BLKÖ:Senfft von Pilsach, Friedrich Christian Ludwig Graf

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Senefelder, Alois
Band: 34 (1877), ab Seite: 108. (Quelle)
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Senfft von Pilsach, Friedrich Christian Ludwig Graf, genannt: Lhaun (Staatsmann, geb. zu Oberschmon in Thüringen 4. Jänner 1774, gest. zu Innsbruck 17. Februar 1853). Der Beiname Lhaun entstand durch Adoption von Seite des kursächsischen Hofrathes Lhaun, Rittergutsbesitzers in Thüringen. S. entstammt einem alten, seit 1490 näher bekannten, aus der Pfalz nach Hessen und Sachsen und später nach Pommern, in die Mark, nach Schlesien, und in die Rheinlande gekommenen Adelsgeschlechte, welches in Hessen das Erbküchenmeisteramt und einen Burgmannssitz zu Gießen besaß. Den sächsischen Grafenstand erhielt der obige Friedrich Christian Ludwig mit Diplom ddo. 11. März 1812. Nachdem S. zu Leipzig die Universitätsstudien beendigt, wurde er 1793 als Assessor bei der Landes-Regierung in Dresden angestellt und 1796 zum Hof- und Justizrath ernannt. Nach der Rückkehr von einer Reise in Italien hielt er sich längere Zeit bei den sächsischen Gesandtschaften in Regensburg und beim Congreß zu Rastadt auf, wo der damalige sächsische Gesandte, nachmalige Cabinetsminister Graf von Lüben ihm sein ganzes Wohlwollen zuwandte. Bei seiner Rückkehr nach Dresden wurde er zum Appellationsrath und 1801 zum geheimen Referendar befördert. Im Frühjahr wurde er zum Gesandten am Pariser Hofe ernannt, nach dem Posener Frieden zur Besorgung der Geschäfte des sächsischen Hofes bei Napoleon 1807 nach Berlin gesendet, von wo er in seine frühere Eigenschaft nach Frankreich zurückkehrte. Auf Befehl seines Hofes folgte er dem Kaiser im April 1808 nach Bayonne, blieb daselbst bis zur Rückkehr des kaiserlichen Hofes nach Paris und war Zeuge der Ereignisse, welche die verhängnißvolle spanische Verwicklung herbeiführten. Nach dem Tode des Grafen Bose 1809 trat er als Cabinetsminister in das sächsische Ministerium und leitete in demselben die auswärtigen Angelegenheiten. Im Sommer 1810 und im Herbst 1811 begleitete er seinen König nach Warschau. Im Frühjahr 1812 fand S. den Kaiser Napoleon, als er im Mai auf seinem Zuge nach Rußland in Dresden verweilte, im Zenith seines Glückes. Wenige Monate später, am 17. December, begegnete er dem Kaiser bei dem französischen Gesandten Serra in Dresden, wohin sich Senfft mit seinem Könige zur Nachtzeit begeben hatte, Napoleon aber auf der Flucht aus Rußland daselbst verweilend, noch sein Unglück verbarg. Als im Februar 1813 die russisch-preußischen Truppen sich Sachsen näherten, folgte S. seinem Könige über Plauen, Regensburg, Linz und Prag, und übernahm, als während der Reise der Cabinetsminister Graf von Hopfgarten starb, provisorisch das Departement des Innern. Nun war S., den sein König mittlerweile „aus höchst eigener Bewegung, um ihm wegen treuer und rühmlicher Dienstleistungen als Gesandter u. s. w. ein Merkmal der gnädigsten Gesinnung zu geben“ in den sächsischen Grafenstand erhoben hatte, sorgsam bemüht, ein Einverständniß mit dem österreichischen Hofe einzuleiten, noch aber war nach der Lützener Schlacht die Sachlage nicht danach geartet, um seinen Bemühungen [109] einen Erfolg zu Theil werden zu lassen. Als daher der König am 7. Mai sich entschloß, von Prag nach Dresden zurückzukehren, mußte S. auf Napoleon’s Befehl sein Portefeuille in die Hände des Königs zurücklegen und begab sich zunächst nach Gratz, später aber in die Schweiz. Nachdem die Schlacht bei Leipzig geschlagen war, eilte S. sofort in das Hauptquartier der Verbündeten, und war so glücklich, zu Frankfurt im Interesse des sächsischen Hauses mehrere nicht unwesentliche Dienste zu leisten. Da jedoch seine Verwendung in den Angelegenheiten des Königs augenblicklich einigem Anstand zu unterliegen schien, trat er in die Dienste des Kaisers von Oesterreich, wurde zunächst geheimer Rath und Kämmerer und im December 1813 mit einer Sendung in die Schweiz beauftragt, durch welche der