Aus der Menschenheimath/Vierter Brief

Textdaten
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Autor: Emil Adolf Roßmäßler
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Titel: Aus der Menschenheimath. Vierter Brief. Die Vulkane
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 36–38
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Teil 4 der Artikelreihe Aus der Menschenheimath.
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[36]

Aus der Menschenheimath.

Briefe
Des Schulmeisters emer. Johannes Frisch an seinen ehemaligen Schüler.
Vierter Brief. Die Vulkane. (Schluß.)

Es ist eine schöne Sache um eine treffende Vergleichung, wobei man gleich das Wesen des verglichenen Dinges handgreiflich vor Augen hat. Ich kenne keine treffendere Vergleichung, als indem der große Naturforscher Alexander von Humboldt die Vulkane Sicherheitsventile der Erde nennt. Du weißt doch, was ein Sicherheitsventil ist? sonst freilich geht Dir das Treffende dieser vergleichenden Benennung verloren. Ein Sicherheitsventil [37] ist eine Klappe in der äußeren Wand der Dampfkessel unserer Dampfmaschinen, welche durch einen äußerlich angebrachten Federdruck für gewöhnlich dicht geschlossen ist. Sobald aber im Innern des Kessels durch Ueberheizung der Dampf sehr hoch gespannt ist, so daß ein Springen des Dampfkessels zu befürchten wäre, so äußert sich die ungewöhnliche Kraft des Dampfes dadurch, daß sie die Klappe des Sicherheitsventils hebt und so dem Uebermaß des Dampfes einen Ausweg öffnet, aus welchem dann der Dampf so lange sausend entweicht, bis der gefährliche Ueberschuß fort ist. Ehe Sicherheitsventile an den Dampfkesseln angebracht waren, war es viel schwerer, das richtige Maaß mit der Heizung zu halten; leicht war einmal einer überheizt und dann sprangen sie oft, was viele Menschenleben gekostet hat.

Nicht wahr, Du fühlst nun das Treffende in der Humboldt’schen Vergleichung? wenn es keine Vulkane gäbe, also das Centralfeuer im Innern unserer Erde überall dicht und ohne eine einzige Oeffnung umschlossen wäre, so würde unsere Erde vielleicht einmal zerspringen wie ein Dampfkessel. Aber die Vulkane schützen uns davor. Wenn aus Gründen, die uns ganz unbekannt sind, eine mehr als gewöhnliche innere Glut der Erde sich Luft machen will, so sind dafür eine Menge stets offene Auswege vorhanden, die Vulkane. Solcher Sicherheitsventile hat die Erde gegenwärtig noch 163, und in früheren Jahrtausenden ist die Zahl derselben noch viel bedeutender gewesen; denn ich habe Dir schon in meinem vorigen Briefe gesagt, daß es eine große Menge, wenigstens vorläufig, die meisten aber nicht für immer, erloschener Vulkane giebt.

Ehe ich Dir heute noch Einiges über die Vulkane erzähle, sage ich Dir etwas zu meinem heutigen Bild, denn nach dem wirst Du doch wahrscheinlich zuerst sehen.

Es ist eine treue Abbildung von dem Krater des Vulkans Kilauea auf der Insel Hawai, welche die höchste der Sandwichinseln im großen Ocean ist. Der Krater dieses Vulkans liegt 3630 Fuß über der Meeresfläche auf dem nordöstlichen Abhange, des mit ewigem Schnee bedeckten, 14,900 Fuß hohen Mauna-Roa, der also höher als der Mont-blanc, der höchste Berg Europa’s ist.

