlangte, das müssen die Darmsaiten machen!

Clement würde keinen Augenblick angestanden haben, diese Lehre anzunehmen. Er war Anlaß der Bewunderung für Deutschland und England, in denen er reiste, aller Größen des Wiener Congresses. Kaiser Alexander von Rußland war sein Hauptverehrer. Bei einem Hoffeste spielte Clement, die Anwesenden waren entzückt, Kaiser Alexander nähert sich dem wunderbaren Geiger, denn er meint, das kostbare Instrument müsse mit Schuld an den überraschenden Tönen sein – er prüft Clements Geige, und siehe da, sie ist die elendeste Groschengeige, die man sich denken kann! Der Kaiser läßt sofort dem Wundermanne ein kostbares Instrument überreichen. Nächster Tage verlangt Alexander, den Mann mit der kostbaren [189] Geige wieder zu hören; aber Clement kann nicht spielen – er hat nun gar keine Geige mehr – er hat alle beide, die Groschen- und die kostbare Geige, auf irgend einem Altar (mit Trankopfer) dargebracht! Der zweiten Großmuths-Geige soll es nicht besser ergangen sein, bis Alexander dem umgekehrten Diogenes beiläufig sagen ließ: „Gehen Sie gefälligst aus meiner Ducaten-Sonne, nehmen Sie Ihre Tonne in Acht, denn so viel Geld, als Sie dafür brauchen, habe ich nach dem Kriege gar nicht.“

Clement war schon Geigenvirtuose im siebenten Jahre und von allen Höfen gehätschelt. Sein Vater, ein herrschaftlicher Tafeldecker, lehrte ihn selbst das Geigen, die Catalani reiste längere Zeit mit ihm, bei Haydn’s großem Doctorfest in London war er der erste Solist, König Georg sein Gönner, in Prag wirkte er an der Seite C. M. v. Weber’s, in Wien an der Seite Seyfried’s, bei welchem Capellmeister er treu zur Rechten ruht als erster Geiger.

Es mußte, die unerhörteste Macht des Weines sein, wenn er ankämpfend gegen ihn so weit unterlag, daß er irgend eine durchgelesene Partitur nicht ohne hineinzusehen trefflich dirigiren konnte, und jener Wein war gar nichts werth, der ihn nicht so inspirirte, daß er alles mögliche einmal Gehörte in vollster Reinheit und bewältigendster Tonfülle wiedergab. – Die alten Fiaker in der Nähe des Theaters an der Wien und dessen Wirthshäusern wußten in den dreißiger Jahren schon im dichtesten Dunkel der Nacht, wen eine sorgsame Frau mit den schwierigsten sonderlichsten Manövern dahintransportirte – es war der „Congreß-Geiger“, den seine Frau kummervoll und frierend vor einer Wirthshausthüre bis tief in die Nacht erharrt hatte, um ihn vor Schaden zu wahren.

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Wenn der liebe Herrgott nach des Dichters Ausspruch „griff in das Paradies um einen Weinstock süß“, so hat sich Clement sicher in jener Gegend angesiedelt und spielt dafür allen Engelschaaren oben die erstaunlichsten Passagen und Variationen. – Und wenn Haydn, Mozart, Gretry, Cherubini, Mehul, Beethoven etc. etwas in ihren Werken vergessen haben, so wenden sie sich sicherlich an den alten Seyfried, der darin noch besser Bescheid wußte, als sie selbst. Bei Nacht erheben sich wahrscheinlich Beethoven und Schubert und klopfen dem Capellmeister leise auf die Schulter; und sobald der nahe Geiger klopfen hört, erhebt er sich auch im Sternenschimmer und setzt sich mit der Geige auf sein Grab, und die Vöglein hören im Traume aus den Flageolett-Tönen, welche Stümper sie sind, und es entstehen ringsum die wunderbarsten Sänge, Chöre und Klänge. Das schlafende Wien nicht und kein menschliches Ohr vernimmt es; wenn die Sterne verglimmen und aus der Nacht der Tag sich gebärt, da ist Alles wieder still und starr – ein Leichenplatz – ein Friedhof!

Beethoven – Schubert – Seyfried – Clement, es spricht sich, wie von den vier Saiten einer gewaltigen Lyra, die Welt oder wenigstens „Herz“ heißt. – Hier bedeutet das Ganze nur eine Spanne Friedhofssand.

Die Männer, die sich im Leben nahe waren, ruhen nun fast nebeneinander in Frieden. Die umstehenden zahlreichen Kreuze und Steine sind wie ein rastlos horchendes Publicum, das diesen Meistern und ihren Concerten zuhört. Stürzend und zu ihren Füßen rollend unterbrechen sie manchmal, sonderbar applaudirend, die Stille. Sie werden fast sämmtlich zerbröckelt sein und vergehen; aber diese Steine wird eine ehrfurchtgebietende Macht erhalten und unangetastet stehen lassen, wie jenen Gellert’s zu Leipzig an der Stelle, wo ein Friedhof war und alle Gräber verschwunden sind, bis auf das eine.

Treten wir zurück von diesem stillen, geweihten Orte, gedenken wir, das Gitter schließend und dem Gewirre der Stadt entgegen gehend, nur jener Worte eines Isis-Tempels, die Beethoven mit eigener Hand sich abschrieb und vor sich auf den Schreibtisch stellte: „Ich bin, was da ist, ich bin Alles, was war und sein wird. Kein sterblicher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben!“