Durchmarsch der österreichischen Truppen durch das eidgenössische Gebiet und die neue politische Gestaltung der Schweiz eingeleitet wurden. In der Schweiz nämlich waren durch die Erfolge der Alliirten die Parteien heftig an einander gerathen. Die Aristokraten als Anhänger des Alten, triumphirten über die neuen Verhältnisse, während die Freunde des Bestehenden hofften, durch zweckmäßige und ruhige Reformen das Mangelhafte und Fehlende in der Bundesurkunde zu ergänzen und das Ganze im Sturme zu retten. Die Tagsatzung versammelte sich am 15. November 1813 in Zürich und erklärte am 18. November die Neutralität der Schweiz, rief aber nur 12.000 Mann unter Waffen, welche die lange Grenze von Tirol bis Basel decken sollten, und die überdieß unter Anführern standen, welche mit den Interessen der Aristokraten eng verbunden waren. Indessen mehrten sich die inneren Verwicklungen, inbesondere als Abgesandte der Berner Aristokratie bei den Monarchen in Frankfurt ganz falsche Berichte über die Lage der Schweizer gemacht und den gegenwärtigen Bundeszustand als einen Theil des französischen Systems denuncirten, welches mit diesem zugleich fallen und darauf die alte Ordnung der Dinge, wie sie vor 1798 bestand, wiederhergestellt werden müsse. In diesem Sinne wirkte ein geheimer Verein von Aristokraten zu Waldshut auf die inneren Verhältnisse der Schweiz und die Hindernisse räumte zahlreich ausgespendetes englisches Geld aus dem Wege. Die Alliirten betraten Schweizerboden, die eidgenössischen Truppen verließen ohne Gegenwehr – ihr Anführer Rudolph von Wattenwyl war selbst in die Pläne der Aristokraten eingeweiht und nahm Theil an den Umtrieben gegen sein Volk – die Rheingrenze in solcher Eile, daß selbst mehrere Posten unabgelöst stehen blieben! Muthlos, rathlos war das Volk. Die Proclamationen des Oberfeldherrn Fürsten Schwarzenberg und die Versicherungen der aus dem Hauptquartiere abgeordneten Diplomaten, des Ritters von Lebzeltern und Kapodistrias, lauteten beruhigend: eine Neutralität könne nicht zugestanden werden, die blos dem Namen nach bestehe; aber die Heere der Verbündeten hofften in der Schweiz nur Freunde zu finden; die Monarchen würden die Waffen nicht eher niederlegen, bis der Schweiz die Wiederherstellung der ihr von Frankreich entrissenen Gebietstheile gesichert sei; in die inneren Verhältnisse und Verfassungssachen würden sich die Monarchen nicht mischen, aber auch nicht dulden, daß die Schweiz einem fremden Einflusse unterworfen bleibe; ihre Neutralität werde von dem Tage an anerkannt werden, wo sie frei und unabhängig [110] dastehe. Wie das Alles zu verstehen sei, ließ nicht lange auf sich warten, denn noch am selben Tage, als eine Abtheilung österreichischer Truppen den Canton Bern betrat, wurde die Mediationsregierung zur Abdankung genöthigt und die Patricier der Stadt ergriffen von neuem das Regiment. Graf Senfft von Pilsach hatte Alles vorbereitet, denn er war am 19. December 1813 nach Bern gekommen, hatte sich in einer Versammlung des Staatsraths als Beauftragten des österreichischen Cabinets vorgestellt und folgende Mittheilung gemacht: „Die Constitution des Cantons Bern, welche auf die Mediationsacte gegründet, das Gepräge fremder Willkür trage, können keinen Tag länger bestehen. Bern solle wieder sein, was es war und sein müsse, das Herz und Bollwerk der Schweiz; es solle wieder in den Zustand von 1798 zurücktreten, dieß sei der Sinn und Wunsch der Alliirten und zugleich die Bedingung ihres Schutzes und Wohlwollens. Am nächsten Tage würden die alliirten Truppen Schweizer Gebiet betreten. Diese Versicherung sei er beauftragt, im Namen der alliirten Mächte zu ertheilen, deren Wunsch es zugleich sei, daß die Berner Regierung sich den Ruhm dieses Ereignisses selbst erwerbe, mithin dem wirklichen Einmarsch der Truppen zuvorkommen; daß Bern heut noch erringe, was in zwei Tagen schon als aufgedrungen erscheinen könnte.