Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 59 (1890), ab Seite: 9. (Quelle)
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Wurth, Johann (Pädagog, geb. zu Trumau unweit Baden in Niederösterreich 9. Juli 1828, gest. zu Münchendorf bei Laxenburg am 8. Juli 1870). Sein Vater war ein armer Weber, die Mutter eine tiefreligiöse Frau, die das Gemüth des talentvollen Knaben durch ihre Gabe, Geschichten, Sagen und Märchen zu erzählen und volksthümliche Lieder zu singen, frühzeitig bildete und sozusagen die Richtung vorbereitete, welche er später einschlug. Johann besuchte die Dorfschule, lernte, in der Spinnfabrik zu Trumau beschäftigt, das Elend des Fabriksarbeiters aus eigener Anschauung kennen und widmete sich auf Rath eines Priesters aus dem Stifte Heiligenkreuz der pädagogischen Laufbahn. Achtzehn Jahre alt, fand er Aufnahme im pädagogischen Institute zu St. Anna in Wien, wo er auch musicalischen Unterricht genoß. Im August 1847 erhielt er den Posten eines Schulgehilfen in Münchendorf bei Laxenburg. Dort verbrachte er bis 1851 eine schwere Leidenszeit, da sein Vorsteher, der Hauptlehrer, ein roher dem Trunke ergebener Patron war, der dem armen Gehilfen bittere Stunden bereitete. 1851 kam er endlich als Gehilfe nach Gaden und bald darauf nach Heiligenkreuz, wo er, wie er selbst schreibt, die glücklichsten Jahre verlebte. Die Einförmigkeit seines pädagogischen Berufes würzte er durch fleißige Lecture, an der es ihm nicht mangelte, da er alles ersparte Geld auf Ankauf von Büchern, Karten und Kupfern verwendete, so daß sich bei seinem Tode die für einen Schullehrer ansehnliche, auch werthvolle linguistische Werke, Sagen und Liedersammlungen, gelehrte Zeitschriften u. s. w. enthaltende Bibliothek von über 2000 Bänden vorfand. Auch knüpfte er frühzeitig Verbindungen mit Forschern auf dem Gebiete an, das er selbst bebaute, wir nennen unter denselben nur Schulrath Becker, Hugo Mareta, Theodor Vernaleken, Dr. Firmenich, Dr. Frommann, Prof. Weinhold, Ignaz Zingerle, Franz Pfeiffer. Im Frühjahre 1857 wurde er vom Stifte Heiligenkreuz in „Anerkennung seines besonderen Fleißes und Eifers“ zum Schullehrer in Münchendorf ernannt, wohin er freilich, da, er den unliebsamen Ort aus der Zeit seines ersten Lehramtes kannte, mit Widerstreben übersiedelte, und wo ihm den Aufenthalt nur ein trauliches Familienleben – er hatte noch in Heiligenkreuz [10] Karoline Weißenberger, die Schwester der dortigen Stiftsgärtnerin, als Ehefrau heimgeführt – erträglich machte. In Münchendorf lebte er, ohne selbst Anlaß zu geben, in steter Fehde mit dem Pfarrer und der Gemeinde. Ersterem schien er zu gelehrt, und da er ein stiller in sich verschlossener Mann war, der am liebsten daheim bei den Seinen und bei den Büchern saß, stolz; die Gemeinde, welche, wie dies so oft der Fall, dem Schullehrer immer über sein will, reizte er, indem er das Wirthshaus mied und den nichtsnutzigen Bauernrangen gegenüber, die in der Schule das Lied pfiffen, welches die Eltern daheim sangen, mit Strenge begegnete. Wurth’s Tagebuch berichtet genug von den gemeinen Nörgeleien, die er von den rohen Bauern zu erdulden hatte. Für das Alles fand er bei Frau und Kindern, bei seinen Büchern, in der Poesie, in seinen Arbeiten, Forschungen und Sammlungen ausgiebigen Trost. Proben seiner Dichtungen, die einen mehr elegischen Charakter an sich tragen, finden wir in Wurth’s Monographie von Landsteiner. In seinem Beruf als Lehrer wirkte er auch schriftstellerisch und war ein fleißiger Mitarbeiter des „Oesterreichischen Schulboten“, des „Oesterreichischen pädagogischen Wochenblattes“ und der von Spitzer redigirten „Allgemeinen österreichischen Schulzeitung“. Im Schulboten veröffentlichte er unter andern: „Ueber Perlenfischerei“ [1863, Nr. 20]; – „Die M. Leonhard’sche Stiftung für Schullehrer-Witwen und -Waisen“ (ebd.]; – „Die Anfänge