Die Gartenlaube (1853) b 037.jpg

Wir übersehen einen großen Theil des Abhanges, der sich von uns ab nach dem Meeresspiegel etwas senkt, jedoch nicht so sehr, daß wir das 3630 Fuß tiefer liegende Meer sehen könnten. So weit das Auge auf dem Bilde reicht, sehen wir die Bergebene zerrissen und von tiefen Schluchten durchzogen. Wahrscheinlich ist das meiste an den sichtbaren Felsmassen Basalt, Lava, Bimsstein, Schwefel und anderes Gestein, welches meist heißflüssig aus dem Erdinnern auf diese Höhe emporgequollen ist. In der Mitte des Bildes sehen wir den eigentlichen Krater. Es ist ein furchtbarer, in die Länge gezogener Schlund, welcher bis etwa 100 Fuß unter seinem Rande mit flüssiger Lava angefüllt ist. Leicht gekräuselte Säulen von gelbweißen Schwefel-Dämpfen steigen aus der Fläche des drohenden Lavameeres hervor und eine Wolkenschicht von Dampf und Rauch schwebt über diesem Orte der fürchterlichen Naturgewalt. Jetzt liegt er ruhig, und nicht weit von dem unheildrohenden Rande wachsen Farren-Kräuter und kleine Sträucher – im nächsten Augenblicke kann aus der trügerischen Ruhe der glühende Lavaspiegel aufschäumen, über den Rand steigen und in zerstörendem Flusse an den Seiten des Berges hinabschießen. Aus den Schlünden, welche nahe dem Krater sind, steigen Schwefeldämpfe, aus dem entfernteren Wasserdämpfe hervor; jene bekleiden den Boden mit den schönsten Krystallen gediegenen Schwefels, diese entlocken ihm in der Nähe des Verderbens üppigen Pflanzenwuchs. Also ist der Schlund [38] der Vulkane nicht immer ein Bild des Todes in der Zerstörung. Namentlich sind die innern Wände der Krater oft mit den prächtigsten Farben geziert, vom lebhaften Schwefelgelb bis zum brennenden Zinnoberroth finden sich in den reinsten Tönen alle Schattirungen.

Ich sagte Dir vorhin, daß man 163 noch thätige Vulkane kennt. Diese sind sehr ungleich auf der Erde vertheilt: das ungeheure Afrika hat fast gar keine; auch das eigentliche Festland Asiens ist sehr arm an Vulkanen. Dagegen sind beide mit sehr zahlreichen Vulkaninseln umgeben. Vielleicht sind beide Erdtheile einstmals als große Schollen von der ersten Erstarrungsrinde der Erde durch einen um sie herumgehenden Spalt losgerissen und durch furchtbare vulkanische Ausbrüche über das Urmeer, was einstmals die Erde umfloß, als Festländer empor gehoben worden; und vielleicht bezeichnen die um dieselben heute noch herum liegenden Inselvulkane jene Spalten in der Erstarrungsrinde der Erde.

Sieh, Freund, das klingt Dir vielleicht wie eine sehr kühne Vermuthung und scheint Dir vielleicht sogar etwas naseweis und aberwitzig; aber das Studium der Vulkane und ihrer Wirkungen hat den Naturforschern schon die wichtigsten Aufschlüsse über die Entstehung und Umbildung unserer Erde gegeben und hat uns auf Zeiten einen Blick geöffnet, die Millionen von Jahren hinter uns liegen.

Doch ich will Dich nun noch mit den Vulkanen unsers kleinen Europa etwas bekannt machen.

Der bedeutendste unter den europäischen Vulkanen, der Aetna auf der Ostküste voll Sicilien, hat wie Du weißt, eben jetzt einen viele Wochen andauernden Ausbruch gehabt. Seine Höhe beträgt 10,200 Fuß Davon kommen 9100 Fuß auf den sogenannten Erhebungskegel, und 1100 Fuß auf den Eruptionskegel. Es wird nicht schwer sein, Dir diese beiden Bemerkungen deutlich zu machen, und dann wirst Du überhaupt das Wesen und die Gestalt der Vulkane erst recht begreifen. Wenn ein Vulkan seinen allerersten Ausbruch macht, oder wenn er eben erst entsteht, so findet er doch dazu nicht schon ein Loch in der Erdrinde vorhanden, aus dem er nur seine Lava hervorzutreiben brauchte, sondern der Punkt, wo sich eben jetzt ein Vulkan bilden will, ist bis zu diesem Augenblicke mit den Felsenschichten der Erde bedeckt. Die müssen zuerst durchbrochen und empor gehoben werden. Dadurch entsteht natürlich eine Erhebung auf der früher hier vielleicht eben gewesenen Erdoberfläche. Diese besteht noch nicht aus vulkanischen, d.h. aus dem Erdinnern heraufgekommenen Massen, sondern aus den obersten Schichten der Erdrinde. Diese Erhebung nun nennt man den Erhebungskegel, weil sie oft deutlich kegelförmig ist (Du darfst dabei aber nicht an einen Kegel aus der Kegelbahn denken, sondern etwa an einen Zuckerhut, der die mathematische Gestalt, die man Kegel nennt, hat). Nur erst, nachdem zugleich mit diesem Erhebungskegel ein Kanal durch die ganze Erdrinde gemacht worden ist, strömt die vulkanische Masse auf diesem Kanale herauf und natürlich auch durch den Erhebungskegel und bildet auf diesem den sogenannten Eruptionskegel, d. h. einen Kegelberg aus vulkanischen oder Eruptionsmassen b. Ist, wie bei dem Aetna, der Erhebungskegel aber flach und eben, so steht der Eruptionskegel auf ihm als ein Berg auf dem andern, einem kleineren Kegelberg auf der abgeflachten Kuppe eines größeren. Eine solche Gestalt hat auch der Aetna. Die ausströmende Lava fließt nun natürlich zunächst an den meist ebenen Wänden des Eruptionskegels herab und sucht sich nachher in den Schluchten und Thälern an den Seiten des Erhebungskegels ihre weitere Bahn. Am Aetna liegen hier die fruchtbarsten Gefilde und eine Menge kleiner Orte, von denen der Lavastrom diesmal zum Glück keinen bedeutend berührt hat. Da sich der Aetna wie jeder Vulkan seinen Eruptionskegel selbst aufgeworfen hat, gerade wie sich der Maulwurf seinen Haufen aufwirft, so verändert jeder bedeutende Ausbruch dessen Gestalt etwas, namentlich an der Spitze; und oft bricht sich eine Eruption auch an der Seite des Eruptionskegels einen ganz neuen Ausgang. Ein berühmter Naturforscher, Spallanzani[WS 1], hat dem Aetna in seinen höllischen Schlund gesehen. Er erzählt, daß er im trichterförmigen Kraterboden des Aetna einen etwa 30 Schritt weiten Schlund sah, in welchem die glühende Lava beständig auf und niederwallte.

