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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Aus der nordamerikanischen Vogelwelt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 34–35
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[34] Aus der nordamerikanischen Vogelwelt. In den begeisterten Schilderungen der Naturpracht Westindiens, welche Columbus in seinen Briefen und Berichten gegeben hat, ist oft von dem Gesang der Nachtigall die Rede. Der große Entdecker war in einem Irrthum befangen: die Inseln, die er zum ersten Male gesehen hatte, lagen nicht am Ostrande Asiens, sondern gehörten einer „Neuen Welt“ an, und in dieser gab es auch eine besondere Vogelwelt, in welcher andere Sängerinnen unsere Nachtigall ersetzten. Die spanischen Ritter der Conquista, die mit Bluthunden nach den Goldländern zogen, kümmerten sich wenig um diese Sänger des Waldes; anders die „Pilgerväter“, die gekommen waren, um in Neuengland den Wald urbar zu machen: sie lauschten den Liedern der Vögel, die sich in der Nähe der Blockhütten niederließen, und sie fanden bald jene gefiederten Sänger heraus, welche gern in der Nachbarschaft der Menschen nisten.

Als der erste Winter, den die „Pilgerväter“ in Massachusetts zubrachten, zu Ende ging, da erblickten sie in den heimkehrenden Vögeln die Boten des nahenden Frühlings, und zu den ersten dieser Boten zählten zwei liebliche Sänger, der Hüttensänger und die Wanderdrossel. Trotz Schnee und Eis schmetterten diese Vögel ihre Jubellieder hoffnungsvoll durch den kahlen Wald, und die Pilgerväter nannten den einen, der sich durch die rothe Färbung der Brust auszeichnete, Robin (oder Robin Redbreast) und dachten dabei an das trauliche, von ihnen so sehr geliebte Rothkehlchen ihrer Heimath. Es war die Wanderdrossel, welche die ersten Gründer der Vereinigten Staaten in ihr Herz schlossen und die noch heute in den Staaten von Neuengland besonders hoch geschätzt und auf alle Weise gehegt und geschützt wird.

Auf dem Rücken blau, auf der Unterseite braun war der andere Vogel; er war noch zutraulicher als die Wanderdrossel, und die ersten Ansiedler nannten ihn „blaues Rothkehlchen“: jetzt heißt er „Hüttensänger“ oder „Blauvogel“ bei den Deutschen, „Bluebird“ bei den englisch sprechenden Nordamerikanern. Während die Wanderdrossel im Norden besonders beliebt ist, erfreut sich der Blauvogel dieser Beliebtheit überall, wozu nicht nur seine Zutraulichkeit, sondern auch seine Farbenpracht viel beiträgt: „auf dem Rücken des Himmels Aetherblau, auf der Unterseite der Erde bräunliches Gewand!“

Keiner der gefiederten Gartenbewohner zeigt eine solche Anhänglichkeit an den Menschen wie er. Er ist in der That halb zum Hausvogel geworden. Wenn im Urwalde das einfache Blockhaus des Ansiedlers entsteht, so ist er es, der, von Stumpf zu Stumpf fliegend, seine Lieder singt. Er gehört zu den nützlichen Vögeln, da er nur Insekten vertilgt, an Knospen, Beeren, Kirschen oder Trauben sich aber nicht vergreift.

Man sucht ihn darum in Nordamerika, wie bei uns den Staar, durch Nistkästen anzulocken. Leider ist diesem schönen Vogel in neuerer Zeit ein arger Feind erwachsen. Der europäische Sperling, der erst vor wenigen Jahrzehnten nach Amerika eingeführt wurde, hat sich in der Nähe der Städte, wie z. B. Chicago, ins Ungeheuerliche vermehrt und macht dem Hüttensänger den Platz streitig; in der That werden dort, wo die Sperlinge schon zahlreich sind, kaum noch Blauvögel brütend angetroffen. Der Sperling ist aber an dem Verschwinden des Blauvogels nicht allein schuld. Konrad Kretz beschuldigt in seinem Gedichte, das den Hüttensänger verherrlicht, den Rauch und Lärm der Fabriken, das Verschwinden der Wälder – kurz die Kultur und wundert sich nicht:

„Wenn die Wandervögel den Weg verfehlen,
Oder wenn mein Nachbar, der Hüttensänger,
Einen stillen Platz für die Brut sich auf dem
     Lande gesucht hat,
Wo die Luft noch rein ist, wo Flocken Ruß noch
Nicht sein himmelblaues Gewand beschmutzen,
Wo die Nacht noch Nacht ist und müden Wesen
     Heilsamen Schlaf bringt.“

[35] Was uns die Nachtigall ist, das ist dem Nordamerikaner der Spottvogel oder die Spottdrossel. Wie ihr Name besagt, entlehnt sie anderen Vögeln ihre Weisen. Alle diese Töne werden aber so meisterhaft zu einem Ganzen, zu einem „herrlichen Tonstücke“ vereinigt, daß man die Spottdrossel die „Königin des Gesanges“ genannt und sie selbst über die Nachtigall gestellt hat. Die Streitakten über diese Primadonnen der Neuen und der Alten Welt sind noch nicht geschlossen. Der Phonograph wird diese Fragen jedoch bald in neuen Fluß bringen, indem er den bis jetzt so schwer oder gar nicht wiederzugebenden Vogelgesang festhalten kann.

Wanderdrossel, Hüttensänger und Spottdrossel sind die ausgesprochenen Lieblingsvögel der Nordamerikaner und sind auch in unseren europäischen Vogelhandlungen zu sehen und zu hören, ja sie werden bei uns sogar mitunter mit Erfolg im Käfig gezüchtet. Die Spottdrossel allein wird alljährlich in Tausenden von Exemplaren nach Europa ausgeführt, außerdem halten unsere Vogelliebhaber noch eine große Anzahl anderer nordamerikanischer Vögel, unter denen wir z. B. nur die Kardinäle hervorheben möchten. Die Nordamerikaner beziehen dagegen Vögel von uns und neuerdings suchen sie sogar in gewissen Gegenden deutsche Singvögel einzubürgern. So ist das Interesse für die Vogelwelt diesseit und jenseit des großen Wassers rege und diesem Interesse trägt ein neues Werk Rechnung, welches in Milwaukee erscheint: „Die Nordamerikanische Vogelwelt“ von H. Rehrling (Verlag von Geo Brumder, Leipzig, F. A. Brockhaus). Das Werk ist mit farbigen Tafeln nach Vorlagen von Prof. Norbert Ridgway in Washington, Prof. A. Goering in Leipzig und Maler Gustav Mützel in Berlin geschmückt. Es ist ein Prachtwerk, aber nicht allein, wie dies so oft der Fall ist, was die Bilder, das Papier und den Einband, sondern auch was den Inhalt anbelangt. H. Rehrling kennt einen großen Theil Nordamerikas aus eigener Anschauung und er hat die Vogelwelt seiner neuen Heimath mit richtigem Verständnis, aber auch mit inniger Hingabe geschildert. Es sind wirklich „anziehende, stimmungsvolle“ Bilder, die uns hier vorgeführt werden, und für den deutschen Leser in der Heimath hat das Werk auch den Vortheil, daß in ihm die Stubenpflege der hierzu geeigneten amerikanischen Vögel eingehend berücksichtigt ist.