BLKÖ:Wallis, Patriz Olivier Graf

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 52 (1885), ab Seite: 269. (Quelle)
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Wallis, Patriz Olivier Graf (k. k. Feldmarschall-Lieutenant und Ritter des Maria Theresien-Ordens, geb. zu Dublin 1724, gest. zu Prag 14. November 1787). Er gehört keiner der in der Stammtafel ausgewiesenen Linien dieser Familie an. Sein Vater Lucas Freiherr von Wallis starb 1726 als Hauptmann im kaiserlichen Heere. Sechzehn Jahre alt, trat Patriz Olivier in österreichische Dienste und stand bei Beginn des siebenjährigen Krieges (1756–1763) als Hauptmann im 22. Infanterie-Regimente. Bei Prag, 1757, that er sich so hervor, daß er auf dem Schlachtfelde zum Major befördert wurde. Während der Belagerung von Schweidnitz durch die Preußen (1758) schloß er mit General Treskow die Capitulation ab, blieb als Geisel zurück, gerieth mit der Besatzung in Gefangenschaft und rückte nach seiner Ranzionirung zum Oberstlieutenant vor. Bei Landshut am 23. Juni 1760 hatte er seinen Ehrentag. Die beiden Grenadierbataillone, welche die zwei feindlichen Hauptredouten erstürmten und erstiegen, unterstützte er mit seinem Regimente, dann griff er den zurückgedrängten Gegner an, als dieser auf dem starkbefestigten Kirchberg neuerdings Stellung nahm und Widerstand leistete, und obgleich die Verluste des Regiments sehr beträchtlich waren – sie betrugen bereits 355 Mann, und Wallis selbst war verwundet – so setzte er doch den Kampf so lange mit aller Energie fort, bis das Regiment Deutschmeister zur Unterstützung herankam, worauf der Feind mit dem größten Theile seiner Artillerie gezwungen wurde, sich zu ergeben. Wallis rückte zum Obersten vor. Als im Feldzug 1761 Schweidnitz mit Sturm genommen werden sollte, erbat er sich, jene Colonne führen zu dürfen, welche die Bestimmung hatte, das sogenannte Galgenfort anzugreifen. Dieses sehr stark befestigte Fort war nämlich das wichtigste, nicht nur weil es von dem ob seiner Bravheit gerühmten preußischen Regimente Treskow vertheidigt [270] wurde, sondern auch weil es durch seine günstige Lage einen großen Theil der übrigen Werke beherrschte. Des Grafen Gesuch ward angenommen. Nun commandirte als eigentlicher Chef Generalmajor Freiherr von Amadei jene Colonne. Doch hatte Wallis, da er das Terrain der Festung sehr genau kannte, von dem Feldmarschall Loudon die Erlaubniß erhalten, den Angriffsplan zu entwerfen. Die zum Angriffe, welcher in der Nacht stattfinden sollte, bestimmte Truppe bestand aus zwei Grenadier- und vier Musketier-Bataillonen. Graf Wallis theilte nun die sechs Bataillone in vier Colonnen, deren erste er selbst gegen das Fort führte, die zweite unter Major Grafen Truchseß griff die Verbindungslinie zur Rechten, die dritte, an deren Spitze Major Pattul stand, jene zur Linken, die vierte, commandirt vom Grafen Dombasle, die Galgenredoute an. Die allem Anscheine nach von dem Angriff benachrichtigten preußischen Bataillone standen schon seit der fünften Nachmittagsstunde in Bereitschaft und empfingen die Stürmenden mit einem mörderischen Kartätschen- und Musketenfeuer. Viermal wichen die Bataillone der ersten Colonne mit außerordentlichem Verluste von den Pallisaden des bedeckten Weges bis hinter die Wolfsgruben zurück. Immer wieder ordnete sie ihr tapferer Führer und eiferte sie endlich zum fünften Sturme an, indem er sich wieder selbst an die Spitze stellte und Allen voran in den bedeckten Weg sprang. Vier Grenadier-Compagnien der ersten Colonne waren schon bei dem ersten Sturme dahin gedrungen und hatten sich auch tapfer behauptet, aber dem concentrirten feindlichen Feuer ganz ungedeckt preisgegeben, schmolzen sie so zusammen und fanden sich durch die Anstrengung des langen Kampfes so erschöpft, daß sie die Ersteigung nicht auszuführten vermochten. Hinter den stürmenden Colonnen stand ein Bataillon Loudon-Infanterie als Reserve. Zu diesem eilte nun Graf Wallis und mit den Worten: „Kinder, erinnert Euch, daß unser Regiment den Namen Loudon führt“, feuerte er es zum Angriff an, und die Loudoner folgten todesmuthig ihrem