der Seidenzucht in Münchendorf“ [1868, Nr. 24]; – „A. Nitsche, ein österreichischer Lehrer und Dichter“ [1869, Nr. 19]; im pädagogischen Wochenblattte: „Ueber den Maulwurf“ [1864, Nr. 28]; – „Joh. Michael Leonhard“ [1865, Nr. 6]; – „Biographische Skizzen von Jugendgenossen“ [ebd., Nr. 22, 23, 24 und 25]; – „Nachruf an P. Adolf Reindl“ (ebd., Nr. 42]; in Spitzer’s Schulzeitung: „Ein seltenes Fest zu Münchendorf“ [1866, Nr. 26]; – „Der älteste Schullehrer Niederösterreichs, Leopold Huber in Sulz“ [ebd., Nr. 27]; – „Erlebnisse eines Schullehrers aus dem V. U. M. B. während der preußischen Invasion im Juli 1866“ [ebd.] Eine vollständige Uebersicht der pädagogischen Artikel Wurth’s, nahezu deren 80, welche die mannigfachsten Schulfragen mit Sachkenntniß und die heikelsten mit Ruhe und Anstand behandeln, theilt Landsteiner in der schon erwähnten Monographie mit. Die Hauptthätigkeit Wurth’s aber ist auf mundartlichem und culturhistorischem Gebiete zu suchen. Doch gelang es ihm nicht, mit einem selbständigem Werke aufzutreten; was er aber den oben genannten Gelehrten für ihre lexikalischen, grammatischen und ethnographischen Werke lieferte, grenzt ans Unglaubliche. Dabei theilte er dies Alles ohne Entgelt mit, und die kargen Honorare, welche ihm die erwähnten pädagogischen Blätter zahlten, sind kaum nennenswerth. Reich waren besonders seine Sammlungen von Liedern und Volksüberlieferungen, welche das ganze große Gebiet dieses höchst interessanten Stoffes umfaßten, dann die Sammlungen über Volksbräuche, Aberglauben u. d. m., welche das sogenannte Bauernjahr in seinen Festen und Bräuchen, verschiedene Gewohnheiten und Rechtsgebräuche, Geburt und Taufe, Kinderjahre, Kindertod, Liebe, Hochzeit und Ehe, Tod und Begräbniß, Seelen, Geister, Krankheiten, Haus und Hof, verschiedene Segnungen, Träume, Hexereien, [11] Teufelsaberglaube, verschiedene mythische Gestalten, Thiere, Pflanzen, Steine, Himmel und Gestirne, Elemente, Wetterzeichen, Witterungsregeln, Wochen- und Unglückstage enthielten und weit über 1000 Nummern in einer großen Anzahl von Heften umfaßten. Ein Theil der Sammlungen, und zwar jener der grammaticalischen Forschungen und der Lieder gelangte in J. M. Wagner’s (auch bereits gestorben), jener der Sagen, Bräuche u. s. w. in Landsteiner’s Besitz. Da das Werthvollste, was Wurth besaß, nie im Druck erschienen, so wurde eine Veröffentlichung gewünscht und erhofft, ist aber bis jetzt – bald zwei Decennien – nicht erfolgt. Es ist bewunderungswürdig, wie vielfältig die Thätigkeit dieses unermüdlichen Landschullehrers – den ich persönlich kannte – war, und beklagenswerth, daß die äußeren unerquicklichen Verhältnisse, in denen er lebte, den gewaltigen Aufschwung seines Geistes, der unter glücklicheren Umständen noch segensreicher gewirkt haben würde, hemmten. Seine Tagebücher, welche in vier Bänden die Jahre 1847–1870 umfassen, und seine Sammlungen enthalten eine Fülle von Materialien, welche für pädagogische und culturelle Zwecke noch heute zu verwerthen wären. Bei seinen Standescollegen galt er als Rückschrittsmann, weil er, entgegen dem Zuge der Zeit, gegen die Trennung von Kirche und Schule war. Er war es aber mit gutem Bewußtsein und richtigem Tacte und eiferte nur deshalb gegen die Uebergabe der Schule an die Gemeinde, weil er die Rohheit der Bauern, die Verlotterung der Landgemeindewirthschaft, die sich wohl um Schänken und Bierhäuser, aber blutwenig um die Schule zu kümmern pflegt, aus bitterer Erfahrung kannte.

Landsteiner (Karl). Ein österreichische Schulmeister (Wien 1872, gr. 8°.) 91 S. – Feuilleton des „Neuen Fremden-Blattes“ 5. September 1872, Nr. 244. Von N. M. – Kehrein (Joseph). Biographisch-literarisches Lexikon der katholischen deutschen Dichter, Volks- und Jugendschriftsteller im 19. Jahrhundert (Zürich, Stuttgart und Würzburg 1871, Leo Wörl, gr. 8°.) Bd. II, S. 269.