Das deutsche Lied und Frau Schröder-Devrient

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Titel: Das deutsche Lied und Frau Schröder-Devrient
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 192
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[192] Das deutsche Lied und Frau Schröder-Devrient. Es ist so viel über die Bedeutung des deutschen Liedes und dessen Mission geschrieben worden, daß es Wasser in die Donau tragen hieße, wollte man noch einmal in Ausführlichkeit darauf zurückkommen. Ueberall, wo das deutsche Lied erklingt, erobert es im Sturme die Herzen und schmiedet Fesseln der Sympathie für unser schönes Vaterland. Dort, wo man – Dank unserer politischen Schwäche – Deutschland und der Deutschen sonst nur mit höhnischem Achselzucken gedenkt, in den parquetirten Salons von Paris und London und Petersburg, da durchwandert der deutsche Genius siegend die Säle in Gestalt des „deutschen Liedes“ und die stolzen Lady’s und reich geschmückten Herzoginnen des Kaiserreichs unterwerfen sich tiefergriffen der Macht des unwiderstehlichen Eindrucks. Singend und klingend lebt es im Herzen des Deutschen fort, wohin und wie weit er sich auch fortwendet von dem Vaterlande. Der Auswanderer in Amerika, der tief in den Wäldern oder Prairien mit Groll im Herzen des Lande gedenkt, das einst seine Heimath hieß, er zerdrückt die Thräne im Auge, wenn in der Ferne ein deutsches Lied erklingt, das mit einem Schlage alle die süßen Erinnerungen an die schon halb vergessene und doch so liebe Heimath zurückzaubert. Mit seiner Einfachheit, mit seiner tiefgefühlten Wahrheit, mit seiner Innigkeit und Wärme kettet es die Herzen an unsere nationalen Klänge, die so schön, so lieb und ergreifend keine zweite Nation zu schaffen vermag,

Um die hohe Bedeutung und Macht des deutschen Liedes begreifen und würdigen zu können, muß man es aus dem Munde von Sängern oder Sängerinnen hören, die ein Herz haben für deutsche Kunst und deutsche Auffassung. Deutschland ist nicht arm an ausgezeichneten Sängerinnen, die ihre schöne Kunst zu etwas mehr als zu Rouladen und Trillern verwenden, aber was Innigkeit und Feuer des Vortrags, was Verständnis; des deutschen Liedes anlangt, werden sie alle überstrahlt von einer jetzt schon alternden, aber musikalisch ewig jungen und genialen Frau – der Schröder-Devrient. Wer diese Frau – sie ist im Jahre 1806 geboren – vor wenigen Wochen in Dresden und Leipzig gehört, wie sie excellirte in den Schubert’schen und Schumann’schen Liedern: „Der Wanderer“, „Trockne Blumen“, „Ungeduld“, „der Erlkönig“, „Ich grolle nicht“, im Mendelsohn’schen: „Es ist bestimmt in Gottes Rat!“; diese Lieder, die wir Alle so oft und übersatt und doch niemals so innig, so groß gedacht und tief gefühlt, wie von dieser Frau, gehört haben, der wird und muß uns bei stimmen. Jedes Lied ist eine Herzerquickung, der Ton fällt wie frischer Thau in die Seele! Deutsches Wesen und deutsche Innigkeit bat vielleicht nie eine deutsche Sängerin so großartig und herzinniglich aufgefaßt, wie diese geniale Frau, an der die Jahre machtlos vorüberstrichen.

K.