“ So hatte Senfft seine neue Stellung in österreichischen Diensten inaugurirt. Mit den Häuptern der Schweizer Aristokratie im genauen Einverständnisse handelnd, war es dem gewandten Diplomaten gelungen, die eingeschüchterte Mediationsregierung zum Rücktritte zu bewegen, denn schon am 23. December legte sie die ihr vom Volke rechtmäßig übertragene, durch die Vermittelungsacte garantirte Gewalt in die Hände der noch vorhandenen Mitglieder der alten Patricier-Regierung nieder. Bern’s Beispiel fand Nachahmung: in Luzern setzte ein verschworener Haufe von Adeligen die Volksregierung mit Gewalt ab und proclamirte die Aristokratie; das Gleiche geschah in Solothurn, in Freiburg. In Zürich hob die Tagsatzung die Mediationsacte auf und entwarf die Grundlage eines neuen Bundes der neunzehn Cantone, woran Graf Senfft einen wesentlichen und, wenn man diesen Bundesvertrag genau prüft, wenig rühmlichen Antheil hatte. Nach langwierigen Verhandlungen und Berathungen von Seite der Cantone und der Diplomaten der alliirten Regierungen kam am 27. Mai 1815 die feierliche Beitrittserklärung der Tagsatzung zur Urkunde vom 8. September 1814 zu Stande. In Folge derselben wurde die Schweiz wieder ein Muster aller politischen Formen, von der reinen Demokratie an durch Aristokratie und Oligarchie hindurch bis zur Monarchie, Jeder Canton war souverän und konnte in seinem Innern nach Belieben schalten. Das durch die Mediationsacte gewährleistete Niederlassungsrecht aller Schweizer in jedem Cantone, die gänzliche Handelsfreiheit zwischen den Bürgern der verschiedenen Cantone und manches Andere, was das Gefühl der Nationalität gehoben hatte, wurde vernichtet. Graf Senfft, der sich das Jahr 1814 hindurch längere Zeit in Constanz aufgehalten, begab sich von dort nach Wien, wo er 1815 den Abschied nahm, später nach Regensburg. Seit der Rückkehr des Königs von Sachsen, der ihm bei Gründung des neuen Orden „Für Verdienst und Treue“ das Großkreuz desselben verliehen hatte, in sein Land zurückgekehrt, lebte der Graf auf den Gütern seiner Gemalin, [111] Henriette geborenen Gräfin Wertheim-Beichlingen (geb. 1774), mit der er sich im Jahre 1801 vermält hatte, unweit Leipzig; seit 1817, entfernt von allen Geschäften, in Paris, wo er in Februar 1819 mit seiner Frau und einzigen Tochter zur katholischen Kirche übergetreten war. Nach einer Reise, welche er im Sommer 1823 nach Wien unternommen, wurden seine früheren Verhältnisse im österreichischen Dienste, denen sein Glaube nun nicht mehr hindernd im Wege stand, unter Verwendung des Fürsten Metternich wieder angeknüpft und 1825 erhielt der Graf die Bestimmung als k. k. Gesandter an den Hof in Turin. Daselbst wurde ihm im Jänner 1831 die Leitung der Verhandlungen, welche die Vermälung des Erzherzogs Ferdinand damaligen Königs von Ungarn, mit der Prinzessin Maria Anna von Sardinien betrafen, in Eigenschaft eines außerordentlichen Botschafters übertragen. Im Februar 1831 wurde er nach Wien berufen und daselbst bis October 1832 in den Geschäften in der Staatskanzlei verwendet. Darauf begab er sich als kaiserlicher Gesandter an den Hof von Florenz, 1836 in den Haag, war 1839 bei der Conferenz in London thätig und dann bis 1848 außerordentlicher Gesandter in München. Nachdem er sich alsdann aus dem Staatsdienste zurückgezogen, verlebte er den Rest seines Lebens in Innsbruck, wo er im Alter von 79 Jahren starb. Seine Gemalin war ihm schon 1836 im Tode vorangegangen. Seine obenerwähnte Tochter Louise von Senfft-Pilsach hat sich in Frankreich, wo sie lange gelebt, durch ihren lebhaften, hochstrebenden Geist, ihre Großmuth und wahre Frömmigkeit in den Kreisen, mit welchen sie in Berührung kam, die allgemeinste Liebe und Achtung erworben. Sie beschäftigte sich auch schriftstellerisch und lieferte namentlich Beiträge für die damals in Modena erscheinenden „Denkwürdigkeit der Religion“, unter anderen über die letzten Lebensmomente des Grafen Stolberg.

Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Zweite Abtheilung, Bd. VIII, S. 982. – Rosenthal (D. A.), Convertitenbilder aus dem 19. Jahrhundert, I. Bd., 1. Abtheilung., Deutschland I. (Schaffhausen, Hurter’sche Buchhandlung, 1865) S. 269.