Heldenführer. Zwei auf dem Wege Vorgefundene Leitern wurden von den Officieren erfaßt und der Mannschaft voran bis zum bedeckten Wege getragen. Auf diesen beiden Leitern stiegen nun die Loudoner, unbeirrt durch den Hagel von Kugeln, der rechts und links einschlug, auf die Enveloppe, dann in den Hauptgraben und zuletzt auf die Brustwehr des inneren Werkes und drangen mit solchem Ungestüm vor, daß die Preußen, so wackeren Widerstand sie auch leisteten, zuletzt doch um Pardon bitten und ihre zehn Fahnen nebst den Kanonen des Forts den heldenkühnen Stürmern als Siegeszeichen überlassen mußten. Etwas abweichend, vornehmlich in den Namen der Führer der Sturmcolonnen, berichtet darüber Julius Eckardt in seinem Werke: „Russische und baltische Charakterbilder aus Geschichte und Literatur (Leipzig 1876). Diese auch sonst interessante Stelle lautet: „Schweidnitz war nicht nur ein wichtiger, sondern auch starker Platz und zählte 3900 Mann Besatzung. Die Angreifer, welche in vier Colonnen unter Führung des Generals Giannini, dann der Oberste O’Donnell, Graf Wallis, Kaldwell, Fink, Rumel und De Vins vorrückten und um 1/23 Uhr Morgens auf Befehl des den Angriff leitenden Generals Amadei zum Sturm schritten, wurden mit furchtbarem Geschütz- und Kleingewehrfeuer empfangen und konnten nur Schritt um Schritt [271] Boden gewinnen. Mit dem Platze zugleich gelangten in die Hände des Siegers 211 Geschütze, 12 Centner Pulver, 123.000 Kanonenkugeln, 3/4 Millionen Flintenkugeln, 6290 Kartätschenpatronen, 40.000 Bomben, 30.000 Portionen Brod, 354.780 Portionen Zwieback, 18.000 Scheffel Mehl und 104.900 Scheffel Getreide. Niemand wollte die Nachricht von dem Falle der Festung dem Könige mittheilen, und als ein Adjutant dies that, fand er keinen Glauben. So vollständig, schreibt Eckardt, war der König von der Unmöglichkeit dieses Wagestückes – das dem Feldmarschall Loudon feindlich gesinnte Officiere später einen „Croatenstreich“ nannten! – erfüllt, daß er den Unglücksboten mit den kurzen Worten: „Ich sag’ ihm aber, es ist nicht wahr – schere er sich zum Teufel!“ abfertigte. In der 7. Promotion vom 30. April 1762 erhielt Oberst Wallis das Ritterkreuz des Maria Theresien-Ordens. Nach dem Friedensschlusse, 1763, entwickelte er bei Einführung eines neuen Systems der Waffenübungen große Thätigkeit. 1767 erfolgte seine Erhebung in den Grafenstand. 1771 zum Generalmajor befördert, wurde er Waffeninspector der Infanterie in Böhmen und 1777 Inhaber des 35. Infanterie-Regiments. Da in Folge der 1771 angeordneten Robotregulirungen in Böhmen unter der ländlichen Bevölkerung ernste Unruhen ausbrachen und immer größere Ausdehnung nahmen, so daß endlich auch die schärfsten Maßregeln nicht den erwarteten Erfolg brachten, erließ die Kaiserin das Patent vom 13. August 1775, dessen Kundmachung jedoch in ganz feierlicher Wehe durch einen kaiserlichen Commissar vor sich gehen sollte, welcher mit militärischem Pomp durch das Land zu leiten und in jeder Kreisstadt von zwei Richtern und einer Anzahl freigewählter Abgeordneten aus jedem Gute zu erwarten war. Diesen wurde dann in der Sprache des Kreises das Gesetz vorgelesen und der Inhalt desselben erklärt. Die Wahl zum kaiserlichen Commissär fiel auf Wallis, dem gleichzeitig die geheime Rathswürde verliehen ward. Im Februar 1778 erfolgte die Ernennung des Grafen zum Feldmarschall-Lieutenant, als welcher er im Alter von 63 Jahren starb.

Archenholtz (Johann Wilhelm von). Geschichte des siebenjährigen Krieges in Deutschland. (Leipzig o. J., Reclam 12°.) II. Theil, S. 143 u. f. [Archenholtz gedenkt daselbst [Bd. II, S. 150 u. f.] auch des verruchten Complots des Barons Warkotsch ]siehe diesen im nächsten Bande] und bringt damit einen Grafen Wallis, damaligen k. k. Obersten, in Verbindung. Nachdem der Plan glücklicher Weise mißlungen und der Wiener Hof alle Theilnahme daran entschieden in Abrede gestellt hatte – wie es ja auch der Fall war – erklärte auch die Familie der Grafen Wallis öffentlich, daß der mit Warkotsch im Einverständniß gewesene Oberst Wallis mit ihrem Hause gar nicht verwandt sei. Wahrscheinlich ist es der Folgende.]