Nördlich von Sicilien liegen die Liparischen Inseln. Die nördlichste[WS 2] davon, Stromboli, hat einen 2770 Fuß hohen, fortwährend dampfenden und Lava ergießenden Berg gleichen Namens. Ein andrer Naturforscher, Fr. Hoffmann, wagte sich 1831 in die gefährliche Nähe seines Schlundes und beschreibt ihn ungefähr folgendermaßen. Der über 200 Fuß weite Hauptschlund des Kraters hauchte nur Dämpfe aus; in einem zehnmal kleineren Nebenschlunde aber stieg die Lava in regelmäßigem Spiel fortwährend auf und ab. Hellglänzend wie geschmolzenes Roheisen schwoll sie ruckweise unter einem puffenden Geräusch aus der Tiefe herauf, wobei stets eine dicke weiße Dampfwolke entwich, welche rothglühende Lavaklumpen ausschleuderte, worauf die Lava wieder etwas zurücksank. Zwischen dieses unbedeutende Aufwallen, gewissermaßen ein Tändeln des furchtbaren Berggeistes, fiel in größeren Zeitabständen eine heftigere Explosion, wobei die Kraterränder erzitterten, große Dampfmassen unter polterndem Getöse hervorbrachen und Tausende von glühender Lavaklumpen zum Theil über 1000 Fuß in die Höhe geschleudert wurden.

Von den übrigen, sämmtlich ebenfalls vulkanischen Liparischen Inseln hat nur Volcano, einen noch thätigen, aber Aasdampf aushauchenden Vulkan.

Der Vesuv bei Neapel ist der bekannteste der europäischen Vulkane. Du weißt, daß er 79 n. Chr. die beiden Städte Herculanum und Pompeji unter seiner Asche begrub.

Westlich von Neapel liegen die Phlegräischen Felder, wo sich auf einem Flächenraum von 3 Quadratmeilen 27 alte Krater finden, von denen allein die Solfatara noch gegenwärtig heiße Dämpfe aushaucht. Hier wurde 1538 in blos 24 Stunden der 428 Fuß hohe Monte Nuovo von der vulkanischen Gewalt des Bodens aufgethürmt!

Außer diesen wenigen noch thätigen Vulkanen besitzt Europa noch sehr viele erloschene, wenn es nicht über kurz oder lang dem einen oder dem andern wieder einmal einfällt, von neuem zu toben. Dies wäre dann zu erwarten, wenn einer der noch thätigen einmal plötzlich aufhörte. Denn man hat bemerkt, daß ein erloschener Vulkan von neuem ausbricht, wenn ein bisher thätiger seinen Schlund verschließt. Läßt das nicht mit Grund auf einen unterirdischen Zusammenhang der Vulkane schließen?

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Lazzaro Spallanzani, italienischer Priester, Philosoph und Universalwissenschaftler (1729–1799) (Quelle: Wikipedia)
  2. Vorlage: nördlichsten